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Periodical volume Nr. 55, 04.03.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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fc* Lvu •**«* ISO m*i erscheint tasttch abends. 
>k< Eb«t tytijßmrf 1111. — Drurk «nd Berlag v»n tte LchÄH, 
ZeitUttg) vazergen 
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iWrst«-8rMi)e«a. Rhei»ktrah« W. - Aeeut^recher: Amt Pfalzburg 21A». 
85 BerliU'FrikrSsrrM, Ionnkrstag tzr?n 4. M8r; 1929 Saörn. 17 
Ortstiad*rid?t#fä 
Machbr, unsrer o-Originalarttkel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o LaS Verdienstkreuz für KriegShi'fe erhielt Krimi 
unloberwachtmeister Kolzer, Rheingaustr. 25, ferner der 
Kaufmann Hermann Thiele und der Telegraphensekrctür 
Albin Tadel, Kaiserallee 68. ' . 
o Ter Botrnrische Garten in Dahlem ist am Sonntag, 
den 7. März, von 11 bis 4 Uhr dem allgemeinen Besuch 
geöffnet. Kinder unter 10 Jahren haben keinen Zutrikt. 
o Tie mißglückte Wilmcr.Dorfer Müllabfuhr. Die 
Fricdenauer Hausbesitzer haben wiederholt die Regelung 
der Müllabfuhr durch die Gemeinde angeregt. In Wil 
mersdorf hat man vor kurzem die Müllabfuhr" kommunali 
siert, Ivas hier auch in den Versammlungen über den 
Anschluß Friedenaus an einen Nachbarort als besonders 
wertvoll hervorgehoben wurde. Nun hat sich gezeigt, daß 
die Kommunalisierung der Müllabfuhr in Wilmersdorf 
ein Mißgriff war. In der gestrigen Wilmersdorser Stadt 
verordnetenversammlung stellten die Sozialdemokraten 
selbst den Antrag, die Müllabfuhr wieder einem Privat 
unternehmer zu übertragen. Das wurde auf der dür- 
aerlichen Seite mit lebhafter Heiterkeit aufgenommen. 
Die Borlage, die eine Erhöhung der monatlichen Ab- 
fuhrgebührcn von 6.50 M. aus 9,50 M. verlangte, ging 
an den Finanzausschuß. 
o Ter neue Posttarif. Der Berkehrsbeirat beim Reichs 
postministerium beschäftigte sich am Dienstag mit dem 
neuen Tarif, für den folgende Sätze vorgeschlagen werden: 
Briefe im Orts- und Fernverkehr 0,30 M.. Pakete bis 
5 Kg. 1,25 M., über 5 Kg. 2,00 M., Einschreibebriefe 0,50 
Mark, Versicherungsgebühren pro 1000 M. 1,00 M., 
Postkarten 0,20 M., für Orts- und Fernverkehr: Truch- 
sachen 0,10, 0,20, 0,40, 0,60, 0,80 M., Postanweisungen 
bis 50 Mark 0,50 M.. über 200 Mark 1,00 M., über 500 
Mark 1,50 M., über 1000 Mark 2.00 M., Zeitungsbci- 
lagen 0,03 M., ZcitungSbahnhofsbriese 0,30 M., Lager 
gebühr für postlag. Sendungen 0,10 M., für Pakete pro 
Tag 0,10 M., Telephon- und Telcgraphengebührcn sollen 
um 100 Prozent erhöht werden. 
o Tie Schuhmacher FriedcmauS teilen ihrer Kund 
schaft mit, daß sie gezwungen sind, die Preise für Schuh- 
reparaturen bis auf weiteres um 20 Prozent zu erhöhen, 
da das Leder wie jegliches andere Material wiederum 
im Preise bedeutend gestiegen ist. 
o Drohender Zwiespalt im Buchdruck- und Zettungsi- 
gewerbe. Nachdem die Berhandlungen des TarrfauSschufses 
der Deutschen Buchdrucker seit 27. Februar wegen erneuter 
Teuerungszulagen an die Gehilfen getagt und am Sonn- 
tag ergebnislos abgebrochen waren, hat am Montag ein 
vom Reichsarbeitsministerium eingesetzter Schlichtung'saus- 
schuß einen Schiedsspruch gefällt. Erneute Berhandlungen 
des Tarifausschusses haben zu keiner Einigung geführt. 
