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Periodical volume Nr. 129, 11.06.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Bürgermeister Walgcr telephonierte an den Steglitzer Bürger 
meister Burow und hörte von ihm, daß in der Feldstratze scharf 
geschossen worden sei, und daß Burow die Steglitzer Einwohuer- 
wehr.alarmiert habe. Darauf erklärte Bgm. Walgcr, gegen die 
Alarmierung keine Einwendungen zu haben. Die Betr. setzten 
sich mit Schröder in Verbindung und veranlaßten ihn, den Alarm 
vorzunehmen. Es kann als zweifellos angenommen'werden, daß 
Schröder von verschiedenen Seiten auf Ansammlungen und der 
gleichen hingewiesen worden war; auch hatte er von der Alar 
mierung der Wehren der Nachbar-gemeinden gehört. 'Aus Grund 
dieser Nachrichten, von denen sich später die schwerwiegendsten 
notorisch als unwahr erwiesen haben, alarmierte er, ohne sich 
zunächst Gewißheit zu verschaffen, ob oder wie wejt die Lage für 
einen Alarm reif sei. Auch wurden die einzelnen Meldungen 
und die Namen der Betreffenden nicht protokolliert. Die Po 
lizei hatte die Anregung zum Alarm nicht gegeben. Auch hat 
die Wehr-sich mit ihr nicht beraten, bevor sie den Beschluß faßte, 
noch hat sie hinterher mit ihr Fühlung genommen über daö bei 
derseitige Verhalten. Andererseits haben Personen der Wehr 
sich vielfach im Polizeibureau und umgekehrt bisweilen Schutz 
leute ans der Einwohnerwehr eingefunden. Wie immer Ge-! 
rüchte, Ivcnn sie von maßgebenden Stellen nicht sofort auf das 
wahre Maß zurückgeführt werden, ins Un'gemcsscne anschwellen, 
so hieß eS auch bald bei der BefehlSdurchgäbe zum Alarm, 
vielfach, die Post sei von Spartakisten erstürmt und Müsse zurück 
erobert werden. (Zurufe.) Der Aiarmbcfehl brachte in kürzester 
Zeit die Melder au; die Beine, sodaß nach etwa einer halben Stunde 
schon eine Anzahl Mannschaften auf dem Rathaus.sich eiufand. 
Nc^h etwa 2 Stunden waren etwa 60 Mann anwesend. Andere 
Teile hielten sich zunächst auf ihren Alarmplätzen. 
Nachdem genügend Mannschaften eingetroffen waren, schickte 
Schröder gegen 1l' Uhr vormittags die erste Patrouille unter 
Leutnant Lebrecht nach den, Rheineck, »Nt die Lage festzustellen, 
in der Annahme, daß die Vorgänge, die ihm den Anlaß zum 
Alarm boten, in Friedenau geschehen seien. Gleichzeitig entschloß 
er sich, vor dem' Rathaus ein Drahtverhau zu errichten. Die 
Patrouille Lebrecht fand die Ansammlungen auf Steglitzer Ge 
biet stehend, jedoch zog sich die Msasse an die Wehr heran.; 
ES kam zu Rede und Gegenrede; zuni Tidil waren bei der 
Patrouille auch .Offiziere mit Achselstücken; jedenfalls hatten 
säst sämtliche Patrouilleilgänger den feldgrauen Rock an, außer 
dem trugen, sie Armbinden. Die Patrouille wurde selbst ge 
wahr, daß ihre Lage keine günstige war; denn einerseits konnte 
sie der Menge nicht Herr werden, ohne zu schießen, andererseits 
lag aber dazu ' fei« Grund vor. Infolge des tatkräftigen 
Eingreifens besonnener Elemente erschien cs zweckmäßig, sich 
vom Publikum loszulösen, jedoch machte die Patrouille etwas 
weiter .rückwärts an der Rönnebergstraße wieder halt. In 
zwischen war ^ Schröder (nicht durch Lebrecht) gemeldet worden, 
daß die Patrouille Lebrecht in Schwierigkeiten sei. Deshalb 
wurde unter. Oberleutnant Professor Dr. Winkler eine zweite 
Patrouille nachgeschickt. ' l 
Ann Rheineck hatte das Publikum zur Wahrung des Gene 
ralstreikes alle Gefährte angehalten und die Fahrgäste zum 
Aussteigcn' genötigt. Außerdem wurden einigen militärischen 
Personen die Waffen fortgenommen, und dergleichen. Es kann» 
ohne weiteres' als, wahr angenommen werden, daß das Publi 
kum zu weit ging; z. B. sind auf Steglitzer Gebiet Auto 
reifen und Polster zerschnitten; auch ist ein Fahrrad zerschlagen 
worden. Die Autos wurden von der Menge fortgeführt, Rach 
den vorliegenden Aussagen muß angenommen tverden, daß ein 
Auto dabei völljg in Verlust geraten ist. Die Ortspolizei konnte 
nicht viel ausrichten; passierende Offiziere sind schwer belästigt wor 
den. (Zuruf.) Es kam dann auS Richtung Schöneberg ein starker 
- Zug einer Osfizierkompagnie (Wartburg-Kompagnie), der nach 
Steglitz zum Schloß-Restaurant marschieren sollte. Die Ofsizierc 
Poaren .meistens in Mannschaftskleidung. (Zuruf.) Der Führer 
lvax. seiner Aufgabe nicht gewachsen, gebürdete sich unbeholfen 
uno erregt, und es. kam zu Mißdeutungen, weil er mit einen« 
Stocke herumfuchtelte. 
