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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

letzimg". Aus der Kanzel verlas der Geistlich» '(Pfarrer 
Kleine) die dazugehörigen Bibeltexte, so daß die voll 
ständige Heilaudsgcschichte in Wort und Bild vorüberzog. 
Willy Irr e g er begleitete aus der Orgel di« Vorführung 
mit passenden Weisen, nachdem er zu Anfang das Weih- 
Nachtsoratorium von I. S. Bach gespielt hatte. Zum 
'Schluß folgte das Halleluja von Händel. Das reife, 
schöne Spiel des Künstlers trag zum Gesamteindruck we 
sentlich bei. Zwischendurch brachte Fräulein Lambcck 
mit schöner, klangvoller Stimme und zu Herzen gehen 
dem Vortrage Lieder religiösen Inhalts zu Gehör. Durch 
den Gemeindegesang, der an mehreren Stellen einsetzte, 
wurde der ganzen Vorführung ein noch innigeres Ge 
präge verliehen. Es ivar ein Abend voll tiefer Weihes 
der in allem Stroit und Haß der 'Zeit auf die unverlier 
baren Güter der Menschheit hinwies und den Gemütern 
in künstlerisch eindrucksvoller Form Stunden des Frie 
dens und der Einkehr schenkte, sodaß der hohe Zweck fin 
reichstem Maße erfüllt wurde. ! 
o Polnische Wirtschaft. Im „Ostdeutschen Grenzboten", 
der in Stallupünen erscheint, lesen wir u. a. folgendes: 
Die Lcbensmittelnot in den größeren Städten Polens 
ist entsetzlich. Im Januar schoß die Warschauer Sicher 
heitspolizei scharf in eine Menschenmenge, die sich au den 
Bahnhossschaltern aufgestellt hatte, um Bahnkarten zu 
erhalten und protestierte, weil nur zu Wucherpreiseu, 
von hinten herum, Karten zu erhalten waren. Auf der 
Hauptstraße von Warschau stehen täglich Scharen von 
halbnackten und in Lumpen gehüllten Frauen herum, 
die nach Brot schreien und cs entwickeln sich nicht selten 
furchtbare Szenen. Einige Preise seien hier nach den 
Erhebungen, die angestellt wurden, wiedergegeben: Am 
Lage der Erhebungen kostete in Warschau das Brot 20 
Mark. Für ein Ei wurden 12,5,0 M. gefordert, für ein 
kleines Glas Bier 5 M., für ein kleines Glas Schnaps 
10—11 M., ein Pfd. Butter 40 M., ein Pfund Zucker 
25 M., für Zigaretten 3 M., für Wurst 50—60 M. das 
Pfund, für Schokolade und andere Süßigkeiten 150 M., 
Damenschuhe mit Holzabsätzen 770—900 M., die billigsten 
und gewöhnlichsten Herrenschuhe kosteten 600 M., ein 
Hemdchen für ein einjähriges Kind 100 M., Anzüge für 
Herren von 1000 M. aufwärts. Gemeint ist die polnische 
Mark, die. in Polen der deutschen Mark gleichgestellt ist, 
obwohl ihr Weltkurs' niedriger ist. Im Vergleich mit diesen 
Preisen leben lvir hier tatsächlich noch tut Paradies. 
