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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Ansprüchen auf' Ersatz für den Verderb der Waren infolge - 
verzögerter Postbeförderung eine längere Zeit in Anspruch 
genommen hat, als nach den von der Post getroffenen Ein» 
richtrmgen und Anordnungen zu erwarten war. 
o .-Dit> skandinavisch:« TageStzeit«ngkN errichte!« in 
Betzlt« eigen? Geschäftsräume. Die vier bekannten, großen 
skandinavischen Tageszeitungen Berlingske Tjdende, Kopen 
hagen, Pftenpolsten, Kristiana, Norwegen, Svenska i.Dag- 
bladet, lStpckholm und Hufvudsistadsbladet, Helsingfors, 
Finnland, .haben in Berlin, Unter den. Linden 22—23, 
Ecke der Passage, größere'Büroraumr gemietet und wer- 
den. dortselbst für Deutschland gemeinschaftlich ihre Ge 
schäfte ausüben,. Die Räume.sollen besonders ein Sam-, 
melpunkt der skandinavischen^ Reisenden: werden. Es ist 
fernerhin beabsichtigt, ein skandinavisches telegraphisches 
Korrespondenzbüro einzurichten^ um die deutschen Zei 
tungen mit skandinavischen Nachrichten, zu.versorgen. Die 
Eröffnung dieser Räume findet am 1. August statt. Die 
provisorischen Geschäftsräume befinden sich zurzeit Mer 
lin W. 30', Nollendorfplatz 9. 
o Der Volkshnnd Deutsche KridgsaräjbersÄrsorge e. B. 
erläßt einen Aufruf, in welchem es heißt:.Mehr als zwei 
Millionen Deutsche gaben ihr Leben für das Vaterland. 
Ihre Gräber liegen verlassen in fremder Erde, fern der 
Heimat. Nicht eine deutsche Hand bewahrt sie vor trauriger/ 
Verödung oder langsamem Verfall. Wohl haben, die den ' 
Vertrag von Versailles abschließenden Regierungen sich 
verpflichtet, dafür Sorge zu tragen,,daß die Grabstätten 
der Gefallenen mit Achtung behandelt und instand ge 
halten werden. Aber die auf Grund dieses Vertrages 
? geleistete Arbeit kann niemals die liebevolle Pflege er- 
etzen, welche die besorgten Angehörigen den fernen.Gräbern. 
geben möchten. Hier erwachsen der privaten Fürsorge 
große und. ehrenvolle Aufgaben. Sie schließt das Volk 
zu tätiger Mitarbeit zusammen und ist.somit dct Ausdruck 
des geeinten Volkswillens. Sie tragt, den . Gedanken der 
Kriegsgräberfürsorge von Volk zu. Volk und. breitet : so 
den Boden vor für eine Fürsorge,. der die gemeinsame 
Totenehrung jenseits allen Völkerhasses..heilige. Pflicht ist.. 
Aus diesem Gedanken heraus , hat sich — ähnlich wie in 
anderen Ländern — im Deutschen Reich der „Volksbund 
Deutsche Kricgsgrübcrfürsorge" mit Einverständnis der 
zuständigen Reichszentralbehördcn gebildet. Er hat Be 
ziehungen zu den Vertretungen außerdeutscher Staaten 
angeknüpft und aus Orten, in denen deutsche Krieger zur 
letzten Ruhe gebettet wurden, Nachrichten über den Zustand 
der deutschen Friedhöfe erhalten. Der Volksbund will 
auf die Kriegsgräberfürsorge im Reichsgebiete und im 
AuSlande fördernd einwirken und den Angehörigen der 
Gefallenen und Verstorbenen die Erfüllung besonderer 
Wünsche für die Pflege und den Schmuck der deutschen 
Gräber. vermitteln. Der Volksbund erwartet, daß alle 
Volksgenossen, ohne Unterschied des Bekenntnisses, und der 
Partei, sich zusammenschließen und einig dahin streben, 
daß die vaterländischen und ethischen Ziele erreicht wer-, 
den. Trage jeder dazu bei, jeder, der um einen lieben 
Gefallenen trauert, aber auch jeder, dem das große Leid 
erspart blieb! An das ganze deutsche Volk ergeht. der 
Ruf: Vergeht die Toten nicht/ die mit deni Opfer ihres 
Lebens die Heimat vor den Schrecken des Krieges bc- 
Ivahrten! Sorgt alle mit, daß die Ehrenstätten der Ge-, 
fallenen würdig erhalten bleiben! Helft alle mit, daß 
die Angehörigen aus der Ungewißheit über den Zustand-, 
der fernen Kriegsgräber erlöst werden! Einigt Euch zur 
ernsten Pflicht der Totenehrung! Der jährliche Mit 
gliedsbeitrag beträgt mindestens 6 M.-, der einmalige Bei 
trag mindestens 100 M. Der Staatskommissar für die 
Kriegswohlfahrtspslege in Preußen hat Mitgliedcrwerbung 
und Spendensammlung am 8. März 1920 genehmigt. 
