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Periodical volume Nr. 140, 24.06.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

ünforderungsschreiüen überhaupt nicht zugeht. . ^Inb' zwei 
tens wird, wo diese Voraussetzungen nicht zutreffen, also, 
wenn z. B. noch anderes Einkommen als Arbeitslohn 
vorhanden ist, die gekürzte Steuer sogleich aus die einzelnen 
nach dem Steneransorderungsschrciben zu entrichtckiiden 
Beträge angerechnet. An weitere einengende Voraus 
setzungen ist die Zulässigkeit der Anrechnung nicht geknüpft. 
Eine bare. Hexauszahlung findet grundsätzlich auch erst 
bei der endgültigen Veranlagung für 1920, statt. Vorher 
also im Laufe.dieses Jahres, wird nur danncherausgczahlt, 
Kenn die vom Arbeitgeber endgültig zu entrichtende Ein 
kommensteuer voraussichtlich weniger ctls 10 v. H. des 
mutmaßlich im Jahre 1920 .zu erzielenden Arbeitsein 
kommens des Arbeitnehmers beträgt.. Besteht das Ein 
kommen z. B. nur aus 4800 Mark Arbeitslohn und ist 
der Steuerpflichtige verheiratet und hat vier minderjährige 
Kinder, so ist bei der endgültigen Veranlagung überhaupt 
keine Einkommensteuer zu zahlen; in diesem Falle werden 
die jeweils monatlich gekürzten 40 Mark sofort zurück 
gezahlt. 
o Die Goldnu- Hochzeit feiert am 26. Juni der alte, 
Kriegsveter.an von 1870— 71, -Herr Joseph Wcikamp, 
Rhein'straße 50, mit seiner. Sattin. Da'das Ehepaar sich 
in wenig günstigen Verhältnissen befindet, so dürsten 
vielleicht edle Menschenfreunde sich bewogen fühlen, dem 
alten Jubelpaare den goldenen Hochzeitstag etwas heller 
und freundlicher zu gestalten. 
o Der Friedc.naner Mietrrchurd veranstaltete gestern 
Abend im Festsaale des Reformrealgymngsiums eine öffent 
liche Versammlung, die stark besucht war. Zunächst sprach 
Herr Leo Schwarz über,: „Die Kohlenfrage im kommen- 
den Winter". Er erläuterte die Kohlenförderung und die 
Verpflichtungen, die Deutschland gegenüber dem Feindbund 
in der Kohlenablieferung auferlegt sind. Nach diesen Be 
dingungen müssen wir Einheitliche Kohlcnpreise führen, 
weil sonst der Feindbund für sich den niedrigen Preis 
beanspruchen könnte. Darnach sei es nicht möglich, einen 
geringeren Preis für. Hausbrand festzusetzen. Auch die 
Form der Zuschußwirtschaft, wie sie bei der Lcbcnsmittel- 
wirkschaft. eingeführt wurde, verwarf er und kam daun 
zu dem Vorschlage, auf den Kohlcnpreis allgemein 1,50 
Mark äufzuschlagen und aus dem daraus erzielten Gewinn, 
den er auf 2400 Millionen Mark berechnete, Rückver 
gütungen an die notleidenden Haushalte für den Haus 
brand zu gewähren. Die Rückvcrgütungsansprüche müssen 
durch eine Schieds'stclle festgestellt werden. In einer Ent 
schließung, die der Redner zur Verlesung brachte, wird 
seinem Vorschlage Ausdruck gegeben und darauf hinge 
wiesen, daß bisher der Kohlennot und der Kohlenver- 
teucrnng von Reichswegen ikicht gesteuert worden ist. Herr 
Croifson wünschte, daß zur Kohlencrsparnis di,e Auf 
stellung von Oefen, um wenigstens 1 Zimmer heizen zu 
können, ermöglicht werde. Herr Schwarz hielt-dem 
entgegen, daß die Heizung nur eines Zimmers durch die 
Zentralheizung nicht möglich sei, cs müßte denn , die 
ganze Anlage umgeändert werden. Für Oefen fehle .cS 
zumeist an den Rauchrohren. In Hamburg-habe man die 
Ofenrohre aus den Fenstern geleitet. Wie die Häuser da 
aussehen, könne man sich, denken. Mit Hilfsheizung sei 
nichts zu machen, ebenso wenig mit Ersatzbrennstoffen, 
wie den von anderer Seite vorg-es.chlage.nLy..TprfbrtkettS.- 
Die von ihm vorgebrachte Entschließung wurde gegen 3 
bis 4 Stimmen angenommen. Exzellenz W ollmann 
hielt darnach einen Vortrag über „Die Notwendigkeit der 
Micterausschüsse". Er hielt die Mieterausschüsse für not 
wendig, um eine Verständigung zwischen Mieterschaft und 
Hausbesitzer- herbeizuführen, und. um durch ein gutes Ver 
hältnis die beiderseitigen Rechte zn wahren. Die Micter 
ausschüsse aber können auch eine Kampforganisation sein 
gegen luia«ständige Vermieter. Er führte, unter voller Be 
rücksichtigung der erhöhten Abgaben der Hausbesitzer an, 
in wke HelenFällen der Mietcrausschuß. seine Tätigkeit! 