Aber nicht nur in Polen selbst auch in den von uns ab 
getretenen Gebieten von Westpreußen.ist die polnische 
Wirtschaft schon eingekehrt. Die Landbevölkerung erhält 
dort keinen Zucker mehr, Säuglinge tnonatlich nur 4/2 
Pfund Zucker. Das Mehl ist noch schwärzer als bei uns, 
die Menge geringer, aber ebenso teuer. In Graudenz, 
Thor» und Bromberg ist außerordentlich großer Waren 
mangel. Den Bewohnern ist es streng verboten, an Auf 
käufer aus Kongreßpolen Waren abzugeben. Ferner wird 
gemeldet, daß die Lebensmittelkarten im abgetretenen West- 
preußen weiter bestehen, daß cS-aber auf diese Karten 
Nichts gibt. Es steht dies in einem merkwürdigen Gegen 
satz zu den alten Ankündigungen der Polen, Wcstpreußen 
würde Uebcrfluß an allem haben, wenn cs einmal bei 
Polen wäre. Im Poscner Bezirk sind die Lebensmitteln 
karten neu eingeführt worden. Das Schweinefleisch kostet 
7—9 Mark. Nach einem Bericht aus Graudenz kostet das 
polnische Pfund schlechter Marmelade 8,30 M-, Säug- 
kingsmilch, oft sauer, das Liter 75 Pfg., Butter wurde 
bisher 25 Gramm wöchentlich geliefert. Tie Lieferung 
hat jetzt aufgehört. Rindfleisch, das polnische Pfund kostet 
6 M., Hammelfleisch ebenfalls 6 M., Schweinefleisch ist 
nicht mehr zu haben, da die Schweine nach Kongreßpolen 
ausgeführt werden. Kohlen und Koks sind fast nicht zu 
haben. Ter Zentner Kohlen kostet 26 M., der Zentner 
Koks 40 Mark. Die Gasanstalt wird in den nächsten 
Tagen wegen Kohleninangel geschlossen werden. Das Gas 
kostete bisher für ein Kbm. 4 M., das elektrische Licht 
für die Kilowattstunde 6 M., die elektrische Kraft 4 M. 
für die Kilowattstunde. Ein Paar Damen- und Herreit,- 
stiefel kosten in Graudenz jetzt schon 700 M., ein Mund 
Sohlenleder 180 Mark. 
Zuschriften 
(Füv diese Rubrik übernehmest wir keius .Verantwortung.) 
D-as Flaggen.' 
Ein „Verfassungstreuer" schreibt in Nr. 72 des ,,Frie- 
benauer LokatzÄnzeigers^ über das Flaggen während desi 
Kapp-Putfches. Dieser Herr ist, seinem Schreiben nach! 
zu urteilen, im November 1918 wohl ganz entschieden; 
nicht verfassungstreu gewesen. Ein kurzes Gedächtnis 
scheint der Herr auch zuhaben, wenn er schrieb: zur Parte i- 
kundgcbnng wurde das Flaggen erst jetzt mißbraucht", 
oder entsinnt er sich nicht, daß in jenem November wochen 
lang die rote Parteifahne aus denk Rathaus heraus 
schaute, au welches doch wohl alle Bewohner Friedenaus 
ein gleiches Anrecht haben." Ja, ja, wenn zwei dasselbe 
tun, so ist es nickt dasselbe!" H. 
Amtliches 
Dckemntuurchmrg 
In der Zeit vom ?.—!>. April gelangen folgende Lebens 
rnittel zur Abholung: Auf Groß-Berliner Lebensmittelkarte: 125 
öramm Graupen auf Abschnitt 10, t Psd. 71 Pfg., 125 Gramm 
Hascrslocken ans Abschnitt II, 1 Psd. 512 Pfg., 250 Gramm 
Marmelade ans Abschnitt 14, 1 Pfd. 3,70 M., 125 Gr. Rudeln 
auf Abschn. 15, 1 Pfd. 1,18 M., 125 Gr. Bohnen auf Abschn. 16, 
1 Psd. 3,60 M. Auf Bcrlin-Friedenaner Nährmittelkarte: je 
250 Gr. gctr. Zwiebeln, gctr. Mohrrüben und getr. Weißkohl 
arg Abschnitt 10, 1 Psd. getr. Zwiebeln 3,20 M., 1 Pfd. gctr. 
Mohrrüben 2,40 M., 1 Pfd. getr. Weißkohl 2,20 M.250 Gr. 
holländische Salzschnittbohn'en auf Abschn. 11, 1 Psd. 1,10 M., 
250 Gr. Pussbohnen ans Abschnitt 12, 1 Psd. 4,60 M. Berlin- 
Friedenau, den 1. April 4920. Der Gemeiiidevorstand. I. P. 
Friedet. 
Bekanntmachung. 
über Festsetzung von 5kokspreisen. 
Unter Abänderung der durch die Bekanntmachung des 
Koblenverbandes Groß-Berlin vom 28. Februar 1920 — 
I-Nr. L. L. 461/20 — festgesetzten Höchstpreise für Kols 
werden ans Grund der Betaniitmachung des Bmrdesrats 
über Errichtung von Preisprüfungsstellen und die Der- 
sorgungsregelung vom 25. Septembcr/4. November 1915 
(Neichsgesctzblatt S. 607 und 728) in Verbindung mit 
der Anordnung der Landeszentralbchörden über die Er 
richtung des Kohlcnvcrbandes Groß-Berlin vom 21. Aug. 
