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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Vellage zu Nr: 5? des „Friedeuauer Lokal-Anzeiger' 
Sonntag, de» 7. März 1S2«. 
Vr^snachricktev 
ggaihdr. unsrer o-Orlgiaalarfikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die Vemühuttqen der Postv^rwaltung, de« barloscn 
Zahluttgsvertehr zu fördern, finden immer noch zu wenig 
Unterstützung, Fast alle größeren Zahlungen an die Post 
tonnen barlos beglichen werden. Als Mittel hierzu dienen 
Reichsbanküberweilungen, Reichsbankfchecke, Postüberwcä- 
sungen, Postschecke, Privatdankschecke und Platzanweisungen. 
Tie Post nimmt Ueberweisungen und Schecke entgegen bei 
Einzahlungen auf Postanweisungen und Zahlkarten, beim 
Verkauf von Wertzeichen für mindestens 10 Mark, bei 
Zeitungsbestellungen und bei Barzahlung sonstiger Gebüh 
ren, wie Fernsprechgebühren, Zeitungsgebühren der Ver 
leger, gestundeter Post- und Telegrammgebübrcn, Mieten, 
Schließfachgebühren usw. Ueberweisungen und Schecke von 
Behörden und bestätigte weiße Reichsbankschecke gelten 
ohne weiteres als Bargeld. Im übrigen werden mit Ueber- 
weksung oder Schick bezahlte Postanweisungen und Zahl- 
karten sogleich, abgesandt und Wertzeichen sogleich ausge 
händigt, wenn eine Sicherheit beim Postamt hinterlegt 
ist; andernfalls muß die Gutschrift der Ueberweisung 
oder des Schecks abgewartet werdew Es sind Vorkehrungen 
getroffen, um die damit verbundene Verzögerung auf das 
geringste Maß zu beschränken. Bis zu 300 Mark werden 
Wertzeichen auch ohne Sicherheit an ortsansässige Käufer 
sogleich ausgehändigt, wenn diese eine Ausweiskarte er 
halten haben, die schriftlich bei der Bestellpostanstalt zu 
beantragen ist. Ein ähnlicher Ausweis berechtigt zur 
Einlösung von Nachnahmen und Postaufträgen durch 
Überweisung oder Scheck, wenn nicht, mehr als 1000 
Mark auf einmal einzuziehen und die Postaufträge nicht 
sofort zurück-, weiter- oder zum Protest zu geben sind. 
Nähere Auskunft erteilen die Postanstalten bereitwillig. 
o Sein 25 jähriges Meistörjubiläum begeht am Mon 
tag, dem 8. März, Herr Schuhmachermeister I. Lewan- 
d o w s k i. Wilhelmshöher Straße 24. 
o Ein frisches Frühltngskonzert wird daS Frie 
den au er S chü ler o rch e st er am Sonnabend, dem 
27. März d. Js., abends 8 Uhr. im Festsaal des Reform- 
realgymnasiums-Homuthstraße bieten. Der Besuch ist sehr 
zu empfehlen. Die reichhaltigen Darbietungen des unter 
der bewährten Leitung des Dirigenten Herrn Dr. Arthur 
Böhme stehenden Orchesters werden abwechselnd mit künst 
lerischen Einzelleistungcn eine vollendete Festfolge bildew 
Ihre Mitwirkung haben gütigst zugesagt Frau Dr. 
Röhme-Heidenreich (Sopran), der Violoneellovir- 
tuose Herr Arnim Liebermann und Herr Dr. Mauer 
mann (Rezitation). Eintrittskarten zu 3,2, und 1,50 
Mark sind nuö in der Musikalienhandlung von Schwartz, 
Rheinstr. 60, zu haben. — Die Uebungen des Schüler- 
orchesters finden jeden Sonnabend Nachmittag um 6 Ubr 
im Gesangsaal des Reformrealgymnafiums statt. Anmel 
dungen, auch fördernder Mitglieder, erbeten. 
o Eimen Kommers-Abend veranstalten die Sport- 
abteilung Friedenau-Wilmersdorf und 1. Männerabtlg. 