Damit ist leider die Gefahr einer Lahmlegung deS deut 
schen Druck- und Zeitungsgewerbes gegeben. 'Eine auf 
Freitag Wend in Kliems Festsäle einberufene Vertrauens- 
männer-Bersammlung des Vereins der Berliner Buch 
drucker und Schriftgießer dürfte die Entscheidung bringen. 
o Ter Pundesrrbend, den der Evangelische Bund zur 
Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen, Zweig« 
verein Sckwneberg-Friedenau-^Tteglitz, gestern Abend im 
Festsaale des hiesigen kirchlichen Gemeindehauses veran 
staltete. war gut besucht. Herr Pfarrer R o d a tz - Schöne^ 
berg, leitete rhu mit einer herzerbauenden Ansprache^ 
tieferfüllt von Vaterlandsliebe, treudeutschem Geist und 
festem Gottvertrauen ein. Er schloß sie mit dem Goethe» 
scheu Wort: Wer verzweifelt ist ohne Gott und ohne Gott 
will ich nicht leben. Den Mittelpunkt des Abends bildete 
der Dorttag deS geschäftsführenden Vorsitzenden des Evan 
gelischen Bundes, Herrn D- Otto E v e r l i n g über: ,,Uw 
sere Aufgaben in der heuttgen Notlage des deutschen 
Protestantismus". Ter Borttagende kennzeichnete zunächst 
die allgemeine, große Not, in der wir leben. Niemaisd 
habe bisher einen klaren Ausweg aus dieser Not, einen 
klaren Weg zum Ausstieg zeigen können. Auch er könne 
es nicht und darum rede er nicht gern. Groß sei..auch 
die Not deS Protestanttsmus, wenn wir daran denken, 
daß unsere erbittertsten Gegner, die uns zu Grunde rickp- 
t.ien, das protestantische England und das protestantische 
Amerika waren. Er kennzeichnete dann die Lage der deut 
schen Protestanten, ringsum eingekreist von katholischen 
Ländern. Die Hoffnung aus den Anschluß an den bal 
tischen Protestanttsmus mußten wir begraben. Dazwischen 
schiebt sich fetzt das katholische Littauen. Er sprach von 
den Verhandlungen, die darauf abzielten, evangelische Teile 
Polens unter die deutsche evangelische Kirche zu bringew 
Bei diesen Verhandlungen, die sich zerschlugen, war der 
Vertreter der Entente ein Japaner, von der deutsche Re 
gierung war ein bäurischer Katholik und ein Jude zugegen. 
Der polnische evangel. Kirchenvorsteher in Warschau will 
alle Evangelischem Polens unter seine Herrschaft 
bringen und sie zu Polen machen. Weiter erwähnte der 
Redner den gerinacn politischen Einfluß der Evangelischen 
in Deutschland. $n der Nationalversammlung wären die 
Protestanten in der Minderheit und hohe Äemter wür 
den von Katholiken verwaltet. Tie Katholiken arbeiten 
mehr nach Rezepten, die Protestanten zu sehr mit Proble 
men. Ten Gedanken der Gründung einer evangelischen 
Dolkspartei, der so oft angeregt werde, verwarf er. Er 
spracb über die Einsetzung der drei evangelischen Mi 
nister Südekum, Heine und Oeser, die die obersten evan 
gelischen Kirchenleiter wurden, schilderte das katholische 
System an der seelischen Marter eines sterbenden Mannes, 
der in einer Mischehe, die von der täthol. Kirche als 
Konkubinat und wilde Ehe angesehen wird, lebte und denk 
der katholische Geistliche die Sterbesakramente verweigerte, 
wenn er sich zuvor nicht katholisch trauen und seine 
Kinder katholisch erziehen ließe. Ter Redner gab Finger 
zeige über den weiteren Ausbau der evangelischen Kirche, 
über die Berttesung der deutsch-evangelischen Glaubenst- 
lehre im Volke durch Ausbau unserer Kirche zur Volkskirche. 
