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Periodical volume Nr. 107, 16.05.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Beilage z« 9h?'. 33 des „Ariedeuaner Lokal-Anzeiger" 
Sonntag, den 8 Februar 1930. 
Greor'Sveade. 
Von Alfred Kerr. 
Manches, was unser war, 
Ist heut mit Schmerzen zu missen! 
Westpreußen, Posen, Elsaß und Saar 
Sind abgeschafft und weggerissen! 
Liebe deutsche Brüder! Wir können aber Nordschles- 
wig, Oberschlesien, bedrohte Teile West- und Ostpreußens 
beim Bftch erhalten — wenn wir unsere Pflicht firn. 
Dort ^.llen ja die Bewohner ihr künftiges Vaterland 
wüh^n. 
Vom Volke selbst wird abgestimmt 
An diesen teuren deutschen Stätten — 
Wollt Ihr, daß der Fremde sie nimmt? 
Nein, wir sollen sie retten! 
Zu Deutschland gehören sie. Warum? Sie würden 
einen verteufelt schlechten Tausch unter polnischer, dänischer 
Herrschaft machen! Für Arbeiter gibt es dort nicht Ge 
werkschaften, nicht Fürsorge, nicht Sicherungen im gleichen 
Maße wie bei uns. Die Grenzbezirke brauchen Deutsch 
lands hochentwickelte Einrichtungen. 
Und Deutschland braucht die Grenzbezirke — für ein 
wirtschaftliches Bestehen, 
Endlich wäre, solange heimisches Grenzgebiet uns ent 
zogen ist, die Weltruhe von neuem bedroht. 
Diesem Gedanken stimmen alle, alle, alle Parteien 
zu — auch die unabhängigen Sozialisten. Es gibt nur 
eine Stimme darüber in Deutschland. 
Wer in den Grenzbezirken geboren ist, soll zur Ab 
stimmung hinreisen — wo er sich auch befinde. 
Dazu brauchen wir Geld. Der Beutel manches Stimm 
berechtigten ist schmal; das Reisen teuer. Es gilt, Unzäh 
lige zu befördern, zu verpflegen, zu beherbergen. 
Sie alle sollen die heilige Pilgerfahrt antreten — 
damit Deutschland am Leben bleibt. 
Bringt ein letztes Opfer — trotz unserer eigenen Not. 
Greift noch einmal in die Tasche. 
Richtet Euer Augenmerk 
Auf rasche, reiche Gaben., 
Dänen und Polen sind schon am Werk 
Uns das Wasser abzugraben; 
Laßt sie nicht flinker sein aü Ihr, 
Durchkreuzt ihr Treiben — 
Rettet das Grenzrevier! 
Deutsch muß es bleiben! 
* 
Beiträge zur „Grenz-Spende" für die Volksabstim 
mungen können beim Berlage dieser Zeitung, Rheinstr. 15, 
der darüber öffentlich quittiert, unter dem Krnnwort 
„Grenz-Spende" eingezahlt werden. 
Auch alle Banken und jedes Postamt nehmen Spenden 
entgegen. Bei der Post sind Einzahlungen auf Postscheck 
konto Nr. 73 776 zu leisten. 
Onsiiadrrtcbmfe 
(Rachdr. unsrer o-Originalartikek nur mit Quellenangabe gestarter.) 
o Erleichterung der Fleischfinsuhr. Eine Bekannt 
machung vom 4. August 1914 (R.-G.-Bl. S. 350), betr. 
vorübergehende Einfuhrerleichterungen für Fleisch, ordnete 
gewisse Abänderungen an Einfuhrverboten und -Beschrän 
kungen von Fleisch für die Dauer des Krieges an. Es 
handelte sich hier um die zeitweilige Außerkraftsetzung von 
Bestimmungen des Flcischbeschaugesetzes. Nachdem nunmehr 
der Friede ratifiziert wurde, hat die Reichsregierung eine 
Verordnung erlassen, nach det die Besfimmungcn der Be 
kanntmachung vom 4. August 1914 vorläufig in Kraft 
bleiben. Hierdurch soll im Interesse der allgemeinen Er 
nährungslage die Einfuhr von Fleisch und Fleischwaren 
auch weiterhin erleichtert werden. 
o Ausfuhrverbote für Lederwaren. Eine in den nächsten 
Tagen zu erwartende Bekanntmachung verbietet die Aus 
fuhr sämtlicher Lederwaren, Kürschnerwaren usw. (Waren 
nach Abschnitt 6 des Zolltarifs); also auch Ofsenbacher 
Lederwaren, Handschuhe sowie Felle und Pelzwaren. Aus 
genommen sind nur Vogelbälge und ausgestopfte Tiere. 
