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Periodical volume Nr. 98, 04.05.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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Nr. 88 
Berlin-Friedenau, Dienstag, den 4 Mai 1920 
Fahrg. L7 
Wachdr. unsrer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Milch zix veroilligtrirr Preise soll in besonderen 
Ausnahmefällen und bei großer Bedürftigkeit Mich an 
über zwei Jahre alte Kinder verabfolgt werden. 
Der Gemcindevorstand fordert hierfür einen Betrag von , 
' 2000 M. an. Zur Berbilligung der Milch an Kinder bis ! 
zum 2. Lebensjahre, a,n werdende Mütter und an Kranke, . 
soweit Bedürftigkeit vorliegt, hatte unsere Gemeindever 
tretung bereits am 5. Februar .20 000 M. bewilligt/ 
o Für die Ausstellung der Gemcindcvoranschlägc hat 
der Vorsitzende des KreiSausschusses, Landrat v. Achen 
bach, folgende Einschränkung verfügt: Zuschläge zur Staats 
einkommensteuer dürfen nicht mehr erhoben werden. An 
ihre Stelle ist gemäß. § 50 des Landessteuergesetzcs vom 
30. März 1920 (RGBl. Jahrgang 1920 Nr. 60 S. 402) 
das Aufkommen an der Einkommensteuer des Steucrjah- 
res 1919 zuzüglich einer Steigerung von 25 vom Hun 
dert zu setzen. Tie Zuschläge zur Grund- und Gebäude- 
steuer, zur Gewerbesteuer und zur Beiriebssteuer können 
unverändert erhoben werden. 
o Tie Wirkungen der Hungcrbloclädc. Durch die Fest 
stellungen bei der ärztlichen Untersuchung unserer Schüler 
und Schülerinnen für die Qnäkerspeisung ergab sich, daß 
mit ein Achte l. aller Schulkinder -n o r in a l ernährt ist. 
o Tic Berliner Vorortgemeinschrft im Kreise Teltow 
hält die 1. Mitgliederversammlung des 4. Geschäftsjah 
res am Freitag, den 14. Mai, abends 8 Uhr, im Bür- 
gersaal des hiesigen Rathauses, Niedstr. 1—3. Auf der 
Tagesordnung stehen: Geschäfts- und Kassenbericht des 
Vorstandes. Entlastung des Vorstandes und des Geschäfts 
führers. Mitteilung über die Zusammensetzung des Vor 
standes im neuen Geschäftsjahr. Bericht des Geschäitssüh- 
rcrs über das Gesetz Groß-Berlin. Geschäftsplan für das 
neue Geschäftsjahr. Verschiedenes. 
o Die Kriegsgef.i»gcnen-Heimkchr Berlin-Friedenau tkraustal- 
tet, wie schon kurz berichtet, am 7. Mai im Neform-Realgym- 
nasiums einen Begrützungsabend. Ueber die Kriegsgefangenen- 
hcimkcbr find vielfach in der Bürgerschaft irrige Anschauungen 
verbreitet. Darum sei hier einmal kurz über die Organisation 
berichtet: Vorsitzender ist Telegraphendirektor Dr. Roschers 
als Vertreter des,,Volksbundes zum Schutze der deutschen Kriegs 
und Zivilgcfangenen" und der ,.Reichsvereinigung ehemaliger 
Kriegsgefangenen*; stellvertretender Vorsitzender ist Gemeinde- 
schöffe Friedet. Ferner gehören dem engeren Vorstande 
an: Frau Maria Roscher, Schriftführerin; Zech von der 
Reichsvereinigung, Stolle vom Reichsbund der Kriegsbeschä 
digten und als Leiter der Geschäftsstelle Obcrsekretär B o r cf, 
Verwaltungssekretär Popp, Kassenrendant Hei der und Ver- 
waltungssekretär Ossig. Der erweiterte Vorstand be 
steht noch aus folgenden Personen: Hauptmann Gebhard und 
Frau Gebhard vom Bolksbund, Frau Baurat Altmann, Frau 
Metzelt und Oberstleutnant Vogel vom Baterländ. Franenvcr- 
ein, Frau Gcheimrat Deiius, Frau Laube Erzellenz, Frau Paasch 
und Frau Wirth vom Bolksbund, Exz. Wollmann und von Witz 
leben vom Deutschen Offiziersbund, Rechtsanwalt Ahrens und 
Dr. Kappe als Berufsvertrcter, Sekretär Richter vom Arbeits 
nachweis, Pros. Dr. Kleinecke vom Bürgcrrat, Geh.-Rat Evers 
und Obcrsekretär Klariert vom Krieger- und Laudwehrverciu 
und ersterer noch von der sozialen Kricgsbeschädigtensttrsorge, 
ein Vertreter der Sanitätskolonne, Pfarrer Kleine von der t'vangel. 