des Männer-Turn-Vereins Friedenau e. B. am Sonm- 
tag, den" 14. März 1920, nachmittags 5 Uhr, in den 
Festsälen deS Patzenhofer-Restgurants, Steglitz, Breiten 
Ecke Albrechtstraße. Zu einer machtvollen Kundgebung 
für den leibeserziehlichen Gedanken soll dieser Abend, 
werden und alle die, die sich so oft beim Kampf auf dem 
grünen Rasen und auf dem Turnboden gegenüberstehen 
auch einmal in geselliger Runde zusammenführen Den 
interessantesten Teil des Abends dürften die Turn- und 
Sportvprführungen, lebenden Bilder, Kunstfreiübungen 
und Keulenschwingen ausfüllen, die von den besten Tur 
nern und Turnerinnen des Vereins gezeigt werden, wäh 
rend Gcsangsvorträge, ernste und heitere Vorträge, 
Theater sowie eine erstklassige Künstlerkapelle für toeitcre 
Abwechslung reichliche Sorge tragen werden. Wir empfeh 
len daher unseren Mitbürgern, sich diesen Abend nicht 
entgehen zu lassen. Eintrittskarten zum Preise von 3M. 
sind im Vorverkauf bei den Herren W. Stolhenburg, 
Rötwebergstr. 3, B. Bernecker, Lauterstr. 30, PaülRuhnke, 
Albestrübe 21,111, in der Geschäftsstelle W. Schubotz, Wil- 
Htlmshvher Str. 6, sowie an der Abendkasse zu haben. 
wo Die „Matthächöpassion" von I. S- Bach wird Mon- 
1y^^KaNvoche^dei^2^^rärz^abend^7EUHr^im^großen 
vir Briefe der Prinzessin. 
Von E. PH. Oppenheim. 
7 (Nachdruck verboten.) 
Er hatte hier keinen Freund im eigentlichen Sinne des 
Wortes, aber auch sicherlich keinen Feind. Sein Benehmen 
war gegen jedermann das eines höflichen und zuvorkommen 
den, wenn auch etwas reservierten Mannes. Und erst m 
den aUerjüngsten Tagen, in den Tagen, die seit dem Be- 
kanntwerden der Mordtat in der Rankesttaße vergangen 
waren, glaubten einige besonders aufmerksame Beobachter 
wahrgenommen zu haben, daß er in semem Verkehr mrt 
Heinz Hollselden eine Verschlossenheit und abweisende Kalte 
an den Tag legte, die erheblich über das Maß feiner ge« 
wöhnlichen höflichen Zurückhaltung hinausging. 
Auch an diesem Nachmittag hatte er sich bisher mit 
keinem Wort an der Unterhaltung beteiligt, deren Kosten 
zumeist von dem Oberstleutnant bestritten wurden. Der 
Bildhauer Hainau war es gewesen, der das Gespräch 
zuerst auf den geheimnisvollen Mord gebracht hatte. Und 
nach einigen allgemeinen Betrachtungen über die unauf. 
geklärt gebliebenen Kapitalverbrechen der letzten Jahre 
^Jch"bin^ja1?in Kriminalist und maße mir Nicht an. 
scharfsinniger zu sein als die durch Erfahrung gewitzigten 
Herren am Alexanderplatz: aber es will mich doch beinabe 
bedünken, als ob man etwas zu einseitig vorginge, indem 
man immer nur nach einem Mörder suchtt und sein Augen- 
merk lediglich auf Personen männlichen Geschlechts^richtet, 
die etwa für die Tat in Betracht kommen könnten. 