ausüben'könne. Er erwähnte u. a. die Kotsbeschasfüng, 
die Minderuügsalisprüchc, die Reparatürkostenabzüge. 
Warmwasserversorgung usw. Nach ihm sprach He^r Götze 
über: „Neue Mkotserhöhungen durch Zuschlagseinsührun- 
gen". Neue Gefahren drohen den Mietern durch weitere 
Erhöhung der Höchstmicle. Das Sachverstäudigcnkolle- 
gium soll im Juli zusammentreten, um hierüber zu be 
raten. Die .Hausbesitzer weisen auf ihre Notlage, hin 
und behaupten, daß sie.zu Gründe gehen müßten. Aber 
es vft .schließlich immer-, noch nicht so schlimm, wenn- 
1000 Hausbesitzer zum Teufel gehen, als wenn 10 000 
Mieter zu Grunde gehen. Er erwähnte die Bestrebungen 
der Hauswirte, die Grundmiete allgemein zu erhöhen, 
und wandte sich dabei gegen die Sachverständigen-Gnt^ 
achten des Herrn Baurat Altmann. Als er in einem 
Falle Herrn Baurat Altmann fragte, aus welcher statisti 
schen Grundlage er sein Gutachten aufbaue, müßte ihm 
. dieser antworten, daß er eine solche Grundlage nichts 
habe; aber daß er wisse, wie 1914 für die Hausbesitzer 
rin Niedergang 'vorhanden war. Normale Verhältnisse 
wären 1912 gewesen.' Er mpfite den Herrn Baurat darauf 
. aufmerksam machen, daß sein Gutachtendem Gesetz zuwider- 
lanse. Er empfehle, in allen Fällen diese Gutachten ab 
zulehnen. Weiter betonte der Redner die Verpflichtung 
der Hauswirte zur Ausführung bestimmter Reparaturen 
«auf Grund 8 536 BGB. Man solle kleine Reparaturen, 
an Wasserhähnen. Oefen, Fenstern, Badewannen, Klosetts', 
Jalousien usw. ohne weiteres vom Vermieter verlanget 
Er verlas eine Entschließung, in der gesagt wird, daß„ 
die Mieterversammlung eine Erhöhung der Miete um. 40 
oder gar um 70 v. H., wie einige Wirte es' fordern, mit 
Entrüstung ablehne. Es könne nur eine Erhöhung um 
wenige Prozent in Betracht kommen. In feinen weiteren 
Ausführungen betonte auch er die Notwendigkeit der Bil 
dung von Mieterausschüssen in allen Häusern, schon um 
die Revaraturkosten nachzuprüfen.und .festzustellen, in 
wie weit ein Verschulden des Vermieters für größere Re 
paraturen vorhanden sei. Mit der Aufforderung, dem 
Mieterbund, der jetzt über 2000 Mitglieder habe, aber 
noch weiter steigen müsse, beizutreten, schloß er 
seinen Vartrag, der starken Beifall fand.. In der 
Sind Sie unzufrieden 
mir der Zustellung unseres Blattes durch unseren 
Zeitiyigsboten und müssen Sie dauernd über 
unpünktliche Lieferung klagen, so empfehlen wir 
Ihnen, den „Friedenarxer Lokal-Anzeiger" beim 
Ppstrmt za hestellen. Der Postbote bringt Ihnen 
unser Blatt täglich und zwar noch, am 
gleichen Abend. 