Kirchengemeinde, ein Vertreter der kathol. Kirchengemeinde und 
Lehrer Krüger. von der Lehrerschaft. Mitglieder des Hilfs- 
üus schuss es für Gewährung der aintlichen wirtschaftlichen 
Beihilfe sind: Gemeindeschöffe Friedet (Vorsitzender), Gemeinde- 
schösse Evers von der Kriegsbcschädigtensürsorge; Zech, Croissant 
und Ostcrmcyer von der Reichsvereinigung; Döring, Rätzkar, 
von Bentheim und Heyden vom Reichsbund. Außerdem besteht 
noch ein S p e u d e n-A n s s ch u st (für Gewährung von Unter 
stützungen aus Spenden der Opsertage des deutschen Hilfswerks, 
Fürsorge-Organisationen von sonstigen Verbänden, Vrivatper-- 
soucn usw.), dem angehören: Dr. Roscher, Friedel, Zech, Stolle, 
Frau Roscher, Frau Laube. — Aus dieser Zusammensetzung er 
gibt sich, daß die Kriegsgcfangenenheimkehr auf breitester Grund 
lage errichtet ist und alle Vereinigungen, die sich mit der Für- 
sorgctätigkeit für die durch den Krieg so schwer Betrosscnen 
befassen, hierbei berücksichtigt sind. Auch eine einseitige Politik 
sche Vertretung ist in der Zusammensetzung vermieden; es sind ; 
Angehörige aller Parteien in der Heimkehr vereinigt. j 
o Das Auslandsporto. Die erhöhten Auslandsge-' 
bühren und die Nebcngcbühre» der Post sind jetzt vom 
Reichspostministcu festgesetzt worden. Vom 6. Mai ab 
kostet der Ausländsbrief bis zu 20 Gramm 80 Pfg., 
je weitere 20 Gramm 60 Pfg., Postkarten 40 Pfg., Truck- j 
fachen, Geschäfispapicre, Warenproben und Mischsendungen | 
je 50 Gramm 20 Pfg., Geschäftspapiere mindestens 80 > 
Pfg., Wavenprobcn mindestens 40 Pfg., ebenso Mischsen- s 
düngen. .Für Sendungen nach dem Freistaat Danzig, 
Luxemburg, dem Memelgebict, Oesterreich, Ungarn -und 
die an Polen abgetretenen deutschen Gebiete gelten im all 
gemeinen die Jnlandsätze. Tie Einschreibegebühr beträgt 
50 Pfg., so daß der eingeschriebene Brief mindestens 90 
Pfg. kostet. Die Vorzcigegcbühr für Nachnahmen beträgt 
für Briefscndungen 50 Pfg., für Pakete 1 M. Ein Post- 
kreditbrief, eine Postvollmacht, eine Postausloeiskarte, eine 
Püstlagerkartc, eine Abholungserklärung und eine Zei 
tungsüberweisung kosten 2 M. 
o Ein Zweckvcrband der Aerzte hat sich für die 
Provinz Brandenburg gebildet, der einheitlich die Ver 
handlungen mit den Krankenkassen führen soll. 
... o Jic Silberhochzeit feiert heute der Gütervorsteher 
Wilhelm Müller mit seiner Ehefrau Else, geb. Seggcr, 
Odeuwaldstr. 10, lvohnhast. — Ebenso feiert morgen, am 
5. Mai, Herr Carl Frömming, Bornstr. 30—31, mit 
seiner Gattin das Fesü der silbernen Hochzeit. 
o Im Museum für Völkerkunde ist infolge der Be 
rufung von Prof. Heinrich C u n o w (Friedenau), außer 
ordentlichem Professor au der Universität, neben den bis 
herigen regional gegliederten Abteilungen eine eigene ent- 
wicklungsgeschichtlichc Abteilung und ein ethnologisches 
Forschungs- und Lehrinstitut errichtet worden. Beide 
leitet Cunow, ebenso die südamerikanische Abteilung, von 
der eine südamerikanischc Studiensammlung abgetrennt 
wurde. Mit deren Leitung ivurdc Prof. D. Max Schmidt 
beauftragt. 
