Path:

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

pnü Mf SK. to/nkttfi hW». 
einen knvKrv»«nft »»i, LI» 
Wr» |g»giggto. 
Tanke Zettchen. 
Skizze von Gerd Harm stör ff. 
(Nachdruck verboten.) 
Niemand hatte meinen Jugendfreund Gustav Hoppe 
der Unbeständigkeit in der Liebe verdächtigen dürfen. Ich 
hatte den Vorzug, der Vertraitte seiner Herzensnöte zu fein, 
«ls wir noch die Bänke der Sekunda drückten, und schon 
damals hätte ich meine Hand dafür ins Feuer gelegt, daß 
er dem Gegenstand seiner ersten Neigung niemals untreu 
werden würde. Die Auserwählte hieß Käthe Flemming, 
zählte zwei Lebensjahre weniger als mein Freund Gustav 
und war eine mittellose Waise. Da auch Gustav der Sohn 
einer armen Witwe war, hätten sich für eine frühzeitige 
Wercinigung der Liebenden wenig günstige Aussichten er 
öffnet, wenn nicht im Hindergrunde des Zukunftsbildes Frau 
Fortuna mit eineni wohinusgeftatteten Füllhorn ver 
heißungsvoll geschwebt hätte. Und zwar in Gestalt eines 
Fräulein Henriette Maiwald, die zwischen uns durchweg 
«ls Taute Icttchsn bezeichnet wurde. Sie war nach 
Wustavs Mitteilungen eine unverheiratete Dame von 
Mahezu fünfzig Jahren, die schon feit geraumer Zeit an 
«inrr unheilbaren Krankheit litt. Ans verwandtschastlicher 
Liebe hatte sie Käthe zu sich genommen, und wenn 
Gustav auch oftmals darüber klagte, daß die Stseinc ad- 
wechselnd die Nolle des Dienstmädchens und der Kranken 
pflegerin zu spielen habe, so tröstete er sich doch mit der 
Gewißheit, daß es sich nur um ein Martyrium von kurzer 
D«uer handeln könne. 
»Taute Iettchen hat nach der Meinung der Aerzte 
höchstens nur noch ein paar Jahre »zu leben." sagte er, 
«und sie hat feierlich erklärt, daß niemand als Käthe ihr 
nach Hunderttausenden zählendes Vermögen erben würde." 
Sa standen die Dinge, a.l? Gustav mit dem Einjühri- 
tzkN-Zeugnir die Schule verließ, um als Lehrling in eine 
Sortimknts-Lnchhaudlnng einzutreten. Unsere Wege hatten 
sich damals getrennt, und ich verlor- ihn aus den Augen. 
Für lange Zeit, aber nicht für immer. Zehn Jahre später 
sah ich ihn wieder. Er saß in Gesellschaft eines hübschen, 
«der etwas fchiualwangig und abgearbeitet aussehenden 
jungen Mädchens in einrnr Gartenlokal, war hocherfreut 
über die Begegnung und stellte mir seine Begleiterin als 
seine Braut, Fräulein Käthe Flemming, vor. 
»Wir sind zwar einstweilen nur heimtich verlobt," sagte 
er, «denn Tante Irttn,en will leider nichts von Heirats- 
plänen wissen, und Käthe hat ihr geloben müssen, sie bis 
zu ihrem Lebensende nicht zu veriafsen. Das bürste sie 
ihr um so eher versprechen, als es der guten Tante ge 
sundheitlich recht schlecht geht. Wir haben wenig Hoff« 
MHJti, daß sie den Herbst noch erleben wird." 
tz» »«r unverkennbar ein bißchen Heuchelei in fernem 
Steiaueni; aber wer hätte es ihm verübeln wollen? 
Leun er und dir Geliebte standen in der Blüte ihrer 
Jugend, die Sehnsucht nach dem lang erhofften Glück 
leuchtete ihnen aus den Augen, und der guten Tante 
Iettchen war die Erlösung gewiß zu gönnen, uachdeni sie 
nun schon jo lange an ihrer traurigen, unheilbaren Krank 
heit litt. Als mich der Zufall ein paar Jahre später in 
Lie Buchhandlung führte, in der Gustav als Verkäufer 
tätig war, glaubte ich mich darum heiteren Tones nach 
seinem und seiner Familie Ergehen erkundigen zu dürfen. 
