Path:
Periodical volume Nr. 55, 04.03.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Leiteilblick auf die Konservativen mit der Ständischen 
Vertretung zu rechnen. Er wandte sich verschiedentlich 
gegen die' Teutsche Volkspaxtci, die sich jetzt hochtönend 
Partei des Wiederaufbaues nennen, während sie in der 
Tat nur Oppositionspolitik getrieben und alles ver 
neint habe. Auch diesem Redner.wurde für seine von 
dem großen Gedanken der Demokratie durchglühten Aus 
führungen durch lauten Beifall gedankt. In der Aus 
sprache nahm zuerst das Wort der DvlkSparteiler Herr 
Günter Thoma s, der sich gegen daS Schlagwort „Li 
beralismus" wandte und dann zum Kapp-Putsch sprach. 
Er wurde durch Zurufe oft unterbrochen, aber der Bor- 
sitzende verschaffte ihm doch die Ruhe, daß er seine Aus 
führungen voll zu Ende führen konnte. Herr Kuntze 
betonte, daß. nur die jetzige Koalition die Gewähr für 
den Wiederaufstieg unseres Vaterlandes biete, darum 
müßten die Mittelparteieu gestärkt werden. Ein Sieg 
rechts oder ein Sieg links bedeute den Bürgerkrieg. 
Herr Bande erklärte, daß rechts der Feind, aber links 
kein Freund stehe. Herr Th o m Sb erg e r hob gegenüber 
dem Redner der Teutschen Volkspartei hervor, daß diese 
Partei selbst den Etat abgelehnt habe, was früher nur 
die Sozialdemokraten getan haben, die aber selbst im 
Kriege dem Reiche die Mittel bewilligten. Ter Vor 
sitzende bemerkte, Strcsemann wolle jetzt die Sozial 
demokraten umarmen, es gehören zum Umarmen aber 
immer zwei und es frage sich sehr, ob sich die Sozialdcnw- 
kratie von Herrn Stresem-ann umarmen, lassen werde. 
Die Teilnahme an Generalstreik sei ein Ehrentitel der 
T. D. P. (Zuruf: Pfui, hiergegen stürmischer Belfall): 
Im Schlußwort gingen die Vortragenden ans die verschic-. 
denen Aeußerungen in der Erörterung noch näher ein. 
Der Borsitzende schloß die Versammlung, nachdem er noch 
mitgeteilt hatte, daß am LI. d. Mts. in der „Käiscrburg" 
eine Mitgliederversnmlung stattfindet, um zur Groß-Bcr- 
Tiner Stadtverordnetenwahl Stellung zu nehmen, und 
daß am 23. d. Mts. die Wahlhelfer sich im Wahllokal 
Horn, Schmargendorserstr., versammeln. 
o Lausende Zulage für Kriegsbeschädigte und KriegÄ- 
hinterblirbenc. Der Zcntralvcrband deutscher Kriegsbe 
schädigter und Kriegshinterbliebener hatte am ß. Fe 
bruar im Reiche Protest-Versammlungen gegen die mangel 
hafte Versorgung der Kriegsbeschädigten und Hintcrblic 
denen veranstaltet, and an die Reichsregierung die For 
derung auf Gewährung einmaliger und laufender 
Teuerungszulagen gestellt. Nachdem Anfang April der 
zweifache Monatsbcitrag - der Rente als einmalige 
Teuerungszulage ansgezahlt wurde, ist jetzt, wie das 
Reichsarbeitsministcrium der Rcichsgeschästsstelle des Zeu° 
tralverbandes, Berlin SW. 6, Luiscnstr. 31 b, mitge 
teilt hat, auch der zweiten Forderung des Zentralver- 
bandes entsprochen worden. Bis zur Zahlbarmachnng 
der Bezüge nach dem neuen Reichsverforgnugsgesetz wer 
den auf alle Bezüge der .Kriegsbeschädigten ab 1. Mai 
30 Prozent und ans die der Hinterbliebenen 40 Prozent 
als lausende Zulage gewährt. Ein Wegweser durch daS 
das neue Versvrgungsgesetz, das demnächst in Kraft tritt, 
mit zahlreichen Erklärungen und Rcntentabellen kann 
für 1,50 M. ausschließlich Porto und Verpackung von 
der Reichsgeschäftsstclle bezogen werden. 
v Das Konzert zum Besten des Kir.chenglorkenfonds 
am Dienstag, abends 3 Uhr, in der Kirche zum guten 
Hirten wird in abwechselnder Folge eine Passacaglia 
<T. Buxtehude), eine Toccata und Fuge d-moll (I. S. 
