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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

über die Tatsache orientiert ist, daß meine bolle Adresse 
auf der Redaktion gesetzlich lagern muß. Vielleicht hört 
Herr Sröder mal etwas vom Pressegesetz. Daß Herr Sä), 
sich befleißigt, durch allerlei Verdächtigungen den Vor 
fall zu vertuscheln, nehme ich ihm nicht übel, ändert 
jedoch an der Tatsache nichts. Ich halte nach wie vor 
meine Behauptungen und Angaben aufrecht und kann durch 
Zeugenaussagen meine Angaben eidlich bestätigen lassen. 
Wenn ein Mitglied der E.-W. sein Amt dazu mißbraucht, 
einen Bürger aus persönlichen Gründen anzupöbeln und 
in seiner Freiheit anzutasten, so mag Herr Schröder 
sich dies gefallen lassen; ich bin anderer Ansicht, und mit 
mir wohl die gesamte Bürgerschaft Friedenaus. Wenn 
ich mich darüber beschwere, so hat Herr Sehr, nichts 
Eiligeres zu tun, als meinen Artikel hetzerisch zu nennen; 
das ist sehr naiv. Nähere Angaben kann Herr Schröder 
oder die E.-W. bei niir persönlich oder schriftlich er 
fahren. Im übrigen hoff' ich ans den. Untersuchungs 
ausschuß. N. Schmeißcr. 
Brot naihiviegcn! 
Bei den heutigen Brotprcisen ist es angebracht, jedes 
Brot nachzuiviegcn. Ich kaufte heute ein Brot und fand, 
daß es nur 1750 Grannn ivog. Bei Rückgabe tvnrden 
mehrere Brote nachgewogen und alle waren zu leicht 
ES heißt also aufpassen, evtl, rücksichtslose Bekannt-! 
Machuug. B- 
Was ist Demokratie?'"- 
Von Dr. Hermann Haffe. 
(Fortsetzung.) 
Vor allem ist aber auch der Volksvertreter dagegen 
zu schützen, daß seine Wähler oder seine Partei einen der- 
artigen Druck auf ihn ausüben, ioie dies vielfach dadurch 
geschieht, daß bei der Aufstellung der Kandidatenlisten die 
Unterzeichnung eines Reverses gefordert wird. Eine 
derartige politische Fesselung des Vollsbeaustragten sollte 
im Strafgesetzbuch der Wahlbecinflnssung gleichgestellt wer 
den, da der Einzelne sonst vollständig der Partcikligue 
ausgeliefert ist. Schon daß. die Wahllisten in so engem 
Kreise aufgestellt zu werden pflegen und so gut wie aus 
schließlich organisierte Parteimitglieder enthalten, wider 
spricht in gewissem Grade der alten parlamentarischen For 
derung: daß die Abgeordneten „ohne gebundene Marsch 
route" zu wählen sind. Ein weit größeres Uebel aller-' 
dings ist das ,,E a n c u S"-System, die Ausstellung der 
Kandidaten in den amerikanischen Vorwahlen (Prcliminaries 
Konvente, empfohlen von Georg Bernhard), die etwa un 
seren Parteitagen entsprechen. Die dort herrschende Kor 
ruption kann sehr wohl vermieden werden durch eine ge 
wisse Modifikation unserer deutschen Listenwahl; nicht zu 
verwechseln mit der Liste der amerikanischen Wahl (general 
ticket, französisch: scroutin), mit welcher gleichzeitig 
mehrere Aemter in einem Wahlgaug besetzt werden, die 
aber dafür manche wünschenswerte demokratische Siche- 
rring ausschließt. 
Wir wünschen bekanntlich, daß der Wähler wieder 
einen direkten Einfluß auf die Reihenfolge der Namen 
auf den Parteilisten erhalten soll. Tics kann nach einem 
alten Vorschlage geschehen, indem er auf seinem Stimm 
zettel nur einen Namen vermerkt, und die Reihenfolge 
der zuerst alphabetisch aufgcfiihrtcn Namen erst nach der 
Wahl geordnet wird nach der Anzahl der für sie abge 
gebenen Stimmen. Erhält nun ein Kandidat allein nicht 
soviel Stimmen, wie für seine Wahl erforderlich sind, 
sondern lebt nur von den auf ihn übertragenen Stimmen 
der Vormänner seiner Liste, so erhielte seine Nückberufung 
durch das einstimmige Votum dieser Vor männer 
allerdings scheinbar eine gewisse moralische Berechtigung. 