In diesem Moment-erhob Dombrowski zum ersten Male 
die Lider, und seine müden, verschleierten Augen richteten 
sich voll auf das Gesicht des ihm gegenüber sitzenden Holl, 
seiden. Es konnte ihm kaum entgehen, daß sich die blassen 
Wangen des jungen Schriftstellers jäh mit einem rasch 
«jeder verschwindenden, heißen Rot überzogen, aber seine 
Stimme ' hatte ihren gewöhnlichen, gleichgültig "atten 
Klang, «ls er. shne den SU* tz.Uf.Ücn j» »ec»e* 
den, fragte: 
Saale der Hochschule vom „Mademischen Chor", unter 
Leitung seines Dirigenten John Petersen, aufgeführt. Mit 
wirkende sind: Das .Müthner^Orchester", Joh. Behrend 
(Sopran), Eva Jakelius-Lißmann (Alt), Georg A. Walter 
(Evangelist), I. v. Raatz-Brockmann (Jesus), H. H. Nissen 
(Petrus usw?» und Schülerinnen des „Chors der Künigin- 
Luise-Schule" in Friedenau. Karten zu 2 bis 10 M. find 
in der Musikalienhandlung von A. Schwartz, Rheinstr. 60, 
zu haben. 
Schömberg 
—o Sitzung der Stadtverordnetem am Montng, dem 
3. März 1920, nachm. 6 Uhr. Tagesordnung: 1. Aus- 
ß werden die Verhandlungen über die unveicmutete 
on der städtischen Kassen vom 24. Februar 1920. 
3. Beschlußfassung über den Antrag der Stadtv. Frau 
Böhm und Gen. betr. Gewährung einer Beihilfe den zum 
Milchbezug berechtigten Haushaltungen mit einem Ein 
kommen von weniger als 6000 M. 3. Beschlußfassung 
über die Vorlage des Magistrats betr. die Beibehaltung 
, der erhöhten Gebühren für Desinfektionen. 4. ; Des gl. 
I betr. Bewilligung von 21000 M. für Umbau, Ausbau 
und Instandsetzung des städtischen Arbeitsamtes. 5. DeSgl. 
von 2 0Ö4167 M, anteiliger Kosten für den Wohnungs 
verband Groß-Berlin. 6. Desgl. von 1000 M. für die 
Grcnz-Spende. 7. Desgl. betr. Festsetzung der Besoldung 
für die Praktikantinnen' des. Krankenhauses. 8. Desgl. 
betr. Abschluß eines Vertrages Über eine 10 jähr. Arbeits 
gemeinschaft nrit dem Berliner "Verein für Volkserziehung 
und Leistung eines Beitrages bis zur Höhe von jährlich 
400000 M. 9. Desgl. betr. Bewilligung von 1800 Mark 
für den Umbau der Zweigstelle 4 und der Girokasse B. 
10. DeSgl. von 400 W. zur Deckung der Kosten eines 
von den Schülern und Schülerinnen der höheren Lehr 
anstalten zu veranstaltenden Schauturnens. 11. Desgl. 
von 10000 M. für die Beschaffung von Lorbeerbäumen 
zu Ausschmückungszwecken. 12. Desgl. von weiteren 
4 000 000 M. zur Durchführung von Maßnahmen zur Lin 
derung der Wohnungsnot. 13. Desgl. betr. Errichtung 
einer städtischen Schwesternschaft im Krankenhause. 14. 
Desgl. betr. Bewilligung von 16 958,50 M. für die Ein 
wohnerwehr. 15. Bericht deS Ausschusses über die Vor 
lage deS Magistrats betr. Einführung einer Lustbarkeits- 
steuervrdnung. 16. Kenntnisnahme von der Vorlage des 
Magistrats betr. die Erhöhung der Wasserpreise und Be 
schlußfassung über die Bewilligung der anteiligen Kosten 
am Schiedsverfahren in Höhe von 1951,68 M 17.—30. 
Nachbewilligungen. 31. Desgl. betr. Uebertragbarkeit von 
Ansätzen des Schulhaushalts D für 1919. 32. Desgl. 
betr. Gewährung einer einmaligen Zuwendung an die 
nichtständigen Hilfskräfte. 
ZaTchriften 
®slx diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Dl« SttmLbÄratLwatzle«. 
