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Periodical volume Nr. 51, 29.02.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Beilage zu Ne. 61 deS „Friedenaver Vokak-Auzetgev" 
Sonntag den 28 Februar >8 LG. 
Die Kskßvreise. 
Vom Hcizungsverband der Hauswirte wird uns ge 
schrieben: 
Es ist bereits in den Tageszeitungen darauf hinge- 
wiesen, dass nach den neuen Festsetzungen der Preis: für 
Schrnelz'o's pro Zentner mehr als 22 M. beträgt, also 
über das.20sache des Friedenspreises. 
Dohl selten macht sich ein Mieter klar, was dies für 
den Hausbefiiwr. dessen Haus Zentralheizung hat. bedeutet. 
Denn ein Grundstück einen Friedensnormall>edars von 
2060 Ztr. gehabt har, so hatte der Hauswirt bei voller 
Beheizung für die Anschaffung der Kohlenmenge 1706 
Mark und für besten Westfälischen Schmelzkoks erwa 2000 
Mark aufzuwenden. 
Denn jetzt nur 66 Proz. der Friedensmcnge verheizt 
werden dürfen, also von 2000 Zrc. 1200 Ztr., so kosten 
diese 1200 Ztr. bei einem Preise von 22 M. pro Zrr. 
20 400 M. 
In Friedenszeiten betrugen die Unkosten für die 
Heizung im allgemeinen 10 Proz. der Miete. Bei denn 
jetzigen Preise nnd bei der eingeschränkten Beheizung sechs 
mal so viel, d. h. selbst bei eingeschränkter Beheizung wer 
den 60—70 Proz. der Miete allein voU den Beheizungs- 
tosten absorbier:. 
infolgedessen die mit Zentralheizung versehenen 
Häuser für den Hausbesitzer eine auf die Tauer uner 
trägliche Last bedeuten, liegt agf der Hand. 
Tie Forrdauer dieser Zustände muß entweder zu einem 
Ruin der Hauswirte führen oder die Mieten für die Woh 
nungen in Zentralheizungshäuferr: müssen unter Berück 
sichtigung aller anderen gestiegenen Hausunterhalrungs-- 
koftcn um niindestens 100 Proz. gesteigert werden, nur 
um die Sclbstunkosten des Hauswirts zu decken. 
Es liegt auf der Haiw, daß eine solche Belastung 
weder von den Hauswirten getragen werden kann, noch von 
den Mietern, 
. Nun besagt die neue Höchstmieteverordnung, daß die 
Kosten der Zentralheizung von den Mietern zu 9 / 10 , vom 
Hauswirt mit Vio zu tragen sind. Praktisch umgerechnet 
ist die Sache sv, daß der Hauswirt jetzt, wenn die.Heizungs 
kosten, wie vorhin ausgeführt, 26 000 M. betragen, davon 
V,o oder 2600 M. zu tragen hat. Diese 2600 M. stellen 
mehr wie die gesamten Heizungskosten der Friedenszeit 
dar. Selbst diese Belastung kann der Hauswirt nicht er 
schwingen, denn was nützen ihm die Mierszuschlägc. wenn 
sie auf der anderen Seite durch den Anteil au den 
Heizungskosten wieder weggeuoinmen werden. ' 
Es scheint der Zeitpunkt nahe zu sein, an dem Ver 
mieter und Mieter die Lasten zu erschwingen nicht in der 
Lage sind und damit tritt eine Gefahr für die Gesamth-eit 
weitester Bcvölkerungskreise ein. 
Notwendig ist cs unbedingt, daß die Negierung für 
Hcrusbrandkohle Sonderpreise festsetzt und daß, damit die 
ermäßigte Kohle nicht der Industrie auf Umwegen zuge 
führt wird, die Belieferung der Zentralheizungshäuler 
durch Hauswirke-Genossenschafien erfolgt) die Gewähr da 
für bieten, daß die Kohle nur für diese Zwecke, nicht aber 
für die Industrie verwendet wird. 