Wünschenswert scheint mir auch eine derartige Einengung 
der politischen Meinungsfreiheit nicht, sie bedeutet auf 
jeden Fall eine Ueberspannung der P a r t e i d i s z i v l i u, 
welche an sich nur ein notwendiges Uebel ist. 
_ Wir sprachen oben davon, daß ein Oberhaus eine ge 
wisse Kontinuität der Politik vermitteln solle. Eine der 
artige Kontinuität würde theoretisch auch erzielt durch die 
geübteren Berufspolitiker. Aber der Berufspoli 
tiker steht tvieder in einem gewissen Gegensatz zur Demo 
kratie, und ist doch durch dieselbe stark verbreitet worden. 
Ueber die Behandlung des Gleichheitsideales durch die De 
mokratie haben ivir noch zu sprechen. Wo aber keine 
*) Vergleiche Nr. 9G und 102. 
Gleichheit besteht, werden die Ehrenämter von einer 
bestimmten Schicht, meist der oberen, Klasse der Gesell 
schaft ausgeübt, und damit wird ihre Einrichtung un 
demokratisch. Jin Klaffenstaat fordert die Demokratie Be 
soldung aller Aemter, damit sie Jedem zugänglich 
sind, und wird dadurch ziemlich kostspielig, wenn 
gleich diese Besoldung verhältnismäßig niedrig bleibt, 
um nicht den Neid der von diesen Aemtern Ausgcschlosse- 
ucu zu erregen. ! 
Als u n demokratisch muß es auch bezeichnet werden, 
wenn mau auf Umwegen wieder den alten BcrnfSstündcn 
Zutritt zum Parteilcben gewährt; wenn z. B. die Kandi 
daten für die Wahlen ans dem Kreise einflußreicher Bernss- 
vereine oder BerufSvcrtrcter entnommen iverden. Freilich 
nähert dies System den Parlamentarismus noch utn_ eine 
Stufe den Kräfteverhältnissen des schon erwähnten Ernst 
falles (eines KanipfcS) und zwingt auch andere. Kreise, sich 
ebenso kraftvoll zu -organisieren. 
Jede Klasse schasst sich ihre Werkzeuge der Herr 
schast. Tic aus Prüfungen aufgebaute B ür o k r cG i e war 
von den Fürsten geschaffen worden gegen die Feudalen 
mit ihrer ständischen Selbstverwaltung. Diese Bürokratie 
ist abhängig von den oberen Klassen und ist unbeliebt jals 
privilegierter Stand: die liberale Demokratie tvird ihre 
Privilegien (Lebenslänglichkcit, Pensionsberechtigung) au 
sechten ' müssen; die soziale Demokratie tut dies bisher 
weniger.» Der Demokratie macht man cs zum.Borwurf, 
daß sic sich mittels der gewählten Berufspolitiker von 
uuccr her die Parteiherrschaft ausbaue, Aber wenn die 
selben auch in Amerika als Wahlmacher (boss) stark 
korrumpiert sind, 'so bietet ihre gewiß unschöne d c m a - 
gogische Kunst doch eine gewisse Gewähr dafür, daß 
sie die Fühlung mit den unteren Schichten behalten, daß 
keine Kluft eintritt zwischen Regierenden und Regierten. 
