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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Beilage z« Nr» T'ck -eS „Friedens«er Lokal-Anzeiger" 
Sonntag, den 4. April 192© 
O nsn a rDrledtsK 
(UaHbrj, unsrer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Zur glatten xntb raschen Abfertigung an den Pest- 
schaltern kann das Publikum im eigenen Interesse viel 
beitragen, wenn eS die uachsteheuden Regeln beachtet. 
1. Wähle für deine Postgeschäfte möglichst nicht die Haupt- 
verkehrsstunden. 2. Klebe auf alle freizumachenden Sen 
dungen die Marken vor der Einlieferung auf, wozu du (bei 
Briefsendungen und Postanweisungen nach der Postordnimg 
verpflichtet bist. 3. Schreibe zu Wert- und Ein schreib scw- 
dnngeu einen Einlieferungsschein — mit Tinte — vorher 
aus. 4. Halte das Geld>adgezählt bereit. Ilebergib größere. 
Mengen Papiergeld stets geordnet. Lege bei gleichzeitiger 
Ein- oder Auszahlung von 3 und mehr PostauweisungL^ 
und Zahlkartenbeiträgen sowie beim Einkauf von 3 oder 
mehr verschiedenen Serien von Wertzeichen cm Betrage 
von mehr als 5 M. eine aufgerechnete Zusammenstellung 
der zu zahlenden Beträge vor. 5. Benutze bei eigenem 
stärkeren Verkehr die besonderen Einrichtungen (Postcin- 
lieferungsLüch-er und -Verzeichnisse, Selbstvorbereitung von 
Paketen und Einschreibbriefen.). 
o GemerrrdebLlprat Altmrrun ist am 1. April aus dem 
Gemcrndcdienst ausgeschieden. Am 1. April 1006 kam er 
von Elberfeld, wo er Stadtbaninspcktvr war, nach 
Friedcuau und übc-rnahm hier die Leitung des BauamtcS. 
Sein AiistelkungSvcrtrag lautete auf 12 Jahre. Als seine 
Amtszeit abgelaufen war, lourde er auf weitere ziver Jahre 
im Privatdieustvertrag angestellt, um di? begonnenen Bau- 
trn zw' vollenden. In den 14 Jahren seiner Fricdenauer 
Amtstätigkeit hat sich Herr Geineindebaurat Alt- 
marin recht vielseitig betätigt. Er hat nicht allein 
das Bauamt mit Umsicht und Geschick geleitet, er gab un 
serm £rt nicht nur schöne, gediegene und dauerhafte 
Bauten, sondern er hat auch in anderen Verwal- 
tungszwcigcn, namentlich während der KriegSzcit in der 
Wohlfahrtspflege und als Leiter der Kriegsküche un 
seren Einwohiiern genützt. Ferner hat er in den letzten 
Jahren das Dezernat der Kohlen- und Gasstellc v-ei> 
waltet. Als aiisgezolchnecer, klug abwägender, wohlberech 
nender Redner verstand er es, die maßgebenden Körper 
schaften allen seinen Plänen geneigt zu niachen und klar 
auf das Ziel losgchcnd. den Erfolg für sich zu erreichen. 
Er hat dadurch manche Pläne verwirklichen, manches 
durchsetzen können, was einenl weniger geschickten Mann^ 
bei den oft großen Widerständen, die vorhanden waren, 
nicht möglich gervcse.« wäre. Wir erinnern nur an den 
Rathausbau. Außer dem Rathaule baute er daS Rcform- 
rcalgymuasium, die Königin-Luiso-Schule, die 3. Gemeinde- 
schule, das kirchliche Gemeindehaus, das Geschäftshaus 
der Firma Bamberg, ferner die Urncnhalle auf dem 
hiesigen Friedhöfe und die Kapelle und die anderen Ge 
bäude aus dein Waldfcicdhos in Gütcrgotz. Erwähnt sei 
auch, daß er nach dem Abgang von Bürgermeister 
Schfnackenburg als ernster Bewerber um den hiesigen 
Bürgermcisterpoften aufgetreten war. Die Gemeindever 
tretung wählte schließlich aber doch wieder einen Juristen. 