Tie Industrie ist in der Lage, für die von ihr fa 
brizierten Artikel die Preise jederzeit zu erhöhen, sie findet 
also ihren Ausgleich im Preise des einzelnen Fabrikations 
artikels. Bei einem Hause ist dies uirmöglich und undurch 
führbar, weil nach den neuesten Preisen die Beheizung 
einer Wohnung mehr kosten wird, wie die Dohnmiete 
überhaupt beträgt. 
Dir möchten deshalb schon jetzt darauf hinweisen, daß 
Mittel und Wege gefunden werden müssen, beiden Par 
teien gerecht zu werden. 
Es steht fest, daß kein Hauswirt in der Lage ist, bei 
diesen Preisen in den Sommermonaten große Vorräte, 
anzuschasfen, denn die Dorratsbeschafsung von nur etwa 
1000 Ztr. erfordert ein Kapital von 20000 M., das die 
meisten Haanswirte heute flüssig nicht besitzen. 
Hinzu tritt, daß die Regierung ohne Rücksicht auf die 
Bevölkerung anscheinend das Bestreben hat, den Syndi 
katen weitgehendst entgegenzukommen und die Preise für 
Kohle den Weltmarktpreisen anzupassen, ohne zu be 
denken. daß sie damit die Gesundheit der weitesten Kreise 
gefährdet. 
Hier erscheint für die Mietervereine Gelegenheit ge 
geben, gemeinsam mit den Hauswirten bei den maß 
gebenden Instanzen vorstellig zu werden, um Ermäßigung 
der Preise für Hausbrandkohle zu erwirken. 
R. K o n i e c z k a, 
Schriftführer des Heizungsverbandes der Hauswirte. 
Orrsnaebficklm 
(Nachdr. unsrer o-Qriginalartltel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Schach gegen Grippe. Der Landesausschuß für hy 
gienische Bolisbeichrung erläßt diese Mahnung: Die Grippe 
ist äußerst ansteckend, wird vor allem übertragen durch 
Anhusten, Niesen und unmittelbare Berührung. Vermeide 
nach Möglichkeit den Aufenthalt in geschlossenen Räumen, 
wo sich viele Menschen aushalten. Bei den ersten Krank- 
heitscrscheinungen, wie Fieber, Husten, Schnupfen, Ab- 
«geschlagenheit, Gliederschmerzen, lege Dich sofort i"s lsiett 
und sorge für ärztlick-e Hisse. Schone Dich in de: Re 
konvaleszenz nnd gehe nicht zu zeitig wieder an die 
Arbeit. Scküler und Schülerinnen, die zur jetzigen Epi 
demiezeit die leickhcsten Anzeichen von Grippe oder Bron 
chialkatarrh bieten, sollen unter allen Umständen vom 
Schulbesuch ferngehalten iverdcn. Jeder tut gut, zu Zeilen 
einer schweren Ärippecpidemie mehrmals täglich mit einer 
leicht desinfizierenden Lösung (z. B. von Wasserstoss 
superoxyd eigen Teelöffel auf ein Glas Wasser oder von 
essigsaurer Tonerdenlösung 20 Tropfen auf ein Glas 
Wasser) energisch zu gurgeln und den Mund zu spülen 
sowie vor dem Eirrnbhmen der Mahlzeiten die Hände 
gründlich zu waschen. 
o Unser« evoitgelisHen Mitbürger seien auf die Jah- 
ress eie r des Zwcigvcreins Schöueberg-Friedenau-Steg- 
litz des Evangelischen Bundes hingewiesen, die 
begangen wird durch eine kirchliche Feier am morgigen 
Sonntag, dem 29. d. Mts., in unserer Friedenauer Kirche, 
vormittags 10 Uhr. Die Festpredigt hält Herr Pfarrer Lic.' 