Man kann cs vielleicht nicht einmal als Neid der Re-- 
gierten bezeichnen, wenn auch sic einmal an die vielge-^ 
scholtene Staats krippe heranwollcn. Wo die Betei 
ligung Aller au der Regierung nicht mehr möglich ist 
(wie wir' es in den Schweizer Ehrenämtern sahen), wäre 
ein Nacheinander der Einzelnen ans diesen Posten ein 
gewisser Ersatz. Man nennt dieses System im Englischen 
,,rotation in office", den fortlaufenden Wechsel, die U m - 
schichtigkeit in den Aemtern. Auf diesem Wege wer 
den sich ' aber natürlich die tüchtigeren Kräfte nicht 
dazu bewegen lassen, aus ihren andermciten Berufen für 
kurze Zeit herauszugehen; die Stellenjüger werden sich 
zusammensetzen aus anderweit gescheiterten Existenzen. 
Wir sehen das auch schon au der politischen Raffender- 
anlaguug. In Amerika wird bekanntlich da-s politische 
Geschäft fast ganz von den Irländern monopolisiert, welche 
sich als Kelten für die Intrige besonders eignen, wäh 
rend man so gut wie gar keine Deutschen in der Politik 
findet. 
Trotzdem vermag die Demokratie nirgends etwas gegen 
die Bürokratie auszurichten. Einmal schasst sie sich, wie 
gesagt, eine eigene neue Bürokratie in den Parkeisekre-l 
tären; ferner ist der politische Beamte der nur für tvenige 
Jahre seinen Posten ausübt, besonders' ffar? angewiesen 
auf die subalterne Bürokratie. --.Män ist in dem demokra 
tischen Staaten meist ziemlich ungehalten über diese Sekretär- 
wirtschaft". Aber mit den angeführten Uebelständen fin 
det sich der Bürger verhältnismäßig leicht ab. Er trägt 
resigniert Einen Teil der B c r a n t w o r t n ng mit, wrnn 
er ungceigiiibe Personen gewählt hat oder kein besseres 
System durch setzen kann. Es entsteht keine- derartige Un- 
zufriedcnheit, als , wenn sich der Haß gegen bestimmte 
Personen ansammelt, welche ihm von fremder Seite her 
aufgenötigt worden sind. Nicht ans die objektiv besten Zu 
stände kommt es schließlich an - diese lassen sich wohl 
überhaupt kaum ermitteln — sondern auf das subjektive 
Empsinden des Staatsbürgers. Wir werden daher als 
bald die wichtigsten Vorwürfe zusammenstellen, welche 
der Deniokräiic gemacht zu werden pflegen. Diese Vor 
würfe können wir aber erst dann beurteilen, wenn nur 
uns vorher noch verständigt haben über die Stellung der 
Demokratie zu einigen Fragen, deren demokratisches'oder 
iindeniokratischcs Wesen viel umstritten ist. Die wichtigsten 
dieser Fragen sind die drei Ideale der französischen Re 
volution: Freiheit, Gleichheit und Brüder 
lichkeit. 
Die moderne Demokratie ist etwa gleichzeitig mit den 
freiheitlichen Ideen anfgekoinmen. Wir haben bereits er 
wähnt, welchen Mißdeutungen der Begriff der Freiheit 
ausgesetzt ist. 
Freiheit, arme vielgeschundne Dame, 
Wer versuchte Dich nicht heimzuführen'? 
taamammmBmmmmammm mmmammmmmmammmmmmmmmmmammmmammmi 
Benehmen des geheimnisvollen Fremden in ihm geweckt, 
hatten mährend der verflossenen Nacht den Schlaf von 
seinen Lidern gescheucht und ihn aus dem mühsam erreichten 
Hafen seliger Glückssicherheit wieder hinausgeschleudert auf 
das wildbewegte Meer der Befürchtungen und der bangen, 
quälenden Zweifel. Mit fiebernder Ungeduld hatte er den 
Anbruch des Tages herbeigesehnt, der ihm endlich volle 
Gewißheit bringen sollte und bringen mußte. Denn er 
fühlte sich nicht länger imstande, diesen peinvollen Zustand 
des Hangens und Nangens zu ertragen. Wenn die Kom 
tesse Waldendorff und die Prinzessin Apraxin, die ver 
trauten Frcnndiime», für die es sicherlich keine Geheim 
nisse in Margots Leben gab, der Ueberzeugung Ausdruck 
geben konnten, daß es nichts Trennendes gebe zwischen ihr 
und ihm, was, in aller Welt, konnteMargot dann verhindern, 
sich ihm ganz zu eigen zu geben, wenn sie ihn wirklich 
liebte! 
