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Periodical volume Nr. 14, 16.01.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

(Kriedrrrarrer 
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Nr. 14 Setlie-Stlehcnon, Freitag, den 18. Fanuai 1928 
Fatzrg. 27 
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Omnadbrtdmis 
lRachdr« unsrem O-L>-.igmalurtikel nur mir Quellenao^^be gestaner.- 
Verbesferungen für den Gesetzenttvnrf Grosi?Berlin. 
Die Berliner Vororts, e mein schüft im Kreise 
Teltow, die, wie gemeldet, ihrem grundsätzlich ablehnen 
den Standpunkt gegenüber der Einheitsgemeinde bereits 
in einer Eingabe an den Ausschuß der Landcsversamm- 
lung Ausdruck gegeben hat, ist trotzdem bereit, an einer ] 
Verbes erung des Gesetzentwurfs im einzelnen mitzuarbeiten. 
Sie hat zu diesem Zweck dem 17. Ausschuß der Lau, 
desversammlung eine Reihe von Bcrbesserungsvorschlägen 
unterbreitet, die mindestens erforderlich sind, um den tat 
sächlichen Bedürfnissen der Verwaltung Groß-Berlins ge-> 
recht zu werden und unübersehbare Verwirrung und Schä 
digung des Gemeinwesens Groß-Berlin zu vermeiden.. 
Unter den Vorschlägen ist die Forderung hervorzuheben, 
daß die Verteilung der Stadtverordneten auf die Wahl 
kreise nach dem Ergebnisse der letzten Volkszählung und 
nicht nach den überholten Zahlen der Volkszählung von 
1917 vorgenommen werden soll. Ferner wird vorge 
schlagen, daß zu den Sitzungen deS Magistrats die Vor 
sitzenden der Bezirksämter einzuladen sind. Sie oder ihre 
Vertreter sind auf Verlangen zu hören. Zur stärkeren 
Betonung der örtlichen Selbstverwaltung in den 
Bezirken wird vorgeschlagen, dem § 13 folgende Fassung 
zu geben: Zur Ausübung der örtlichen Verwaltung und 
zur Entlastung der städtischen Körperschaften der Stadt- 
gemeinde Groß-Berlin werden die aus den Anlagen ersichv- 
lichen Verwaltungsbezirke gebildet. Ihnen liegt die gesamte 
Verwaltung ihres Gebietes ob, soweit sie nicht ihrer Art 
nach durch den Magistrat Groß-Berlin unmittelbar er 
ledigt werden muß. Die Zahl der Bezirksverovdneten 
soll auf die vierfache Zahl stimmfähiger Bürger des 
Bezirks (also bezirkseingesessener) erhöht werben. Ferner 
schlägt die Vvrortgemeinschaft vor, daß die Bezirksver 
sammlung über alle Angelegenheiten des Bezirks zu be 
schließen hat, soweit sie nicht durch den Magistrat und 
die Stadtverordnetenversammlung Groß-Berlin geregelt 
oder ausschließlich dem Bezirksamt überwiesen sind. Sic 
stellt alljährlich einen Haushaltsplan für den Verwaltungs 
bezirk aus, der durch das Bezirksamt dem Magistrat und 
der Stadtverordnetenversammlung zur Genehmigung vor 
zulegen ist. Der Bezirksversammlung liegt die Aufsicht 
über die Verwaltung deS Bezirks ob. Schließlich besürwvr- 
tet auch die BBG., daß die sämtlichen 7 Mitglieder deö 
Bezirksamts von der Bezirksversammlung geluählt werden. 
Die Ernennung von Bezirksamtsmitgliedern durch den Ma 
gistrat schafft zweierlei Klassen von Mitgliedern und rrägt 
Mißtrauen in diese Körperschaften hinein. 
