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Periodical volume Nr. 73, 01.04.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Zeitung» .. «»z-tzr» 
dea Frlezessser SrrZLel! m ßchZMerZ. ffjz j $ pa £ n z & ite *2 
** ' äcum 76 Piz. Die Rrilamezril« kost^ 
Elkrk^S^ikstönT. 12, L.— Mark. QcUgmunm« 16 ß{$. 
«hrirrftraz» U, - ßnrt Pf»lzb»rz 2128. 
Nr. 73 
gyrtqirawHMCK^nKtBa^KMgjwtvw^gTO^aCTiwrwatraMeCTga 
SeUiu j 5deöenaii, Isnnec^tag den 1 April 1020 
Zührg. 27 
OnsnadrHcbt^ 
tWlachdr. unsrer o-Qriginalartt'e! nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Knrsrcitag. Traucrstiminung erfüllt die Herzen der 
Christen. Die Sinne find nach Golgata gerichtet, wc> 
Jesus von Nazacctt, der Sohn Gottes, einen dickeren Tod 
am Kreuze erleiden mußte, nm unserer Sünden willen. 
Der Herzensstimmung !vir.d auch äußerlich Ausdruck ge 
geben. Vergnügungen und lärmende Veranstaltungen unte - 
bleiben. In sich gekehrt, in stiller Betrachtung lassen wir 
den Tag an uns vorübergehen. „Stiller Freitag" wird 
er denn auch oft genannt, auch Bluttag, Martertag, Kreuz 
tag. Manche Legende knüpft sich an diesen Tag, wie die 
vom Schweißinch der Veronika, vom Rotkehlchen und 
Kreuzschnabel. In der katholischen Kirche werden 13 Lich 
ter, eins nach den: andern, ausgelöscht, um darzutum, 
wie der Herr von den 12 Jüngern verlassen wurde. In 
der Altmark vermeidet man es, in den Garten zu gehen, 
weil es sonst Raupen geben soll. Aber der trübste Tag 
der Christenheit läßt auch die Hoffnung aufleuchten. Hin 
ter ihm steht Ostern, die Auferstehung.. Jeder Mensch hat 
in seinem Leben sein Golgata, durch das er hindurch imuß. 
Und wir im Leben des Einzelnen ist's auch im Leben 
ganzer Völker. Auch unser deutsches Volk hat jetzt fein 
Golgata, aus dem eS heraus muß zu seinem Ostertage, 
zur geistigen Wiedergeburt! 
o Der Haushalt in: sc rer Gemeinde. Zu dem Antrage 
auf Erhöhung des Einkommensteuerzuschlages um 100 
v. H., der von der Gemeindevertretung am 20. Mürz 
abgelehnt worden ist, hatte der Gemeindevorstand den Ge- 
nicindeverordneten in einer Gegenüberstellung von Ein 
nahme und Ausgabe einen Nachweis gegeben über die 
im laufenden Rechnungsjahre 1919 noch ungedeckte 
Summe. Durch diese Aufstellung sind für die Schulen 
au Zuschüssen zu leisten: Gymnasium 301000 M., Real 
gymnasium 230 000 M., Königin-Luise-Schule 221 000 
M., und Volksschulen 697 000 Mg Gärtnerei- und Fried 
hof erfordern einen Zuschuß von 237 000 M., und aus 
den stbrigen Voranschlägen I—XI stehen 4 154 000 M. 'Aus 
gaben fest. Ferner ,iud noch bis Jahresschluß für Löhne, 
Gehälter, Zinsen, Ausgaben für die. Armenvermaltung, 
Bäüanit n,ws 400 000 M. erforderlich, das ergibt ins 
gesamt eine Ausgabe von 6 263 000 M. Demgegen 
über betragen die Einnahmen bei den Voranschlägen I—XI 
5 379 000 M.,' hierzu werden noch eingehen 150 000 
Mark und als Ueberfchuß aus dem Elektrizitätswerk 
226 000 M., insgesamt Einnahmen 5755000 M>, 
sodaß ein Betrag von 508 000 Mark nicht ge 
deckt wäre. Nun sind aber aus Kriegshilfsfonds' an 
Teuerungszulagen der Beamten, Lehrer und ständig An 
gestellten 1 100 000 M., für die Einwohnerwehr 150 000 
Mark und für das Fuhrauit 200 000 M., zufam'inen 
1450 000 M. gezahlt worden, die aus lausenden Met 
teln zu decken wären. Rechnet man zu diesem Beitrage 
den nock erforderlichen Zuschuß von 508 000 M. und fer 
ner den Mehrbedarf für die Kreissteuer von 500 000 M. 
