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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

($7b unb..,c.,ipt de». Berlin-Schöneberger Kotonialwareiü- 
/tzeschäften je 100 Gr. — 200 Gramm Häferslocken aus 
freiem Hafer für 1,36 M. (Pfund 3,40 M.) bezogen 
'Mrden. 
op Die Vrrtrilurrz der Stadtvrrordnetcinsitzc gemäß 
ß 29«der Verordnung über die erstmaligen Wahlen zur 
-Stadtvcrcdnetenveriammlnng und zu den Bezirtsversamm- 
lirngen vom 7. Mai 1920 findet durch den KrciSwahl- 
ausfchuß für den Wahlkreis 11 in öffentlicher Sitzung 
am Mittwoch, den 30. Juni d. Js. vorniittags 10 Uhr 
im Neuen Rathaus von Berlin-Schönebcrg, Rudolph-Wilde- 
Platz, 1. Stock, Zimmer 142, statt. 
o Die Vorgänge während der Kapp-Woch: in Schöne- 
berg. Die Stadtverordnetenversammlung hatte eine ge 
mischte Deputation eingesetzt, die eine Untersuchung über 
alle mit dem Rutsch Kapp-Lüttwitz zusammenhängenden 
Vorgänge, soweit sie sich in Berlin-Schönebcrg abgespielt 
haben, führen sollte. Die Untersuchungskonimission hat 
ihre Tätigkeit zum größten Teil beendigt und dem- Ma 
gistrat Bericht über die Ergebnisse ihrer Untersuchungen 
erstattet. Soweit Beschuldigungen gegen Lehrer, und 
Schüler in städtischen Schulen erhoben worden waren, 
konnte die Deputation in eine Nachprüfung dieser Be 
schuldigungen nicht eintreten; sie hat vielmehr das gesamte 
ihr übergebene Material an die staatlichen Schulaufsichts 
behörden tveitergclcitet, die die entsprechenden Unter 
suchungen führen, worüber wir aber bisher eine Nachricht 
noch nicht erhalten haben. Im übrigen hat die Depu 
tation in drei Unterausschüssen sich in wiederholten Sitzun 
gen mit dem ihr vorgelegten Material beschäftigt. Durch 
Vernehmung zahlreicher Auskunftspcrsonen, durch Ein 
holung schriftlicher Aeußerungen anderer Behörden und 
Dienststellen und durch Ortsbesichtigungcn hat sie versucht, 
das ihr zugegangene Material zu klären. Die Deputation 
war allerdings in der Möglichkeit, endgültige Klärung zu 
schassen und einwandfreie, tatsächliche Feststellungen zu 
machen, dadurch erheblich beschränkt, daß ihr gesetzliche 
Mittel zur Feststellung des Tatbestandes, wie sie gericht 
lichen Behörden verliehen sind, nicht zur Verfügung standen. 
Namentlich konnte eine volle Aufklärung über die Vor 
gänge am alten Nathause nicht erbracht iverden. Wir 
haben aber beschlossen, die von der Staatsanwaltschaft 
gewonnenem Ermittlnngsergebnisse der Deputation durch 
Vorlegung der Akten noch zugängig zu machen. Die 
Frage, wer die sogen. Osfizicrskompagnien in die Rat 
häuser berufen hat, ist vollständig geklärt; es kann in 
dieser Hinsicht keinem Mitgliede der städtischen Verwaltung 
ein Vorwurf gemacht werden. Daß Beamte und Ange 
stelltes er Stadtgcmeiudc sich in irgend einer Weise für 
die sogenannte Kapp-Regierung eingesetzt hätten, hat die 
Deputation nicht feststellen können, Auch die gegen die 
Feuerwehr erhobenen Beschuldigungen konnten nicht voll 
ständig aufgeklärt werden, ivobci sich der für die Nach 
prüfung dieser Angelegenheit eingesetzte Unterausschuß des 
Eindrucks nicht erwehren konnte, daß ein Teil der Feuer 
wehrleute in seinen Aussagen sich eine gewisse Zurück 
haltung auferlegte. Indes sollen die hierüber ergangenen 
Akten der Staatsanwaltschaft der Deputation noch vor 
gelegt werden. 
o Als gefunden ist der Fundstelle im Nathause gemel 
det: ein Paket mit Schmucksachcn. und Wäschestücken. 