191? für die Stadtkreise Berlin, Charlottenburg, Neu- 
kölüt, Berlin-Schöneberg, Berlin-Lichtenberg, Bcrlin-Wil- 
merödorf, sowie die Landkreise Teltow und Niederbarnim 
mit Genehmigung der Staatlichen Vcrteilungsstelle für 
Groß-Berlin die Preise für Koks wie folgt festgesetzt: 
8 1. Preise für Küchen- und Ofcnbrand: Es dürfen für 
Koks, Gaskoks gebrochen folgende Preise nicht überschritten 
werden: 1. bei Selbstabholung ab Lager M. 20,55 jeZtr., 
2. bei Lieferung frei Erdgeschoß oder Keller M. 21,55 je 
Ztr. § 2. Preise für Kokslicscrungen an das Kleinge 
werbe, sowie für Zentralheizungs- und Warmwasserbc- 
reitungsanlagen in Fuhren nicht unter 30 Zentnern. Es 
dürfen folgende Preise nicht überschritten werden: 1. Gas 
koks, grob, M. 20,20 je Ztr., 2. Gaskoks gebrochen M. 
20,50 je Ztr., 3. Westfälischer oder Lichtcnbcrgcr Schmclz- 
kots 21,50 M. je Ztr., 4. Oberschkesischer Schmelzkoks M. 
19,80 je Ztr. Tie Preise gelten für Lieferungen frei Keller. 
Sie ermäßigen sich, soivcit der Koks von dem auf den Hof 
des Grundstücks gefahrenen Wagen durch den Wagenführer 
ohne Mitwirkung anderer Arbeiter abgeworfen wird, um 
15 Pfg. jeZtr., soweit der Koks auf dem Straßendamm 
vor dem Grundstück deS Verbrauchers abgeworfen stvird, 
um 25 Pfg. je Ztr., bei Selbstabholung durch den Ver 
braucher um 1 M. je Zentner, bei Lieferung ganzer 
Waggvnladungen ab Erzengungsstelle im Gebiet des 
Kohlenvcrbandes Groß-Berlin sowie frei Waggon aller 
Bahnhöfe im Gebiet des Kohlenverbandcs Groß-Berlin 
um 1,20 Mark je Zentner. § 2. Zuwiderhand 
lungen gegen die Bestimmungen dieser Bekannt 
machung unterliegen der Bestrafung gemäß 8 17 Ziffer 2 
der Bekanntmachung des Bundesrats über die Errichtung 
von Preisprüfungsstellen und die Versorgungsregelung vom 
25. September und 4. November 1915. § 4., Die Preis- 
festsetzuugen des § 2 finden auf alle seit dem 
1. März 1920 ausgeführten Kokslieferungen Anwendung. 
In» übrtgeti kriik diese Bekannimachung mit dem Tag« 
der Veröffentlichung in Kraft. Der Kohlenverband Groß- 
Berlin, tz. P. Reicke. Veröffentlicht. Berlin-Frirdenau, 
den 29. Mäpj 4920. Der Gemcindevorstand. Kohlen- 
kommission. 
Bekanntmachung. 
Unordnung über das Schlachten von Ziegenmutter- 
und Schaflämmern. Auf Grund des 8 4 der Belannt- 
machting des Stellvertreters des Reichskanzlers über ein 
Schlachtverbot für trächtige Kühe und Sauen vom 26. Aug. 
