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Periodical volume Nr. 109, 18.05.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Bezugspreis (Friedenauer 
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ins Hans gebracht 2,- Mark. Erscheint täglich abends. 
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Berlin-Friedenau. Rheinftratz« IS. — Fernsprecher: Amt Pfalzburg 212». 
Nr. 109 
Berkn-Sriedenau, Dienstag den 18. Mai 192V 
Fahrg. 27 
Ortsnackrickten 
(Nachdr. unsrer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
Die Wichtiakcit der Wahlbeteiligung an den 
Grotz-Berliner Wahlen. 
14 Tage nach den Reichstagswahlen finden die Wah 
len zur Stadtverordnetenversammlung der neuen großen 
Stadtgemeinde „Berlin" statt. Für die Wahlarbeit bleibt 
da nur wenig Zeit. Es muß somit die Vorbereitung für diese 
Wahlen schon jetzt in die Hand genommen werden und das 
gilt vornehmlich für. diejenigen Wähler, die glauben, mit 
der Reichstagswahl ihre Pflicht getan zu haben und denen 
die Kommunalwahlen für recht nebensächlich erscheinen, 
obgleich die -Gemeindeverwaltung in viel engerer Be 
ziehung — auch in der Steuerzahlung — zur Bürger 
schaft steht, als Reich und Staat. Durch die Verhältnis 
wahl, ganz besonders aber durch die neue Art des Wahl 
vorganges und Ermittlung des Wahlergebnisses ist die 
Beteiligung aller Wahlberechtigten durchaus notwendig, 
wenn sie nicht wollen, daß schließlich rührigere Kreise 
das Heft in die Hakid bekommen und über Berlin regie 
ren. Diejenigen Parteien nämlich, die die g r v ß tc S tim- 
menzahl aufbringen können, erhalten die meisten 
Sitze. Das ist zwar nichts Neues, und doch ist diese 
Feststellung für die großberliner Wahlen besonders wich 
tig. Es steht von vornherein nicht fest, wie viele Stadt 
verordnete auf die einzelnen Wahlkreise entfallen. Die 
Verteilung der Mandate muß erst mühsam errechnet wer 
den aus der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen. Ins 
gesamt sind für Großbcrlin 225 Stadtverordnete zu 
wählen. Die Gesamtzahl der abgegebenen gültigen Stim 
men wird nun durch diese Zahl geteilt: Das Ergebnis 
ist der „Wahlquotient". Von jeder Liste sind nun so- 
viele Stadtverordnete gewählt, so oft der Wahlquotient 
in den auf diese Liste abgegebenen Stimmen enthalten ist. 
Würden z. B- in Groß-Berlin 1500 000 Stimmen abge 
geben, so ist die Rechnung: 225:1600 000 — rd. 7000. 
Sind nun für eine Liste z. B- 50 000 Stimmen abgegeben 
worden, so wären von dieser 4 Stadtverordnete gewählt. 
Tie überschüssigen 2000 Stimmen des Wahlvorfchlages 
kommen ähnlich, wie be ider Reichstagswahl der Reichs- 
liste, hier der Stadtliste der betreffenden Partei zu Gute. 
Wenn also die Anhänger einer Partei sich der Wahl ent 
halten, so werden sic von derjenigen Partei überflügelt, 
die ihre Wähler restlos an die Wahlurne zu bringen ver 
steht und auch der Wahlquotient wird durch solche un 
gleichmäßige Stimmabgabe'beeinflußt. Daher ist cs un 
bedingt erforderlich, daß am 20. Juni.jeder Wahlberech- 
tigte auch wählt. Wahlberechtigt sind alle Einwohner 
Berlins, die das Wahlrecht zum Reichstag besitzen und 
bei Auslegung der Listen e i n Jähr in Groß-Berlin 
wohnen. Tie gewählten Stadtverordneten sind gleich 
zeitig auch Bczirksverordnete. Wir haben hier im Wahl 
bezirk Schöncberg-Friedenau 45 Bczirksverordnete zu 
wählen. In diese Zahl sind also die gewählten Stadtver 
ordneten »litcnthaltcn. Die Einzelheiten für die Bezirkswahl 
bestimmt das Ministerium des Innern. Tie auf Stadt 
wahl v o r s ch l ä g e gewählten Stadtverordneten werden 
auf die einzelnen Bezirke von der Berliner Stadtverord- 
neienversammlung verteilt und zwar soll hierfür-der 
Wohnsitz des Gewählten maßgebend sein. Dadurch kann im 
Bezirk trotz der Verhältniswahl dennoch eine ungleiche 
Zustimmensetzung der Bezirksverordnetenversammlung ein- 
treten und eine andere Mehrheit.geschaffen werden, als 
die tatsächlich im Bezirk vorhandene. Darin liegt eine 
besondere Gefahr und so ist es umsomehr Pflicht des Ein 
zelnen, der großberliner Wahl nicht fern zu bleiben., 
obh Amtliche Verkündung des Gesetzes Groß-Berlin. 
