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Periodical volume Nr. 12, 14.01.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

(Friedenancr 
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Jern,pr««t,cr: Amt Pfalzburg 2124. — D«uk »»d Berkaq von Leo Lchaltz, 
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(Dcf^Sftsftcfle: WjeinBt. U. 
Berliu-Fri-denau, Nbeiostnrhe 15. - Fernfpr,chtr: Amt Pf-Izbur, L1L4. 
Berlin-Friedeuau, Mittwoch, den 14. Januar 192Ö 
3ahrg. 27 
Ortsnadvridfneft 
tNachdr. unsrer v-Origtnalarcilel nur mit Quellenangabe gestatiet) | 
Tic Höchst mieten in Groß-Berlin. 
20 Prozent Znschla g, 40 Prozent für fiüf 
den, Reparatur z ns chtäste von 15 n n d 20 P r o z. 
Der Perbands ans schuf; des W o h n > in g s v er b a n d e s Grosz- 
Berlin hat Montag über die zn erlassende Berbandsver- 
ordnung wegen der Höchstmieten Beschluß gefaßt. Als 
Höchstgrenze für die Mietszinssteigerungen soll danach 
allgemein ein Zuschlag von 20 Prozent zur Miete 
des Jahres 1014 erlaubt sein. Für Fabrikräume und 
Geschäfts- und Jndnstriehänser, sowie für Läden mit einer 
jährlichen Miete von über 2400 Mark wird ein doppelt 
so hoher Zuschlag von 40 Prozent zugelassen. Als Be 
teiligung des Mieters an den Kosten der Jnstandsetzungs- 
arbeiten sowohl am Hause wie in den Wohnungen lvird 
ferner dem Vermieter ein R e p a r a l u r z u s ch l a g von 
15 Pro;, und bei Mieträumen mit Saminclheizung ein Zu 
schlag von 20 Prozent zugestanden. Der Sonderzuschlag 
kann jedoch vom Mieter ganz oder teilweise zurückgefor 
dert werden, falls der Vermieter feinen Pflichten inbezug 
auf die Instandsetzung 'nicht in angemessener Weise nach 
kommt. Die Perbandsverordnung wurde vom Berbands- 
ausschuß einstimmig angenommen. Sie regelt weiter das 
Mietverhältnis in den Wohnungen mit Zentralheizung für 
diejenigen Mietsverträge, die nach dem 25. Juni 1910 
abgeschlossen sind. Für diese hat vom 1. Januar ab 
eine Trennung der reinen Miete von den Hei- 
zungskoslen zch erfolgen. Diese sollen zu Neunzehntel 
vom Mieter, zn einem Zehntel vom Vermieter getragen 
werden. Die Heranziehung der Mieter zu den Heizungs 
kosten lvird nach der Größe der beheizten Wohnfläche 
bemessen, wobei inner Heizkosten nnr die Kosten für die 
Heizstosfe verstanden werden sollen. Für Häuser mit Sam 
melheizung sollen künftig Mieterausschüsse von 1 
bis 3 Personen gebildet werden, die den Einkauf, die 
Lagerung und Verwendung der Heizstosfe zu überwachen 
haben. — Vom Wohnungsverband Groß-Berlin wird uns 
hierzu noch geschrieben: Der Grundzuschlag von 20 Proz. 
zur Miete des Jahres 1914 deckt die dem Vermieter 
infolge Erhöhung der Abgaben,' Steuern, Gebühren und 
Verwaltungskosten gesteigerten Lasten des Hausbesitzes, 
die sich im laufenden Kalenderjahr voraussichtlich noch 
weiter erhöhen werden. Wenn der Hausbesitz vor'Ver 
schuldung bewahrt bleiben soll, muß ihm Deckung für 
die erhöhten Lasten 'mindestens in dem vom Verbands 
ausschuß beschlossenen Umfange gewährt werden. Nicht 
enthalten in dem Zuschlag von 20 Prozent sind die 
außerordentlich gestiegenen Kosten für die Instandsetzung 
am Hause wie in den Wohnungen. Der Verbandsausschuß 
konnte sick> aber nicht entschließen, den Grundzuschlag 
in dem Maße zu erhöhen, daß zugleich durch ihn die 
csteigerten Reparaturkosten abgegolten werden, da dann 
ie Gefahr vorliegt, daß in manchen Fällen die Zuschlüge 
nicht für Reparaturen Verwendung finden, sondern zur 
Erhöhung der Verkaufspreise der Häuser benutzt werden. 
