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Periodical volume Nr. 102, 09.05.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Pppete auf Tahiti ein französisches Kanonenboot in 
Grund geschossen. Tann wandte sich Graf Spee zur süd- 
acherikanischen Küste. 75 Tage Fahrt in glühender Tropcn- 
sonne, die das Eisen der Panzerung glühend werden lieg, 
ohne schützende Sonnenscgel, unter fortwährenden Kriegs 
wachen und Gefechtsübungen, das war eine Leistung, wie 
sie nur deutsche Seeleute vollbringen. Aus der Oster- 
iusel, die, zu Chile gehörig, in gewaltiger Meerescin- 
samkeit auf 1000 Sm. Entfernung vom Lande liegt, 
nmrde eine längere Rast gemacht, bekohlt und aus dem 
Viehreichtum der Insel der Fleischvorrat ergänzt. Am 
l.ZNovember traf das Geschwader, bestehend aus den Pan 
zerkreuzern Scharnhorst, dein Flaggschiff des Grafen Spee, 
der Gneisenau und den kleinen Kreuzern Dresden, Leip 
zig imd Nürnberg, vor Coroncl, einem Hafen unweit 
des Eisenbahnknotenpunktes La Conception südlich Val 
paraiso, ein. Gegen heftigen Südwind und grobe Sec 
nndampfend, fuhr das deutsche Geschwader südwärts. Ter 
Feind, bestehend aus dem Flaggschiff GoodhoP, den Kreu 
zern Monmouth und Glasgow und dem Hilfskreuzer 
Otranto, warf sich hier dem deutschen Geschwader ent 
gegen. Gegen 6 Uhr Nm., als sich die grelle Tropcnfpnne 
gesenkt und sich die feindlichen Schiffe in scharfen 
Nissen gegen den klaren, abcndhellen Himmel abhoben, 
begann Graf Spee das Gefecht. Die deutsche Artillerie 
setzte mit furchtbarer Wucht ein. Binnen 10 Minuten stand 
das seindliche Flaggschiff in Flammen, nach einer halben 
Stunde sank die Monmouth, in Rauch und Feuer gehüllt. 
Tie Entscheidung war damit gefallen. Zum ersten Mal 
seit Trafalgar war ein englisches Geschwader in: Kampf 
gewesen und war geschlagen worden! Einige Ruhetage 
auf der Rede von Valparaiso — die ganze deutsche Ko 
lonie strömte hier an Bord — folgten; dann trat das 
Geschwader seine Reise um Kap Horn an. Statt der 
milden Tropenlandschaft empfingen hier Gletscher, die un 
wirtlichen Felsen des Feuerlandcs und eine eisige See die 
deutschen Schiffe. Am 8. Dezember 5 Uhr früh traf das 
Geschwader vor Port Stanley auf den Falklandinseln, 
einem Hauptstützpunkt der Feinde, ein. Das dort ver 
sammelte ' feindliche Geschwader, 8 Kreuzer, davon zwei 
große Schlachtkreuzer, jeder mit 30,5 Ztm. Geschützen be 
stückt, nahm sofort die Verfolgung des deutschen Ge 
schwaders^ das mit hoher Fahrt ans Ostkurs ging, auf. 