Bach) und das Benedietus aus Op. 50 (Dvorractf fiir 
Orgel durch Jdalie Werhau, für Gesang durch Jenny 
Frvmelt die Arie „Mein gläubig Herze" von I. S. 
Bach zwei biblische Lieder ),Du bist, v Herr und Gott 
ist mein Hirte von Dvorrack sowie drei Lieder von M. 
Reger „Des . Kindes Gebet, Maria Wiegenlied und Am 
Abend bringen. Außerdem ivird Haus 'Basscrmaun auf 
seiner berühmten Amatigeige seine Meisterkunst in der 
I. S. Bach'schen Ehaeonne für Violine allein, einem 
Adagio von I. Brahms und einem Adagio ans hem 
D-dur Eonzert von Mozart zeigen. Eintrittskarten sind 
außer an den bekannten Verkaufsstellen auch au der 
Abendkasse z:l haben. 
o Dcr Volkshochschulfranenchor veranstaltete am Frei 
tag voriger Woche unter seinem vorzüglichen Dirigenten 
Herrn Dr. W o e l f s e I einen wohlgelungcnc.il Abend znm 
Besten der Volkshochschule. Man kann' dem Dirigenten 
gratulieren zu einem so frischen Franenchor, der seinen 
Intentionen mit größter Feinfühligkeit folgte. Tic 
große Reinheit der Intonnation und des Zusammenklangs 
und vor allem die Frische und Farbigkeit im Ausdruck 
. »-£ u vrauchsl mir oic üc-rsen nui;t weiter auszumalen» 
mein Freund! Ich kenne die Welt zur Genüge, um zu 
wissen, daß meine Fraticnehre für imiiicr vernichtet sein 
wurde. Aber warum, wenn er sich doch mit derartigen 
Absichten trägt, warum hat Dombrowsli dann nicht längst 
geplaudert?" - 
"2ch bin über die eigentlichen Beweggründe und über 
die letzten Absichten dieses undurchdringlichen Menschen 
mäst chlt nur im reinen. Er gab sich mir gegenüber den 
Arischem, oie Aufklärung der Affäre Marlens einzig aus 
einer Art von Wahrheitsfanatismus zu betreiben, aber 
ich glaube nicht mehr an diesen unwiderstehlichen Wahr» 
heitsdraiig, und ich tun vielmehr überzeugt, daß für ihn 
dabei noch andere Interessen im Spiele sind, die es ihm 
bis jetzt nicht angezeigt erscheinen ließen, mit seiner Wiisen- 
schast zutage zu kommen. Sollte aber der Aiigeublickwin- 
lreten, wo es ihm zweckniäßig scheint, so wird er gewiß 
nicht zögern, es zu tun, denn auf irgendwelche Nückficht- 
1101)1110 ist bei bic[cm Menschen sicherlich nicht zu rechnen." 
„So muß ich eben abwarten und ertrage», was das 
Schicksal über mich verhängen wird. Denn ich bin nach 
wie vor entschlossen, die Prinzessin nicht zu verlassen 
und aber, mein Himmel, was ist das? Bin ich denn 
schon wahnsinnig? Sehe ich denn Gespenster am hellen 
Tage?" 
Sie war jäh emporgefahreii und starrte mit weit 
aufgerissenen Augen in das Grün des dichten Buschwerks, 
das einen tieferen Einblick in den Park vermehrte. Der 
Richtung ihres Blickes folgend, vermochte der aufs äußerste 
betroffene Heinz im ersten Moment nichts zu erspähen, 
was ihm ihr seltsames Benehmen erklärt hätte, mm aber 
tauchte an derselben scharfen Wegbiegung, von der aus 
er. vorhin die Geliebte belauscht hatte, die Gestalt eines 
Mannes ans, eine hochgewachsene, breitbrüsiige Gestalt mit 
edlem, energischem Kopfe, die Gestalt sein.'s-geheimnis 
vollen Bekannten aus dein „Gasthaus zur Post". Und im 
nämlichen Augenblick rang sich's wie ein Aufschrei höchsten, 
unermeßlichen Jubels von Margots Lippen: 
„Herbert!" 