Um die Häuser vor baulichem Verfall zu belvahren, wurde 
vielmehr ein angemessener S v n d e r z u s chl ag bewilligt, 
der aber ausschließlich für Reparaturen verwendet iverden 
Zwei cT$i»riienR 
9? »man von F. Stolze. 
29 (Nachdruck verboten.) 
Er starrte sie an und konnte lein Auge von ihr ver 
wenden, bis f>e ihm ganz entschwand/" Ja, das war 
freilich ganz etwas anderes als Cecjly Warden, die üppige, 
aufgeblühte Rose! Dies Mädchen war eine sich eben ent 
faltende Knospe. Er begriff nun auch, weshalb der Achim 
da so dicht neben der Mutter einherritt, wo er dem 
Mädchen am besten in die Augen schauen konnte. Er 
haßte den unreifen jungen Burschen mit dem zierlicheu 
Schnurrbart und dein Milchgesicht! ' 
Hinter der Kutsche trottete der kleine Iagdwagen mit 
dem Gepäck einher. Wie ärgerlich, daß er nicht einmalstms 
seinem Versteck hervortreten und einen letzten Blick auf 
dies süße Antlitz werfen konnte I 
Jetzt war alles vorbei. Träumend trat er den Rück 
weg an. Wie sonderbar! War er denn derselbe Mensch 
wie vorher? Fortwährend standen ihm diese beiden 
Mädchengesichter vor Augen, das eine mit dem uner 
sättlichen, leidenschaftlichen Verlangen, das andere mit 
dem bestrickenden Ausdruck unberührter Unschuld. Und 
diesem Mädchen hatte er das bitterste Leid zuzufügen 
versucht! Ce sah plötzlich das in Flammen stehende Bungalow 
vor Augen; sah, wie Werner von den Baharlus gefangen 
genommen wurde: begriff, wie schwer er Mutter und 
Tochter durch den Raub des Heiratszeugnisses gekränkt 
hatte, wie sie sich um den Vater sorgen mußten, und 
fühlte sich zum erstenmal als das, was er war, ein ge 
meiner niederträchtiger Schurke. 
Hatte er denn gar keine anderen Mittel als so ver 
werfliche gehabt? Lei Gott — so belog er sich selbst — 
wäre er nicht vor einem Jahr von Cecily, dieser Sirene, 
umgarnt worden, es hätte noch alles anders kommen 
können. Daß er auch keine Ahnung von dein Dasein dieses 
Engelsbildes gehabt hatte! Er würde zu ihr geeilt sein, 
übers Meer, würde sie mit heißer Liebe umworben haben, 
und gewiß, er hätte sie gewonnen! Wußte er doch, wie 
schwer Frauen ihm widerstanden. Der Onkel würde noch 
am Leben, alles würde.Liebe und Eintracht gewesen sein! 
Und wäre das nicht zuletzt der einfachste und sicherste Weg 
zum Ziel gewesen? 
darf. Die ordnungsmäßige Instandsetzung der Wohnungen ! 
liegt aber sowohl im Nutzen der Mieter Ivie der Vermieter. 
o Die Einhcitsgemeinde beschlossen! Der Ausschuß 
der Landesvcrsammlung für den Gesetzentwurf Groß-Ber-- 
lin beschloß gestern mit 14 gegen 13 Stimmen die Ein- ' 
heitsgemeindc. Die Rechte stimmte dagegen, ebenso einige 
Demokraten. Abg. Dr. Frentzel (Dem.) der vorläufig - 
für die Einheitsgemeinde stimmte, behielt sich eine end- ; 
gültige Entscl-eidung vor. Ein Antrag der Dentschnationa- 
leu, eine größere Anzahl von Gemeinden aus der Ein- s 
heitsgemeinde herauszulassen, wurde gegen 5 Stimmen ab 
gelehnt. Zugestimmt wurde dagegen nach einer Anregung 
des Abg. Dominicus einem Antrage.Wutzki, die Zweck-- 
verbandswaldungen in die Einheitsgemeinde mit hiuein- 
zunchmen. Ein Unterausschuß soll ferner prüfen, wie 
weit die Rieselfelder und ebenso der Teltowkaual in Groß^ 
Berlin mit hineinbezogen werden sollen, zur Schaffung 
eines einheitlichen Wald- und Wicsengürtels. 
