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Periodical volume Nr. 64, 22.03.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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D«li»-Zriaden«n, Ntzeinstrnhe 1». — Fernsprecher: Amt Pfalzburg 2128. 
Ar, 64 Setlto-gtisbäEsn, Msntag, fees 22. MSr, 1920 Salta- 27 
Unser friedlicher Friedenau war in diesen ® Eturnl- 
tage, veller Erregung und Unruhe. Durch die sonst so 
stillen Straßen hallten militärische Kommandas, Ge»ehr- 
uud Handgranatenschüsse. Unsere Bevölkerung erfuhr etwas 
von den Schrecknissen des Krieges. Nur vom Norden imd 
Osten Berlins wußten wir bisher von solchen Dorgängen, 
wie fle sich nun leider auch in Friedenau ereignet haben. 
Woran die Schuld lag, daß auch in unserem Orte Blut 
fließen mußte, läßt sich schwer sagen. In der Erregung 
und der allgemeinen Nervosität, die durch die politischen 
Ereignisse hervorgerufen wurde, ist die sachliche, objektive 
Beurteilung und klare Erkenntnis vielfach verwischt worden. 
Aussage und Beobachtung stehen gegen Aussage und 
anderer Beobachtung. Die Hauptschuldigen und die Urheber 
find natürlich die, die diesen Putsch gemacht haben. Wir 
wollen versuchen, alles möglichst nüchtern anzuschauen, ob 
wohl wir begreifen können, daß von dieser oder jener Seite 
vielleicht eine schärfere Stellungnahme oder Beurteilung der 
Vorkommnisse für richtiger oder notwendiger gehalten wird. 
Die allgemeine Ursache all der Vorgänge war — wie 
gesagt — die mit militärischer Gewalt erzwungene Ein 
setzung einiger Machthaber unter der Führung des General- 
landschastsdirektors a. D. Dr. Kapp und des Generals 
Freiherrn von L ü t t w i tz , die, unter Mißachtung der 
Verfassung, glaubten, die politische Macht und die Reichs 
leitung an sich reißen zu können. Die Namen derjenigen, 
bi« sich mit Kapp und Lüttwitz verbündeten, wie z. B. 
Bredereck, Traub, Jago, zeigten recht deutlich, daß politische 
Abenteurer, die mehr noch wie alle anderen Regierungsleute, 
Dilettanten waren, die oberste Leitung an sich,reißen wollten 
Welche wahren Absichten sie mit diesem Zweck verfolgten, haben 
sie nie zu verkennen gegeben. Alle von ihnen heraus 
gegebenen sogen, „amtlichen" Kundmachungen stimmten 
nicht und enthielten grobe Unwahrheiten. Es sind noch nie 
soviel Lügen verbreitet worden, das gedruckte Wort ist noch 
nie in Deutschland so gemißbraucht worden, wie in diesen 
Tagen von den Kappisten. Die Folge war, daß allerhand 
Gerüchte herumschwirrten und niemand mehr etwas glauben 
wollte, selbst die Wahrheit nicht. So wurde auch eine 
Sonderausgabe des „Vorwärts", die am 18. d. Mts. er 
schien, glattweg als fingiert, als Schwindel, von den Kapp 
u. Gen. zur Täuschung der Arbeiter erzeugt, bezeichnet. 
Die Antwort^'auf den militärischen Putsch war der 
General st reik, zu dem sich die gesamte Arbeiterschaft 
mit den Angestellten und Beamten vereinten. Und diese 
gewaltige unblutige Waffe hat einen unbeschreiblich großen 
Sieg über die militärische Gewalt errungen. 
Es ist der Sieg des fteiheitlichen Gedankens, des Ge 
dankens der Volksherrschast über das Aufflackern alter mili 
taristischer Gewaltherrschaft. Nach dieser gut bestandenen 
Probe für die Volksherrschaft darf wohl behauptet werden, 
daß die einseitige Gewaltherrschaft ein für alle mal in 
Deutschland erledigt ist. 
