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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Beilage zrr Ne! 138 des ,»Friede«<mer Lokal-Arrzeiger" 
S»nniag. den 20. Juni 1920. 
Aus der Geschichte SchSuebergs. 
Rückblicke von E. Klang er. 
Wortsetzung.) j 
V. 
BiS zum Ende des 16. Jahrhunderts hatten die! 
Lairdesherrcu überall in Deutschland, also auch in der 
Marl, ihre Herrschergeschäfte im Umherziehen besorgt/ 
Dann begann erst die seßhafte Ausübung der Regierungs- 
Pflichten. Hatte die Bürgerschaft der Städte Veranlassung, 
mit den Maßnahmen des Landesherrn unzufrieden zu sein, 
dann sperrten sie wphl die Tore zu und der Herr mußte 
im Bogen herumziehen mit seinem Troß von Reisigen 
und Verwaltungsbcamten oder den Widerspenstigen Fehde 
ansagen. Es ist ja bekannt, daß da mancher Strauß aus 
zufechten gewesen ist. 
Der älteste Teil des Berliner Schlosses an der Spree 
seite entstand um diese Zeit, von welcher der ständige 
Aufenthalt der Brandenvurgischen Kurfürsten datierte. 
Die Hofhaltung — im Verhältnis zu später — hielt sich 
in bescheidenen Grenzen, denn der Landesherr verfügte 
selbst nur über wenig Mittel, weil sein Einkommen nur ! 
gering war. Mußte doch der Große Kurfürst im Anfang 
feiner Regierung 800 Reichstaler aufnehmen, um einige 
Fußböden, die infolge der Nässe verfault waren, im 
.Schlosse ausbessern resp. erneuern lassen zu können. 
Die ständige Hofhaltung in Berlin war auch Ver 
anlassung, daß auf Schöneberger Gebiet ein sog. Küchen 
garten angelegt wurde, aus dem dann später der alte 
Botanische Garten an der Potsdamer Straße entstand. 
In einer noch vorhandenen, im Geh. Staatsarchiv be 
findlichen Urkunde heißt es wörtlich: 
„Der Stolz unseres Ortes war endlich ein kurfürst 
licher Garten. Er ist mit Hopfen beleget, daneben etliche 
Länder zu Kohl, Zibollen unüt anderer Küchenspeiße ge 
wonnen wird, wird von der Herrschaft gebraucht." 
Schöneberg zählte damals neun Hufner. Jeder hat 
drei bis vier Hufen Landes und seinen eigenen Hof, den 
er mit 60 bis 123 Schock, beziehungsweise mit 350 bis 
413 Gulden bezahlt hat. Der jährlich zu entrichtende 
Geldzins beträgt 1 bis 2 Thaler für jeden Hufner. An 
Naturalien sind Roggen und 'Hafer, durchschnittlich je 
ein Mispel, und je zwei Rauchhühner jährlich zu liefern. 
„Der Schulze hat. von wegen des Schulzen Ambts, so 
lange er das verwaltet, jehrlich 8 Scheffel Rogken von 
seiner Pacht frey, und ist des Zehendes auch befreit." 
Nach Spandow sind endlich, wie schon seit 1264, Naturalien 
— jetzt je 30 Scheffel Roggen und Hafer — und 6 Silber 
groschen Geldzins abzuführen. 
Acht Kossäten wohnen in diesem Dorfe, deren Jeder 
seinen Hof mit nur 30 bis 60 Schock beziehungsweise 90 
oder 198 Gulden bezahlt hat. Ihre Abgaben sind dem 
entsprechend geringer als die der Hufner. Nur Einer 
von ihnen, Kraatze, bewirtschaftet eine Hufe, ist also 
dadurch Mitglied der Dorfgemeinde der Hufener. Die 
Uebrigen haben nur „Land", d. h. eine größere oder 
kleinere Anzahl unmittelbar an ihren Hof grenzender, 
aber nicht auf der Dorfflur, nicht in Gemenglage, 
legener Morgen. Außerdem befand sich in Schöneberg 
das Schlezersche Freigut zusammen mit der „Krugstädte" 
des Dorfes, wie bereits erwähnt. 
