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Periodical volume Nr. 97, 03.05.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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B«tt-^ri«br»«s. «hetustra-r 1». — 9trafpn$m Amt Pftüzburg 212». 
Derün-Friedeulm, Montag, den 3. Mai 1920 
Fahrg. 2? 
OrtsnackricktM 
Akajhdr, unsrer o-Driginalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
T'js Maiseier in Friedenau. 
Im Rathaus wurde gearbeitet, auch der Schulbetrieb 
war im Gauge; allerdings fehlten in einzelnen Klassen 
der .Volksschulen bis zu 50 v. H. der 'Schüler. Die 
Läden waren geöffnet, auf dem Wochenmarkt hatten sich 
viele Händler eingefunden, wenn auch nicht so viele als 
sonst. Dagegen ruhte der Eisenbahn- und Straßenbahn- 
verkehr und in den gewerblichen Betrieben wurde ge 
feiert'. Die Post hatte Sonntagsdienst. Auf den Straßen 
tvar der Fußgängerverkehr lebhafter. als sonst. Einige 
Fuhrwerke hatten sich ivieder für die Personenbeförderung 
-eingerichtet. Sonst blieb alles ruhig. 
Den Auftakt zur Maifeier bildete die öffentliche Ver 
sammlung der Mehrheitssozialdemokraten am Freitag 
Abend im Rathaussaal, über die >oir iveiter unten be 
richten. Am l. Mai vormittags gegen »/«IO llhr zogen 
von Steglitz her Straßenbahner mit Musik und roten 
Fahnen durch die Rheinstraße nach dem Wittenberg-Platz, 
lim 10 Uhr begann im festlich geschmückten Bürgerfaal 
unseres Rathauses die Versammlung der U.S. P. T., die 
sich zu einer großen Demonstration von gegen zwei 
tausend Teilnehmern gestaltete. Sie fand unter künstleri 
scher Mitwirkung des Gesangvereins statt, wobei Herr 
Stein (Eharlottenbnrg) eine bedeutsame Festrede ,hielt 
und Frau Block eindrucksvolle Deklamationen spendete. 
Die Veranstaltung endete mit einem Hochruf ans die; 
internationale sozialistische Völkerverbrüderung. Tie An 
wesenden versammelten sich dntaushin vor dem Rathause. 
Im geschlossenen Zuge mit Banner,n.nd Standarten unter 
Begleitung von Gesang marschierte man ani Steglitzer 
Rathaus vorüber nach dem Tüppelplatz (Steglitz). Dort 
wurde nach kurzer Ansprache und Hochrufen der Zug auf 
gelöst. Abends ersammeltc man sich zu einer Festlich 
keit im Lindenpark in Lichterfelde ,Unter den' Eichen. 
Tie hiesigen Mitglieder der S. P. D. nahmen vor 
mittags an der Versammlung in Schöneberg teil. Ant 
Nachmittag feierte die S. P. T. den 1. Mai im Gasthaus 
„Rhetngau" durch ein Familienfest. 
Zu störenden Zwischenfällen ist es hier nirgends ge 
kommen. Der 1. Mai hat in unserem Orte einen glatten, 
ruhigen Verlauf genommen. Die Nichtangehörigen her 
Sozialdemokratischen Parteien, die vielfach gezwungen 
waren, mitzufeiern, benutzten den Tag und das schöne 
Wetter zu Ausflügen in die im Frühlingsschmuck pran- 
Lende Umgegend Groß-Berlins. 
* 
' o Magcr'tnischklrrtcn. Dieser Tage werden durch die 
Herren Vrotkommissare Magermilchkarten für Kinder vom 
0—10. Lebensjahre ausgegeben tocrdcn. Tie Anmeldungen 
müssen bis zum 8. Mai d. Js. beim Milchhändler er 
folgt sein, wogegen die Anmeldung der Vollmilchkarten für 
Januar noch bis ctioa 20. Mai Zeit haben. 
o Die neuen Znrkerpreisc. Der Kleinhandelspreis für 
ein Pfund Mehlis oder gemahlenen Kristallzucker darf 
1,00 M., für gemahlene Raffinade, Würfelzucker und 
Brotzucker 2 1. nicht übersteigen. 
oW Tic neue Besoldung der Lehrer in P reichen. Das 
neue LehrcrbesoldNngsgesetz, das der Landesversanimlung 
vorliegt, stellt die Volksschullehrer mit den Beamten der 
Gruppe 7 der Besoldnngsordnung gleich, sie erhalten ein 
Grundgehalt von 0200 M. und rücken alle 2 Jahre auf 
bis ans 0300 Mark. Lehrerinnen erhalten 10 Prozent 
weniger. Tie Gehälter der auftragsweise vollbeschäftig- 
Die Briefe der Prinzessin 
Ko» E. Rh. Sstp-rih-im. 