In einem Alter, in welchem die Schaffensfreude nicht 
nur noch nicht erlalnnt ist, sondern nach weiterer Be 
tätigung verlangt, tritt er in den Ruhestand. Aber wir 
sind überzeugt, daß dieser Ruhestand ihn nicht in Untätig 
keit verharren lassen wird. Er empfiehlt sich denn auch 
durch Anzeige in unserenr Blatte als Architekt und Bau 
sachverständiger und gibt gleichzeitig bekannt, daß er auch 
Kreistaxatvr des Kreises Teltow ist. Wir dürfen darnach 
wohl erwarten, daß er noch manches Gute in seinem 
Fache schaffen wird. 
o Kriegsgefungetrenhermkehrstelle Friedenau. In einer 
Sitzung des Gesamtvorstandes der Kriegsgefangencuhcim- 
kehrstelle Friedenau am 27. März erstattete der Vorsitzende 
Dr. Roscher Bericht über den Stand der Gefangenen- 
frage und die Tätigkeit der Kriegsgefangcnenheimkehrstelle 
Friedenau in den letzten Monaten. ViS auf die Gc- 
Mon E. Kh. Oppenheim. 
§3, (Aachdruck verboten.) 
" '„Mich aber hat das Leben leider gelehrt, inihtrguisch 
zu sein — auch gegen die Stimmen in meinem eigenen 
Herzen." 
„Immer?" fragte er mit tiefer Bedeutung. Margot 
aber wandte wie in Verwirrung den Kopf. 
„Ich weiß nicht — und es find ja auch, wie ich 
denke, nur ganz allgemeine Betrachtungen, die wir da 
anstellen. Aber klopfte es nicht an die Logentür?" 
Auch Hollfelden hatte dies diskrete Klopfen vernommen, 
und ärgerlich über die unwillkommene Unterbrechung stand 
er auf, um zu offnen. Es verbesserte seine Laune durchaus 
nicht, als er den Dr. Dombrowski vor sich sah, und er 
war sehr geneigt, ihn in der Stille seines Herzens einen 
unbescheidenen, zudringlichen Menschen zu nennen, als der 
Pole, ohne eine Erlaubnis dazu zu erbitten, an ihm 
vorbei in die Loge trat, um sich sogleich mit höflicher 
Verbeugung an die Komtesse zu wenden. 
„Darf ich hassen, daß gnädigste Gräfin sich meiner noch 
erinnern?" fragte er. „Es war in Ostende, wo mir die 
Ehre zuteil wurde. Ihnen vorgestellt zu werden." 
Die Komtesse neigte frcimblich den Kops und reichte 
ihm die juwclcngeschmückte Hand, die er ehrerbietig an 
seine Lippen führte. 
„Gewiß, ich sprach bereits zu Herrn Hollfelden davon, 
denn trotz meiner schlechten Augen hatte ich Sie wieder er 
kannt. Wollen Sie uns ein wenig Gesellschaft leisten?" 
Dombrowski verbeugte sich abermals dankend. 
' „Wenn Kointcsse gestalten. Aber darf ich vielleicht 
bitten, nüch dem gnädigen Fräulein vorzustellen? Ich 
hatte seinerzeit nicht den Vorzug." 
„Oh. entschuldigen Sie! Herr Doktor Gregor Dom- 
browsti — meine licoe Freundin und aufopfernde Beglei- 
kenn Fräulein von Wchringen!" 