Der ursprünglich der Kirche zustehende Zehent war. 
wie erwähnt, frühzeitig in landesherrlichen Besitz über 
gegangen. Jetzt hat von dem Fleischzehendt, den Kur 
fürstliche Gnaden in dem großen Dorfe zu heben hat, der 
Landesherr z>vei Theile und der Pfarrer den dritten. In 
natura wurde der Zehnt nur noch in „Kelbern, Gensems 
und Bihuenn" geleistet. „Vor das zehende Lamm wird 
itzo neun Silbergroschen genommen." Besitzer eines Zucht- 
schweineS haben, wenn sie Hufener sind, 12, wenn sie 
Kossäten sind, 6 Silbergroschen zu entrichten. Hinsichtlich 
der Eintreibung aller dieser Abgaben besagt der § 22 
der weiter unten zu besprechenden Amtsordnung von 
1617: „Der Haubtmann vom Müllenhoff soll durch den 
Ambt- und Kornschreiber die Zinse und Pachte alle Jahre 
zu rechter Zeit und weil die Leuthe noch Getreydich in den 
scheunen haben, Aller lengst aber zwischen Martiny und 
vinnachien Einfördern und soviel nur immer an allerley 
Korn von den Umertahnen zu erlangen, erheben, > das 
übrige aber in dem verth, wie solchen unsre Ambts Räthe 
jedesmahl sagen werden, in obermelter Zeit, ohne lengcrn 
Verzug! mit gelde bezahlet nehmen." 
Auch „Wilmstorf" (Wilmersdorf) und Tempelhof' 
hatten ähnliche Verpflichtungen. 
Die beiden Vorwerke des Amtes M'ihlenhos, Wil 
mersdorf und Schöneberg, hatten teilweise gemeinsame 
Hütung, was selbstverständlich zu vielen Streitigkeiten 
Anlaß gab. 
ES heißt darüber urkundlich: 
„Sie gebrauchen sich des Fenns zwischen Wilmerstorsf 
urch Schüneberg mitt der Grassercey und Huttweide nach 
Anzahl ihrer Hussen, desgleichen aus den ifchuwerenwiesen 
haben sie die Grasserrey, wans nicht verboten ist und 
theilen es nach Anzahl ihrer Hüffen. Der Pauerer Hütung 
oder Trifft gehet so weit als Ihre Feldmarkt ist. Und 
haben mit den Bürgern von Cölln in dem Eiächolz zu 
hüten bis an die Spreewe und mit den Lüzichen (Lützowern) 
bis.an die Scheide Lacke." 
„Die Grentze zu diesem Dorffe fanget an bei den 
. .Peitzkuhlen, da die Schönebergische, Wilmerstorffische und 
Lützische Grentze zusammenstoßen (in der Gegend des 
heutigen Nvllcndorfplatzes), von dannen hinter der Pauern- 
wiesen auf die Kraenlacke (die Gegend der heutigen Apostel- 
Panluskirche), von der Kräenlacke auf die faule Lacke an 
die landwehr, neben der landwehr biß nach der Tempel 
hofischen Markt. Da ist eine große scheidnng hinan bis 
an das Hassefeldt (vermutlich das Tempelhofer Feld), von 
daran die Margendorff/che Grentze, da es noch nicht richtig 
vergraben, von da näcy der Steglitzschen Grentze an den 
Wilmerstorffischen Feld und an demselbigen selbe bis 
wieder auf die Peitzkuhlen. da die Grentze erstlich ist zu 
beschreiben angefangen." Es ist hieraus leicht zu er 
sehen, daß das Schöneberger Gebiet sehr viel umfang 
reicher war als heutzutage, vornehmlich nach Berlin zu. 
