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Periodical volume Nr. 52, 01.03.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

(Friedenauer -M" Zeitung) 
llMüeMe SeUvsg sürM'FriedkMll M *** ‘ 
Erscheint täglich adenÄs. 
Uer»sprech«r: Amt »tt». — Dnuk und Verlag v»u Leo Schaltz, 
verugsprekr 
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verNu-Sriedeuau, Rheiustratze 15. - Fernsprecher: Amt Pfalzburg S12S. 
Nr. 52 
Berltu-FrleKeua«, Montag, de» 1. Marr 132g 
8aüra. 27 
VrtsnacbrirbtM 
(Ilachdr. unsrer o-Origtnalartlkel nur mtt Quellenangabe gestattet.) 
o Eö bleibt bei 8' 4 Uhr TrlMrnrfung. Die Mittel» 
lnng in unserer Sonntagsnummcr, das; von heute ab 
der Schulunterricht um 8 Uhr beginnt — sie war uns 
von der 3. Gemeindeschule zugegangen —, beruhte auf 
einem Irrtum. Der Unterrichtsbeginn bleibt in allen 
Schulen bis Ende des laufenden Schulhalbjahrcs, also 
bis zum 31. März d. Js., wie bisher, auf 8>,4 U!hr 
bestehen. 
0 Dir Provinz und 6!rofr-Berlin. Der vorn Bran'- 
denburgischen Provinziallandtag zur Prüfung des Verkuttt- 
nisses der Provinz zu Groß-Berlin eingesetzte Ausschuß 
Kat seine Verhandlungen begonnen. Die Frage wurde 
in mehrstündiger Beratung eingehend erörtert; von den 
verschiedenen Fraktionen wurde eine große Reihe von 
Anträgen gestellt, die in der nächsten Sitzung des Son- 
deraussctmsfes am Dienstag beraten werden sollen. 
0 3 Pfd. Kartoffeln. In dieser Wocka gibt eS auf 
die drei Wschnitte 10 a—e der Kartosfclkarte 3 Pfund 
Kartoffeln und auf die Abschnitte 10 a—g 500 Gr. Brot. 
0 Ehrenamtlich: Feststeller gesucht! Wir niachen un 
sere Mitbürger auf den Ausruf des Gemeindevorslcl>ers 
an die Bürgerschaft unter „Amtliches" besonders aufmerk 
sam. Damen und Herren, die bereit sind, in der KriegS- 
wohlfahrtspflege als Feststeller ehrenamtlich tätig zu sein, 
werden gebeten, sich bei Herrn Öbersckretär Borck, Jim- 
rner 39, in: Rathaus zu melden. 
0 Ti« Elterirveirats wählen an den höheren Schulen 
Friedenaus finden doch statt. Wie aus der Bekanntmachung 
in dieser Nummer hervorgeht, teilen die Wahlvorstände der 
höheren Schulen Friedenaus nicht den vielverbreiteten 
und auch in der Oeffentlichkcit vertretenen Standpunkt, 
daß bei Ausstellung nur einer Liste eine eigentliche Wahl 
nicht stattzufinden braucht. Vielmehr muß festgestellt wer 
den, daß eine Kandidatenliste, auch n>enn weiter keine 
Liste vorhanden ist, nur dann uiranfechtbar als gewählt 
gilt, wenn die Wahl den gesetzlichen Bestimmungen völlig 
entsprecknnid tatsächlich stattgefunden hat. Dcr^Hauptame 
schuß bittet deshalb die Väter und Mütter dringend, 
am Sonntag den 7. März ihrer Wahlpflicht zu genügen. 
0 Das Verdieustkreuz für KriegShilfc hat der Tetc- 
graphen-Sekrctär Helm erhalten. 
0 Dem Vorsitzenden des Bürgerrats von Groß-Berlin. 
Konsul Marx, ist Las Eiserne Kreuz anr weiß 
schwarzen Baride verliehen worden. 
0 Zur Verhütung von Unglücksfällen am Friedrichp 
Wilhelur-Platz soll wie wir schon einmal mitteilten — 
an der Einmündung der Kirchstraße der Bürgersteig an 
den Ecken durch Vorbauten in Holz zunächst probeweise 
soweit verbreitert werden, daß die von Steglitz konimcn- 
den Kraftwagen gezwungen werden, ihre Fahrtrichtung 
nicht direkt an der Bordschwelle entlang zu nehmen. 
