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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

find. .Die Untersuchung werde-sehr «ingehend vsrgeiloni- 
Inen. .Und wenn in einer Schule, L44, in der anderen 
nur 44 Kinder der Klasse T ausgewählt wurden, so ist 
das wohl rein zufällig. Mau müsse mit größtem Per- 
trauen an die Sache herangehen, sonst beschwerde sich der 
Vater und beschwerde sich die Mutter und es heiße dann, 
der Lehrer mache es. — Schularzt G.-V. Dr. Schulst 
(Dnat.) unterstützt die Ausführungen des Schössen Schild- 
berg. Er habe z. B. sämtliche Kinder der 2. Gemeinde- 
schule untersucht; natürlich können sie nicht eingehend auf 
Herz und Lunge untersucht werden, aber der erfahrene 
Arzt .erkennt auf dem ersten Blick, wie ein Kind ent 
wickelt ist- Dir Untersuchung ist so eingehend gewesen, 
wie es bei der Kürze der Zeit möglich war. G.-V. Frl. 
Schipfmann (Soz.) regt an, auch die Kinder von 
2—6 Lebensjahren bei der Speisung zu berücksichtigen; 
vielleicht durch einen öffentlichen Aufruf die Eltern zur 
Meldung auffordern. — G.-V. Hannemann (D. Vp.) 
hält das letztere für undurchführbar. Man könne ja wohl 
durch einen Aufruf es versuchen, aber eine ärztliche Unter 
suchung müsse auch da stattfinden. Er bittet gleichfalls um 
Vertrauen. G.-V. Deitmer (Unabh.) führt an, daß ein 
Kind in die Klasse D kam, das besser aussah, als ein 
Kind, das für die Klasse B bestimmt wurde. G.-V. Dr. 
Schultz (Dnat.) fragt, ob Herr Deitmer auch den Ober 
körper der Kinder entblößt gesehen hätte, nach dem Gesicht 
könne man nicht immer urteilen. G.-V. Kanm a nn lTein.) 
fragt, ob auch das Gewicht festgestellt werde. Schöffe 
Schildb erg bejaht das, cs sei das eine Vorschrift der 
Ouäker, die erfüllt werden müsse. Allerdings müsse man 
erst noch sehen, >vie die Geivichtsfeststellung durchgefiihrt 
werden könne. — Nach weiteren Bemerkungen einiger 
G.-V. tvird dann der angeforderte Betrag von 5000 M. 
bewilligt. 
Anstellung eines Jugcndpflegers. 
Schöffe v. W r o ch e m berichtet, daß die Angelegenheit 
des hauptamtlichen Jugendpflegers nochmals dem Jugend- 
pslcgeanssckmß überwiesen wurde. In der Zivischenzeit sei 
nun ein neues Gesetz herausgekommen, nach welchem in 
Neue Stellen nur solche Personen zu berufen sind, die 
aus den abgetretenen Gebieten zurückgekehrt sind. Daraus 
ergab sich für den Jugendpflcgeansschuß, daß er keine 
Ausschreibung vornehmen könne. Andererseits .haben wir 
hier das Jugendheim eingerichtet, cs steht vor der Eröff 
nung und so sei-cs nötig, eine Oberleitung zu schaffen. 
Ta nun die Stelle eines hauptamtlichen JngendpflegerS 
nicht geschaffen werden könne, so stehe der Jiigcndpslege- 
ausschuß auf dem Standpunkt, von der Wahl abzusehen 
nnd damit einverstanden zu sein, .daß die Stelle vor 
läufig nebenamtlich versehen werde, und der Aus 
schuß schlage hierfür Herrn Lehrer Kühn vor. — Bür 
germeister Walger führt an, daß cs nicht zulässig ist, 
einen solchen Beschluß zu fassen. Er gibt die Bestimmun 
gen des Gesetzes bekannt, wonach vor der Entscheidung 
der Frage Groß-Berlin neue Stellen nicht geschaffen und 
frei werdende Stellen nicht besetzt werden dürfen. Auch das 
Gesetz über die Anstellung der aus den abgetretenen Ge 
bieten kommenden Personen steht hier entgegen. Man könne 
eine neue Stelle hier nicht schaffen. Es gäbe hier nur den 
Ausweg, die Stelle nebenamtlich mit irgend einer 
Person zu besetzen. — Schöffe v. W r o ch e m erklärt, daß 
er ja diese Fassung seinem Antrage selbst gegeben habe. 