o Aufführung des Lcmm'schen Konservatoriums. Am 
letzten Sonnabend .fand in der Aula des Friedenauer 
Gymnasiums nun die dritte, und gleichzeitig letzte Auf 
führung des Lemm'schen Konservatoriums, Rheinftr. 54, 
statt und bildete dieser Abend die Krone der diesmaligen 
Aufführungen. Eingeleitet wurde der Abend mit dem 
4-händig gespielten 1. Satz der 5. Sinfonie (e-moll)' 
von- Beethoven, sehr ausdrucksvoll und sauber gespielt 
von.Frl. Elsbeth Müller und Herrn Rudi Leinert. Dann 
.folgte der 1. Satz der Waldsteinsonate von Beethoven, 
gespielt von Frl. Hilde Opitz, welche nachher noch mit 
2 Li^t'schen Kompositionen am Programm beteiligt war. 
Namentlich hie letzteren' lägen der jungen "Datne' vörzüg. 
„Za,/Sie werden wohl noch einmal versuchen müssen, 
hinzugehen," sagte er nach einer kurzen Pause, und wieder 
atmete er schwer auf. „Hoffen wir, daß Sie Erfolg haben. 
Und nun, habe ich^ noch eine sehr .herzliche.Bitte an. Sie, 
«Wenn es.in.meiner Macht'steht, sie zu erfüllen.—" 
Weh'riNaen' entnahm, seiner Tasche einen Brief und 
legte ihn-auf den Tisch.-- ' -! 
/Es ist-Hes handelt sich — —« Erfftockte. Dannaber 
richtete er sich straff, auf.uni, sagte, fest: 
‘ ^Ich möchte Sie' bitten/ dieses-Schreiben wn die Gräfin 
MLriä Waldendörff aelänaen zu lassen, falls ich 4s-Zhrien 
nicht bis heute ahM wieder abgefordew häben foHlcf obei 
falls Sie den..Eindruck..gewinnen, daß ich es. Ihnen,nich 
mchr,-iber-e 'abfördern 'könnend.. Bitte/" stelle« Sie kein, 
Fragen s Ich würde.Ihnen die Antwort, so. leid es mn 
tut,^doih'fchaldig 'bleiben-müssen.'*-- •" - ' ' 
Hollfelden-hafte isich ein Ausruf der- Deftürzung übei 
diEppen Wangen wollen. Nun -ckber, da er demFretind« 
in die Augen sah, .sprach er kein Wort. Stpmm standen 
tte fich gegenüber, chur « die Blicke ineinander- gesenkt. - Unk 
dänn^'streckte Heinz, dem anderen beido Hände entoeaen 
Er hatte verstanden. 
-'H/Ichtwerdö tun, wäd Sie vott mir begehren," sagte' er, 
feine. tiefeWewegung nur-mühsam verbergend. -„Aber, ich 
hoffe-züvbrsichtlich/dah ich nicht nöüg haben werde, diesen 
Brief vfizusenden." ' 
Wehringen war noch immer sehr bleich, jetzt aber 
völlig / 
„Es steht ih der Hattd« eines Höheren/" erwiderte'er 
«Noch etwas anderes aber ist - es/ um das ich.Sm bitten 
mvltz.-Eke'chaben Dombrowskis Brief erhalten, der Margots 
Lago noch tverschlimmert. Es könnte fein, daß marj-lpätcr 
mir die Schuld an-dieser-/ Verschlechterung gäbe,-ohne daß 
ichi-Noch (imstande wäre, mich zu verteidigen.--Das drück! 
mich mehr nieder, als ich sagen kann. Sie wissen-ja, wie 
teuer mir Margot und ihre schwesterliche Liebe-Wollen 
Sie es dann übernehmen, meine Verteidigung zu führen ?" 
