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Periodical volume Nr. 19, 22.01.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

(Krirdenarrer 
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Nr. 19' 
Berlin-Friedenau, Donnerstag, den 22. Fauuar 1929 
Zahrg. 27 
Die Notüandsderlorguvg mit Bpfleidnntzs- 
Kegevnäuden. 
(Eine Prüfung Lurch den parlamentarischen Ueber-/ 
wachungsausschuß.) 4 
Zur Behebung von Unklarheiten, die noch in weisen 
Kreisen der Bevölkerung über die Notstandsversorgung mit 
die Allgemeinheit gearbeitet wurde. Personen, die schon 
mehrere Kleiderverwertungsstellen im Reiche besichtigt 
haben, stellten mit größter Genugtuung fest, daß die 
Hamburger Kleiderlagerverwertung anderen als Muster 
dienen könne. Anschließend an diese Besichtigung erfolgte 
jene des Reichskleiderlagers Nr. 6 in Hamburg, von dem 
aus die Kommunen im Hamburger Bezirk, aber auch 
. „ ........ . Lübeck und andere Städte versorgt werden. Man sah 
Bekleidungsgegenständen herrschen, dienen die Ausführun- Waren aller Art von guter Qualität lagern. Geklagt 
gen des Abg. Krätzig, der dem parlamentarischen Alts 
schusse zur Ueberwachung der Liquidation der Reichs» 
Textil-Aktiengesellschaft angehört und jüngst über die Be- 
sichtigung der größten Läger in Hamburg berichtete. Abg. 
Krätzig schreibt u. a.: Im Laufe dieses Sommers war 
der Ansturm der üssentlichen Meinung gegen das Weiter 
bestehen der „Retag" (Reichs-Textil-Akt.-Ges.) so stark, 
daß man sich entschloß, abzubauen. Die Liquidation wurde 
eingeleitet, das 'Bezugsscheinwesen aufgehoben, aber eine 
neue G. ni. b. H. geschaffen, der die Aufgabe gestellt 
wurde, die bedürftige und minderbemittelte Bevölke 
rung mit der nötigen Bekleidung zu versorgen. Der Ge 
sellschaft steht ein Reichskredit bis zu 300 Millionen 
zur Verfügung, um damit Bekleidungsgegenstände für die 
Kommunen und für die Arbeiter lebenswichtiger Betriebe 
zu kaufen. ' Die Existenz dieser Notstandsgesellschaft soll 
ja eigentlich nur bis zum 31. März 1920 ausgedehnt 
werden; aber vorerst gehen die Preise für Bekleidung aller 
Art nock gewaltig aufwärts. Wir können daher die minder 
bemittelte Bevölkerung nicht den furchtbar hohen Preisen 
des freien Handels ausliefern. Der Ausschuß der Na 
tionalversammlung zur Ueberwachung der Liquidation der 
„Retag" hat nun auch die Kontrolle der Geschäfts 
führung der Geiellscl-aft für Notstandsversorgung über- 
nomnien. Er hat darauf zu achten, daß die Kreise, die 
durch die neue Gesellschaft versorgt werden, auch zweck 
mäßige und brauchbare Bekleidung bekommen. Kreise des 
Detailhandels verlangen nun in Eingaben, daß für die 
Notstandsversorgung nur der R a m s ch, dem freien Handel 
aber alles Gute vorbehalten bleibe. Der Ausschuß rer 
Nationalversammlung tritt dieser Ansicht entschieden 
entgegen. Er verlangt, daß die Notstandsgesellschaft 
aus den Lägern der Retag die st a b i l st e n Waren 
heraussucht. Die neue Gesellschaft hat das Vorgrisfs- 
recht. Erst das, was sie nicht nimmt, geht in den freien 
Handel. Um nun einmal zu sehen, wie weit der Llbbau 
der Retagläger vorgeschritten sei, und wie die neue Ge 
sellschaft bei der Warenauswahl verfährt, beschloß der 
Ausschuß, einmal nach Hamburg zu fahren, um dort 
das größte Warenlager der Retag, zugleich aber auch die 
Lager der neuen Notstandsgesellschaft zu besichtigen. Zu 
erst wurde das Netaglager besichtigt. Die Besichtigung 
ergab, daß die Retag wohl mindestens zu zwei Dritteln 
ihr Lager geräumt hat. Der größte Teil der noch 
lagernden Waren ist auch bereits in den Besitz von Ab 
nehmern übergegangen und wird in kurzer Zeit ab 
transportiert werden. Die von der Notsta: ds-G. m. b. H. 