Das PrüsungsergebniS läßt nicht den Schluß zu, daß diese 
Offiziers-Patrouille hierhergerusen worden ist; andererseits, kann 
auch das Gegenteil Pavon sticht behauptet werden .Die Ein- 
tvohnertvehr und die Verwaltung stehen nach den Aässagen dem 
’ Kommen der , OssizicrSpatrouille fern. 1 1 
Jedenfalls lief sich auch diese Abteilung, die ebenfalls 
Armbinden trug, am Rheineck fest, und es kam erneut zu leb 
haften Auseinandersetzungen mit dem Publikum. Schließlich ge 
lang es der Offiziers-Kompagnie, den Marsch in südlicher Rich 
tung fortzusetzen. Weitere Nachrichten veranlaßten Schröder z>« 
dem Entschluß, daß zur Aufrechterhaltung der'Ruhe und Ordnung 
etwas geschehen 'müsse) Er ließ den Zug Stabe noch heran 
ziehen. Das Publikum, daZ an sich, durch die politische Span 
nung sich in großer Erregung befand, ist zweifellos durch die 
Art des Auftretens der Offizicrsabtcilung herausgefordert wor 
den. Es war dein Publikum aber zum großen Teil nicht 
' "möglich, zu erkennen, daß die Ofsiziersavteilnng mit der hiesigen 
Einloohnerlvchr nichts zu tun hatte. Da die OsfizierS-Kom- 
pagnie sehr forsch auftrat, so wurde 'sie als mehr oder weniger 
kappfreundlich angesehen. - Die Meinung wurde daun auch auf 
die Einwohnerwehr übertrage». 
» Obwohl die Patrouille Lebrecht bald nach dem Rathaus 
zurückkehrte, und' nach etlichem Zeitabstand auch die Patrvuiile 
Winkler, fand die Abneigung des Publikums gegen jede militäri 
sche Bevormundung leider fortgesetzt neue Nahrung, indem der 
Ort fortgesetzt passiert «vurde von stark bcwassnetcu fliegenden 
Maschiüengewehrtrupps, Paiizerautos und dergl., die bekannt 
lich schpn durch ihr rücksichtsloses Dahinsausen, die Haltung an 
den Gewehren und dergl., in solcher Zeit verstimmend wirken. 
So Ivurden auch von einer kleinen Mannschaft der grünen 
Sichcrheitswchr am Lauterplatz Schreckschüsse abgegeben; diese 
. Leutck sollen von einem Einwohner hergerufen «vorden sein, bei 
dein-^er vertvundete Soldat in der Kaiserallee Unterschlupf 
. gefunden hatte. \ 1 
Es läßt sich «licht nachweisen, ob diese kleineren Trupps 
rein zufällig hier durchkamen oder gerufen worden sind. Die 
Einwohnerwehr als solche steht ihrem Kommen jedenfalls fein; 
dagegen liegen Aussagen vor, daß dieser oder jener Offizier 
ihm nahestehende Truppenteile beeinflußt haben könnte. Ande 
rerseits ist" der Charakter der Rheinstraße als einer Durchgangs- 
straßc für derartige 'Transporte nicht zu verkennen. Während 
dessen wirrde am Lanterplatz das Publiistm von der Ein 
wohnerwehr zerstreut. Es liegt eine Reihe von Anhaltspunkten 
dafür vor, daß die Wehr hierbei nicht verfahren ist. wie es eine 
Pvlizeimanizschaft macht, sondern es sind dabei Heißsporne in 
Erscheinung getreten, welche Festnahmen bewirkten und 'letzten 
Endes die' Gereiztheit des Publikums förderten. (Zurufe.) 