Aus M 
Rückblicke von E. Flauger. 
" (Fortsetzung.) ' ■ 
' VI. 
Die Grenzen Schönebergs waren zu Beginn des 
dreißigjährigen Krieges (1613) im Westen und Südwesten 
ungefähr dieselben, wie heute, lagen aber, da der Land 
wehrkanal — der übrigens, weil noch nicht reguliert, 
häufig die angrenzenden Felder überschwemmte — die 
Grenze bildete, viel weiter nach Osten und Südosten, als 
heute. 
Bis 1620 blieb Schöncberg von den Schrecken des 
Krieges verschont, dann waren es merkwürdiger Weise 
Engländer, die Quartiere im Dorfe bezogen. ES war 
eine-Schar von 2—3000 Söldnern, fast nur Zuchthäus 
ler und Landstreicher, die Jacob I. feinem Schwiegersohn, 
dem Kurfürsten Friedrich von der Pfalz (dem sogen. 
Winterköuiz) zur Hilfe nach Böhmen — wo sich letzterer 
aufhielt — schickte. Eine zuchtlose Bande, die die Mark 
Brandenburg nicht als Feindesland betrachtete, weil Georg 
r Ausgabe gewidmet — der Ausgabe, meinen 
Bruder vui) mich aus dem Herzen und, wenn es sein 
kann, auch aus den. Hanfe meines Vaters zu vertreiben.", 
„O, das sollte'.'. Sie nicht sagen, Fräulein von Rominger! 
Es ist doch ganz 'unmöglich, daß jemals etwas derartiges 
geschähe." 
„Unmöglich? — Ich weis; nicht. — Mein Vater hat 
eine Lebensanschanung., die nicht ganz frei von Vorurteilen 
und Einseitigkeiten ist. Und meine Stiefschwester weis; 
diese Vorurteile sehr geschickt gegen uns auszunützen. Für 
meine eigene Person habe ich davon ja vielleicht nicht 
allzuviel zu fürchten; denn ein armes, hilfloses Geschöpf 
wie mich wird man ja wohl nicht so ohne weiteres auf 
die Straße setzen. Aber ich zittere für meinen Bruder. 
Wenn es Mabel gelingt, meinem Vater die Ueberzeugung 
beizubringen, daß Eberhard ihm Unehre macht, so äst bei 
der Charakterveranlagung der beiden Männer das 
Schlimmste zu fürchten." 
Wenn nicht Herta Leuendorff gerade in diesem Augen 
blick ihren blonden Kopf so tief in den Schatten zurück 
gebogen hätte, so würde Magdalene unfehlbar das heiße 
Rot wahrgenommen haben, das sich unter der durch, 
sichtigen Haut ihres Antlitzes verbreitet hatte, seitdem der 
Person des jungen Freiherrn Erwähnung geschehen war. 
Sie sah es nicht, aber sie vernahm doch vielleicht den 
merklichen Klang von Erregung, der in der Stimme der 
Gesellschafterin zitterte, da sie sagte: 
7,Aber das wird Frau Hermann niemals gelingen.' 
Und sie wird niemals den Mut haben, eine so unsinnige. 
Verdächtigung auszusprcchen." 
»Ich sagte Ihnen schon, mein liebes Fräulein, 'daß 
wein Vater viele Dings anders ansieht, als Sie und- ich 
sie ansehen würden. In seinen Augen kann unter Um- 
- ständen zum Verbrechen werden, was uns als sehr natürlich 
oder doch als sehr verzeihlich erscheinen würde. Die besten 
Jahre seines Lebens sind Jahre harter, entsagungsvoller 
Arbeit gewesen, und er hat sich erst Ruhe gegönnt, als er 
zu alt geworden war, um sich dieser Ruhe in heiterem 
Lebensgenüsse zu erfreuen. Das muß ihn notwendig un 
gerecht machen gegen eine Jugend, die andres geartet ist 
als er. Nach seiner Ueberzeugung ist harte Arbeit das. 
einzige Mittel, einen jungen. Mann zur Tüchtigkeit zu e>- 
... . ...... ^ 
Wilhelm von Äränbenburg als Gemahl de.k Schwester des 
Winterköuigs mit diesem in engern Beziehungen stand. 