Den Zeichen der Zeit dürfe sich auch die evangelische 
Kirche nicht verschließen; sie müsse auch ihren Einfluß 
aus die Schule beibehalten. Hierbei erwähnte er die 
Elternbeiräte und forderte auf, dahin zu wirken, die 
noch immer sinssende Moral unseres Volkes wieder zu 
l/eben. Mit dem Worte: An Gott und dem Vaterland« 
darf kein Mensch verzweifeln, schloß er seine mit starkem 
Beifall aufgenommene Rede. — Der Vortrag wurde um 
rahmt von künstlerischen Darbietungen. Frau Oberstleut 
nant Scharfer, die für das erkrankte Frl. Fleischer 
fttrgesprungen war, sang mit guter Altstimme einige 
Lieder, die lebhaften Beifall fanden. Herr Fritz Decherft 
erfreute mit Eellovorttägen, in denen er Temperameint, 
stilvolles, inniges Spiel, sauberen Vortrag und guteTeck>- 
nik erkennen ließ. Menuett von Hugo Becker, Wiegenlied 
von Humperdinck, Serenade von Gab. Marie spielte er 
genau so glänzend wie zwei hübsche Vertonungen:'Melodie 
und Menuett von Hans Stirz, der den jungen Cellisten 
am Klavier selbst mit feinem Kunstverständnis und zar 
tester Anpassung begleitet In seinem Schlußwort dankte 
Herr Pfarrer Foerlsch allen Mitwirkenden an dem 
Abend, der jeden Teilnehmer mit froher evangelischer 
Zuversicht und Kampfesfreude erfüllt I>at. 
o Dem Bürgerrat Friedenau sind vom GroßBer- 
liner Bürgerrat eine Anzahl der kleinen Druckschrift: Der 
Friedens vertrag in 101 Forderungen, über 
wiesen worden. Diese kurze Zusammenstellung der For 
derungen der Entente, die für jedermann von größtem 
Interesse sein wird, erhalten Mitglieder des Bürger-' 
! bundcs nncntgeltlich gegen Vorzeigen der Mitgliedskarte 
in den Sprechstunden des Vürgerrats im kirchlichen Ge 
meindehaus, Kaherallee 76a, Sonnabend und Dienstag 
Nachm. 5—6 Uhr und Donnerstag morgens 9—10 Uhr. 
o Gegen den Schöuebergcr Stadtverordneten Kunze, 
der, wie in der Schönederger Stadtvcrordnetenversamm- 
| lnng mitgeteilt wurde, 1000 Heda-Gummiknüppel haupt- 
s sächlich an seine Parteimitglieder vertäust hat, ist, wie 
> wir erfahren, vom Ersten Staatsanwalt beim Landgericht I 
ein Ermittlungsverfahren angestrengt worden. 
o Das- Domchor Konzert mit Pros. Rüdel als Di 
rigenten und Walter Drwenski als Solisten an der 
Orgel nimmt daS lebhafteste Interesse unseres musik 
liebenden Publikums in Anspruch. Obwohl eS erst am 
Sonnabend, den 13. März stattfindet, ist die Nachfrage 
nach Eintrittskarten bereits so rege, daß mit einem ans- 
verlausten Saale zu rechnen ist und dis schleunigste Siche 
rung von Karten nur angeraten werden kann. Außer 
der Geschäftsstelle der Kunststätte, TaunuSstraße 20 (11 
bis 1, 4—6H kommen nur noch als Verkaufsstellen das 
Musikhaus Schwach und die Buchhandlungen Leock und 
Kosfakowsli Nachf. in Betracht. Tie Aula des Rcformreak- 
gvmnasiumS in der Homuthstraßo wird geheizt, sämt 
liche Plätze sind numeriert. Der Domchor singt von der 
Bühne, so daß von den Plätzen des Mittelbalkons aus 
das Publikum den gleichen Genuß empfängt, wie vom 
unteren Saale aus. Tie Bortragsfolge ist mit erlesenem 
Geschmack zusammengestellt und enthält auch neuzeitliche 
Werke, wie z. B. von Brahms. 
o Junge Literatur. Drei jugendliche Dichter, unter 
ihnei. ein Friedenaucr Bürger, gaben am 1. März im 
Festsaal des Berliner Künstlerhauses einen ersten Vor 
tragsabend. Erich Kußmagk, Rudolf Kowald und Hans 
Alexander Jensen-Friedcnau. Walter Sturm-Berlin, nicht 
unbekannt als Rezitator und über Berlin hinaus ge 
schätzt als Dichter, sprach ihre Verse mit viel Hingabe 
und Knust. Außer knospenhaften Dichtungen der Vercxn- 
staltee standen reifste Schöpfungen von Dehmel, v. Saar, 
Hugo Salus, Arno Holz, und Karl Weiser auf dem Pro 
gramm. Als ein Neuer kam noch Paul Tiedtke zu Wotte. 
Was wir von ihm hörten, war wohlklingende Lhrik. 
