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Periodical volume Nr. 136, 20.06.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Zeit vom 1., August bis 14. September bis auf den vom 
15. September ab geltenden, demnächst festzusetzenden 
Kreis herabsetzen. Für die Abgabe durch den Erzeuger 
im Kleinverkauf können durch den Reichstninister oder 
Landeszentralbehörden andere Preise festgesetzt oder zu 
gelassen werden. 
ö Die Rote Kreug-Medallle 3. Kl. erhielt Frau Sa 
nitätsrat Bred'now, Schmargcndorferstr. 12. 
o Ettcrnbeirat der 3. Ganyeindcschule. Der Vorstand 
des Vaterländischen Frauenvereins teilt uns mit Bezug 
auf die Ausführungen der Unabhängigen über die Essen 
ausgabe ^ an .-den Gemeindeschulen mit, daß der Baterl. 
Frauenverein aus an Hilfskräften die Essenaus 
gabe für die Gemeindeschulcn zunächst ablehnen mußte; 
nachdem es aber dem Vorstand gelungen war, weitere 
Hilfskräfte zu erhalten, hat Frau Wetzell Herrn 'Rektor 
Schildberg schon am Donnerstag morgen die Bereitwillig 
keit ausgesprochen, auch für die Gemeindeschulen die 
Essenausgabe auszuführen. 
o Die Dcrihandlungeni zwischen den Vertretern dcs 
Verbandes der Berliner Krankenkassen und der Aerzteschast 
haben noch zu keinem Abschluß geführt. Die ärztliche 
Honorarforderung ist mit 1 v. H. des versicherungspflich- 
tigen Einkommens sämtlicher Berliner Kassenmitglieder in 
Höhe von 46,50 M. pro Kopf und Jahr berechnet. Während 
die Aerztevertreter von dieser Forderung auf 32 M. mit 
25 v. H. abbaufähigem Teuerungszuschlag herunterge 
gangen sind, und dieses Entgegenkommen ihren Auftrag 
gebern empfehlen zu wollen, sich bereit erklärten, hielten 
die 'Krankenkassenvertreter namens des Verbandes an dem 
von ihnen gemachten Angebot von 26 M. fest. Gegen 
über dem ärztlichen Vorschlag einer schiedsgerichtlichen Ent 
scheidung wünschten die Kassenvertreter vorher noch ein 
mal ihre Auftraggeber zu befragen. 
obh Behandlung des Gefrierfleisches. Die Verwal- 
tungsabtcilung der Reichsfleischstelle hat an die Landes- 
und Provinzialfleischstellen eine Anweisung über die Be 
handlung des Gefrierfleisches in der warmen Jahreszeit 
herausgegeben. In dieser Anweisung werden Kellerräume 
wegen der dumpfen und feuchten Luft als ungeeignet zur 
Aufbewahrung des Fleisches bezeichnet. Die einzelnen 
Fleischstücke sind hängend aufzubewahren; sie aufeinander 
zulegen, ist unzweckmäßig. Schimmelpilze sind mit dem 
Messer abzunehmen und nicht abzuwischen. Die Zer 
legung des Fleisches in kleine Stücke soll erst unmittel 
bar vor der Abgabe im Kleinverkehr erfolgen, um Saft- 
verluste möglichst zu vermeiden. 
o Werber für die Fremdenlegion sind auch in Groß- 
bcrlin aufgetaucht. Die Sicherheitspolizei verhaftete in 
Berlin den wohnungslosen, Sprachlehrer Fritsche, als er 
auf der Straße mrt einem jungen Arbeiter verhandelte, 
um ihn zum Eintritt in die französische Fremdenlegion 
zu bewegen. 