4« (N«chdr»S »riSoten.) 
Die größere der beiden war ihm fremd. Er konnte, 
da eben jetzt der volle Mond sein silbernes Licht über dae 
Schloß und seine Umgebung ausgoß. jede Einzelheit ihre, 
Kleidung und jeden Zug ihres Gesichts erkenne», ave, 
er war nicht darüber im Zweifel, daß er dies schöne, stolzc 
Gesicht zum ersten Male in seinem Leben erblickte. 
Die junge Frau — denn die weiche Fülle ihrer Formen 
gestattete nicht, sie für ein Mädchen zu halten — mochte in 
der Mitte der zwanziger Jahre stehen. Ihr Antlitz dünkte 
Heinz natürlich viel weniger schön als das seiner geliebten 
Margot, aber er hatte sich in all seinem schwärmerischen 
Enthusiasmus doch noch Unbefangenheit genug bewahrt, 
um anzuerkennen, daß es eines von jenen intcceffanlen 
und fesselnden Gesichtern sei, die ein Mann nicht leicht 
wieder vergißt. Namentlich die großen Augen, deren 
Farve er jetzt nicht ergründen konnte, mochten von un 
gewöhnlicher Schönheit sei». Und ungewöhnlich schön war 
jedenfalls die Silhouette der hohen, wahrhaft königlichen 
Gestalt, deren Haltung und deren Bewegungen auch den 
ungeübten Beobachter die Empfindung erweckt haben 
würden, daß diese Frau unzweifelhaft von jeher gewohnt 
gewesen sei, aus den Höhe» der Menschheit zu wandeln. 
Aber das waren Eindrücke, die zu empfangen für 
Heinz ein einziger Blick auf die hoheitsvolle Unbekannte 
hinreichend gewesen war. Denn mehr als diesen einen 
Blick hatte er für sie nicht übrig gehabt. Sein Interesse 
und seine Aufmerksamkeit galten ja nicht ihr, der gleich 
gültigen Fremden, sondern einzig dem lieblichen, schlanken 
Geschöpf an ihrer Seite, dessen Schönheit auf den jungen 
Schriftsteller bei jedem Wiedersehen mit dem überwälti 
genden Zauber einer ganz neuen Offenbarung wirkte, w'e 
. greifbar lebendig auch nach seiner Ueberzeugung das Bild 
gewesen sein mochte, datier von ihr im Herren aetroüen. 
len und der einstweilig angestellten Lehrer betragen 
3400—5800 M., alle Jahre um 400 Mark steigend. 
o Das Existenzminimum. Nach Kuczynskis Berech 
nungen in der „Finanzpolitischen Korrespondenz" ist das 
wöchentliche Existenzmininium in Groß-Berlin vom April 
1014 bis zum April 1020 gestiegen: für den allein 
stehenden Mann von 10,70 M. ,aujf 180 M., d. h. auf 
das 11,1'fache, für ein kinderloses Ehepaar von 22,25 M. 
ans 270 Mark, d. h. auf das 12,4 fache, für ein Ehepaar 
mit zwei Kindern von 28,75 M. aus 306 .Mark., d. h. 
auf das 12,7 fache. An dem Existenzminimum in Grvsz- 
Berlin gemessen, ist die Mark jetzt noch 8 bis 0 Pssg. wert. 