Ausfubraenehmigungen werden erteilt von der Außen 
stände loste he für Lederwirtschaft, Berlin W., Viktoria- 
straße 12 C i.grammadresse: Lederausfuhr Berlin), für 
Kürschnerwaren u. ßerdem von der Rauchwarenabtei- 
%m\ Cesiamente. 
Roman von F. Stolze. 
53 (Nachdruck verboten $ 
„Sind sie dort aber auch vor Tieren und Feuchtigkeit 
geschützt?" fragte Erna. 
„Vollkommen. Vis wir zurückkehren, fällt hier kein 
Tropfen Regen. Zur Vorsorge können wir sie ja auch noch 
in Kautschukstoff verhüllen, der Wasser abhäll und von 
keinem Tiere angerührt wird. 
„Es wird aber schwerhalten, unbemerkt in den Vau 
hineinzukommen," wendete der Oberst ein. 
„Am besten wäre es schon," meinte Ewald, „wenn wir 
die Sache noch in dieser Nacht erledigten. Man müßte sich 
eben nur vor einer Beobachtung durch den Hauptmann 
vorsehen. Da Achim am besten mit der Oertlichkeit Be- 
scheid weiß, muh er natürlich die Rolle des Führers über. 
nehmen. Ich würde ihn gern begleiten, aber ich glaube, 
daß ich an einer anderen Stelle Wichtigeres leisten kann. 
Ich gedenke nämlich, zu dem Hauptmann in sein Zelt hin- 
überzugehen und ihm zu sagen, daß ich auch noch ein 
Telegramm abzusenden hätte und ihn daher morgen ftuh 
begleiten möchte. Er wird es nicht wohl ablehnen können 
und wird einwilligen müssen. Ich werde ihn dabei so 
lange aufhalten, daß du. lieber Onkel, inzwischen mit Achim 
alles besorgen kannst. Natürlich schicken wir vorher unsere 
Diener fort, und die Damen ziehen sich in ihr Schlafzelt 
zurück, oder können euch auch, wenn sie es vorziehen, 
erwarten." 
Alle stimmten zu. Die Diener löschten ihr Feuer aus 
und begaben sich zu ihren Gefährten. Bald darauf verließ 
Ewald das Zelt und schritt dem des Hauptmanns zu. Als 
«r darin war. warteten die beiden Leppels noch «men 
Augenblick und gingen dann vorsichtig am Sudwestpodefl 
de« Palastes de» Dariu«, das sie jedem forschenden Bücke 
ihrer Reisegefährten verbarg, entlang, schritten auf der 
Treppe mit den Abbildungen der tributbringenden Stamme 
bung^der Außenhandelsstelle für Lederwirtschaft in Leip 
zig, Tröudlingrinq 2 (T''learammadrpfie: Pefistell'' Leizia) 
o Die Technisch« Nothilfe — keine militärisch« Or- 
ganlsation. In der Öffentlichkeit wird zuweilen die völlig 
irrige Ansicht vertreten, daß die Technische Nothilfe eine 
militärische Organisation sei. Dieser Irrtum beruht viel 
leicht auf einer Verwechslung mit der bei der Reichswehr 
bestehenden Technischen Abteilung. Darum sei hiermit 
ausdrücklich festgestellt, daß die Technische Nothilfe eine 
zivile Arbeitsgemeinschaft von Angehörigen aller Stände 
ist und als solche zivile Reichsorganisation laut Kabi 
nettsbeschluß vom 28. 11. 1919 dem Reichsministerium 
des Innern untersteht. 