Tr. T i b e l i u s-SckPneberg, unser Kirchenchor verschönt 
die Feier durch mehrere Gesänge. Wir wünschen uns ein 
volles Gotteshaus und eine recht ertragreiche Kollekte, 
die der Liebestätigkeit des Evangeliscliei: Bundes zugute 
kommen soll. — Am Mittwoch, den 3. März d. Js^ 
abends 8 Uhr, findet ferner ein Bundes -Abend im 
großen Saal unseres evangelischen Gemeindehauses, Kaissr- 
allee 76, statt, auf den gleichfalls empfehlend verwiesen 
wird. Ter geschäftssührende Vorsitzende des Evangelischen 
Bundes, Herr D. Everling, hat in dankenswerter 
Weise selbst den Hauptvortrag übernommen, dem das 
Thema zugrundeliegt: „Unsere Aufgaben in der heuttgcn 
Notlage des deutschen Protestantismus." Wer diesen 
faszinierenden Redner kennt, weiß, waS durch ihn ge 
boten wird, die Friedenauer Vertrauensmänner des Bun 
des find dem Herrn Dundcsvorsitzcndcn schon heute be 
sonders dankbar für seine Bereitwilligkeit, trotz seiner 
vielseitigen Inanspruchnahme den Abend mit einem so 
zeitgemäßen Thema für sie hergegeben zu haben; sie 
wissen, wer zu ihnen spricht. Um den Abend in jeder 
Weise genußreich zu gestalten, sind zwei Friedenauer Mit 
bürger und Künstler von Sfilf um ihre gütige Mitwir 
kung gebeten worden und haben sich, wie schon so oft, 
alsbald in den Dienst einer guten Sackw gestellt. Tie 
Konzettsängerin und Lehrerin in der Gcsangskunst Fräu 
lein Elsa Fleischer (Sopran) wird ihr Bestes bieten; 
was am letzten Montag in Nr. 46 über ihren Liederabend 
im Klindworth-Scharwenka-Saal an dieser Stelle gesagt 
worden ist. sei als schönste Empfehlung in Erinnerung 
gebracht. Außerdem wird der Kammermusiker der StaatS- 
oper Herr Hans Stirz. (Kontrabaß) uns sein Jnstr^- 
ment erklingen lassen. Jawohl — Kontrabaß! Wer da 
zweifelt, der komme, Herr Stirz mit z. T. eigenen Korw- 
positionen wird es ihm klanglich (nicht räumlich) nahe 
bringen; mehr wird nicht verraten. — Eintritt frei. 
Ausführliche Vortragsfolge (20 Pfg.) am Abend. Kleider-r 
ablage, die im Hinblick auf den gut durchwärmten Saal 
zur Bedingung gemacht wird und — wcnn's geht — 
möglichst ohne Widerspruch — erfolgt, 20 Pfg. E. 
o Unsere Lichtspieltheater. In den Krone nlicht- 
spielen sehen wir in dieser Woche Erich Kaiser-Titz in 
dem großen Schauspiel „Aus Liebe gesündigt"; hierzu 
das entzückende Lustspiel: „Haben Sie was gemerkt" mit 
Paul Heidemann. — Tie Kolibri-Lichtspiele brin 
gen das sensationelle Sittendrama „Blondes Gift" mit 
Reinhold Schänzel zur Vorführung. — Im Biofon- 
tf) enter kommt der Monumentalfilm: „Ter Ritualmord" 
auf die Leinwand. — Tie R Heinschloßlichtspiele 
führen aus dem großen Abenteurer-Zyklus den zweiten 
Teil: „Das Brillantenschiff" vor; Ressel Orla und Carl 
de Bogt sind in den Hauptrollen. Ter 6. Teil des großen 
Filmwerks „Die Herrin der Welt", wird vom 5.—11. 
März gezeigt. — Im Hohenzollerntheater spielt 
Lotte Neumann die Hauptrolle in dem ergreifenden 
Schauspiel „Prinzeßchen". — Tie Rheinecklichtspiele 
haben das spannende Sittendrama „Tie schwarze Marion" 
mit Reinhold Schänzel auf dem Spielplan. Am Sonn 
tag nachm. 3 Uhr ist wieder große Jugendvorstellung. 