Aussprache stellte cs Herr Meier zunächst als eine 
Gemeinheit hin, daß die.Plakate des' Meterbundes ver 
schiedentlich abgerissen und beschädigt wurden. Auch er 
wünschte Micterausschüsse und forderte zum Beitritt in 
den Mietcrbund auf. Herr Vollbr echt erläuterte voni 
Standpunkt des mehrfachen Hausbesitzers die Lasten des 
Vermieters. Herr Beer beschäftigte sich mit FranCäcilia 
Wirth, die über die schwere Nor der Hausbesitzer klage, 
sich dabei aber mit Hausverkäuscn beschäftige. Er be 
tonte die unpolitische^ Haltung des Mieterbnndcs und 
warb gleichfalls für ihn! Herr Kexitzki erklärte, wie 
er als Mieter bei Frau Evhn, auf Grund eines Gut 
achtens des Herrn'Altmann, zu einer um 11 w.. H.. höheren 
Miete verurteilt wurde. In seinem Schlußwort ant 
wortete Herr Götze hauptsächlich'auf die Ausführungen 
des' Herrn Voll'-recht. Zu den Mitteilungen des Herrn 
Keritzti erklärte er, daß gegen den betr. Vorsitzenden des 
Mietsci.kigungsamtcs schon vorgegangen worden sei. Der 
Herr s>i schon vorsichtiger geworden/ Die Mieterbeisitzer 
haben erklärt, daß sie ihre Aemter zur Verfügung stellen, 
wenn'richt die Bestimmungen der Höchstmietenyerordnung 
gewahrn werden. 
o SäuiZUvV-ctLstriÄ im Kreise Teltow. Der 2. Sänger 
wettstreit um den vom Kreisa-usschuß im Jahre 1914 ge 
stifteten Wanderpreis., den der. M.-G--B. Frohe Sänger- 
Lankwitz am 28. Juni 1914 in Lichtenrade errang, findet 
Sonntag, den 29. August d. Js., von vormittags 10 Ahr 
bis nachmittags 3 Uhr, in. dem 3000 Personen fassenden 
Riesensaale des Spreegarten-Rcstaurants zu Treptow statt. 
Die teilnehmenden Vereine werden in 4 Gruppen einge 
teilt, nach der Einwohnerzahl ihres Heimatortes. Die 
1. Gruppe umfaßt die Dörfer, mit höchstens 1000 Ein 
wohnern, die 2. Gruppe Dörfer mit 1000 bis 10 000 Ein 
wohnern, die 3. Gruppe mit 10 000—30 000 Einwohnern, 
die 4. Gruppe Dörfer, mit mehr als 30 000 Einwohnern. 
Jede Gruppe kämpft unter sich um ihre eigenen Preise. 
Damit ist auch Vereinen aus kleinen Orten, die Möglich 
keit geboten, einen Ehrenpreis davonzutragen. Der beste 
von allen teilnehmenden Chören erhält den Wanderpreis, 
der nach dreimaligem Siege Eigentum des. Vereins bleibt. 
Die sonstigen Bedingungen sind dieselben wie bejm l.Wett- 
. streit: Jeder Verein singt 1. einen selbstgewäHltcn, .mög 
lichst ernsten Chor, 2. ein frisches, von O- Suchsdors kom- 
ppniertes Lied, das jedem Verein am 15:) Juli d. Js. 
kostestfrei zugeht. Anmeldungen werden/bis zuni 8. Juli 
an den Leiter deö Wettstreits, Chormeister O- Suchsdorf, 
Berlin-Halensee, Karlsruher Straße 27, erbieten; diese 
müssen enthalten: a) genaue Adresse des' Vereins, des' 
Vorsitzenden und des Dirigenten; b) die Zahl der singenden 
Mitglieder des Vereins; c) das selbstgewählte Lied mit 
Ueberschrift. und Komponisten (Soli mit Chyrbeglcitnng 
sind ausgeschlossen); d) die Versicherung des Vorstandes, 
daß die auftretenden Sänger wirkliche Mitglieder des 
Chors sind. — Das Mitsingen von Nichtmitgliedern schließt 
jeden Preisbewerb ans. Es werden nur Dorfvcreine. zuge 
lassen; Siadtvereine sind ausgeschlossen. Das Preisrichter- 
kollegium und die Ehrenpreise werden später bekanntge 
geben. 
o Die EinssthrMg das' Taylorshstems ist die Gärtnerei 
wird die Deutsch« Garstenbau-Gesellschast auf i'hrcr 1082. 