hinzu, so ergibt daS die Summe von 2 458 000 M. Hier 
von kaun der im Voranschlag vorgesehene Zuschuß o.gs 
dem Reservefonds in Höhe von 883 000 M. abgezogen 
werden, sodaß insgesamt eine Summe von 157500t) M. 
im Rechnungsjahre 1919 ungedeckt bleiben würde. Wie 
Bürgermeister Walger sagte, sollte die Deckung durch die 
Steuererhöhung erfolgen. Nun diese abgelehnt ist, bleibt 
weiter nichts anderes übrig, als diese Summe aus An- 
lcihemitielu zu decken. 
oA Tie Groß-Berliner Gemeindevertretungen und der 
Staatsstreich an: 13. März. In dem soeben erschienenen. 
wen- «««»I 
Wö§ es in der rmchftm Woche ßM. 
Brot: 1600 Gramm und 300 Gr. Kleingebäck oder 
1900 Gramm Großbror auf „Gerste". 
Fleisch: steh: noch nicht fest. 
Butter: 20 Gramm -68 Pfg. und 70 Gramm Bratfelt 
- 2,36, sowie 180 Gramm Bratfett - 6,06 M. auf 
Sonderabschnitt der Speisesetlkarte. 
Kartoffel u: steh: noch nichl fest. ' 
Zucker: Vom 1. bis 15. April *■', Pfund. Ferner 
für Kinder im 1. Lebensjahre,1'/° Pfund, im 2. Lebens 
jahre 1 Pfund und in: 3. bis 7. Lebensjahre >/» Pfund, 
im Monat. 
Abzuholen vom 7.—9. April. 
Au» Groß-Berliner Lcbensmiitelkarte: 
Graupen: 125 Gr. ans 10; Pfü. 71 Pf. 
Hafers locke»»: 125 Gr. auf 1l; Pjd. 92 Pf. 
Marmelade: 250 Gr. auf 14; Pjd. 3.70 M. 
Nudeln: 125 Gr. auf 15; Pid. 1.18 M. 
Bohnen: 125 Gc. auf 16; Pfd. 3.50 M. 
Auf Friedcnaner Rährmittelkarte: 
Getr. Zwiebeln, g e k r. Lik o 1» r r ü b e n u. g e t r. 
Weißkohl: Je 250 Gr. au» 10; Pfd. Zwiebeln 3.20 M. 
Pfd. Mohrrüben 2,40 M. Pfd. Weißkohl 2,20 M. 
Ho l l ä n d. S a l z s ch n i t t b o h n e n : 250 Gr. auf 11 
Pfund 1.10 Mk. 
P u f f b o h n e n : 250 Gr. auf 12 ; Pfd. 4,60 M. 
neuesten Heft der „Kommunalen Praxis" wird die Frage 
aufgeworfen, ob icke Groß-Berliner Gemeindevertretunic 
gen das Mögliche getan haben, das Chaos der Meinungen 
während der Woche vom 13. bis 20. März zu klären und 
wie einer ähnlichen Verwirrung der Geister bei künf 
tigen Ereignissen vorgebeugt werden könnte. Die Ungewiß 
heit über Vorgänge außerhalb des persönlichen Gesichts 
feldes,^ der Mangel an Information und Direktion haben 
äußerst verhängnisvoll aus die Bevölkerung gewirkt. Ver 
schärft sei die Lage dadurch »vorden, daß es auch den 
menterilden Truppen an Information und Leitung ge 
mangelt habe. Die Groß-Berliner Gemeindevertretungen 
wären berufen gewesen, die Öffentlichkeit in Groß-Berlin 
über das, was hier vorging, laufend zu unterrichten. Sie 
hätten sich während der kritischen Tage für permanent 
erklären und Aktionsausschüsse einsetzen müssen, die stünd 
lich aklionsbereit gewesen wären und täglich mindestens 
drei Berichte (morgens, mittags und abends) über die 
Lage, durch Anschlag, Aushang und Ansprache veröffent 
lichten. Mittels der bereits bestehenden Organisationen 
der Groß-Berliner Gemeindevcrtveler der einzelnen Pa» 
teien (Konferenzen) wäre cs leicht gewesen, auch einen 
Informationsdienst über Groß-Berlin zu spannen, der 
der Gesamtheit Ohr und Mund hätte sein können, nach 
dem die Presse notgedrungen schweigen mußte. Die Kri 
tik schließt mit der Aufforderung an die »stadtverord- 
iietcnversammlungcn und Gemeindevertretungen, schleus 
nigst solche Attionsansschüssc zu bilden, die dann sofort 
nach bestimmten Richtlinien in Wirksamkeit treten können. 