o Ueber d,n Stand der Bevölkerung unserer Ge 
meinde in den Jahren 1913—1916 gibt der vor kurzem 
erschienene Verwaltungsbericht beachtenswerte Ausschlüsse 
Tie Einwohnerzahl betrug im Oktober 1913: 44 477, 
1914: 44 630, 1916: 44 225, hat sich also während der 
Kriegszeit von Oktober 1914 bis Oktober 1 3 um 405 
vermindert. Etwas andere Zahlen ergeben sich auf Grund 
der Fortschreibungen unseres Meldeamts. Die Zahl dar 
männlichen Einwohner hat sich darnach vom 31. Dez 
1913 bis zum 31. Dezember 1916 ununterbrochen von 
Jahr zu Jahr um insgesamt 753 vermindert, während 
gleichzeitig sowohl die Zahl der weiblichen Einwohner — 
um inen?"Nt 693 — als auch die der Haushaltungen — 
— um 1102 gestiegen ist. Der Rückgang der Bevölke- 
rung ist wej,. . .e Folge der Einziehung der Män 
ner zum Heeresoien, 4 c. Da d'e Einberufungen zum Heere 
nickt als ..Fortzöge" gemeldet werden brauchten, so treten 
Mrs es in der nächsten Woche gibt. 
Brot: 2350 Gramm Großbrot oder 2000 Gramm Brot 
und 350 Gramm Kleingebäck. 
Fleisch: 250 Gramm Rindergefrierfleisch. 
Butter: 20 Graillm, sowie auf die 2 Abschnitte E26 
der Einfuhrzusatzlarte 70 Gramin Margarine und 100 Gr. 
Schmalz. 
Kartoffeln: 1 Pfund auf 4a und als Ersatz 4 Pfund 
Kohlrüben auf 4 b—e und 400 Gr. Nährmittel ans 
4 f—g. Tie Kohlrüben werden in den Kartoffelgeschäften, 
die Nährmittel nach Nummern der Ausweiskarten in 
verschiedenen Kolonialwarengeschäften und zwar Nr. 1 
bis 1000 bei Grünthal, 1001—2000 bei Schoening, 2001 
bis 3000 bei Mittag, 3001—4000 bei Ziemke, 4001 bis 
5000 bci Micolowski, 5001—6000 bei Habermann, 6001 
bis 7000 bei List, 7001-8000 bei Fehr, 8001—9000 bei 
Mosig, 9001 — 10000 bei Ortmann, 10001—11 000 bei 
Gaege, 11 001—12000 bei Winkelmann, 12001 bis 
13000 bci Treuholz. 13 001—14 000 bei Kern, 14 001 
bis Schluß bei Kühnast ausgegeben. 
Zucker: Vom 16. bis 31. Januar »/« Pfund. Ferner 
für Kinder im 1. Lebens,ahre l 1 /, Pfund, im 2. Lebens 
jahre 1 Pfund imb im 3. bis 7. Lebensjahre V» Pfund 
im Monat. 
Anzumelden sind vom l-7.—2l> Januar: 
Aui Groß-Berliner Lebensmittelkarte: 
Teigwarcn: 125 Gramm auf 111, Pfund 1,18 M. 
Ausl. Hülsen fruchte: 125 Gramm auf 112, Pfund 
1,25 M. 
Maisfabrilate: 125 Gramm auf 113, Pfd. 2,90 M. 
Auf Einfuhrzusatzkarte: 
Cerealmehl: 500 Gramm auf W24 und X24, Pfund 
70 Pfennig. 
Auslandseier für Kranke: Sonnabend und Montag 
bei Neumann, Hertelstr. 3. 
Kakao: 200 Gramm für Kinder im 7. Lebensjahr und 
werdende Mütter vom 5. Monat ab. 
Weißkohl, Mohrrüben freihändig in den Gemeinde- 
verkaufsstellen Niedstraße 8 und Rheingaustraße, auch 
für Händler. 