^Diesmal antwortete Heinz ihm nur mit einem festen 
Druck seiner Hände, Herbert aber genügte auch diese stumme 
Erklärung. Er dantte ihm in schlichten, herzlichen Worten; 
als ihn Heinz dann jedoch fragte, ob er noch irgend etwas 
für ihn tun könnte, schütze Wehringen den Kopf./ 
lich und'wurden-mit lebhaftem -Beifall äusKezseichnettz 
Auch der Vortrag der Chromatischen Fantasie von Dach 
von Frl. Marg. Schwerin zeugte schon von vielem Ver 
ständnis dieses schönen aber recht schweren Musikstückes. 
Der Rezitator Herr Albrecht Thoelke sprach eine schöne 
Dichtung von Lrliencron „Golgatha" mit tiefer Empfin 
dung. und angenehmem Organ. Im 2. Teil erfreute er 
die Zuhörer noch mit einigen humoristischen, Deklama^ 
tionen, wofür der junge.Künstler.regen Beifall-.erntete.- 
Es folgten die Aquarellen von Gade ausgezeichnet.ge-, 
spielt von Frl. Hilde. Nessel, welche,im. 2.-Teil mit-dem 
Liszt'schen Faustwatzer den, Abend bejchlpß. .Die Ope.M; 
sängerin Frl. Erika Wedekind -sang, die Flützharie.. aus 
den lustigen 'Weibern und die Arie der Königin der Nacht- 
aus der Zauberflöte mit gut ausgebildeter schöner Stimme. 
Die junge Dame verfügt über eine perlende Koloratur,, 
sie mußte sich des großen Beifalles wegen zu einer 
Wiederholung der ersten Arie entschließen. Es folgte 
Frl. Hilde Kleitsch. mit Erotik von Grieg und Früh- ; 
lingsraufchen von Sindung. Beide Stücke wurden mit. 
guter Technik und schönem .Ausdruck gespielt.: Herr Kon-. 
zertmeister Dies erfreute dann mit Wilhelmy's Preis- 
liehparaphrasa und der ungarischen .Fantasie von Lauser. 
Er erntete ebenfalls großen Beifall durch sein wunder 
dervolles Spiel, so daß .er-eine Zugabe bringen mußte.. 
Aus dem 2. Teil sind noch zu erwähnen die mit schönem 
Ausdruck von Herrn Rudi Leinert gespielte Chopin-Po>? 
lonaise und Peer Gynt's Heimkehr und Solveiggs Lied, 
ganz vorzüglich gespielt von Herrn Hans Speier. Beide 
junge Herren haben seit dem letzten Vorspiele erfreuliche. 
Fortschritte gemacht. Mit rassiger Technik trug Frl. .Gerda 
Trettin noch Raff's Polka, de la reine vor. Der.Atzend 
war ausgezeichnet besucht und das Lemm'sche Konserva 
torium kann mit großer Genugtuung auf die 3 Vorspiele 
zurückblicken. Sic zeugten, von einer Unsumme von 
fleißiger Arbeit und dies wurde auch seitens , der Schüler 
durch eine sinnige Palmenspende anerkannt. Für die Ge 
denktafel des Gymnasiums.konnten trotz der erheblichen 
Unkosten. 300 Mark überwiesen werden. ■- Br. 
o Butter, die keine ?lbnchmer findet..In der -,Ham 
burger Warte" vom 4. Juni 1920 lesen wir: folgendes: 
„In der Molkerei Hornbeck' bei Roseburg lagern etwa 
1000 .Pfund Butter. Die Molkerei hat sich bei den. zu 
ständigen Fettverteilungsstellen vergeblich bemüht, 
die Butter unterzubringen. Es ist zur. Zeit kein Bedarf 
vorhanden. Die Butter soll bis auf Abruf weiter lagern. 
So lautet der Bescheid. Inzwischen ist die. Butter ranzig. 
geworden. Es lebe die Zwangswirtschaft." 
ZiiTcbriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir, keine V^vmtwortung.) 
Als et« treffender Beweis 
wie weit sich dir Bildung der sogenannten - höheren- Schn- 
ler erstreckt, ist folgender Vorfall anzusehen. Am. .15. 
Juni,.vormittags, befand sich meine sehr bejahrte Mutter:, 
mit der Markttasche! und dem .Milchtopf in der Hand, 
auf dem Heimweg. .In der Schwalbacherstraße.begegneten 
ihr in einer. Reihe aüf dem Bürgersteig 4 Schüler hes . 
dort befindlichen. Realgymnasiums.::Für andere. Passan 
ten war> demgemäß kein Platz, mehr.. - Auf - die Bitte':. 
meiner,.Mütter,"ihrPlatz zu mächen, bekam sie zur. Ant-. 