Die Gerüchte, daß seitens der Patrouille Lebrecht oder 
Winkler Schlägcrcicn mit dein Publikum vorgekommen sind, sind 
als unwahr zurückzuweisen, ebenso sind seitens der Wartburg- 
Kompagnie tätliche Zusammenstöße «nit dem Publikum nicht er 
folgt. Auch in der Mittagsstunde sind wieder Abteilungen in der 
Richtung von Süden nach Norden durchmarschicrt. 
, Eine Fühlungnahme zwischen der Wartburg-Kompagnie und 
der.Einwohnerwehr fand nicht statt. ‘ 
Beunruhigende Nachrichten legten Schröder weitere Maß- 
IIahmen nahe, da kam cs ihm gelegen, daß die Marinetruppe von 
Schönebcrg kam; er ließ eine Kolonne der Einwohnerwehr 
mit etwa 300 Meter Abstand sich anschließen. Als Zweck wird 
teilweise angegeben, um die Straße freizuhalten, teilweise als 
ßAückcndeckung. für die Truppe". 
* Als die Truppe dann üpcr Rheineck hinaus weiter rückte 
und die Wehr am Rheineck stand, wurde die Einwohnerwehr vom 
Publikum, daS Beziehungen zwischen Einwohnerwehr und Kapp- 
truppen vermutete, sehr ungnädig behandelt, so daß sie froh 
war, als die Truppe nach etwL^^Ninltteii zurück war. Der 
Führer der Einwohnörwehr-ASF ^WUs-auPtmann Krüger, teilte 
„Mm Führer seinen Auftrag mkr-«L?SUWjSchießcrci der Truppe 
'ist bifcJBcfit unbeteiligt gewewul' Das Publikum hat auch. 
' s ^ rf vorgegm 
War es in der »8iMn Arche W. 
Brot:. 1600 Gramm und 300 Gramm Kleingebäck oder 
1900 Gramm Großbrot. 
Fleisch: steht noch nicht fest.» / 
Pferdefleisch: ans Nr. 9 der Pferdefleischkarte. 
Butter: 20 Gramm 75 Pfennig und 70 Gr. Schmalz 
2,80 Mark,, sowie 130 Gramm Schmalz 5,20 Mark 
auf Svnderabschnitt der Speisefettkarte. 
Kartoffeln: freihändig auch an Nicht-Friedenauer. 
Zucker: Vom 16. bis 30. Juni V» Pfund. Ferner 
für Kinder im 1. Lebensjahre IS/, Pfund, im 2. Lebens 
jahre 1 Pfund und im 3. bis 7. Lebensjahre Vs Pfund 
im Monat. ' 
Abholung 15.—17. Juni. 
Aus Groß-Berliner Lebensmittelkarte: 
Graupen: 125 Gr. auf 30; Pfund 72 Pfennig. 
Auf Berlin-Friedenauer Nährmittelkarte: 
Haferflo cken:. 125 Gr. und 125 Gr. Nudeln auf 25; 
Pfund Hafcrflocken 1,40 M., Nudeln 2 M. 
Weizenküchenmehl oder Cerealmehl oder Kar- 
tüfselstärkemchl 125 Gr. und 100 Gr. Kartoffelwalzmchl 
auf 26; Pfund Weizenküchenmehl 80 Pfg., Cerealmehl 
80 Pfg., Kartoffelstärkemehl 2,90 M., Kartoffelwalzmehl 
1,20 Mark. 
G e hbe Er b sc n: 250 Gr. und 500 Gr. wtziße Bohnen 
auf 27; - Pfund Erbsen 3,50 M., Bohnen 3,50 M. 
Marmelade: 250 Gr. und 250 Gr. Kunsthonig auf 
28; Pfund Marmelade 5.20 M., Kunsthonig 6,50 M. 
Linsen: 250 Gr. auf 29; Pfund 3,50 M. 
Gedörrte Mohrrüben, Pfund 2,40 Mark, ged. 