o obh Dir SstWrschencrüte in der Mark ist nicht 
so ausgefallen, wie man nach der überaus reichen Blüte 
erwarten durfte. Die ungünstige Witterung hat eine gute 
Befruchtung nicht zugelassen, sodaß sich von jedem Blüten- 
büfchel meistens nur eine bis zwei Kirschen entwickeln 
konnten. Die größte Zahl siel in Erbsengröße ab. Der 
festgesetzte Mindestpreis von 120 M. für den 'Zentner 
ist demnach, wie der „Erwerbsobstzüchter", der Nach 
richtendienst der Deutschen Obstbaugesellschaft in Eisenach 
aus Gransee berichtet, auch reichlich niedrig für die mühe 
volle Erntearbeit, und die Preisnotierungen auf dem Ber 
liner Markt beweisen, daß die Nachfrage größer ist als 
das Angebot. Die kaufende Bevölkerung wälzt immer 
die Schuld an den hohen Obstpreisen auf den Züchter, 
was aber in den seltensten-Fällen gerechtfertigt ist. 
o Sei« erftvÄ Platzkiytzart zum Besten der Kriegs 
hinterbliebenen wird der „Friedenauer, Männer-Gesang- 
verein 1875" am Mittwoch, den 30. d. Mts., abends 
Vz9 Uhr im Birkenwäjdchen abhalten. Die Einwohner 
werden dringend gebeten, die Anlagen nicht zu zerstören 
und den Anordnungen der Aufsichtführenden Folge zu 
leisten. Vortragsfolge und alles weitere werden wir noch 
bekannt geben. . 
o Gegen die Vergewaltigung der Slbstimmn>Ugs^Me1e 
richtet sich eine öffentliche Kundgebung, zu der die Ver 
mittlungsstelle Vaterländischer Verbände zu morgen, 
Sonntag, Vormittag 11 Uhr nach dem Zirkus Busch, ein 
lädt. Der Eintritt ist frei. . .i 
o In der öffentlichen Versajuintlung der U. S. P. D., 
die gestern Abend im Bürgersaal des Rathauses statt 
fand, sprach der Berliner Stadtverordnetenvorsteher Dr. 
W e y l. Er vertrat zunächst den Standpunkt der Komnni- 
nalisierung der Lebensmittelvchlsorgung, verschiedener 
Handwerksbetriebe usw.. Er meinte, es müsse dem kleinen 
Gewerbetreibenden dock» lieber sein, wenn er als Fachmann 
in einem Kommunalbetriebe angestellt sei und auskömm 
lich bezahlt werde, als wenn er zum gewerblichen Pro 
letariat herabsinke. Ganz entschieden müsse Man gegen 
den von den Rechtssozialisten aufgestellten Grundsatz der 
Sozialisierung „gegen angemessene Entschädigung" sein. Die 
großen Aktionäre sollten vielmehr zufrieden sein, wenn 
sie nicht noch etwas herauszahlen müssen. Er warf den 
Rechtssozialisten vor, daß sie die Anleihewirtschast im 
Kriege mitgemacht und den .Krieg mitverlängert haben. 
Gegen die „Arbeiterlöhne werde immer gesprochen, aber 
wenn die Beamten mit Forderungen kommen, dann haben 
die bürgerlichen Parteien.eine offene Hand. So fordere 
der Charlottenburger Oberbürgermeister jetzt ein Gehalt 
von 75 000 M. und der Charlottenburger Bürgermeister 
von 60 000 M. (Zurufe). Weiter sprach er über die 
Mißwirtschaft im Schuhhandel. Die Schuhhäuser seien bis 
zum Dach gefüllt, wogegen mancher mit zerrissenen 
Schuhen herumlaufen müsse, weil er die hohen Preise 
nicht zahlen -könne. Nachdem er noch die Mißstände im 
Wohnungswesen angeführt hatte, forderte er namentlich 
die Frauen zur Wahl der U.S.P.D.-Liste auf. Er be 
dauerte es, daß die Frauen in der Mehrzahl rechts ge- 
wählt haben, Parteien, die früher von ihnen nichts wissen 
wolltet,. Es sei doch sonst nicht Art der Frauen, sich 
denen an den Hals zu werfen, die von ihnen nichts wissen 
wollen. So möge man die unabhängige Liste wählen, 
damit man in Berlin einen unabhängigen Freistaat er- 
richten könne, zum Vorbilde fstr die ganze Internationale. 