Das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde 
Berlin", das die preußische Landesversammlung'am 27. 
April mit nur 17 Stimmen Mehrheit angenommen 
hat, ist unter dem 14. Mai in der Preußkschen Gesetze 
sammlung amtlich verkündet worden. In seiner endgül- . 
tigen Fassung enthält das Gesetz 59 Paragraphen. Tie 
Stadtgemeinde Berlin wird aüs 8 Städten, 59 Landge 
meinden und 27. Gutsbezirken, zusammen aus 95 Gebieten' 
gebildet. Nach dem vorläufigen Ergebnis der letzten Volks 
zählung zählt das neue Berlin 3,806 500 Einwohner, 
wovon auf das alte Berlin fast genau die Hälfte mit 
1,907 471 Bewohnern entfällt. 
o Ter" 7tt-Pfcmiiig-Tarif genehmigt. Die Verbands 
versammlung Groß-Berlin hat gestern die Vorlagen über 
Erhöhung des Srraßenbahntarifs aus 70 Pfg. v o m 
21. d. Mts. ab unter Einführung einer Achterkarte zu 
5 M., nach vorheriger reger Aussprache fast einstimmig 
angenommen. Der Tarif ist diesmal zeitlich nicht be 
schränkt, sondern ohne Begrenzung festgelegt. Auch den 
Vorlagen über die Tariferhöhung der Cöpenicker städti 
schen Straßenbahn und der Hochbahn, sowie über die 
Eingehung einer Betriebsgemeinschaft zwischen den Bah 
nen der Stadt und den Vrrbandsbahnen würde zuge 
stimmt. Von der Vorlage über hie Entschädigungspslicht 
des Verbandes gegenüber den Gemeinden für den Ver 
lust ihrer früheren Abgabenrcchtc aus den Verträgen 
niit der großen Berliner Straßenbahn nahm die Ver 
sammlung zustimmend Kenntnis. Den weiteren Vorlagen 
über die Ergänzung der Grundsätze für die Bewilligung 
von Ruhegeld und Hinterbliebenenversorgung an die ohne 
Pensionsberechtigung im Dienste der Großen Berliner 
Straßenbahn stehenden Personen und über die Aenderung 
der Besoldungsordnung für die Beamten und Fest-Ange 
stellten des Verbandes Groß-Berlin stimmte die Verej 
sammlung ohne Erörterung zu. ' 
' o Tie Bewilligungen für die Fliedner'sch« Schule. 
Die Anträge auf Bewilligung von Teuerungszulagen usw. 
an die ' Lehrkräfte der Fliedner'schcn Schule führten in 
der letzten Sitzung zu einem Abbruch der Verhandlungen, 
weil durch einen Dringlichkcitsantrag eine nochmalige 
Prüfung und die Klärung der vorgetragenen Beanstan 
dungen verhindert werden sollte. Inzwischen hat sich 
nun der Kweisschulinspcktor über Einrichtung und Zweck 
der Schule, sowie über die an der Schule beschäftigten 
Lehrpersonen eingehend geäußert. Auch Direktor Flied- 
ner hat, nochmals über 'seine Anstalt berichtet und ver 
schiedene Aufstellungen vorgelegt. Er beantragt nun für 
seine Lehrkräfte: eine einmalige Beschaffungsbeihilfc von 
500 M., die Erhöhung der monatlichen Teuerungszu 
lage von 35 M. auf 80 M. bis 31. März 20 und von 
80 M. auf 140 M. vom 1. Avrit d. Js. ab; ferner 
wünscht er für seine Anstalt vom 1. April 1919 (ab 
wieder einen jährlichen Zuschuß von 1500 M. Ter Ge- 
mcindcvvrstand enzpfiehlt, den beantragten Zuschüssen usw. 
für die Lehrer zuzustimmen unter folgenden Bedingungen, 
zu denen sich Schuldirektor Fliedner verpflichten muß: 
Vom l. ,7. 20 ab beträgt das Schulgeld für einhei 
mische und auswärtige Schüler in der Vorschule 480 M., 
in Sexta bis Quarta 720 M., in Untertertia 840 M., 
in Obertertia 960 M. und in Untersekunda.1080 M. 