Mit einem unacNüiiien Ruck befreite sie ihre Hand. 
veranlaßten das Publikum zu andauerndem Beifall, so 
daß manches Lied wiederholt werden mußte. Warum 
ivurde- das Brahm'iche Wiegenlied znm 2. Mal höher 
intoniert? — Als Solisten wirkten Frl. Kr oh ne (Ge 
sang) und Herr Carl Kämpf (Klavier) mit. Die schöne 
weiche Stimme der Sängerin wurde leider stellenweise 
durch die zu starke Begleitung des Herrn Tr. WoelfstK 
gedeckt, trotzdem wirkten die „heimlichen Grütze^ aus 
dem wunderbaren Zyklris „Eliland" von Fielitz so sehr 
auf die beifallsfreudige Zuhörerschaft, daß Frl. Krohne 
das Lied wiederholen mußte. — Ter Pianist Herr Kämps 
trug eigene Kompositionen vor. Seine Klavierstücke sind 
nicht angekränkelt von che» Zeiten der. modernen Musik. 
Sie bewegen sich hauptsächlich im Chopin-Schumann'schen 
Stil und wirkten somit stark auf die andächtig lauschen- 
den Zuhörer. Alles in allem ein wohlgelungener Abend, 
hoffen.wir, daß der Volkshochschul-Frauenchor noch recht 
oft vor dre. Oeffentlichkeit treten wird. .H. H. 
o Als .gefunden ist der Fundstelle im Rathaus gemel 
det ein Handtäschchen und ein Spazierstock. 
Vereiiis-nachricbten 
)( Die Friedenaucr SchachuereiojguNÜ.chat.Fetzt ihre Spiel 
abende nach dem Gasthaus „Moselburg", Mosel-, Ecke Ringstr., 
verlegt, wo sie jeden Montag und Donnerstag stattfinden. Gaste 
sind stets willkommen. (Siche.Anzeige). 
)( Wilhelm Schmidt'schcr gemischter Chor. Uebungsstunde: 
Montags y*8—i/slO Uhr im Restaur. „Hohenzollern", Hand- 
jerystr. 64. Stimmbegabte Damen u. Herren sind willkominen. 
)( Friedenauer demokratische Lehrervrrrinigung. Nächst,: 
Zusammenkunft Dienstag, den 18. Mai, „Kafferburg", Friedrich 
Wilhclm-Plcitz. ... 
X Abg. Oberbürgermeister Domlnirus spricht über „De 
mokratie und Vaterland" am Mittwoch, den 49. Mai, abends 
Uhr, in der Aula des Hoycnzollcrn-Gymnasiuiiis, Martin 
Luthcrstr. 22/23. Freie Anssprache. 
)( Sozialdemokratischer Wahlverein (S.P.DH. Ortsgruppe 
Friedeiiau. Am Dienstag, den 18. Mai, abends 7Hz Uhr: 'Mit 
gliederversammlung im Restaurant „Hoheiczollcrn", Handjery- 
straste 64. Pünktliches und bestimmtes Erscheinen aller Mit 
glieder ist notwendig. 
)( Dcutschdcmokratischer-Iugevdpercin Groß-Berlin. Arbeits- 
gruppe Friedenau. Am Mittwoch den 19. Mai abends 7 3 / 4 Uhr 
findet eine Sitzung im „Wiesbadener Hos" statt. Vortrag des Herrn 
Henning über „Stellung de: Demokratie zur Arbeiter und Änge- 
stclltcnfrage", Parteifreund? als Paste willkommen. 
X Die Christliche Volksparter (Zentrum, Ortsgruppe.Frie 
denau) veranstaltet am Mittwoch, den. 26. Mai 1920, abends 
8 Uhr, eine öffentliche Wählervcrsammlung, in welcher Herr 
Staatsanwalt L ammcrs über: „Grundsätzliches zur Zentrums- 
Politik" und Frl. E h l e r t über „Volk und Vaterland" sprechen 
wird. Gäste, welche ans deuc Boden christlicher Weltanschauung 
stehen, sind freundlich eingeladen und willkommen. 
)( Orchester-Bereinigung des Westens (bOMitgl.) UebungS- 
atzende jeden Dienstag V?8—i/jlO Uhk im Saal Rhemstraße 24. 
Musikfreunde willkommen. 
X Der „Friedenauer Gesangverein für gemischten Chor* 
(Ehormeister: Gesanglehrer Walter Schmidt) übt j e d e n D t e n s,» 
t a g im Gesangssacrl der Köiiigin-Luise-Schule. Aufnahme 
neuer Mitglieder im UebungSsaal: Herren besonders erwünscht. 
