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Periodical volume Nr. 80, 12.04.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

schlage des Ausschusses, den Verein nicht eintragen zu 
lassen, wurde doch fast einstimmig die Eintragung be 
schlossen. Ueber die Zwecke und Ziele der Volkshausgtz- 
meinde gibt.§ 1 der Satzungen Auskunft, den wir hiev 
im Wortlaut wiedergeben: „Die Volkshausgemeinde Ber 
lin-Friedenau ist ein eingetragener Verein und soll als' 
Mittelpunkt edler Geselligkeit, als Sammelstättc des ört 
lichen Bolksbildungswesens, der Volkserziehung und Wohl 
fahrtsarbeit, der Jugendpflege und Jugendbewegung, Män 
ner und Frauen aller Stände, Berufe und Parteien, 
jung und alt, zu gemeinsamer Arbeit an ihrer körper-l 
liehen, seelischen und geistigen Bildung vereinen. Sie soll 
insbesondere Heimstätte einer umfassenden und tiefdringen 
den Kulturarbeit sein und zur Durchgeistigung des öffent 
lichen Lebens beitragen. Für ihre Zwecke erstrebt sie 
die Errichtung eines Volkshauses. Um das Volkshäus zu 
schaffen und mit dem Geiste der Volksgemeinschaft zu 
erfüllen, erstrebt die Bolkshausgeineinde Berlin-Friedenau 
ein gemeinsames Vorgehen aller gleichgerichteten Kör 
perschaften, Vereinigungen und Einzelpersonen im Zu 
sammenarbeiten mit der Gemeindevertretung am Orte." 
In der nun folgenden Vorstandswahl wurde Herr Bank 
direktor Thomsberger zum Vorsitzenden gewählt. Fer 
ner .gehören dem Vorstande folgende Damen und Herren 
an: Baurat Altmann, Gemeindeobersekretär Borck, Frau 
Diederich, Oberlehrer Dr. Falke, Architekt Geilgcns, Ly- 
zcaldirekt. Hannemann, Gewerkschaftsbeamter Kamrowski, 
Frau Bäckermeister Müller, Frau Geheimrat Paalzow, 
Architekt Prömmel, Bürobeamter Rudbeck, Rektor Schild 
berg, Assistent Schnelle, Handelsschullchrerin Frl. Schütze,, 
Frau Thomsberger und Kanzleisekretär Würtz, Der Vor 
sitzende machte dann die Mitteilung, daß zuerst an die 
Verwirklichung der Errichtung einer Lesehalle gegangen 
werden soll. Es bestehe die Aussicht, den hierfür geeig 
neten Raum zu bekommen. Zur Vorberatung der Ange 
legenheit wurde ein Ausschuß eingesetzt, dem angehören 
dir Bibliothekarin Frau Wichmann und die Bibliothekare 
Herr Geheimrat Paalzow und Herr Prof. Beß. Um eine rege 
Werbetätigkeit zu entfalten, wurde ein Werbeausschuß ein 
gesetzt und beschlossen, Friedenau in mehrere Bezirke ein 
zuteilen. Obleute, die die Leitung solcher Bezirke über 
nehmen wollen, werden gebeten, ihre Anschriften an Herrn 
Assistent Schnelle, Rathaus, gelangen zu lassen. 
o Gegen die Höchstmictenvcrordnung. In einer zahl 
reich besuchten Delegiertenversammlung des Bundcsder 
Berliner Hauswirte wurde die folgende Ent 
schließung angenommen: „Die versammelten Delegierten 
des Groß-Bcrliner Hausbcsitzcs, die über 27 000 vrgantz- 
sierte Grundbesitzer vertreten, nehmen mit großer Ent 
rüstung davon Kenntnis, daß die von der Sachverstän 
digenkommission des - Bezirksausschusses Potsdam am 7. 
d. Mts. beschlossene Höchstmiete unter Verletzung gesetz 
licher Vorschriften festgesetzt worden ist. Diese Rechtsver 
letzung ist um so schwerwiegender, als die festgesetztes 
Hüchstmiete den wirtschaftlichen Bedürfnissen des'Groß- 
Berlincr Hausbesitzes in keiner Weise gerecht wird. Dia 
mit dem 1. April eingetretene neue Erhöhung der öffent 
lichen Lasten beträgt allein etwa 15 v. H., zu denen 
'die bis zum 31. März d. Js. amtlich festgestellten Er 
höhungen der öffentlichen Lasten von 20 v. H. kommt. 