Weißkohl. Pfund 2,20 Mark, ged. Zwiebeln, Pfund 3,20 
Mark, Puffbohnen, Pfund 4 M«xk, Bohnen in Schweine 
fleisch, Dose 5 Mark, Malzextrakt, Dose 4 Mark, Milch- 
süßspeise, Paket 60 Pfg., Suppenwürfel 15 Pfg., gelbe 
Erbsen, Pfund 3,50 Mark, weiße Bohnen, Pfund 3,50 
Mart, freihändig in den Gemcindeverkaufsstellen. 
S on der zuw eisung: An die Einwohner über 60 
Jahre: 500 Gr. Gerstenflocken, vom 7.—12. Juni in den 
Gemeindeverkaufsstellen gegen Abstempelung der Nr. 11 
der Äusweiskartc; Pfund 75 Pfg. 
Lebensmittelvcrtettung in Schöneberg. \ 
In Berlin-Schöncberg findet bis zum 15. Juni Vor 
anmeldung statt für 125 Gramm Hafcrflocken auf Ab 
schnitt 29 der allgemeinen Lebensmittelkarte und 250 Gr. 
ansl. (belgische) Marmelade auf Abschnitt 28'der roten 
und grünen Schöncbcrger Bczugskarte. Ausgegeben wer 
den in der nächsten Woche: 200 Grarnm Linsen auf Ab 
schnitt 27, 125 Grämn: Gcrstcnfabrikate auf Abschnitt 28 
der allgemeinen Lebensmittelkarte, ' 1 Päckchen Penners 
Rote Grütze und Soßenpulver auf Wschnitt 16 der roten 
irnd 'grünen Schöneberger Bezugskarte. Ferner Fort 
setzung des Verkaufs von 250 Gramm Kunsthonig auf Ab 
schnitt '20 und 150 Gr. Cerealmehl auf Abschn. 26 der 
allgemeinen 'Lebensmittelkarte. 
Für die Entnahme von Brotkartenmehl gilt neben der 
Brotkarte für die Woche vom 14. bis 20. Juni der Ab 
schnitt 29 der roten und grünen Schöneberger Bezugslartc. 
, Der Verkaufspreis für Reis auf Bezugsscheine beträgt 
nach wie vor 3 M. für das, Pfund. 
Cs stehen zur Zeit an Kommunalwaren zum Verkauf: 
Männerhemden, Unterhosen, Futterstoff, Drell, Drell- 
hoseü, Handtnchstosf, Hemdenstoff, Kindertrikots', Kinder- 
strümpfe, Erstlingshemden, Erstlingsjäckchen, Hosenstoff, 
Mantelstoff, Damenröcke, Damenmäntel, Stoff zu Knabcn- 
anzüc-cil. Näheres ani schwarzen Brett und Zimmer 217 
des tzteuen Rathauses. 
Zusammeusetzuilg des Publikums Beweise dafür, daß viele Leute 
aus anderen Stadtgegeuden dabei waren, sind nicht erbracht. 
Doch wird cS vielfach behauptet. Nur in einem Falle ist be 
stimmt von einem Zeugen angegeben worden, daß Leute des 
Publikums sich selbst zu erkenne» gegeben haben, sie seien vom 
Wedding. (Zurufe.)' 
Wie ungemein man dabei im besten Glauben irren kann, zeigt 
eine Aussage einer aiigesehenen Friedenauerin, die von »einem 
bestimmten kleineren Volkshausen dasselbe behauptet, während 
von diesen genauer bezeichneten Personen zufällig feststeht, baß 
cs sich um Friedenauer Leute handelt, die der Polizei genau und 
unrühmlichst bekannt sind. (Zurufe.) Man tut also gut, diese 
Frage voUlommcn auszuschalten. 