Wort „Halt die Schnauze!" Dem folgten^noch einige 
Bemerkungen, die meine Mutter..- nicht- mehr. verstehen. 
konnte. Es waren, dies nun:nicht-etwa Ipelche. von den. 
Jüngere::, sondern.Bengels im Alter von. 16-—17 Jahren/ 
Ich möchte fragen, ob nur die Schülermütze jemanden, 
zum Betreten des Bürgersteigs berechtigt? Werden da 
für die Schulen unterhalten, um derartige Vorfälle als 
Resultat.zu erzielen? G. Müller,. , 
Betrachtungen zu de» Untersuchungen bctceffcud die 
Einwohner-Wehr. 
Als Offizier (hoffentlich bekommen nicht, bei diesem 
Wort verschiedene Leute einen Schlaganfall), s. Zt. Mit-, 
glied der Einwohnerwehr, möchte ich über die Vorgänge 
im März einige Worte sagen: Daß die Mitglieder der 
Einwohnerwehr in den Märztägen Fehler/gemacht haben, 
ist nicht zu verwundern; eine Organisänon, die zum 
ersten ’ Mal geschlossen aktiv auftritt, ' Tegeht' 'Naturgemäß 
„Meine Angelegenheiten-sind damit geordnet," sägte 
er, auf den. Bnef deutend. -„Was' es.sonst Noch möglicher-! 
weise zu tun geben könnte, darüber ist ein mir befreundeter 
Rechtsanwalt bereits informiert. Lasten Sie mich offen fein./ 
Sie haben ja ohnedies zweifellos «bereits erraten, um was 
es sich handelt. Und so will ich Ihnen noch lagen, daß 
ich-mich, in dieser-Angelegenheit nicht an Ihren freund-, 
schaftlichen Beistand,' sondern an zwei andere gewandt 
habe^die mir ferner stehen, nicht weil ich an Ihrer Opfer 
willigkeit zweifelte, sondern weil ich-Sie aus Gründen der 
Klugheit nicht mit in die Angelegenheit hineinziehen wollte. 
Je weniger Sie damit zu tun haben, um so besser ist es, 
auch um Margots' willen." 
Er verabschiedete sich, und Heinz geleitete ihn bis auf 
die Treppe hinaus. Schwer wurde es ihm, den Freund 
gehen zu lasten, aber er zwäng sich mit aller Energie, ge 
faßt und zuversichtlich zu erscheinen. Mit einem herzlichen 
„Auf Wiedersehen!" Nennte er sich von ihm; aber das 
Lächeln hes Freundes zeigte ihm, wie wenig Herbert an 
ein Wiedersehen glaubte. 
40.-Kapitel. 
Es'hatte nur einiger kurzer Erklärungen bedurft, und 
die .Gräfin Waldendörff erklärte sich bereit/ Heinz 'in das 
Hotel!garni zu begleiten. Sie war ttotz derfttihen Stunde 
beteits im Straßenkostüm, und- sie verzichtete sogar auf 
ihr Frühstück, um keine Zeit zu verlieren. 
Unterwegs erzählte ihr« Heinz ausführlich,/«was sich in 
der. Zwischenzeit zugetragen hatte, und naturgemäß oer- 
setzte er die'Komtesse dadurch in'grüße Unruhe. Er hätte 
alles, was auf . den Oberstleutnant. und -Herbert--Bezug 
hatte, weggelaffen,.-aber dü . ohne Pas die beiden'Brie^ 
Dochürowstis noch geheimnisvoller' und- unverständlicher 
wurden, brachte ihtti die Gräfin mit ihren Fragen in große 
BSrlegenheit. iCrleichtert atmete «tzr-aüf, als der Wägen 
vor dem Hotel garni hielt, das jetzt'in der hellen Be^« 
leuchtung des-Mörgens wmnögkich einewnoch-trüdfeUgeren 
und abstoßenderen Eindruck machte äls in der abendlichen 
Dtzstkelheit. Auch die Gräfin empfand einen leisen Schauder, 
als siä den. düsteren und schmutzigen Flur.betraten, und 
unwillkürlich meinte sie: 
„Arme Frau ! Hier drinnen krank zu llegbn — —-* 
Sie verstummte, denn der Kellner, mit dem Holljelden 
Fehler und jnuß aus diesen lernen; zudem ist der Ein 
wohnerwehr von Anfang durch die grundsätzliche Oppo-. 