o Ter Elternbeirat der 3. Gemeinde schule hielt gestern 
die erste Sitzung in Gemeinschaft mit dem Lehrerkolle 
gium ab. Nach der Begrüßung und gegenseitigen Vor 
stellung wurde die Geschäftsordnung verteilt, worauf, durch 
Herrn Casper angeregt, eine allgemeine Aussprache über 
die Aufgaben und Zuständigkeiten der Eltcrnbeiräte statt 
fand, in deren Verlauf auch schon Einzclfragcn auftauch 
ten, über die man sich in den kommenden Sitzungen 
eingehender unterhalten wird. Erwähnt wurden: Gesund 
heitszustand der Kinder, Lehrplan und Stundenplan, Nach 
mittagsunterricht, Schularbeiten, sittliche Verhältnisse der 
Kinder, Züchtigung, Haltung der Hefte -ft. a., eine ganze 
Anzahl Fragen, die im Nahmen einer Tagesordnung ein-/ 
mal besonders zu erörtern sind. Besondere Beschlüsse 
lvurden zunächst noch nicht gefaßt. Die Anregung des 
Herrn Casper, demnächst einmal das Schulgebäude zu be 
sichtigen, fand allgemeine Zustimmung. Hrerzu wird be 
sonders eingeladen werden. Um den Eltern Gelegenheit 
zu geben, mit den einzelnen Mitgliedern des Elternbeirates 
in Verbindung treten zu können, soll ein Verzeichnis der 
Mitglieder in der Schule ausgehängt werden. 
o Pakete mit Belgien und,Frankreich. Voit jetzt an 
nehmen die Postanstalten wieder Postpakete nach Belgien 
und Frankreich an. Wertangabe, Nachnahme und Zoll- 
frankozcttel bleiben vorläufig ausgeschlossen. Die Gebühr 
beträgt 12 MN Jedes Paket nach Frankreich muß von 
einer besonderen Einfuhrbewilligung der Kommission he 
contrüle des importations et des exportations, 36 Bou 
levard Emile Augier in Paris 16, hegleitet sein. Es ist 
Sache des Absenders, sich eine solche Einfuhrbewilligung 
von dieser Tienststelle zu beschaffen und sie den übrigen 
Begleitpapieren beizufügen. Nähere Auskunft erteilen die 
Postanstalten. 
o Volksbelchrunjgssilme. Tie Kulturabteilung der Ufa 
setzt ihre Sonderveranstaltungen und Volksbelehrungsfilme 
demnächst durch Vorführung eines Films über Säug 
lings- und Kleinkinderpflege fort. Die Aufführungen s,n- 
den mit ärztlichem Begleitvortrage in den Ufa-Theatern 
Tauentzien-Palast, Alcrandcrplatz, Hasenheidc, Weinbergs- 
weg statt. Für Schulen, Vereine .usw. stehen Gutscheine 
zu ermäßigtem Eintritt bei der Kulturabteilnng der Ufa, 
Köthcncrstraßc 43, Zimmer 6, zur Verfügung. 
o Die Zwaugseinquarticrung ist sicherlich durchgehends 
für den Wohnungsinhabcr viel unangenehmer, als für Heu 
Einguarticrtcn. Es kann aber auch.umgekehrt sein, und 
das ist jedenfalls durch den Beschluß der Preußischen 
Landesversammlung am 27. d. Mts. eingetreten, durch 
den Friedenau seine Selbständigkeit verliert und dem 
Bezirk 11 des neuen Groß-Berlin, das heißt Schöneberg 
angegliedert wird. Es wird allen Friedenaucrn noch in 
Erinnerung sein, daß am 2. Februar zwei große öffent 
liche, vom Bürgerrat einberufene Vcrsaminlnngen im Rat 
haus und im Reformrealghmnasium, in denen Redner 
aller bürgerlichen Parteien sprachen, einmütig den Be 
schluß faßten, bei der Landesversammlung vorstellig zu 
ivcrden, Friedenau als selbständigen Bezirk bestehen zu 
lassen. Die Landesversammlung hat weder dieses Ersuchen 
noch die frühere, s. Zt. vom Friedcnauer Lokal-Anzeiger 
veranlaßte Abstimmung berücksichtigt, nach der sich die 
Mehrheit der Abstimmenden für den Anschluß an Wil 
mersdorf erklärt hatte. Es heißt jetzt, sich in das Unver 
meidliche zu fügen und sich in der neuen, uns zuge 
wiesenen Wohnung, so gut es geht, einzurichten. Dazu 
ist aber die Kenntnis aller Rechte und Pflichten des 
Bewohners erforderlich. So werden cs denn gewiß un 
sere Mitbürger mit Freude begrüßen, daß der Bürgerrat 
Friedenau zu einer öffentlichen Versammlung am Sonn 
abend, den 8. Mai, abends 8 Uhr, ,im Bürgersaal des 
Rathauses einladet, zu der jeder Friedenauer unentgelt 
lichen Zutritt findet. Herr Redakteur Huettchen, der 
sich seit Jähren als Schriftsteller mit kommunalen Fragen 
eingehend beschäftigt hat, wird über Groß-Berlin und das 
neue Gesetz sprechen. 