— Tic Casino-Lichtspiele zeigen den 2. Teil „Der 
Galeerensträfling" mit Paul Wagener und den Schwank 
„Das rosa Trikot". Auch hier ist Sonntag Nachm. 3 Uhr 
Jugendvorstelluug. — Das Flora-Kino führt das 
große Artistendrama „Geschwister Morclli" und das rei 
zende Lustspiel „Seine Ferienbraut" vor. — In den 
Rüdesheimer Lichtspielen steht im Mittelpunkt 
des neuen Spielplanz das gewaltige Filmwerk „Nackch- 
gcstalten". Sonntags ist um 3 Uhr Kindervorstellang. 
— In den Albrechtshof-Lichtspielen tritt Earl 
Auen persönlich auf in seinem neuen Filmsketsch „Mitter- 
nachtsspuk"; Pola Negri als Marchese d'Armiani. — In 
den Sportpalast-Lichtspielen gelangt nun der. 
sensationlele Kolossalfilm: „Tot oder scheintot" zur Ur 
aufführung. Ter Film zeigt den aktuellen scheintoten 
Fall der Krankenschwester im Grunewald. Außerdem er 
lebt der neueste Esther Carena-Film „Die ihr Glück vcy- 
kenncn" seine Uraufführung. « 
o Ter Verein zur Bekämpfung des Schundfilms. Die 
Gefahren des Schmutz- und Schundfilms für die sitt 
liche Volksgesundhejt sind so offenkundig, daß die Not 
wendigkeit ihrer Bekämpfung nicht besonders begründet 
zu werden braucht. Tie, Filmindustrie wird, auch wenn 
das Reichsfilmgesetz Tatsache geworden ist, nach wie vor 
bestrebt sein, Geld zu verdienen, unbekümmert, ob die 
antisozialen oder niedrigen Instinkte aufgepeitscht, ob Ge 
schmack und Bildungssähigkeit vernichtet .oder gemeinge 
fährliche Leidenschaften geweckt werden. Wie ist dieser 
Gefahr wirksam zu begegnen? Nichts wäre verkehrter 
als anzunehmen, daß sie durch die kommensde gesetz 
liche Reichssilmzensur beseitigt würde. Denn es ist klar, 
daß eine Zensur nur die äußersten Auswüchse ausmerzen 
kann. Einen Damm gegen die breite Flut des Schund- 
und Kitschfilms stellt sie aber nicht dar. Hier setzt die 
Arbeit des Vereins zur Bekämpfung des Schundfilms 
ein. Er will in allen größeren Städten Deutschlands 
Ortsgruppen ins Leben rufen. Weiterhin will der Verein 
zur Bekämpfung des Schundfilms sich für die guten Filme 
einsetzen. Diese mühsame Arbeit kann aber nur mit weit 
gehender Unterstützung durch einzelne Körperschaften und 
Behörden geleistet werden. Mitglieder können einzelne 
Gemeinden und Körperschaften wirken. Die Stadt Essen 
hat in voller Würdigung der Sache als erste deutsche 
Stadt einen zunächst einmaligen Beitrag von 5000 M. 
geleistet. Persönlichkeiten und Vereine, die den Prinzipien 
des Vereins zustimmen, wollen die Satzungen und Auf 
klärungsschriften von der Hauptgeschäftsstelle Essen, Berg- 
sttaße 2, die jede Auskunft gern erteilt, anfordern. 
Die Briefe der Prinzessin. 
Bon E. Ph. Oppenheim. 
2 iPachdruck verboten.) 
Hollfelden batte am Abend ein bißchen gettunken, 
nicht so viel, daß er geradezu angeheitert war. aber doch 
genug, jene gefährliche abenteuerliche Sttmmung in ibm 
wachzurufen, in der man die größten Dummheiten zu be 
gehen geneigt ist. Er halte mirilich Lust, da eine „Eroberung" 
;u machen. Aber den rechten Mut fand er nicht, irgend etwas 
„n der Fremden, die natürliche Vornchmheit ihres Wesens, 
die er sofort empfunden und die ihn sofort stutzig gemacht 
hatte, hielt ihn zurück. 