Herr G.-V. D e t t m e r behandelte in seinen Ausführungen 
hauptsächlich die Eingemeindungsbestrebungen und die 
Tätigkeit von V.B.G. und Bürgerausschuß. Er hätte 
für Berlin das Einkammersystem gewünscht, sprach über die 
jetzigen Verhältnisse, wodurch es dem Magistrat'Möglich 
sei, Beschlüsse? der Shavtverordnetenversammlüng umzu- 
stoßen, führte hierfür einige Fälle an und sprach ferner 
über Wohnungswesen «id Barackenbau, Wer die Schul 
verhältnisse und die Gewährung freier Lernmittel. — 
In der Mssprache nahmett^WMltzMgg-r tzxr U.S.K.D. 
das Wort, die im Sinne der Hauptredner sprachen. Dr. 
Wehl konnte darnach in seinem Schlußwort auch wieder 
nur zur regen Wahlbeteiligung für die unabhängige Liste 
auffordern. 
Befürworter 
SMlNiiw! Sitöluaas« unD »kmuWM 
sind 
MW liiWfcgMl 
o Eiye halbe Milk,hon gestohlen. Der Kaufmann Karl 
Herrmann aus der Schwäbischen Straße 28 hatte Be 
ziehungen zu der Wirtschafterin des Kaufmanns Schilde 
im Nachbarhause angeknüpft. Da sie plötzlich erkrankte, 
besuchte er sie in der Wohnung. Während die Wirtschaf 
terin das Bett hüten mußte, benutzte Herrmann die Ge 
brach eine Kassette, die 70 Goldstücke und eine ganze 
legenheit, den abwesenden Schilde zu bestehlen. Er cr- 
Anzahl von deutschen und ausländischen Banknoten im 
Werte von einer , halben Million enthielt, und flüchtete 
mit dem Inhalt.' ' '' 1 —' — 
: 'i 1 , 1 rCTTTTt 
Vereins 
)( Die Deutsche Bolkspartri macht darauf aufmerksam, daß 
die Wahllokale für die' Stadt- und Bezirksverordnetenwahl in 
denselben Räumen wie bei der Reichstagswahl untergebracht 
sind und daß die Wahl diesmal bis 7 Uhr nachmittags dauert. 
Bei der. außerordentlichen Bedeutung dieser Wahl für die Ent 
wicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse von Groß-Berlin darf 
keine Stimme fehlen. Die von der Gemeinde für die Reichstags 
wahl ausgegebenen Ausweiskarten gehen auch für die Wähl 
am '20.'Juni.' Wenn die AusweiskarteN abhanden gekommen' 
sein sollte, wird- empfohlen, - andere Ausweispapiere wie Steuer 
karten, Jnvaliditätskarten oder ähnliche Schriftstücke vorzulegen. 
)( D. H. V, Jugendabt., Ortsgruppe Friedenau, heute 
Abend 7i/s Uhr, Versammlung im Jugendheim, 3. Gem:-Schule, 
Offenbacher Str. 6a, 4. Stock, großer Saal: Geschäftliches, Un 
terhaltung, Briefmarkentausch usw. Gäste und Freunde bitte 
mitzubringen. 
)( Männer-Turn-Bcrein e. V. Die 1. Männer-Abtci« 
lung unternimmt morgen, Sonntag, Nachmittag einen Ncincn 
Ausflug nach Dahlem über Steglitz. Besichtigung des Bota 
nischen Gartens unter Führung des Tg. Rohrbach. Nachdem 
gemeinsames Kafscetrinken — evtl, einen gemütlichen Kegel 
stamm. Treffpunkt 2 hUr an der Kaisereiche. Gäste willkommen! 
X Jugendgruppe der Dtsch., Volkspartei. Montag, den 21. 