o Handelskammer und Korporation. Nachdem bor 
einigen Tagen das Gesetz verabschiedet worden ist, daß aus 
Groß-Berlin einen einheitlichen VerwaltungssorganismuI 
bildet, soll jetzt ein weiterer Schritt in dieser Richniug 
geschehen, indem die beiden Haudesvertretungen Groß- 
Berlins, die Handelskammer zu Berlin und die 
Korporation der Kaufmannschaft von Berlin, 
nach langlvierigen Verhandlungen ihre Verschmelzung ver 
einbart haben. Bis zum Jahre 4002 war die Korporation 
der Kaufmannschaft von Berlin die einzige amtliche Han 
delsvertretung von Groß-Berlin. Damals wurde die Han 
delskammer zu Berlin und die Potsdamer Handelskammer 
Sitz Berlin errichtet, denen ein erheblicher Teil der Bc- 
sugnisse der Korporation übertragen wurde. Nachdem 
diese drei Körperschaften bis zum Jahre 1018 neben 
einander bestanden hatten, kam' .es zunächst zu, einem 
Uebereiukom'men der Handelskammer mit der Korporation 
über eine Teilung der Arbeitsgebiete. Im' Jahre 1010 
wurden dann die Berliner und P'otssdamer Handels 
kammer vereinigt, und nunmehr soll die seit dem Jahre 
1002 auch auf dem Wirtschaftsgebiete von Groß-Berlin 
bestehende Zersplitterung wieder vollständig rückgängig' 
gemacht werden. Das Abkommen bedarf noch der Genehmi 
gung des Ministers für Handel und Gewerbe nud.der 
Hauptversammlung der Mitglieder der Korporation, die 
demnächst zur Beschlußfassung einberufen Iverdcu .wird. 
v Die Begrüßung der aus der ft ricgögesaugcnschaft 
Heimgckehrtcn durch die evang. Kirchgemeinde am gestrigen 
Sonntag nahm einen erhebende» Verlauf. Ter von Pfar 
rer Kleine gehaltene Fcstgottesdicnst in der bis auf 
den letzten Platz besetzten Kirche mit seinen fein ausgewähl 
ten Liedern und Worten kam von Herzen und ging zu 
Herzen. Unmittelbar nach dem Gottesdienst begaben sich 
die Hcimgelehrten in den großen Saal des Geinciudc- 
hanses, der die staatliche Zahl der Besucher eben noch 
fassen konnte. Machten schon die weißgedeckten, mit vielen 
Blumensträußen gezierten Tische mit den reich belegten 
Kuchentellern einen anheimelnden Eindruck, sv entwickelte 
sich der heitere, stimrpungsvollc Tccabend zu einer echten, 
gemütlichen Familienfeier, nicht zum wenigsten durch die 
freundlichen Darbietungen. Es grüßten der Jung« 
franenvcrein mit seinem Ehor, der Jünglings-- 
b er ein mit einem Gedicht, die Kirchengemeinde durch 
eine Ansprache des Pfarrers Vetter und der Kinder- 
g o t t e s d i e n st mit einem beifällig aufgenommenen Früh 
lingsfestspiel. Nach der Tccpanse, in der Tr. R v s ch e r 
den Tank der Heinigekehrten aussprach, boten Konzert- 
sängerin Fräulein Taust und Ingenieur Toni Boeg- 
n e r Früchte ihrer reifen Kunst und lebende Bilder gaben 
dem Abend einen liebenswürdigen Schluß. Die Feier 
wird allen Teilnehmern unvergessen bleiben icnd bildete 
einen würdigen Auftakt zu der eigentlichen Haupt-Be 
grüßungsfeier am kommenden Freitag. 
o Der kirchliche Gemein-decrüend des Parochiakvcreins 
am letzten Mittwoch beschäftigte sich mit dem zeitgemäßen 
Er konnte trotz der geringen Entfernung, in der sie 
sich jetzt von ihm befanden, nicht verstehen, was die beiden 
miteinander sprachen, denn sie hatten ihre Stimmen ge 
dämpft, als ob sie trotz der sorgfältigen Bewachung ihres 
Wohnsitzes hier in der tiefen abendlichen Stille das Ohr 
eines Lauschers fürchteten. Nur der Klang eines dunkel- 
gefärbten, weichen Organs von geradezu musikalischem 
Wohllaut drang zu Heinz herüber, so oft die Unbekannte 
das Wort ergriff, und er hatte den Eindruck, daß es sehr 
ernste Dinge sein müßten, von denen sie sprachen. 
Natürlich verharrte er regungslos, um nicht durch das 
leiseste Geräusch seine Anwesenheit zu verraten. Denn er 
durfte ja nicht daran denke», sich Margot zu erkennen zu 
geben, solange sie sich in der Gesellschaft der anderen be 
fand. Und er wagte nicht darauf zu hoffen, daß ein 
gnädiger Zufall sie von dieser Gesellschaft befreien würde. 