Graf Spee entließ die kleinen Kreuzer, er selbst mirs 
Scharnhorst und Gneisenau hielt dem an Zahl wie an 
Kampfkraft hoch iiberlcgcncn Gegner Stand. Es kam, 
was kommen mußte. Nach heldenhaftester Gegenwehr, 
mit wehender Flagge ging die Scharnhorst in 
den Grund, die Gneisenau kenterte, von feindlichen 
Treffern durchsiebt. Die ins Wasser gesprungenen.Ucber- 
lcbcnden, so auch der Vortragende, wurden von den e»g- 
lischien Schiffen geborgen. — Der wahrhaft glänzende 
Vortrag löste einen stürmischen Beifall aus. Danach er 
freute Herr Hans Müh-lHofer vom Staatlichen Schau 
spielhaus die Versammlung mit seiner großen Kunst. DaS 
wunderbar ergreifende Gedicht „Vergessen" von Paul 
Warncke, das wie ein Blitz die heutige Zeit und die Nacht 
ihres sittlichen .Empfindens beleuchtet, erzielte, vollends 
bei diesem meisterhaften Vortrag, einen durchschlagenden 
Erfolg. Es .folgten „Der Fischer" von Goethe und die 
Ballade „Tie Pest in Elliand" von Freiherr v. Münch 
hausen, endlich einige Prosastücke, „Der Eisberg", die 
Gefahren einer Lloyddampferreise schildernd, von Henry 
Urban und „Der Kapitän", eine launige Skizze von Kurt 
Kühns. Reicher und von Herzen kommender Beifall lohnte 
den Künstler für seine glänzenden Darbietungen. C. K. 
o Der amtliche Stciiographicuntcrricht in der Preußi 
schen Landcsvcrsainmlttng 'früher Abgeordnetenhaus), 
System Stolze, beginnt am Dienstag, den '11. Mai, 
abends 7 Uhr. Ter Unterricht setzt gute Schulbildung 
voraus und ist namentlich für Schüler von höheren Lehr 
anstalten und Hochschulen bestimmt. 
o Ter Aladcmischp Chor führt Montag, den 31. Mai, 
abends 8 Uhr, im großen Saal der Hochschule von Hans 
Pfitzner „Der Blumen Rache" und von Robert Schumann 
„Der Rose Pilgerfahrt" auf. Die Partie der Rose singt 
Hertha Stolzenberg. Karten zu 2—10 Mark bei 
A. Schwartz, Rhcinstr. 00. Damen und Herren, die im 
Chor mitsingen möchten, wollen sich umgehend melde» 
beim Dirigenten John Petersen, Kaiserallce 78 sPfalz- 
burg. 78). 
o Allgchnlcfiicr Teutscher Sprachverein. Der Groß-Bcr.- 
liner Zweigoerein des Sprachvereins wird am Mittwoch, dem 
12. d. Mts., abends 7 1 / 2 Uhr im Schubertsaale zu Berlin, 
Bülowstr. 104, eine große vaterländische Kundgebung 
im Sinne des idealen Grenzschutz-Dienstes veranstalten, 
den er neuerdings zu seinen Aufgaben gemacht hat. Es 
werden u. a. sprechen: Prof Brandl von der Berliner 
Universttät für Österreich und Tirol, der Breslauer Unioer- 
sttätsprofessor F. Friedensburg für Schlesien und die Ost- 
marken und Dr. Boyens für Schleswig-Holstein. Inhaltlich 
entsprechende kUstlerische Darbietungen eines großen ge 
mischten Chores werden den Eindruck der Reden verstärken. 
Das ganze ist als eine erhebende Feier und als ein erster 
Schritt zur Erfüllung des Versprechens gedacht, das die 
Reichsregierung an dem unseligen 10. Januar 1920 unseren 
von uns losgerissenen Schwestern und Brüdern gab, ihnen 
Treue zu holten,, ihnen mit „allen Foserir unseres Denkens 
verbunden" zu bleiben, aus Grund unseres gemeinschaftlichen 
köstlichen und, wenn ivir nur wollen, unantastbaren Besitzes 
unserer gemeinsamen Sprache und Gedankenwelt. Der Verein 
will sich d>e sorgfäln'g ausgebaute Pflege dieses Besitzes 
bei den nunmehr vorhandenen „Ausland"-Deutschen besonders 
angelegen fein lassen. Der Abend wird den Weg dazu 
weisen. — Die hiesige Ortsgruppe wird am 28. Mai^ 
abends 7 l / 2 Uhr im Brandenburgerhof (Rönnebergstraße 
Ecke Kaiserallee) einen großen Balladenobend sür weite Kreise 
bieten._ Der. 1. Vorsitzende Herr Dr. M a u e r m a n n 
wird über die Tätigkeit der Ortsgruppe berichten, dann 
werden die Darbietungen, Chorgesang volkswissenschaftlicher 
Vortrag über die Geschichte des Bänkelsängerliedes, Lieder 
zur Laute und wiederum Chorgesang den Abend sehr an 
regend gestalten, der erst durst ein darauf folgendes ge 
selliges Beisammensein seinen Abschluß finden Poll. 