Monatsv'ersammlstng am Sonnabend, den 26. Juni,-abends 
7 Uhr in der Landwirtschaftlichen Hochschule, Berlin, Jn- 
validenstraße 42, beschäftigen. Der geschäftssührende Prä 
sident der Gesellschaft, Herr- Oekonomierat S. Braun 
wird in feinem Vortrage darlegen, daß jeder Betrieb so 
einzurichten ist, daß man mit dem geringsten Kraftauf 
wand auf dem kürzesten Wege und in der kürzesten Zeit 
Höchstleistungen an Güte und Zahl erzielen kann. Solche 
Höchstleistungen sind in rein technischen Betrieben, im Ge 
werbe, in der Gärtnerei und Landwirtschaft, ganz beson 
ders auch im Haushalt unter den herrschenden Zuständen 
doppelt nötig. Gäste, insbesondere Frauen und Jugend, 
sind herzlich eingeladen. 
o Friedänstwer Erfinder. (Patentschau, zusammengc- 
stellt vom Patentbüro Johannes' Koch, Berlin NO. 18, 
Gr. Frankfurter Str. 59). Dipl.-Jng. A. Barren, Bü>- 
singstr. 19. Vorrichtung zur mechanischen Darstellung der 
Funktion y —C. X. Angem. Patent. — E. C. Loesche, Süd 
westkorso 11a und E. W. Stoll, Berlin-Steglitz, Peschte- 
straße 15. Selbsttätige Beschickungsvorrichtung f. Schacht 
öfen zum Brennen von Zement, Kalk, Dolomit und dgl. 
oder zum Agglomerieren von Erzen. Angem? Patent. — 
Richard Schwarzkopf, Taunusstraße 19. Verfahren zum 
' Abschließen von zcllstoffhaltig'en Rohstoffen. Ängcm. Pat. 
- — Ernst Wieland, Odenwaldstr. 8. Tür- und Sitzanordj- 
nung für Lieferwagen. Angem. Patent. — Orla Hecht, 
Wielandstraße 27. Handstielbesen- oder -bürste mit zn 
beiden Seiten anzuordnendem Handgrisf. GebravchZm. — 
Krciselbau, G. in. b. H., Berlin-Fr'iedenau. Vorrichtung 
zum Halten und sicheren Verbinden von Konstruktion.)-, 
teilen. Gebrauchsmuster. 
o Sportarltikel im Werte von 40 000 M. gestohln«. Im 
ZSporthans Jordan, Schöneberg, Haupistr. 97. ist in 
der Nacht vom 22. zum 23. d. Mts', ein Einbruchsdiebstahl 
verübt worden, bei dem Sportartikel im Werte von 40 000 
'.Mark gestohlen, wurden. Entwendet würden 100—120. 
Paar Fußbatlstiefcl aus Rind- und Kromleder, 40—50 
Fußballhüllen und Gummiblasen, ausfallend durck, den 
Firmenstempel, Tennisfchuhe mit weißer Gummi-Sohle 
mir Stempel Harburg-Wien, ferner Turnschuhe, TenniS- 
schuhe, Wanderstützen u. a. mehr. Für die Wiedererlan 
gung setzt die bestohlene Firma eine Belohnung aus', Vor 
Ankauf wird gewarnt. 
o Als Leich; geborgen wurde am Montag die Pflege 
tochter des Schlächtermeisters Bruno Frommberg in 
Schöneberg, j>ie am Sonntag bei einer Bootsfahrt bei 
Gatow verunglückt ist. 1 
.q Drukkschlerberichtiguni,. In dem Artikel über unsere 
Schmuckplätze in Nr. 137 unseres Blattes vomj31. ds. MtS. be 
finden sich einige Druckfehler, .die wir hier richtig stellen möchten. 