sitivn gewisser Gemeindevcrtreter innerhalb und außer 
halb des Rathauses und eines großen Teiles des Public 
kums die Arbeit ungeheuer erschwert worden. War cs 
ciu Grund zu,Menschenansammlungen und Hetzreden am 
Lauterplatz, daß die Einwohnerwehr infolge deS Straßen- 
tcrrors in Steglitz das Eigentum der Gemeinde an Geld, 
! Siegeln, Stempeln, Lebensmittelkarten usw. zn^ schützen 
begann und sich in den Straßen über die Lage orienüerte'? 
- Unter Diskretion und mit dem Regenschirm war das nicht 
,zu machen. Am Mittwoch der fragl. Woche habe ich tu 
einer Menschenansammlung folgende Worte gehört: „Mit 
!dc« verfluchten Handen da drüben verfahren wir ebenso 
wie mit den Noskehunden; zwei von denen sind gestern 
im Landwehrkanal verloren gegangen, die werden sie 
lange suchest. Die feige Bande hier baut ja- aber schon 
von selbst ab." Derartige Wahrnehmungen — auch schon 
vor dem — waren nicht zu einem milden Entgegenkommen 
der Einwohnerwehr geeignet; außerdem ist aus diesem 
Vorkommnis zu ersehen, daß auswärtige Elemente hier 
an der Arbeit waren. Die Einwohnerwehr war voll 
kommen unpolitisch, was man von unseren Berufsorgani 
sationen nicht behaupten kann. Sie hat ihren Dienst 
über Jahresfrist unter der sozialistischen Regierung getair 
und ist vor allem da, um Ruhe und Ordnung zu halten, 
.Leben und Eigentum der Bürger zu schützen, alles andere 
tritt in den Hintergrund. Der persönliche Standpunkt 
bleibt -noch jedem selbst überlassen. Die Einwohnerwehr 
lab ihren Dienst unabhängig von „oben". Nachrrchten- 
iunb Telephondicnst war in den Märztagen so mangelhaft, 
daß man im Moment nie wissen konnte, welche Rcgicrnug 
am Ruder.war. Und nun zu dem Thema „Achselstücke". 
Für den Dienst in der-Einwohnerwehr benutzten die Mit 
glieder statt der teuren Zivilgarderobe ihre alte Montur 
und rnit Recht, denn wir haben bei Tag und Nacht in 
allen möglichen Ecken herumliegen müjien. Als alter 
Soldat legt man nicht gern seine Abzeichen ab und wer 
micht radanlüstig ist, den stört das auch nicht. Ich möchte 
:an dieser Stelle-folgendes sagen: Als die Revolution an 
-der .Front ausbrach, standen meine Leute bis z-.im letzten 
'Links-Radikalcn geschlossen hinter mir und der Apparat 
ging bis zum letzten Akvment weiter wie vordem. Zum 
Schluß boten sich 5 Mann an, mich nach 'Hanse und irr 
meine Wohnung zu bringen, damit man mir die Ab 
zeichen nicht abnimmt. Und nun wollten mir hier gewisse 
demokratische Gemeindevcrtreter das nehmen, was mir 
ein, Kaiser verliehen hat und meine eigenen Leute mir 
erhalten haben?! „Meine Herren, ich beneide Sic mit 
den Grad Ihrer Selbsteinschätzung!" Wir haben die Achsel 
stücke nicht abgelegt, sondern aus Versöhnlichkeit Zivil 
angezogen! Das stelle ich ausdrücklich fest. (Herr Hetze 
bildet mit seiner Auffassung eine Klasse für sich.) Zwingt 
man die E. ,K.-Besitzer zur Ablegung ihres Abzeichens, 
weil es an das Kaisertum erinnert? Nehmen nicht so- 
unbsovielc Leute noch heute nach nahezu zweijähriger 
Friedenszeit von der sozialistifchcn Regierung das Kreuz 
mit den Initialen des Kaisers, trotz Linls-Gcsinnung mit 
Freuden an? Man sollte endlich die Offizier-Hetze nnlcr- 
lasscn und die Vergehen einzelner nicht verallgenieincrn, 
statt, dessen aber die Gemeinheiten tausender von Nicht- 
Offizieren .unter die Lupe, nehmen. Ich könnte noch mit 
sehr Viel-Material ziir Klärung dienen, will aber schließen. 