o Der Jugendbuud der 3. Gemeindeschule ver 
anstaltet morgen, den 9. Mai, abends 8 Uhr im Festsaale 
der 3. Gemeindeschuke einen Untkthallungsabeud. Unter 
Leitung^ des Herrn Gesanglehrers Walter Schmidt werden 
Lieder vorgetragen, feiner wird ein von Frau Finke ein 
geübte' Theaterstück aufgeführt. Volkstänze und Freiübungen 
werden^ die Vortragsfolgc vervollständigen. Eintrittskarten 
zum Preise von 1 Mark sind nur an der Abendkasse zu 
haben. 
o Zum dritten Male innerhalb eines Zeitraumes von 
G/z Jahren wurden im Hause Wilhelmshöher Straße 1, 
Ecke Fricdrich-Wilhelmplatz, die Bodenverschläge aufgebrochen. 
Auch diesesinal sind wieder sämtliche Kammern geöffnet 
worden. Von den Dieben, die wertvolle Beute inachien. 
fehlt jeder Spur. 
o In den Rhrlnecklichstspielen wird der angekündigte 
Film, der bei den Besuchern Widerspruch gefunden hal, 
-abgesctzr und durch einen anderen .großen Film ersetzt. 
Vereins-Hackricklen 
V Deutsche dlurokratischc Partei, Ortsgruppe Berlin- 
Friedenau. Unser Schatzmeister, Herr Obersekretär Si' lauert, 
ist werktäglich von 1—0 Uhr nachmittags und Sonntag von 
Uhr nachmittags in seiner Wohnung Rheingaustr. 34, 
2 Trepp., z» spreche». Die im Rundschreiben vom 28. 4. 1920 
angegebene Zeit und der Ort beruhen auf einem Irrtum. 
) Internationaler Bund der Kriegsbeschädigten und Hin 
terbliebenen, Ortsgruppe Friedenau und Steglitz. Am Sonn 
abend, den 8. Mai: Familicnabend mit Tanzkränzchcn bei Schcll- 
hase, Steglitz, Ahornstraße 1cm. Ansang 6 Uhr. Gäste will 
kommen. 
V Alle Wcstpreuhen werden hiermit zu einem Untcrhal- 
tungsabcnd, der am Sonntag, den 9. Mai abenvs V28 llhr, in der 
Aula des Lyzeums I in der Rothcnburgstraßc zu Steglitz statt 
findet, eingeladen. Dort werden auch Anmeldungen zur Ab 
stimmung angenommen und Auskünfte erteilt. 
V Jugrndgruppe der Teutschen Volkspartei. Montag, den 
10. Mai ,8 Uhr: Volkswirtschaftliche Besprechungen. Thema: 
„Parteien und Wirtschaftsleben". 9 Uhr: Lcseabend. Sonn 
tag, den 9. Mai: Kein Ausflug. 
)( Deutschnationaler Jugcndbund. Nächste Uebungsstunde- 
dcs Lautcnchors am Montag, den 10. ds .Mts., bei G. Hering,, 
Kaiscraltee 120. 