Denn auch die linksradikalen Mächte, die schnell am 
Werke waren, um der Spartakusherrschaft von Rechts nun 
diejenige von Links folgen zu lassen, haben an dem Wider 
stand der besonnenen Arbeiterschaft ein starkes Bollwerk ge 
funden, daS sie nicht zerschellen konnten. Dieser feste Wille 
der überwiegenden Mehrheit des Volkes, auf ruhigem, ge 
ordnetem Wege, ohne Gewaltherrschaft einer Minderheck, 
Deutschland neu aufzubauen und vorwärts zu bringen, wird 
uns jenseits der deutschen Grenzpfähle zum Vorteile ge 
reichen. Darüber müssen wir uns vollends klar werden, 
auch diejenigen, die sonst Freunde einer anderen Regierungs 
form in Deutschland sind, daß eine Gewaltherrschaft in 
Deutschland uns keine Freunde in der West schasst, im 
Gegenteil unser Vaterland vollends zugrunde richtet. Das 
Vorgehen der Kapp u. Gen. hat unserem Wirtschaftsleben 
ungeheuren Schaden vcrursacht, der in die Milliarden geht. 
Das, was die Kappisten wollten, ist in das Gegenteil um 
geschlagen. Sie handelten grundfalsch als sie glaubten mit 
militärischer Diktatur ihren Freunden zu nützen. 
Als der Streich am Sonnabend früh gelungen war, 
da jubelte ihnen wohl mancher zu und aus vielen Fenstern 
wurden schwarz-weiß-rote Fahnen herausgesteckt, die aber 
schon am Montag wieder verschwanden. Man glaubte in 
Kapp den Retter aus wirtschaftlicher Not zu erblicken und 
ganz ernsthaft dachten viele daran, 'daß nun sehr bald die 
Magenfrage gelöst, Friedenspreise und die Fülle des Waren 
angebots nahe sei. Man sieht, es gibt Leute, die noch 
immer an Wunder glauben und nicht begreifen können 
oder wollen, welchen unermeßlichen Schaden uns der ver 
lorene Krieg, ringsum von jeglicher Zufuhr abgeschnitten, 
gebracht hat. Und nun sollte durch einen einfachen Negie- 
Sm —üSiiim 
rungswechsel alles da? urplötzl ch wieder erscheinen, wLS 
einfach garnicht da ist? Keine Negierung, ganz gleich wie 
sie auch zusammengesetzt ist, kann uns urplötzlich aus 
unserer wirtschaftlichen Not befreien. Dazu gehört Geduld 
und gehört vor allem das Verständnis des Auslandes fiir 
unsere Bedürfnisse. Wir brauchen das Ausland zur Zufuhr; 
diese Zufuhr aber bekommen wir ganz sicherlich nicht, wenn 
wir eine Gewaltherrschaft in Deutschland aufrichten wollen. 
Das Ausland hat die Lebensnotwendigkeit des Deutschen 
Reiches schon erkannt. Amerika und England haben Milli 
arden zur Versorgung Deutschlands mit Waren bereitgestellt; 
sie erkennen es selbst, daß nur dadurch uns und dem Fort 
schritte in der Welt geholfen werden kann. Den guten 
Willen des Auslandes dürfen wir mm aber nicht durch 
politische Tollköpse wieder zu nichte machen lassen. * 
Ne Vergäkge in Friedens. 
Als sich die „neue" Negierung am Sonnabend auf 
machte, war es hier noch allgemein ruhig. Der Verkehr 
und alle Betriebe gingen weiter. Erst am Abend wurde 
der Generalstreik verkündet. Am Sonntag fuhren noch die 
Eisenbahnen, dagegen hatte die Straßenbahn bereits den 
Verkehr eingestellt. Am Montag lagen auch die Eisenbahn 
und die Post still. Ebenso rückten die Arbeiter aus 
einzelnen Wasser-, Elektrizitäts- und Gaswerken schon am 
Sonntag ab. Die Technische Nothilfe griff ein; sie konnte 
einige Werke ganz, andere teilweise im Betrieb erhalten. 