Die Berliner Hauswirte, richten haher an den Minister 
für Volkswohlsahrt und an den Wohnungsvcrband Groß- 
Berlin die dringende Bitte, unverzüglich geeignete Schritte 
zu tun, durcb die der ungesetzliche Zustand beseitigt wird. 
Sollte dies wider Erwarten nicht geschehen, so werden 
die Berliner Hausbesitzer jedes ihnen geeignet erscheinende 
Mittel anwenden, um ihr gutes Recht zu suchen. Sie 
werden ihre Stellungnahme in einer allgemeinen Versamm 
lung demnächst kundtun." 
o Zusammenschluß demokratischier Offiziere. Haupt 
mann a. D., Willy Meyer, Charlottenburg 9, Reichs 
straße 103—4, wendet sich in einem Aufruf an die Offi 
ziere, die durch die Ereignisse des Krieges und der ihm 
folgenden Jahre zu einer demokratischen Ueberzeugung 
gekommen sind. Er bittet um "Zuschriften auf diesem 
Standpunkte stehender Offiziere jeden Ranges; Aussprache 
Und Zusammenschluß der Gleichgesinnten .soll dann folgen. 
o Jriedenaucr Volkshochschule. Als Abschluß ihrer 
Winterarbeit 1919—20 veranstaltet die Volkshochschule 
Friedenau am 17. April bis 2. Mai eine großangelegte 
Volkshochschulwoche, die den Mitbürgern Unterhaltung, 
Belehrung und Erhebung bieten soll. Den Auftakt bilden 
die Unterhaltungsstunden. Am Sonnabend, den 17. bietet 
ein Unterhaltungsnachmittag um 5 Uhr in der Aula der 
3. Gemeindeschule unsern Kinder „Allerlei Kurzweil für 
kleine Leut." Eintrittskärten zu 50 Pfg. sind für Ge 
meindeschüler in den 3 Schulen bei den. Herrn Lehrern, 
für andere Schüler bei Frau Bäckermeister Müller; Friedr.- 
Wilh.-Pl. 6, für alle aber auch am Saaleingang zu häbeiu 
Am Sonntag, den 18.,, abends 71/2 Uhr, großer Unter 
haltungsabend in der Aula der 3. Gcm.-Schule. Die reich 
ausgcsttatete, auf dem Gebiete der Musik, der Vortrags 
kunst und bildlicher Darstellung mannigfaltige Genüsse 
verheißende Vortragsfolge als Eintrittskarte zu 1,50 M. 
ist im Vorverkauf bei Kossakowski Nachs., Schmargendor- 
fer Straße, und an der Abendkasse zu haben. Eine kleine 
Aenderung der Vortragsfolge ist insofern eingetreten, als 
an Stelle des unterdes verzogenen Herrn Tr. Palmedo 
der den Friedenauern von früherem Auftreten in ange 
nehmster Erinnerung stehende Herr Ingenieur Toni Boeg- 
ner Lieder zur Laute singen wird. Den Hauptinhalt der 
Woche bilden 8 Vorträge beliebter Dozenten der Volks 
hochschule im Gymnasium am Maybachplatz, abends 8 Uhr: 
Montag, den 19., Prof. Tr. Dütsche: Goethe und Karl 
August; Dienstag, den 20., Oberlehrer Diehl: Stellung 
des Christentums zu Staat und Politik; Donnerstag, 
den 22., Prof. Tr. Riem: Das Leben im Weltall (mit 
Lichtbildern); Freitag, den 23., Dr. Büsing: Philosophie 
und Kunst; Montag, dest 26., Oberlehrer Dr. Anders: 
Flandern (mit Lichtbildern); Dienstag, den 27., Ober 
lehrer Dr. Dreyheus: Ein Versuch zur Beurteilung un 
serer Zeit; Donnerstag, den 29., Fräulein G. Reelsen: 
Durch Berlin mit Schlüter,.Schadvw, Schinkel (mit Licht 
bildern); Freitag, den 30., Tr. Just: Die Lehre vom 
Leben, ihre Ziele und Wege (mit Lichtbildern). Ein 
trittskarten zu 1,50 M. sind am Saaleingang zu haben. 