Zeitlich etwas früher Hatzte sichrer Zwischenfall in der 
Kaiserallee ereignet, der seinerseits ebenfalls daS Publikum in 
Erregung versetzte. Es war eine kleine Patrouille der grünen 
Sicherheitswchr die Kaiserallce heruntergekommen. Die vier 
Mann gingen, trotz Warnung, auf bai angestaute Publikum zu. 
anstatt kehrt zu -machen. So konnte ein Zusammenstoß nicht aüs- 
b,'eiben. Das Publikum keilte die vier Mann ein, so daß der 
Führer der Sicherheitssoldaten eine Handgranate abwarf. Die 
Menge warf mit Steinen nach den Soldaten; auch wurde cin 
Soldat durch Revolverschuß am Bein beschädigt. Drei Soldat»» 
konnten sich in Sicherheit bringen. Der vierte Verletzte 
flüchtete in cin Haus. Ein Schutzmann deckte den Hanseingang, 
Schließlich wurde der Mann herausgeholt, da das Publikum ihn 
passierne lassen wollte, doch ging es! nun anst den einzelnen wehr 
losen Mann loS. Der Mann wurde erheblich verletzt und liegt 
derzeit im Lazarett. (Zurufe.) 
Die Einwohnerwehr hat mit diesem Vorgang nichts zu 
schassen, zwar wurden einzelne Mitglieder um Hilfe gebeten, 
doch lehnten sie ab, da Militär zu schützen nicht ihre Auf 
gabe wäre. 
Die Zusammenziehung der Wehr im Rathause ist zurück 
zuführen auf das Vorhandensein des Waffendepots der OrtS- 
jvehr und der Zentrale. Die Leitung glaubte später, das Rat 
haus dauernd sichern zu können, weil am Lauterplatz usw. die 
Ansammlungen am lebhaftesten waren. Das Drahtverhau, das 
pm Montag um 2 Uhr fertig war, sollte eine Grenze andeuten, 
p>ie weit das Publikum vor dürfe, ohne das Gebäude einem 
Allgriffsversuch gegenüber der Möglichkeit einer Verteidigung 
zu berauben. , 
Dadurch machte sich vor dem Rathause auch ein größerer 
Postenbetrieb notwendig, was naturgemäß diejenigen Bürger 
störte, die grundsätzlich derartige Veranstaltungen ungern er 
tragen. Also iitihmen sehr viele daran Anstoß, denn es lag im 
Brennpunkt des Verkehrs und es steht fest, daß eine Reihe Per 
sonen, die völlig unvoreingenommen sind, dort zuerst hinkamen, 
,olchen Anstoß nahm. Es sind auch Klagen laut geworden über das 
dortige Verhalten der Wehr gegenüber dem Publikum, besonders 
zu Personen, die ins Rathaus gehen wollten. Während man 
Kinder ganz nach Belieben ein- und ausließ, mußten sich Er 
wachsene, Befugte, einem Verhör vor zum Teil jungen und un 
erfahrenen Leuten unterwerfen, auch sind Fälle barschen Ver 
fahrens vorgekommen, (Zurufe.) " , . 
Die Verteidigung des RathauseS lag'.nicht im Zwecke der 
Wehr, denn es handelt sich nicht um Leben und Gut der Ein 
wohner. Solche Stimmen sind auch "in der Wehr selbst laut 
geworden. - Die-Wehr konnte freier und reibungsloser wirken, 
wenn sie diese Belastung nicht .gehabt oder dwck»b->e^lu»-erS v> 
fügt hatte, so z. B. wurde; mltkdenMaßn^'""-- " v * " 
Der Verlauf des Montags hatte bewiesen, daß die, 
nicht allseitig das Vertrauen des Publikums fand, .zumal die;! 
Bewegungen der Wehr auf der Straße Verwechsetuiigen mit den- 
Truppen herbeiführten und die Wehr auch der später schießenden, 
Kapptruppe gefolgt war, mit dem Befehl, im Schutze dieser. 
Truppe die Straße freizuhalten. 
Die Leitung der Wehr war von der Absicht getragen, daß 
möglichst Beruhigung eintrete, cs wurde z. B. wiederholt be 
tont, cs dürfe nur im äußersten Falle geschossen werden. 
Die Zentrale der Einwohnerwehr ist ohne Zweifel im Fahr 
wasser der Putschisten gesegelt. Sic hat nach Friedenau ein 
Flugblatt geschickt, das die Wehr als Kappistische' Macht dav- 
gtellt; dieses Flugblatt hat in der Wachtstube der Wehr gelegen, 
und ist nur" wenigen Personen zugänglich gewesen. Es ist fest 
gestellt, daß das Flugblatt nicht zur Verteilung kam, sonder» 
daß Schröder cs verschloß, weil er- den Inhalt nicht billigte. 
Weiteren Einfluß hatte die Zentrale nicht geübt. Man 
erfuhr dort nichts be,anderes, nur Gerüchte, die unglaublich er 
schienen und sich später auch als unwahr erwiesen. 