Wenn mir schon vorher sein gedrücktes Aussehen aufge 
fallen war, so mußte ich nun an seinem gezwungenen, 
bitteren Lächeln erkennen, daß ich mit meiner Frage 
Ahnungslos eine wunde Stelle berührt hatte. 
„Meine Familie?" wiederholte er. „Ich habe leider 
noch immer keine, lieber Freund! Tante Iettchen hat 
zwar in der Zwischenzeit wiederholt auf den Tod dar- 
niedergelegen; aber sie hat sich dank der aufopfernden 
Pflege der armen Käthe immer wieder erholt. Und so 
lange sie lebt, ist an unsere Verheiratung nicht zu denken. 
Ich kann von meinem kärglichen Gehalt keine nennens 
werten Ersparnisse machen, und meine Braut kann es 
noch weniger, da Tante Iettchen zwar für ihre Bedürf- 
ooe legten Zeit viel von Ihrem Bruder gesehen, .Herr 
Martens?" 
„Nichts habe ich von ihm gesehen und nichts gehört. 
Ech habe in Südafrika gelebt und bin erst vor ganz kurzer 
Heit nach Europa gekommen, nach Amsterdam. Dort hörte 
ich von dem Verbreehen, das an meinem Bruder begangen 
»orden war, und bin sofort nach Berlin gefahren. Und 
«rst, seitdem ich hier bin," fügte er in heller Berzweiflung 
jschiz«, „weiß ich, wieviel mein Bruder zu vergeuden hatte. 
Wehen Sie, vor mehr als dreiviertel Jahren war mein 
Wender ebenfalls in Südafrika und hat den Burenkrieg 
»nitgemacht.. Damals besaß er nichts, rein gar nichts, ich 
mußte ihm dreihundert Mark leihen, damit er nur nach 
Wsrvpa zurück konnte. Und von deni Geld hat er mir 
mtt hundertundfünfzig Mark zurückgezahlt, sehen Sie." 
„Das war nicht recht von ihm," gab Berger höflich zu. 
«Sr hatte genug. Ihnen alles zurückzugeben. Vielleicht 
zlaubte er, daß Sie es nicht nötig hatten —7" 
„Was, nicht nötig hatten! Er wußte, wie schwer es 
mir wurde, nur meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das 
ist j« eben seine Schlechtigkeit, sehen Sie." 
„In der Tat! Ich hätte es nicht geglaubt. Ihr Bruder 
«erfügte über große Mittel, und das Geschäft, das ich mit 
ihm hatte, hätte ihm eine hübsche Summe eingebracht. 
Wirklich, Herr Martens, ich war befugt, ihm einen Scheck 
.über hunderttausend Mark auszuhändigen." 
Martens würd leichenblaß. 
„Hunderttausend Mark!" stammelte er. „Für was?" 
Für was?" 
„Ihr Bruder," sagte der Rechtsanwalt ruhig, „befand 
sich im Besitz von Papieren, die meinem Mandanten so viel 
§t«d vielleicht noch mehr wert waren." 
„Und wo sind sie jetzt? Wo sind diese Papiere?" 
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß mein Klient 
Ihnen vielleicht, nein, wahrscheinlich das gleiche Angebot 
m«chen würde, wenn Sie etwa die Papiere besäßen." 
„Papiere! Papiere!" schrie Martens und wand sich 
färmlich vor Aufregung. „Was sind das für geheimnis- 
moüe Papiere? Aktien, oder was sonst?" 
„Darüber kann ich Ihnen zu meinem Bedauern keine 
Sluskunft geben, aus dein einfachen Grunde, weil ich-selbst 
«Echt darüber unterrichtet bin," erwiderte der Rechtsanwalt 
zurückhaltend. „Ich hatte den Auftrag, mir die Papiere 
»»n Ihrem Herrn Bruder vorlegen zu lassen, meinen 
Menten von ihrer Beschaffenheit in Kenntnis zu setzen 
sie dann eventuell für die angegebene Summe zu er» 
M«cher» Ich weiß nur, daß Ihr Herr Bruder zögerte, sie 
¥mCy Mitten Kaufpreis auszuhändigen, vorgeblich. 
niffe sorgt, ihr aber noch nie einen Pfennig Cittschädigung 
für ihre hingebende Tätigkeit gezahlt ha!. ,Du erhältst 
alles tansendjach nach meinem Hinscheiden', pflegt sie zu 
sagen, ,unb die paar Monate, die bis dahin noch ver 
gehen, wirst du dich wohl gedulden können.' Was bleibt 
uns also anders übrig» als in Ergebung zu warten! 