Efifige Worte zum Verständnis in letzter Stunde von 
F. Leonhardt. 
Zu den Einrichtungen der neuen Zeit, deren Zweck 
und Ziel noch die Wenigsten kennen, gehören die Eltern- 
bciräte. Geht man in die Familien, die schulpflichtige 
Kinder besitzen, — lvelcher erschreckenden Unwissenheit und 
Gleichgültigkeit begegnet man da in dieser Frage! Und 
dabei geht gerade sie uns doch soviel an, denn sie betrifft 
unsere Kinder, deren Wohl und Wehe und vor allem 
deren Zukunft zum großen Teil in den Händen der 
Eltcrnbeirätc liegen soll- Ist es da nicht erschreckend und 
stellt eS der Gleichgültigkeit unserer Eltern gegenüber der 
Zukunft ihrer Kinder nicht ein furchtbares Zeugnis aus, 
wenn an den Gemcindeschulen Friedenaus, an deren Türm 
doch Parteipolitik und Äntireligiösität so heftig pochten, 
trotz eifrigster Wahlarbeit kaum 50 Prozent der Eltern 
an der Wahlurne erschienen! Noch einmal ergeht in 
letzter Stunde an alle Väter und vor allem an alle 
Mütter, die sich doch sonst so sehr um ihre Kinder sorgen, 
der Ruf: Sonntag gehört jeder Vater und jede 
Mutjer an die Wahlurne! Dies gilt natürlich 
für alle höheren Schulen Friedenaus, auch für die- 
„S!e glauben also, daß cs e>n Wcid gewesen sein 
könnte, die jenen Martens erschlug?" 
„Ich glaube es nicht gcr.be, aber ich kalte es doch auch 
für keineswegs unmöglich. Die Brutalität bei der Aus- 
führung des Verbrechens und die Wahl der Mordwaffe, 
die nach den Meinungen der Sachverständigen nur ein 
Beil oder ein ähnliches schweres Instrument g.-wesen sein 
kann, scheinen ja allerdings für einen männlichen Täter 
zu sprechen. Aber die Sektion hat ergeben, daß es keiner 
besonderen Kraftauswendung bedurfte, um dem Manne 
diese fürchterliche und unbedingt tödliche Verletzung veizu- 
bringen. Nach dem Befunde war seine Schädeldecke so 
dünn und zerbrechllch wie die eines Kindes im allerersten 
Lebensaller. Jeder Fall und jeder auch nur mit mäßiger 
Wucht geführte Schlag oder Stoß hätte ihm schon längst 
verhängnisvoll werden können." 
„Möglich," sagte Dombrowski, aber darauf allein können 
Sie doch Ihre Hypothese unmöglich stützen. Haben Sie 
denn noch irgendwelche andere Ursache, die Täterschaft 
eines Weibes zu vermuten?" 
„Keine andere als die Erwägungen, die sich einem 
aufdrängen müßen» wenn man die Person des Ermordeten 
und die Art seiner Lebensführung in Betracht zieht. Die 
Herren sind darüber aus den Berichten der Zeitungen ja 
hinlänglich unterrichtet." 
„Ich nicht," warf der Bildhauer ein. ^Die Spalten, 
in denen von Unglücksfällen und Berbrechen die Rede istz 
pflegen im allgemeinen kein Interesse für mich zu haben. 
Dies aber scheint doch ein ganz außergewöhnlicher Fall zu 
sein, und wenn es Sie nicht ermüdet, Herr Oberslleut- 
nant * 
„Bitte, das läßt sich ja mit wenigen Worten wieder 
holen. Dieser Otto Martens scheint nach allem ein wauvais 
sujst im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen zu sein. 