Auch werden übertragbare Sammelkartcu ausgegeben zu 
10 M., die zum Besuch aller Vorträge berechtigen. Den 
Abschluß der Volkshochschulwoche bildet das mit Spannung 
erwartete Konzert des Volkshochschulchors unter Leitung 
des Herrn Oberlehrers Dr. Wölffel. Näheres über Ort 
und Zeit wird noch bekannt gegeben. 
0 Die Geschicchtskrankheiteu und ihre Folgen. Von 
der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts 
krankheiten ist jetzt im .Verein mit der Kulturabtcilung 
der Ufa ein Film hergestellt worden, der in wissen-« 
schaftlicher, dabei aber allgemein verständlicher Weise die 
Erreger der Geschlechtskrankheiten, ihre Einwanderung in 
den Körper, und die dort angerichteten Schädigungen 
zeigt. Der Film steht in wohltuendem Gegensatz zu den 
sogenannten Aufklärungssilmen. Er ivird mit Unter 
stützung der städtischen und staatlichen Behörden und der 
Allgemeinen Ortskrankenkassc Steglitz am 15. and 16. 
April in je zwei Vorführungen nachmittags 5 und abends 
71/2 Uhr im großen Saal des Schloßparkrestaurants Steg 
litz vorgeführt werden. Besonderes Interesse wird es er 
wecken, daß diese Vorführungen bei Tageslicht ohne 
Verdunkelung stattfinden werden unter Benutzung der durch 
die Deutsche Laudlichtspiclgesellschaft hergestellten „Perlen 
tageswand". Die Vorführungen sind besonders für El 
tern und diejenigen, denen die Fürsorge der Jugend an 
vertraut ist, bestimmt. Sie werden jedesmal durch einen 
auf dem Gebiete besonders bewanderten Arzt erläutert 
werden. 
0 Tie Ortsgruppe Groß-Berlin des Bundes für Vogel 
schutz hielt letzten Mittwoch Abend im Bankettsaale des 
„Rheingold" ihre diesjährige Hauptversammlung ab. Rach 
Begrüßung der Mitglieder und Gäste und kleineren Mit-« 
teilungen erstattete der Vorsitzende, Perr Dr. Helfer, den 
Jahresbericht, der wiederum trotz der ungünstigen Zeit- 
verhältnisse auf eine gesunde Entwicklung schließen ließ. 
Die Mitgliedcrzahl hat sich im letzten Jahre weiter um 
etwa 100 auf 1318 erhöht. An den 9 ornithologischeir 
Spaziergängen 1919 haben sich 382 Personen beteiligt. 
Herr Linke gab einen Auszug des Kassenberichts, worauf 
ihm Entlastung erteilt wurdeO Fräulein Melusine Rudorfs 
scheidet infolge Uebcrsiedlung nach Bielefeld als -Schrift 
führerin der Ortsgruppe aus. An ihre Stelle wurde der 
bisherige 2. Schriftführer Dr. Lamprecht zum 1., ferner 
Dr. von Schuckmann zum 2. Schriftführer gewählt. Als 
neue Beisitzer traten Fräulein A. Matthias-Lichterfelde, 
sowie die Herren Fr. Freyer-Lichterfelde und Georg E. F.: 
Schulz-Friedenau in den Vorstand ein. — Im weiteren 
Verlauf der Versammlung erteilte der Vorsitzende Herrn 
Hermann Hühnle-Stuttgart das Wort zu seinem Vortrage 
„Urkunden der Natur". Hierunter versteht man Muf- 
nahmen, tvelche in urkundlicher Treue 'die Natur festhalten 
ohne jegliche Beeinflussung durch den Menschen. Es 
scheiden also dadurch alle Aufnahmen von gefangenen, 
kranken, verletzten us>v. Tieren bezw. Pflanzen aus. Redner 
erwähnte, daß der Bund für Vogelschutz als erster Kmo-- 
aufuahmen von freilebenden Vögeln, die erste farbige Aus 
nahme nach dem Autochrom- wie nach dem Ufachromver 
fahren gemacht habe. Der neueste Fortschritt bestehe darm,- 
daß der Bund jetzt Kinoaufnahmen aus beliebiger Ent 
fernung machen könne. Eine 'Aufnahme von freilebenden 
Gemsen bewies, daß diese Tiere ohne jegliche Kenntnis der 
Aufnahme sich vollkommen unbefangen zeigten. Des 
gleichen überraschten die Aufnahmen von Rehen und 
Murmeltieren durch die fabelhafte Naturtreue. Tie 
Schwierigkeit solcher Aufnahmen wurde klar durch eine - 
Anfnahine, bei der die Opcra'teurin 150 Meter hoch frei 
durch die Luft gelassen werden mußte, um eine Felsen 
schwalbe aufzunehmen. Aufnahmen der seltenen Lachsee 
schwalbe, einer Jgelfamilie, von Insekten an.Blumen und 
andere mehr beschlossen die hochinteressanten Vorführungen, 
für die Herrn Höhnte reichster Beifall gezollt wurde. Noch 
mals die Bedeutung der Naturkunden und insbesondere der 
Hähnleschcn Arbeiten hervorhebend, schloß Herr Dr. Helfer 
die.stark besuchte Versammlung. 