Sie hatte offenbar Furcht vor ,hm. Ein paar Schritte 
mochte sie auf ihn zu und sah ihn halb fragend, halb 
bittend an. 
„Bitte, lassen Sic mich gehen." sagte sie. 
„Sogleich!" 
Er rührte sich noch immer nicht. An die Tür gelehnt, 
stand er und sah sie an. Er war sorgfältig und elegant 
'«-kleidet, sein Gesicht, das den Stempel der Intelligenz 
trug, zeigte jene Dläsie. die von durchwachten Nächten zeugt 
and die man heutzutage so „interessant" findet. Der Mund 
Dar fest und energisch geschnitten, und durch seme Ange- 
vohnheit, die Lippen fest aufeinander zu pressen, bekam 
Sas Gesicht beinahe etwas Hartes 
„Was wollen Sie?" fragte fre. »Ich habe Ihnen 
meine Anwesenheit in Ihren« Zimmer erklärt, und ich 
habe mich entschuldigt. Lassen Sie mich gehen." 
„Sie. haben mir Ihre Anwesenheit in memem Zimmer 
rrklärt," erwiderte er ruhig, obwohl sein Blut in Wallung 
war und sein Herz heftig schlug. „Aber Sie haben mir 
nicht erklärt, in welcher Absieht Sie die Wohnung des 
Herrn Mattens aufsuchen wollten. Haben Eie vor, seine 
Sachen einer ähnlichen Musterung zu unterziehen wie hier 
die meinigen 7" _ . , . _, ... 
C£t deutete auf die verwühlten Papiere aus der Schreib, 
tischplatte. Sie warf den Kopf zurück. - 
„Was ich bei Herrn Martens zu tun hatten ist nicht 
ßhre Angeleget,heit!" erwtvette sie kalt, ihre Hände »»ec 
spielten nervös mit den: Schlüsiel. 
„Unter gewöhnlichen lUn'.T.ubcn, nein!" gab er zu. 
.Aber dte Umstände sind durchaus ungewöhnlich. Ver- 
zeihen Sic, wenn ich offen spreche. Ich fand Sie dabei, 
meinen Schieibtisch zu durchsuchen. Und ich irre wohl nicht, 
wenn ich vermute, daß Sie bei Herrn Martens das Gleiche 
tun wollen." 
„Und wenn ich es wollte, was ginge es Sie an? 
Woher wißen Sie denn, daß ich nicht die Erlaubnis dazu 
oon ihm habe? Hier, ich habe ja doch den Schlüssel zu 
seiner Wohnung." 
Sie hielt ihm den Schlüssel hin. Er streifte ihn mit 
einem flüchtigen Blick und sah sie wieder an. 
jawohl l" sagte er. „Aber nicht von Herrm Martens. 
Herr Mattens wollte ohne Frage nicht, ba&_ Sie seine 
Wohnung in seiner Abwesenheit und um diese Stunde aus 
suchten." 
„Wie können Sie das behaupten 7" 
„Bitte, das ist doch sehr einfach. Wenn Herr Martens 
Zhnen den Schlüsiel gegeben hätte, damit Sie sich um 
Mitternacht seine Wohnung ansehen können, so hätte er 
Zhnen ohne Zweifel auch gesagt, daß er im zweiten und 
nicht im ersten Stock wohnt. Er mußte ja doch wissen, 
daß sich keine Namensschilder an den Türen befinden und 
daß Sie deshalb leicht irren konnten." 
