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Periodical volume Nr. 70, 29.03.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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Nr. 78 
BerNll'Lrledevau Montag, Sen 28 März 1928 
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Ortsnacbricbtttii 
Machdr, unsrer »-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
0 Ter Gesetzentwurf Groß-Berlin. Der Groß-Bcrliner 
Ausschuß der Landesversammlung hat trotz der politischen 
Unruhen der letzten Tage die zweite Lesung des Gesetz 
entwurfs Groß-Berlin, die gegenüber der ersten Lesung 
nur einige unwesentliche Aenderungen ergab, beendet. Ge 
genwärtig wird der Kommissionsbericht festgestellt; die 
Redaktionskommission tritt in der nächsten Woche noch vor 
Ostern zusammen, um dem sehr umfangreichen Bericht die 
endgültige Fassung zu geben. Unmittelbar nach (dein 
Wiederzusanlmentritt der' Landesversammlung, der Nach 
der Umbildung der Preußischen Regierung erfolgen soll, 
geht der geänderte Gesetzentwurf mit dem Kvmmissions- 
bericht der Dollversammlung zu, sodaß — wenn nicht 
allgemeine politische Störungen eintreten sollten — die 
Verabschiedung des Gesetzentwurfs in der Landesversamm 
lung in naher Zeit zu erwarten sein dürfte. 
0 Die ÄerbaNdeversammlung Groß?Berli»l hat in 
ihrer heutigen Sitzung die Beschlußfassung über die Er 
höhung des Straßenbahntarifs auf 50 Pfg. auf Mittwoch 
vertagt, dagegen die Vorlage über Herstellung einer 
Straßenbahnverbindung nach Zehlendorf 
ohne Aussprache angenommen. Ebenso bewilligte sie 9,7 
Millionen Mark für Einrichtung eines Hilfswcrkes für die 
Straßenbahn in Wittenau. 
0 4 Pfd. Kartoffeln und 300 Gramm Nährmittel gibt 
es in dieser Woche auf Kartoffelkarte. Siehe Amtliches. 
0 Saatkartosfcln für Laubcrtbesitzer bringt unsere Ge- 
meindeverlwaltung zur Verteilung. Siehe „Amtliches". 
0 Tge Berliner Elternbeiräte gegen die Schulgcltz- 
erhöhung. Aus Einladung der Elternbeiräte des Lessing- 
GymnasiNms fand gestern eine Sitzung sämtlicher Ber- 
-liner Elternbciräte statt, um gegen die geplante Schul 
gelderhöhung Stellung zu nehmen. Es wurde eine Kom 
mission eingesetzt, die mit den maßgebenden Stellcfn 
darüber verhandeln soll, daß mindestens eine nach den 
Einkomniensverhältnissen abgestufte Fest 
legung des Schulgeldes erfolgen solle. In der Erörterung 
wurde bei Anerkennung der Notlage der Stadt darauf 
aufmerksam gemacht, daß die Zukunft unserer Bildung 
bedroht werde, wenn die Söhne der Mittelklassen nicht 
mehr die höheren Schulen besuchen dürsten. Eine freie 
Vereinigung sämtlicher Berliner Eliernbeirätr soll gebil 
det werden. 
0 Eine Zentral-BesäMcrdcstelle. Zur Entgegennahme 
von Beschwerden über Ucbergrifse, Ausschreitungen oder 
unzweckmäßiges Vorgehen von NeickMwehrtruppen ist im 
Reichstagsgebäude, Zimmer 9D, Portal 5, eine Zentral 
stelle für das ganze Reich em^ichtet worden. Sie wird 
von Oberstleutnant Brüggelirmn geleitet, dem der Mehr- 
hcits sozialist Vogel-Nürnberg zur Seite steht. Alle Be 
schwerden der obenerwähnten Art sind <an diese Zentralstelle 
zu leiten. 
0 Eine treue Aufwartefrau. Die 64 jährige Fran 
Fengler, wohnhaft in Pankow, ist seit Jahren als Auf 
wartefrau in der Friedenauer Kirchstraße beschäftigt. Der 
Streik kam und die Hausfrauen glaubten schon ihreWirt- 
schast allein besorgen zu müssen. Aber nein, Montag früh 
um 10 Uhr war die brave Frau wie immer bei der Ar 
beit. Sie war von früh um 5 bis Vs10 ohne Klnlcr!- 
brechung durch ganz Berlin gelaufen. Ein Vorbild von 
Pflichttreue für manchen Jüngeren. 