erfaßten Waren, soweit sie noch nicht ab.m''ollt waren, 
konnte man samt und sonders als äußerst gut gewählt 
bezeichnen. Die Kommission befürwortete, bei Herren 
oberkleidungsstoffen nicht nur bis zu einer Preislage von 
34 Mark zu gehen, sondern bis zu 50 Mark pro Meter. 
Von dem Retag-Lager ai ig es zur Besichtigung der Ge 
schäftsräume der Städtischen Kleiderlagerverwertung. Die 
Besichtiaung ergab, daß, sowohl was die Abfertigung der 
Käufer al. auch die Lagerung der Waren anbetrifft, gute, 
Organisator-' ! r tn ; ¥'t waltet. Alles in allem kann ge 
sagt werden, t-< uB Dich wohltuend wirkt, zu sehen, 
wie hier, .in vieler Pflanzstätte des Pflichtgefühls, für 
%ivei Cestamenie. 
Roman von F. Stolze. 
85 (Nachdruck »«Loten.) 
Kurt von Tori, hörte deni jungen Manne zu, ohne 
ihn niit ei.ie-u Warte zu unterbrechen. Als ihm so die 
ganze Reihe der Vorgänge in dem unerbittlichen Lichte 
der Wahrheit vorgeführt wurde, war ihm, als solle er in 
die Erde versinken. Hatte er denn wirklich diesen Iennings 
zu solchen Verbrechen angestiftet? Nein, bei Gott, so etwas 
hatte er nicht gewollt! Dieser Mordbrenner, der die ganze 
Familie, darunter auch die Tochter, dieses süße Geschöpf, 
erbarmungslos dem Feuertods hatte überliefern wollen I 
Was hakte er dem Schurken doch damals telegraphiert? 
Wenn er sich recht erinnerte, waren es die Worte : 
Achtung! Nack Besprechung handeln. Wenn nötig bis 
hierher folreu. Gepäck und Papiere beachten. Wenn 
möglich Nr. 2, d. h. das zweite Testament verschwinden 
lassen, d. h. nicht Werner. Nie hatte er ein Wort von Er 
mordung des Vetters oder gar der ganzen Familie cm- 
fließen lassen. Hatte er denn übrigens seinen Namen 
unter dies Telegramm gesetzt? Soweit er sich erinnern 
konnte, ja! Er hatte ja kein Pseudonym mit ihm verab- 
redet I O, was für ein Narr war er gewesen I Iennings 
oder Jens hatte ihn durch diese seine Torheit völlig in der 
Es überlief ihn siedendheiß. Sem Kumpan wurde ihn 
zwingen, gegen Werners vorzugehen. Was war solch einem 
Telegramin gegenüber der gefälschte Wechsel, den er von 
ihni in Händen hatte I Solange er ihn reichlich besoldete, 
würde er natürlich sein untertäniger Diener sein. Aber 
jetzt, wo er mit Werners zusammenzuwirken, wo er seinen 
Vetter zu beweien gedachte, ging das nicht an. Er mußte 
ihn los werden, abschütteln, unschädlich machen. Acer 
wie? Er mußte verschwinden, auf immer! Hatte dleser 
Mensch für seinen Mordversuch gegen Werners nicht den 
jchrcckltzfMexi Tod verdient? War^.es nicht eine Tat der 
wurde über Mangel an Strümpfen und Socken von besse 
rer Qualität. Hier besteht ein Mangel! Zum Schluß 
noch ein Wort über die Handhabung der Notstands 
versorgung durch die Kommunen. Die Kominn- 
nen erhalten aus den Reichskleidcrlagern die Waren, die 
sie wünschen, nach vorheriger Besichtigung und 
Auswahl zugewiesen. Es ist also nicht mehr so wie unter 
der Herrschaft der Retag, daß man die Katze im Sack kaufen 
mußte. Die Kommunen nun richten entweder eigene! 