)( Drei große öffentliche.Mieterpersammlungen vcranstalM 
in Wilmersdorf, Schöncberg lind Eharlotlenbnrg der Mieter-Ver 
ein des Groß-Bcrliner Wcsicns zur. Aufklärung der Mieter ülnr 
die Höchstmictenanordnung. In Wilmersdorf firubet die Ver 
sammlung ifm Mittwoch, den 19. Mfai, abends 7 Uhr, im Re- 
form-Realgymnusium, Prinzrcgcnicnst'r. 33/34, statt; in Schönc- 
dcrg am Freitag, den 2 t. Mai, abends 7 Ilhr, in der Cbamisso- 
Sckmle am Barbaroijn-Ptatz, und in Clmrtottenbnrg am Mittwoch, 
den 26. tz'i n, abends 7'/z Uhr, in 'der Kaiser Friodrich-Schule- 
Knescbeckstr. 24, statt. 
turnen, Spiel, Sport 
s Ter Männrr-Turnverein, c. B , veranstaltet ein Schau 
turnen mit seiner 1. „no 2. Mädchen-Abteilung sowie der Kna- 
bcii-Abteilung in der Turnhalle des Gymnasiums am Maybach- 
Platz am Dienstag, den 18 .Mai >1920, 6 Uhr abends. Der 
Ordiiuiigsgang ist folgender: Aufmarsch, Lied: „DaS.Wandery 
ist des Müllers Lust". Freiübungen. Ansprache des Vorsitzenden. 
Gerätturnen in drei Gruppen. Gruppe 1: Zweite Müdchen-Ab- 
tcitiiilg: Grnppe 2: Knaben-Abtcilung; Gruppe 3: Erste Mäd 
chen-Abteilung. Sondervorsührungen: 2. Mädchen-Abteilung tLie- 
derrcigen). 1. Btäüchcn-Abteilung (Taktturnen am Barren). Kna- 
ben-Abteilung jSpicle). 1. Mädchen-Abteilung ^ (Liederrcib-m). 
1. Mädchen-Abteilung (Pferdpyramiden). Schlußlieü: „Nun bricht 
aus allen Zweigen". 
Ker4m und Vororte 
§a Wilmersdorf erhält rin Krankenhaus. Wilmersdorf ist 
bis jetzt immer noch auf die im Schöneberger Krankenhause ge 
sicherten IHO Botten und auf die zur Verfügung stehenden hundert 
die Heinz noch immer festgehalten, Mio in siüriiU'chör Hast, 
kaum noch den Boden mit den Füße» berührend,' flog sie 
dein Eindringling entgegen, um sich unter Lach?,, und 
Weinen in seine weitgeöffneten Arme zu werfen.' 
Heinz sah, wie sie in überströmender Zärtlichkeit die 
gebräunten Wangen des Fremden streichelte, er sah, wie 
jener ihr glühendes Gesicht mit seinen Küssen bedeckte, und 
dann sah er nichts mehr. Denn als ob er vor sich selbst 
entfliehen müsse und vor den bösen Geistern, die seine 
5)and schon hatten nach dem Revolver in der Vrusttasche 
zucken lassen, hatte er sich nach der entgegengesetzten Seite 
hin gewendet und war quer durch Gebüsch und Unter 
holz davongestürmt, um irgendeinen Ausgang'des Parkes 
zu gewinnen. 
28. Kapitel. 
Minuten waren vergangen, ehe Margot sich wieder 
darauf zu besinnen schien, daß cs außer dem Manne, dem 
ihre -.lebkoflingen und ihre unzusammeiihängeiiden, stam 
melnden Freudeiiäußerungen gegolten, noch irgend etwas 
anderes auf Erden gab. Und er selber hatte es sein 
müssen, der sie daran gemahnte, indem er mit einem keinen 
Luche!,, sagte: 
„3a, ich bin's. meine liebe, kleine Margot, ein von 
den ^oten Auferstandener! Aber, wie es scheint, habe ich 
mit meiner Uebcrraschung etwas Schlinnnes angerichtet. 
Denn ich habe damit offenbar den liebenswürdigen jungen 
Poeten verscheucht, in der» ich doch wohl einen deiner 
näheren Freunde zu vermuten habe." 