0 Die hiesige Ortsgruppe der Deutschen Demokreti- 
schen Partei veranstaltete am Sonnabend im Bürgersaal 
des Rathauses eine sehr gut besuchte öffentliche Versamm 
lung, an der auch Mitglieder anderer Parteien teilnahmen. 
Der 1. Vorsitzende, Herr Geh. Regierungsrat Vogt eröff 
nete die Versammlung, indem er an die hinter uns liegen 
den schweren Tage erinnerte, die uns wie ein schwerer 
Traum erschienen. Ein Ereignis sei es gewesen, daß .eine 
Militärherrschaft vom Volke siegreich abgeschlagen wurde; 
das deutsche Volk könne den Kopf wieder hoch tragen. Er 
erteilte dann dem Mitgliede der Nationalversaminlung, 
Chefredakteur Nuschke, das Wort. Dieser begann damit, 
daß für einen Militärputsch kein schlechterer Zeitpunkt 
bätte aewählt werden können, als der, wo Kapp den Hu 
sarenritt nach Berlin unternahm. Deutschland befand sich 
wieder auf dem Wege der Besserung, Kohlenförderung, 
Ausfuhr und Elektrizitätserzeugung waren gestiegen, die 
Arbeitslust, Ruhe und Ordnung waren eingekehrt, in 
Amerika waren Deutschland 1 Milliarde Dollar Kredite be 
willigt und die Valuta stieg. Da kam der Pritsch, der 
eine Gefahr wurde für den Bestand des ganzen Reiches. 
Mancher der Offiziere und Soldaten werden sich kaum 
der Tragweite ihrer Handlungsweise bewußt gewesen sein, 
man hatte sie mißbraucht. Süddeutschland wollte sich 
von Norddeutschland trennen, die Msonderung der Rhein 
lande drohte, und es drohte neuer Krieg. Das gehe «aus 
den französischen Zcitungsstimmeu hervor, die der Redner 
vorlas. Nachdery er diese Gefahren geschildert, sprach er 
über den Putsch selbst und die Leute, die ihn gemacht 
hatten. Er bezeichnete es für richtig, daß die Regierung 
nicht hier blieb, sondern den Sitz verlegte. Denn dadurch 
blieb sie im Amte. Nur einer hätte hier bleiben müssen 
und das war Noske, der vor seiner eigenen Wehr ausriß 
(lebhafte Zustimmung). Noske sei oft genug vor den Ge 
fahren von rechts, gewarnt worden. Den: Putsch wurde 
eine andere Waffe entgegengesetzt, das war der allgemeine 
nationale Volksstreik. Eine solche Waffe habe immer zwei 
Schärfen; mit der einen schneidet man sich gewöhnlich 
iinmer selber. Aber hier war es die einzige Waffe, um 
Kapp so schnell als möglich zu erledigen. Bethmann nannte 
Kapp einen Piraten der öffentlichen Meinung, und Graf 
Carmer hielt ihn für geisteskrank. Redner kennzeichnete 
auch die anderen Männer des Ministeriums Kapp in 
humorvoller Weise und betonte, daß man bei der Be 
strafung volle Strenge walten lassen müsse. (Bravo). Er 
übte dann Kritik auch an der eigenen Partei, bezeichnete cs 
als einen Fehler, daß man solange mit der Wahl zögerte, 
sie hätte gleich nach der Genehmigung der Verfassung 
erfolgen müsse. Nach dieser Selbstkritik habe man auch 
Recht zur Kritik an der Haltung. der anderen Parteien, 
die der Redner denn auch ausübte, wobei er insbesondere 
gegen die Deutsche Volkspartei sich wandte, die in der 
Ankündigung Stresemanns die Regierung Kapp anerkannt 
hätte, während die Demokraten in ihrer Erklärung sofort 
Kapp als Rebellen gekennzeichnet hätten. Auch gegen die 
Deutschnationalen wandte er sich und forderte Entwaffnung 
der ungetreuen Truppen, wie er auch allgemein die Zu 
rückziehung der Truppen aus den Straßen verlangte.. 