In Friedenau versagte die Elektrizitäts- und Gas 
zufuhr vollständig. Erst in den letzten Tagen gab es in 
einigen Häuservierteln elektrischen Strom, die Fensterbe- 
leuchtung aber versagte ganz. Beim Wasser trat nur am 
Sonntag Vormittag fiir kurze Zeit eine Stauung ein. 
Auf den Straßen bildeten sich von Sonnabend Abend 
überall die üblichen „Gruppen", wie bei Kriegsausbruch, 
bei der Revolution und den Spartakusunruhen. Lebhaft 
wurde politisiert und die allgemeine Lage besprochen. Am 
Montag Vormittag hatten sich die Ansammlungen in de» 
Straßen noch verstärkt. Da kain aus Steglitz die Alarm- 
nachricht, daß die Menge in der Schloßstraße Wagen ai> 
gehalten hätte; Einmohnerwehrleuten wären die Waffen ab- 
genomnien worden, und es sei zu Plünderungen gekommen. 
Das letztere jedenfalls erwies sich später als unwahr. 
Nie Briefe der Prinzessin. 
(E»n E. Ah. Oppenheim. 
14 (Nachdruck verboten.! 
„Also, wenn ich bitten dark, Herr Rechtsanwalt! Ich 
bin, wie gesagt, sehr erstellt, Sie hier zu haben. Es scheint 
mir ziemlich offenkundig, daß Sie um die Gefahr wußten, 
die Martens drohte. So hssbe ich mir nach restsichem 
Ueberleqen Ihre dringende nachtl,che Botschaft erklärt. Sie 
können also gewiß mich und die Polizei,"^ er betonte das 
scharf, „auf die Spur des Täters bringen. 
Der Rechtsanwalt war jetzt, als er Hollfelden allem 
gegenübersaß, durchaus nicht mehr verlegen. Gelassen 
lebnte er sich auf dem Stuhl zurück. _ 
Sie gehen sehr weit mit Ihren Bermuwngen, mem 
Herr!" sagte er, und sein Gesicht verzog sich zu einer 
Grimasse, die wohl ein Lächeln andeuten sollte. 
Ich habe wohl ein Recht da^u. Durch Sie bin ich 
ln dlese unglückselige Geschichte verwickelt worden, und Sie 
werden es begreiflich finden, wenn ich nun lebhaftes Der« 
langen trage, sie aufgeklärt zu sehen. 
Der Besucher knöpfte langsam und umstandsich seinen 
Rock ^uf-tut ^ {eiö( wcnn ^ Sie enttäuschen muß «sagte 
tt trocken Wenn ich die Polizei auf die Spur des Taters 
hätte bringen können, hätte ich nicht bis heute damit ge« 
wartet, mein Herr! Wollen S,e mir gestatten. Ihnen den 
Zweck meines Kommens ausemanderzusetzen. 
Heinz machte eine ungeduldige Handbewegung. 
„Ich bitte darum!" . . ... . 
Aber der Rechtsanwalt hatte es durchaus nicht so 
eisig wie Hollfelden. Er setzte sich «st umständlich zurecht 
und fächelte sich mit dem Taschentnch Kühlung zu. bezeich 
nende Blicke auf da« Fmer un »fett werfend» ehe er 
^^Zunächst." sagte er langsam, zunächst muß lch Sie. 
noch einmal daran erinnern, vag ich Rechtsanwalt bin. 
Ich komme nicht etwa aus eigenem Antrieb zu Ihnen, 
sondern lediglich in der erwähnten Eigenschaft, als Ver 
treter eines Klienten. Ich bitte, das freundlichst nicht ver- 
gessen zu wollen. Ich persönlich habe gar kein Interesse an 
der Angelegenheit." 
„Wer sind Ihre Auftraggeber?" fragte Heinz rasch. 
„Ihre Namen haben kerne Bedeutung," sagte der 
Rechtsanwalt abweisend. „Und ich bin nicht befugt, sie 
zu nennen. Im übrigen habe ich die weitestgehenden Voll 
machten." 
„Ihre Auftraggeber werden vielleicht in kurzem ge 
zwungen werden, sich zu erkennen zu geben." 
Berger ignorierte die Drohung in Hollfeldens Worten. 