o Polizeistunde 11 Uhr, Tonnabcnos V-12 Uhr. Der 
Amtsvorsteher gibt heute die Verordnung des Regierungs 
präsidenten bekannt, wonach für Gast- und Schankwirt- 
schaften jeder Art die Polizeistunde auf 11 Uhr abends, 
Sonnabends auf llst» festgesetzt wird. 
o Eröffnung des Kinderhortes. Am 20. d. Mts. wird 
der von unserer 'Gemeinde eingerichtete Kinderhort, in 
den schulpflichtige Kinder nachmittags von 2—0 Uhr auf 
genommen werden, eröffnet. Näheres unter „Amtliches". 
o Petroleum. Aus dem Monat Dezember stehen der 
Gemeinde noch Petroleummarken zur Verfügung. Ent 
sprechende Anträge auf Ucberweisung von Petroleum sind ' 
im hiesig'en Rathause, Zimmer 28 a, zn stellen. Der Preis, 
für 1 Liter beträgt 2,75 Mark. 
o Gegen die Verkehrsunsicherheit. Der Verkehrsaus- 
schuß unserer Gemeinde besichtigte dieser Tage die durch 
manche Unfälle bekannt gewordenen Gefahrenstellen in 
unserem Orte; u. a. am Friedrich-Wilhclm-Platz und am 
Lauterptatz. Es wurde beschlossen, an der Ecke Kaiser 
allee und Kirchstraße vom Bürgersteig ans einen Vor- 1 
sprung aus Holz zu' schaffen, durch den die Kraftwagen 
lenker gezwungen werden, in einem größeren Bogen in 
den Friedrich-Wilhelm-Platz einzubiegen. Die Haltestelle 
vor dem Rathause soll dagegen bestehen bleiben, doch 
soll ein Zeichen für die Straßenbahnführer angebracht 
werden, das sie zur langsameren Fahrt anhält. An der 
Taarstraße, vor der Kaisereiche sollen die spitzen Ecken 
auf 7 Meter abgerundet werden. Dadurch erhält das 
Publikum einen besseren Ausblick auf die Straßenbahnen 
und sonstigen Gefährte. 
o Mädchen-Fortbildungsschule. Am 20. Januar be 
ginnen Kurse im Weißnähen und Plätten für Hausange 
stellte und Haustöchter. Beim Nähen handelt es sich nicht 
nur um Neuanfertigung, sondern namentlich um Ausbesse 
rung schadhafter Wäschestücke. Für den Unterricht im 
Plätten haben die - Teilnehmerinnen eigene Wäsche ver 
schiedener Art mitzubringen. Die Teilnahme q/t den Kur 
sen, die Dienstags und Freitags von 0—9 Uhr stattfinden, 
ist unentgeltlich; Anmeldungeu können täglich von 11—1 
Uhr im Amtszimmer der 1. Gcmeindeschnle, Albc- 
straße 32-33, erfolgen. 
o Zur Lebensmittelversorgung. Der Leiter unseres 
Lebensmittelamtes, Schösse Friede!, ließ in der Be- 
Ware es das nicht vielleicht sogar noch jetzt? Er zer 
marterte sein Hirn, um ausfindig zu machen, wie das wohl 
anzustellen wäre. Die törichtsten Gedanken kamen ihn,. 
Wie, wenn er sich erböte, nach Persien zu reisen und den 
gefangenen Vater zu befreien ?! Das wäre ja eine jo ein 
fache und sichere Sache gewesen I So als Wohltäter der 
ganzen Familie dazustehen, mußte, ihm doch, besonders in 
den Augen der Frauen, ein großes Relief geben. Freilich, 
wenn >ic auch nur eine Ahnung davon hatten, daß er der 
Uryeber all ihrer Leiden war, dann, ja dann hatte er 
keine Hoffnung. 
Unter solchen Gedanken hatte er Moselhorst erreicht. 
Gleich beim Eintritt wurde ihm ein Brief aus Paris über 
reicht, auf dein er zu seiner Ueberraschung Cecilys Hand- 
schc'ift eikaiittte. Eiligst zog er sich in sein Zimmer zurück 
und erbrach^oen Umschlag. Der Inhalt lautete: 
„Mein teurer, innig geliebter Kurtl 
Du wirst Dich wundern, daß ich Dir aus Paris schreibe 
und nicht, wie ich Dir aus Edinburgh mitgeteilt hatte, 
direkt von dort nach Koblenz gekommen bin. Aber Du 
wirst sofort sehen, daß ich gute Gründe dafür hatte. 
