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Periodical volume Nr. 77, 08.04.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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Nr. 77 
Bttlin-Friedeaa», Ivnnerstag, de» 8 April 1920 
Fahr*. 27 
Or*«nad)rid>t«ffi 
(Nachdr. unsrer o-Origiiialartikck nur mit Quellenangabe gestattet.) 
vW Ter 17. Ausschuß der Landc-Lversammlung wird 
Mitte nächster Woche seine Beratungen über die Groß- 
B erlin er Eingemeindungsvorlagc cndgiliig 
abschließen. 
o Tie Zuständigkeit des- Sachverstäkdigen-Äussch'isses 
zur Festsetzung von Höchstmieten. Im Teltomer LlreishauS 
trat der Sachverstäudigeu-Ausschuß zur Festsetzung von 
Höchstmirten für Groß-Berlin unter dem Vorsitz des Oücr-- 
vcrwaltungsgerichtsrates Geh. Ob.-Reg.-Rats v. Usedom 
zusammen, um zu der Beschwerde des Wohnungsverbandels 
gegen den bekannten Einspruch des Oberpräsidenten Stel 
lung zu uehmen. Ter Vorsitzende erklärte zu Beginn 
der Sitzung, daß der Sachverstäiidigen-Ausschuß stell nur 
mit der Beschwerde des Wohuungsverbandcs.id. h. mit der 
Aiinahnle oder Ablehnung zu besassen habe. Dieser Auf 
fassung trat Stadtrat Wege entgegen. Der Vorsitzende 
widersprach, während zwei Juristen, Vertreter der Mieter 
und Vermieter, die Rechtsauffassung des Stadtrais Wege 
teilten. Bei der Abstimmung ergab sich Stimmengleich 
heit. Stadtrat Wege, erklärte nunmehr, daß er sich nach 
der Abstimmung und der Erklärung des Vorsitzenden aus 
Beschränkung der Befugnisse des Sachverständigcn-Aus- 
schusses an den weiteren Beratungeil nicht beteiligen könne, 
weil sie ungesetzlich seien. Diese Erklärung wurde zu Pro 
tokoll genommen, worauf Stadtrat Wege den Ausschuß 
verließ, der dadurch b e s ch l u ß u n f ä h i g ivurde. 
oW Ter SchadlN-rcrsatz für die Gegenrevolution. Die 
Reichsregierung hat sich bereit erklärt, alle Schäden an 
Leib und Gut während der Zeit vom 13. März bis zum 
Schlüsse der.Aktion im Ruhrgcbiet aus Reichsmitteln zu 
decken, darunter fallen auch alle Ucbergrisfe der soge 
nannten roten Armeen. — Der Steuerzahler blecht weiter 
und die Notenpresse macht Ueberstunden. 
o Pferdesleisch. Ter 'Abschnitt 1 der Pferdesleischkärtc 
kann in dieser Wockc noch in der Verkaufsstelle, Albe 
straße 10, voll beliefert werden. 
o Das Derdicnstlrruz für Äriegshilfe ist dem Geh. 
exped. Sekretär im Reichsamt des Innern, ..Herrn W. 
Thron, Lefevreftraße 27, verliehen worden. Der Aus 
gezeichnete ist als' Armenpflegcr in unserer Gemeinde tätig. 
o Für 6 Millionen neue Fünfzig-Psrnmgschune hat 
die Stadt Berlin in Druck gegeben. Bisher warcn^ etwa 
7 Millionen.solcher Scheine im Umlauf. Tie neuen Scheine 
werden auf besserem Papier gedruckt und erhalten als 
Ablaufstag den Ausdruck 31. Dezember 1920. Die allen 
Scheine werden, soweit sie abgenutzt sind und bei der 
Stadtkasse einlaufen, eingezogen. 
o AufHeLm» von Höchstpreisen. Die Groß- und Klein- 
haudelshöchstpreise sür Weißkohl, Wirsingkohl, Rotkohl, 
Grünkohl, rote' Möhren und Karotten aller Art, gelbe 
Möhren, weiße Möhren und Zwiebeln sind mit sofortiger 
Wirkung aufgehoben. 
o Vorschriften kür Reisegepäck. Von der Eiscnbahnver- 
waltung wird den Reisenden zum Schutze vor Verzögerun 
gen und Verschleppungen und zur Gesundung des Gepäck 
verkehrs die Beachtung folgender Punkte empfohlen: Als 
Gepäck zulässig sind nur solche Gegenstände, die der Rei 
sende auf der Reise braucht. Das Gewicht der auszu-- 
gcbenden Stücke ist möglichst zu beschränken. Sicher'' 
Verpackung und die Entfernung alter Bczettelungcn ist 
vorgeschrieben. Neben dem Namen, Wohnort und Woh- 
Nie Briefe der Prinzessin. 