Dadurch würden die von der Kirchstraße kommenden Per 
sonen, die den Jriedrich-Wilhclms-Platz überschreiten wollen 
und am Zeitungskiosk Vorbeigehen, durch vorbeifahrende 
Kraftwagen nicht gefährdet. Außerdem soll vor dem 
Hause Kaiserallee 128 eine AutomobilwarnungStasel aus 
gestellt werden. 
0 Schilder am Dorgarteingitter. Nach der hier gel 
tenden Polizeiverordnung dürfen an dem Dorgartengitter 
keinerlei Rellameschilder mir Ausnahme derjenigen, die 
für die Oeffentlichkeit ein besonderes Interesse haben. 
wie Schilder von Aerzten, Zahnärzten und Hebammen 
angebracht werden. Mit Rüch'ichk aber darauf, daß durch 
den unglücklichen Ausgang des Krieges eine große 'An-, 
zahl von Personen in die Zwangslage gekommen ist, sich 
ihre Existenz erneut aufzubauen und daher gezwungen 
sind auf ihren Gesckstiftsbetrieb durch Anbringen eines 
Schildes an ihrer Wohnstätte hinzuweisen, hat der Bau 
ausschuß als vorbereitendes Organ des Amtsausschusses des 
AmtSvorsteherS sich mit der Angelegenheit eingehend be 
saßt und schlägt der Gemeindevertretung als Amtsaus 
schuß vor, in Zukunft an Vorgartengittern denjenigen 
Personen, welche kein Ladengeschäft unterhalten, mit orts 
polizeilicher Zustimmung zu gestatten, daß auf Antrag 
ein Schild von höchstens 500 qcm. Fläche an dem Vor 
gartengitter des Hauses, in dem der Antragsteller wohnt, 
angebracht wird. Bei Eckhäusern darf an jeder Straßen 
front rin solches Schild angebracht werden. 
0 Erhöhung der Entwäiserungsqebtihren. Der B e r- 
lin,e r Magistrat hat beschlossen, die Kanalisanonsge- 
bühren von 2'4 v. H. des Grundstücksertragswertes auf 
6 v. H. vom 1. April ab zu erhöhen, und zwar infolge 
der Preiserhöhungen von Kohlen usw. und der Lohn- 
steigerungen. Ferner sollen die Tarife , für Gas- und 
Wasserentnahme, für Gas- und Wassernccsser bedeutend 
erhöht werden. — In Friedenau werden die Entwässe 
rungsgebühren mit 2 v. H. des Gebüudesteuer-NutzungS- 
werteS erhoben. 
0 Ern Kubikmeter Gas 1 Mk.! Die Deutsche Gas- 
gesellschaft kündigt an, daß von dem Tage der Bestands 
aufnahme im März ab der Gaspreis auf 1 Mk. für ein 
Kubikmeter erhöht wird. Den „Segen" der Sozialisie 
rung der Gaswerke bekommen wir so gehörig an unserem 
Geldbeutel zu spüren. 
0 Der Prcßlochlcnpreis um 5 M. erhöht! Mit Gel 
tung vom heutigen Tage tostet ein Zentner Briketts! 
ab Lager 12,50 M., frei Erdgeschoß 13,50 M.; für Zen- 
tralheizungs- und Warmwasseranlagcn frei Keller 12,45 
M. der Zentner. Für Küchen- und Ofenbranü dürfen 
folgende Koksprcisc nicht überschritten werden: ab 
Lager 17,55 M., frei Keller 18,55 M. der'Zentner: für 
Lieferungen an das Kleingewerbe sowie Warmwassercrn- 
anlagen: GaSkoks, grob, 17,20 M„ GaSkoks, gebrochen, 
17,50 M., Westfälischer oder Lichtenberger SchmelzkokS 
18,40 M., Oberschlcsischer SchmelzkokS 19,40 M-, Nieder- 
schlesischer SchmelzkokS 23,60 M. der Zentner. 