Herr Kühn solle nur uebenamtlich die Funktion des haupt 
amtlichen Jugendpslegers ausüben. Bürgermeister Wal- 
ger: Das gehört dann nicht zur Zuständigkeit der Ge 
meindevertretung; . das kann der Jügendpflegeausschuß 
selber machen. — '-schösse v. Wrochein: Wenn cs der 
Ausschuß allein machen kann, ziehe ich die Vorlage zurück. 
(Bravo.) 
Kostenlose Wählerlisten. 
Ein Antrag, der von den Vorsitzenden aller Fraktionen 
Unterschrieben ist, wünscht, daß bei öffentlichen Wahlen 
in den Gemeinden den beteiligten Parteien je eine Wähler 
liste kostenlos überlassen werde. Bürgermeister W a l g e r: 
Welche Parteien sind darunter zu verstehen. G.-V. L e o u,- 
Hardt: Alle, die Listen einreichen. Bürgermeister Wal 
gcr: „Wissen wir das immer vorher." —' Der Antrag 
wird einstimmig angenommen. 
Maifeier. 
Ein Antrag der Sozialdemokratisch. Fraktion wünscht, 
die Angestellten, 'Arbeiter nnd Beamten der Gemeinde am 
11. Mai von ihren Dienstobliegenheiten zu entbinden. G.-V/ 
in bezug darauf noch erzählen. Ich sagte Ihnen schon, 
daß er in jener letzten Nacht besonders aufgeräumt und 
redselig war. Als er irgendwo sein Portefeuille ans der 
Tasche zog, um die Zeche mit einem Hundertmarkschein zu 
bezahlen, zeigte er mir i» seiner mitteilsamen Laune das 
.oild eines kleinen Mädchens, daß er offenbar immer mit 
sich hcrunitrng. Es war ein häßliches Kind, ihm aber 
schien es der Inbegriff aller Schönheit. Und es sah ihm 
so ähnlich, daß man es auf den ersten Blick als sein Kind 
hätte erkennen müssen. Als ich ihn ein bißchen damit auf 
zog, erklärte er zwar, es sei das Töchterchen seines in Süd 
afrika verheirateten Bruders. Aber er wurde sehr verlegen 
und brachte das Gespräch sogleich auf etwas anderes." 
„Das scheint freilich nicht ganz unverdächtig," meinte 
^ e } n i nachdenklich. „Um so mehr, als der Bruder aus 
Südafrika, er hatte nur den einen, weder Frau noch Kind 
hat. Aber am Ende müßte doch dieser Bruder, der vor 
einigen Tagen hier aufgetaucht ist, um den Nachlaß des 
Ermordeten als einziger Erbe in Besitz zu nehme», etwas 
von dieser Ehe gewußt haben." 
„Weshalb müßte er das ? Könnte Otto Martens es 
ihm nicht ebensogut verschwiegen haben, wie er es hier 
vor aller Welt verschwiegen hat? Ich glaube, sein Leben 
war ganz voll von allerlei großen und kleinen Geheim 
nissen."^ 
... r"/^ lC Möglichkeit wäre freilich nicht absolut ausge 
schlossen. An etwas anderes aber haben Sie nicht gedacht, 
mein Fräulein I Oder können Sie sich vorstellen, dost eine 
^ rau <V, ^' e 1,0,1 ^ e . r ®ruioröung ihres Mannes hört, weder 
ein Verlangen fühlen sollte, an die Bahre des Toten zu 
eilen, noch überhaupt ein Bedürfnis, sich zu melden, wäre 
es auch wirklich nur, um für sich und das Kind ihren gesetz 
mäßigen Anspruch ans den Nachlaß geltend zu machen?" 
,, »Das komint ganz auf die Umstände an," sagte die- 
blonde Mieze, und ihr Gesicht nahm einen zynischen Aus- 
a H' öei' es für Hollfelden noch abstoßender machte. 
«Ich habe "> der Zeitung gelesen, daß man nicht mehr als 
vreiyundert Mark in dem Nachlaß des Afrikaners vorge 
funden hat, und aus den Fragen des Nechtsanwalts wie 
aus den Ihrigen habe ich cntnonimen, daß kein Mensch 
^' e Herkunft seiner großen Einnahmen weiß. 