Kon E. W. Oppenheim. 
SZ (Nachdruck verboten.) 
Das klang int Grunde mehr nach einem Befehl als 
nach einer höflichen Bitte. Und unter denk Eindruck der 
lebhaften Abneigung, mit der ihn der heutige Abend gegen 
den Polen erfüllt hatte, verleugnete auch Hollfelden sür 
einen Augenblick die Gepflogenheiten des wohlerzogenen 
Mannes. 
Ich zog es vor, meine Wohnung aufzusuchen, weil 
ick mich sehr müde und etwas angegriffen fühle. Wenn 
^bnen also nicht gerade außerordentlich viel an der vor- 
aeschlaaenen Unterhaltung gelegen ist, Herr Doktor —" 
a Furchten Sie nicht, daß ich Ihre Geduld über Gebühr 
in Anspruch nehmen werde," erwiderte der andere mit 
unbeirrter Gelassenheit. „Aber man sollte die Erörterung 
von Dingen, wie ich sie mit Ihnen besprechen möchte, 
niemals ohne die zwingendste Not auf den folgenden Tag 
° er1 Sfdben sah ein, daß es kaum möglich fein würde, 
kick des Zudringlichen auf gute Art zu entledigen, und 
überdies reizte es ihn nun doch, zu erfahren, was dieser 
fatale Mensch, dessen verändertes Benehinen natürlich auch 
idm nicht entgangen war, denn eigentlich von ihm wollte. 
Bitte'" sagte er. „Da Sie Wert darauf legen, bm 
ick, natürlich zu Ihrer Berfügung. Aber, wie es scheint, 
haben Sie hier auf mich gewartet. Wenn ich nun wirklich 
in den Klub gegangen wäre, hätten Sie da unter Umstan- 
den eine recht harte Geduldsprobe bestehen können. , 
Ich wußte, daß Sie bald kommen würden. Und ,m 
übrigen verfüge ich da, wo es mir notwendig scheint, auch 
über das erforderliche Maß von Geduld.« 
Sie stiegen in das erste Stockwerk hinauf, und Holl- 
felden nötigte seinen späten Besucher mit einladender 
Handbewegung in sein Arbeitszimmer. 
„Wollen Sie sich gefälligst bedienen?" sagte er, indem 
er ihm das ZigarettenkÜstchen zuschob. „Darf ich Ihnen 
ein Glas Wein oder Kognak anbieten?" 
..Bitte, bemühen Sie sich nicht! Ich danke für alles," 
* . .v- -. , .'V . -.vt vk* . 
nuug des Reisenden muß jedes Stück den Namen der 
Aufgabe- und Bestimmungsstation, die Bezeichnung „Ge 
päck" und den Ausgabetag tragen, und zwar nicht nur 
dauerhaft außen am Gepäck befestigt, sondern auch aus 
eitlem, Zettel int Gepäckstück selbst. 
o Tic N ei ch jißedi ätidsp rii fang ist ein Ersatz sür die 
Einjährig-Jreiwilligeck-Prüfung, wie sie bisher nach den 
Vorschriften der Wehrordnuug als das sogettannlc Regie 
rungs-Einjährige abgehalten wurde. Die Prüfung wird 
veranstaltet vom Reichsvcrüand freier (privater; Unter 
richts- und Erziehungsanstalten, der seinen Sitz in Berlin 
hat. Besonders in Mathematik sind sie Anforderungen 
dieser Prüfung erheblich geringer als in der sogenannten 
Schlußprüfung (Obersekundarcifc). Meldungen zur Prü 
fung nimmt schon jetzt entgegen der Prüsuugsvorsitzende 
Dr. Böhm, Berlin N. 4, Juvalidenstr. 11. 
o Bessere Margarine. Wie bereits angekündigt wurde, 
ist die Herstellung einer besseren Margarine in Aussicht 
genommen. Nach einer im Ncjchsanzeigcr erschienene!.! 