Karl Weisers ergreifendes Buren-Gebet — mit hinreißender 
Kraft von Sturm gesprochen, — beschloß den Abend, 
mit dessen Verlauf die Tebütgnten zufrieden sein können. 
o Ter literarische Verein am HelmholftNealgymnasium 
veranstaltete am 29. Februar einen Vorttagsabeird, dessen 
Reinertrag zur Beschaffung von Ehrentafeln für gefallene 
Helmholtzer bestimmt ist. Das Programm war geschmack 
voll zusammengestellt und die Ausführenden gaben sich 
alle Mühe. Die Mondscheinsonate von Beethoven kam 
unter den Händen von H. P a r d o n, der eine bedeutend« 
Technik entwickelte und neben einem guten Anschlag auch 
mit der Seele bei dem Werke war, recht gut zu Gehör. 
Tann folgte die erhabene Dichtung „Ans hohen Bergen" 
von Fr. Nietzsche, daS G. Birken'eld mit gutem 
Ausdruck vortrug. Ebenso gelang auch das Zwiegespräch 
auS „der 'T$r und der Tod" von H. v. Hofmannsthal; 
(der Tor: G. Birkenfeld, der Tod: K. Stahlschmidt), zu 
dem die Musik H. Pardon am Flügel ausführte; da 
zwischen hörte man Beethovens herrliche Frühlinqssonate 
für Violine und Klavier, vorgettagen von Th. N a- 
dvmski und H. Pardon, der 2. Teil deS Abends 
wurde durch die Egmont-Ouverture eingeleitet, die H. 
Pardon im Großen und Ganzen recht gewand vom Blatt 
spielte. Hierauf folgte der Schlußmonokog aus Egmont, 
von Herrn Brrkenfeld sehr gut gesprochen, während Herr 
immmmmmmmmmm—■ >, — mm muBMManwmv/MaBsam vw i m mmmmmmmmmmmmm* 
Die Briefe der Prinzessin. 
Von E. Ph. Oppenheim. 
8 (Nachdruck' verboten.) 
Rasch hatte man sich über oie Statuten und Ein- 
richlungen des neuen Klubs verständigt, und hatte iym mit 
Rücksicht auf die einhellig angenommene Bestimmung, daß 
der Mitgliederbestand nienials über die Zahl dreißig hin 
ausgehen dürfe, den etwas fardlofen Namen „Klub der 
Dreißtgegeben. Im ersten Stockwerk des Hauses, dessen 
Parterreraume die erwähnte Weinstube innehatte, war eint 
Reitze von Zimmern gemietet und den Zwecken des Klubs 
cn^iprecbcnb cuis^pjtQltct loorbcn. SWßn btntc ncid) beu 
fachkundigen Angaben des immer geschäftigen und immer 
dienstbereiten Oberstleutnants einen hübschen, e>eganten 
Speiseraum, einen überaus behaglichen Rauchsalon, ein 
Lesekabinett und ein Billardzimmer geschaffen und damit 
p?n rumeist unverheirateten Klubgenossen alles geboten, 
was ein Innggefellenlcben gemütlich und angenehm ge- 
Als "die'größte Annehmlichkeit freilich wurde von den 
Mitaliedern die Gewißheit empfunden, sich hier immer 
inmitten einer sympathischen Gesellschaft geistvoller Männer 
u bewegen. deren verschiedene Lebensstellung v°n vorn- 
'herein jede eintönige Fachsimpelei ausschloß und deren 
Gesichtskreis weit genug war, um dem Gedankenaustausch 
immer neue Anregung und immer neuen Reiz zu sichern. 
Man verfuhr bei der Aufnahme überaus rigoros, und 
?me einzige schwarze Kugel, die sich bei der Abstimmung 
in der Wahlurne vorfand, verschloß dem Bewerber siir 
immer den Eintritt in die Klubräume. Aber man ließ sich 
bei der Beurteilung eines neuen Klubkan^daten einzig von 
dem Wert oder Unwert seiner persönlichen Eigenschafttn. 
nicht aber von dem größeren oder genngeren Ansehen, 
das er draußen in der Weit genoß, oder gar von etn-r 
rügherzigen Rücksicht aus leine Bermogensverhaltnifjc leiten. 
Besonders willkommen waren junge, aufstrebende künstle 
rische Talente von tüchtigem Charakter und ernstem Wollen, 
für deren Aufnahme namentlich der Oberstleulnaut immer 
mit dem größten Eifer bemüht war, und die alsdann sicher 
fein durften, von seiten des Klubs jede nur mögliche 
Förderung und Unterstützung zu erfahren. 