Lcr ganze Vorgang in Abbeoille hatte mir klargemacht, 
wie wichtig es unter Umständen doch eigentlich für Ehe- 
leule sei, völlig unanfechtbare Heiratsurkunden zu besitzen. 
Und da wir ja im beiderseitigen Interesse, ganz abgesehen 
von unserer heißen Liebe, beabsichtigen, so schnell als mög 
lich in den Stand der „heiligen Ehe" zu treten, so erschien 
es mir dringcnd/notwendig. mich dafür mit den in Deutsch 
land eriarderlichen Papieren zu versehen. Das war nicht 
so einfach, als Du vielleicht denkst. Denn als Ellen Hamil 
ton mit ihrem Liebhaber durchging, dachte sie natürlich nicht 
daran, ihr Taufzeugnis mitzunehmen. Im Gegenteil, sie 
nabm, um allen Nachforschungen zu entgehen, das Pseu 
donym Cecily Warden an - und hat es bis vor kurzem 
durch alle Metamorphosen hindurch — ausgenommen als 
Mary Douglas — beibehalten. Jetzt endlich muß das ein 
Ende haben. Ich habe mich als Cecily Warden vor drei 
Tagen zum letzten Male angemeldet und heiße von jetzt 
an für die kurze Zeit, bis ich Deine legitime Gattin bin, 
Ellen Hamilton. Laß Dir erzählen, wie ich das gemacht 
habe. 
Ich bin kurz entschlossen auf unser Stammgut gefahren, 
das in den Händen meines ältesten Bruders ist. habe ihn zu 
cintwortiing der Anfragen über die Lebensmittelversorgung 
unserer (Gemeinde eine besondere Empfindlichkeit erkennen 
über die Klagen, die in Zuschriften in unserem Blatte 
ausgesprochen 'wurden und sich z. T. gegen das Leben s- 
nnttelamt rickyteten. Er erblickte in diesen Klagen eine 
l)er(omm)c Gegnerschaft und bemerkte, daß er sich nament 
lich über den hämischen Ton verletzt fühle. Wir müssen 
darauf doch etwas erwidern. Die Zuschriften mij Klagen 
llber unsere Lebensmittelversorgung, die wir erhalten uns 
auch die vielfachen mündlichen Beschwerden, die in unserer 
Geschäftsstelle und unserer Schriftleitung vorgebracht wcr- 
den, kommen aus allen Kreisen unserer Bevölkerung, 
politisch von rechts bis links und insbesondere auch ans 
den Parteikreisen, die Herrn Friede! sehr nahe stehen. 
Der Hunger ist eben gleich, ob er einen Deutschuationa- 
len, einen Deinokrateii oder Sozialdemokraten trifft, 
und so sind auch die Klagen nicht an eine Partei gebunden, 
^-alsch ist es daher, hinter solchen Zuschriften gleich etwas 
Besonderes zu suchen, eine persönliche Gegnerschaft oder, 
wie Herr Kamrowski meinte, einen Vorstoß auf die 
Zwangswirtschaft. Froh ivürde heute allerdings jeder 
sein, wbnn er ohne Brotkarte zum Bäcker gehen könnte 
oder wenn er beliebig seine Kartoffeln oder sein Fleisch 
einkaufen könnte. Aber >vie Herr Leonhardt sagte, könne 
h,eute niemand die Verantivortung für die Aufhebung der 
Zwangswirtschaft übernehmen. Und so müssen ivir 'wobt 
auch die Einsender der Zuschriften gegen die Annahme 
in Schutz nehmen, daß sie irgend etwas Persönliches zn den 
Schreiben veranlaßt habe. Lediglich der knurrende Magen 
drückt den Leuten die Feder in die Hand, und es ist 
nur zn natürlich, daß die Worte nicht immer gewählt 
sind und daß sich ibre Anklagen gegen die Stelle rich 
ten, die ihnen als die für die Versorgung Friedenaus 
verantwortliche bekannt ist. Wer im öffentlichen Leben 
steht, muß sich solche Kritiken gefallen lassen. Herr Friedet 
ist in dieser Beziehung noch nicht so schlimm daran wie 
sein größerer Kollege und Parteifreund der Ernährungs 
minister oder der Kohlenkommissar. Die Bevölkerung kann 