Lange kann es nun ja auf keinen Fall mehr dauern." 
In langen Zwikchenräuinen begegnete ich auch in der 
Folge meinem Freunde Gustav noch da und üvrt, und 
ich sah mit Bedauern, daß er sehr frühzeitig zu altern 
anflng. Seine Haltung wurde gebeugt, und das Haar an 
seinen Schläfen begann zu crgranen. Er zeigte sich etwas 
verlegen, wenn er meiner ansichtig wurde, und war mir 
offenbar dankbar, daß ich cs vermied, nach seiner Ver 
lobten und nach Tante Ieitchcns Eesiindhettszi,stand zu 
fragen. Einmal aber — unsere Schulzeit lag wohl schon 
um gut zwanzig Jahre hinter uns — jiug er selbst davon 
zu sprechen an. 
„Wundere dich nicht, mein Aller," rief cr mir in sehr 
aufgeräumter Stimmung zu, „wenn du in acht oder gehn 
Wochen eine Einladung zu meiner Hochzeit erhältst! Wir 
stehen endlich dicht var dem Ziel." 
„Meinen herzlichsten Glückwunsch l Die gute Tante 
Iettchen hat sich also doch einmal entschlossen, das Zeit 
liche zu segnen?" 
„Noch nicht! Aber ihr Zustand ist hoffnungslos. 
Seit fünf Nächten schon weicht Käthe nicht für eine Viertel 
stunde von ihrem Lager, lind das arme Mädchen ist nur 
noch ein Schatten. Ich werde genug zu tun haben, sie 
nach unserer Trauung wieder hcrauszupflegen. Aber sie 
soll für etwas verlorene Jugend entschädigt werden, 
das habe ich ihr und mir heilig gelobt. Wenn uns auch 
nicht mehr die überschwenglichen Seligkeiten winken, auf 
die wir vor zehn oder fünfzehn Jahren hätten hoffen 
dürfen — es wird uns doch wie ein Leben im Himmel 
vorkommen nach all dem Sehnsiichtsjammer, £>eu wir 
hinter uns haben." 
«lind du bist wirklich überzeugt, daß Tante Iettchens 
Zustand ganz hoffnungslos ist?" 
„In, diesmal wird es Ernst. Wir haben auf Käthes 
Drängen noch einen zweiten Arzt zugezogen: denn sie 
will ihr Gewissen nicht mit dem Vorwurf belaste», irgend 
etwas versäumt zu habe», was zu Tanis Iettchens Rettung 
hätte geschehen können. Und auch er ist der Meinung, 
daß es sich nur noch um Stunden, höchstens um Tage 
handeln könne. — In längstens zehn Wochen also, mein 
aller Junge! Es wird natürlich der Trauer wegen nur 
eine ganz stille Hochzeit werden. Eine Absage aber wird 
nicht angenommen. Ich hab's meiner Käthe schon gesagt: 
Der Gerd muh dabei fein; wäre cs auch nur, damit du 
aus seinem Munde hören kannst, wie heiß und innig ich 
dich schon als Pennäler geliebt habe." * 
_ Natürlich versprach ich's mit Freuden, der Einladung 
Folge zu leisten. Aber ich erwartete sie vergebens. 
Wochen, Monate und Jahre vergingen, ohne daß ich von 
meinem Freunde Gustav gehört hätte. Und ich gestehe, 
daß ich ihn und seine trübselige Herzensgcschichts vergessen 
hatt», als ich inich eines Tages von einem Herrn ange 
halten sah, den im sehr genau ansehen mußte, che ich den 
alten Schulkameraden in ihm erkannte. Er war ganz 
grau geworden, sein Gesicht war eingefallen und ver 
grämt; mit seinen fünfundvierzig Jahren hatte er fast 
schon das Aeußere eines Greifes. 
„Was ist mit dir, Snstav?" ftagte ich nach dem ersten 
Händedruck. „Warst du krank?" 