In ungewissem Umfange sind von einzelnen Mitgliedern« 
Uebergriffe vorgekommen, die die Interessen oer Wehr und der 
Oeffentlichkeit schädigten. Denn cs steht fest, däß mehrere uu-' 
berechtigte Festnahmen vorgekommen sind, z. V .eines Rechtsan 
waltes, der die Kapp-Plalate am Nathause zu entfernen, 4% 
anschickte. Solche Vorgänge gaben der Meinung Nahrung, daß 
die Wehr für Kapp arbeite; ferner z. V. die. Festnahme eines 
Mannes, der sich darüber qushielt, daß 12- bis 13jähriget 
Schuljungen Flugblätter aus dem Nathause brachten, die der 
Polizcikommissar selbst als verhetzend bezeichnete,.' Sic waren 
gegen .die Arbeiterklasse gerichtet als ableiiloude Lösung der 
PMehleute. ^ 
Eine Reihe von Personen, vornehmlich G.-V. der Linken,' 
haben von cinaiidcr unabhängig Anstoß an den Maßnahmen der 
Wehr'genommen und versuchten die Haltung der-Wehr zu be 
einflussen, zwecks Besciligung der ihrer Meinung nach herauL- 
sordernden Tätigkeit. 
x Sie wandten sich deshalb an den Bürgermeister, der teils 
den Gcdankcngängeil Raum gab, teils auch die Bemühungen ab 
wies, besonders mit dem Hinweis, er hätte der. Wehr nichts zu 
sagen. 
Der Wehr gegenüber brachte er die betr. Wünsche zum Aus 
druck, fand bei ihr teils Entgegenkommen, teils Abwcicungt, 
Mieder trat (und das schält sich als Kern- heraus) bei der Wehr; 
cin Zwiespalt zütage, der Führung wurde entgegengearbeitet; 
und zwar, indem man dem Leiter einen Stab' aufnötigte, um 
ihn gegenüber der Beeinflussung durch den Bürgermeister und 
die Gemeindeverordncten widerstandsfähig zu machen. Diese 
Kreise der Wehr wollten ihre Selbständigkeit gewahrt wissen. Im 
Auftreten dieser Kreise kam mehr eine militärische Haltung zum 
Ausdruck, als der für eine Bürgerwehr angebrachte Sinn der" 
Gemeinsamkeit mit der Bevölkerung. (Zuruft.) 
Schröder zog sich für den Mittwoch zurück, da . ihn die 
Reibungen mit diesen Kreisen aufregten und er sich übermüdet 
fühlte. Es steht fest, daß ein Gemeindevertreter auf der Wehr 
so. schroff behandelt wurde, als er der Wehr den Abbau ihrer 
Maßnahmen anriet, daß er nicht mehr verhandeln konnte. Die't 
unheilvollen Nebcnströmungen und die Ausnutzung der Schwäche' 
des Führers zeigten sich auch deutlich darin, daß Schröder nach' 
anfänglichem Widerstreben ein Schrcibmaschinenblatt mit Nach-' 
richten unterschrieb, die politischen Charakter trugen, zudem'vor»; 
Kapp ausgingen, wie Einsichtige» sofort klar war und aus. ten 
denziösen Lügen bestanden. Die Nachrichten wurden unter 
zeichnet — die E.W. Schröder — und den OrtSzcitungen zum, 
Aushängen übergeben. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger lehnte 
cs ab, da die Nachricht nnglanbhast und deshalb das Publikum 
verletzend erschien, das andere Blatt hing sie auS^ 
Durch diesen Vorgang hat der Leiter der Einwohnerwehr^ 
zweifellos auf ihrem Namen auf Kappscher Seite Partei etf»' 
grisfen. Er war dazu anfänglich nicht bereit, hat-sich aber durchl; 
Bedrängen des Uebcrbringers der Nachricht dazu, bewegen lassen^ 
Ein ebensolcher Einzelzug, der das den Truppen abgeneigte Pnbli? 
kuni verstimmte, war di: kameradichastiiche Begrüßung von Mit 
gliedern der Einwohnerwehr mit den Offizieren durchziehender, 
Truppen. 