Dort wo kein Stahlhelm sich zeigte, herrsche unbeviuate 
Rübe. Fatsch sei die Auffassung, daß man mit Militär 
in den Straßen für Aufrechterhaltung der Ruhr am 
besten sorge. Indem er auf den Versailler FriedcNsvcr- 
trage überging und Revision dieses Vertrages forderte, 
besprach er die 3 verschobenen Mittel, durch die man 
dick»» Revision erreichen^Mölle. Das erste Mittel hierzu 
Erblicken die Kommunisten in der Weltrevolution, auf die 
man lange warten könne; das zweite wäre der von den 
Teutschnationalen geforderte Rcvanchekrieg, der nach den 
Bestimmungen des Versailler Vertrages, die uns keine 
Wehrmacht mehr lassen, einfach unmöglich sei. Die 'Hoff 
nung auf Rußland sei ebenso trügerisch und wenn sie 
wirklich sich erfüllen würde, so wäre Deutschland der Bo 
den,'' auf dem dieser Krieg auszufechten wäre. Das ein- 
zige'tMittel sei also die friedliche Revision durch Deutsche- 
lands Eintritt nud Wirken im Völkerbünde. Die Demo 
kratie und die Republik schasse die Einheit Deutschlands, 
durch die Monarchie würde sie zerstreut werden. Er sprach 
noch über die Koalitionsregierung und die Notwendigkeit, 
sich links anzuschließen und forderte zum Schluß alle 
auf, mitzuwirken an der Durchführung des demokratischen 
Gedankens, der uns allein hinführen könne in eine bessere 
Zukunft unseres Vaterlandes. (Stürmisches Bravo und 
langanhaltcndes Beifallsklatschen). In der Aussprache nah 
men Herr Geheimrat Vogt, Herr Henning und von 
der Deutschen Volkspartei Herr Soltau das Wort. In 
seinem Schlußwort widerlegte Herr Nuschke hauptsäch 
lich die Ausführungen des letztgenannten Herrn und be 
tonte besonders, daß man an den Abstimmungen in Flens 
burg und au den Vorgängen im Saargebiet erkenne, ein 
wie starker Träger des nationalen Gedankens gerade auch die 
Arbeiterschaft, die Sozialdemokratie sei. Darauf schloß 
dcr Vorsitzende gegen V2II Uhr die Versammlung. 
0 Haue- und Grundbesitzer-Verein. Die Monatsver-i 
sammlung am 26. März, war selch gut besucht und wurde 
anstelle des ain Erscheinen verhinderten 1. Vorsitzenden 
Herrn Treger vom 2. Vorsitzenden, Herrn F l a u g chr. 
gegen y»9 Uhr eröffnet. Dieser gedachte zunächst mit 
einigen warmen Worten derjenigen Friedenauer Ein 
wohner, die den Unruhen in der Putschwoche zum kOpfer 
gefallen sind. Die Versammlung ehrte das Andenken ddr 
Verstorbenen durch Erheben von den Plätzen. Tie Ver- 
handlungsschrist der vorigen Versammlung, von Herrn 
Engelhardt verlesen, fand ohne Einspruch Einnahme. Als 
neue Mitglieder begrüßte dcr Vorsitzende die Herren P. 
Jaenisch, Finke und P. Duchstein und gedachte in einem 
Nachruf des verstorbenen Mitgliedes Herrn Reinhold 
Schulze, während sich die Versammelten von den Plätzen 
erhoben. Ueber die Minderungssätze für Hei 
zung und Warmwasserversorgung sprach Herr 
Michaelis, dcr mitteilte, daß Herr Kammergerichts 
rat Beyer vom Mietseinigungsamt mit der Formel des 
Herrn Syndikus Sturm nicht zurecht kam. Er schlug 
vor, V10 dem Mieter und 3 / 10 dem Vermieter aufzu 
erlegen. Herr Beuster meinte, daß niemand über die 
Angelegenheit recht unterrichtet sei und Herr Flauger 
erläuterte eingehend, daß Mietsminderungen von den 
Mietern im allgemeinen nicht vorgenommen werden dürfen. 
