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Periodical volume Nr. 90, 23.04.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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®rriln»^Tieb«B«n, «heiestratze 15. — Ker-Z-recher: Amt Pf«l-»>rs 21«. 
Nr. 88 
Zerlin-Fnedekrav, Freitag den 23 Atzn! 1828 
Fahrg. 27 
Sitzung cisr Gemeinclevertretung 
am Donnerstag, den 22. April 1920. 
Fürsorge sür tuverlnlöse, der Tuberkulose verdäch,- 
tigc und sti>rk unterernWrte Kinder. — SPrisuug von, 
1425 Fkiedcnasuer Kindern durch die Quäker. — Aus 
lösung der Einwohnerwehr. — Die Arbeit des Unter-- 
suichwngsÄuL'schusscs. — Nebcuaultlicher Jugcndpskeger. — 
Kostenlose Wählerlisten sür die Parteien. — Keine Mai 
feier in Friedenau. — Die Kaiscrbildcr im Siathaus. 
Tic Gemeindevertretung muhte gestern — wie üblich — 
die Tagesordnung durch eine größere Anzahl von T r i n g- 
lichkeitsanträgc n und Anfragen erioeitern. Die 
vorher festgesetzt gewesenen Punkte wurden ziemlich glatt 
erledigt, zumeist nach den Vorschlägen des Gemeindevor 
standes. Nur die Anerkennung der Bedingungen für die 
Angliedcrung des Ncalprogymiiasiuins an das Ghmnafium 
wurde noch nicht ausgesprochen, sondern diese Frage auf 
Antrag des G.-V. Leonhardt, dem Finanzausschuß zur 
Prüfung überwieseid. Bei der Besprechung der verschie 
denen Dringlichkeitsanträge und Anfragen ging cs etwas 
lebhafter zu. Zunächst wurden sür die U n t er b r i n g u n g 
tuberkulöser oder l u be r ku l o se v e r d ä ch t i g c r 
Kinder in der Schweiz und au anderen Orten 5-0 000 
Mark bewilligt. Schöffe Schildberg teilte uiit, daß 
durch die ärztlichen Untersuchungen 50 tuberkulöse und 
142 tubeerkuloseverdächiige Kinder festgestellt worden 'sind. 
Ferner waren noch 100 stark unierernährie Kinder vor 
handen. 15 Kinder sollen in die Schiveiz kommen. Für 
die Kindcrspei? u n g der ameiifnin s ch. Quäker 
stellte die Gemeindevertretung den erforderlichen Betrag 
zur Deckung der Unkosten bereit. Die Kinder, die an der 
Speisung teilnehmen, sind durch die Schulärzte ausgewählt 
toorden. Frl. Schipsmann wünschte auch die Teilnahme der 
Kinder vom 2.—Lebensjahre. Ten: Antrage auf 'Be 
willigung von 3420 M. Kosten 'sür die Abwickelnngsge- 
schäfte. zur Auflösung der Ei n w o h ne r weh r wurden 
zugestimmt mit der Maßgabe, daß dem Einwohncrwehraus- 
- schuß der Gemeindcevrtrecung eine Kontrolle hierüber zu 
gestanden werde. Auf eine Anfrage des G.-V. Dr. Hasse 
(Soz.) berichtet Schöffe Evers kurz.daß der Untersuchungs 
ausschuß lulgestrengi arbeitet - und hoffe in der Nächsten 
Woche das gewonnene Material sichten zu können. Das 
Ergebnis der Ermittelungen werde dann sogleich bekannt 
gegeben werden. Die Frage der Anstellung eines haupt 
amtlichen Jngendpflcgers erledigte sich da 
durch, daß die Schaffung neuer -grellen und Ncuanstcllun- 
gen von Beamten, Angestellten usw. z. Zt. nicht möglich 
sei. Herr Lehrer Kühn soll nun nach dem BefchlnAß des 
usses nebenamtlich die Leitung der 
riedenau erhalten. Dem Antrage sämt 
licher Fraktionsvoriitzenden, bei allen öf^ntlichen Wahlen 
den beteiligten Parteien je eine Abschrift der Wähler 
liste kostenlos zu überlassen, wurde zugestimmt. Der 
Antrag der Sozialdemokraten, die"Beamten, Angestellten 
und Arbeiter a:n 1. Mai von ihren Dienstobliegenheiten 
-zu entbinden, mit dem Zusatzanirage des G.-V. Tctmicr, 
wenn Berlin daS auch beschließen sollte, wurde abgn- 
l e h n t. G.-V. M a n l b c ct c r, dcr sich als Hospitant 
jetzt dcr Sozialdemokratischen Fraktion angeschlossen hat, 
kam auf die noch immer aushängenden Kaiserbilder 
im Nathause zu sprechen. Als Bürgermeister Walger dazu 
meinte, die Demokratie sollte s. A. nach doch duldsamer 
Jngcndpflegcanssch 
Jugendpflege in F 
Wasles in derlviichfteu Woche gibt. 