Ein Prozentsatz des Unterschiedes zwischen den jetzigen 
und den neuen Schulgeldsätzen nach dem Beschluß der 
betr Organisationen in Berlin zur Aufbesserung her 
Gehälter für die Lehrkräfte zu verwenden (Fliedner will 
80 v. H. zahlen). Für die Beschaffungsbeihilfe und die 
Teuerungszulagen kommen nur die Lehrkräfte in Frage, 
die mindestens 12 Stunden in der Woche Unterricht 
erteilen. Für die einmalige Beschaffungsbcihilfe sind etwa 
6000 M. bereitzustellen. Zu dem Antrage auf Gewäh 
rung eines laufenden Zuschusses hat der Gcmeindevorstand 
nicht Stellung genommen. Er überlaßt die Beschluß 
fassung hierüber der Gemeindevertretung. 
o Unsere Postbezieher werden an die pünktliche Er 
neuerung der Bestellung des „Friedenauer Lokal-An^ 
zeigers" erinnert, damit in der Zustellung unseres Blat 
tes keine Unterbrechung eintritt. 
o Eine treue Hausgehilfin. Frl. Pauline U l b r i ch, 
wohnhaft Stubenrauchstr. 61, war am 7. Mai 10 Jahr 
in den _ Familien Sellien, Saarstr. 5 und Frege- 
straße 25, als Hausgehilfin tätig, ihre Treue uud An 
hänglichkeit ist vorbildlich. 
o Pünktliche Slbhohrng von Militärrenten. Enipfüuger 
von Militär-Verforgungsgebührnisscn (Pensionen, Rcn«- 
tcn und Hintcrbliebenenüezügcn) werden an die pünktliche 
Abholung ihrer Gebührnisse am kommenden Hauptzahl 
tag — 29. Mai — erinnert. Für die glatte Abwicklung 
des. Rcntenzahlgeschäfts bei den Postanstalten ist die 
pünktliche Abholung der Beträge unbedingt notwendig. 
Empfänger, die zstir Abholung am Hauptzahltage nicht 
in der Lage sind, werden dringend ersucht, unter allen 
Umständen die Beträge spätestens noch iin Fälligkeits 
monat — Monat Juni — abzuheben. 
o Für die Angehörigen der in Sibirien Gefangeinen. 
Unsere Friedenauer Kriegsgefangenen-Fürsorgeorganisa- 
tionen haben die Angehörigen per noch in sibirischer 
Gefangenschaft Befindlichen für Mittwoch, den 20. Mai. 
nachmittags 5 Uhr, im Bauerqstübchen des Ratskellers 
zusammengerufen. Ein aus Turkestan Heimgekehrter wird 
einen -kleinen Vortrag über die westsibirischen Verhältnisse 
halten und eS wird über den Stand der'gesamten sibiri 
schen Gcfangenenfrage eingehend berichtet werden. 
o Evangelische Forderungen zur Reichskagswahl. Tie 
Konferenz Deutscher Evangelischer Arbeitsorganisationen, 
der dreißig ganz Deutschland umfassende große Verbände, 
u. a. Innere Mission, Gustav-Adolf-Berein, Evangelischer 
Bund angeschlossen sind, sowie der Teutsche Bolkstirchen- 
bund. zwei Körperschaften also, die Millionen Evange 
lischer in Deutschland umfassen, haben an die Leitungen 
der politischen Parteien in Deutschland folgende Fragen 
gerichtet: „Ist Ihre Partei bereit, dafür einzutreten, 
1. daß ebenso wie die Religionsfreiheit des einzelnen 
auch die den Rcligionsgesellschasten durch die Rcichsver- 
fasfung zugesagte Selbständigkeit und die ihnen gewähr 
leisteten Rechte in vollem Umfang aufrechterhalten bleiben 
und insbesondere auch ihre Durchführung in der Landes 
gesetzgebung gesichert ivird? ,2. daß bei der Regelung 
der Staatsleistungen an die Rcligionsgesellschasten (Art. 