' oijo wohl irgendeinen Haken mit diesen Ein- 
Pinia k (Soz.) begründet den Antrag; die Steltnngn»h'nie 
seiner Partei sei hierfür ja bekannt, er verweise nur sauf 
die trefflichen Ausführungen, die Herr Kamrowöki im 
vorigen Jahre hierzu gemacht habe. Er sei der festen 
Ueberzeugung, daß der Gedanke der Feier des 1. SKai istiuf) 
bei der Rechten festen Fuß gefaßt habe. (G.-D. Allmann 
(D. Vp.): Nein, nein; G.-V. Hugo Richter (Dnat.): Gibt 
es ja garnicht).' G.-V. Le o n h a r d t (Dem.) spricht gegen 
den Antrag: das kleine Friedenau könne keine Oase sein 
in dem Groß-Berlin, wo überall die Maifeier abgelehnt 
sei. Man möge die Beschlüsse der Nationalversammlung 
abwarten, dem demokratischen Mehrheitswillen müsse man 
sich fügen, solange wir leine Räte-Republik haben (Zul- 
rufe). G.-V. Dettmer (Unabh.) erklärt, man wolle ja 
keine Maifeier, sondern nur, daß für die Beamten und 
Arbeiter der l. Mai dienstfrei sei. Um nun aber mit 
Berlin gleichmäßig vorzugehen, stellt er den Zusatzantrag, 
daß der Antrag als angenommen gelten soll, tvenn Berlin 
ihm auch zustimme. G.-V. Leonhardt <Dem.) beaw- 
tragt den Zusatz, daß, wenn die N a t i o n a l v e r sam m« 
l u n g zustimmt, der Antrag angenommen sein soll. (Heiter 
keit: Zurufe: Das ist ja dann selbstverständlich.) Dem 
Antrage des Herrn Dettmer könne er nicht zustimmen, 
denn Herr Dettmer wisse ganz genau, daß Berlin nach 
der Zusammensetzung seiner Stadtverordnetenversammlung 
„Ja" sagen werde. (Zustimmung). G.-V. Dettmer (Un 
abh.) meint, daß der Antrag in der Nationalversamm 
lung ein ganz anderer sei. Wenn nun Berlin beschließe, 
stehe doch Friedenau allein da. (G.-V. Dr. Hasse: Oase 
Leonhardt. — G.-V. Leonhardt: Herr Dr. Hasse, Sie 
sind doch sonst so geistreich. Heiterkeit). G.-V. Maul.- 
bccker (Soz.): Wenn die Nationalversammlung beschließt, 
brauchen wir überhaupt keinen Beschluß. G.-B. Lüdecke 
(Dem.): Wir können ruhig einmal solch einen lächerlichen 
Beschluß fassen, es ist nicht der erste. Nach einem Schluß- 
anlrag des G.-V. Tr. Anders, gegen den G.-V- Buth 
spricht, wird Schluß der Verhandlung beschlossen. — Für 
den durch G.-V. L e v n h a r d t erweiterten Antrag, die 
Angestellten, Arbeiter und Beamten am 1. Mai vom 
Dienst zu befreien, wenn die Nationalversammlung auch 
die Maifeier beschließt, stimmen die Demokraten und 
einige G.-V. der Rechten. (Zuruf: Gegenprobe). Bürgci> 
mcister Walger bitict um die Gegenprobe. Keine Hand 
hebt sich. Bürgermeister Walgcr: Damit ist der An 
trag angenommen. (Stürmische Heiterkeit), Es wird dann 
aber doch noch über den Antrag der Sozialdemokraten 
abgestimmt, der gegen die Sozialdemokraten und Unab 
hängigen abgelehnt wird. 
Kleine Anfragen. 
G.-V. Dr. Hasse (Soz.): Wie viele der Baracken- 
w o h ii u n g e ti sind durch Beamte belegt. Es ist in 
der Bevölkerung aufgefallen, daß die Baracken zum größten 
Teil von Beamten bewohnt sind; allerdings soll auch ein 
Geschäftsschild vorhanden sein. Er möchte daher wissen, 
wie viele von den Wohnungen von Beamten und wie viele 
nicht von Beamten bewohnt sind. Bürgermeister Walger 
und Syirditüs Sturm erklären, daß sie hierüber im 
Augenblick keine Auskunft geben und keine Zahlen nennen 
können. Die Wohnungsvergabe werde nach Dringlichkeit 
der Sucher entschieden nnd nicht nach Berufen. Es soU 
in nächster Sitzung Auskunft gegeben werden. 