Zum Punkt M ü l l a b f u h r nahm Herr Beuster das 
Wort und erklärte, daß die Ortspolizei die Höfe darauf 
hin kontrolliere, wo das Müll nicht abgefahren werde. 
Er empfahl, daß der Verein geschlossen gegen Anzeigen, 
die von dcr ^Ortspolizeibehörde kommen, Stellung 
nehme. Die Versammlung stimmte zu. Unter Jnteressen- 
fragcn regte Herr R u h e m a n n an, in einer Eingabe 
an den Gcmcindevorstand dafür einzutreten, daß die Vor 
gärten in den Geschäftsstraßen entfernt werden. Herr 
F langer stimmte den« zic. Bezüglich der endlichen Rege 
lung dcr Abtretung der Terrains der früheren Vorgärten 
in der Rheinstraße empfahl Herr Flauger für die Auf 
lassung an die Gemeinde einzutreten, mit der Maßgabe, 
daß die bisher zu den Grundstücken gehörende »Fläche zu 
dem bebaubaren Terrain hinzugerechnet und die grundbuch- 
lichen Eintragungskosten — wie dieses schon früher bean 
tragt war — von der Gemeinde in Pauschale bezahlt wer 
den sollen. Ohne Erfüllung dieses Verlangens dürfte! 
aus der Regelung wieder nichts werden. Tie Versammlung 
stimmt dem zu, weil man nicht verlangen könne, daß die 
Anlieger, wenn sie ihre Rechte ausgeben, auch noch Kosten 
dazu bezahlen sollen. Herr Z w i r n stellte eine Anfrage 
Die Briefe der Prinzessin. 
Bon E. Ph. Oppenheim. 
19 
(Nachdruck verboten.) 
„In meinem Hause?" fragte Arnstorf ungläubig. „Das 
äßte fürwahr mit wunderlichen Dingen zugegangen ,em. 
id nun bin ich in der Tat aufs höchste gespannt." 
Und doch war in der Tat, wie ich meine Entdeckung 
achte, durchaus nichts Wunderbares. Ich erkannte em- 
ch jene nächtliche Besucherin in einem Bilde wieder, das 
ir hier vor Augen kam." 
„Hier? Unter meinem Dache?" 
Ja, ich fand die betreffende Photographie in einem 
Ibum, dessen Besichtigung mir Fräulein Edith gestattet 
itte." ^ 
„Nun — und das Original?" 
„Das Original ist nach Fräulem Ediths Erklärung 
»re Stieftochter Margot." ^ L . 
Die Zigarre war der Hand des Oberstleutnants ent- 
llen, und wie in fassungslosem Entsetzen starrte er auf 
n ^)as^—"das ist ja heller Wahnwitz! Eine solche Der- 
utuna können Sie doch wohl nicht im Ernst hegen. Elve 
,fällige Aehnlichkeit hat Sie getäuscht. Oder Sie fangen 
l in jedem Weibe Ihre geheimnisvolle Unbekannte zu 
^Rein. Herr Oberstleutnant! Es bedarf doch wohl 
cht" erst der Versicherung, daß ich nicht wagen wurde- 
ich in dieser Weise zu äußern, wenn es sich um nichts 
ls eine Vermutung handelte. Aber es ist mehr ^als das 
- es ist volle, unumstößliche Gewißheit. ^enes orauen- 
Ukiß hat sich meinem Gedächtnis so unauslöschlich ein- 
.prägt, daß ein Irrtum beim Wiedererkennen ebenso voll- 
india ausgeschlossen war, wie wenn es sich um das Bild 
Bncr Äkutter gehandelt hätte. Ich verbürge nnch Ihnen mit 
»einem Ehrenwort dafür, daß das Original bei Photo 
graphie und die Dame, die ich in meinem Zimmer über 
raschte, eine und dieselbe Person gewesen sind." 
Die Bestimmtheit, mit der er sprach, mußte den Oberst 
leutnant nun doch wohl überzeugt haben. Ein paar Se 
kunden lang noch starrte er wie abwesenden Geistes auf 
seinen Gast, dann stöhnte er plötzlich tief und schmerzlich 
auf, und indem er seine Hand über die Augen legte, mur 
melte er: 
„Margot! — Meine Tochter Margot! — O mein 
Himmel!" 