Juni, volkswirtschaftl. Besprechungen und Leseabend, Jugend 
heim, Osfenbacherstr. ■ i ; ' ' • ' 
)( Deutschnationaler HandlungSgehilfen-Vcrband (Sozial-' 
politi,chcr Ausschuß der A. G. B.) Montag, den 21. Juni, abends 
71/2 Uhr im Gewerkschaftshause, Oberwasserstraße 12, Sitzung 
mit anschließendem Vortrag des Herrn Bruno Pltntz über: „Das 
Taylor-System". Zu dem Vortrag haben alle Mitglieder Zu 
tritt. Beginn des Vortrages 8.30 Uhr. 
)(■ Der Friedenauer Mieterbund veranstaltet mm Mitt 
woch, den 23. d. Mts., abends %8 Uhr, im-Festsaal des Resörm- 
realgymnasiums (Homuthstraße) eine öffentliche Versammlung. 
Es sprechen: Herr B .Schwarz über: „Die Kohlenfrage im' 
kommenden Wüuer's^Exzellmz'Wollniann über: „Die Not 
wendigkeit der Mieterausschüsse": Herr Götze über: „Neue 
Miet-,erhöhungcn durch Zuschlagserhöhungen". Bei der Wich 
tigkeit der zur Behandlung stehenden'Gegenstände ist zahlreiche 
Bete-.igung her Mieterschaft erwünscht. 
Ctfrntn, Spiel, Sport 
s Dos Podbielski-Fest, die größte diesjährige Stadion 
veranstaltung beginnt am kommenden Sonntag, nachmittags 3,30 
Uhr mit leichtathletischen Wettbewerben, verbunden mit Radi 
rennen und Geräteturnen/ Gleichzeitig finden im Schwimm-, 
lbecken Wettkämpfe der Berliner Schwimmvereine statt. An das 
Programm schließt sich der Städtewcttkampf Dresden—Berlin an, 
der jn der Zeit von 6,10 Uhr bis 7,10 Uhr stattfinden wird. 
Eintrittspreise: Loge 10 M., Schwimmbahntribüne 4 M., die 
übrigen Plätze 2 M. 
ZuTdmften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
An alle Wähler und Wählerinnen Friedenaus! 
Noch nie war die Unklarheit darüber, welcher Stimm'- 
zcttel bei der nächsten Wahl abgegeben werden soll, so groß 
wie diesmal, wo es zur Stadtverordnetenwahl für Groß-Ber 
lin geht. Ich empfehle allen denen, die ihr Verhalten am 
Sonntag jetzt noch klären wollen, die Versammlung heute Abend 
8 Uhr im Friedenauer Rathaus aufzusuchen, wo die bekanntesten 
und erfahrensten Kommunalpolitiker Groß-Berlins, unter ihnen 
Schönebergs Oberbürgermeister, über Kommunalpolitik sprechen 
werden. F. Leonhardt. 
Befürworter 
ausreichender Lebens«ittelversorgvug 
zu erschwinglichen Preisen sind stcis 
MANr-8i>rlMWlrt>lk» iS. P. 2.) 
MW W GjEDllllüIi JOfmirÄOtilSll 
„Bevor wir uns indessen zu diesem im Interesse Aller? 
aufs höchste zu bedauernden Schritte entschließen, fordern 
wir hiermit jeden einzelnen unserer Arbeiter nochmals 
ausdrücklich auf, ab heute, den 13. Juni, nachmittags 
IV« Uhr, fortan wieder reguläre Arbeit zu leisten und 
dafür Sorge zu tragen, daß das auch seitens aller im 
Werke beschäftigten Arbeitskollegen geschieht. Geschieht cs 
nicht, behalten wir uns vor, von dem Rechte sofortiger 
Entlassung nach § 123, 3 und ff. der Gewerbeordnung 
sofort Gebrauch zu machen. Wir appellieren'in letzter. 
Stunde noch einmal an die Einsicht unserer Arbeiterschaft, 
und erwarten von derselben, daß sie uns ersparen wird, den 
angekündigten Schritt zu verwirklichen." . 