Erschrocken wandte Maraot den Kopf, uni zuerkennen, 
oaß die Bank unter dcx Benusstatue leer war 
„Wahrhaftig, er ist fort/ rief sie bestürzt. „Mein 
Himmel, da,z ich auch nicht daran gedacht habe, ihn mit 
cment Wort aufzuklären! Was muß er >nur von mir 
gegstnibt haben! Oder hast du ihm vielleicht schon ge- 
„Rein, ich hatte bisher keine Veranlassung, ihn zum 
Vertrauten meiner Geheimittsse zn machen, denn die Dauer 
lmfeier B.laniitschast zählt bislang nur »ach Stunden, »»d 
feit gestern cift ist mir eine Ahnung davon ausgedäiuniert. 
Betten in den Teltoiver Krecskratckenhäusern Gr.-Lichter^lde und 
Brttz angewiesen. Dein Magistrat ist nunmehr ein Angebot auf 
käuflichen Erwerb des Krankenhauses des Vaterländischen Frauen- 
Vereins in der Achenbachstraße gemacht worden. Der Grund- 
stückspreis des für 100 Krankenbetten konzessionierten Kranken- 
bauses ist auf 400 000 Mark und der Wert des gesamten Jnven- 
tars aus 210 000 Mark festgesetzt. Der Magistrat hat dem An- 
gebot, vorbehaltlich der Zustimmung der Stadtverovdnetenoer^ 
sammlung, zugestimmt und beschlossen, das Krankenhaus ums- 
dcstens 1 Jahr als öffentliches Krankenhaus weitcrzujuhren« s.ie 
Uebernahme soll am L Juni erfolgen. c 
»Wer «icht arbeitet, soll auch nicht esssir". 
Von Ludwig Bar na y. : • 
Geheimrat Ludwig Barnay, der Altmeister 
der deutschen Bühne, kam in den 70 er Jahre» 
mit den Meiningern nach Berlin und führte mit 
ihnen im damaligen Viktoriathcater in der Münz 
straße hauptsächlich Shakespeare'sche Dramen auf. 
Die Vorstellungen, die auf einer beachtenswerten 
Höhe standen, fänden s. Zt. starken Zuspruch. Dieser 
Tage feierte er auf seinem Ruhesitz in Hannover 
sein 60 jähriges Künstlcrsubiläum. Er übergibt 
der Oeffentlichtcit die folgende bchcrzigcnswcrch 
Kundgebung. 
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen". Ein 
Axiom, der programmatische Ausspruch ErzbcrgerS, eines 
deutschen Ministers. Also ein Grundsatz, der für alle 
Volksgenossen als allgemein gültig angesehen^ werden 
müßte? Wir wollen zusehen, ob er in der Tgt jeder 
Prüfung standhält. 
Zunächst wäre zn fragen: wer arbeitet? das heißt, 
wer wird im gegenwärtig gangbaren Sinne als „Ar 
beiter" bezeichnet? Doch wohl nur derjenige, der gm 
Schraubstock, am Amboß, am Pflug,' im Bergwerk, an „ 
der Hobelbank, mit Hammer und Kelle tätig ist. Aber 
wie? Gehört das große Heer der geistigen Arbeiter, der 
Schriftsteller, Aerzte, Gelehrten, Rechtsanwälte, Beam 
ten, Architekten, Chemiker, Künstler, nicht auch znm 
Volke? Sind sie nicht auch Arbeiter? Arbeiten diese so 
genannten „Intellektuellen" nicht ebenso ivirksam znm 
Besten des genieinsamen Volksivohles ivie jene? Und 
oft angestrengter und andauernder, da für sie kein Maß 
von Arbeitsstunden, kein Achtstuudentag normiert wird, 
normiert werden kann: die geistige Arbeit endigt nick» 
mit der absoluten Tätigkeit ivie beim Handwerker und 
Fabrikarbeiter; für die Gchirnarbcit gilt kein Pfeifen, 
fein Läuten, als Zeichen für die Zeit der Ruhe, der 
Untätigkeit, der Erholung; diese Maschine läßt sich nicht 
„abstellen". 
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen". Dieser 
Ausspruch wäre gerecht' und bis in seine letzten Kon- 
scquenzcn gültig allen denen gegenüber, die wohl arbeiten 
könnten, die aber nicht arbeiten ivollcn; der Grundsatz 
kann aber unmöglich Geltung haben für die Tausende, 
die poiiiiv ^infähig sind, sich ihren Lebensbcdars zn er 
arbeiten (Greise, Weiber, Kinder, Kranke, Irre, Krüppel), 
Menschen, denen die Möglichkeit zu arbeiten versagt ist, 
Sollen diele etwa auch — nicht essen? 