1915 (RGBl. S. 515) wird hierdurch folgendes bestimmt: 
§ 1. Die Schlachtung aller Schaflämmer und Ziegcn- 
mutterlämmer, die in diesem Jahre geboren siitd oder ge 
boren werden, wird vis auf weiteres verboten. 8 2. Das 
Verbot findet keine Anwendung auf Schlachtungen, die 
erfolgen, weil zu befürchten ist, daß das Tier au einer 
Erkrankung verenden werde, oder weil cs infolge eines 
Unglückssalles sofort getötet werden muß. Solche Schlach 
tungen sind innerhalb 24 Stunden nach der Schlachtung 
der'sür den Schlachtuugsort zuständigen Ortspolizcibehörde 
anzuzeigen. 8 3. Ausnahmen von diesem Verbote können 
aus dringenden wirtschaftlichen Gründen vom Landrat, 
in Stadtkreisen von der Ortspotizcibehördc, zugelassen 
werden, ß 4- Zuwiderhandlungen gegen diese Lstiord- 
nung werden gemaßt 8 5 der eingangs erwähnten Bekannt 
machung mit Geldstrafe bis zu 1500 M. oder mit Ge 
fängnis bis zu 3 Mouatcu bestraft. 8 5. Die Anordnung 
tritt mit deut Tage ihrer Bekanntmachung im Deutschen 
Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger in Kraft. Berlin, 
den 28. Januar 1920. Der Minister für Landwirtschaft, 
Domänen und Forsten. Veröfscntlicht. Berlin-Friedenau, 
den 12. März 1920. Der Aiiiiovorstchcr. Watger. 
Bekamitmachung. 
Auf Grund deS Erlasses des Ministers für BvlkSwohl- 
fahrt vom 5. Dezember 1919 werden die Anorduuugeu 
aus 88 6,5 der Mieterschutzverorduung (Bekauui- 
machungen des Gemeindevorstandes vom 18. Januar 1919, 
24. September 1919) Nachstehend in der jetzt geltenden 
Fassung erneut bekannt gemacht: I. Auf Grund des 8 6 
der Mieterschutzverorduung: 1. Die Vermieter von Wohü- 
räumeu, Geschäftsräumen, Büros, Läden und Werkstätten 
können ein Mietverhältnis rccbtswirksam nur mit vor 
heriger Zustimmung des Einigungsamtcs kündigen, insbe 
sondere, wenn die Kündigung zum Zwecke der Mietsstcige- 
rung erfolgt. 2. ein ohne Kündigung ablausendes Micts- 
verhältnis gilt als auf unbestimmte Zeit verlängert, wenn 
der Vermieter nicht vorher die Zustimmung des Einigungs- 
amtes zu dem Ablauf erwirkt hat. Potsdam, den 4. Ja 
nuar 1919 und 19. Januar 1920. Der Rcgicruugs- 
präsideut. II. Auf Grund des 8 5 der Mietcrschutzvtzr- 
»ordnnng: „Jeder Abschluß eines Mietvertrages über Wvtzn- 
räume, Geschäftsräume, Büros, Läden und Werkstätten 
ist dem Wohnungsamt vom Vermieter binnen einer Woche 
nach Abschluß des Vertrages anzuzeigen und zwar unter 
Vorlegung des neuen und des bisherigen Mietvertrages. 
Uebersteigt der vereinbarte Mietzins den Betrag, der für 
Wohnräume, Geschäftsräume, Büros, Lüden oder Werk 
stätten der gemieteten Art und Ausstattung unter Berück 
sichtigung der Nebcnlcistungcn des Vermieters üblich und 
angemessen ist, so kann sowohl das Wohnungsamt inner 
halb einer Woche nach Eingang der Anzeige, als auch der 
Mieter bis zum Ablauf zweier Wochen nach Abschluß des 
Vertrages beim Einigungsamte beantragen, daß der Miet 
zins auf die angemessene Höhe herabgesetzt wird; etwaige 
Nebenleistungen. des Mieters gelten als Teil des Micst- 
zinses, ebenso eine für den Nachtvcis der Mictränme ge 
zahlte Belohnung, soweit sie dem Vermieter unmittelbar 
oder mittelbar zufließt. Aus einem Mietverträge, der 
dem Wohnungsamte nicht angezeigt ist, können von dem 
Vermieter keine Ansprüche, geltend gemacht werden. Der 
Vertrag wird auch in Ansehung der Ansprüche des Ver 
mieters wirksam, wenn weder das Wohnungsamt noch der 
Mieter innerhalb der Frist (Abs. 2) eine Herabsetzung 
des vereinbarten Mietzinses beantragt, wenn die Anträge 
auf Herabsetzung zurückgezogen werden oder wenn das 
Einigungsamt über die Anträge entscheidet." Berlin- 
Friedenau, den 25. März 1920. Der Gemeindevorstand- 
Walger, Bürgermeister. 