Auf Johann Georg (1571—98) waren ge- 
folgt: Joachim Friedrich (1598—1608), Johann Sigis- 
mund (1608—1619) und endlich Georg Wilhelm (1619— 
16401. Im geheimen Staatsarchiv sind die Berichte er 
halten, die der kurfürstliche Kanzler Pruckmann seinem 
damals ln Preußen weilenden Herrn sandte. Er schreibt, 
die Engländer wären am' 30. Juni von Spandow aus- 
l rochen, um sich dann in der Umgegend von Berlin, näm 
lich in Britz, Tempelhof und Schönebcrg einzuquartie 
ren. In den Schwesterstädten Berlin und Kölln herrschte 
fcic furchtbarste Aufregung. ./Die->Bürger hätten,- wie 
Pruckmann berichtete, eine Wache gewählt; sie bestand 
Wohlfahrtscinrichtungen der Gemeinde 
Berlin-Friedenau. 
Feuerwache: Rathaus, Lautcrstr. 19. Hinweise auf den nächsten 
Feuermelder befinden sich an den Anschlagsäulen. 
Groß-Bcrliner Rcttungs« und Krankentransportwesen: Rettungs 
wache 44, Jfoldeftraße 2. Tag und Nacht geöffnet. Fern 
en; Norden Nettungsamt. 
x ürsorqcstclle für Tuberkulose und Alkoholkranke: Kaiserallee 
Nr. 64-65, Sprechzeit Dienstag und Mittwoch 12—1 Uhr. 
Beratungsstellen für Geschlechtskranke: Schöneberg, Bclzlger 
Straße 13. Sprechzeit für Männer Donnerstag 7—8 Uhr 
abends; Sprechzeit für Frauen Dienstag 7—8 Uhr abends. 
Eharlottcnburg, Kirchstraßc 20. Sprechzeit täglich von 12 
bis 1 Uhr, außerdem Montag und Donnerstag von 8—9 
Uhr abends. Berlin, Am Köllnischen Park 3 in der Landes 
versicherungsanstalt. Sprechzeit für Männer Dienstag, 
Donnerstag, Sonnabend 7—9 Uhr abends; Sprechzeit für 
Frauen Mittwoch 7—9 Uhr abends. 
Säuglings- und Kleinkinderfürsorge und ^Mutterschutz: Rathaus, 
Lauterstraße 20, Erdgeschoß. Sprechzeit Donnerstag 9»/, 
bis II1/2 Uhr. 
Kindergarten: Für noch nicht schulpflichtige Kinder 2. Gemeinde- 
sckule, Rheingaustraße 7, Geöffnet wochentags von .8 bis 
1 Uhr. 
Kinderhort: Für schulpflichtige Kinder 2. Gemeindcschule, Rhein- 
ganstraße 7. -Geöffnet wochentags von 2—6 Uhr nachm. 
Berufsberatung und Lchrstcllcnvcrmittlung: Rathaus, 2, Stock, 
Zimmer 68. 
Arbeitsnachweis und Erwerbsloscnfürsorge: Niedstraße 40-41. 
Männliche Abteilung Sprechzeit 9—1 Uhr; weibliche Ab 
teilung Sprechzeit 9—1 Uhr und, außer Sonnabends, 4 bis 
7 Uhr. 
Amtliche FürsorgesteNe für Kriegsbeschädigte und KriegShintcr» 
blirbcne in der Bürobaracke am Paybachplatz, Eingang 
Lauterstraße. 
Krlegsgcfangcncnheimkehr: Rathaus, 1. Stock, Zimmer 36—37. 
Flüchtlingssürsorgcstclle: Rathaus, 1. Stock, Zimmer 36—37. 
Volksküche: Goßlerstraße 15. Speiscnausgabe von !liy» bis 
4i/ 2 Uhr täglich. 
Rechtsauskunftsstelle: Rathaus, 2. Stock, Zimmer 45. Diens 
tag und Freitag von 6—8 Uhr. 
Volksbücherei, Albestr. 31: VücheraicSgabe täglich von 5—3/48 
Uhr nachmittags, außerdem Freitags von 11—1 Uhr 
mittags. 
13 
VKVCvVv 
in Kölln aus ihrer Zweien als Anführer, welche ihr Leb 
tag noch keinen toten Mensch,en im Felde gesehen hatten. 
Da lvar ein Troinmclschlagen und Schießen, ein Platzen 
und Schreien in beiden Städten die ganze Nacht hindurch, 
daß ihrer wohl sehr wenige werden geschlafen Habens 
denn cs war alles total betrunken, was da war." Die 
tapferen Engländer in Schöneberg fragten sich. Poller. 