Sie gab keine Antwort. Ihr Busen hob und senkte 
sich rasch, ihr Kopf war ein wenig zurückgelegt, und wie 
sie ihn ansah, stand eine schmale, scharf eingeschnittene Falte 
sivischen ihren Brauen. Sie wußte offenbar nicht, was sie 
tun sollte. Halb mechanisch raffte sie den Ueberwurf auf, 
den sie auf den Sessel hatte gleiten lassen, legte ihn aber 
nicht um die Schultern, die sich in köstlicher Rundung unter 
dem Promenadenkleid abzeichneten. Er wußte nicht, was 
er aus ihr zu machen hatte. Die Situation war merk 
würdig genug, aber sie schien ihm ttotz allem eine durch 
aus vornehme, junge Dame. Was, zum Kuckuck, wollte 
sie denn bei diesem Mattens 7 Es reizte ihn, das Rätsel 
zu lösen. Er ließ sie nicht so gehen. Erfahren wollte er 
wenigstens, wer sie war. Es tat ihm leid, wenn sein Ton 
und der Inhalt seiner Motte verletzend gewesen waren, 
aber konnte er denn unter diesen Umständen anders mit 
ihr sprechen? 
„Ist dieser M»vn, ist Herr Martens Ihr Freund?“ 
fr*|ie sie plötzlich. 
Er «ehrte »efHMff «». 
„Nein, nicht in: mindesten. Ich kenne ihn nur so von 
oufälllgen Begegnungen her. Unsere Dekannäschaft ist nicht 
über flüchtige Grüße auf der Treppe oder auf der Straße 
hinausgekommen." 
„Dann haben Sie kein Recht, mich hier zurückzuhalten/ 
erklärte sie ruhig. „Nicht einmal eine Entschuldigung dafür. 
Ich mag seine Freundin oder Feindin sein, es geht Sie 
jedenfalls nichts an. Ich bin irrtümlich hier bei Ihne» 
eingedrungen, dafür habe ich um Verzeihung gebeten. 
Was wollen Sie noch? Lassen Sie mich gehen!" 
Und mit scharfer Betonung fügte sie nach einer kurzen 
Pause hinzu: 
„Ich denke. Sie sind ein Ehrenmann, Herr — Holl 
felden ?" 
Die Uhr auf dem Kaminsims schlug zwölf. Erwartete, 
bis der letzte Schlag verklungen war. Dann sagte er 
hastig und 'eindringlich: 
„Sie werden zugeben, daß die Situation mehr als 
eigenartig ist. Ich darf mir daher auch gestatten, offener 
zu sprechen, als mir sonst erlaubt wäre. Ich kenne Sie 
nicht, und es könnte mir schließlich gleichgültig sein, wen 
Sie um Mitternacht besuchen. Aber ich warne Sie. Sie 
können gesehen werden, und bei dem Ruf, den Herr 
Martens hat " 
Sie lachte leise, ein sehr wohlklingendes Lachen. 
„Bitte, wollen Sic mich nun gehen lassen 7" sagte sie. 
„Ich danke Ihnen für Ihre Warnung. Aber glauben Sie 
mir, ich weiß selbst, was ich zu tun habe." 
Er zögerte. Sie sah sehr wohl, daß sie gesiegt hatte. 
Eine Minute zuvor hatte sie diesen Mann gesürchtet, jetzt 
fürchtete sie ihn nicht mehr. Sie war schön, und er war 
wie andere Männer auch. 
„Ich will mit Ihnen gehen und oben der Wohnungs 
tür warten, wenn Sie durchaus hinaufgehen wollten," sagte 
er. „Martens ist — oft — in einem — gefährlichen 
Zustand, wenn er nach Haus kommt." 
Sie lächelte wieder, ein bißchen spöttisch. 
„Seien Sie klug," sagte sie. „Lassen Sie mich gehen 1 
Ich brauche Ihren Schutz nicht. Ich " 
Sie brach ab. Es hatte geläutet, schrill und anhaltend. 
Er wußte, was es war. das Telephon in der Ecke des 
Zimmers. Aber er rührte sich nicht. Er wollte die Tür 
nicht freigeben. 
Als es dann aber noch einmal klingelte, heftig und 
ltrnd, ging er dqch widerstrebend hinüber und nahm 
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