o Einen schönen Slbend bereitete der „F riedenauer 
Gesang-Verein für gemischten C h o r" unter 
der Leitung des Lyzeal-Gesanglehrers W a l t e r S ch m i d t 
am Donnerstag, den 29. April, einer großen Zuhörer 
schaft, die den Festsaal der Könsgin-Luise-Schule bis guf 
den letzten Platz besetzt hielt. Es war eine Freitde, fest 
zustellen, zu welch achtbaren Leistungen sich der Chor 
in der kurzen Zeit seiner Wiederertveckung — seit etwa 
einem Vierteljahr — bereits aufgeschwungen hat. Man 
merkt in allem die kunstverständige Leitung eines fleißi 
gen, keine Mühe scheuenden Chormeisters, der mit dem 
Herzen bei der Sache ist, n»d in seiner Arbeit l'von 
willigen Chormitgliedern unterstützt wird. Es gab da 
nach au den Vorträgen nur wenig zu bemängeln. Die 
Tamcnstimmcn sind vorzüglich, besonders der Sopran. 
Dagegen sind die Herrenstimmen — wie leider hei den 
meisten gemischten Chören — sehr dünn. obwohl auch 
hier schöne Stimmen zu erkennen waren. Es wäre 
manchesmal wohl besser gctvesen, die Tamenstimmen etwas 
Nie Briefe der Prinzessin. 
Non E. Ph. Dtppenheim. 
47 ^Nachdruck derbsten.) 
AVer sie fchüttclte mit Entschiedenheit den Kopf. 
„Ich darf nicht eine Minute länger bleiben, wenn man 
# nicht nach mir suchen und dich hier entdecken soll. Wie, 
' um des Himmels willen, kamst du denn überhaupt hierher?" 
Sie dachte offenbar nicht mehr daran, daß sie ihm bei 
ihrer letzten, von ihr auf so seltsame Weise abgebrochenen 
ilnterredung das zärtliche,Du' verweigert hatte, das sie 
ihm heute ohire seine Bitte gab. Der Sturm der Leiden 
schaft, dem sie sich unter der betäubenden Wirkung der 
Ueberraschung widerstandslos preisgegeben, hatte, für den 
Augenblick wenigstens, alle ihr Bedenklichkeiten hinweg 
geweht. 
„Wie ich hierherkam?" wiederholte Heinz lächelnd. 
„Auf dem natürlichsten Wege von der Welt, nämlich durch 
eine Pforte, die ich unverschlossen gefunden." 
„Und hat niemand dich gesehen? Hat niemand den 
Versuch gemacht, dir den Eintritt zu wehren?" 
„Doch, mein Liebling I An der Haupttür stieß ich auf 
einen unfreundlichen Gesellen, der kein Verständnis für die 
heiße Sehnsucht nieines Herzens hatte. Aber der Himmel 
meinte es besser mit uns als jener Zerberus und ließ mich 
die erwähnte unverschlossene Pforte finden." 
„Ich weiß nicht, ob es gut war, daß du sie fandest. 
Aber es war gar nicht das, was ich mit meiner Frage 
meinte. Woher wußtest du, daß ich hier sei? Niemand 
als die Komtesse kann es dir verraten haben." 
„Und was, was hat sie dir erzählt? Sprich schnell, 
„Wenn es kein anderer sein konnte, so wirst du also 
wohl in ihr die Verräterin zu suchen haben." 
denn die Minuten sind kostbar, ,und ich will nicht, daß 
man uqs überrascht:" 
Er wiederholte ihr der Wahrheit gemäß und in mog 
lest. kurzen Dorren, was er. .von per erfahren. 
hatte. Ihr Befremden über die Indiskretion der Freundin 
aber vermochte er damit ersichtlich nicht zu beseitigen. 