138 R. W.) den Forderungen der Billigkeit entsprechen 
den Lcbensintcressen der Religionsgesellschaften stn vollem 
Umfang Genüge geleistet uud der Entwertung des Geldes 
Rechnung getragen wird? 3. daß dem Donntag und 
den bisher staatlich anerkannten Feiertagen im Reiche 
und in den Länden: der durch die Reichsverfassung zu 
gesagte Schutz ungeschmälert erhalten bleibt? 4. daß 
aus allgemeinen kulturellen und kirchlichen Rücksichten 
die Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft sowohl 
Sie Briefe der Prinzessin» 
von E. Nh. Oppenheim. 
57 
(Nachdruck verboten^ 
„Es war cm. großes, großes Unglück, daß der Brief 
nicht ankam. Denn ich war es ja nicht allein, die unter der 
Ungewißheit über dein Schicksal zu leiden hatte." 
Auf Herberts Stirn erschien eine Falte, und er sah 
sie forschend an. 
Ich weiß nicht, von wem du sprichst, Margot I" sagte 
er beinahe finster, sie aber'strich mit weicher Hand über 
sein Gesicht. „Schau' nicht so bös darein, es ist ja doch 
nicht dein Ernst. Du weißt sehr wohl, wer es gewesen ist, 
der mit niir um dich geweint hat. Oder verlangt es dich 
wirklich so sehr danach, zu deiner Genugtuung ihren Namen 
zu hören?" 
Er schüttelte den Kopf. 
„Es bedarf dessen nicht, denn ich weiß freilich, an wen 
du denkst. Aber für sie sollte ich ja ohnedies ein Toter, 
ein Vergessener sein. In ihrem letzten Briefe, den irgend 
eine Hyäne des Schlachtfeldes mir mit all meinen anderen 
Habseligkeiten gestohlen, hat sie es mir ausdrücklich ge 
schrieben." , , 
„Die Briefe Marias sind dir gestohlen worden? Oh. 
ich wußte wohl, daß dies die einzige Erklärung sein könnte, 
daß du sie nicht von dir gelassen haben würdest, so lange 
du noch die Kraft besessen hättest, sie mit deinem Leben zu 
verteidigen. 
Ohne jedes Berständnis sah er sie an. 
„Was soll das heißen, Margot? Was ist es mit diesen 
Briefen? Was kannst du überhaupt von ihnen wissen?" 
„Oh, das ist eine sehr lange und eine sehr häßliche Ge 
schichte. Aber nicht jetzt darfst du mir zumuten, sie dir zu 
erzählen. Ist mir's doch, als beginge ich mit jeder Minute, 
während deren ich dich hier festhalte, einen unverantwort 
lichen Raub an der, die nicht geringeren Anspruch auf 
das Glück des Wiedersei., ns hak als ich." 
Sie eriasttc leine Hand und maidie *>»»*»». »hn o*<»■>•>» 
das Schloß hin mit sich fortzuziehen. Aber er widerstand 
ihrem Bemühen und hielt sie zurück. 
„Höre mich an, Margot! Ich habe mich nach langem 
Kampfe entschlossen, diesen Boden zu betreten, aber es 
war mir viel mehr darum zu tun, dich zu sehen als — als 
deine Freundin, die mich vor etlichen Monaten zu den 
Toten geworfen. Als ich nach Buchberg reiste, hatte ich 
keine Ahnung, daß ich das Schloß überhaupt bewohnt 
finden würde. Nicht lebendigen Menschen galt meine 
Sehnsucht, sondern einzig den Stätten meiner Erinnerung. 
Erst nach meiner Ankunft erfuhr ich von deinem und 
von — von Marias Hiersein, und in derselben Stunde 
faßte ich auch den Entschluß der Abreise, denn ich wollts 
ihrem Willen gehorsam sein und wollte ihr nie mehr be 
gegnen. Aber des Menschen Herz ist nun einmal ein 
schwaches, wankelmütiges Ding, und der ist ein armseliger 
Narr, der sich einredet, es in seiner Gewalt zu haben. 