Verkaufsstellen ein oder ziehen den Kleinhandel zur Ver 
teilung heran. Zum Bezug von Waren aus der Not 
standsversorgung ist ein Berechtigungsschein nötig, dessen 
Erlangung abhängig ist von der Höhe des Einkommens. 
Personen, deren Einkommen innerhalb der Berechtigungs- 
grenze liegt, erhalten von der Koinmunalvcrwaltung den 
Berechtigungsschein und gehen mit ihm in die Verkaufs 
stellen, um sich den Bekleidungsgegenstand, zu dessen Be 
zug sie berechtigt sind, zu kaufen. Die Kleinhändler, die 
zum Verkauf der Notstandsbekleidung zugelassen sind, 
haben die Berechtigungsscheine aufzubewahren und bei den 
Revisionen, die von der Kommunalverwaltung vorgenom 
men werden, vorzulegen. Berechtigungsscheine und vor 
handener Warenbestand müssen bei diesen Revisionen zu 
sammen die Stückzahl ergeben, die der Zahl der gelieferten 
Gegenstände entspricht. In bezug auf die bloße Zahl 
scheint demnach die Kontrolle ausreichend. Es fragt sich 
nur, ist sie auch ausreichend zum Schutz vor Verschie 
bung guter Qualitäten und deren Ersatz durch schlechtere? 
Das wird noch zu prüfen sein. 
Örtsn a ch rt ebt etr 
(Nnchdr. unsrer o-Origtnalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Groß-Berlin. Der 17. Ausschuß der Landesve» 
sammlung hat die ans gestern Abend anberaumt gewesene 
Sitzung nicht abgehalten, sondern aus Freitag vertagt. 
Die Entscheidung über das Schicksal Friedenaus ist 
danach noch nicht gefallen. In Berlin rechnet man be- 
stinnnt mit dem Inkrafttreten der Einheitsgemeinde be 
reits am 1. ?lpril d. Js. Daraus erklärt sich auch der 
Antrag der sozialdemokratischen Fraktion der Stadtver 
ordnetenversammlung, der lautet: „Die Stadtverordneten 
versammlung wolle beschließen, den Magistrat zu ersuchen, 
mit ihr in gemischter Deputation unverzüglich über die 
die Eingemeindung vorbereitenden Maßnahmen zu be 
raten." 
o Beschlüsse von weitgehender stntnrzieller Bedeutung 
sind wiederholt in einzelnen Groß-Berliner Gemeinden 
gefaßt worden, die ihre Wirkung auch auf andere Gemein 
den ausgeübt haben. Der Berliner Magistrat ersucht nun 
in einem Rundschreiben an die Groß-Berliner GemcßrP 
den, vor Entscheidung derartiger bedeutsamer Fragen eine 
Aussprache im Kreise der Gemeinden stattfinden zu lassen. 
o Zum Oüerfekretär in unserer Verwaltung wurde 
der bisherige Gemeindesekretär Näbiger befördert. 
R. tral, 1902 bei der Gemeinde als Supernumerar ein, 
bestand die vorgeschriebenen Prüfungen zum Assistenten 
und Sekretär und leitet seit 1913 das Rechnungsbüro. 
Am Kriege nahm R. ununterbrochen bis zur Beendigung 
WCTWCSlMgy ta» 
GereMtigkeic, wenn er ihn richtete? Ja, richten wollte 
er ihn! Rach Persien wollte er gehen, nicht nur, um 
seinen Vetter, den Vater des Mädchens, das ihn mit un 
beschreiblicher Gewalt an sich zog, zu befreien, sondern 
auch, um den Mann zu bestrafen, der es gewagt hatte, 
das Leben seiner Alice zu bedrohen I 
Wie ein Wirbelwind waren diese Gedanken durch den 
Kopf des Hauptmanns geflogen, während er der Schil 
derung Ewalds folgte. Mit Verwunderung hatte dieser 
gesehen, wie während seiner Worte das Gesicht Kurts sich 
mehr und mehr verdüsterte, bis es gegen Schluß von einen» 
triumphierenden Ausdruck überflogen wurde. 
„Gestatten Sie mir, Herr Werner, Ihnen zunächst 
zu versichern, daß mir der Leutnant Iennings völlig fremd 
gewesen ist, seit er Deutschland verlassen hat und daß ich 
von seinem weiteren Leben erst Kenntnis durch die Mit 
teilungen erhalten habe, die Sie mir soeben machten. 