„Nein, --'Lentlich krank war ich wohl nicht, wenn ich 
auch nicht l-.-paiipten möchte, daß ich mich einer blühenden 
Gesundheit erfreue. Aber meine Braut ist vor einem halben 
Jahre gesicrben. Da; Leben in Tante Jrttchens- Hanse 
hat sie langsam zerrieben." 
Selten batte mich eine Tranerftrnde so tief erschüttert 
wie diese. Es siel mir schwer, tröstende Worte zu finden. 
Mit einem traurigen Kopfnicken nahm Gustav sie entgegen. 
„Ja. Es war das 5:ärtoste, was mich auf dieser 
Erde treffen tan nie — nach all dem laugen geduldigen 
Worten." 
weil sic ivm euir Rente einbrächten, die weit grdßer wäre 
als die Zinsen des von mir offerierten Kapitals." 
„Aber wie, in aller Welt, soll ich diese Papiere finden, 
wenn ich nicht einmal weiß, welchrr Natur sir waren?" 
Berger zuckte die Achseln. 
„Gewiß, cs hat seine Schwierigkeiten," gab er zu» 
„Aber ich vermag Ihnen leider nicht zu helfen." 
„Sie könnten es," schrie Martens erbost. „Ihr Man 
dant würde Ihnen sicherlich mitteilen, um was für Papiere 
es sich handelt, wenn Sie ihm sagten, daß er damit ihre 
Hcrbeischaffung erleichtern würde." 
Der Rechtsanwalt wiegte den Kopf. 
„Ich glaube kaum," erwiderte er. „Ich bin sogar so 
gut wie sicher, daß mein Klient Ihnen die Auskunft ver 
weigern würde. Diese Papiere sind sehr diskreter Natur. 
Ihr Herr Bruder wußte augenscheinlich sehr geschickt Ge 
brauch von ihnen zu machen, freilich, es kostete ihm das 
Leben, aber seine Gefahren hat am Ende jedes Geschäft." 
Martens taumelte zurück, als hätte er einen Schlag 
bekommen. Heinz aber, der sich bis dahin schweigend ver 
halten und lediglich auf di« Roll« des Zuhörers beschränkt 
hatte, sprang heftig auf. 
„Sie glauben also, daß Martens dieser Papiere wegen 
ermordet worden ist?* fragte er atemlos. 
Der Rechtsanwalt schien sich gleichsam noch mehr in 
sich zurückzuziehen. 
„Ich glaube nichts," sagte er abwehrend. „Ich ziehe 
mir meine Schlüsse, wie jeder andere seine Schlüsse ziehen 
würde. Ich kann offen mit Ihnen reden. Sie sehen, Otto 
Martens hatte ein Jahreseinkommen von vierundzwanzig- 
tansend Mark. Ich vermute nicht nur, daß er es dem 
Besitz der Papiere verdankte, sondern ich weiß es; denn 
als ich ihm mein Angebot machte, erklärte er mir, daß er 
augenblicklich weit mehr Kapital aus den Papieren schlüge. 
Run sehen Sie, das Geld wurde ihm von jemandein ge 
zahlt, für den die Papiere ebenfalls großen Wert hatten 
und der meinem Mandanten entgegen war. Wie großen 
Wert die Papiere für diesen anderen hatten, ersehen Sie 
ja schon aus den enormem Summen, die er ihrem Besitzer 
zahlte, nur bannt Martcns sie nicht an uns verkaufte. Nun 
will Martens das aber doch tun, beim cr war zuletzt sehr 
geneigt, es zu tun, die Gegenpartei hat möglicherweise 
Kenntnis davon bekoiinnen, und — in der Nacht, wo er 
. endgültig mit mir abschließen will, wird Otto Martens er 
mordet." 
Man mußte sehr schwerfällig sein, ihn nicht zu »er 
stehen. Und Heinz fragte langsam: 
' . «Der kurze Sinn Ihrer Worte ist, daß nach Ihrer 
„Ihr wart also noch immer nicht verheiratet?* 
„Wie hätten wir heiraten können, da doch Tank? 
Iettchen noch immer am Leben ist! Die Aerzte hatten 
sich damals, als ich dir von unserer bevorstehenden Hoch 
zeit sprach, ebenso geirrt, wie sie sich nachher nach manev» 
mal geirrt haben, als sie an dem vermeintlichen Sterbe 
bett der alten Dame standen. Es muß etwas wundei» 
fam Lebenerhaltsndcs in ihrer unheilbaren Krankheit 
liegen." 