Brot: 1800 Gramm und 300 Gr. Kleingebäck »der 
1900 Gramm Großbrvt auf „Feuer". 
Fleisch: steht noch nicht fest. 
Butter: 20 Gramm—.75 Psg. und 70 Gramm Bratfctt 
— 2,80 M., soivie 180 Gr. Bralsetl — 7,20 M. auf 
Sonberabschnilt der Sprisefettkarte. 
Kartoffeln: 2 Pfund ans Abschnitte 18a und b. Als 
Ersatz sür die fehlenden Kartoffeln auf 18 c—e 1 Pfund 
Großbrot und aus Abschnitte s mid g 200 Gramm 
Graupen und 200 Gramm Hülscnfrüchte. Die Nährmittel 
gibt es bei verschiedenen Händlern. 
Zucker: Vom 1. bis.15. Mai 3 / i Pfund. Ferner 
für Kinder im 1. Leben-feh», 1h4 Pfund, im 3. LebenS- 
jehre 1 Pfund und i« 3. »D 7. L^«r§jah»e st, Pfund, 
im Monat. 
Anzumelden vom 24.—27. April: 
Ant Groß-Berliner Lebensmittelkarte i 
Marmelade: 259 Gr. auf 19: Pfund 3,70 M. 
Graupen: 125 Gr. auf 21: Pfund 71 Pfg. 
Nudeln: 125 Gr. auf 22; Pfund 2 M. 
Auf Groß-Berk. Lebensmittelkarte für Jugendliche: 
Weizengrieß: 200 Gr. auf 49; Pfund 92 Pfg. 
Auf Friedenauer Nährmittelkarte: 
Sirup: l /, Pfund auf IG; Pfund 1,70 M. 
Gelbe Erbsen: 250 Gr. auf 17; Pfund 4,50 M. 
S o n d e r z n w e i s u n g e n: Je 1 Päckchen ( l / 4 Pfd.) Zwie 
back (05 Pfennig) uns Keks .00 Pfennig) an Kinder vom 
^ 1—0. Jahre gegen Abstempelung der Vollmilchkarle in 
den GcmcindcvcrtaufSstcllen. — Je ‘/s Pfund amerikan. 
Schweinefleifchprodutte (8 M.) an Jugendliche vom 7. 
bis 17. Jahre, an über 00 Jahre alte Einwohner sowie 
an werdende und stillende Mülicr. Ferner zwei Dosen 
londensiertc Milch an die schwangeren Frauen vom 4. 
bis 0. Monat in den Geineindcverkäufcn. 
in solchen Sachen fein, fragte G.-V. Ma ust bester^ 
ob denn der Herr Bürgermeister dann dainit einverstanden 
wäre, wenn man Bilder von Eberl oder Bebel im Rat 
haus aushängen würde. Bürgermeister W a l g e r bejahte 
das und erklärte, er würde Herrn Eb e r t sehr gern ,,a it s- 
häNigem" (stürmstche Heiterkeit, Zurufe links: Das 
glauben wir.). Mau möge ihm nur schöne Qelbildac 
bringen. 
VerhcindlnngSücricht. 
Bürgermeister Walger eröffnet die Sitzung 7,25 
Uhr; er entschuldigt die G.-V. Konicczla, Lvvs, Luders 
und Göhri'ng und macht folgende 
Mittcilnngcn: 
Die Abänderung dcr Sieucrordnung über die Art 
dcr Zustellung der Veranlagungen ist genehmigt ivvrdeit. 