Bekanntmachung muß Margarine in Zukunft in 100 Ge- 
wichtstcilen mindestens 80 Gewichtsteile Fett und höchstens 
10 'Gewichtsteile Wasser enthalten. Der Vertrieb von 
Margarine mit höherem Wassergehalt ist nur daun ge 
stattet, wenn diese vor dem 1. März 1920 hergestellt 
wurde, und vom 1. Juni d. Js. ab gänzlich verboten. 
Die Bekanntmachung ist sofort in Kraft getreten. 
o Gegenrevolution und Teutsche Volkspartei. Am 31. 
März sprach in der Versammlung der Teutschen 
Volkspartei in Friedenau Herr Pros. Tr. Lei 
dig, M. d. L., über „Gegenrevolution und Deutsche 
Volkspartei". Der Redner ging auf die Ausführungen 
zurück, die er vor wenigen Wochen in einer Mitgliederver 
sammlung der Ortsgruppe gemacht hatte. Darin halte er 
dargelegt, wie die Regierung auf .allen Gebieten, sei es 
in der Sozialpolitik, der Steuerpolitik, der Finanzpoli 
tik,' oder der Außenpolitik, versagt hat. Sie hat na 
tionales Empfinden verächtlich behandelt zugunsten nebel 
haftem Internationalismus, ihr Auge verschlossen gegen 
die Gefahren von Osten. Alls diesem Verhalten der Rc- 
gieruug heraus muß die Stimmung verstanden werden, 
die in der Reichswehr und in der Studentenschast um 
sich chrrif. Ferner war die bevorstehende Auflösung größe 
rer Teile der Reichswehr dazu angetan, Unruhe ur/o 
Verzweiflung in die Truppe zu tragen. Man hat aber 
aus Seiten der Regierung die Erregung nichr ernst ge 
nommen. Lüttwitz hatte in einer Besprechung mit den 
Führern der Rechtsparteien von dieser Stimmung ge 
sprochen und die Forderungen der Truppe — Neuwahlen, 
Sicherung der^ Präsidentenwahl durch das Volk, Ernen 
nung eines Militärs zum Kriegsminister — dargelegt. Er 
hat sich dann bereit erklärt, diese Wünsche dem Reichs 
präsidenten vorzutragen und hat es auch getan. Früher 
wäre ein solches Vorgehen des Militärs undenkbar ge 
wesen. Nachdem man aber das Heer von Staats wegen 
politisiert hat, darf man sich -nicht wundern, wenn die 
Truppe von ihrem Recht auf politische Betätigung wie jede 
andre Organisation Gebrauch macht, und ebenso wenig 
darf man ihr einen Vorwurf daraus machen. Der Prä 
sident lehnte Lüttwitz' Forderung ab, Lültwitz erhielt 
seinen Abschied. Am 13. 3. morgens war Berlin in den 
Händen der 'Anhänger Kapps; die Regierung war in („wohl- 
weiser Absicht" 'geflohen. Keine Hand regte sich zum 
Widerstand. Was hat nun die Regierung, deren Rückzug, 
wie sie sagt, so wohlüberlegt geschehen sei, in der Zelt 
erklärte Dombromski. Aber zugleich entledigte er sich un 
aufgefordert seines Uebsrrockes, wie jemand, der sich auf 
längeres Verweilen einrichtet. Als er sich in einen der 
Sessel niedergelassen hatte, nahm auch Hollfclden vor 
seinem Schreibtisch Platz und sah ihn erwartungsvoll an. 
Der Pole aber schien inzwischen vergessen zu haben, daß 
er diese nächtliche Unterredung gewünscht hatte, um 
wichtige und unaufschiebbare Dinge mit dein jungen Schrift 
steller zu besprechen, denn nachdem seine müden, gleich 
gültigen Augen Hollfelden ein paar Sekunden lang fixiert 
hatten, sagte er im gewöhnlichen Konversationston: 
„Sie sehen in der Tat angegriffen aus. Wahrscheinlich 
sind Sie überarbeitet. Man spricht ja so viel von Ihrem 
unermüdlichen Fleiß. Sie sollten sich wirklich mal aus 
giebige Erholung gönnen, eine längere Seereise oder etwas 
dergleichen. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre und so er 
folgreiche und einträgliche Bücher geschrieben hätte, würde 
ich mich keinen Augenblick besinnen, eine Reise uni die 
Welt zu machen,, und ich würde sie lieber morgen antreten 
als in einer Woche." 