Ein paar ahnungslose Worte, die dein schriftstellerischer 
Freund am gestrigen Abend zu mir gesprochen, waren im- 
stände, alle meine tapferen Entschlüsse über den Haufen zu 
werfen. Ich verschob meine Abreise, die schon in aller 
Morgenftühe hatte erfolgen sollen, und ich karst, wie du 
siehst, hierher, um mich dir zu erkennen zu geben." 
„Nur mir?" fragte sie mit einem kleinen, schelmischen 
Lächeln, und da er, wie im Unmut, sein Gesicht abwandte, 
.fügte sie ernster, aber auch inniger und eindringlicher, 
hinzu: 
„Ich weiß nicht, was Maria dir geschrieben hat, Herbert, 
aber was auch immer es gewesen sein mag, jedenfalls 
weiß ich, daß sie dir damals nichts anderes schreiben konnte 
und durfte. Denn sie mußte sich bis vor wenigen Monaten 
als die Frau des Prinzen Apraxin betrachten und mußte 
den Pflichten treu bleiben, die sie vor dem Altar be 
schworen hatte, unter einem wie furchtbaren Zwange sie 
auch bei jenem Schwur gestanden haben mochte. Als 
Mann von Ehre durftest du von ihr nichts anderes er» 
warten." 
„Es mag sein, daß sie nicht anders konnte. Aber hat 
sich denn seitdem etwas geändert? Besteht die Verpflich 
tung, an die sie sich damals gebunden wähnte, denn nicht 
., „4, w. itf •>" 
„Ja und nein! Dem Namen nach ist Maria wohl 
noch immer die Prinzessin Apraxin, aber sie selbst erkennt 
das Band nicht mehr an, das sie vor der Welt mit 
jenem Elenden verknüpft. Der Scheidungsprozeß, den sie 
gegen ihn angestrengt hat, konnte in Rußland unter dem 
mächtigen Druck hoher und allerhöchster Einflüsse noch nicht 
in ihrem Sinne Entschieden werden, aber sie ist dennoch 
vor dem eigenen Gewissen frei — frei durch ihre Flucht 
nach Deutschland und durch ihren Verzicht auf alle Rechte 
und Vorteile, die sie aus ihrer Ehe mit dem Prinzen her 
leiten dürfte." 
Stürmisch ergriff Herbert von Wehringen die Hände 
seiner Schwester. 
„Margot, wenn ich deinen Worten die Deutung geben 
dürfte, die " 
„Still, Liebster, still! Noch sind wir nicht am letzten 
Ziel, und noch könntest du durch vorzeitiges Ungestüm 
alles verderben. Ein rechter Mann muß sich bezwingen 
können, auch wenn es noch so wild in seinem Innern 
stürmt und siedet. Du wirst Maria wiedersehen, binnen jetzt 
und weniger Minuten wirst du vor ihr stehen, und du 
wirst sie so wiederfinden, wie du sie einst verlassen. Aber 
du wirst nicht vergessen, daß du ihrer Lage Rücksichten 
schuldig bist, nicht wahr? Du wirst es ihr nicht unnötig 
erschweren, ihr eigenes rebellisches Herz so lange im Zaume 
zu halten, bis — nun, bis auch die letzte Schranke ge 
fallen ist, die ein papierner Gesetzesparagrapy jetzt noch 
zwischen ihr und dir aufrichtet." 
Herbert schloß sie in die Arme und küßte ihre Lippen, 
wie wenn es die Lippen einer Geliebten gewesen wären. 
„Hab' Dank, du mein liebes, mein gutes, mein kluges 
Schwesterchen! Herrgott, womit habe ich törichter, eigen 
sinniger Mensch so ein Gnadengeschenk verdient, wie der 
Himmel es mir in dir befchieden hat! Aber diesmal 
wenigstens sollst du mit mir zufrieden sein. Ich will 
mich bescheiden, wenn die Prinzessin Apraxin mir nur 
durch einen einzigen Blick zu erkennen gibt, daß die Kom 
tesse Maria Waldendorff noch nicht tot ist, sondern daß Ke 
nur irgendwo schlummert und daß es mir armen/sahre,^' 
Miitcr eines .Tages vecgMjMjWWWM^k««.
        
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