0 Erhöhung im Güter- und Tierverlchr. Wie der 
Berliner Handeiskainnccr mitgeteilt wird, werden die Ta 
rife für den Güter- und Tiervcrkehr vom 1. März ab 
um 100 v. H. erhöht. Neue Tarifhefte werden nicht 
ausgegeben, sondern es werden im allgemeinen die jetz.t 
gültigen Frachtsätze verdoppelt. Anstelle der bisherigen 
Ausnahmetarife 5 für Wegebaustofse treten neue Aus 
nahmetarife. Eine Verdoppelung der Frachtsätze der neuen 
AuSnahmctarisc tritt nicht ein. Nähere Auskunft über 
die Höhe der Frachtsätze und die sonstigen Vorschriften 
erteilt das Verkehrsbüro der Handelskammer zu Berlin 
C. 2, Klosterstr. 42. 
0 Weiter« Erhöhung der Preis« für Zeitcrwgspapier. 
Durch Bekanntmachung dcS NcichSwirtschastSmiinsteriums 
vom 27. Februar 1920 wurden dir am 31. Januar 1920 
für Februar festgesetzten Preise für Zeitungsdruckpapier 
für die Zeit vom 10. bis 29. Februar um weitere 
17,50 Mark für 100 Kilo erhöbt. Von den Erzeuger 
verbänden wurde nachgewiesen, daß die bisherigen Preise 
bei einer Anzahl Druckvapiersabriken die Derriebsunkosten 
nicht deckten, so daß bei Nichtbewilligung der Preise ein 
erheblicher Rückgang der Druckpapiererzeugung zu befürch 
ten war. In Anbetracht dessen haben sich die Vertreter 
der Zeitungsverleger mit dieser weiteren Preissteigerung 
einverstanden erklärt. 
0 Beschäftigung von zurückgekehrten Kriegsgefange 
nen im Postdrenst. Seit Jahresfrist sind rund 1800 
zurückgekehrte Kriegsgefangene, die vor dem Krieg als 
Posthelfer beschäftigt waren, in den Postdienst wieder 
eingestellt worden. Nur 350 ehemalige Kriegsgefangene 
haben nicht wieder eingestellt werden können, nvil^ an 
den Orten, wo sie wieder beschäftigt zu werden wünschten, 
bereits kriegsbeschädigte Personen als Posthelser tätig 
waren, oder Posthelfer über den normalen Bedarf hinaus 
zur Verrichtung besonderer Arbeiten beschäsiigt wurden, 
um der Arbeitslosigkeit während des Winters zu steuern. 
Eine Entlassung dieser Personen konnte aber aus mo 
ralischen Gründen nicht in Betracht kommen. Politische 
Gründe haben dabei keineswegs mitgewirkt. 
0 Gegen den Preiswucher mtt Zündhölzern. Laut 
amtlicher Bekanntmachung sind in jeder Verkehrsstelle, 
in der Zündhölzer verkauft werden, die festgesetzten Höchst 
preise au einer sichtbaren Stelle zum Aushang zu bringen. 
Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafen bis zu 3000 
Mark oder mit Gefängnis bis zu 3 Monaten bestraft. Der 
Höchstpreis beträgt zurzeit für gewöhnliche Streichhölzer 
im Kleinhandel 1,30 M. für das Pack zu 10 Schachteln, 
für 2 Schachteln 26 Pfg. Das Polizeipräsidium Berlin 
hat den ihm unterstellten Dienststellen zur Pflicht gemacht, 
daß diese Bestimmungen von allen Händlern gewissenhaft 
befolgt werden. 
0 Ti« Beschränkungen für den Drucksachen- ucrd Zei- 
tnngsvertehr mit der französischen Zone der besetzten 
deutschen Rheingebiete sind weg ge fallen, so daß sich 
dieser Verkehr einschließlich des Postbezugs von Zeitungen 
usw. von jetzt an wieder nach den allgemeinen Vorschriften 
richtet. Die von den Besatzungsbehördeu erlassenen beson 
deren Verbote von Zeitungen und sonstigen Druckerzeug 
nissen werden hiervon nicht berührt. 
0 Bricfpoftbeförderung nach Amerika im März. Im 
Monat März finden Postabgänge nach Amerika außer mit 
englischen Dampfern (etwa zweimal wöchentlich) noch mit 
folgenden Dampfern statt: 1. Dampfer „Principe di lldine" 
nach Rio de Janeiro usw. von Genua am 4. März. Post 
schluß i» Frankfurt a. Main (AuSlandsstellc) am 1. März. 
2. Dampfer „Nicuw Amsterdam" nach Newyork, von Rot 
terdam am 12. März. Postschluß in Emmerich (Aus- 
landsstclle) am 10. März, vormittags, und in Hamburg 
(Auslandsstelle) am 8. März, abends. 3. Dampfer .Os 
kar H." nach Newyork, von Kopenhagen anr 18, März. 