„Die Neigungen find eben verschieden. Ich für meine 
Person fühle nicht das mindeste Verlangen nach einer 
solchen Reise. Aber es geschah doch wohl nicht unt dieses 
freundschaftlichen Rates willen, daß Sie " 
„Daß ich Ihnen zu so ungewöhnlicher Stunde lästig 
fiel, wollen Sie sagen? Run, gewissermaßen doch! Aber 
eigentlich — oder zunächst — wollte ich Ihnen allerdings 
etwas erzählen." 
„Sie sehen mich äußerst gespannt.«' 
„Es war vor einer Reihe von Tagen, das Datum habe 
ich nicht im Kopf, aber es würde sich leicht feststellen lassen, 
denn es war an demselben Abend oder in derselben Nacht, 
dahier in Ihrem Hause diese unangenehmen Dinge 
passierten, die Nacht von einem Dienstag zu einem Mitt 
woch, nicht wahr?" 
Hollfelden nickte. 
„Nun, ich hatte diese Nacht bei einem mir befreundeten 
Maler verplaudert, draußen am letzten Ende der bewohnten 
Welt, in der Preußischen Straße, wo es zurzeit noch sehr 
viel Bauland und sehr wenig Häuser gibt. Und als ich 
zkLen drei Uhr morgens 
von 1—6 Uhr morgens getan, um dem Putsch zu begeg 
nen? Sie hat nicht einmal den ihr zur Verfügung stehen 
den Telegrafen benutzt, um die Landesregierungen und 
die Reichswehr im Lande zu unterrichten. Erst in Dres 
den ist es der Regierung eingefallen, daß sie irgendivelche 
Gegeumaßregelu trefscn müßte. Es wäre viel Blutver 
gießen verhindert worden, wenn in diesen 5 Stunden ge 
handelt worden wäre. Der Deutschen Volkspartei war 
die Schwierigkeit der Lage von vornherein klar, denn 
was sie auch tun mochte, die Hetze würde auf jeden 
Fall einsetzen. Tic Mitglieder der Fraktionen und des 
geschäftssühreudeu Ausschusses ivaren sich aber von vorn 
herein einig, daß nur ein Gedanke sie bei ihrem Tun 
leiten dürfe: Alle Parteien die am Wiederaufbau deH 
Vaterlandes arbeiten wollen, müssen sich zusammentun, 
um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Am Sonntag wur 
den von den Rechtsparteien Verhandlungen angeknüpft, 
einerseits mit den Parteien, — Zentrum, Demokraten, So 
zialdemokraten — andererseits mit Kapp und Lüttwitz. 
Die beiden letzteren lourden überzeugt, daß eine Verstän 
digung nötig sei; auch die in Be'rlin anwesenden Mitglie 
der der Regierung waren dazu bereit, nur in Stuttgart, 
fern vom Schuß, lehnte man jede Verhandlung ab. Nach 
ergebnislosen Unterhandlungen war am Dienstag die Lage 
so ernst geworden, daß iHhiffer in einer Unterredung mit 
den Parteiführern erklärte, man müsse unbedingt zu einer 
Verständigung kommen; der Bolschewismus greife rasend 
um sich, eS sei Gefahr, daß er auch auf die Landarbeiter 
überspringe. Am Nackmittag war Kapp zum Rücktritt be 
reit, di-ser erfolgte, besonders aus Forderung des Militärs 
am Mittwoch vormittags. Im Laufe des Mittwoch ge 
lang cs dann dem Führer der Deutschen Volkspartei, 
Strcsemann, die Vertreter der Parteien, der Regierung 
und Lüttwitz an den Verhandlungstisch zu bringen. Es 
kam eine Einigung auf folgender Grundlage zustande: 
1. Die Wahlen zum Reichstag erfolgen spätestens jm 
Juni. 2. Die Wahl des Präsidenten erfolgt durch das 
Volk. 3. Die Reichsregicrung erfährt alsbald eine Um 
bildung. Lüttwitz trat darauf seinerseits zurück, und die 
Geschäfte gingen auf den Vizekanzler Schiffer über, dem, 
wie der Redner hervorhob, ein großes Verdienst um das 