0 Ortsverein Berlin-Friedenau des Verbandes Teut 
scher Post- und Telegraph:nbeamten. Tie ordentliche. Ge 
neralversammlung am 7. April in der „Kaiserburg" war 
von. etwa 70 Mitgliedern besucht. Nachdem vom Vor 
sitzenden, Obersekretär Schönfeld, erstatteten Geschäfts 
bericht betrügt der Mitgliederbestand 163. Aus dem Bericht 
des Kassierers. Oberpostassistent Noack, ist hervorzuheben, 
daßlam Schluß des Geschäftsjahres ein Vermögen von rund 
600 M. vorhanden war. Auf Vorschlag des Nechnungs- 
führcrs Pvstsekretär Abraham, wurde die Entlastung er 
teilt. Der Voranschlag für das neue Geschäftsjahr schließt 
in Einnahme und Ausgabe mit 1630 M. ab. Die unter 
Leitung des Attersvorsitzcnden, Postsekretär Schneider, 
vorgenommene Wahl ergab die Wiederwahl aller Bor- 
imnvsmltgredrer, uct isd> hiernach ans folgenden Herren 
zusammensetzt: Schönseld l., Poskc 2. Dorf., Mackeprang 
1., Hanelt 2. Schriftführer, Noack 1. Kassierer, Helm, 
Tenter, Beisitzer, Abraham, Westphalen, Rechnungsprüfer, 
Wobnik, Familicnbeirat. Als stellv. Kassierer wurde Ober- 
Tel.-Ass. Wasgien neugewählt. Tic Besprechung der Post 
personalreform führte zu einer lebhaften Aussprache ir.mf 
ergab heftige Zusammenstöße, weit keine Klasse ihre Wünsch» 
voll in Erfüllung gehen sieht. Die nachdrückliche Weiter- 
verfolgung der Interessen durch den Vcrbandsvorstand 
wurde von der Versammlung gefordert. In der Streitfrage 
geht der einmütige Wille dahin, den Postverband und den 
BePntenbund von politischen Streiks und von politischer 
Betätigung künftig unter allen Uniständen fernzuhalten. 
In einer besonderen Versamnllung wird diese Frage noch 
mals geklärt werden. Als Vertreter zum Bezirkstage wur 
den entsandt die Herren Schönfeld, Poske, Abrahanr, Noack, 
Wasgien und Stengel. Hinsichtlich der Urlaubsregelung 
bemängelte man, daß die Postaushelfer und die weiblichen 
Beamten günstiger gestellt sind, als die Beamten. Mit 
einer Aufforderung zu reger Beteiligung an dem Famüien- 
abend am 10. April in Dahlem schloß der Vorsitzerrde 
nach Eintritt 'der Polizeistunde die Sitzung. Die für den, 
21. April angekündigte Sitzung fällt aus, 
0 I» der öffentlichen Versammlung der hiesige« ,Uck- 
abhängigei» Partei, die am Freitag im Fcstsaal dK Re- 
formrealgymnaslilms stattfand, und die von über 1000 Per 
sonen besucht war, sprach Dr. Kurt Rosen seid über 
die politische Lage. Er behandelte zunächst in längeren 
Ausführungen den Kapp-Putsch und seine Bekämpfung. 