Der Gesamteindruck, den wir aus dem Erbregister 
von dem damaligen Schöneberg gewinnen, ist kein un 
günstiger. Die Aecker waren in ihrem ganzen Umfange 
unter dem Pfluge, alle Bauernstellen besetzt, denn wir 
hören von keiner einzigen wüsten Hufe, deren man da 
mals in adeligen Dörfern, in denen das Bauernlegen oder 
Relegieren im Schwange war, zur Genüge findet. Die 
Zahl der Kossäten hat sich sogar gegen 1506 um drei ver 
mehrt. Das Verhältnis Schönebergs zum Amte Mühlen- 
hos ivar bis in die kleinste Einzelheit hinein fest geregelt. 
Gerecht waren von der kurfürstlichen Dvmänen-Verwaltung 
die Lasten nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit 
verteilt. . 
Eine willkommene Ergänzung zu den Angaben des 
Erbregisters bietet in rechtlicher Beziehung die schon oben 
erwähnte Amtsvrdnung von 1617. §§ 28 und 29 lauten: 
„Damit wir und die Landschaft, auch das' Gotteshaus nicht 
die Wächte, Schösse, Zinsen, auch die Erbgelder verlieren. 
So sollen, wart ein Huefener oder Cossäte abziehet und 
ein anderer wieder anziehet und angenommen sein will, 
der Ab Ziehende Einen schriftlichen Schein seiner erlassung 
auß unserm Amte nehmen; welcher ihm dan nach befindung 
der Sachen ohne entgeld soll errichtet werden. Dagegen 
ein Huefener Einen Thaler und ein Cossäte Einen halben 
Thaler zur abfarth Unnd der so wieder auf ziehen will. 
gleichfalls eine Kundschaft seiner Erlassung von seiner 
Vorigen Herrschaft und den Gerichten bringen und also 
dan zur auffarth auch so viel enttichteo soll." Die Bauern 
sind also weder an die Scholl» gebunden, noch sind sie 
verpflichtet, bei dem Verlassen ihr«« Stelle einen Nach 
folger zu beschaffen. 
SHtimtiWit für gtieöeami M Waelmg. 
(Nachdr. unsrer o-Origtnalarttkel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die jetzt geltenden vebühpeinsätz« für Brieffen- 
dmtgen naich deIS AMlantza werden sehr häufig von den 
Versendern nicht hinreichend beachtet- Im besonderen wird 
die Einschreibgebühr oft unrichtig berechnet. Diese be 
trägt allgemein 80 Pfg.; dagegen ist sie im Verkehr mit 
dem Freistaat Danzig, Luxemburg, dem Memelgebietz 
Oesterreich, Ungarn, Westpolen und nach der 1. Zone 
des Abstimmungsgebietes Schleswig auf nur 50 Pfg. fest 
gesetzt (wie im Inland). Im Hinblick auf die sehr er 
heblichen Verluste, die dem Deutschen Reiche durch die 
Nichtbeachtung der neuen Bestimmungen über die Ge- 
bührencrhöhungen im Auslandsverkehr erwachsen, wer- 
den in Zukunft die ungenügend freigemachten Sendungen 
den Absendern, sofern sie zu erkennen sind, zur Vervoll 
ständigung der Freigebühr durch die Ausgabepostanstal 
ten zurückgegeben werden. Da hierdurch in der Absen 
dung der Briefe sehr oft Verzögerungen entstehen wär» 
den, so liegt es im Interesse des Publikums, dce Brief- 
sendungen nach dem Auslande genügend freizumachen. 
Ueber die Höhe der Gebühren erteilen sämtliche Postan 
stalten bereitwilligst Auskunft. 
o Unsere Jäger. Folgende Friedenauer Jäger haben 
im Monat Mai Jahresjagdscheine gelöst: Zieren, In 
genieur; Hansmann, Kaufm.; Stachle, Kaufmann; Keup, 
Nattonalökonom; Noack, Bildgießer; Brauer, Architekt; 
MoraS, Ingenieur; Ringel, Fähnrich a. D.; Geister, Kauf- 
mann; Reiß, Architekt, Ochel, Kaufmann; Fonhoff, Kauf 
mann; Wermke, Landwirt; Conrad, Kaufmann. 
o Dringende Wapinrng vor vorzeitiger Auswanderung. 