Am gleichen Nachmittage gab die Direktion durch An 
schlag bekannt, daß infolge der Andauer der passivere 
Resistenz der Betrieb geschlossen werde, und di^ gesamte 
Arbeiterschaft ab 14. Juni 1919 entlassen sei. s ' v 
Die Kläger erhoben vor dem zuständigen Gewerbe 
gericht Klage- auf Zahlung ihres Lohnes während der 
Aussperrzeit, und das Werk wurde zur Zahlung mit der 
Begründung verurteilt, daß nicht bewiesen sei, daß auch 
die Kläger sich an der Resistenz beteiligt hätten. Ohne 
weitere Beweiserhebungen hat das Landgericht Leipzig 
unter Aufhebung dieses von der betreffenden Firma an-, 
^gefochtenen Gewerbegerichtsurteils die Klüger mit der 
Klage abgewiesen. Die auszugsweise wiedergegebenenj 
Entscheidungsgründe führen folgendes aus: - 
„Dem Rechte der Arbeiterschaft auf Einstellung dev 
Arbeit, um bessere Arbeitsbedingungen zu erzwingen, ent 
spricht das Recht des Arbeitgebers auf Schließung des Be 
triebes. Dieses Recht kann dem Arbeitgeber nicht abge 
sprochen werden, wenn die Arbeiterschaft den Lohnkampf 
in der Weise führt, daß sie zwar äußerlich weiterarbeitet, 
also ihren Verpflichtungen aus dem Arbcitsvertrage nach 
kommt, gleichzeitig aber ihre Arbeitsleistung derart ge 
flissentlich eingeschränkt, daß das Gesamtergebnis des Be 
triebes gegenüber dem früheren Ergebnis erheblich zurück 
bleibt. Dieser Fall lag nach den Aussagen der vernom 
menen Zeugen hier vor. Das wird auch von den Klägern 
nicht bestritten. Wenn die Kläger geltend machen, daß sie 
beide persönlich sich an der Resistenz nicht beteiligt hätten, 
so können sie damit nicht gehört werden. Auch sie haben 
sich an der Lohnbewegung mit beteiligt, die Lohnerhöhung 
wurde für die gesamte Arbeiterschaft, also auch für sie 
mit, erstrebt. Dem entsprach cs, daß sich die Androhung 
der Beklagten vom 13. Juni 1919 vormittags an die ge^ 
samte Arbeiterschaft richtete." 
Im Urteile wir weiter dargelegt, daß jeder einzelne 
Arbeiter sich gegenüber der Bekanntmachung der Beklagten 
vom Vormittag des 13. Juni 1919 habe sagen müssen, daß 
das Beharren seiner Arbeitskollegen in der Resistenz! auf 
ihn selbst zurückwirken werde, und das Gericht fährt 
dann fort: 
„Es genügte daher nicht, daß der einzelne Arbeiter 
von der Resistenz, die er etwa bis dahin ausgeübt hatte, 
abließ. Er mußte sich vielmehr auch vergewissern, daß 
dies auch seitens der übrigen Arbeiterschaft geschah. An 
dernfalls mußte er gewärtig sein, daß die sich hieraus' 
ergebende Folge, die Schließung des Betriebes, auch ihn 
treffen werde. Dem einzelnen Arbeiter blieben angesichts 
der durch diese Bekanntmachung geschaffenen Lage nur 
zwei Wege übrig. Er mußte entweder auf seine Mitarbeiter 
einwirken, daß der stillschweigend oder ausdrücklich'gefaßte 
Entschluß zur Resistenz rückgängig gemacht wurde, oder 
er mußte der Beklagten gegenüber ausdrücklich zum Aus 
druck bringen, daß er für seine Person die Solidarität 
mit den etwa in der Resistenz Beharrenden aufgebe. Tat 
er-keines von beiden, so setzte er sich der Gefahr aus, mit 
diesen als solidarisch behandelt zu werden. Das mußten 
beide Kläger sich sagen." 
Endlich wird auch der von den Klägern gebrachte Ein 
wand, die Tischler hätten die Androhung nicht auf sich 
bezogen, damit zurückgewiesen, daß gesagt wird: 
„Die Androhung war an die gesamte Arbeiterschaft 
gerichtet, die Lohnerhöhung wurde auch für die Tischler 
mit ^ erstrebt. Wollten die Tischler sich den Folgen der 
Androhung entziehen, so mußten sie der Beklagten aus 
drücklich erklären, daß sie die Lohnerhöhung aufgäben 
und sich an der Resistenz nicht beteiligten: Es' bedarf 
deshalb keiner Nachprüfung, ob die Fortführung des Be 
triebes der Tischlerei möglich gewesen wäre oder nicht." 