Zustandekommen der Vereinbarungen zukonimt. Anders 
als die Regierung tu Stuttgart, erkannte er den Ernst der 
Lage und erklärte sich bereit, mit aller Kraft dahin zu 
wirken, daß die Regierung und seine Partei die Einigung 
nncrkcnneu würden. Die Deutsche Volkspartei hatte nun 
durch ihre Vermittlung ihr Ziel erreicht, und wenn der 
Geivaltstreich Kapp-Lüttwitz so schnell sein Ende fand, 
ist cs in erster Linie dem besonnenen Handeln der Füh 
rer der D. B. P. zu verdanken. Doch nun setzte der Druck 
der Liuksradikalen ein, die bcn von der Regierung ausge- 
rufencn Generalstreik fortsetzten, um ihre politischen For 
derungen durchzusetzen. Der Vortragende verlas hier die 
die Streikaufforderung der Regierung, die auch Eberts Na- 
nien trägt, des Mannes, der als Präsident des Reiches 
über den Parteien stehen sollte und sich augenfcheinlich 
nur als Sozialdemokrat fühlt. Ebenso verurteilte der 
Redner das Verhalten der Demokr. Partei, ebenfalls zum 
Generalstreik, einem Verbrechen am deutschen Volke, auf 
zurufen. Vorher hatte mau in Stuttgart stolz erklärt: 
Mit Rebellen verhandeln wir nicht. Doch der Linken 
gegenüber, und hier hat Herr Schiffer ein gefährliches 
Spiel getrieben, war das wohl ganz etwas anderes; man 
verhandelte und betvilligte alles. Trotz der ofsenkundigeu 
Gegend natürlich keine Droschke aufzulreiben. So trat ich 
denn zu Fuß meinen Heimweg an, und da ich dabei un 
möglich eine andere Richtung hätte einschlagen können, 
als die durch die Rankeslraße, so brauche ich Ihnen wohl 
nicht erst zu versichern, daß ich ohne jede besondere Absicht 
hier an Ihrem Hause vorüberging." 
Die gemächliche Weitläufigkeit seiner Erzählung bereitete 
Hollfelden eine fast unerträgliche Pein, denn er hatte von 
oornherein die sichere Empfindung, daß es dem andern 
lediglich darum zu tun sei, ihn möglichst lange auf die 
Folterbank nervöser Erwartung zu spannen. Als Dom- 
drowski jetzt eine Pause machte, stieß er darum hastig 
hervor: 
„Ich würde in der Tat niemals auf solche Vermutung 
zekommen sein. Aber ich weiß wahrhaftig nicht, weshalb 
sie mir das alles erzählen." 
„Sie wissen es nicht? Ah, und ich glaubte, Sie müßten 
»s bereits erraten haben. Oder vergaß ich vielleicht, Ihnen 
;u jagen, daß es ungefähr drei Uhr morgens war, als ich 
drüben auf der anderen Seite der Straße an Ihrem Hause 
aorüberkam?" 
„Nein, Sie erwähnten es bereits, Herr Doktor!" 
„Es muß also just um dieselbe Zeit gewesen sein, da 
sie, wie ich in den Zeitungen gelesen have, die Entdeckung 
des hier verübten Mordes machten. Eine Entdeckung — 
oder sagen wir richtiger: eine zufällige Wahrnehmung, 
allerdings von viel weniger schauerlicher Art, war nun 
auch mir in jenem Augenblick beschieden." 
„Und sie bestand worin?" 
„Ich hatte das Vergnügen, Sie zu sehen." 
„Mich?" 
„Ja. Liber ich durfte nicht daran denken, Sie zu be 
grüßen, denn Sie waren nicht allein." 
„Ah I" 
Hollfelden hatte nichts anderes hervorzubringen ver- 
(möcht als diesen Ausruf, denn ihm war. als säße eine, 
würgende Hand an seiner Kehle, und für die Dauer einiger 
Sekunden verschwamme» alle Gegenstände im Zimmer v«r 
seinen Augen wie in ejnem dicken Nebel. NurMLMM. 
lose^KMckü^eiruLMMiaers blieb in.dioszMMWWMEut-?
        
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