Mit der äußeren Form wurde es nicht allzu streng ge 
nommen, und wenn es auch von vornherein als ganz selbst 
verständlich angesehen worden war. daß die Leitung des 
Klubs in keinen anderen Händen als in denen des Oberst 
leutnants liegen dürfe, so war von seinem Regiment doch 
kaum etwas anderes zu spüren, als daß jederzeit alles wie 
am Schnürchen ging, daß es um Bedienung und Ver 
pflegung aufs beste bestellt war, und daß jede, auch die 
leiseste Störung der allgemeinen Harmonie durch seine nie 
versagende Liebenswürdigkeit und Herzensgute in den aller 
meisten Fällen schon wieder beseitigt war, ehe andere als 
die unmittelbar Beteiligten davon Kenntnis erhalten hatten. 
Natürlich hatte es nicht ausbleiben können, daß sich 
innerhalb der Dreißig mit der Zeit kleinere Gruppen bildeien, 
die untereinander einen engeren und vertraulicheren Verkehr 
unterhielten als mit den übngen. Und eine solche Gruppe 
war es. die man im Klub kurzweg als den „Tisch des 
Oberstleutnants" zu bezeichnen pßegte. Sie fand sich Tag 
für Tag in demselben behaglichen Winkel des Rauchzimmers 
zusammen, und bestand außer dem Klubpräsidenten selbst 
in der Hauptsache aus dem neuerdings in der Oeffentlichkeit 
vielfach mit2luszeichnung genannten Schriftsteller 5)einz Holl- 
selden, aus dem talentvollen, vielverjprechenoen Bildhauer 
Kurt Hainau und dem Dr. Gregor Dombrowski, der sich bei 
seinem Eintritt in den Klub als Prioatgelehrter bezeichnet 
Auch heute waren es diese vier, die in ihrer gewohnten 
traulichen Eck« Platz genommen hatten, um bet Kaffee, 
Zigarren und Zigaretten ein Stündchen des spiiten Nach 
mittags zu »erplaudern. 
Auf den erlt-w Blick konnte die kleine Gesellschaft 
freilich als bunt genug zusammengesetzt erscheinen, denn es 
war schwer, sich größe:e Verschiedenheiten vorzustellen, als 
sie in dem Aeuß-.rn dieser vier Herren zutage traten. 
Der Oberstleutnant Arnstorf verleugnet,.- in Haltung und 
Gebaren steinen Augenblick den ehemaligen Militär. Von 
hoher, aber beinahe hagerer Gestalt, zeigte er trotz seiner 
weißen Haare und seines grauen Schnurrbarts in jeder 
Bewegung die ungebrochene Elastizität eines an körperliche 
Strapazen jeder Art mehr denn ein Mcn.chenalter hindurch 
gewöhnten Mannes. Aber er offenbarte zugleich auch die 
elegante Sicherheit, die sich nur im Verkehr mit der besten 
Gesellschaft erwirbt, und die namentlich Jüngeren gegenüber 
stets den Eindruck einer E' rfurcht gcbideiiben Uebrrlegen- 
heit hervorbringt. Sicherlich würde sich niemand unter 
standen haben, im Verkehr mit diesem bei aller Zwang- 
losigkstt immer oristot'ralijchen 51avalier über eine gewisse, 
von ihm selbst gezogene Grenze der Vertraulichkeit hinans- 
ziigehen oder jenen freie», ungenierten Ton anzuschlagen, 
der so leicht zur tziiicksichislosiukest ausartet. Aber es waren 
doch nicht diese Respekt einflößenden Eigenschaften gewesen, 
die dem Oberstleutnant ohne alles eigene Zutun zu seiner 
dominierenden Stellung im Klub der Dreißig verholfcn 
hatten. Solcher alten Militärs laustn in den Straßen 
Berlins ja Hunderte umher, ohne daß man sich bei aller 
schuldigen Hochachtung sonderlich zu ihnen hingezogen fühlte. 
Was Harro Siruftorf uon der großen Mehrzahl seinerKams- 
raden unterschied, war der geradezu bezwingende Llus- 
druck lauterster Herzensgute und innerlicher Bescheidene . 
aus seinem in den äußeren Formen so kühnen und ener 
gischen Gesicht, war die wohltuende Ruhe und Milde im 
Klang seiner Stimme, war vor allein der köstliche, schalk 
hafte Humor, über den er in jeder Lebenslage zu verfügen 
schien, mit dem er alle Gegensätze in seiner Umgebung 
zu versöhnen und selbst dem hier und da unvermeidlichen 
Tadel jede verletzende Schärfe zu nehmen wußte. 
Mrtsetzung folgt.)
        
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