die tieferen Ursachen der Not und der Schwierigkeiten 
nicht kennen, wenn die maßgebenden Personen und die 
Verwaltungen schweigen, mit der Aufklärung nicht heraus 
rücken. Wir wissen es, daß Herr Friede! seine Pflicht 
im hohen Maße tut, daß er viel Zeit im Dienste der 
Gemeinde und zum Wohle der Bürgerschaft aufwendet 
und um seinen Posten nicht zu beneiden ist. Aber Herr 
Friedet hat auch den Lebensmittelausschuß zur Seite, 
der aus 17 Mitgliedern besteht, und cs ist wohl anzu 
nehmen, daß wenigstens ein oder einige Mitglieder manches 
wissen, Rat oder Anregungen geben können und auch 
über die Stimmung der Bevölkerung den Leiter des Lc- 
bensmittclamtes unterrichten können. Man muß sich in 
die Seele der Bevölkerung hineindcnken, wenn dauernd 
halbgnte, erfrorene und mit Saud behaftete Kartoffeln 
verkauft werde» und plötzlich ohne jede nähere Erklärung 
die kurze Notiz erscheint, es gibt nur noch 3 Pfd. Kar 
tos fein, oder wenn man schweigsam zusieht, wie die Hans 
srauen von einem Bäcker zum andern rennen und sich 
lauge Polonaisen bilden. Hier wäre es doch eine Kleinig 
keit, wenn der verantwortliche Leiter eine kurze auf 
klärende Mitteilung schreiben würde, daß aus diesem oder 
jenem Grunde das und das geschehen mußte. Aber nicht 
sprechen verlangt und meine Karte hineingeschickt. Ich war, 
um nicht von einem aus der Dienerschaft erkanni zu werden, 
tief verschleiert. Als ich eingetreten war und den Schleier 
zurückscylug, starrte er mich erst wie ein Gespenst an, dann 
geriet er in namenlose Wut. Ich ließ zunächst alles ruhig 
über uiich ergehen. Erst als er erschöpft mit der Frage 
schloß, „was ich von ihm wolle? von ihm bekäme ich keinen 
Farthing," erwiderte ich gelassen und mit einer meiner 
besten Verbeugungen, daß' ich mich ihm als Braut des 
vielfachen Millionärs Karl von Vorn, Hauptmann a. D., 
auf Moselhorst vorstellen wolle. 
Das wirkte. Er war wie umgewandelt. Alles Ver 
gangene war vergeben. Ich war seine liebe, teure Schwester. 
Natürlich! Er ist nach englischen Begriffen nicht reich, und 
ich beanspruche keine Mitgift. Ein anständiges Hochzeits 
geschenk ist alles, was ich erwarte. Er war sogar so gnädig, 
uns seinen Besuch fürs nächste Jahr in Aussicht zu stellen. 
Natürlich erhielt ich meine Papiere schnell und ohne 
jede Schwierigkeit. Mit ihnen bin ich hierhergereist, um 
meinen Hausstand aufzulösen. Ich habe meine kleine Vckta 
verkauft und was sonst sich nicht für meine neue Stellung 
eignet. Alles, was nicht an Cecily Warden erinnert, bringe 
ich mit, denn von nun an existiert bis auf weiteres nur 
noch Ellen Hamilton. Ich werde deshalb, auch wenn ich 
übermorgen in Koblenz ankomme, nicht im „Riesen", sondern 
im Hotel Bellevue absteigen, wo Dich sehnlich erwartet 
Deine treue 
Ellen Hamilton. 
Nachschrift: Melde uns immer auf dem Standesamt 
an. Jeder Tag, den wir jetzt verlieren, ist für uns eine 
Gefahr. Ich bin mir zwar meiner Gewalt über Dich bs- 
wußt und zweifle keinen Augenblick an Deiner Liebe; 
auch besitze ich zum Ueberfluß das kostbare Dokument aus 
Abbeville und mancherlei andre Papiere. Aber besser ist 
besser, und ich will, nachdem ich alle anderen Brücken 
hinter mir abgebrochen habe, nun auch in den vollen Be 
sitz meiner neuen Rechte treten. Das, Du Heiner Schäker, 
jcch n..e eine zarte Andeutung sein vo« 
Deiner ewig trem»*
        
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