Ich bin außer mir darüber, daß solche Schandtaten mir zur 
Last gelegt werden konnten, räume aber ein, daß es nach 
dem juristischen Grundsätze vui bono geschehen konnte. 
Ich meinerseits werde sofort die geeignetsten Maßregeln 
ergreifen, um mich zu reinigen: ich werde schleunigst 
alle Vorbereitungen zu einer Reise nach Persien treffen, 
einmal, um Ihren verehrten Vater zu befreien, und dann, 
um diesen Iennings zur Rechenschaft zu ziehen. Ich 
denke, das wird Ihnen genügen." 
Ewalds Gesicht strahlte, und erstreckte demHauptmann 
die Hand entgegen, die dieser kräftig drückte. 
„Ich bin tief beschämt. Herr von Born," rief der 
junge Mann, „daß wir Sie so verkennen konnten. Sie 
haben feurige Kohlen auf unser Haupt gesammelt. Aber 
Sie werden uns nicht undankbar finden. Die verwandt» 
scheniltche Treue wird uns eng verbinden, und wen,' es 
mir gelingt, mit Ihrem Beistand meinen O:t r r. r 
Gefangenschaft zu befreien — de:.i bra ist ,:n. iiliä, ;e 
nächste Pflicht — und das Dunkel aufzuhclleu, oas bis legt 
über diesem rätselhaften Iennings und seiner Handlungs 
weise liegt, wird unsere Lanze Familie in Ihnen ihren 
bei der kämpfenden Truppe als Offizier, zuletzt als Kom 
pagnieführer teil und wurde mit dem E. K. II ausge 
zeichnet. 
o Ernennung. Unser langjähriger Mitbürger Herr 
Erich Schumann, Laubacherftr. 4, ist von der Union- 
Deutsche Verlagsgesellschast zum Prokuristen ernannt 
worden. 
o Ersatz der Kirchengkocken. Im Laufe des Monats 
Dezember haben zwischen dem ReichSwirtschaftsministerium, 
den Vertretungen der Kirchenbcrbände und den Kultus 
ministerien der Länder Verhandlungen über die Frage des 
Ersatzes der Kirchenglocken stattgesunden. Sie haben zur 
Bildung eines Arbeitsausschusses geführt, der das gesamte 
Material durchberaten und die Schaffung einer Organi 
sation aller beteiligten Kreise vorbereiten soll. Diesem Aus 
schüsse soll die Aufgabe zufallen, den Gemeinden die Neu 
beschaffung von Glocken in wirtschaftlicher Weise zu ver 
mitteln. Gleichzeitig ist beabsichtigt, ihm die Regelung 
der Frage des Ersatzes von Orgelpfeifen zuzuweisen. 
oA Lehrbücher für Geschichte. Der Kultusminister hält 
eine durchgreisende Umarbeitung der Lehrbücher für Ge 
schichte für erforderlich, die allerdings erst nach der Reichs 
schulkonferenz erfolgen kann. Für die Uebergangszeit hat 
der Minister bestimmt, daß die bisher eingeführten Lehr 
bücher für Geschichte im Klassenunterricht nicht weiter zu 
benutzen sind und ihre Anschaffung von den Schülern und 
Schülerinnen nicht mehr verlangt werden darf. 
o Ringbahnzüge Wilmersdorf-Friedenau—^lrünan. 
Eine Reihe von Zügen, die bisher zwischen Grünau und 
Hermannstraße verkehrten, sind jetzt bis Bahnhof Wil- 
merSdorf.Friedenau durchgeführt worden. 
o Der Eildampferverkehr Berlin—BreSlau ist nach 
einer der Handelskainmcr zu Berlin vorliegenden Mittei 
lung der Eisenbahnverwaltnug wieder aufgenommen. Tie 
Bestimmungen wegen Benutzung des Wasserweges werden 
daher von sofort auch für den Verkehr von und nach 
Breslau, Brockau, Fürstenberg (Oder), Fürstenwaldc 
/Spree), Giogau, Malsch, Mochbern, Neusatz (Oders, 
Pöpelwitz (Umschlag) und Tschicherzig wieder in Kraft ge 
setzt. Der Wasserweg nach Stettin und den Zwischen 
stationen dahin sowie nach Frankfurt (Oder), Cüstrin, 
Landsberg (Warthe) und Wopritz bleibt noch weiter ge 
sperrt. 