Aber der Zufall mochte seinem Ruf, ein willfähriger 
Freund und Helfer verliebter Menschenkinder zu sein, auch 
diesmal alle Ehre. 
Nachdem sie etwa fünf Minuten lang in ruhigem Ge 
spräch verweilt, mochte die ersichtlich nur leicht gekleidete 
Unbekannte die zunehmende Kühle der Abendlust als un 
behaglich empfinden, denn Heinz sah, wie sie den um 
ihre Schultern gelegten Spitzcnschal fester zusammenzog, 
und wie sie gleich darauf ihrer Begleiterin die Hand reichte, 
als ob sie sich von ihr verabschieden wolle. 
Er zitterte, daß Margot sich entschließen könnte, mit 
ihr in das Haus zurückzukehren, und in der Tat schien das 
junge Mädchen willens, ihr das Geleit zu gebe». Aber die 
andere lehnte das Anerbieten mit einem leichten Kopf 
schütteln ab und schritt in der königlichen Haltung, die 
ihrem hohen, fast majestätischen Wuchs so natürlich anstand, 
allein der offen gebliebenen Glastür zu, deren Flügel sich 
alsbald hinter ihr schloffen. 
Ganz in ernstes Sinnen verloren verharrte Margot 
auf der Stelle, wo die andere sie verlassen. Und auch jetzt 
hatte Heinz in der Besorgnis, sie damit allzusehr zu er 
schrecken, nicht den Mut. aus dem Dunkel, das ihn ihr ver 
barg in den hellen Mondenschein. hinauszutreten, Rocg 
Thema „die Gcneralsynode und die Zukunft unserer 
Kirche", worüber Oberpfarrer A r n d t, ein Mitglied der 
Gencralshnode, in eingehender und interessanter Weise 
berichtete. In den Verhandlungen der Synode, die jetzt 
eben ihren Abschluß gefunden haben, ist auch wichtige 
Zukunstsarbcit getan worden, und wenn auch alle Vor 
lagen uud Beschlüsse zunächst nur als Vorarbeit für 
eine später zu berufende, gesetzgebende Kirchcnvcrsamm- 
lung anzusehen sind, so lassen sie doch schon den Grund 
riß der neuen Kirche erkennen, wie sie gedacht ist fund 
wie sie werden soll. Dankbar zu begrüßen ist der weit 
herzige, auch den Forderungen der neuen Zeit weitgehen 
des Verständnis entgegenbringende Geist, von deni die Be 
schlüsse diktiert s ind, uud voll anzuerkennen ist die Selbst 
überwindung und der gute Wille, mit dem die noch aus 
der alten Verfassung stammende Gencralshnode versucht 
hat, die Verfassung der neuen Kirche auf eine möglichst 
breite, volkstümliche Grundlage zu stellen und allen Schich 
ten der Bevölkerung die Möglichkeit der . Mitarbeit zu 
geben und die Freude am kirchlichen Leben zu erwecken. 
Dieser gute Wille kommt besonders zum Ausdruck in der 
Neuordnung der kirchlichen Wahlen, der Zusammensetzung 
der neuen Synoden usw. Jedenfalls ist, wenn solcher Geist 
der Weitherzigkeit und des Verständnisses in die evaugel. 
Kirche einzieht, die Hoffnung aus eine wirkliche Volks 
kirche, wie wir sie so »ölig brauchen, vorhanden und da 
mit auch die Hoffnung ans eine neue Blüte unserer 
evaugel. Kirche. Zu wünschen bleibt nur noch, daß auch 
in den kirchl. interessierten Kreisen unserer Gemeinde mehr 
Interesse für solche brennenden Fragen vorhanden wäre, 
ioas aus dem geringen Besuch .des Abends leider noch 
nicht zu ersehen war. Erst da-s Interesse und die freudige 
Mitarbeit aller bewußt Evangelischen sichert dem guten 
Willen zur Neuschöpfung auch den Erfolg. 
o Der Zentzrurnpvcrein Ehr ist lick,- Volk-Partei) hatte 
für den 26. 4. im Cafe Brandenburger Hos eine gut 
besuchte Mitgliederversammlung veranstaltet. Herr Dr. 