Er bitiet zur Kenntnis zu nehineu, daß der verbilligte 
Holzvcrkauf am 1. April eingestellt worden ist. Der 
für die unentgeltliche Angabe von Holz bereitgestellte Bei 
trag von 20 000 M. ist >um 1200,74 M. überschritten 
worden. Bon dcr sür den verbilligten .Holzverkauf be 
reitgestellten Summe von 1500 M. sind nur 548 M. ver- 
' braucht worden. 
Auf die TageSorduttlig kvimncn noch folgende 
T r in gli chjke its awtvägc: 
Mwilligung von 50 000 Mark zur Unterbringung 
tuberkulöser und tuberkuloseber'dächtigcr 
Kinder. 
Antrag auf Mitteilung der Einwohiierlvehr belr. Be 
willigung eines Betrages .für die AbwickelungSgeschüfte 
zur Auslösung dcr Einwohnerwehr. 
Bereitstellung eines Betrages zur Deckung der Un 
kosten für die K i n d c r s p c i s u n g d e r Q u ä k e r. 
Antrag berr. Anstellung eines hauptamtlichen In 
ge n d p f l c g e r s. 
Antrag ücr Fraktivnsführer auf k o st e n l o s c U e b e r- 
lassung von Wählerlisten. 
Antrag der Sozialdemolraren berr. Dicnstbefreiung der 
Arbeiter, Angestellten und Beamten am 1. Mai.' 
Zu Unterzeichnern der Niederschrift werden die G.-V. 
Paul Richter und Sarrazin bestellt. 
G.-V. Tr. Hassc (Soz.) teilt mit, daß sich der G.-V. 
M a u lb e d e r dcr Sozialdemokratischen Fraktion als 
Hospitant angeschlossen habe. G.-V. Maulbccker er 
klärt, daß dieser Anschluß nicht zu bedeuten habe, daß 
er sich politisch nach rechts entwickelt hätte (Heiterkeit), 
sondern daß er das getan habe, um sein Mandat in aus 
giebigerer Weise wahrnehmen und in Ausschüssen mit 
arbeiten zu können. (Zuruf des G.-V. Deitmer: Und 
Herr Endcmann? Heiterkeit!) 
• Der Aenderung in der Besetzung einiger A tl s s ch ü s s e 
wird zugestimmt. Bürgermeister Wchlger bemerkt dazu, 
daß der Wahlausschuß zu dem Schreiben dcS G.-V. Ende 
mann, ihn in verschiedenen Ausschüssen mitwirken zu 
lassen, sich dahin entschieden habe, daß die Abordnung 
von Ausschußmitgliedern den Fratcionen obliege und daß 
eine Frattion nur dann bestehe, wenn ihr 3 Gemeindc- 
vcrordnele angehören. Das Ersuchen des Herrn Ende- 
mann mußte daher abgelehnt werden. 
Entschädigungen an die stellvertretenden Borsitzeuden 
des EtnigungsamtcS. 
Die bisher an die Herren stellvertretenden Vorsitzenden 
des EiuigungsamtcS gezahlten Entschädigungen werden 
vom 1. April 1920 ab hon 15 M. ans 20 M. erhöht. 
Erhöhung der Wiegcgebührcn. 
Die Gemeindevertretung erklärt sich mit der sofortigen 
Erhöhung der Wiegebühre» sür die Ratswage um 100 
einverstanden. ES sind zu erheben: Für Kols und Kohlen 
je Zentner 2 Pfg., für alle sonstigen Sachen je Zentnev 
4 Psg. Jeder angefangene Zentner wird voll gerechnet. 
Mittel für den Kindergarten. 
Die Gemeindevertretung bewilligt die für den Betrieb 
des Kindergartens bis zum 31. März 1920 entstandenen 
Kosten von 900 M. für laufende Ausgaben, 2500 M für 
einmalige Anschaffungen, 180 M. sür die vorübergehende 
Beschäftigung einer Hilfskraft und Vertreterin. 
Instandsetzung des Spielplatzes an dcr Qjsciwachcrsrr. 