Angst; was denn das furchtbare Schießen und Trommeln 
hinter den Stadtmauern 'bedeute. Sie hielten cs deckn- 
I>alb für geraten, in der Richtung auf den Spreewald ab 
zumarschieren. Viele wurden von Seuchen dahingerafft, 
andere von den Bauern totgeschlagen, so daß nur wenige 
wirklich bis nach Böhmen gelangten. 
Vier Jahre nach diesem englischen Besuche finden 
wir folgende kurze Notiz im Mittclniürkischen Schloß- 
Eatastruin de 1624: Schönebcrg hat 1 Hufen (344 Rth. 
3 Sgr.), 12 Hufcner (12 Rth. 3 Sgrch. 7 Kossäten (5 Rth. 
15 Sgr.), 1' Pachtschäffcr (1 Rth. 12 Sgr.), 1 Hirten 
12 Sgro). Die Schäfferknechte (2 Rth. 16 Sgr.). 3 Rth. 
6 Gr. gehen ab wegen eines Höffes von 3 Hucffen, so 
Barthold Schlezcrn ft'ciwilliget, bleibt zu verschossen 
^Stenern zu zahlen) 53 Thl. 3 Gr. 
Lange dürfte diese Abgabe wohl nicht bezahlt worden 
sein. Bald begannen die Durchzüge der gegnerischen 
Hceresmassen, ob cs Freund oder Feind war, ganz 'gleich, 
alles wurde ausgeplündert. Zwei Urkunden der Teltowcr 
ziehen. Er wünscht darum auch meinen Bruder'durch - 
diese Schule gehen zu lassen. Und er bedenkt nicht, daß 
er seinen eigenen Absichten entgegengearbeitet hat, als er 
Eberhard eine Erziehung gewährte, die ihn zu ' allem 
anderen eher vorbereiten mußte als zu einem scharten 
amerikanischen Geschäftsmann in meines Vaters Sinne." 
„Kann Herr von Nominger wirklich die Absicht haben, 
etwas Derartiges aus Ihrem Herrn Bruder zu machen?" 
fragte Herta fast erschrocken. „Aber er müßte, ja blind 
sein, um nicht bei dem bloßen Anblick seines Sohnts die 
Unmöglichkeit eines solchen Vorhabens zu erkennen. Ein 
Mann mit so glänzenden Gaben und Eigenschaften wie 
Ihr Bruder in einer Neuyorker Offize! —Es ist einfach 
undenkbar. Und ich glaube, jeder andere an Ihres Vaters 
Stelle würde glücklich sein, einen so gearteten Sohn das 
Leben und die Jugend auf seine eigene Weise genießen 
zu lassen." , - ’ 
Magdalene seufzte sorgenvoll. 
„Ich fürchte, daß mein Bruder entschlossen ist, auch 
ohne besondere väterliche Erlaubnis das Leben auß seine 
eigene Art zu genießen. Und ich sehe daraus die 
schlimmsten Mihhelligkeiten entstehen, solange jemand da 
ist, der ein starkes persönliches Interesse daran hat, Nieinen 
Vater in seinen unduldsamen Vorurteilen zu bestärken:" 
Die Gesellschafterin hatte, wie -es schien, einet rasche 
Antwort auf den Lippen. Aber sie mußte sich doch Noch 
im letzten Augenblick eines andern besonnen haben, ddnn ' 
sie ließ sie unausgesprochen. Und plötzlich, nach (einem 
sekundenlangen. Schweigen, sprang sie hastig ausl ihrer 
knieenden Stellung empor, um sich in fluchtartiger Eile 
üermit einerspanischen Wand umstellten Tür zuzuwenden, 
die aus dem Salon der Haustochter in ihr Schlafgemach 
führte. ' * . 
Auch Magdalene hatte den Klang dcrfrischen jugendlichen 
Männerstimme vernommen, durch den die Gesellschafterin 
offenbar von ihrer Seite vertrieben wurde. 
„Aber so bleiben Sie doch, liebes Fräulein," ' sägte 
sie mit einiger Verwunderung. „Es ist ja nur mein Bruder, 
der da kommt." Doch die Aufforderung fand kein Gehör.' 