„Wohl!" sagte sie. „Ich weiß nicht, welche Beran- 
lassung sie hatte, dir das alles zu sagen, aber sie ist natür 
lich die Herrin ihrer Entschlüsse und kann tun, was sie für 
gut hält. Du aber, warum kamst du hierher, obwohl ich 
dir doch erklärt hatte " 
Er ließ sie nicht ausreden. 
„Ich kam, weil ich nicht anders konnte, ich kam, weil 
ich dich liebe. Und weil es auf der ganzen Welt für mich 
nichts anderes mehr gibt als meine Liebe." 
„Das klingt sehr schön," erwiderte sie traurig. „Aber 
ich darf von mir leider nicht dasselbe sagen. Für mich 
gibt es unglücklicherweise noch sehr viele häßliche Dinge, die 
ich über meiner Liebe nicht vergessen darf — wie — wie 
gern ich es vielleicht auch möchte." 
„Und bin ich nicht da, alle diese häßlichen Dinge auf 
mich zu nehmen, mein geliebtes, mein angebetetes Mädchen? 
Was hält uns denn ab, ihnen einfach den Rücken zu 
kehren und sie damit für immer aus unserem Gedächtnis zu 
löschen? In wenigen Stunden können wir von hier in 
München lein, und in wenigen, weiteren Stunden führt 
uns der Orient-Expreßzug zu glücklicheren Gefilden, wo 
Ächts mehr uns hindern wird, einzig unserer Liebe zu 
Men und zu vergessen, was uns so lange gleich einem 
unheimlichen Gespenst bedrückte?" 
„Zu vergessen?" wiederholte sie schmerzlich, um dann, 
nach einem ängstlichen Blick gegen das Schloß hin in ver 
ändertem hastigem Tone hinzuzufügen: 
„Man öffnet die Terrassentür, um mich zu suchen. 
Sage mir, wo dich eine Nachricht von mir erreichen kann. 
Denn du mußt fort." 
„Ich wohne im „Gasthaus zur Post", flüsterte er, 
„unten im Dorfe." 
„Wohl, du wirst morgen von mir hören. Denn ich 
muß Zeit haben, mit mir zu Rate zu gehen, ehe ich einen 
Entschluß fasse. Sei um des Himmels willen vorsichtig 
beim Verlosten de» Parks. Und nun: Gute Nachts 
„Gute Nacht, mein süßes Lieb!" 
Er hatte den Versuch gemacht, sie noch einmal zu 
küssen. Aber sie war mit einer schnellen Bewegung seinen 
Armen entschlüpft, und nun hörte er auch, wie von der 
Terrasse her eine schöne, dunkelgefärbte Frauenstimme ihren 
Namen rief. 
„Ich komme schon," gab sie zurück. „Der Abend ist 
so wunderschön." 
Genau dasselbe dachte auch Heinz Hollfelden, als er 
auf demselben Wege, den er gekommen war, unangefochten 
und ungesehen den Park versieh. 
24. Kapitel. 
Der Wirt des „Gasthauses zur Post" trat auf einen 
Augenblick zu den beiden Fremden, die im Garten unter 
dem schattenspendenden Laubdach einer breitästigen Buche 
ihr Frühstück einnahmen. 
„Mir bekommen an hoaßen Tag," meinte er, nachdem 
er sich erkundigt hatte, wie den Herren sein Honig und 
seine frischen Eier mundeten. „Aber ma verspürt hier 
net vuil davo. Dös' macht, weil d' Luft so trock'n is da 
herob'n, sagt unser Dokt'r." 
„Wie hoch sind wir hier eigentlich?" fragte Heinz. 
„'S Schloß hat sechshundertsechzig Met'r," meinte der 
Wirt, „und 's Dorf wird net vuil wen'ger ham. Aber 
schön is bei uns, gelln's?" 
„Gewiß ist es schön. Nur sehr ungastlich scheinen die 
Leute hier zu sein. Als ich mir gestern den Park ein 
wenig ansehen wollte, wurde ich an der Tür zurückge 
wiesen." 
Der Wirt wiegte bedauernd den Kopf. 
„Ja, sehg'n S', dös is aa «rscht seit oan Jahr," er 
klärte er. „Früher war dös Schloß alleweil leer g'stand'n, 
vo d'r Herrschaft hat si neamd net blickn lass'n. Nach« 
is ab'r vor an Jahr d' Schwester von d'r Gräjin Walden« 
borst ei'.ioa'N -r" 
(Fortsetzung svlgt )
        
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