Der Jngeudpslege-Ausschuß hält es für notiocndig, 
die Platzoberfläche des Spielplatzes der Offenbacher Sir. 
durch Walzen fester zu gestalten, zwischen Bürgersteig und 
Böschung ein Drahtgitter mit Stacheldraht zu stellen, 
das Sporthäuschen instand zu setzen (u. a. Beschaffung 
von Bänken für die Umkleidcrüume, Anbringung von 
Kleiderhaken, Schaffung von zwei Geräteräumen, Ein 
richtung eines Ausschanks für alkoholfreie Getränke), die 
auf dem Spielplatz a>n Birkemvüldcheu frei gewordenen 
Turngeräte aufzustellen, die Kellerfenster des Aulaflügcls 
der Gemcindeschnle (Hoffront) durch Drahtgeflecht zu 
sichern, Bänke anfznstcllen und die Entlausungsanstalt zu 
ZK Briefe der Prinzessin. 
Bon E. P h. Oppenheim. 
89 (Nachdruck verboten.) 
~ Der Mann, der ein gutes Trinkgeld witterte, verzog das 
Gesicht zu einem verständnisvoll freundlichen Grinsen. 
„Die blonde Mieze meinen Sie? Na, darauf können 
Sie sich verlassen. Für neue Bekanntschaften ist die immer 
zu haben." 
„Die Dame führt vermutlich noch einen anderen Namen 
als den, den Sie soeben nannten?" 
„Gewiß! Hofmeister heißt sie — Marie Hofmeister! 
Aber hier am Theater und bei den Herren, die sich abends 
auf der Bühne herumtreiben, ist sie bloß die blonde Mieze." 
Hollfelden bedeutete ihn, seinen Auftrag auszuführen. 
Er konnte beobachten, wie sich die Choristin neugierig nach 
ihm umsah, als der Mann die Bestellung ausgerichtet 
hatte, und wie sie sich dann von ihren Kollegen mit einigen 
raschen Worten verabschiedete, die jene sehr heiter zu 
stimmen schienen. 
Graziösen, wiegenden Schrittes und mit freundlicher 
Miene kam sie auf ih» zu. 
„Sie wünschten mich zu spreche», mein Herr?" 
Heinz hielt es für angezeigt, sie wie eine Dame zu 
behandeln, obwohl sie vermutlich gar keinen Anspruch 
darauf machte. , 
„Ich habe um Entschuldigung zu bitten, mein Fräulein, 
daß ich Sie hier aufgesucht habe," sagte er nach höflicher 
Begrüßung, „aber ick, hätie sonst wenig Hoffnung gehabt. 
Sie zu finden. Wollen Sie die Güte haben, mir eine 
kurze Unterredung zu bewilligen?" 
Die blonde Mieze sah ihn etwas verwundert an. So 
feierlich und förmlich pflegten hier nur die unerfahrensten 
Neulinge zu reden. Und dieser Herr mit dem hübschen, 
geistvollen Gesicht hatte doch nicht gerade das Aussehen 
eines schüchternen Gimpels. Aber sie besaß Gewandtheit 
aenuft, sich yüt Instand in jede Si.tMion zu finden, und 
)o »ahm auch sie vorerst die Allüren einer wirklichen 
Dame a». 
„Ich glaube nicht, daß meine Szene früher als in einer 
halben Stunde darankommen wird," erwiderte sie in tadel 
los vornehmer Haltung. „Aber ich darf mich inzwischen 
nicht aus dem Theater entfernen. Wir müßten also schon 
in einer der Parterrelogen Platz nehmen, wenn es sich 
uin etwas so Dringendes handelt." 
„Ganz wie Sie befchle», mein Fräulein!" 
Sie öffnete eine der kleinen Türen, die aus dem 
Seitcngaiig in de» Zuschauerraul» führten und ging seiden 
raschelnd voran in die halbdunkle Loge, deren Polstersitze 
.jetzt mit grauen Leinwandhüllen bedeckt waren. 
„Bitte, ich bin ganz zu Ihrer Verfügung." 
Heinz nannte ihr seinen Namen, ober sie nickte dazu 
wie jemand, dem man etwas schon Bekanntes erzählt. 