Und ivie sieht cs mit den vielen Altgeivordencn aus, 
die in jahrzehntelanger Arbeit, bei sparsamer Wirtschaft, 
sich gar manchen Lebensgenuß versagt haben, um so 
viel zn erraffen und heranznsparen, daß sie'dereinst ihren 
Lebensabend, geschützt gegen harte Entbehrungen und 
bittere Rot, erleben könnten und deren Kräfte nun ver 
braucht. deren Nerven erschlafft sind, sollen auch diese — 
nicht essen? — Darf und soll man diese sechzig und siebzig 
Fakire alten Personen, bei dem Rcichsnotopfcr, in gleich 
drakonischer Weise behandeln wie jene rührigen Kriegs 
gewinnler; wie diejenigen, denen durch Erbschaft oder 
durch audcre Zufälle große Vermögen zugcfaltcil sind: 
die von Kindesbeinen' an im Luxus aufgewachsen, mit 
dem unvermeidlichen Monokel im Auge, auf Lackschuhen 
dukchs Leben, tänzeln, um auf Kosten der Arbeit ihrer 
Mitmenschen, sich keinen Lebensgenuß zu versagen? 
Das hieße auf den Müßiggang eine Prämie setzen, 
das hieße dem fleißigen Handwerker, dein sparsamen 
Arbeiter zurufen: „Spare nicht, versage dir nichts, son 
dern vertrinke, verspiele, vergeude den Ertrag deiner Ar 
beit, der dir am Ende eines Tages von Staatswegen 
genommen werden könnte, um Müßiggänger zu füttern!" 
Unmöglich kann ein überzeugter Sozialdemokrat solche 
Auslegung wollen, denn wahrhaft „sozial" lautet die 
Losung: der Arbeiter soll arbeiten, der Arbeiter soll 
sparen. 
Wer daS sechzigste Fahr Überschritten hat inrd nach 
weisen kann, daß er seinen Besitz in redlicher Arbeit, 
daß er möglichermene zu einem mir fein' teuren Mitglied 
meiner Familie näheren Beziehungen stehen könnte. Aber 
du brauckist darum nicht so.verstört dreinzlischaucn, mein 
liebes Schwesterchen! Er wird ja nicht r.leich bis ans 
Ende der Welt gerannt scia. weil rin sreinder Mann die 
Verwegenheit hatte, dich zn iniiarnien. lind ich verspreche 
dir feierlich, daß er noch an diesem Morgen von niir eine 
Aufklärung erhalten soll, die geeignet ist, alle schwarzen 
Gedanken aus feiner Seele zu verscheuchen." 
Errötend schmiegte sich Margot aufs neue an seine 
Brust. ■ 
«0h, wenn du wüßtest, Herbert, was er für mich getan 
hat, wie edelmütig und selbstlos er ist — und wie —" 
„Und wie lieb ich ihn habe!" ergänzte der andere ihre 
stockende Rede. „Run, das alles werde ich ja, wie ich 
hoffe, recht bald erfahren. Wir haben einander nach dieser 
langen Trennniig ja ganze Bände zu erzählen." 
„Ja, ja, und du vor allein, du böser, böser Mensch! 
Ist das deine brüderliche Liebe, daß du tzjch in ein so be 
ängstigendes Schweigen hüllen und mich in den schrecklichen 
Glauben versetzen lvimtest. ach, ich mag gar nicht mehr 
zurückdenke» an all den Kummer, den du mir bereitet hast 
an all die Tränen, die ich um deinetwillen vergossen " 
Herbert non Wchängen deutete mit leichter Hand- 
bewegung aus die Narbe an seiner Stirn. 
„Weil ich aus solche Vorwürfe gefaßt sein mußte, habe 
ich die Entschuldigung gleich mitgebrackjt." scherzte er. An 
dem guten Willen des braven Hochländers, der mir diesen 
Säbelhieb versetzte, hat es nämlich wirklich nicht aeleaen 
wenn deine.Befürchtungen über mein Schicksal grundlose 
gewesen stnd. Der Himmel muß mich mir einer mehr als- 
gewöhnlichen Widerstandsfähigkeit gesegnet haben, daß ich 
knich „ach moiiatelaiige», Siechtum von dem Krastbeweis 
dieses Tapferen erholen konnte. Im übrigen babe ich ans 
meiner Gesangcnschast einmal au dich geschrieben. Aber cs 
darf mich bei der Lieveiiswnrdiakeit irnscrer englischen 
Dcwachungsmaiiüschast freilich nicht wimoernehmc» wenn 
dieser Brief dich niei"«ils erreichte." 
(Fortsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.