Amtlich wird mitgeteilt. In Haniburg treffen in den 
letzten Tagen größere und kleinere Trupps mittelloser 
Auswanderer ein, die als Freipassagiere nach Brasilien 
wollen. Da eine solche Schiffahrtsgelegenheit weder jetzt 
noch in absehbarer Zeit vorhanden ist, stehen diese Leute 
dort ohne Obdach und Verdieirstmöglichkeit, fallen den 
Behörden zur Last und haben ihre Zurückbeförderung in 
die Heimat zu gewärtigen. Es kann nicht dringend ge 
nug davor gewarnt werden, nach den Hafenstädten zu 
reisen, bevor die Abfahrt mit den beteiligten Stellen 
genau vereinbart ist. In Zweifelsfällen empfiehlt sich 
eine vorherige schriftliche Anfrage bei den behördlichen 
Auskunftsstellen. 
o Anmeldung von in Elsaß-Lothringen beschlagnahnü- 
ten Sparguthaben. Nach einer, vom Reichsminister für 
Wiederaufbau erlassenen Bekanntmachung vom 30. April 
1920 (Reichsgcsetzblatt Nr. 94 Seiten 761 usw.) sind Geld 
forderungen — also nicht etwaige Ansprüche auf Heraus 
gabe oder Lieferung von Wertpapieren und sonstigen 
Urkunden — umgehend bei der zuständigen Stelle des 
Reichsausgleichsamts anzumelden. Zuständig ist die Haupt- 
stelle des Reichsausgleichsamts in Berlin für: den Stadt 
kreis Berlin, die preußischen Provinzen Brandenburg und 
Pommern, die beim Deutschen Reiche verbliebenen Ge 
biete der ehemaligen preußischen Provinz Westpreußen 
soweit. sie westlich der Weichsel belegen sind, und des 
preußischen Regierungsbezirkes Bromberg, sowie den 
preußischen Regicrunsgbezirk Magdeburg, mit Ausnahme 
der Kreise Oschersleben, Quedlinburg und Wernigerode 
und des Stadt- und Landkreises Halberstadt. Die für 
die Anmeldung erforderlichen Formulare können von der ' 
Hauptstelle unentgeltlich bezogen werden. Den in Frage 
kommenden Personen wird die Beschaffung des Reichs- 
Gesetz-Blyttes Nr. 94, Jahrgang 1920, bei der Firma 
Puttkammer und Mühlbrecht, Französische Straße 28, 
empfohlen. 
o Postpakete ortt leicht verderblichem Inhalt. Zu 
Beginn der wärmeren Jahreszeit mehren sich die Fälle, 
in denen Pakete mit Sachen, die dein schnellen Verderb 
und der Fäulnis ausgesetzt sind, wie Fischen, Frühobst us>v. 
während der Postbeförderung teilweise oder ganz ver 
derben, weil sic eine längere Beförderungsdauer nicht er 
tragen. Mit einer Verlängerung der Beförderungszeiten 
ist aber auch jetzt, trotzdem der Eisenbahnbetrieb wieder 
stetigere Formen angenommen hat, noch immer zu rechnen, 
da die Beförderungsgclegenheiten fiir Postpakete recht ein 
geschränkt sind. Unter diesen Umständen kann nur emp 
fohlen werden, in der Auflieferung von Paketen mit leicht 
verderblichem Inhalt Zurückhaltung zu üben. ■ Es sei 
noch darauf hingewiesen, daß bei der jetzigen Verkehrslage 
Sir Briefe der Prinzessin. 
Von E. Ph. Oppenheim. 
82 (Nachdruck derbsten.) 