„Mein Auftrag an Sie, Herr Hollfelden," sagte er so 
ruhig und so langsam und so trocken, wie er vorher ge 
sprochen hatte, „mein Auftrag an Sie ist etwas delikater 
Natur. Er hat keinen Zusammenhang mit jenem Ver- 
brechen, über das Sie von mir Aufklärung erwarten. Gar 
keinen Zusammenhang. Mein Auftrag ist, gewisse Papiere 
zurückzugewinnen, die aus den Effekten des Herrn Otto 
Mariens entwendet wurden — in der bewußten Nacht." 
Hollfelden wurde leichenblaß. Aber er verlor seine 
^^?§arum ßjenben Sie sich dann nicht an die Polizei?" 
„Ich komme von der Polizei, Derehrtester l Natürlich 
h«be ich die sorgfältigsten Erkundigungen eingezogen, ehe 
ich mich entschloß, Sie damit zu behelligen. Ich habe mich 
sowohl über die Ereignisse der Mordnacht genau infor 
miert," er hüstelte wieder leicht, „als ich mich vergewisserte, 
, daß sich jene Papiere nicht unter den Effekten des Er 
mordeten," er sprach das Wort so, als habe es etwa die- 
! selbe Bedeutung wie „Herr Regierungsrat" oder „Herr 
Kanzleidirektor", „des Ermordeten vorgefunden haben. Sie 
müssen ihm. wie gesagt, in der Mordnacht entwendet 
! fein." 
I i £«$e£ben .neigte sich »er. Cr fühlte den Schlag seines ( 
I J' m H*lse. I 
* yinMie Natur dieser Papiere?" 1 
Der Rechtsanwalt zog rne Augenorauen yocy. 
„Darüber brauchen wir nicht zu reden," sagte er. 
„Um es kurz zu machen: ich bin befugt, für die Wieder 
erlangung der Papiere zwanzigtausend Mark zu zahlen." 
„Warum nicht für die Entdeckung des Mörders? Das 
wird auf dasselbe hinauskommen, denke ich." 
Berger machte eine Bewegung leichter Ungeduld. 
„Keineswegs," sagte er. „Ich fürchte, mich nicht klar 
genug ausgedrückt zu haben. Mein Klient nimmt kein 
Interesse an Herrn Otto Martens, ob er nun lebte oder 
tot ist. Sein Interesse beginnt und endet bei den Papieren." 
„Aber ist es denn nicht sicher," beharrte Heinz, „daß 
der Dieb und der Mörder ein und dieselbe Person sind? 
Ihr Klient hätte sich sofort an die Polizei wenden müssen. 
Der Diebstahl dieser anscheinend so kostbaren Papiere hat 
doch aller Wahrscheinlichkeit nach das Motiv zu dem Mord 
gegeben. Und die Kenntnis dieses wichtigen Umstander 
kann der Polizei wohl zur Auffindung des Täters ver« 
„Mein Klient hat kein Interesse an der Auffindung 
des Täters," erwiderte der Rechtsanwalt gelassen. „Der 
Mord geht ihn nichts an, ob er nun an Herrn Martens 
oder an Müller oder Schulze begangen wurde. Er wünscht 
lediglich die Papiers zu erhalten." 
„Wenn er ein Anrecht darauf hat, spate er die Be 
lohnung öffentlich ausschreiben. Vielleicht hilft ihm das zum 
Ziel.' 
„Ich glaube kaum. Ich wiederhole also noch einmal: 
mein Klient märe bereit, für die Papiere zwanzigtausend 
Mark zu zahlen. Ohne den augenblicklichen Besitzer, von 
dem rr sie erhalten würde, weiter zu belästigen." 
hollfelden starrte ihn einen Augenblick verständnislos 
an. Dann rötete sich sein Gesicht langsam, und es blitzte 
in seinen Augen auf. 
^Gestatten Sie mir, einige Fragen zu stellen," sagte 
er langsam und anscheinend ganz ruhig. „Sie sagten vop» 
hin. daß Me sich üb« die Ereignisse der ttord«acht genau 
insevmiert hab««?" 
„Ganz reckt."
        
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