Diese Macht, die sich auf das Mlitär stützte, wurde ge 
brochen durch die Einigkeit der gesamten Arbeiterschaft im 
Generalstreik. Er wandte sich gegen die Regierung Bauer, 
die ebenso nach Stuttgart geflüchtet sei, wie s. Zt. Wil 
helm II. nach Holland. Noske mußte hier bteibcn und 
Berlin am Brandenburger Tor verteidigen (Heiterkeit^ 
Nachdem die Regierung Kapp erledigt war, wollte die 
alte Negierung Bauer wieder in der alten Weise weiter 
bestehen bleiben/ Hier war es ein Verdienst der Unab 
hängigen, daß es zur Auflösung und Umbildung der Ne 
gierung kanr. Allerdings sei diese neue Regierung auch 
nichts anderes wie die vorherige. Dieselben Koalitions- 
Parteien bilden sie. Er sprach gegen die Militärherrschaft 
und gegen General v. Secckt, behandelte auch die Vorgänge 
im Ruhrrevier und meinte, daß die gesamte Arbeiterschaft 
den Bergarbeitern im Ruhrgcbict Dank schulde,, daß sic 
durch ihr mannhaftes Auftreten die Reaktion verhindert 
/hätten. Richtig sei cs gewesen, den Streik abzubrechen, 
als die Hauptforderungen der Gewerkschaften erfüllt waren. 
Es müsse aber dafür gesorgt werden, daß diese Forderungen 
nun auch durchgesetzt werden und hier mache die Regierung 
der Verachtung durchklingcn zu lassen, vle er sllr ven an 
dern empfand. - 
Aber Herr Paul Martens schlug sich in zornigster Er 
regung auf das Knie. 
„Ja, sehen Sie, sehen Sie, Herr!" sagte er. „Darauf 
will ich ja eben kommen. Die Polizei hat ein Verzeichnis 
der vorgefundenen Sachen aufgenommen, und ich habe 
noch einmal alles nachgesehen. Nicht ganz dreihundert 
Mark in barem Gelde — eine Unmenge Kleider, alles 
vom ersten Schneider, Stiefel, daß man ein Geschäft da 
mit aufmachen könnte, der Himmel weiß, was er dafür 
ausgegeben haben muß! Alte Rechnungen über die un 
sinnigsten Sachen, Gott sei Dank, alles bezahlt, Photo 
graphien schöner Damen, die der Kuckuck holen soll, Liebes- 
briefchen, er muß gelebt haben wie ein Pascha l Wie ein 
Pascha! 
„Nun, sehen Sie hier —■“ 
Er sprang auf und brachte mit zitternden Händen ein 
Notizbuch zum Vorschein. 
„Da hat er seine Ausgaben und Einnahmen gebucht. 
Sehen Sie. hier —" er blätterte eine SAte auf — „dritten 
Oktober, eingenommen: sechstausend Mark. Dann kommen 
eine Unmenge Ausgaben, durch drei Monateer blätterte 
weiter — „dann hier wieder: zweiten Januar, einge- 
nommen: sechstausend Mark. Wieder Ausgaben, und hier 
wieder: vierten April, eingenommen: sechstausend Mark. 
Sechstausend, sechstausend, sechstausend, also achtzehn 
tausend Mark, Herr! Und er ging aus Südafrika mit 
dreihundert Mark in der Tasche, die er von mir geliehen 
hatte. Am dritten Oktober hat er die ersten sechstausend 
Mark bekommen, das ist also ungefähr fünf Wochen, nach 
dem er nach Berlin gekommen sein konnte. Und nach 
allem, was ich über ihn gehört habe, hat er niemals einen 
Strich getan. Keine Stunde, die er nicht seinem Ver 
gnügen gewidmet hätte. Und ich drüben habe manchmal 
vierzehn Stunden am Tage arbeiten müssen — für elenden 
Verdienst k Sagen Sie mir, sagen Sie mir, was das für 
ein Bruder war!" ' " 
er hat nicht recht gehandelt. Aber Sie 
weLtz^astuna ls fein Erbe auch fein Einkommen habe- " 
ich das?" schrie Paul Martens 
werde ich das? Das will ich ja gerade nngen. Ich habe 
sein Notizbuch, habe jeden Fetzen Papier in seiner Wohnung 
durchsucht, meinen Sie, -ich hätte herausgebracht, woher 
er das Geld hatte? Sechstausend Mark alle drei Monate, 
das hat er aufgeschrieben, aber woher, von wem er es 
bekommen hat, darüber keine Silbe! Schlagen Sie mich 
tot, wenn ich weiß, woher er das Ungeheure Einkommen 
hatte!" 
„Sind Sie bei einem Rechtsanwalt gewesen?" 
Martens machte eine verächtliche Handbewegung. 