sie zahlenmäßig nicht in ihrem ganzen Umfange in die 
Erscheinung. Nach den Aufzeichnungen des Meldeamts 
betrug die "Einwohnerzahl am 31. Dezember 1913: 44 869 
(19 691 münnl., 25 178 weibl., Haushaltungen 10 721), 
1914: 44935 (19 579 münnl., 25 356 weibl., 11820 
Haushalte), 1915: 45 065 (19 201 mannt., 25 864 weibl., 
11 957 Haush.), und 1916; 44 809 (18938 mätutl., 
25 871 weibl., 12 123 Haush.). Wieder andere Zahlen zeigt 
das Ergebnis der Personenstandsausnahme. Darnach waren 
oorhanden 1913: 44 576, 1914: 43 788, 1915: 44 012 
und 1916: 44 209 Einwohner. Der Unterschied zwischen 
diesen und den Zahlen der Meldelisten ergibt sich für 
1913 daraus, daß in den Listen zur Steuerveranlagung 
solche Personen eingetragen sind, die vom Haushaltungs- 
vorsdande wirtschaftlich abhängig sind, aber hier nictlt 
polizeilich gemeldet zu sein brauchen, wie Schüler aus- 
wärtiger Schulen, Kadetten, Studenten usiv. Von 1914 
uv ändert sich das Verhältnis dadurch, das; die zum 
Heeresdienst Eingezogenen in den Listen des Mcldeamtes 
s'.ehen blieben, in den Steuerlisten aber nicht aufgeführt 
werden. Ausländer befanden sich in der Bevölkerung 
1913; 681, 1914: 794, 1915: 888 und 1916: 1013 
Sou diesen Ausländern waren im Jahre 1916: 438 
Oesterreicher, 62 Ungarn, 13 Türken (513 Verbündete), 
14 Amerikaner, 14 Argentinier, 8 Brasilianer, 4 Chilenen, 
l Chinese, 18 Dänen, 6 Griechen, 37 Holländer, 3 Luxem 
burger, 10 Norweger. 2 Spanier, 34 Schweden. 67 
Schweizer (248 Neutrale), 11 Belgier. 36 Engländw- 
(hlervon 16 tnterniert, 4 nach England geflüchtet). >2 
, Franzosen, l Japaner, 31 Italiener, 14 Rumänen, 123 
j Richen (davon einer interniert — 228 Feinde). Ohne 
Staatsangehörigkeit waren 24, Ausländer insgesamt 1013 
! d"'0che Staatsangehörige 43 796, insgesamt 44 809 Ein- 
j wohner. 
o GrundslücksumsStze. Trotz der erhöhten Umsatzsteuer 
hat hier im letzten Vierteljahr ein starker Umsatz au 
[ Grundstücken stattgesunden. Seit dem 1. Oktober sind in 
Friedenau 27 Grundstücke verkauft worden. Dadurch er- 
rlelte die Gemeinde an Umsatzsteuer eine Einnahme von 
<s4U 000 M. 
. , PGrundstücks.),reise. Es mehren sich die Anzeichen, 
daß sich die Landwirt;cha;t notgedrungen in bemerkens 
wertem Umfange ausged-ehnterer Bewirtschaftung des Bo 
dens zugewendet. Auf der anderen Seite steigen die Güter- 
prcise fortgesetzt,, wie ». a. auch neuerliche Meldungen 
ans der Mark beweisen. Ein Gut im Kreise Kottbus 
wurde für 150 000 M. gekauft, nachdem es 3 Monate 
vorher 65 000 M. gekostet hatte. Im Kreise Königs- 
berg hat eine Wirtschaft seit dem Frühjahr viermal den 
Besitzer gewechselt; der Preis sür diese etwa 100 Moraen 
große Wirtschaft stieg im gleichen Zeitraum von 50 000 
Mark. In der Westpriegnitz sind bis zu 
1500 M. pro Morgen bezahlt worden. Wiesenpacht brachte 
bis 100 M. je Morgen, Ackerpacht je 45—60 M. Im 
Kreise Schwiebus wurden 1600 M. pro Morgen Acker 
land bezahlt. 
o Nachtounribusverkehr nach Friedenau. Die Omiii- 
buslinie vom Zoologischen Garten durch die Kaiserallee 
nach dem Kaiserplatz ist jetzl bis zur Kaisereiche in Frie 
denau erweitert worden. Die Wagen fahren vom Friedrich- 
Wilhelm-Platz aus durch die Kirchsttaße zur Kaisereiche. 
o Die Bekämpfung von Wucher und Schleichhandel 
in Groß-Berlin ist am 1. Januar vom Landespolizeiaint 
abgetrennt und im Polizeipräsidium der Abteilung W> 
iuicht 4A) unter Leitung des Rcgierungsrats Dr. Weiß 
übertragen worden. Gestern mittag besuchte Polizeipräsi 
dent Ernst mit seinem Stellvertreter Obcrregierungsrat 
Moll das Dienstgebände in der Magazinstraße und ließ 
sich die 200 Beamten der neuen Dienststelle vorstellen. 