G.-V. D.r. H a' i e (Soz.) bittet nin Auskunft über die 
Tätigkeit des Untersuchungsausschusses. Herr 
Leonhard: habe ihic vorhin wieder einmal gründlich miß 
verstanden. denn er habe die Arbeit des Ausschusses durch 
aus anerkannt und nur gewünscht, daß einmal darüber 
berichtet werde. (Zuruf des G.-V. Leon Hardt.) Herr 
Schöffe Ebers tönnte doch wohl Mitteilung machen. Schöffe 
Ebers: Herr Leonhardt hat sck>on einige Aufklärung 
gegeben. Der Untersuchungsausschuß arbeitet, er arbeitet 
gründlich und außerordentlich fleißig; ich habe ben Worten 
des Herrn Leonhardt eigentlich wenig hinzuzufügen. Die 
dem Ausschuß gestellte Aufgabe ist nmsangreich. Etwa 
100 Personen haben sich selbst gemeldet oder sind namhaft 
gemacht worden, um über die Vorgänge zu berichten. 
Viele haben wir selbst gehört, von anderen l-aben wir schrift- 
ltche Auskunft eingefordert. Jetzt sind wir soweit, daß 
ich hoffe, in der nächsten Woche das gesamte Material 
zusammen zu haben. Dann werden Ivir es sichten und 
nach den Auskünften die FeststeUungen machen, die dann 
bekannt gegeben werden. Daß das geschieht, dessen kann 
die Bürgerschaft gewiß sein. (Bravo.) 
G.-V. Leonhardt (Dem.) bemerkt, er war vorhin 
tum——n»———mma—— 
in dem Mißverständnis, daß die Sache mit der anderen 
verbunden war. (Zuruf des G.-D. Dettmer.) 
®.Sß. Maulbecker (Soz.) erklärt, auch er fei miß 
verstanden worden. Wenn er sagte, er hätte sich nicht 
nach rechts entwickelt, so meinte er damtt. daß er nach 
wie vor dem äußersten linken Flügel der MehrheuSjozial-- 
denwkratie angehöre, wie er das schon einmal im „rz-rreo^ 
Lokal-Anzeiger" bekannt. gegeben habe; er stehe fest aus 
dem Boden des Erfurter Programms. Er habe sich de-'-- 
halb angeschlossen, um seine Pflicht als Gememdevcrtrcter 
zu tun und in den Ausschüssen mitzuarbeiten. Er dränge 
sich nicht nach der Arbeit, aber er wolle sein Mandat auch 
voll ausüben. (G.-V. Thomsberger: Wer Arbeit kennt 
und sich nach drängt, der ist beschränkt. Heiterkeit) 
G.-V. Leonhardt (Dem.) fragt, wie weit die An 
gelegenheit betr. Beiträge zur Sterbelasse für die Kriegs 
beschädigten, sei. Schöffe Evers erklärt/ daß die «acae 
in nächster Zeit zur Entscheidung komme. 
Kaiseibilder im Rathaus. . . , „ 
G.-V. Maulbecker (Soz.) führt an, daß Wiederholt 
dazu aufgefordert wurde, die Hoheitszeichen der früheren 
Regierung zu entfernen. Im Rathausc befinden sich immer 
noch Kaiserbilder u. a. an öffentlichen Amtsstellen. Er 
sei kein Bilderstüriner und nehme in Privatwohuungen 
keinen Anstoß an solche Bilder, 2lbcr man solle docih äußer 
lich der Stimmung mehr Rechnung tragen. (G.-V. Fsau 
Korsch: Ebert hinhängen.) „Ja, konnten Sie sich denken, 
daß unter der früheren Regierung in einer Amtsstube 
ein Bild Bebels hing." Wo jetzt diese Sache abgeschlossen 
ist (G.-V. Altmann: Noch nicht abgeschlossen), da sollten 
auch diese Zeichen entfernt werden. — G.-V. G Lese zOoz.) 
bemerkt, er wolle nur hervorheben, daß Herr Banrat Alk- 
maim den Zuruf machte: Noch nicht abgeschlossen. Damit 
habe er zur Genüge gesagt, was er sagen wollte. — Bürger 
meister Walger erklärt, er denke, daß im demokratischen 
Staate doch Duldung herrschen sollte. Wenn das früher 
nicht so war, so solle es doch jetzt so sein. 2lber^ er 
werde, die Sache prüfen — G.-V. Dr. Hasse (Soz.) 
meint, daß diese Ansicht von Duldsamkeit eine Ver 
drehung der Begriffe sei. Der Herr Bürgermeister wisse, ui» 
welche Bilder es sich handele, er habe ihn wiederholt 
darauf hingewiesen. 2lber auch setzt wieder suche er in 
seiner spitzen, ironischen Art der Frage auszuweichen. 