In anderen Gegenden tat die Einwohnerwehr, was sie 
für notwendig hielt und wurde in keiner-Weise belästigt: 
Die Stellung, der Leitung und des Herrn Bürgermeisters 
war eine.sehr unangenehme. Den Mitgliedern der Ein 
wohnerwehr ist es oft. nicht leicht geworden, neben ihren: 
Zivilberuf ihre Pflicht zu tun und sich für ihre Mitüürgcr 
als unbesoldete Nachtwächter verwenden zu lassen. Viel 
leicht denken die Friedenauer noch einmal anders über uns 
als bisher. Die Politik und die Person scheiden bei der 
ganzen Angelegenheit aus. Kommt cs zu Differenzen, 
so kann man wohl den Gegner bekämpfen, ihn aber trotz 
dem achten. -Es wäre aus diesem Grunde eine Geschmack 
losigkeit erster. Ordnung, auf die Auslassungen einer Person 
von .der Qualität eines Herrn. Kamrowski einzugehen. 
Dieser Herr kann — was einen maßvollen Ton anbetrifft 
— bei Herrn Richter in die Schule gehen. S, 
..Ätz.^der großen^Schrist-.und Medeflut der letzten Ge- 
'mei'noevertretersihn'ng, die das Verhalten der Friedenauer 
am gestrigen Abend zu tun gehabt hatte, hatte die beiden 
erspäht und kam aus sie zugestürzt, um sich un/er be 
ständigem.Dienern nach ihren Wünschen zu erkundigen. 
„Wie geht. es her Frau Longchce ? ' fragte Heinz. 
„Bester, Herr Baron, bester! Sie ist jetzt wieder bei 
klarem'Bewußtsein. Vor einer Stunde schon mußten wir 
den. .Herrn Dafhwood zu ihr bitten, und seitdem ist er 
noch nicht wieder zum Borschein gekommen." 
„So, das ist ja recht erfreulich. Sie meinen also, daß 
die Dame .—" er machte. eine bezeichnende - Bewegung 
gegen die Gräfin/die sich abwartend ein wcciig -zurückhielt 
— „Frau Dongtree wird besuchen können ?" 
//Gewiß/Frau Lonatree..ist ja auch schon wieder auf 
geständen. Sie wär übrigens -sehr .entsetzt', hätte cr 
beinahe gesagt, verbesserte sich aber rasch —.„sehr erfreut 
und überrascht, als ich ibr von dem Herrn erzählte." 
Heinz nickte zer,rreur -und trat zu der Gräfin, um 
ein paar. Worte in '.englischer Spracht mit ihr zu sprechen. 
Dann wandte« or sich wieder an- den Kellner. 
„Wenn Sie uns also: zu Frau Longtree hinaufführen 
wollen!( Eine besondere Anmeldung ist nicht notwendig." 
Der Kellneb fühlte sie-in das erste"Stockwerk hinauf 
und-über einen langen Gang, dessen Boden Mit höchst 
ftagmentarischen Ueberresten eines Läüfers belegt wart 
In dem Augenblick aber, da er im Begriff stand, an-eine 
Tür zu pochen, wurde diese -Tür von innen uneestüm 
aufgeriffen,-und jener hagere, schmalbrüstige'Mensch,- den 
Hollfeldenknün. als Herrn Robert Dafhwood kannte, stürzte 
über.die Schwellet 
Der Kellndb hätte ihm am gestrigen Abend-gefaat, daß 
man den -Englän.der hier im Hotel füt geistig -nicht ganz 
normgl'hielt ünd in diesem Augenblick warHeMz geneigt, 
ihm beizusfimmen. . Denn- wie Robert Dafhwood, der bei 
ihrem Pnbllck'zurückgeprallt war, da. vor ihnen stand, 
hatte.er ganz-dasAussehen und dasGebaren eines Irren. 
Sein fcharfknochiges Gesicht war von leichenfahler Blässe, 
nur auf den hart und eckig hervortretenden Backenknochen 
brannten zwei fieberhaft rote Flecke. Die dunkel um 
chatteten, tief in ihren Höhlen liegenden 2lugen brannten 
n unheimlicher Glut, und die schmalen Lippen bewegten 
ich fottwährend, als murmele der seltsame Mensch un'hör- 
!mre Worte vor sich bin. 
Mrksetzpng folgt.)
        
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