„Aber sie muß doch nachgerade an die achtzig Jahrs 
alt sein." 
„Ueber achtzig. Die Zahl dcr Jahre aber tut ihrer 
geistigen Frische keinen Abbruch. Ich muß fast meine 
ganze freie Zeit bei ihr zubringen, um ihr vorzulesen, 
oder vielmehr varzujchreien, denn sie ist beinahe taub. 
Wenn ich stockheiser bi», spielen wir dann ein paar 
Dutzend Partien Sechsundsechzig miteinander. Und ich 
muß gut auspassen, daß sie immer gewinnt: denn wenn 
sie nicht täglich mindestens ihre tünszig Pfennige von mir 
einheimst, miste sie imstande, mich zu enterben." 
„So wird dir wenigstens ihr Vermögen zufallen, 
wenn sie stiebt?" 
„Ja. Sie bat nach Käthes Tode ein iteues Testapient 
zu meinen Gunsten gemacht. Sie sah seihst ein, das; sie 
mir diese Entschädigung für mein zerstörtes Leben-glück 
schuldig sei." 
Es war meine letzte Begegnung mit Gustav Hopps 
gewesen. Anderthalb Jahre später las ich in der Zeitung 
eine unscheinbare kleine Anzeige, die sein'Ableben meldete. 
Ich ließ mir's nicht nehmen, ihm die letzte Ehre zu er 
weisen, und seine Beerdigung war genau so a.'.nsrlig, 
wie es fein Leben gewesen war. 
Tante Iettchen batte nicht einmal einen Kranz ge 
schickt. Vor wenig Wochen aber beging sie, wie ich zu 
fällig erfuhr, in voller geistiger Frische ihren fünfund» 
achtzigsten Geburtstag. 
AufmU 
ES ist nicht genug, daß inan Steuern zahlt. Es ist nicht ge 
nug ,daß man wählt. Es ist nicht genug, daß man seine .Kinder 
erzieht zu brauchbaren, tüchtigen Menschen. ES reicht nicht, all 
das. Wer nur das leistet für sein Volk, tut kaum seine Pflicht. 
Es ist nicht genug, daß mau kämpft für sein Land. Es ist nichtze- 
nug, daß man blutet. Auch das ist noch zu wenig. Wcr das tut, 
Int nicht.mehr als seine Pflicht. Wichtig, Nötig ist, was uns heute 
so fremd scheint: gern opfern, gern geben, freudig mehr tun, als 
gefordert wird, — treu sein. Ihr alle, die ihr zetert über den 
Gewaltsriedeu, was tut ihr denn, ihn zu mildern? Die ihr schel 
tend steht vor der neuen Karte des kleinen Deutschlands, was tut 
ihr, zu erhalten, was noch zu retten ist? Die ihr demonstier» 
gegen die Kohlennot, was tut ihr, unS die Kohle Oberschlesiens 
zu sichern? Die ihr jammert über den Mangel an Nahrungs 
mitteln, wo ist euer Wille, die Kornkammern Ost- und West 
preußens zu erhalten? Ihr braucht nicht untätig zuzusehen! 
Mancher von euch weiß eine», der mitstimmcn würde für Deutsch 
land, wenn er hingehen könnte, seine Stimme abzugeben. Helft 
ihm! Die Reise kostet Geld, das er nicht hat, fordert Wohnung 
und Nahrung für die Zeit seines Aufenthaltes im Abstimmungs 
gebiet. Mit seiner Stimme gibt er vielleicht den Ausschlag, und 
Tausende, die ihr Jahre hindurch für Stenern und Lebensmittel 
anlegen müßtet, spart euch diese eine Reise. Ihr wißt keinen? 
Wir wissen Viermalhnnderttansend, die freudig gingen, für 
Deutschland zu stimmen, wenn sie könnten! Ucbcrschlagt, was cs 
kostet, wenn von eurem Wohnsitz ans einer nach Schleswig-Hol 
stein reisen muß, nach Oberschlesicn oder Ostpreußen!'Rechnet 
eine Woche Ausenthalt, damit ihr nicht zu knapp rechnet! Dann 
nehmt das Geld und gebt es der „Grcnz-Spende"! Dann wißt 
ihr, daß ihr einem den Weg ins Abstimmungsgebiet geöffnet 
habt. Und gebt iiicht nur, weil's euer Vorteil ist — gibt willig, 
ebt gern! Seid ihnen treu, wie sie euch treu sein werden, wenn 
ie bange Frage tot: Deutscher oder Pole? 