Margot erwiderte die artige Verneigung des Polen 
nur mit'einem leichten Neigen des schonen Hauptes und 
hielt es nicht für notwendig, ein Wort zu sprechen. Ihre 
Aufmerksamteit war ersichtlich schon wieder ganz den Vor- 
gängen auf der Szene zugewendet, und Dombrowski konnte 
es ihr den Umständen nach nicht als eine Unhöflichksit aus« 
legen, daß sie ihm halb den Rücken kehrte. Nichtsdesto 
weniger rückte er einen der freien Stühle ganz nahe zu 
iHlwm Sjtz, und als er jetzt mit seiner leisen, ruhigen 
fängnisinsasseu und die Lazarettkranken ist im wesentlichen 
die Rückkehr aus Frankreich beendet — schneller als man 
noch vor wenigen Monaten zu hoffen wagte, haben wir 
unsere bedauernswerten Kameraden aus Frankreich zurück 
erhalten. Dank der durch die Organe der Reichsregierung 
NNO der beteiligten Fürsorgeverbäude ins Leben gerufenen 
ausgezeichneten Organisation ist die Abfertigung derHeim- 
lehrectranSporte an der Grenze, in bett Durchgangslagern 
und in den Heimatorten glatt und in einer erstaunlich 
kurzen Zeit durchgeführt ivorden. Ueberall wurden die 
Landsleute mit heller Freude und großer Herzlichkeit be 
grüßt. Die strahlenden Augen bewiesen, daß die deutschen 
Gefangenen in Feindesland die Heimat nicht vergessen, 
sondern nur noch mehr lieb gewonnen haben und daß 
sie voll Dankbcrrkcit dafür waren, daß die Heimat sie 
selbst nicht vergessen hat. Auch aus Japan und Jnoicn 
wird bald der letzte deutsche Gefangene in die Heimat 
zurückgekehrt sein. Nur im verschlossenen Osten harren 
noch immer 50 000 deutsche Brüder der Befreiung. Schon 
sind zwar japanische Danipser zum Abtransport der Deut 
schen aus Osisibirien gechartert worden. Aber die Ka 
meraden in, westlichen Sibirien, in Rußland, in Turkestan 
und Kaukasieu müssen noch immer infolge der ungeheuren 
Verkchrsschwierigkcitcn und der dortigem politischen Zu 
stände fern der Heimat bleihem Mögen die Bemühungen 
der Rcichsregierung und der beteiligten Fürsorgcorgani- 
sationrn, des „VolksbundcS zum Schutze der 'deutschen 
Kriegs- und Zivilgefangenen", der „Reichsvereinigung ehe 
maliger Kriegsgefangener" und des „Bundes ' deutscher 
Frauen zur Befreiung der Gefangenen" bald den er 
wünschten Erfolg lurben, damit endlich die deutschen Brüder 
auS dem Osten und aus den Gefängnissen und Lazaretten 
Frankreichs die lang entbehrte und heiß ersehnte Heimat 
wiedersehen. — Von den Friedenau er Kriegsgefangenen 
sind. 358 bereits heimgekehrt, etwa 40 fehlen noch. Drei 
Kameraden sind in Feindesland verstorben: Kamerad 
Büttner in französischer Gefangenschaft, Kamerad 
Schwanz in englischer, Kamerad Komm nick verschied, 
als er eben wieder auf deutschein Boden angekommen war, 
in Konstanz. — Die Kriegsgefangenenheimkehrstclle hatte 
Weihnachtspakete an die damals noch gefangenen Fric- 
denauec gesandt, die, wie zahlreiche Dankkarten beweisen, 
größtenteils ihr Ziel erreicht haben. An Frauen und 
Kinder wurden zu Weihnachten besondere Unterstützungen 
aus Reichsmitteln gezahlt. Die Heimgekchrten wurden 
durch Gewährung von Beihilfen aus den von der Rcichs 
regierung überwiesenen Mitteln durch Liebesgaben, durch 
Bemühung zur schnellen Wiedereingliederung ins 'Wirt 
schaftsleben, durch Erteilung von Rat und Hilfe in per 
sönlichen Angelegenheiten verschiedenster Art unterstützt. 
Die.umfangreichen Vorarbeiten und daS bereitwillige Ent 
gegenkommen der beteiligten Arbeitgeber, Firmen usw. 
brachte es zuwege, daß fast alle Heimkehrer wieder eine 
angeuiessene Stellung bekavicn. Außerdem soll den Heim 
gekehrten in der nächsten Zeit noch eine besondere von der 
Gemeinde dargebotene Spende, wir beschlossen wurde, in 
Gestalt von Lebensmitteln überreicht werden. Zurzeit ist 
die Kriegsgefangenenheimkehr noch, damit beschäftigt, die 
Ursachen des Verbleibens der noch nicht heimgekehrten 
t riedcnauer und etwa sonst noch nicht bekannte, in der 
efangenschaft befindliche Friedenaucr zu ermitteln, damit 
schleunigst jedem einzelnen nachgegangen werden kann. 