Andererseits liegen zahlreiche Aussagen dahin vor, daß 
chic Mitglieder der Wehr sich durchaus maßvoll benahmen und 
sich dem anstrengenden Dienst Hingaben, nicht nur in dem Streben,, 
das Friedenauer Gut und Blut zu schützen,«-sondern auch sich 
dabei von jedem Auswuchs fernzuhalten; diese Gesinnung Hatz 
bei dem Führer der Wehr auch vorgelegen. 
Die tatsächlichen Ergebnisse der Verhandlungen zwischen 
Wehr und Äürgerocrtretung waren Ablegung der Achselstücke^ 
Zurückziehung der Wehr am Tage von der Straße. 
Die Beseitigung des Drahtverhaues wurde nicht Hcwirkt,^ 
da die Wehr meinte, es nicht entbehren zu können. 
Die sich gcgeiittberstchendcn Anschailungen über die Zweck 
mäßigkeit der Maßnahmen der Einwohnerwehr waren natür 
lich im ganzen Publikum vorhanden und dir Wehr bildete vielfach 
auch den Gesprächsstoff auf d'ec Straße. 
In der Wehr war durchaus dys Gefühl ausgekommei,, daß 
gegen sie gehetzt würde, zumal solche. Behauptungen vielfach 
verbreitet wurden. Es wurden als Hetzer, besonders die hem.. 
Gemeindeverordncten genannt und von ihnen speziell Leonhardt 
und Lüders. Zunächst sei festgestellt, daß -Liiders nicht Mitglied 
der deinokratischen Fraktion, sondern deren Hospitant ist. Die 
Untersuchung ergab, daß wohl vielen Personen erzählt - worden'- 
ist, und daß sie cs weitergaben, die Demokraten hätten gehetzt, 
jedoch hat niemand solche Hetzreden von ihnen gehört, ( Das, was 
dem G.-V. Leonhardt an Hetzreden in den Mund-gelegt worUen 
ist, hat sich als unwahr erwiesen. Der G.-'V. Lüd'erS hat allcr- 
diikgs öffcntlich scharfe Worte gebraucht, doch wurde er daz'/ 
durch ansreizeiide Bcinerkungcn von Offizieren veranlaßt. 
(Fortsetzung folgt.) 
SrtsnmWitai ft FiMM «nH WMkg. 
(Nachdr. unsrer o-Originälartikcl nur^lit Quellenangabe gcslLttetz) 
obh Daö qmtlich: Wal/lergeLtrl) im WaMkeisö I. Der 
Wahlausschuß des Wahlkreises 3 (Potsdam II, Tcltow- 
Beeskow-Charlortenburg) hielt gestern Vormittag im Char- 
sntlnv»64• ann» (VI aIA CV-CLfi,’-. ! s.. # .. - i. orrx / ... _ ■. » »e» -»I ' 
»uu, uup IIVU) muji uue üct VllUil 1UUU LolllN- 
Protokolle des großen Wahlkreises hätten durchgearbeitet 
werden können, daß aber ohne Gewähr für die endgültige' 
Feststellung als das vvrläitfige amtliche Wahlergebnis- 
folgende Zahlen angegeben werden könnten: Unabhängige 
sozialdemokratische Partei: 251 357 Stimmen - 4 Sitze 
und .11 357 Neststimmen. — S. P. D.: 146 723 Stim 
men - 2 Sitze und 26 723 Neststimmen. 'Deutsche Demo 
kratische Partei: 88917 Stimmen-- 1 Si/i imd 28 917 
Reststimmen. — Deutsche Volkspartei: 182 947 Stimmen 
- 3 Sitze und 2847 Reststimmen. — Deutschnationale. 
Volksparter: 120 222 Stimmen - 2 Sitze und 222 Rest-- 
stimmen. — Zentrum: 23 873 Stimmen - kein Sitz, Auf- 
.t-aupartci: 104, Kommunistische Partei.10 958,'Wirtschaft 
liche Vereinigung 19 063, Nationaldemokraten 449 und 
Deutschhannoversche Partei 147'Stimmen. — Nach wiesen 
Zahlen ist also, entgegen der ersten. Atmahme, mich der 
-zweite Bewerber der Dentschnatioualxn, Graf Westarp, 
gewählt, und auch der dritte Kandidat der Deutschen 
Volksparrei, Pfarrer Dr. Luther-Charlottenönrg, ist be 
reits' im Wahlkreise selbst gewählt. 
Wg der Wohnnngsgesuche. Sämtliche!Woh!- 
bee ihrer EintragM lflM WM/unK-
        
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