Postschluß in Hamburg (Auslandsstelle) gm 15. März, 
mittags, und in Emmerich (Auslandsstelle) am 14. März. 
4. Dampfer „Frisia" »ach Rio de Janeiro usw., von Amster 
dam am 24. März. Postschluß in Emmerich (AuslandS- 
steNe) am 22. März, vormittags.„und in Hamburg (Aus 
landsstelle) am 20. März, abends." 5. Dampfer „Noordam" 
nach Newyork, von Rotterdam am 26. März. Postschluß 
in Emmerich (Auslandsstelle) arn 24. März, vormittags, 
und in Hamburg (Auslandsstelle) am 22. März, abends. 
0 Die neue Reihe der Kunst gemeinde-Abande rm Steg»- 
litzer Lyzeum begann am Freitag als 13. Kunstgemeinde 
abend mit einer hervorrageich künstlerischen Vortrags- 
solge. Der Geiger Andreas Weißgerber eröffnete sie. 
Noch ein junger Mann, aber ein fertiger Künstler. Pracht 
voll spielte er das Konzert G.°moll unseres Ehrenbür 
gers Mar Bruch Namentlich das Adagio war entzückeich 
in seinem warmen, weichen Ton. Da sang die Geige, 
Die Briefe der Prinzessin. 
Von E. PH. Oppenheim. 
8 «Nachdruck verboten.) 
„Nerven, nichts als Nerven!" murmelte er. .Ich bin 
ein Narr gewesen, mich hier hinzusetzen." , 
Er schauderte zusammen. Diese verwünschte Kalte. letzt 
im Juni! dachte er und ging zum Kamin, um zwecklos 
in der Asche herumzustochern. Ihn sror wirklich so. daß 
seine Zähne aufeinanderschlugen. Ein Bück auf die Uhr 
einte ihm, daß es fünf Minuten vor dre. war. Beinahe 
drei Stunden hatte er hier also gesessen. 
Plötzlich zuckte er zusammen. Was war das für ein 
Geräusch? Er lauschte? Und dann lachte er wieder. War 
er denn ganz verrückt? Es regnete draußen, weiter nichts. 
Heftig Meß er das Fenster auf. Der zarte Blumenduft 
des Parfüms, der noch immer im Zimmer war, war ihm 
jetzt lästig. Es regnete wirklich, und es war so finster 
draußen wie in einer mondlosen Winternacht. Nur wie 
matte, trostlose Pünktchen ohne Leuchtkraft sah er unten d.e 
3aS lief "slufatmcnb wandte er sich ins Zimmer zurück. Es 
wurde Zett/dah er ins Bett ging, seine schlechte tztimmung 
schrieb sich wohl nur den Folgen des zu ausgiebigen 
Trinkens am Abend zu. Er mußte wirklich ,ol,der werden. 
Ausschweifend lebte er gewiß nicht, aber gerade m der 
letzten Zeit hatte er etwas viel gebummelt. 
Gedankenlos ging er hierhin und dahin und duschte 
dabei fortwährend hinaus. War Martens heimgekehrt? 
Und batte er sie oben gefunden? Zu dumm, daß er ein 
geschlafen war. Wenn Martens gerade heute betrunken 
matt -und es war zehn gegen eins zu wettem daß er be 
trunken war. und er hatte das schone Mädchen oben m 
feinem Zimmer gefunden, so. w,e A-AAeldensie hier 
2«funden batte. Er stampfte unwillkürlich mit dem Fuß 
zuf Was ging sie ihn denn an. Aber Martens und feine 
Freunde mochten zum Kuckuck gehen. 
Er suhr zusammen. Ueber ihm wurde eine -ur ge 
schlossen, leise und behutsam, aber in der nächtlichen Sülle 
oernahm er das Geräusch doch. Er lauschte angestrengt. 
Oa war es ihm, als vernähme er einen gedämpften, halb 
unterdrückten Ausruf des Schreckens, und rasch trat er an 
die Wohnungstür. 
Heiß strömte ihm das Blut zu Herzen, auf der Treppe 
oernahm er das leise Rauschen seidener Frauenkleider. Sie 
kam herab. Und dann stand sie ihm gegenüber. 
Das Licht aus dem Arbeitszimmer fiel auf ihr bleiches 
Gesicht, auf die herrliche Gestalt, die zitterte und bebte. 