Nach Ausweis der polizeilichen Anmeldung war er erst 
vor nicht langer Zeit aus London nach.Berlin gekommen, 
in seinen Umgangskreisen aber war er allgemein unter dem 
Spitznamen „der Afrikaner" hekaonh wttl er sich namentlich 
seinen zahlreichen ,Fr«ntkftnnen^ gegenüber der Helden 
taten zu rühmen pflegte, die fr im Burenkriege gegen 
die Engländer verrichtet habe. Seine verschwenderischen 
jewigen, an. denen nur 1 Liste zur Wahl steht. Denn 
hier kommt es weniger auf die selbstverständliche Wahl 
der Listen an, als auf die Stimmen, die auf diese Listen 
fallen. Sollen doch djese Stimmen -zeigen, daß die El 
tern mit den Grundsätzen einverstanden sind, die zu 
ihrer Aufstellung geführt haben, und daß die Eltern er 
warten, daß die künftigen Beiräte auch nach diesen Grund- 
sätzen handeln. Dieser Grundsätze aber find vier, näm 
lich: 1. Deutschtum und Vaterland sollen Grundstein 
und Eckstein jedes Unterrichts bilden. 2. Kein Kind soll 
durch die Schule gehen, ohne mit Wesen und Geschichte 
der Religion vertraut zu sein. 3. Ausbeutung der Schule" 
zu parteipolitischen Zwecken, möge sie kommen, woher 
sie wolle, hat zu unterbleiben. 4. Zucht und Ordnung 
gegenüber den Schülern, Vertrauen gegen die Lehrkräfte 
— aus diesen Grundsätzen soll die Arbeit der Eltern- 
beiräte sich ausbauen. Zur Durchführung dieser vier 
Grundsätze hüben sich aus allen Kreisen der Bürgerschaft 
Männer und Frauen zusammen gefunden, die, vom all 
gemeinen Vertrauen getragen, als Wahlausschüsse „un- 
polittsch-christliche" Listen zusammengestellt haben. Diese 
Listen sind unpolitisch: zwar haben alle bürger- 
I Parteien von den »Deutschnationalen bis zu den Deutsch- 
Demokraten bei der Aufstellung dieser Listen mitgewirkt, 
aber aus den Elternbeiräten muß alle Parteipolitik fern 
bleiben, und wer sie zu solchen Zwecken mißbrauchen 
will, ist unser schärfster Feind! Diese Listen sind christ 
lich: Der Name soll natürlich keinen Gegensatz 
zu anderen Religionen betonen, sondern nur besagen-, 
daß Religion, die ja nun einmal für die gewaltige 
Ueberzahl der Schüler die christliche ist, in die Schule 
und unter die Schüler gehört. Für diese Grundsätze 
muß am morgigen Sonntag jeder Vater, muß aber auch 
jede Mutter eintreten; vor allem muß dies natürlich aml 
Realgymlnasium geschehen, wo die große Gefahr 
droht, daß der Elternbeirat und damit die. Schule ein 
Tummelplatz parteipolitischer und antireligiöser Kämpf« 
wird, eine Gefahr, die Niemand härter treffen würde, 
als unsere Jungens und Mädels! Diese meine Mah 
nung möchte ich vor allem natürlich an alle die richten, 
die mit mir auf deutschem und demokratischem Boden 
stehen. Denn die Grundsätze, nach denen die unpolitisch 
christliche Liste aufgebaut ist, sind Grundsätze, die auch 
die Teutsche demokratische Partei verficht. Und es ist 
erfreulich, daß sich wenigstens in dieser Frage, die sonst 
so arg zerklüfteten bürgerlichen Parteien zusammenge 
funden haben. Diese gemeinsamen Anschauungen bekräftige 
morgen jeder Angtzhprige, aller bürgerlichen Parteien, 
indem er voll Pflichterfüllung gegenüber seinen Kindern 
zur Wahl schreitet. Und besonders am Realgymnasium! 
gibt es morgen nur eine Parole: Liste „MüllerFinke"» 
Dringender Mahnruf! 