){ Hausfrauen-Vcrein. Am 10. Mac, nachm. 5 Uhr, findet 
in den Festräumcn deö Ottilie v. Hanscmann-Haufes, Charlotten-- 
burg, Berliner Straße 37/38, eine Hedwig Heyl-Feier sämt 
licher Berliner Haussrauen-Bercinc statt, die ihre Vertreterinnen 
entsenden. Die Verehrerinnen der Jubilarin, insbesondere &>_■ 
Vorstandsmitglieder, sind gebeten, zu erscheinen. 
)! Vortragögemeinschast der Nation. Verbände. Unter Füh 
rung der Arndt-Hochschule ist eine Bortragsgemeinschaft ins 
Leben getreten, die das Zusammengehen in den grundlegenden 
Fragen des Deutschtums fördern soll. Den 1. Vortrag wird 
Herr Geh. Rcg.-Rat Prof. Dr. Ed. Meyer halten über „Ameri-l 
laiiische Demokratie und die deutsche Verfassung". Er findet! 
statt am Dienstag, de» 11. Mai, 71/2 Uhr, in der Aula des 
Wilhelm-GymnasiumS, Bellevucstraße 15. Unkostenbeitrag IM. 
)( Verein ehemaliger Abiturienten des Friedenaucr Gym 
nasiums. Gesellschaftsabend am Freitag, den 14. ds. Mts., 
5 Uhr, in der Loge „Drei Lichter im Felde" in Lichterselde. 
(Siche Anzeige.) 
Scköneberg 
—0 Sitzung der Stadtverordneten am Montag, dem 
10. Mai 1920, nachm. 0 Uhr. Tagesordnung: 1. Fest 
setzung der Sommcrscricn der Stadivcrordnctenversamm- 
lnng (gemäß § 30 der Geschäftsordnung). 2. Bericht des 
Ausschusses über die in der hiesigen Kohlenstelle .vorge 
kommenen Unregelmäßigkeiten. 3. Desgl. dcS Rcchnungs- 
aiisschusses. 4. Beschlußfassung über die Vorlage des Ma 
gistrats vekr. Ergänzung des Gemcindebeschkusscs über die 
Erhebung eines Zuschlages zu der GrundcrwcrbSstencr. 
5. Desgl. betr. oie Erhöhung der Friedhofsgcbühren. 
0. Desgi. bete. Bewilligung einer Beihilfe im Betrage von 
1000 M. an den Verein für das Dcntschtnm im Ausland. 
7. Desgl. betr. Bewilligung von 2700 M. für das Auf 
hängen von Gemälden im Bürgcrsaal. 8. Desgl. betr. 
die Abcni.onng von Endbeträgen bet der Anweisung von 
Löhnen und Rechnungen von Lieferanten ans städtischen 
Kassen. 9. Desgl. über den Antrag der Sradtv. Albrecht 
und Gen. betr. die Einrichtung einer Hilfsschulklasse an 
der 8. Volksschule. 10. Desgl. derselben Stadtverordneten 
betr. Erweiicrnng der Schulspeisung. 11. Desgl. derselben 
Stadtverordnete» betr. Einrichtung eines rcligionsgcschicht- 
lichcn Unterrichts für die Kinder, die nicht am tonfcssioncllen 
^Unterricht teilnehmen. 12. Desgl. derselben Stadtverord 
neten beer. die Herstellung der Wählerlisten. 13. DcSgl. 
derselben Stadtv. betr. Bezahlung des Lohnes für den 
1. Mai. 14. Anfrage der Stadiv. Frau Böhm und Gen. 
betr. Maßnahmen zur Abstellung der im Arbeitsamt vor 
gekommenen Lcbcnsmittelunregclmüßigkciten. 15. Be 
schlußfassung über die Vorlage des Magistrats betr. Bereit 
stellung von 25 000 M. für das KricgSfürsorgeamc zur 
Deckung der durch Hcranschasfung, Verarvcirnng und Ver 
teilung der ausländischen Liebesgabensendungcn entstehen 
den Ausgaben. 10. Desgl. betr. den Neudruck deS Bücher 
verzeichnisses sür die Volksbüchereien. 17. Desgl. betr. Er 
höhung der Kriegsicuerungszulage für die Lehrkräfte der 
hiesigen Privatschulcn von Groß und Prowc. 18. DcSgl. 