Es muß dort heißen anstatt: Alle Kritiker — „All-Kritiker": 
für Maiglöckchen lat.: Convallaria majalis; für Himmelschlüssel 
lat.: Primüla; für Jungfernwcin lat.: AmpelopsiS; anstatt: ist 
aus freiem Empfinden heraus — feinem Empfinden; statt: 
da außerhalb der G r u n d fläche ein Weg — <g r ü n fläche; 
43. Kapitel. 
Die Zeitungen vom nächsten Tage brachten die sensa 
tionelle Mitteilung, daß der geheimnisvolle Mord in der 
Nankestraße nun endlich durch das rückhaltlose Geständnis 
des bereits an den Folgen eines-Blutsturzes verschiedenen 
Mörders feine Aufklärung gesundest habe. Ohne Zusammen 
hang damit an einer anderen Stelle des Blattes überstand 
eine ebenso kurze wie inhaltsschwere Notiz: 
„Wie uns ünser Petersburger. Spezial-Korrespondent 
berichtet, ist, der dem russischen Hose verwandte Prinz 
Apraxin bei einem von mehreren Anarchisten, die sich leider 
der Verhaftung zu entziehen wußte«?, auf ihn verübten 
Reoolverattentat ums Leben gekommen. Der Prinz, der 
sich seit langem durch seine rücksichtslose Verfolgung politisch 
Verdächtiger unbeliebt machte, wurde >m, deß letzten Tagen 
rnit Drohbriefen förmlich überschwemmt/denen er aber keine 
Bedeutung beilegte. Nun ist er als ein Opfer seiner Politik 
gefallen." . 
Am nächsten Tage aber wurde Herbert von Wehringen 
ein schwarz umrändertes Schreiben gebracht, das er nach 
dem Lesen wieder und wieder an die Lippen führte, uü« 
cs zu küssen. Dann lag er lange regungslos in den Kissen, 
träumerisch vor sich hinsehend, bis-ihn ein Pochen an 
der Tür aüfschreckte. 
In der Meinung, daß es die Schwester sei, die da 
Einlaß begehrte, rief er „Herein"! Abxtz nicht die Pflegerin 
rnit der Schwesternhaube war es, die-iüber die Schwelle 
trat, sondern die martialisch'hohe GestalAdes Oberstleutnants 
Arnstorf. ', V / 
Was die beiden zuerst miteinanttkr gesprochen, und 
wie die Versöhnung zustande kam, darüber äußerte sich 
später keiner von beiden. Nach, Ablauf einer Viertelstunde 
aber saß Arnstorf friedlich neben dem Lager.seines Stief 
sohnes, und ruhig sprachen die besden über alles, was sich 
während ihrer langen Trennung zugetragen hatte. 
»Vorgestern kamen Heinz und Margot zu mir und-er- 
zählten mir, von dem Duell, das du gehabt hast," sagte der 
Oberstleutnant. „Margot hatte die Absicht, dich zu pflegen, 
und giit ihr zusammen wollte ich dich pufsuchen. Aber es 
wurde uns einstrich durch die Rechnung gemacht. Die 
ständigen Apsregupgen haben Margots Gesundheit ange 
griffen, und während sie noch bei lnir war, wurde sie 
Mn eincnr-schweren-MwphlsciwMalleg. SMMat'ste. in 
'fcftes. Villa »Stz'e- außer 
sich vor Glück ist, daß sie die Schwester endlich wieder hat, 
pflegt sie wahrhaft rührend. Du brauchst dich nicht zu be 
unruhigen, der Arzt versichert bestimmt, daß Margot in 
wenigen Tagen schon vollständig wiederhergestellt sein wird. 
Und es tut mir nur leid, daß ich durch diesen unvorherge 
sehenen Zwischenfall erst hkute dazu kam, dich aufzusuchen, 
«nein lieber Junge." 
Herbert, der sich heute schon bedeutend gekräftigt fühlte, 
erzählte ihm ausführlich, wie es ihm in Afrika gegangen 
war und was er nun auf heimischer Erde erlebt hatte. 
Die Ursache seines Duells mit Dombrowski streifte er nur 
kurz, und der Oberstleutnant stellte keine Frage darüber. 
Hatte ihm doch Heinz Hollselden die volle Wahrheit gesagt, 
die Wahrheit, daß sich Herbert nur mit dem Polen ge 
schlagen hatte, um Arnstorf zu schützen, und dem Oberst 
leutnant eben dadurch gezeigt, daß er keinen schwächlichen 
und ehrlosen Feigling zum Sohn hatte. 