———m—nag ■ i ■ MMaMMBwaganniaMBWMi 
Während der Fahrt war cs fast ausschließlich die 
Komtesse, die mit großer Lebhaftigkeit die Kosten der Unter 
haltung bestritt. Als die Droschke vor dem bezeichneten 
Hause in der Pariser Straße hielt, sagte sie in einem Ton, 
der an der Aufrichtigkeit ihrer Worte keinen Zweifel ließ: 
„Sie würden mir eine Freude machen, Herr Holl- 
feldcn, wenn Sie noch ein Glas Tee mit uns nähmen. 
Eine alte Frau wie ich kann sich derartige kleine Verstöße 
gegen das Herkommen schon gestatten." 
Margot sagte nichts, der junge Schriftsteller aber folgte, 
ganz von einer freudigen Empfindung erfüllt, den beiden 
Damen ins Haus. 
10. Kapitel. 
Ein Mädchen in kleidsamer Zosentracht öffnete ihnen 
die Wohnungstür. Sie schien ein wenig verwundert über 
den späten Besuch, und Heinz lächelte ein wenig, als er 
bemerkte, wie kritisch sie ihn musterte. 
Jedenfalls fiel die Prüfung nicht zu seinen Ungunsten 
ans, denn das Mädchen beeilte sich, ihm Hut und Stock 
abzunehmen. Dann öffnete sie eine Tür, und nach bei» 
Damen trat Heinz über die Schwelle. 
Als er sich in dem Gemach umsah, fühlte er sich merk 
würdig enttäuscht. Er war voller Erwartung gewesen, in 
welcher Umgebung die beiden cigenartigen Frauen leben 
mochten; diese nichtssagenden, recht gewöhnlichen und' 
unmodernen Salonmöbcl aber, deren Geschmacklosigkeit sein 
künstlerisches Gefühl beleidigte, und die sofort den fatalen 
Eindruck bei ihm hervorriefen, in eine sogenannte „gute 
Stube" zu kommen, schienen ihm viel mehr in die Woh 
nung einer Zimmervermieterin als hierher zu passen. Er 
atmete ganz erleichtert auf, als er wenigstens einige vor 
treffliche Bilder an den Wänden gewahrte und als fein 
instinktives Suchen nach gehäkelten Decken und ähnlichen 
Zierraten ohne Erfolg blieb. 
Die Komtesse schien seine geheimen Gedanken zu 
erraten, denn gleichsam entschuldigend sagte sie: 
„Wir haben die Wohnung möbliert gemietet, und 
wir mußten immer noch froh sein, eine abgeschlossene 
Etage zu erhalten — wenn die Einrichtung auch nicht 
gerade sehr schön ist. — Liebe Margot, willst du den Tee 
bereiten? Ich bin in zehn Minuten wieder bei Euch." 
Sie nickte Hollfelden lächelnd zu und ging hinaus. 
Margot trat an die Teemaschine und entzündete das 
Spiritusflämmchen unter der Kasserolle. 
„Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?" kragte sie 
Heinz, ohne ihn anzusehen. „Wenn Sie vielleicht Kognak 
wünschen —" 
„Ich danke sehr," erwiderte er. Seine Stimme hatte 
jetzt einen festen, bestimmten Klang. „Aber ich bitte Sie, 
mir jetzt einige Fragen zu beantworten." 
Sie lachte, ein wenig nervös. Nachdem sie sich über 
zeugt hatte, daß genügend Wasser für den Tee in der 
Kasserolle war, wandte sie sich und sah ihn an, mit einem 
großen, festen Blick, den Kopf leicht zurückgelehnt, sich mit 
den Händen auf den Rand des Tisches stützend. Das ge 
dämpfte Licht der mit roter Seide verhangenen Lampe 
gab der Haut ihres schönen Antlitzes einen wunderbar 
warmen Farbenton, ihre schlanke und doch volle Gestalt 
kam in dem anschließenden Promenadenkleid voll zur Gel 
tung. Seine Hände zitterten — so, wie sie jetzt vor ihm 
stand, hatte er sie in jener Nacht in seinem Zimmer ge 
sehen. 
„Zunächst," sagte sie langsam, „möchte ich eine Frage 
stellen. Warum taten Sie es?" 
„Was?" fragte er verständnislos. 
Sie machte eine ungeduldige Bewegung. 
„Warum erwähnten Sie in Ihrer Aussage nichts von 
mir?" 
„Ich weiß es nicht." 