betr. Bewilligung eines Betrages von 300000 M. zur 
Deckung der bei der Kohlcustelle Berlin-Schöueberg in der 
Zeit vom 1. April 1920 bis 31. März 1921 voraussichtlich 
entstehenden Kosten. 19. Desgl. Herr. Bewilligung von 
.24 000 M. für die Erweitcrungs- und Uinbauten in der 
Lungenheilstätte Sternbcrg. 20. Desgl. betr. Abänderung 
des Banprogramms für die Kleinhaussicdlung Lindenhof 
und Nachbcwillignng von 13 400000 M. 21—36. Desgl. 
betr. Nachbewilligungen. 37. Wahlen. 
—0 Tie Kosten der Kohlenstelle. Im Hinblick auf 
die Kosten, welche die Kohlenstelle den Gemeinden verur 
sacht, und auf die Finanzlage von Groß-Berlin hat der 
Magistrat beschlossen, daß die Kosten für die Kohlen- 
ftcllc Groß-Berlin durch Belastung des Kohlenhandels aus 
gebracht werden. Im übrigen soll der Kohlenverband Groß- 
Berlin dahin wirken, daß durch Einschränkung der persön 
lichen und sächlichen Ausgaben bei der Kohlenstclle Groß- 
Berlin wesentliche Ersparnisse herbeigeführt werden. Er 
bittet zu beschließen: Zur Deckung der bei der Kohlen 
stelle Berlin-Schöneberg in der Zeit vom 1. April 1920 
bis 31. März 1921 voraussichtlich entstehenden Kosten 
wird zum Kriegsvorschußkonto XLI ein Vorschuß von 
300 000 M. bewilligt. 
—0 LcLonymlttkl-Unregelmäßigleiten in SchroOerg 
Tie Schöncberger Stadtverordneten Frau Böhm it. Gen. 
haben an den Magistrat die Anfrage gerichtet, ob ihm 
bekannt sei, daß im Arbeitsantt Leberj»;mitbel-UnregeP 
müßigkeiten vorgekommen seien und welche Maßnahmen 
zur Abstellung der Mißstände getroffen worden seien. 
Was ist Demokratie?*) 
Von Dr. Hermann Hasse. 
(Fortsetzung.) 
Die Befürchtung einer aurokratischcn Herrschaft der 
Volksvertretung hat nun dazu geführt, ihr fast überall 
ein hemmendes Organ an die Seite.zu stellen, das aber 
im übrigen ähnlich zusammengesetzt ist. Das fit ras 
Oberhaus oder der Senat. Es blieb nicht viel anderes 
übrig als diese Kammer, die merkwürdigerweise als „ersie" 
bezeichnet zu werden pflegt, auf das alte Prinzip der 
örtlichen oder ständischen Ziueressen zu gründen. Unge 
rechtigkeiten entstehen dadurch fast nbcraU. Die Absicht, 
damit eine Parteiherrschasi auszuschließen, kann auf diesem 
Wege »ich: erreicht werden. Im Gegenteil können bei 
örtlichen Wahlen oder Ernennungen bekanntlich die Minder 
heiten weit leichter unter den Tisch fallen. Dagegen sind 
hier Sinekuren entstanden für äuere Politiker, welche ans 
dem einen oder anderen Wege zu einer Art populärer 
Aristokratie aufgestiegen sind. A:n fchlinimsten find drc 
Zustände in Nordamerika, wo jeder Einzclstaat zwei Ver 
treter im Senate hat, unabhängig von seiner Größe, und 
wo die Senatoren infolge ihres Einsinfies auf d-e Be 
setzung der Aemter noch iveir korrnpler sind als die Ab 
geordneten des Kongresses. Es tritt nody tznizu, daß 
gerade der ainerilanische Senat mehr Einfluß _ besitzt als 
die Volksvertretung, weil er n. a. über die äußere Politik 
des Landes zu befinden hat. 