o Das Ncucrschernen von Tageszeitungen und pe 
riodischen Druckschriften ist auf Grund der Verordnung 
des Reichspräsidenten vom 13. Januar in Berlin und 
der Mark Brandenburg verboten. Ausnahmen unter 
liegen der Verordnung des Oberkommandos. Der Druck 
und Vertrieb von Flugblättern aller Art und Flugschriften 
ist ebenfalls verboten. 
o 2loschasfr:mg des Postfchalters. In Neubauten von 
Postämtern sollen künftig ,keine Schalter niehr errichtet 
werden und bei den bestehenden Aemtern sollen die be 
stehenden Schalter abgerissen werden. Der schmucke 
^ckalterbau in unserem neuen Postamt wird also auch 
ines Tages verschwinden, und an offenen Tischen, 
llfener Barre, werden die Postbeamten dann die jetzt 
gt lange auf die Schalkeröffnung Harrenden abfertigen 
>l n dem kleinen Postgebäude im Tvrgebäude am Pot:-' 
amer Platz ist dickes „System" schon durchgeführt und 
's bewährt sich gut. 
o Personenstandsaufnahme zur Reichssteuerveranla 
gung 1920. Nachdem durch Verfügung des zuständigen' 
Landesfinanzaints eine Personenstandsaufnahme zur 
'(eichSsteuerveranlagung für das Steucrjahr 1920 nach 
-ein Stande vom 1. Januar 1920 angeordnet worden ist. 
werden in Groß-Berlin demnächst den Grundstücksbesitzern 
cher deren Vertretern die von den Wohnur.gsinhabern 
Zum Lerlinnenre. 
Roman von F. Stolze. 
gl (Nachdruck verboten) 
Dadurcl, wuroe >e:och vei de» beiden Freunden die 
Frage angereat, weshalv Kurt von Born sich denn eigent 
lich nach Abbeviile begeben habe. Daß es nur der Familie 
Werner feindliche Gründe sein kannten, bezweifelten sie 
keinen Augenblick, ebensowenig, daß Miß Eecily Warden 
ein Wertzeug Kurts war. Es mußte üm daher offenbar 
noch ein anderes ihnen unbekanntes Motiv zur Reise be 
wogen baben. Dies ausfindig zu machen, erschien ihnen von 
höchster 'Wichtigkeit. Sollte etwa diese Cecily Warden das 
Dokument für sich behalten haben, uni mit seiner Hilfe 
dem Hauptmann Daumschrauben anzusetzen, der nun nur 
hergekommen war. um festzustellen, ob das Kirchenbuch wirk- 
lich beraubt worden sei? Nun. jedenfalls wußte er letzt, 
daß die Legitimität der Familie Werner über jeden Zweifel 
erhaben sei, und daß er sich in dieser Beziehung vergeb- 
liche Hofiuungen gemacht hatte. ^ , 
Wie aber, wenn die Grunde anderer Art waren? 
Das mußte erforscht werden. Parker war, ganz abgesehen 
davon, daß Born ihn offenbar kannte, durch sein Amt, 
das ihn an Abbeville band, ganz ungeeignet dazu. Ewald 
dagegen, um denen eigenste Sache es sich handelte, und 
den Kurt nicht persönlich kannte, war der beste Mann dafür. 
Er besaß das jugendlicke Feuer und infolge seines bisherigen 
Lebens ein hohes Maß von schneller Entschlußfähigkeit. Er 
würde die Spur Kurts aufsuchen, sich an seine Sohlen 
heften und so den Mann. der bisher andere in böswilliger 
Absicht ausspioniert hatte, in die Lage bringen, zu legitime» 
Zwecken selbst beobachtet und ausgeforscht zu werden. 
* Ewald machte sich sofort an» Werk. Er erkundigt« sich 
ln dem vornehmsten Gasthof vow Abbevckle und erfuhr, 
daß am Morgen ein Herr au, Edinburgh in der Kut,che 
desGoldenen Zterns angekommen., ausgegangen, vor einer 
Sluude zurückgekommen und wieder abgefahren sei. Da 
die Personenbeschreidung genau paßte, war kein Zweifel 
vorhanden, daß Ewald auf der richtigen Spur war. Er 
verabschiedete sich daher vqn Parker, fuhr nach Edinburgh 
in den Goldenen Stern und erfuhr ohn« Mühe, daß dort 
ein Captain von Born wohne. Er nahm daher selbst in 
demselben Easthof ein Zimmer und beauftragte seinen 
Zimmerkellner, den er durch ein gutes Trinkgeld günstig 
für sich beeinflußte, ihn rechtzeitig wißen zu lassen, wann 
Eaptain von Born abreise. So konnte er in aller Ruhe den 
kommenden Ereignissen entgegensehen. 