So mächtig war unverkennbar die seelische Erschütte 
rung des Mannes, den Hollfelden noch niemals seine heitere 
Sicherheit hatte verlieren sehen, daß es dem jungen Schrift 
steller an Mut gebrach, irgendeine weitere Frage an ihn 
zu richten, wir groß auch immer sein sehnsüchtiges Ver 
langen nach weiterer Aufklärung sein mochte. 
Eine schwere, beklemmende Stille legte sich auf die 
beiden. Wie Grabesschweigen lastete es über dem däm 
mernden Garten, den noch vor kurzem der Klang lustiger 
Stimmen und das helle Lachen sorgloser Fröhlichkeit erfüllt 
hatten. 
Nur die Nachtigall in den Büschen hinter der Laube 
sang noch immer in schluchzenden Tönen ihr weiches, 
schwermütiges Lied. 
8. Kapitel. 
Die Komtesse füllte, den Kaffee in die Tassen, und bei 
der graziösen Bewegung der schlanken, wohlgepflegten 
Hand blitzten und funkelten die Ringe an ihren Fingern. 
„Meine liebe Margot," sagte sie und unterdrückte ein 
leichtes Gähnen, „findest du nicht, daß wir uns recht sehr 
langweilen? Mir gefällt dieses Berlin nicht." 
Die junge Dame, an die ihre Worte gerichtet waren, 
zuckte leicht mit den Schultern. 
„Mir geht es ebenso," sagte sie gleichmütig. „Aber 
was willst du tun? Man muß doch irgendwo leben." 
Die Komtesse entnahm dein offen neben ihrer Taffe 
liegenden goldenen Etui eine Zigarette. Ein aufmerksamer 
Kellner eille herbei, ihr Feuer zu geben, und sie nieste ihm 
mit zufriedenem Lächeln zu. 
„Es ist wahr, man muß irgendwo leben," nahm sie 
dann das unterbrochene Gespräch wieder auf. „Und einen 
Vorteil hat dieses Berlin vor unserem München; man hat 
mehr Bewegungsfreiheit — man ist hier gewissermaßen 
„moderner". Aber ich gäbe etwas darum, wären wir jetzt in 
unserem gemütlichem München." 
„Findest du nicht, daß die Uinstände, unter denen wir 
hier leben, an unserm Mißfallen an der Hauptstadt des 
Reiches die Schuld tragen?" meinte Margot. „Es sind uns 
so viele Beschränkungen auferlegt." 
Die Komtesse seufzte. 
„Ja, leider! Unter uns. Margot, eigentlich gefällt mlr 
Berlin wirklich recht gut. Und wir brauchten es mit den 
Beschränkungen nicht so tragisch zu nehmen. Ich möchte 
hier zu gern ein paar nette Bekanntschaften machen, auch 
ein paar nette — Eroberungen. Aber wenn ich mit dir 
ausgehe, werde ich gleich von deiner schrecklichen Sittsamkeit 
angesteckt. Ich habe mit dir das gleiche Gefühl, wie ich es 
ils Kind hatte, wenn mich meine Gouvernante begleitete. 
Woran liegt das, Kleines? Hast du denn gar keine Lust, 
Sich mal zu ainüsieren?" 
„Ich verstehe dich nicht," erwiderte Margot ruhig. 
,Wenn du damit meinst, daß ich keine Lust habe, Be 
kanntschaften und Eroberungen zu machen, hast du aller 
dings recht. Ich bleibe viel lieber mit dir allein." 
„Schrecklich schmeichelhaft," seufzte die Komtesse. „Was 
langen wir nur heute abend wieder an? Gehen wir ins 
Iheater?" 
„Wie du willst," meinte Margot gleichgültig. „Gibt 
rs denn wirklich noch etwas, was wir nicht gesehen haben?" 
„Wir wollen uns eine Zeitung bringen lassen und 
uns überzeugen. Jeden Abend können wir doch unmöglich 
zu Hause sitzen." 
Margot lachte teile. 
EoUetzung folgt.)
        
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