.o Wals.»: ablstsern! Das Oberkommando macht darauf 
aufmerk.am, daß die Verordnung vonr 13. Januar 1919 
über Waffenbesitz noch Gültigkeit hat. Nach dieser Verord 
nung wird jeder unbefugte Besitz von Waffen oder Mu 
nition niit Gefängnis bis zu 5 Jähren und mit Geld 
strafe bis zu 100 060 M. bestraft. 
o Zum StaatSaahn- und Privatvahrr-Gütcrtaris wird, 
wie der Handelskammer zu Berlin mitgeteilt ist, mit 
Gültigkeit vom 1. April d. Js. ein Nachtrag I heraus 
gegeben, der ’ in der Hauptsache die neuen Frachtsätze deI 
Ansnahmetarifs 5 und des neuen Ausnahmetarifs 5c ent 
hält. Näheres ist im Verkehrsbüro der Handelskammer, 
Berlin E. 2, Klofterstr. 41, zu erfragen. 
o Ter Botanisch' Garten in Dahlen» ist ain 1. Oster 
tag von 2 bis 7 .Uhr dem allgemeinen Besuch geöffnet, 
dagegen am 2. Feiertag gefchloßen. Kinder unter 10 Jah- 
rcn haben keinen Zutritt. 
o Der 54» Pfg.-Tarif der Straßenbahn. Vom heutir- 
gen l. April ab ist folgender Tarif in Straft getreten: 
Fahrpreis für eine einzelne ununterbrochene. 
Fahrt ans jeder Linie 50 Pfg. Die bisherigen Fahr 
scheine mir niedrigerem Preisaufdruck werden wegen der 
Papierknappheit aufgebraucht und als 50 Pfg.-Fahrscheine 
ausgegeben. Sammelkarten für 6 ununterbrochene 
Fahrten auf beliebiger Linie zu 3 M. werden, wie bis 
her, für 3 Kalendermonate ausgegeben. Die Gültigkeits 
dauer der ersten Ausgabe umfaßt die Zeit vom 1. April 
bis 30. Juni d. Js., die der zweiten die Zeit vom !. Juni, 
bis 3l. August usw. Für Hunde und gebührenpflich 
tiges G e P ä ck wird Fahrgeld wie für eine Person erhoben. 
A r b e i t >e r w o ch en karten für 6 Wochensahrtei: 2,50 
Mark, für 12 Wochenfahrten 5,00 M., für 48 Wochen- 
fahrten 20 M., M o n a t s t a r t e n für eine Linie 40 M-, 
für zivei Linie»» 50 M., für drei Linien 65 M., für alle 
Linien 100 M. Bei Hin,zunähme einer Linie der Ber 
liner Ostbahnen finden die Sätze der Großen Berliner 
Straßenbahn auch a.E diese Anwendung. Tie Monats 
karten für alle Linien gelten auf sämtlichen Strecken der 
Großen Berliner Straßenbahn und der Berliner Ost- 
bahnen. Schülerkarten für eine, im Bedarfsfälle zwei 
Linien der Großen Berliner Straßenbahn oder der Ber 
liner Ostbahnen 12 M. 
o D-aÄ Tabaksteuer-Gesetz, ist heute in Kraft getreten 
und dadurch ist dem „Passionierten" der „Glimmstengel" 
oder die „Papierns" loeiter erheblich verteuert »vorden. 
Eine gute Zigarette wird von den Fabriken unter 75 
Pfg. nicht mehr zu liefern fein, minder gute Ware wird 
ab Fabrik mindestens 40—60 Pfg. kosten. Für Zigarren 
dürste.die Erhöhung vielleicht noch erträglich fein. Denn 
>ver jetzt schon 1—3 M. für eine Zigarre bezahlt, wird 
sich künftig nicht scheuen, noch 20—60 'Pfg. mehr zu 
zahlen. 