Der Mißbrauch parlamentarischer Macht kann jedoch 
nur gedeihen durch das Zweiparteiensystem lvie 
es in den englischen Ländern ausgekommen ist, und leider 
auch bei uns von schlechten Freunden der Demolrane ge 
priesen wird.. Die beste,Sicherung dagegen i;y ein Wahl 
system, das möglichst viele verschiedene Parteien schasst, 
wie wir dies in Deutschland schon vor Einführung der 
Verhältniswahl in unserer Einrichtung der Stichwahlen 
besaßen. Wer gegen die Parreizersplitternng spricht, 
sollte sich stets bewußt bleiben, daß er damit nicht nur 
ein Bollwerk des Jndividnalismus. sondern gleichzeitig 
ein solches der demokratischen Moral niederzulegen strebt. 
Minderheiten soll man auch zum Paricilainpfc zulassen, 
er wird dadurch an Idealismus gewinnen und der Kuh 
handel egoistischer Interessen wird vermindert. 
Als weiteres Mittel der Machlcinschränrung des Par 
lamentes gilt eine ausgedehnte Selbst verloa ttnng. 
daS heißt eine Dezentralisation der Verwaltung, während 
die auf proletarische Massemvirlung berechneten^ Par 
lamente, wie man besonders in Frankreich sieht, auf Zen 
tralisation hinwirken. Die Selbstverwaltung ist, ivenn auch 
ursprünglich mehr eine liberale, so doch sicher eine demo 
kratische Forderung, schon wegen der polirischen Schulung, 
welche sic herbeiführt. Aber die Grenze zwischen ihr und 
dem PartikularismuS ist allerdings fchlver zw 
ziehen, wie ivir auch wieder gesehen haben in den idicsve-.. 
züglichcn Kämpfen nach der dem scheu Revolution. Auch, 
in der Arbeiterbewegung bestehen sä diese beiden Gegensätze, 
zwischen auseinanderstrebendem Syndikalismus und krafl- 
voller Zentralisation. Am meisten umstritten ist es. M> 
das politische System dcS Föderalismus n:it scinein 
Gruppen-Egoismiis noch als demokratisch bezeichnet wer 
den kann. .Geredet wird von der Selbstverwaltung am 
meisten in England, aber wohl gerade deshalb, well sie 
dort nicht besteht. Wir können uns in Deutschland gar 
keine Vorstellung davon machen, wie nnseloständig engli'ch? 
und anMikanische Gemeinden sind, lvie sie in allen 
Kleinigkeiten abhängen von staatlichen Tpezmlgcscpew. In 
Amerika setzt allerdings in letzter Zcir eine Gegenströmintg 
ein. .Am ausgeprägtesten ist die Selbstverwaltung in der 
Schweiz, aber auch nur in den deutschen Kantonen, wäh-- 
rend in den französischen die Siaatsaufsichc sich weit inebv 
einmischt. 