Das alles war flüchtig hingekritzelt, als habe der 
Schreibende sich in großer Eile oder aber n großer Er- 
reauna befunden. Fassungslos starrte Hollfelden auf das 
verhängnisvolle Blatt; fo sehr er jedoch nach einer Er 
klärung suchte, es wollte ihm nicht gelingen, sie zu finden. 
Es war zu spät, noch irgend etwas zu unternehmen 
oder jemanden aufzusuchen. Hollfelden legte sich deshalb 
sogleich zur Ruhe, um für den morgigen Tag einen klaren 
Kopf zu haben. Aber der Schlaf floh seine brennenden 
Lider "grausam marterten ihn Gedanken und Vorstellungen 
der quälendsten Art, und als es endlich über den Dächern 
der Häuser zu dämmern begann, erhob er sich matt und mit 
schmerzenden Gliedern vom Lager, ohne auch nur für d,e 
Dauer weniger Minuten geschlummert zu haben. 
Ein paar Gläser Wein, die er rasch hintereinander 
leerte, gaben ihm für den Augenblick wenigstens feine 
Elastizität wieder, und um sich vollends zu ermuntern und 
aufzufrischen, lief er beinahe zwei Stunden lang ziel- und 
planlos durch die Straßen, in denen das erwachende Leben 
wieder stärker zu pulsieren begann. 
Hätte er gewußt, was er nun zu tun hatte, es hatte 
däs schwerste sein mögen, ihm wäre es doch leicht er- 
schienen vor der niederdrückenden Qual der ewig wieder- 
bolt-n Kraae' was war zu tun? Wenn er nur gewußt 
hätte, wo d"n Hebel einzusetzen hatte^ An eine Auf 
klärung des Mordes, die wenigstens d,e schlimmsten Folgen 
eines Verrates von feiten Dombrowskis für Margo^ auf 
gehoben hätte, war ja doch in der lächerlich kurzen 
Spanne Zeit nicht zu denken. In vier Stunden ließ sich 
picht erreichen, was einem großen^olizec-Arffgebot und 
,Ln eigenen'Nachforschungen in m%eri 
war. Die einzige, die ihnen ja vielleicht hatte Aufschlüsse 
geben können, lag zudem schwer erkrankt danieder, und es 
schien aussichtslos, sich heute noch einmal an sie zu 
E.'.Und doch war es tatsächlich das Einzig«, ««»« übev- 
Haupt tun'konnte. Von vornherein gab er den Gedanken, 
sich etwa- mit Mteu odcr Bon'tellunaen an Dambrowski 
zu wenden, als unsinnig auf; denn er war felsenfest über 
zeugt, daß er sich lediglich einer zwecklosen Demütigung 
aussetzen würde. Dagegen beschloß er endlich, die Gräfin 
Waldendorsi aufzusuchen. Er wollte sie bitten, ihn in das 
Hotel garni zu begleiten, ihr als Frau gelang es vielleicht 
eher, Zutritt zu der angeblichen Frau Longtree zu erhalten, 
und sie gewann wohl auch leichter das Vertrauen der Un- 
glücklichen. Gelang es ihnen aber wirklich, wesentliche 
Ausschlüsse zu erhalten, die Licht in die Affäre Martens 
bringen konnten, wollte er es doch versuchen, sie Dom- 
browski mitzuteilen und ihn dadurch zu bewegen, von 
einer Bekanntgabe seiner Entdeckungen an die Polizei 
bstand zu nehmen. 
Denn so seltsam, so unerklärlich es ihm selbst schien: 
otz aller gegenteiligen Beweise, die er ihm gegeben, 
innte Heinz den Polen nicht für einen ganz ehrlosen 
keuschen halten. Er mußte ihm j« freilich glauben, daß 
- wirklich nicht mehr und nicht weniger als ein russischer 
Spitzel sei. aber er hatte vielleicht zu lange mit ihm als 
ät einem gleichberechtigten Ehrenmann verkehrt, den er 
idem noch als einen klugen und scharfsinnigen Menschen 
mnen gelernt hatte, als daß er ihn nun kurzerhand 
ir einen verächtlichen Lumpen ansehen konnte. Und ein 
»atz des Polen, der sich ihm merkwürdig- fest eingeprägt 
atte, wollte ihm nicht aus dem Gedächtnis. 