Waren diese immer wiederholten Hinweise auf Dinge, 
die sie ihm nicht offenbaren dürfe und die ihrer Heirat ent 
gegenständen, nicht vielleicht nur Vorwände, hinter die sie 
sich zurückzog, um seinem Drängen nach dem letzten, ent 
scheidenden Schritt zu widerstehen ? Lebte in den ver 
borgenen Tiefen ihrer Seele nicht doch vielleicht die sehn- 
süchtige Erinnerung an einen anderen, der ihr mehr ge 
wesen war als er und dessen Gestalt in ihren Wünschen 
und Hoffnungen auch heute noch eine bedeutsame Nolle 
spielte ? 
Wohl hielt er sie keiner Lüge fähig, und er würde 
jeden als seinen Todfeind behandelt habe», der sie einer 
heuchlerischen Verstellung aus niedrigen, egoistischen Be 
weggründen verdächtigt hätte, aber er konnte trotzdem des 
niederdrückenden Argwohns nicht Herr werde», daß es nur 
Freundschaft und Hochachtung, nur großmütiges Mitleid 
mit seiner verzehrenden Leidenschaft gewesen sei, was sie 
unter dem Druck seines stürmischen Verlangens ihm gegen-. 
über als Liebe ausgegeben. Und wenn er sich auch in 
diesem Augenblick noch nicht vorzustellen vermochte, wie er 
ein Leben ertragen solle, dao mit der beglückende» Illusion 
zugleich seines ganzen Inhalts beraubt sein würde, so war 
er nach den Qualen der letzten Stunden doch fest entschlossen, 
selbst der tödlichsten Gewißheit vor einer Fortdauer dieses 
marternden Zustandes den Vorzug zu geben. 
Es war noch viel zu früh, als daß er sich bei den 
Damen des Schlosses hätte melde» lassen dürfen, ohne 
gegen die Elemeiuargesetze der Schicklichkeit zu verstoßen. 
Aber er folgte nichtsdestoweniger dem unwiderstehlichen 
Drang, der ihn zum Schlosse hinauftrieb. Schon das Be 
wußtsein, Margot so nahe zu sein, als die Umstände c- 
nur immer erlaubten, gewährte ihm in seiner augenblick 
lichen Stimmung eine Art von Venihiguug, denn es war 
ihm, als würde dadurch die Gefahr verringert, daß er sie 
für immer verlieren könnte. 
In der Nähe des Hauvtportals stieß er wieder aus 
den Gärtner, der ihm bei seinem ersten Eintrittsversuch 
abwehrend entgegengetreten war. Heute aber legte der 
Mann ihm keinerlei Hindernisse in den Weg, obwohl sein 
Er,cheincn zu einer so frühe» Stunde ihn augenscheinlich ein 
wenig befremdete. 
Mit freundlichem Gruße und ohne eine Frage zu 
stellen, ging Hollfelden an ihm vorüber. Aber er schluo 
nicht den geraden Weg nach dem Schlosse ein, denn er 
mußte ja. wenn er sich demselben allzusehr näherte, mit 
der Möglichkeit rechnen, daß die Prinzessin oder die Ge 
sellschafterin ihn vom Fenster aus bemerkten. Und es koimtc 
unmöglich sein Wunsch sein, der vornehmen Frau, die ihm 
gestern ein so vertrauensvolles Entgegenkommen bewiesen, 
als aufdringlich und unerzogen zu erscheinen. 
So suchte er denn die entlegeneren Partien des Parkes 
auf. ohne jede Hoffnung, Margot vor Ablauf einiger 
St.luden zu begegnen, und doch bei jedem Schritt nach 
alle» Seite» hin ausspähend, ob sich nicht vielleicht irgendwo 
ein Schimmer ihres Gewandes entdecken lasse. 