o SH» chl» jährigoÄ Amtäjubiläum beging am 16. März 
Herr Rechtsanwalt und Notar Justizrat S k o p n i t, Häh- 
nelstraße 20. Ein Dienstag war cs auch, genau »vic in 
diesem Jahre am 16. März, als er vor 40 Jahren Re 
ferendar »vurde. Seine Ausibildung erhielt er bei der 
Behörde in Danzig, und beim »Oberlandesgericht in Stet 
tin. Am 23. März 1885 wurde er Assessor, nachdem er 
inzwischen auch sein Jahr abgedient hatte. Er übte dann 
die RechtSanwaltspraris in Danzig, Meine a. d. Weichsel, 
Stolp i. P. Von 1897—1899 war er kommissarischer 
Landeshauptmann und Generaldirektor der Nen-Guinea»- 
Komp. in Non-Guinea. Kurze Zeit »var er dann Kriegc!- 
gcriclitsrat in Stettin, wurde hiernach Rechtsanwalt iu:d 
Notar in Königswnsterhansen, und kam in gleicher Eigen 
schaft 1908 nach Berlin. Während er sein'Büro in 
Berlin errichtete, nahm er Wohnung in Friedenau. Herr 
Justizrat sTkopni: ist hier vielfach in die Oeffentlichkeit 
getreten; er Hai sich in Ehrenämtern, namentlich i»i Ver 
einen rege betätigt. So tvar er lange Jahre zweiter »Vor 
sitzender des Krieskriegerverbandes Teltow, nach dem 
75ode di-s Herrn Geheimrats Hendrich längere Jahre erster 
Führer des Krieger- und Landwehrverein und vor dem 
Kriege einige Jahre hindurch 1. Vorsitzender des Orks- 
Vereins der Fortschrittlichen Volkspartei. Ans allen diesen 
Aemtern ist er vor einigen Jahren ausgeschieden. In 
üer Prinzessltt 
Von E. Ph. Oppenheim. 
(Nachdruck verboten.) l . 
9. Kapitel. 
Dis Komtesse, die einen Vorderplatz an der Logen- ' 
»rüstung inne hatte, ließ ihre Lorgnette sinken und wandte 
ich nach dem Hintergrund der Loge zurück, wo Heinz Holl- 
elden saß. - x , , ... . 
„Da unten im Parkett sitzt ein Herr, für den wir 
ntercssanter zu sein scheine»:, als die Vorstellung auf der 
Bühne. Denn es sind jetzt »nindestens fünf Minuten, seit- 
Km er angefangen hat. zu »nir heraufzustarren. Leider 
ehe ich trotz meiner Gläser zu schlecht, um sein Gesicht 
»enau zu erkennen. Aber »vcnn mich nicht alles täuscht, 
st er so etwas wie ein alter Bekannter." 
Hollfelden neigte sich vor, und er brauchte nicht lange 
>n suchen, um unten im Parkett den Mann zu entdecken, 
von dem die Komtesse gesprochen hatte. Es war Doktor 
Dombrowskis blutloses, gelbliches Gesicht, das unbeweglich 
ui der Loge emporgewendet war. Nun hatte auch der Pole 
den jungen Schriftsteller erkannt. Er grüßte mit einer 
Kopfbewegung, und Hollfelden gab natürlich den Gruß 
iUtUt ,W der Herr gehört zu Ihrer Bekanntschaft?" sagte 
die Komtesse, sichtlich interessiert. „Vielleicht einer Ihrer 
Freunde?" » , ,, . .. „ 
„Er ist Mitglied eines Klubs, dem auch ich angehöre, 
erwiderte der Gefragte, der es noch immer halb mstinktio 
vermieden hatte, Dombrowski seinen Freund zu nennen. 
„Darf man seinen Namen erfahren?" 
„Es ist ein Doktor Gregor Dombrowski." 
„So hat mein sonst recht schlechtes Gedächtnis mich 
diesmal wirklich nicht getäuscht." 
„Komtesse sind ihm schon früher begegnet? Hier in 
Berlin?" 
„Nein — nicht hier! Warten Sie ein wenig — ich 
muß mich besinnen. Margot und ich — wie sind während 
der letzten Jahre so viel in der Welt herumgekommen, 
daß sich Personen und Ereignisse in meinem Kopf zu- 
weilen ei» bißchen vtzrwirren. Aber jetzt erinnere ich mich. 
Es war in Ostende, wo ich mit Herrn Doktor Dombrowski 
bekannt wurde. Auch du hast ihn vielleicht im Gedächtnis 
behalten, liebe Margot?" 