„Ich würde auch ohne Vorstellung gewußt haben, mit 
wem ich mich unterhalte," erklärte sie offenherzig. „Denn 
wir sind »ns schon früher begegnet, wenn Sie sich auch 
vielleicht nicht daran erinnern. Es war nämlich au einem 
nicht sehr angenehmen Ort." 
Sie hatte die letzten Worte lachend gesprochen, denn 
es war ihr im Grunde durchaus nichts daran gelegen, den 
steifen Konversationston lange festzuhalten. Und Heinz 
mußte trotz der schlcchlen Beleuchtung wahrnehmen, wie 
»eraussordernd schalkhaft ihn ihre schwarz untermaltenAugen 
»»blitzten. 
( „An einem nicht sehr angenehmen Ort?" wiederholte 
'v, indem er den Unwissenden spielte. „Darf ich fragen, 
vas für einen Ort Sie damit meinen?" 
„Nun, Sie werden doch ivohl nicht finden, daß eine 
Zeugenvernehmung zu den besonderen Genüssen gehört. 
And wir hatten dies zweifelhafte Vergnügen beide an dem 
Ȋmlichen Borinlttag. Ich wartete mit Ihnen im Vor- 
vmmer und hörte Ihren Namen, als Sie vor mir auf 
gerufen wurden." 
f „Ah, jetzt besinne ich mich in dcr Tat," heuchelte er. 
?,Es war eine polizeiliche Vernehmung in derselben An- 
Pelegenpeil, die mich heule besiiin.nl hat, Sie auszusuchen — 
Tn der Angelegenheit des unglücklichen Martens nämlich — 
nicht wahr?" * 
Mic einer Gebärde des Entsetzens, die ivohl mehr 
schauspielerische Geste, als Ausdruck einer wirklichen Emp 
findung war, streckte Bkieze ihre von echten oder falschen 
Brillanten funkelnde Hand gegen ihn aus. 
„Sprecht mir von allen Schrecken des Gewissens — 
von diesem Martens sprecht mir nicht!" deklamierte sie 
halblaut. „Wenn Sie wüßten, in einer wie unglaublichen 
Weise ich wegen dieser Sache bereits gepeinigt worden 
bin I — Noch an diesem Vormittag! — Man könnte 
geradezu melancholisch darüber werden." 
Da er sah, daß es bis zu dieser Melancholie vor der 
Hand noch gute Wege hatte, ließ sich Heinz durch ihren 
Protest nicht hindern, bei dem Thema zu bleiben. ; 
„An diesem Vormittag, sagen Sie. Es war der Rechts-! 
anwalt Berger, der heute mit Ihnen darüber sprach, nicht 
wahr?" 
„Sie haben uns also beobachtet?" fragte sie, ohne eine 
sonderliche Ueberraschung oder Verlegenheit zu zeigen. 
„Natürlich, in einem solchen Restaurant muß man ja von 
jedermann gesehen werden, und ich hatte Eie auch gleich, 
bemerkt. Ja, unter dem Vorwände der Einladung zul 
einem Frühstück hatte dieser alte Filz die Unverschäintheik.» 
mich ausholen zu wollen. Es war ein amüsantes Frühstück, 
das muß ich sagen." 
„Sie stehen also, wie es scheint, sonst nicht in freund 
schaftlichen Beziehungen zu dem Rechtsanwalt?" 
„Zu dem?" Sie lachte hell auf. „Ah, was für eine» 
Geschmack trauen Sie mir zu, Herr Hollfelden? Nein, diä 
Leute, zu denen ich iu freundschaftliche Beziehungen treten 
soll, müssen schon etwas anders aussehen." 
Der Blick, von dem diese sehr entschiedene Erklärung 
begleitet war, hätte Heinz nicht im ungewissen darüber 
lassen können, daß er selbst vermutlich bessere Äussichlc» 
auf die Gunst der blonden Mieze haben würde, als der 
mit so viel Geringschätzling behandelte Rechtsanwalt. 
Offenbar war die weitherzige junge Dame noch auf der 
Suche nach einem Nachfolger für den so unvermutet aus 
dein Leben geschiedenen Freund. Und er hielt cs nicht für 
zweckmäßig, ihre 5)vffnungen sogleich zu zerstören. . 
Mortsetzung folgt.)
        
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