Beim Z >0 e i k a m in e r s y st e m besteht nun stets die 
Möglichkeit eines Konfliktes zwischen beiden Häusern, und 
es muß sür diesen Fall ein Ausivcg vorgesehen sein. 'Iw 
Frankreich und Nordamerika treten in solchem Falle beide 
Kammern zu einer einzigen zusammen. Diese nunmehr 
allmächtige Körperschast har in Frankreich den Namen 
Nationalvcrsani lnng erhallen und dieser Name 
ist unglücklichcrweise in Deut'chland nachgeahmt worden, 
als cS sich nach der Iicvolntivn darum handelte, eine Ver 
fassung zu schaffen. Das war ein Widersinn, denn diese 
Narionalversainmlung ivar nichts anderes, als das Unter 
haus, der Reichstag, dessen etwas verblaßtes Ansehen 
wohl durch den neuen Namen etwas aufpoliert werden 
sollte; und sic schuf sich sehr bald selbst ein Oberhaus^ 
den alten Bundesrat unter dem cbensall; aufpolierten 
Namen Reichsrat. In England ist das Oberhaus i'ibcr- 
hanpt noch nicht demvkratisch, sondern feudal zusammen--, 
gesetzt, und im Konslilrsfalle steht der Hanvtcinsluß beim 
König, der seine Mehrheit durch einen 'ogeiiannie.i Peer- 
schuh, eine plötzliche Berusnng einer größeren Anzahl 
neuer Mitglieder, verändert. Die Engländer sind natürlich 
hicrmir nicht zufrieden. Sie wollen den Einfluß des 
Unterhauses »vch entscheidender machen^ also zum ver 
schleierten Einkammersystem übergehen. Der Hauvtsehler 
besteht in den meisten "Ländern darin, das; das OVerhaus 
nicht ausgelöst werden taun, irie es heim llnrcrhause 
üblich ist. Durch Ausschaltung dic'es Appelles an das 
Volk ist natürlich die Demokratie getötet. In Deutschland 
ist diese Frage ganz eigenartig gelöst, indem der Reicsts- 
rat. der allerdings wieder einige Aehnlichkeit mit einer, 
Verwaltungsbehörde hat, garnicbt ans bestimmte Zeit be 
stellt ist. Seine Mitglieder können beliebig ab der ufern 
werden, ivenn auch nicht durch das Volk direkt lvie in der 
Schweiz, da sie ja aus indirekter Wahl hervorgehen. Dies 
System verschafft zwar "umgekehrt als sonst, der Ver 
waltung einen Einfluß ans die Gesetzgebung, scheint mir 
aber sür ein nicht allzuinächtigcs Oberhaus recht prak 
tisch, um die Mißstände der anderen Staaten zu ver 
meiden. Ans das sonstige Abverusnngsrechi toiumcn wir 
noch zu sprechen. (Fvrts. folgt.) 
*) Vergleiche Nr. 96. 
GeTcbaftUcbes 
[( Tie nordsricsische-.r Inseln sind dllrch ihr einstimmiges 
und freudiges Bekenntnis zu:n Deutschtum den Herze» uns In 
teressen eines jeden Dcutschcn »aber gekommen, und »es ist eine 
Pflicht der Dankbarkeit, dies auch durch /sie Tat zu beweisen, 
Gerade die Inseln NordfrieSlanos haben ungemein schwer durch 
den langen Krieg gelitte», und nur ein reger Fremdenverkehr kann 
ihnen über die allettchwersle wirtsckrnstiichc Not der nächsten 
Jahre hinweghelfen. Darum ist die Einladung der Basevcrwal-- 
tung Westerlands zu einer Pfingst-Gescllschaftsreise größeren Tt'ls 
inchr als eine bloße Vergnügungssrage. Sie verdient es, i„ ganz 
Deutschland weitesten Widerhall zu finden, zumal natürlich Westcr- 
lauo alles aufbieten wird, seine Gäste festlich und freundlich zn 
begrüßen. Die Gesellschastssahrt wird von Hamburg bis Ham 
burg 6 Tage dauerir, einschließlich eines eintägigen Auscnthältes 
auf Helgoland. Die Kosten der gesamten Fahrt und Verpflegung 
betragen ab Hamburg 400 Mk. pro Person. Leitung und DÜrch- 
sührnng der Veranstaltung sind dem Reisebureau der Hambiirg- 
Amcrika-Linie, Ber!in-W. 8, Unter den Linden 8, übertragen, 
wo bereitwilligst nähere Auskunft erteilt wird, sowie Aninel^ 
düng erfolgen kann.
        
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