Im Anschluß an diese Urteilsbegründung betont Dr. 
Hagen, u. a. daß die passive Resistenz für den Arbckit- 
geber noch schädigender sei, wie ein Streik; denn der wirt 
schaftliche Effekt sei fast der gleiche, die Belastung des' 
Werkes durch die weiterlaufenden Löhne aber eine ungleich, 
größere. Unerträglich aber würde cs für die Industrie 
sein, wollte man — wie das die Ansicht des Gewerbege 
richts gewesen sei — dem Arbeitgeber bei einer infolge 
passiver Resistenz eintretenden Schließung des Betriebes 
zumulen, jedem einzelnen Arbeiter gegenüber den strikten 
Beweis zu erbringen, daß auch er sich am untätigen Wider-, 
stände beteiligt habe. 
Kirchliche Nachrichten. 
Sonntag, den 20. Juni 1920. 
Kirche zum guten Hirten: Vorm. 10 Uhr: Pfarrer 
Marquardt. Vorm. 11% Uhr: Pfarrer Marquardt, Kindcr- 
gottcsdienst. Abends 6 Uhr: Pfarrer Buchholz.' 
Alt-Schöiieberger Panl-Geryardt-Kirche: 10 Uhr: P. 
Delbrück. 11,30 Uhr: Kgd. P. Delbrück. 6 Uhr: P. Braun, 
Nathanaclkirche: 8,30 Uhr: P. Becker. 10 Uhr: P. 
holz. 11,30 Uhr: Kgd. P. Buchholz. 
-llsckiricklen 
Passive Resistenz «ad Aussperrung 
In den „Mitteilungen des Deutschen Jndustric-Schutz- 
verbandes" bespricht Rechtsanwalt Dr. Reinhold Hagen 
in Leipzig den Ausgang eines Prozesses, der sich um die 
Frage drehte: Erstreckt sich das Recht des Arbeitgebers auf 
Aussperrung der Arbeiterschaft im Falle allgemeiner 
passiver Resistenz auch auf den einzelnen Arbeiter, der 
solchen Widerstand etwa nicht geleistet hat? 
Dem Prozesse lag folgender Tatbestand zugrunde: Jn 
einem der Automobilbranche angehörigen Werke verlangte 
im Juni 1919 der Arbeiterausschuß für alle Arbeiter des 
Betriebes eint Lohnerhöhung. Diese Bewegung gilig von 
den Metallarbeitern aus, und da die Lohnerhöhung nicht 
bewilligt wurde, übte die Arbeiterschaft passive Resistenz 
aus. Die Kläger — die Tischler sind — »vollen an der 
passiven Resistenz nicht teilgenommen haben. . Als nach 
ergebnislos verlaufener WerkstattversanInlnng die Ar 
beiterschaft beim passiven Widerstand verharrte, gab die 
Direktion am 13. Juni 1919 vormittags durch Anschlag 
der» ArdritK^chafl bekannt, daß sie sich nötigenfalls nnn- 
mehr zur Schließung ihres Betriebes geiMigt sehe/ und. 
Wetternachrichten. 
Sonntag: Ziemlich kühl, zunächst überwiegend trübe 
und etwas Nebel mit leichten Regenfällen und mäßigen 
nordwestlichen Winden. Spüler zeitweise ousklärend. 
Berantw. Schriftleiter: Hermann Marti»!«- in D-rlm-Friedenart, 
Hierzu eine Beilage. 
Uhr. Rhein-- 
Bei Betriebsstörung, Streik usw. hat der Be-jeber keinen Anspruch 
w-’.f Lieferung oder Nachlieferung des Lvtai-Anzciaers oder auf 
hlung des Bezugspreises,
        
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