In demselben Augenblick, wo dis hochgewachsene, elastische 
Gestalt des jungen Freiherrn von Roiningcr in der gegen 
überliegenden Türöffnung auftauchte, war die Gesell- 
' Kreis-» uM Wadtakten Mken uns in treuherziger Sprache, 
.ein erschütterndes Bild auS dieser Zeit vor Augen. Be 
sonders über die Kaiserlichen Truppen und Parteien wird 
geklagt: Sie plündern pro lubito, zehreir alles ans, ver 
jagen und quälen die elenden Unterthanen, und brennen: 
die tvenigcn Hütten in den Dörfern nieder. Was dre 
flüchtigen Leute vergraben und verborgen'haben, suchen 
sie listigerwcise hcrsür, verderben dasselbe, so cs nnat 
fortzubringen ist, dreschen das Korn ans und treten cs 
in den Mist. Sic vergreifen sich an Kindern, Jungfrawcn 
und crbarn Hausfrawen in schröckftchcr Weis."' Man muß 
bedenken, -daß von den Söldnerscharen sehr viele dep-r- 
tierten, obgleich' Todesstrafe dem angedroht war, der 
seinen Kontrakt nicht innehielt. Dieses im Lande herum 
streichende Gesindel war noch eine säst schlimmere Land 
plage, als die hin- und herziehenden Söldnerhaufcn. 
' Die Art der damaligen Kriegführung erklärt die lange 
Dauer. Der Landesherr nahm durch seine Feld- »no 
Unterhauptlcnte alles sich meldende Kriegsvolk unter sinne 
Fahnen. Da die Fcldhauptleute für jedes „Fähnlein 
(rund 1000 Mann) für eine bestiininte Zeit ein Pauschale! 
bekam, so hatte der Feldhauptmann gar wenig Interesse 
an einer offenen Feldschlacht, bei der er nur Leute und 
Kriegsmaterial verlieren, aber doch verhältnismäßig wenig 
gewinnen' konnte; denn der kriegerische Ehrgeiz beseelte 
nur wenige, zumeist noch die fürstlichen Führer, d:e vhne 
Landbesitz waren, weil der Feind sie vertrieben hatte. 
Nicht genügend geschützte Städte zu überfallen und 
auszuplündern, zu brandschatzen und möglichst bis zu 
deren vollkommenen Erschöpfung besetzt zu Halten, war 
das Hauptziel aller Kriegsunternehmungen. Trafen sich 
feindliche Heerhaufen im offenen Felde, so griff der 
stärkere wohl an, waren sie sich aber gewachsen, dann 
wichen sie einander aus, oder zogen auch wohl eine zeit 
lang hintereinander her, natürlich nur so lauge, wie cs 
noch etwas zu „requirieren" gab. Dadurch erklärt sich 
auch die lange Dauer des Krieges, der verhältnismäßig 
wenig große Fcldschlachten auszuweisen hatte. 
Die lange Dauer eines barbarischen Krieges hatte 
Deutschland, "auch die Mark, zur wüstctt Einöde gemacht. 
Ganze Städte und Dörfer waren nur noch rauchgeschwärzte 
Ruinen, zwischen denen Unkraut wucherte. Wölfe schlichen 
umher. Der Viehstand war gänzlich vernichtet und die 
noch vorhandenen Orte hatten den größten Teil ihrer 
Bewohner verloren. 
Unter solchen Umständen war Georg Wilhelm feric 
von der Mark ■— die unter seiner Regierung, zur Einöde 
geworden —, in Preußen gestorben. Friedrich Wilhelm, 
der Große Kurfürst, folgte ihm. auf dem Thron. Es 
war eine schlimme Erbschist, die er antrat. 
Auch in Schöneberg sah cs schlimn: genug aus. 1652. 
also vier Jahre nach dem Osnabrücker Friedensschluß 
teilt der Landreiter dem Kurfürsten in einem noch er- 
chaltenen Bericht über Schönebcrg folgendes mit: 6 Bauern 
sind noch ansässig, nur zwei derselben sind allhier bärtig, 
der Schulze Andcras Kratze und George Hewalt. Vier 
sind von außerhalb nach Schönebcrg gezogen, um die iu 
den Kriegszeitcn wüst gewordenen Hvfstellen einzunehmen-. 