Aber er war, wie es schien, außer dem Gärtner zur- 
zeit Noch das einzige menschliche Wesen im Park von 
Schloß Buchberg, Keine arideren Stimmen als die süßen 
Stimme» der kleinen Vögel droben in den Zweigen schlugen 
' Deine Schönheit für sich als Reklame 
Auszuprägen, und - Dich festzuschnüren? 
Ach, indeß die Einen irrn Dich rauscn, 
Roh Dich würgen und zu Tode hetzen, 
Suchen Dich die andern zu verkaufen, 
Jeder Vergewaltgung auszusetzen! 
Stumm trägst Dir's, wenn hinter Deiner Larve 
Gar zu gern die Frechheit sich vergißt, 
Zügellosigkeit in deine Har.se 
Greift, Dein Bild der Rowdy selber küßt. 
Einmal aber sollst Tu laut es tagen, 
Wenn Dir noch die Liebe heilig ist 
Die Dir Ehrliche im Herzen tragen. 
Einmal nur, wohin's Dich stärker zieht: 
Deckung dem» der alles niedcrbrüllt -rind stancvsk, zu 
Ist Tein Kind der Wolf, der alle Schafe frißt'? jgevcn? 
Oder schützt Tn auch des Lammes Leben, 
Billigst Ruhe zu dem friedlichen .Gemüt? 
Tie Demokratie behauptet keineswegs, a! l c Frc"- 
heitcil zu vertreten, sie steht in beträchtlichem Gegen',atz 
zum Liberalismus. Und wir müssen uns zunächst darüber 
einigen, unter Freiheit einen Spezials st 11 der Unab 
hängigkeit zu verstehen. Es ist die Unabhängigkeit von 
einem übergeordneten Machthaber, im Gegensatz zu 
der Unabhängigkeit von Gleichgeordneten, von der um 
gebenden Masse, welche wir als Individualismus 
bezeichnen'. Es ist eine Irreführung, wenn der Liberalis- 
mns behauptet, diese beiden Gegensätze versöhnen und aus 
gleichen' zu können. Sie widersprechen sich durchaus. Die 
Freiheit ist noch negativer als die Demokratie. Diese 
Negation genügt zwar, um die positiven Möglichkeiten des 
Individualismus zur Betätigung zuzulassen. Demokratische 
Freiheit bedeutet aber nicht ein möglichst großes Be 
tätigungsfeld für den Einzelnen, sondern nur: daß er ^icki 
nns'chikanicrt fühlt. Weil nun dem Deutschen dieser In 
dividualismus soviel bedeutungsvoller schien als anderen 
Völkern, hat er solange unter Verzicht auf seine Freiheit 
eine starke übergeordnete' Instanz mit dem Schutz gegen 
seine Umwelt beauftragt. Viel bestritten ist bekanntlich das 
Wort der Naturphilosophie: „Der Mensch wird frei ge 
boren". Da ivir eine Abhängigkeit von den Natnrkräften 
und von unserer eigenen Schwäche nicht als Unfreiheit 
bezeichnen können, ist dieser Satz für unsere Zwecke 
-richtig: daS Kind ist schwächend abhängig, aber frei. Im 
Gegensatz zum wirtschaftlichen, manchesterlichen Liberalis 
mus fordert aber die Demokratie: Schutz der Kleinen und 
Schwachen, Kr ä f t c a n s g l e i ch. Die stärkste Beein 
trächtigung deS Individualismus hat die DemVkratie von 
ihren Gegnern übernommen, das ist der Begriff der Dis 
ziplin, den wir noch zu begründen haben werden. Man 
denke nur an den Parteizwang, an die Zumutung, welche 
die Partei an ihre Mitglieder stellt: entsprechend ihrem 
Beschluß zu stimmen. Die Hauptgefahr besteht dabei darin, 
daß solche Disziplin ausarten kann zum Terrorismus, 
womit die Freiheit vernichtet wäre. Der Schutz gegen 
jeden Terrorismus (religiösen!) ist dalwr eine wichtige 
Aufgabe jeder Demokratie. 