„Heute nun erhielt ich einen Brief von der Gräfin 
Maria Waldendorff, der mir mitteilt, daß ihr Gatte einem 
Attentat zum Opfer gefallen ist," schloß Herbert seinen 
Bericht, und seine Stimme bebte. „Sie ist tief erschüttert, 
mid sie will zunächst eine lange Seereise machen, um sich von 
Un gehabten .seelischen Erregungen zu erholen. Dann 
qber —" , - ' - 
Ein, tiefer Atemzug hob seine Brust. Arnstorf, der 
auch über die Prinzessin Apraxin von Margot unterrichtet 
worden, war, sagte zuversichtlich: ‘ ' 
\ „Dünn 'aber wird das Glück kommen — für dich und 
für uns alle! Darauf wollen wir hoffen und bauere mein 
Sohn ~ und wollen das Bergangene als eine schwere 
Prüfung betrachten, die Nur gute Früchte zeitigen fällig 
Unter den zahlreichen Zuschauern, die sich: zu der 
Trauung des bekannten Schriftstellers Hollfelden mit dem 
Fräulein Margot von Wehringen gedrängt hatten, befand 
sich auch eine einfach gekleidete Frau, die ein kleines 
Mädchen von etwa zwei Jahren auf dem Arni trug. Sie 
stand dicht neben dem Kirchenportal, und als das junge 
Paar nach vollzogener Trauung das Gotteshaus verließ, 
wurde Margot, die in Glück und Schönheit strahlte, ihrer 
ansichtig. ///; 
Sie veranlaßte Heinz, stehenzubleibcn, unö streckte der 
Frau die schlanke Rechte entgegen, an -ex heute zum 
-ersten Male der Goldreif glänzte. ■. 
Lag, Ftt««anats»ÜLFaate..kl? 
der Lieuetts>vucö!tz-!il. v’-u-u- freu, tttz mich, vaß uullj c^ir 
gekommen sind, uusrr Glück zu sebri:!" 
, Ehe sie cs verhindern konnte,' halte d:e Enoländcrrn 
sich hcrabgcncigt, ihre Hand zu küssen. 
.,T-er Himmel beschere Ihnen 
vor Schluchzen erstickter S.imnie. 
Gute!" sagie sie 
„Oh, was haben 
Ohne Sie wäre ich 
mit 
»Cie an mir getan, gnädige Frau! 
sicherlich lange zngnlnde gegangen." 
Margot wehrte errötend ab und ging weiter, um mit 
dem Gatten den harrenden Wagen zu besteigen, der zu 
klein schien, die Fülle ihres Elückes zu tragen-: Nach ihr 
aber stiegen zwei Hochzciksgäste Seit? an Seite'die teppich- 
belegten Stufen vom Kirchcnportal herab, nnd ein bewun 
derndes Raunen ging durch dictz dichjgcdrästgten Reihen 
von Neugierigen- ... -*V> 
„Ein schönes Paar! Me stattlich er aussieht, und 
wie schön sie ist.! - Waruni sie rvohl Trauer trägt?" 
Die beiden abelp, chenen,'das Geflüster galt, achteten 
der Leute picht. Sie bedienten sich ävich nicht «vie die 
anderen des Wagens, um in das Restautant zu gelangen, 
wo das Berinählungsessen stattsindeN sollte. Seite an 
Seite gingen sie langsam-die Straße/hinunter, in tiefem 
Schweigen, jeder fnü seinen Gedanken beschäftigt. 
Herbert.pon Wehrjngen war es. der. endlich sprach. 
„Maria," sagte er kesse, „ich haste niir vorgenommen, 
an diesem Tage Nicht von unseren Angelegenheiten zu 
sprechen. Wer ich sehe, daß. es doch übet meine Kraft geht. 
Sechs, .lange Monate, habe ich nichts von Ihnen gehört, 
und nun, da ich Sie..an Meiner Seite habe, kann ich 
Sie nicht von neuem von mir gehen lassen, ohne die Ge 
wißheit zu erlangen,!daß es nur für Äpe kurze Zeit lein 
wird. Maria, ich flehe dich an, sag'mir^cin gutes Wort t" 
Da hob sie chen Blick der herrNchen Augen, und eine 
West voll Liebe (lack darin.. . --)/,//"■ 
„Willst -u nicht Geduld haben) Herbert? Du weißt 
ja doch, chaß ich djch liebe,/ und -daß der Tag kommen wird, 
an Vern 'ich dich zu'Mir rufe.'- ÄbSr gib mir Zeit, zu über 
winden. Gib mir Zeit, hep Frieden meiner Heele wieder 
zufinden! Dann. — dann will ich dein sein, Herbert1* 
Und er sagte voll hoffttüngsfreudiger Zuversicht: 
„Ich wM warten, dis dp mich rufjh Maria!"
        
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