18. Kapitel. 
In einem Wagenabteil erster Klaffe des Flying 
Scotchman saßen zwei Herren, die zuweilen beobachtende 
Blicke aufeinander warfen, die Augen aber immer wieder 
abkehrten, sobald sie einander begegneten. Der ältere von 
ihnen hatte den Zug in Edinburgh zuerst bestiegen, der 
jüngere unmittelbar vor der Abfahrt. Sie saßen sich gegen 
über an der Schattenseite des Abteils und hatten zunächst 
kaum Notiz voneinander genommen, sondern vertieften 
sich in ihre Zeitungen. 
Das änderte sich von dem Augenblick, wo der Aeltere 
seine Zeitung einmal sinken ließ und einen Blick auf das 
offene Gesicht seines Gegenübers warf. Ein Ausdruck 
suchenden Wiedererkennens machte sich in seinen Zügen 
bemerkbar, der zuletzt immer mehr den Charakter der 
Gewißheit annahm. 
Der andere, deffen Augen bisher ganz mit dem Lesen 
beschäftigt schienen, empfand offenbar dies scharfe Fixieren 
und schlug die Lider auf. Sofort ließ der Aeltere den 
Blick sinken. Dies Schauspiel wiederholt« sich von da ab 
imnier wieder in stets kürzeren Zwischenräumen und begann 
offenbar einen für beide peinlichen Charakter anzunehmen. 
Als daher der Zug in Newcastle eine kurze Zeit anhielt, 
benutzte der Jüngere die Gelegenheit, den Abteil einen 
Augenblick zu verlaßen. 
s'atiiu war er hinaus, |o erhob (ich oer andere vor- 
sichrig. vuclle sich tudi «uii.nal schnell um, hob den eleganten 
englischen Handroffe. seines Reisegefährten aus dem Netz 
und biiate gespannt aus die Aufschrift. Da standen groß 
und deutlich aus der blanken Metallplatte die Worte: 
Ewaio Werner, Engineer, Bombay. 
Ein Zug der Befriedigung flog über sein Gesicht, und 
er legte schnell den Koffer wieder an seinen Platz. Dann 
lehnte er sich nachlässig ans Fenster und blickte hinaus. 
Sein Reisegefährte trat wieder ein, und der Zug setzte 
sich in Bewegung. Born trat vom Fenster zurück, griff in 
die Brusttasche, zog seine Karte hervor und sagte, sich 
leicht gegen seinen Nachbarn verbeugend: 
„Wir sind nun schon so lange 'Reisegenossen, daß ich 
mir wohl erlauben darf, mich Ihnen vorzustellen: Haupr- 
mann von Born." ** 
Hierbei überreichte er ihm die Karte. 
Der andere stand ihm völlig sprachlos gegenüber und 
nahm ihm nur zögernd die Karte ab. Er warf einen 
Blick darauf, und es war, als durchzucke ihn ein elektrischer 
Schlag, als er den erwarceten Namen darauf erkannte. 
Dann aber nahm er sich schnell zusammen und überreichte 
dem Hauptmann auch seine Karte mit den mühsam hervor 
gebrachten Worten: „Ewald Werner I" 
„Ich dachte es mir," sagte der Hauptmann, „die 
Familienähnlichkeit ist ganz unverkennbar, und besonders 
Ihrer Schwester ähneln Sie zum Sprechen. Aber setzen 
wir uns doch! Wozu die Förmlichkeit zwischen Ver 
wandten ?" 
Und damit setzte er sich bequem nieder. 
Ewald tat mechanisch dasselbe. Dann aber kochte sein 
Unwille über, und er rief mit mühsam unterdrücktem Zorn: 
„Eine schöne Verwandtschaft, wo der eine dem andern 
die Ehre abzuschneiden sucht, ihm das Haus über dem 
Kopf anzündet, ihn auf Schritt und Tritt von gedungenen 
Banditen überwachen läßtl" 
igocqeftuog
        
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