Wenn die Bilder entfernt werden, dann sollen sie gründ 
lich entfernt werden und nicht etwa >vo anders ausbc- 
wcrden. Bürgermeister Walgcr: Ich verstehe die Worle 
des Herrn Dr. Hasse nicht. G.-V. 21 l t in a n n (D. Vp.) 
aniwörtet auf die Worte des Herrn Gicse, daß, wenn cr 
die Sache nicht als abgeschlossen ansähe, er sich damit auf 
den Boden seiner Partei stelle, die bei jeder Gelegenheit, 
in der Nationalversammlung usw., erklärt habe, daß sic 
die jetzige Staatsform nicht als die richtige, sondern nur 
die Monarchie als die gegebene ansehe. (G.-V. Leon-- 
hardt: Das war nicht immer so.) G.-V. Maulbccker 
(Soz.) fragt Herrn Bürgermeister Walgcr, ob er bei 
seiner Duldsamkeit damit einverstanden sei, wenn man 
ein Bild von Ebert oder Bebel irgendwo im Rathaus ans 
stellen würde. — Bürgermeister Walger: Gewiß, ich 
würde den Herrn Ebert gern „aufhängen". (Stürmische 
Heiterkeit. Das glauben 'wir! b. d. Soz.) Bringen Sie 
mir schöne Oclbildcr. Ebenso wie wir die früheren Re 
genten aufgehängt haben, können wir es auch mit den 
jetzigen tun; das ist 'durchaus berechtigt; Ebert ist unbe 
dingt eine historische Persönlichkeit. 
G.-V. Tr. Anders (Dnat.) fragt an, wie cs mög 
lich sei, daß ein hiesiges Blatt die Abstimmung; aus einer 
geheimen Sitzung bringen konnte. Ob der Bürgermeister 
Auskunft darüber geben könnte. Bürgermeister Walgcr 
antwortet, er könne die Auskunft nicht geben, er habe 
sich auch darüber gewundert. In seiner zehnjährigen Praxis 
sei ihm das sehr häufig passiert, er habe die Quelle nie 
einwandfrei feststellen können. Aber er habe schon einmal 
gesagt, daß die Akkustik in dicfcin Saale eine ausgezeich 
nete sei (G.-V. Altmann: Ehrt mich! Heiterkeit). Er be 
dauere solche Fälle sehr. Unabsichtlich könne es wohl 
nicht sein, tvenn das Llbstimmungsverhältnis im Einzelnen 
und mit Namen bekannt gegeben werde, wenn man sich 
vielleicht auch sonst mal unüberlegt aussprechen könne, 
ohne gleich daran zu denken, daß darüber geheim ver 
handelt wurde. Er verurteile das sehr. (G.- 
kchultz: 
Ich verurteile es auch! — Heiterkeit). 
Nach Verlesung und Genehmigung der Niederschrift 
wird die öffentliche Sitzung gegen )/°l0 Uhr geschlossen. 
Es folgt eine geheime Sitzung. 
nahmen haben, und seine Frau hat möglicherweise die 
triftigsten Gründe, in ihrer Verborgenheit zu bleiben, um 
nicht danach gefragt zu werde». Den Totcu kann sie ja 
schließlich nicht wieder lebendig machen, auch wenn sie 
Ströme von Tranen an seinem Grabe vergießt. Und auf 
die nachgelassenen dreihundert 'Mark kann sie leichten 
Herzens verzichte», wenn sie in aller Sülle die Tausende 
weiter bezieht, über die Martens verfügte." 
Es war der verschlagene Spürsinn des einzig an 
kalte Berechnung gewöhnten Weibes, der in ihren Ver 
mutungen und Folgerungen zutage trat. Heinz fühlte sich 
davon in hohem Maße angewidert, aber er vermochte sich 
der einleuchtenden Logik ihrer Kalkulationen nichüzu ent 
ziehen. Die Angelegenheit gewann in dieser Beleuchtung 
ein wcscnilich verändertes Aussehen, und manches erschien 
unter solcher Voraussetzung weniger unerklärlich als zuvor. 