Für die Beurteilung eines Menschen dürfen nicht seine 
»andlungen an sich, sondern lediglich die Beweggründe seiner 
»andlungen maßgebend sein." 
Er kannte ja die Beweggründe nicht, die Dombrowski 
uf die Stufe von Leuten gebracht hatten, die man ge 
meinhin als Auswürflinge der menschlichen Gesellschaft 
nzusehen pflegt. Aber eben weil er sie nicht kannte, 
rächte er es nicht fertig, ein kurzes Urteil über den Polen 
u sprechen, und wider alle vernünftige Ueberlegung 
laubte er immer noch, daß dieser in seiner Kaltblütigkeit 
nd Entschlosienheit furchtbare Mensch ehrenhaften Re- 
ungen zugänglich sei. 
Ehe er die Komtesie Hermine auffuchte, kehrte er noch 
inmal in seine Wohnung zurück, um Dombrowski durch ein 
urze» Schreiben davon in Kenntnis zu setzen, daß er ihn 
an die zehnte Stunde aufsuchen würd«. Cs war in- 
wischen sieben Uhr geworden, und schon auf der Trepp« 
»Srte er d«i»»e» Frau Friesicke herumhantiere». 
Auch sie mußte sein Kommen bemerkt haben, denn sie 
öffnete ihm, noch ehe er von seiueni Schlüssel hatte Ge 
brauch machen können. Und in der mißtrauisch kurzen Art, 
die sie seit einigen Tagen gegen ihn angenommen hatte, 
sagte sie: 
„Der Herr Herbert is schon wieder da. Ich hab' ihn 
in Ihr Arbeitszimmer jeführt." 
Heinz dankte kurz und ging rasch in das bezeichnete 
Zimmer. Wehringen, der am Fenster gestanden hatte, 
wandte sich bei seinem Eintritt und ging ihm um ein paar 
Schritte entgegen. 
Es fiel Hollfelden auf, wie blsich und übernächttgt auch 
der Freund aussah, und wie unruhig es in seinen Augen 
flimmerte. Statt aller Begrüßung- aber fragte Herbert 
hastig: 
„Haben Sie in der Zwischenzeit eine Mitteilung/von 
Dombrowski bekommen?" 
Heinz bejahte, konnte sich aber doch nicht enthalten, 
befremdet zu fragen, wie Herbert auf eine derartige Ver 
mutung hatte kommen können. Der aber wehrte unge 
duldig ab. 
„Das ist bedeutungslos," sagte er kurz. „Wollen Sie 
die Güte haben, mir mitzuteilen, was Ihnen Dombrowski 
schrieb?" 
Statt aller Antwort reichte Hollfelden ihm den Brief, 
den er noch bei sich trug, und Herbert trat an das 
Fenster, um ihn zu lesen. Ein tiefer Atemzug hob seine 
Brust, als er das Blatt endlich sinken lieh, und merkwürdig 
gedrückt sagte er: 
„Es ist schlimm für uns, aber ich konnte es leider nicht 
ändern. Was gedenken Sie nun zu tun?" 
Heinz zuckte die Achseln. 
„Ich bin eigentlich ganz ratlos," sagte er. „Ich wollt« 
die KomteU /Mldendorff bitten, mich zu der Frau Long 
tree zu begleiE- ja so, Sie wissen ja noch nicht, 
welches ErgebniLMein Gestriger Besuch in dem Hotel ge 
habt hat." 
Er unterrichtete ihn mit einigen raschen Worten, alles,' 
was ihm nebensächlich schien, fortlassend. Mit rasche, 
unruhigen Schritten ging Herbert während seiner Er 
zählung im Zimmer auf und nieder, den Kopf so ttef 
gesenkt, daß Heinz nichts von dem Ansdruck seines Gesicht» 
wahrnehmen konnte.
        
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