Das junge Mädchen, dessen Ülugen seit dein Moment 
ihres Eintritts unverwandt auf die Bühne gerichtet ge 
blieben waren, »vie wenn sie durch ihr »virkliches oder 
erheucheltes Interesse an der Vorstellung einem Gespräch 
mit ihrem Begleiter ausweichen »uollie, schüttelie den Kopf. 
„Nein, ich erinnere mich nicht," sagte sie kühl, um fast 
ohne Pause hinzuzufügen: 
„AVer findest du nicht, daß dies Ballett wirklich reizend 
ist? Ich habe niemals schönere und geschmackvollere Kostüme 
gesehen." 
Die Komtesse warf einen flüchti»zcn Blick auf die Buhne. 
„Ja, sie lind wunderhübsch," stimmte sie zu. „Und die 
Tänzerin in dein meergrünen Kleide ist ein entzückendes 
Geschöpf. Aber erzählen e-ie mir doch etwas von Ihrem 
Freund, Herr Hollfelden! Meine Berührung mit ihm. war 
nur sehr flüchtig, aber ich fand schon damals, daß er ein 
sehr — wie soll ich sagen — ein sehr interessanter Mensch 
sein ,nüsse. Er ist Journalist, nicht wahr?" 
„Nicht eigentlich. Er nennt sich Privatgelehrter. Aber 
es würde mir schwer fallen, Ihnen Zuverlässiges über die 
Art seiner Beschäftigung mitzuteilen." 
„Oh, das klingt recht geheimnisvoll. Er ist doch wohl 
nicht etwa ein verkappter Anarchist oder etwas dergleichen?" 
Hollfelden mußte lächeln. 
„Ich glaube nicht. Ich verkehre mit ihm schon seit 
einigen Jahren, und für eine so lange Zeit würde es ihm 
schwerlich gelungen sein, die Maske des friedfertigen Bür- 
gers festzuhalten, wenn sich hinter ihr ein gefährlicher 
Feind der Gesellschaft versteckte. In einer Zeit, wo sich 
|ojüJ(iflen alles in der breitesten OeLentlichkeit abspielt, und 
wo namentlich den Lmstsangen der Presse kaum noch die 
alleriiitimsten Dinge entgehen, sind derortige Maskeraden 
kaum noch länger als für wenige Tage oderWochen durch 
zuführen." 
Margot, die der Unterhaltung bisher anscheinend 
nicht das geringste Interesse geschenkt hatte, wandte sich 
plötzlich nach dem Sprechenden um. 
Auch Sie gehören dieser luchsäugigen Presse an, nicht 
wahr, Herr Hollfelden?" fragte sie mit einem Lächeln, das 
doch über den Ernst ihrer Worte nicht ganz hinwegzu 
täuschen vennochte. „Da solltest du doch auf deiner 5)ut sein, 
Herminel Möglicherweise könnte Herr Hollfelden, ehe wir 
uns dessen versehen, auch uns unsere allerintimsten Ge 
heimnisse entlockt haben." 
„Oh, ick» fühle mich ganz sicher," gab die Komtesse 
heiter zurück. „Die einzigen Dinge, die ich als tiefes Ge 
heimnis hüte, sind mein Alter und die Adresse meines 
Schneiders. Die aber werde ich mir sicherlich weder mit List 
noch mit Gewalt entreißen lassen." 
„Und Sie, Fräulein von Wehringen ?" fragte Heinz, dem 
jungen Mädchen tief in die schönen Augen blickend. 
„Ich? Oh, es gibt in meinem Leben so mancherlei, 
das ich gern für mich behalten möchte, manches, darüber 
ich mit niemandem sprechen könnte." 
„Und doch begehen wir oft eine schwere Sünde gegen 
uns selbst, indem wir uns die Wohltat der erleichternden 
Mitteilung versage», obwohl ein mitfühlendes Herz bereit 
ist, unsere Sorgen zu teilen und unsere Kümmernisse mit 
uns zu tragen." 
Sie hatte- nicht im Zweifel fein können, wie seine 
Worte gemeint waren, und es entging ihm nicht, daß ihre 
Wangen sich für einen Moment höher färbten. 
„Ein mitfühlendes Herz?" wiederholte sie halblaut. 
„Ah, wann sind mir den/Tiessen sicher?" 
„Ich glaube an d»dVorhandenskin einer inn-re 
Stimme, Fräulein von Weyringen, die uns in solchem Fr 
kaum je belügt. Mich wenigstens-bat sie meines W"-' 
noch nie
        
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