Grenz-Spende 
für den Hauptausschnß: C. Fehrenbach, Präsident der National- 
»ersammlung, Ehrenvorsitzender der Grenz-Spende; für den Fi 
nanzausschuß: Franz ». Mendelssohn, Präsident dcr Berliner 
Handelskammer, erster Schatzmeister der Grenz-Spende; Eduard 
Arnhold, Geh. Kommerzienrat, zweiter Schatzmeister der Grenz- 
Spende; für den Pressedienst: Dr. Faber, Vorsitzender des Vereins 
deutscher Zeitungsverleger; für den Ausschuß für Kunst und 
Wissenschaft: Gerhart Hauptmann. 
Annahmestelle: Friedcnaner Lokal-Anzeiger, Rheinstr. 15. 
Meinung diese mysteriöse Gegenpartei die Schuld an dem 
Tode Martens tragen soll?!" 
Der Rechtsanwalt zog die Schultern hoch. 
„Es scheint nicht unmöglich," gab er zu. 
„Und daß diese Gegenpartei bei dieser Gelegenheit die 
Papiere gestohlen hat?" 
„Auch das scheint nicht unmöglich. Aber die Wahrheit 
ist, Herr Hollfelden, daß ich es nicht glaube. Ich meine 
nämlich, es ist bei dem Versuch dazu geblieben, in Wirk 
lichkeit sind die Papiere in die Hände irgendeines anderen 
findigen Kopfes übergegangen." 
Die Adern an Holifeldens Schläfen schwollen hoch an. 
Dicht trat er an den Rechtsanwalt heran. 
„Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Berger," sagte er 
beherrscht. „Sie belieben sich in eine Wolke von Rätseln 
zu hüllen, hüten Sie sich, daß diese Wolke Ihnen nicht 
selbst am Ende den Blick benimmt und Sie unversehens in 
einen Abgrund stürzen läßt. Sie scheinen ganz zu ver 
gessen, daß wir im zwanzigsten Jahrhundert leben und 
daß die Polizei heute mit anderen Mitteln arbeiten kann 
wie früher. Es wird ihr ohne Zweifel gelingen, den Zu 
sammenhang der rätselhaften Geschichte mit den Papieren 
aufzudecken, und ich fürchte sehr, daß Sie dann in eine sehr 
unangenehme Situation geraten könnten." 
„Jawohl," fuhr Martens rasch dazwischen, „Sie müssen 
sprechen, jetzt schon, sehen Sie. Man wird Sie zwingen, 
zu sagen, was das für Papiere gewesen sind." 
Der Rechtsanwalt sah gelaffen von einem zum anderen, 
wandte sich aber mit seiner Erwiderung direkt an Heinz. 
„Ich sagte Ihnen damals schon, daß ich auf der Polizei 
gewesen bin," sagte er kalt. „Meinen Sie wirtlich, daß 
ich mich ohne Not einer Gefahr aussetzen werde? Ich 
habe vor Gericht deponiert, was ich von den Papieren 
weiß, das ist um nichts mehr und um nichts weniger, als 
was ich Ihnen gesagt habe: 
Ich kenne den Namen der Gegenpartei nicht und nicht 
den Charakter der Papiere; ich weiß nur, daß ich im Auf 
träge eines Mandanten, den ich meiner Verschwiegenheits 
pflicht als Rechtsanwalt wegen nicht nennen darf, von 
Herrn Otto Martens gewisse Dokumente kaufen sollte, die 
mir vorher vorzulegen" waren. Ein einfaches Geschäft, das 
nichts Strafwürdiges enthält, wie Sie wohl selbst einsehen 
werden. Alles übrige waren lediglich Vermutungen von 
mir, die für die Angelegenheit nicht mehr Bedeutung haben 
als die Vermutungen jedes anderen Menschen." 
Martens fuhr auf ihn los und fuchtelte erregt mit den 
Händen vor seinem Gesicht herum. 
jMxtfttzuNg folfltl
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.