Für die am Sonnrag, dein 7. d. Mts., von: 9 Uhr Vor 
nfittags bis 6 Uhr nachmittags stattfindenden Wahlen zum 
Elternbeirat an der Realschule und dem Realgymnasium 
sind zwei Listen aufgestellt: eine ausgesprochene Parteiliste, 
die sozialdemokratische, und eine parteilose, die unpolitisch 
christliche. Die Aussteller der ersten Liste bezwecken er 
sichtlich, schon die Schuljugend zu Anhängern ihrer be 
stimmten politischen Anschauung zu gewinnen, im offenen 
Widerspruche mit dem ministeriellen Erlasse, auf dem die 
Einrichtung der Elternbeiräte überhaupt beruht: denn 
nach ausdrücklicher Vorschrift dieses Erlasses soll jede 
Partcipolitik von der Schule ferngehalten werden. Dem 
gegenüber stellt sich die unpolitisch-christliche Liste völlig 
auf den Boden dieses Erlasses, der auch als der einzig 
richtige anerkannt werden muß. Ist es schon für den Er 
wachsenen kaum möglich, zu entscheiden, welche Partei 
richtung die für das Allgemeinwohl beste 'H)t, um wie 
viel weniger können mehr oder minder große Kinder 
darüber urteilen. Andererseits weiß jeder, wie unendlich 
schwer es ist, in späterem Alter jemanden aus einem 
Gedankenkreise wieder zu befreien, in den er in jungen 
Jahren einmal eingesponnen worden ist. Soll daher auch 
in politischer Hinsicht unserer Jugend für die Zeit ihrer 
Reife zu eigener Erkenntnis diejenige Freiheit gewahrt 
werden, für die sonst doch gerade auch die Sozialdemo 
kratie so lebhaft eintritt, so ergibt sich daraus die not- 
Passionen sprechen für den Besitz reichAcher Geldmittel, ob 
wohl man in seiner Wohnung nur eine verhältnismäßig 
geringfügige Summe und keinerlei Ausweis über sein Ver 
mögen vorgefunden hat. Aber es steht fest, daß er seit 
Monaten allabendlich große Beträge in liederlicher Gesell 
schaft ausgegeben und gleichzeitig mehrere Liaisons mit 
Choristinnen und anderen, meist recht kostspieligen Dämchen 
unterhalten hat. Gewisse Spezialitäten-Theater zählten 
hn zu ihren Stammgästen, und zwar nicht bloß vor, 
andern auch hinter den Kulissen. Und es heißt, daß er bei 
einer Heimkehr in vorgerückter Morgenstunde zumeist stark 
angettunken gewesen sei. Irgendwelchen Familienverkehr 
oder Freunde aus anständigen Gesellschaftskreisen scheint 
dieser musterhafte Jüngling überhaupt nicht gehabt zu 
haben. Wenigstens hat sich bis jetzt niemand gemeldet." 
„In der Tat, ein wenig schmeichelhaftes Charakterbild, 
das Sie da von dem Unglücklichen entwerfen," meinte der 
Bildhauer. Dombrowski aber kam auf seine vorige Frage 
zurück. 
„Und warum sollte es ein Weib gewesen sein, das ih» 
erschlug?" 
m 
„Es könnte ein Weib gewesen sein," erwiderte der 
Oberstleutnant mit nachdrücklicher Betonung, „weil Lebe 
männer solchen Schlages in einer gewissen Sphäre holder 
Weiblichkeit ein sehr begehrter Artikel und darum oft ein 
Gegenstand der erbittertsten Wettkämpfe sind. Vielleicht 
hatte er einer bisherigen Favoritin plötzlich seine einträgliche 
Gunst entzogen und dadurch die Rachefurie in ihrem Herzen 
entfesselt. Hinter der geschminkten Larve dieser ewig 
lächelnden Geschöpfe birgt sich ja oft genug ein Vulkan von 
Leidenschaft, dessen Ausbruch die schrecklichsten Katastrophen 
herbeiführen kann." 
Dombrowski schien wieder ganz in die Bettachtung 
seiner um das Knie gefalteten mageren. Fjnger vertieft. 
„Glauben Sie nicht, daß die Polizei nach dieser Rich 
tung hin bereits sehr eingehende Nachforschungen ange 
stellt haben dürfte?" fragte er. „Man scheint über seinen 
verkehr außerhalb des Hauses doch ziemlich genau unter 
richtet." 
Mo^setzun« folgt.)
        
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