Merkwürdigerweise wird nur von einem Bauern berichtet, 
daß er einen Sohn, und zlvar im Alter von 13 Jahren, 
habe. Von den sieben Kossäten sind gleichfalls nur zwei 
einheimisch. 
Schon in den folgenden Jahren wurde die Besetzung 
der wüsten Bauern- und Kossätenhöfe ermöglicht. Freilich 
mußten den neuen Besitzern auf zehn, oder sogar zwanzig 
' Iahte 'Befreiungen von Diensten und Leistungen (prac- 
stationibus) zugesichert iverden. 
" Wir hören nichts davon, daß die Nenanziehcndcu 
irgendwelche Kanffnmine zu entrichten gehabt hätten. Hof 
und Hofwehr, d. i. die Ausstattung des Hofes, wurde 
Ahnen gegen die Verpflichtung zu Abgaben und Diensten 
unentgeltlich eingeräumt und,'wie cs sich in der Folge 
zeit 'einbürgerte, nach ihrem Tode einem ihrer Kinder 
unentgeltlich überlassen. Im Gegensatz zu den oben er 
wähnten Bestimmungen der Amtsordnung von 1617 
durften die Besitzer von nun an den Hof nicht willkürlich, 
sondern nur nach Stellung eines tauglichen Gewährs 
mannes verlassen und auch über den Hof und die Hoswchr 
von '-Todeswegen'nicht disponieren. Mit einem Worte, 
die Schönebergcr Güter sind Laßgüter, ihre Besitzer 
Lassitcn geworden, die in gewisser . Beziehung an die 
Schalle gebunden sind. „Lassiten sind solche bäuerlichen 
Wirthe, denen ein Grundstück zur Kultur und Benutzung, 
schasterin hinter der-spanischen Wand verschwunden, und 
es war ein unter diesen Umständen sehr begreiflicher 
Irrtum, wenn der junge Mann übermütig ausrief: 
„Gott sei Dank, daß ich dich endlich einmal allein treffe, 
Schwesterchen! — Man findet ja nachgerade kaum noch 
eine Möglichkeit, dich anders zu sprechen als in Gegen 
wart dieser sauertöpfischen Person, dieses wandelnden Blei 
stifts, d!e mir niit ihrer Geisterblässe immer vorkommt 
wie das Gespenst eines jungen Mädchens!" 
Er hatte es lachend und beinahe überlaut gesprochen, 
ohne das verzweifelte Sebärdenfpiel seiner Schwester zu 
verstehen. Erst als sie mir einer heftigen Kopjbewegung 
gegen die spanische Wand hindeutete,« - sing eran zu be 
greifen. Er' tat ein paar rasche Schritte nach jener Richtung 
und kam eben noch zurecht, um zu sehen'» wie sich die 
zweite Tür des Schlafzimmers hinter einem schlanken weib 
lichen Weseck schloß, das nach Lage ddr Dingo-niemand 
anders sein konnte als die junge Dame, von der er eben 
in so ungalanten Bildern und Vergleichen gesprochen. 
3. Kapitel. 
^ Man konnte.sich kaum ein drolligeres Erschrecken und 
- eine-knabenhaftere Zerknirschung vorstellen, als sie sich bei 
seiner fatalen Entdeckung auf Eberhard von Romingers 
-hübschem' frischen Gesicht ausprägten. -Während er mit 
gesenktem" Kopfe an das Ruhebett seiner Schwester zurück 
kehrte; sagte er mit einer jetzt üb'erWssigerwelse bis znm 
leisesten Flüstern gedämpften Stimme: 
■. »ES'M ooch etwas «schreckliches um diese Gouvernanten 
Und Gesellschafterinnen, die immer gerade da sein müssen, 
Ido man' sie am wenigsten erwartet.und gewünscht hat. 
Sw ( bringen dinen in lausend Verlegenheiten, und man 
darf-zuletzt nicht einmal mehr im engsten Familienkreise 
- wagen, den Mund aufzutun." 
„Wenn es so ist, haben die armen Geschöpfe selbst jeden 
falls am härtesten darunter zu leiden," sagte Magdalene 
sanft." „Und niemand -hätte mehr Anspruch auf eine rück- 
'sichtsvolle Behandlung als Fräulein Leuendorff. Ich habe 
nie einen liebenswürdigeren Menschen um mich gehabt 
als sie. Und ich kann mir in der Tat kaum noch vor-- 
stellen, was ich ohne sie anfangen sollte." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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