Fhre Augen waren weit geöffnet, voller Augst und voller 
Entsetzen. Sie versuchte zu sprechen, vermochte cs aber 
nicht. Halb ohnmächtig stützte sie sich aus das Treppen 
geländer. 
„Was ist Ihnen geschehen'." Heinz Hollfelden trat auf 
sie zu und ergriff ihre Hand. „Kommen Sie herein. Bille, 
kommen Sie herein. Und sagen Sie mir. was ich für Sie 
tun kann." . _ 
Er zog sie durch die offene Tur ln das Zimmer. Sie 
war willenlos wie ein Kind. Er drückte sie sanft in einen 
Sessel und neigte sich über sie. 
„Nun sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann. Ver 
trauen Sie mir. Darf ich Ihnen ein Glas Wein geben?" 
Sie sah ihn fortgesetzt an. mit einem Blick, den er nicht 
verstand, der ihn aber seltsam ergriff. Zu antworten ver- 
mochte sie nicht. Vorhin war sie eine vornehnie und selbst 
sichere junge Dame gewesen, jetzt war sie das hilflos 
schwache Weib, das sich gefügig dem starken Willen des 
Mannes unterordnet. Er empfand das, und er sprach mit 
ihr wie mit einem Kinde. 
„Komm', trink' ein Glas Wein," sagte er zuredend und 
füllte ein Glas mit dem feurigen Trank. „So, und fei 
ruhig. Es kann dir hier nichts geschehen. Ist dir jetzt 
besser?" , , v 
Sie nickte, ihn noch immer ansehend. 
„Ja. ja," flüsterte sie. „Bitte, bekümmern Sie sich 
nicht um nüch. Gehen Sie hinauf." 
„Hinaus? Zu Mariens? Hat er dir —" 
„Nein, nein, fragen Sie nichts. Gehen Sie hinaus." 
„lind du? Was willst du tun?" 
Eie stand mühsam auf. 
„Ich gehe," flüsterte sie. „Bitte, lassen Sie mich gehen. 
Ich suhle mich schon wieder ganz wohl. Und — gehen 
Sie hinaus!" 
Beharrlich wiederholte sie die Bitte immer wieder. Er 
begriff sie nicht, aber er begriff doch, daß er sie in diesem 
Zustand nicht allein gehen lassen durfte. 
„Wenn es dich beruhigt, will ich dir versprechen, 
hinaufzugehen," erwiderte er. „Und ich will dich auch 
nicht hier zurückhalten. Aber du mußt mir erlauben, dich 
hinunterzubringen und dir eine Droschke zu besorgen." 
Sie erhob keinen Widerspruch dagegen. Auf seinen 
Arm gestützt, sich eng an ihn schmiegend, ließ sie sich von 
ihm die Treppe hinunterführen. Als sie dann aber auf der 
Straße standen, als die kühle Nachtluft sie umfing, gelang 
es ihr, sich aufzuraffen. 
„Ich danke Ihnen," sagte sie. „Auch dafür, daß Sie 
nichts mehr gefragt haben. Und nun, bitte, bekümmern 
Sie sich nicht weiter um mich. Sie sehen, daß ich ganz 
gut imstande bin, allein bis zum nächsten Droschkcnhalte- 
platz zu gehen. Vergessen Sie nicht, was Sie versprochen 
haben!" 
Sie zog ihren Arm aus dem seinen und ging die 
Straße hinunter, mit graziösen Schritten, sich leicht in den 
Hüften wiegend. Er stand regungslos und sah ihr nach, 
ohne an etwas anderes zu denken als i 1 " un, daß sie schön 
war. Erst, als eine Straßenbiegung sie seinen Blicken 
entzog, kam er zu sich. Verwirrt strich er sich das regen 
nasse Haar aus der Stirn und ging nach sekundenlangem 
Zögern in das Haus zurück, in seine Wohnung hinaus. 
Hier erinnerte er sich des Versprechens, an das sie ihn 
so eindringlich gemahnt hatte. Was sollte er nur da oben, 
bei dcnl Mann, der ihm noch vor ein paar Stunden 
gleichgültig, vielleicht verächtlich gewesen war, und den er 
jetzt beinah« haßte? Aher er hatt« «3 versprochen. -Und 
-ö reizte ihn zudem, die Ursache ihrer seltsamen Bitte zu
        
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