„Sie haben sich damit in eine bedenkliche Situation 
gebracht. Ihr Verschweigen eines so wichtigen Umstandes 
müßte Ihnen, wenn es bekannt würde, ernste Unan 
nehmlichkeiten zuziehen. Sie haben sich dieser Gefahr aus 
gesetzt, offenbar nur, um mich zu schützen. Warum das?" 
„Vielleicht nur, weil ich ein Narr war," sagte er hart. 
Sie schüttelte den Kopf. 
„Nicht doch I Das war nicht der Grund." 
Er trat ein paar Schritte auf sie zu, und ihre Blicke 
versenkten sich ineinander. 
„Ich tat es, weil ich so schwach bin wie andere Männer 
auch," sagte er. „Soll ich es Ihnen noch einmal in dürren 
Worten sagen, was Sie doch wissen? Ich tat es, weil ich 
nicht wollte, daß jemand erfuhr. Sie seien in jener Nacht 
in Otto Martens Wohnung gewesen. Weil ich Sie vor 
allen peinigenden und demütigenden Fragen schützen wollte 
und vor dem Gerede der Leute. Sind Sie zufrieden?" 
„Es war sehr, sehr großmütig von Ihnen," sagte sie 
weich. „Ich bin Ihnen unendlich viel Dank schuldig." 
Er wehrte entschieden ab. 
„Ich habe es nicht getan, um Dank zu ernten," sagte 
er. «Das Einzige. was ich dafür begehre, ist die Ueber- 
Zeugung, daß ich recht gehandelt habe. Ich wünsche zu 
wissen, was Sie zur Nachtzeit allein in der Wohnung eines 
solchen Mannes wollten — in der Wohnung, zu der Sie 
sich nur mit einein — gestohlenen Schlüssel Zutritt ver 
schaffen konnten. Und ich wünsche ferner zu wissen, was 
Sie. über seinen Tod wissen." 
„Ist das alles?" fragte sie. 
„Ist es nicht genug? Die beiden Fragen genügten 
ledenfalls, mich halb um den Verstand zu bringen Si- 
wiffen nicht, in welchen Zustand mich diese unglückselige 
Nacht gebracht hat." 
„Sie haben ein Recht, die Fragen zu stellen," sagte 
sie leise, „und ich habe kein Recht, die Antwort daraus zu 
verweigern." 
„Nein 1" bestätigte er kurz und rauh. „Sie werden sie 
beantworten." 
Es gab ein langes, drückendes Schweigen. Nachdenklich 
sah ste ihn an, und ihre Augen spiegelten die Reflexe des 
zuckenden kleinen Fläinmchens unter dem Teekessel, in dem 
das Wasser zu summen begann. 
„Ich kann nicht," sagte sie plötzlich. „Ich kann Ihnen 
nichts sagen." 
IUI,9 |lv IUI. ^TfC 
Don ihrer Worte hatte ihm deutlicher gesagt, wie die Worte 
selbst, daß er nichts, nichts von ihr erfahren würde, und es 
hatte ihn getroffen wie ein Schlag. Plötzlich lacbie er auf, 
so wild und hysterisch, daß zum ersten Male ein Ausdruck 
von Furcht in ihre Augen kam. 
l — * !" bat sie leise und streckte unwill 
kürlich die Hand gegen ihn aus. „Seien Sie nicht zornig!" 
Aber seine Nerven versagten. Er war außer sich 
„Nicht zornig — nein! Nicht darüber, daß ich' um 
Sie halb verrückt geworden bin, daß mich diese entwlliche 
NachtIahre meines Lebens kostet, vielleicht mein Leben — 
Ja r- mein Leben. Denn ich habe ein Gefühl jeist diese 
ganzen Tage hindurch, daß ich überhaupt unfähig ne-. 
worden bin, klar und logisch zu denken, daß ich nicht mehr 
werde arbeiten können, nichts mehr schaffen. Das ist gleich 
bedeutend für mich mit dem Verlust meines Lebens über 
haupt. Und all das, weil ich mir den Fluch dieser Lüne 
aufladen mußte — Ihretwegen. Es ist — es ist —" 
Er schlug die Lände vor das Gesicht, und wie im 
Fieber schüttelte es seinen Körper. Der Ausdruck ihres Ant- 
litzes wurde hart. 
IForffetzung ffolgt.)
        
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