v Ausklcbcn der Briefmarken auf die Briefe. Bestim 
mungsgemäß sollen die Freimarken in die obere rechte 
Ecke der Vorderseite der Briefsendungen und Postkarten 
geklebt werden. Vielfach wird der obere Rand der Brief 
umschläge durch den Firmenausdruck des Bricfabsendcrs 
ganz in Anspruch genommen und die Freimarke an an 
derer Stelle aufgeklebt. Dies ist ganz besonders störend 
beim Entwerten der Freimarken auf maschinellem Wege! 
durch Stempelmaschinen. Die Handelskammer zu Berlin 
ersucht daher die beteiligten Geschäftskreise im Jnterelsa 
einer schnellen Abfertigung der Briefpost die Freimarken 
bestimmungsgemäß in die obere rechte Ecke der Vorder 
seite zu kleben. 
o Die Abwehr der Hungersnot. Uns wird geschrieben: 
Tie Hungersnot, von der sich die Stadt- und Jndustri-'- 
bcvölkerung schon seit Jahren bedroht sieht, ist nnnmcbr 
dank der Fehlgriffe in den wirtschaftspolitischen Maß- 
nahmen, in bedenklichste Nähe gerückt. Die beruhigenden 
Versicherungen, mit denen die Negierung dieser Tage die 
Abordnung der Groß-Berliner Gemeinden entlassen hat, 
wollen nicht mehr verfangen, und eine amtliche Erklärung 
des Berliner Magistrats sowie eine anderweite Auslas 
sung des Oberbürgermeisters Wermuth rufen nun nach 
„aktiverer Ernährungspolitik" und nach den Organen der 
öffentlichen Gewalt, um Lebensmittel vom Lande in die 
WG-.i-iter sehen und au die Stelle der Mißverständnisse, 
die uns bisher trennten, wird enge Freundschaft und 
Einheit unserer Bestrebungen und Wünsche getreten sein." 
Beide schüttelten lir’.) nochmals lebhaft die Hände und 
begannen dann, Pläne für dis Befreiung Arnolds zu 
schniiede». Kurt war der eifrigste dabei, und Ewald mußte 
ihn wiederholt auf die Unmöglichkeit der Ausführung auf 
merksam machen. Aber es half nichts. Der Hauptmaiin 
war wie im Rausch. Immer neue phantastische Vorschläge 
trug er dem jungen Manne vor, wie man de» Gefangenen 
befreien und wie nian besonders an Iennings und den 
Baharlus blutige Rache nehmen müsse. 
Ewald wurde bei alledem ganz unheimlich zumute. 
War es nicht, als ob seinem Reisegefährten diese Rach.' 
eigentlich die Hauptsache sei? Als ob er in diesem Iennings 
nicht den Feind der Familie Werner, sondern seinen persön 
lichen Todfeind hasse, den er durchaus beiseite schaßen 
müsse? Ewald verstummte mehr und mehr und hörte den 
Worten des andern wie den wilden Fieberphantasien eines 
Schwerkranken zu. Er war froh, als sie in London an- 
kamen und er sich von seine.» Gefährten unter dem Vor 
wände notwendiger Geschäfte bei den British Steel Manu- 
fakturing Works trennen konnte. 
19. Kapitel. 
Frau Helen wollte sich gar nicht recht erholen. Jetzt, 
wo sie am Ziel der Reise angelangt war, empfand sie den 
Mangel jeder Nachricht über den Verbleib ihres Gatte» 
nur noch peinlicher. Nach dem Eintreffen Ewalds in Eich 
kamp mit seiner überraschenden Mitteilung über die Be 
stätigung der Heirat und seine lange Besprechung mit Kurt 
von Born wuchsen ihre Erregung und ihr allgemeiner 
Schwächezustand noch, da alle Berhältnisse verworrener als 
je erschienen. 
Als nun aber Kurt von Born zweimal vergebens einen 
Besuch-in Eichkamp versucht hatte, und das Eintreffen des 
Briefes aus Shiraz jeden Augenblick erwartet werden mußte, 
schien es unmöglich. Frau Werner das Telegramm länger
        
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