Wer noch zweckdienliche Angaben hierüber machen kann 
und dies noch nicht getan, wird herzlich und dringend 
gebeten, dies schleunigst nachzuholen. Eingaben sind zu 
richten an Kriegsgefangenenheimkehr Friedenau, Rathaus, 
Zimmer 66, oder Schriftführerin Maria Roscher, 
Wilhelmshöher Straße 3. Die Versammlung beschloß, 
Ende April für die Heimgekehrten eine Begrüßungsfeier 
zu veranstalten, an der'die in der Heimkehrstelle zusammen 
geschlossenen Fürsorgeorganisationen und sonstigen Vereine, 
Verbände usw. mitwirken werden. Näl-ereS wird noch 
bekannt gegeben. 
Stimme, die trotzdem auch während der rauschendsten 
Musik deutlich blieb, über das Ballett zu sprechen begann, 
schienen seine Worte viel mehr für Margot als für die Kom 
tesse bestimmt. 
Es war ganz und gar nichts Außergewöhnliches in dem, 
was er sagte. Und Hollfelden, der sich mit wachsendem 
Unbehagen durch diesen Polen mehr und mehr aus der 
Unterhaltung ausgeschaltet fühlte, schalt sich selbst einen 
Narren, weit er die Empfindung nicht los werden konnte, 
daß sich hinter all diesen scheinbar gleichgültigen und in- 
haltlosen Phrasen irgendeine versteckte Absicht verberge, 
deren Natur er nicht zu ergründen vermochte. Ein paar 
mal hatte er wotzl den Versuch gemacht, sich an dem Ge 
spräch zu beteiligen, aber einzig die Komtesse hatte ihm in 
ihrer liebenswürdig humorvollen Axt auf seine Bemerkungen 
geantwortet. Margot hüllte sich hartnäckig in dasselbe eisige 
Schweige,!, hinter das sie sich bei dem Eintritt des Polen 
zurückgezogen hatte, und Dombrowski schien die Aeuße 
rungen seines Klubgenossen vollständig zu überhören. So 
verstummte denn auch Hollfelden endlich ganz, aber er 
sehnte mit steigender Ungeduld das Ende der Borstellung 
herbei. Jene Nervosität, von der er sich seit seiner unver 
hofften Wiederbegegnung mit Margot fast ganz frei gefühlt 
hatte, aewann aufs neue ihre quälende Herrschaft über ihn, 
und er empfand die Gesellschaft Dombrowskis mehr und 
mehr wie eine kaum zu ertragende körperliche Pein. Die 
lärmende Musik, die blendende Lichtfülle auf der Bühne, 
die schwüle, aus allen erdenklichen Gerüchen zusammen 
gesetzte Atmosphäre, alles trug dazu bei, seine Unruhe und 
sein Mißbehagen zu vermehren. In einem ähnlichen Zu 
stande hatte er sich oft als Knabe unmittelbar vor dem Aus 
bruch eines schweren Gewitters befunden, und in der Tat 
glaubte er in der Luft, die ihn. umgab, auch jetzt etwas 
von einer hochgradigen elektrischen Spannung zu spüren, 
der mit der Gewalt einer Katastrophe die Entladung folgen 
müsse. ' 
Aber es geschah nichts, das auch nur entfernt einer 
Katastrophe ähnlich gesehen hätte. Die lang ausgedehnte 
Vorstellung ging zu Ende, und die Komtesse versicherte beim 
letzten Fallen des Vorhanges, daß sie sich vortrefflich unter 
halten habe. Der Logendiener brachte die Schals und 
Abendmäntel der Damen, und Dombrowski, der sonst 
jederzeit eine fast unnatürliche Gleichgültigkeit gegen das 
schöne Geschlecht bekundet hatte, legte die größte Geschäftig- 
; feit an den Tag, um Margot allerlei kleine, ohne Wort 
und Dank entgegengenommE MttrVieWe ztst erweisen. 