Lammerich sprach über unsere Stellung zu rechts 
und links bei der bevorstehenden Reichstagswahl und be 
tonte besonders, daß die religiöse Schule, cv. und kath., 
nur durch die Zeiitrnnispartei gerettet ist, welche Tatsache 
auch ev. Presscstimmcu bestätigen. Die Zcntrumspartei 
ist ihren christlich-idealen Grundsätzen treu geblieben und 
wird es auch in Zukunft bleiben. Es wurden noch ver 
schiedene geschäftliche Angelegenheiten erledigt und nach 
Schluß der Sitzung war noch.gemütliches Beisammensein. 
In später Stunde trennte man sich in zuversichtlicher 
Stimmung. I. 
o In einer öffentsiefpn, Versammlung der Sozial- 
d cm oktati schien Mehrheit-partei im vollbesetzten Bürger 
saal des Rathauses am Freitag Abend sprach Stadtrat 
Eduard Bernstein. Er ging von den, Ursprung der 
Maifeier und ihrer einstigen Bedeutung als Demonstration 
für den 8 ständigen Arbeitstag ans und besprach mit Be 
zug darauf die Ideen der Sozialdemokratie. nie demokra 
tisch in der Politik und sozialistisch in der Wirtschaft seien. 
Heute haben wir wieder, wie vor 30 Jahren, 2 Inter 
nationalen, die eine, die von Moskau ausgeht und die 
andere, die in der Mehrheitspartei ihren Ausdruck findet. 
Er bedauerte diese Spaltung und die gegenseitige P'B 
kämpfuiig, verwarf den Gedanken der Gewalt, der in 
der Aufrichtung einer Diktatur des Proletariats zu Tage 
tritt und hoffte, daß sich' trotz alledem die Parteien zu 
sammenfinden. Er betonte die Errungenschaft des Be- 
triebsrätegesetzcs, das nach Aussprüchen vieler Arbeiter 
mehr gäbe, als sie auszuführen zunächst in der Lage wären. 
Tie Nationalversammlung habe in der verhältnismäßig 
nverlcgtc er, ov er wagen dürfe, sie vorsichtig anzurufen, 
als sie sich plötzlich von der Balustrade auflichtete, auf 
die sie sich mit beiden Armen gestützt, um langsam die 
Stufen der in den Garten führenden Freitreppe hinabzu 
steigen. 
Nun mußte sie notwendig ganz dicht an seinem Ver 
steck vorüber, und jetzt hätte nichts mehr in der Welt ihn 
daran hindern können, sich ihr zu offenbaren 
„Margot! — Liebste Margot!" sagte er leise und 
zärtlich, als sie ihm nahe genug war, daß auch ein ge 
flüsterter Laut ihr Ohr erreichen mußte, lind wie fest 
gebannt blieb sie stehen. i 
„Wer ist da? — Wer hat mich gerufen?" 
„Ich war es — ich! — Du darfst nicht erschrecken, 
mein geliebtes Mädchen!" 
Bill sehnsüchtig ausgebreiteten Armen mar er aus dem 
Dunkel hervorgetreten, und noch in derselben Sekunde 
lag sie mit einem halb unterdrückten Aufschrei an seiner 
Brust. 
„Du! Du!" das war alles, was sie in dem Jubel be 
glückter Ucberraschnng hatte hervorbringen können. Dann 
verschlossen seine Lippen die ihrige» in einem heißen, dur 
stigen Kusse. Und Margot gab sich willenlos der Wonne 
dieses unverhofften Wiedersehens hin, für die Dauer von 
Minuten nichts als ein schwaches, anschmiegendes, mit 
alten Fibern ihres Herzens liebendes Weib. 
Der helle Klang der im Turm des Schlosses angebrachten 
Uhr, die mit weithin schallenden Schlägen den Äblauf der 
elften stunde verkündete, schreckte sic um so unfreundlicher 
ans ihrer Selbstvergessenheit aus. Sie suchte sich aus 
seinen Armen loszumachen und sagte erschrocken: 
„Elf Uhr! Mein Himmel, wie lange bin ich denn 
schon hier?" 
„Frage nicht danach, mein Liebling!" erwiderte er, 
mit sanfter Gewalt ihre Bemühungen vereitelnd. „Sage 
mir, lieber, wie lange du noch hier weilen wirst. Dcnv 
ich aste dich picht so bald wieder frei." 
Fortsetzung folgt.)
        
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