In besonders, scharfem Gegensatz stehen Demokratie 
und Liberalismus in der S t c n c r f r a g e. Zunächst ist der 
Liberalismus sehr gegen scharfe Steuerkontrollc, gegen 
„Schnüffelei in die persönlichen Verhältnisse", während 
die Demokratie hier für größte Offenlegung eintritt. Weiter 
aber l)at der Liberalismus merkwürdigerweise die alte 
ständische Auffassung übernommen: daß Steuern von den 
jenigen selbst bewilligt werden sollen, die sie aufzubringen 
haben; dies geschieht unter dem Vorwände, das bedeute 
Selbstverwaltung; man denke: eine Klasse soll sich 
sell'st verwalten! Ja teilweise versteigt man sich zu einer 
derartigen Groteske, wie: die von der Mitbestimmung Aus 
geschlossenen müßten auch von der Steuer befreit sein. 
Beides ist natürlich so undcmvkratisch wie möglich, ist 
nicht mehr Individualismus, sondern Eigenbrödelei, Pri 
vilegierung. Exklusivität. Widerspräche cs nicht dem all 
gemeinen Widerwillen gegen Sonderbeschränkungen, so 
könnte man es vielmehr geradezu als demokratischen Grund 
satz bezeichnen, daß die Besteuerten von der Mitbestim 
mung über diese - Stenern auszuschließen wären, >vie ja 
auch in jeder unpolitischen Versammlung das- Taktgefühl 
verlangt, daß derjenige das Lokal verläßt, über den ge 
sprochen werden soll. Von dieser Auffassung rührt ja 
auch die verstüicdliche Gegnerschaft der wohlhabenden 
Klassen her gegen die „Auslieferung ihres Portemonnaies 
an die Besitzlosen". 
- V»Äsetz«ng 
an sein Ohr, und wenn ihn hier und da ein Nasche!» im 
Gesträuch aushorchen ließ, konnte er sich jedesmal mit eine,» 
leisen Gefühl der Enttäuschung sehr bald überzeuge», daß 
nur ein ' neiigiekig neben ihm hmhnschendes Eichhörnchen 
die Ursache des Geräusches gewesen war. 
Da, just in einem Augenblick, wo er am allerwenigsten 
darauf vorbereitet gewesen luar, stand er bei einer scharfen 
Biegung seines Weges plötzlich in einer- Eutsernung von 
wenigen Schritten dem geliebten Mädchen gegenüber. 
Margot saß im leichten Morgengewand auf der Stein- 
bank unter einer marmornen Venusstatne und war an 
scheinend so ganz in die Lektüre eines Luches vertieft, daß 
sie das Knirschen des Kiessandes unter seinen Tritten völlig 
überhört halte. Und wie ungestüm anch^die Sehnsucht, sie 
an sich zu reißen, in dem Herzen des jungen Mannes cmf- 
bronden mochte, konnte er stch's doch nicht versagen, seinen 
Blick milnitcnlimg an dem bolden Wunder ihrer unver 
gleichlichen Schönheit zu weiden. 
Nein, cs war undenkbar, unmöglich, daß dieser köst 
liche Besitz ihm wieder entrissen wurde, er wölkte-und konnte 
sic nicht mehr hergeben, nachdem er einmal die Seligkeit 
gekostet, sie in' seinen Armen zu halten: Es gab keinen 
Kampf, den er nicht beharrlich und todesmutig hätte be 
stehen könne», um gegen alle Feindseligkeit der Welt, und, 
wenn es sein mußte, ihrem eigenen Widerstreben zum 
Trotz zu behaupten, was ihm — und ihm allein — gehörte. 
Ob es die geheimnisvoll magnetische Wirkung seines 
unverwandt auf sie gerichteten Blickes oder irgendeine 
andere Ursache gewesen war, die Margot bestimmt-hatte, 
ihre Augen von dem Buche zu erheben, jedenfalls wandte 
sich ihm, noch che er die aUerkleinste Bewegung aemacht 
hatte, ihr Gesicht plötzlich zu, und ein heißes, freudiges Er 
röten loderte bei seinem unerwarteten Anblick in ihren 
Wangen auf. 
„Heinz! — Du!- --- Nutz um diese Stunde?" 
(Fortsetzung folgt.)
        
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