Hollfelden sah sich genötigt, der Komtesse den Arm r« 
o Die Technische Nothilfe im Elektrizitätswerk. Die 
„Technische Npthilfe" gibt folgendes Stimmungsbild über 
ihr Eingreifen beim. Elektrizitätswerk in der Körnerstraße 
in Steglitz-, von wo auch Friedenau den Strom erhält: 
Montag Nachmittag gegen 4 Uhr. Das Steglitzer Elek 
trizitätswerk gibt keinen Strom mehr. Jede direkte Ver 
bindung mit dem Werk ist unterbrochen. Der Auftrag 
lautet dahin, sofort festzustellen, woran es in Steglitz 
mangelt, und 5 Minuten später rast ein Auto mit dem 
inspizieenrden Ingenieur von der Zentrale der Technischen 
Nothilfe die Straßen entlang, die schwarz von Menschen 
sind. Da das Durchkommen Schwierigkeiten bereitet, 
namentlich hinter der Friedenaucr Kirche die Straße 
von der Menge gesperrt wird, die die Msicht des dahin 
eilenden Wagens nicht kennt oder mißversteht, kann das 
Elektrizitätswerk in der Körnerftraße nur auf weiten Um 
wegen erreicht werden, damit das Auto nicht abgefangen 
wird. In einer stillen Seitenstraße wird cs endlich in 
Sicherheit gebracht und das letzte Stück des Weges zu 
Fuß zurückgelegt. Das Elektrizitätswerk in der Körner- 
straße ist stark besetzt, der Eingang Ivird von der Sicherheits 
wehr geschützt. Wir gelangen jedoch ohne Schwierigkeiten 
ins Werk und können uns nun davon überzeugen, daß 
jeder auf seinem Posten steht. An der Schalttafel zeigen 
die Nadeln der Meßinstrumente, daß die meisten dem 
Werk angeschlossenen Gemeinden mit Licht versorgt sind. 
Nur bei Friedenau ruht die Nadel, da anscheinend 
der Transformator desekt ist. In der geräumigen Ma 
schinenhalle surren die beiden 2000-Bolt-Turbinen, von 
Jungmannen, hauptsächlich von Studenten der Technischen 
Hochschule in Eharlotteuburg unter fachkundiger An 
leitung bedient. Die Wände gleichen einem Feldlager. 
Hier haben sich's die Nothelfec gemütlich gemacht. Auf 
den hingelegten Matratzen ruhen die jungen, müden 
Glieder von der schweren, ungeivohnten Arbeit. Tag und 
Nacht sind sie nicht aus den Kleidern gekommen. Ein 
junger Ingenieur ist bereits ununterbrochen 24 Stunden 
im Dienst. Was sonst dienstfrei ist, steht, ein paar Züge 
aus einer Zigarette rauchend und plaudernd, an den brau- 
senden Turbinen umher, die Tourenzahl kontrollierend. 
Eine eiserne Treppe führt zum Kessel- und Hcizraum 
hinunter. Hier ein Bild emsigster, unverdrossener Arbeit. 
Unermüdlich regen sich die Arme. Eine Schippe nach der 
andern wandert aus den auf Schienen herbeigezogenen 
Kohlenkippern auf die gefräßigen Rostbänder, me gierig 
immer neue schwarze Nahrung fordern. Hell leuchtet fite 
Glitt, Funken stieben, die Hitze ist gewaltig, aber nur 
fröhliche, lachende Augen in den verrußten Gesichtern. 