Er hatte noch eine Reihe weiterer Fragen in Bereitschaft, 
aber von der Bühne her ertönte in diesem Augenblick ein 
schrilles Klingelzeichen und gleich darauf die laute Stimme 
des Regisseurs: 
„Die große Ensemble - Szene des zweiten Aufzugs! 
Der Chor und die ganze Statisterie!" 
„Ich muß auf die Bühne," erklärte Fräulein Mieze, 
indem -sic sich rasch erhob. „Wenn Sie in dieser Angc- 
legenheit oder — oder sonstwie noch etwas mit mir zu ve- 
sprechcn wünschen, werden wir es also auf ein anderes' 
Mal verschieben müssen." 
„Sie gestalten mir vielleicht, brieflich eine weitere 
Unterredung zu erbitten, falls es sich als notwendig' er 
weisen sollte. Nur eine Frage noch: Haben Sie auch zu 
dem Rechtsanwalt Berger von Ihrer Vermutung gesprochen, 
daß Martens verheiratet gewesen sei?" 
„Ah, was denken Sie! Wenn ich im Besitz von hundert 
Geheimnissen gewesen wäre, diese Mumie würde"ntir sicher 
lich keines davon entlockt haben. Für jetzt also adieu, 
Herr Hollfelden — und hoffentlich: auf Wiedersehen!" 
Mit ihrem bezauberndsten Lächeln reichte sie ihm die 
Hand und rauschte ans den Gang hinaus, um in der 
Richtung nach der Bühne hin zu verschwinden. Heinz aber 
legte sich, als er das Gebäude des Eldorado-Theaters nach 
denklich verließ, in der Stille seines Herzens die schwer 
äu .beantixorsende Frage vor, ob e» eine besonders glän- 
zenoe Probe kriminalistischer Geschicklichlcit gewesen sei, dir 
er da soeben bestanden, und ob er der Lösung des Rätsels, 
das'sich so geheimnisvoll düster in seinen Lebensweg gc- 
jlellt hatte, damit wirklich auch nur um den allerkleinsten 
Schritt näher gekommen fei. 
Nicht allzulange jedoch beschäftigten ihn diese Grübeleien. 
Bald genug kehrten vielmehr seine Gedanken zu jenem 
Gegenstand zurück, der für ihn doch schließlich eine tansend- 
inal größere Bedeutung hatte, als alles andere. Margots 
berückendes Bild tauchte wieder vor seiner Seele auf, und 
ihn überkam eine so gewaltige Sehnsucht,. das geliebte 
Mädchen wieder zu setzen, daß kein 'zaghaftes Bedenken 
ihn länger von dem Schritt zurückzuhalten vermochte, der 
ützer das Glück seines. Lebens, über seine ganze Zukunft 
entscheiden sollle. 
Beschleunigten Schrittes kehrte er in seine Wohnung 
zurück, um sich für den Besuch bei der Komtesse Waldcn- 
dorff umzukleiden. 
1V. Kapitel. 
Die Gräfin Waldcudorff drehte die Karte, die ihr die 
Zofe überbracht hatte, zwischen den schlanken Fingern. 
„Spät kommst du, doch du kommst!" det'taniierte sie 
.lächelnd, „wir müssen ihn sehr kühl empfangen, Margot, 
nicht wahr?" 
Das junge Mädchen hatte am Fenster gestanden und, 
tief in Gedanken verloren, auf die sonnige Straße hinaus 
gesehen. Jetzt schrak sie leicht zusammen und wandle 
sich um. 
„Wen, Liebe?" fragte sic zerstreut. Aber eine brennende 
Röte färbte ihre Wangen, ^als die Komtesse, noch immer 
lächelnd, erwiderte: 
„Wen anders als den feurigen Galan, der mehrere 
Tage gebraucht hat, sich von seinem abendlichen Schrecken 
zu erholen? Willst du vielleicht allein mit ihm rede» 
Kind?" 
„Nein, nein — oder doch — ich weiß nicht. Ich bitte 
dich, empfange du ihn. Wenn ich dann später herein- 
kvnmie, magst du mich immerhin allein mit ihm lassen." 
Die Gräfin erhob sich und reale ein wenig ihre sci-üne. 
frauenhaft volle Gestalt. 
Mertsctzung folgt.)
        
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