„Was soll ich damit?" meinte er. „Für nichts und 
wieder nichts Kostenvorschub zahlen, den ich nicht einmal 
habe? Ein Rechtsanwalt ist auch nur ein Mensch und 
sieht nicht mehr wie andkre Menschen." 
„Ja, aber warum kamen Sie gerade zu mir?" 
„Sie haben doch meinen Bruder gekannt, und Sie 
haben ihn gefunden. Ich dachte, daß er Ihnen gegenüber 
vielleicht einmal etwas gesagt haben könnte, eine An 
deutung, die mir ein Fingergeio wäre —" 
„Ich muß bedauern. Ihnen da nicht dienen zu können. 
Meine Bekanntschaft mit Ihrem bedauernswerten Herrn 
Bruder beschränkt sich auf gelegentliches Grüßen. Und vor 
jener Nacht bin ich 'niemals zu seiner Wohnung hinauf 
gekommen." 
Tief enttäuscht sah der Besucher vor sich nieder. Da 
fragte Heinz nach einer kurzen Pause: 
„Hat ntcksi'Jhnen auf der Polizei nicht gesagt, wer es 
gewesen sei, der in jener Nacht bei mir antelephonierte? 
Sie sind doch jedenfalls über die Vorgänge selbst genau 
unterrichtet — ?" 
Paul Martens nickte. 
„Man hat mir gesagt, daß der Betreffende sich ge 
meldet hat, ein Rechtsanwalt, wenn ich nicht irre. Ich 
habe den Namen vergessen. Es ist ja auch für mich ohne 
Bedeutung." ^ ' 
Heinz sagte langsam, nachdenklich vor sich nieder 
sehend: , 
„Doch vielleicht nicht so, ganz, Herr Martens. Ich l 
elegenheit, ein paar Worte mit diesem Rechtsanwal 
selbst, wohl aber gerade über die Herkunft des Geldes, das. 
Ihr Herr Bruder —" 
Wie elektrisiert sprang Martens auf. Er ließ Holl- 
felden gar nicht aussprechen. Halb außer sich vor Er 
regung schrie er: 
„Ich bitte Sie, wenn es so ist, muß ich natürlich sofort 
zu dem Mann! Sehen Sie, ich dachte niir's gleich, baß 
L»e mir würden helfen können. Ich habe ein Gefühl für 
so etwas, wißen Sie. Berger heißt der Mann? Wissen 
aie vielleicht auch feine Adresse?<' 
„Allerdings. Aber ich bedauere, mit meiner Aeußerung 
*?.?}* lftgangen zu sein. Erinnern Sie sich, daß cs 
lediglich eine vielleicht irrige Vermutung von mir ist, und 
daß Sie sich keinesfalls darauf berufen dürfen." 
Seine kühle, abweisende Art ernüchterte den Mann 
b^was. Er setzte sich sogar wieder nieder. 
„Aber Sie begreifen, daß ich begierig zufasse, wo sich 
mir eine Hoffnung bietet! Und ich bitte Sie recht herzlich, 
versagen Sie mir Ihren Beistand nicht. Ich habe keine 
Bekannten hier in Berlin, niemanden, an den ich mich 
wenden könnte. Und die Verhältniffe sind mir ganz fremd. 
Seben Sie, Sie tun ein Werk der Barmherzigkeit, wenn 
Sie sich meiner etwas annehmen?" ~ 
»3ch will Ihnen gern behilflich fein, so weit ich es 
vermag, erwiderte Heinz zurückhaltend. „Auch mir, der 
lch wider meinen Willen in die traurige Angelegenheit 
hineingezogen worden bin, liegt viel daran, sie aufgeklärt 
zu sehen. Wenn ich Ihnen aber einen Nat geben darf, , 
so überstürzen Sie nichts und gehen Sie behutsam zu 
Werke. Sie verderben sonst nup, anstatt zu nutzen." 
• „Gewiß, ich will mich Ihnen gern fügen. Uebrigens 
habe ich heute noch nichts gefrühstückt. Wissen Sie viei- 
leicht ein Restaurant hier in der Nähe — ?" 
j ^ as Glicht mit der Händ, um ein 
leichtes Lächeln zu verbergen. ■> 
L,' "33) habe ebenfalls noch nicht gefrühstückt," sagte er. 
«und Ich weiß eine anaenebm- kl-ino r>a°inN,,s.» in *,n- 
stnmittesbaren Nachb 
' dort 
wfh Wenn ich Sie' bitten darf.
        
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