So schaffen sie Tag und Nacht, jetzt nun schon eine lange, 
lange Woche hindurch. Diese verrußten, abgespannten 
und doch so begeisterungsfrohcn, jungen Gesichter hängen 
uns nach, während wir nach knapp einer Stunde zu dem 
uns erwartenden Auto zurückkehren durch die aufgeregte, 
gestikulierende Menge auf den Straßen. — 
o Eine Pafstomsfeicr veranstaltete am Montag der 
Friedenaucr P arv ch i a l v e r e i n in der Kirche „Zum 
Guten Hirten". Zur Vorführung kamen Lichtbilder nach 
den Entwürfen von Franz Slaßen „DaS Leben Jesu", 
dreiunddreißig Bilder von der „Verkündigung" bis zur 
„Grablegung", mit-Textverlesung, Orgelbegleifung, Ein 
zel- und Gemeindegesang. Die auch an anderen Stellen 
schon mit schönem Erfvlqe gezeigten Bilder, um deren 
Verbreitung sich die Vereinigung „Bildung und Streben" 
verdient macht, sind in ihrer künstlerischen Komposition 
und Durchführung gleich vortrefflich und machten mit 
ihre: Fülle lebensvoller Gestalten, aus deren Mitte sich 
iinmer wieder daH Bild des Heilands heraushebt, einen 
tiefen Eindruck auf die Zuhörer, die das Gotteshaus bis 
zum letzten Platze füllten. Besonders sck>ön waren „Die 
Geburt", „der zwölfjährige Jesus im Tempel" „Lasset 
die Kiudlein zu mir kommen", ,-,Die Einsetzung des hl. 
Abendmahls", „Der Abschied von den Jüngern", „JesuS 
und die Kriegsknechte", „Die Kreuztragung", „Die Grab« 
reichen, um sic hinunterzüführen. Und'nun kam ihm 
plötzlich ein verwegener Gedanke. 
„Werden Konitesse mich für sehr unbescheiden halten," 
fragte er, „wenn ich um die Erlaubnis bitte, den Damen 
zu einer Ihnen genehmen Zeit meine Aufwartung zu 
machen. Ich — ich hätte so gern eine für inich sehr 
wichtige Angelegenheit mit Fräulein von Wehringen be 
sprochen." 
„Aber natürlich," lautete die liebenswürdige Antwort, 
„es ist Ihnen init Vergnügen gestattet, wenn Sie mit der 
sehr bescheidenen Gastfreundschaft vorlieb nehmen wollen, 
die mir hier in einer beschränkten Mietwohnung zu er 
weisen vermögen. Wir wohnen Pariser Straße einund- 
siebzig, wenn ich recht berichtet bin, in Ihrer^ nächsten 
Nachbarschaft." 
Hollfelden zerbrach sich nicht lange den Kopf darüber, 
auf welche Art sie zu der Kenntnis seiner Adresse gelangt 
sein könnte. Er war glücklich über die erhaltene Erlaubnis, 
die ersichtlich nicht ungern erteilt worden war, und noch 
glücklicher, als die Gräfin hinzufügte: 
„Wenn es übrigens Ihre Avjicht ist, sich nach Hause 
zu begeben, was man bei einem jungen Manne ja nie 
mals mit Befiimintheit voraussetzen kann, so darf ich 
Ihnen vielleicht einen Platz in der Droschke anbieten, die 
wir für die Heimfahrt bestellt haben. Es sind, doch nur 
wenige Schritte von unserer Wohnung bis zu der Ihrigen." 
Er zögerte selbstverständlich nicht, die Einladung anzu- 
nehnien, aber als die Komtesse in diesem Augenblick die 
Stimme Dombrowskis dicht hinter sich vernahm, flüsterte 
sie ihrem Begleiter zu: 
„Nennen Sie, bitte, dem Kutscher das Ziel unserer 
Fahrt nicht allzu laut. Wir sind im großen und ganzen 
so wenig auf den Empfang von Besuchen eingerichtet, daß 
ich Fernerstehende nicht gern über unser Domizil unterrichtet 
sehen möchte." 
Hollfelden tat nach ihrem Wunsch, und er konnte 
sicher sein, daß Donibrowski die Adresse nicht gehört habe. 
Etwas wie ein leises Gefühl der Genugtuung mochte wohl 
aus seinen Worten klingen, als er sich, nachdem er den 
Damen beim Einsteigen behilflich gewesen war, Abschied 
nehmend an den neben dem Droschkenschlag stehenden 
Polen wandte: 
„Adieu, Herr Doktor! Vielleicht sehen wir uns später 
noch im Klub." 
„Vielleicht!" erwiderte Dombrowski, verneigte sich noch 
einmal gegen das Iünere des Wagens hin und war gleich 
daraus in der abendlichen Dunkelheit verschwunden^
        
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