n Die Truppen der Reichswehr. Die Reichswehrtruppen 
bestehen nach neu erlassenen Ausführungsbestimmungen 
zum Heereshaushalt aus 33 Regimentern Infanterie und 
Jäger zu drei oder zwei Bataillonen, 23 Regimentern 
Kavallerie zu drei oder zwei Eskadronen, 20 Regimentern 
Arfillerie, 21 Bataillonen Pioniere, 20 Nachrichtenabtei 
lungen, 4 Nachrichtenzügen bei Gruppenkommandos, 20 
Kraftfahrabteilungen, 1 Kraftsahrtruppe zu besonderer Ver- 
. Wendung (Gruppen-Kraftwagenformationen), 19 Brücken- 
' trains, 19 Sanitäts-Kompanien, 20 Staffelstäben und 7 
l Fcldkolonnen. Behörden und Kommandos der Reichswehr 
sind das Rcichswehrministerium, 4 Gruppenkommandos, 6 
Wehrkreiskommandeure, 15 Brigadekommandos, 20 Jn- 
fanteriesührer, 20 Arttllerieführer, 6 Inspekteure des 
Maschinengewehr- und Minenwerferwesens, 1 Inspekteur 
des Bildungswescns, 1 Sanitätsinspekteur und 1 Veteri- 
uärinspekteur, 1 Festungsinspekteur, 1 Inspektion für 
Waffen und Gerät. Eine Kommandantur befindet sich 
in Berlin, Fesiungskommandanturen in Breslau, Boyen, 
Küstrin, Glatz, Glogau, Ingolstadt, Königsberg, König- 
stein, Marienburg, Neiße, Pillau, Spandau, Swinemünde 
und Ulm. Uebungsplätze gibt es in Altengrabow, Arys, 
Döberitz, Grafenwöhr, Jüterbog, Königsbrück, Kummers 
dorf, Lockstedt, Münsingen, Munster, Neuhammer, Ohr 
druf, Orb, Senne, Sperenberg, Klausdorf und Zossen. 
o Ausfuhr von Glühlampen. Bisher bestand eine Er 
mächtigung der Zollstellen, Glühlampen für elektrische 
Taschenlampen, (Zwerglampen) ohne Ausfuhrbewilligung 
zur Ausfuhr zuzulassen, sofern die Lampensockel nachweis 
lich aus Eisen, verzinktem oder vermessingtem Eisen und 
die Zuleituugsdrähte aus Platinmantel- oder Platinersatz 
draht bestanden. Neuerdings hat der Reichskommissar für 
Aus- und Einfuhrbewilligung diese Ermächtigung der 
Zollstellen zurückgezogen. Die Veröffentlichung einer der 
artigen Bekanntmachung steht bevor. 
o Die Tabakanbaufläche in Deutschland. Ueber den 
Umfang des deutschen Tabakanbaues bestehen vielfach irrige 
Ansichten. Er betrug vor dem Kriege etwa 12 500—14 000 
Hektar und ist im Jahre 1915 bis auf 9000 Hektar zu 
rückgegangen. Jetzt hat die Tabakanbaufläche den früheren 
Umfang ungefähr wieder erreicht. Trotzdem spielt sie im 
Verhältnis zur Gesamtackerfläche keine nennenswerte Rolle. 
Sie beträgt in Prozenten berechnet nur etwa 0,7 o/og der 
gesamten Kulturen. Die Tabakanbaufläche ist relativ am 
größten in Baden, wo sie 11,61 <yo 0 der Ackerfläche be 
trägt, am geringsten in Oldenburg mit 0,01 0 /o 0 der Acker 
fläche. In Preußen macht das mit Tabak bestellte Land 
0,35 v/vy der Anbaufläche aus. Selbst wenn diese Ziffern 
zu niedrig gerechnet sein sollten, was bei der derzeitigen 
Lage nicht ganz ausgeschlossen erscheint, kann man gleich 
wohl sagen, daß eine Beinträchtigung des Anbaues anderer 
Feldfrüchte durch den Tabakbau nicht zu befürchten ist. 
o Ueber die Frage, ob das Aufräumen der Werkstatt 
in der Arbeitszeit stattfinden müsse, hatte das Schöffen 
gericht in Rostock zu entscheiden. Zwei selbständige Hand 
werksmeister hatten vor dem Amtsgericht in Rostock einen 
Strafbefehl über 50 M. oder 5 Tage Gefängnis erhalten, 
weil sie gegen die Anordnung über die Regelung der 
Arbeitszeit der gewerblichen Arbeiter vom 23. November 
1918 dadurch verstoßen hätten, daß sie die Lehrlinge 
länger als 8 Stunden beschäftigen; sie hatten nämlich ihre 
Werkstätten nach Schluß der achtstündigen Arbeitszeit auf- 
räumen lassen. Die Meister erhoben gegen den Strafte- 
fehl Einspruch. In der Hauptverhandlung behaupteten sie, 
die Auftäumuugsarbeiten hätten mit der täglichen Arbeits 
zeit nichts zu tun, und es wäre gar nicht möglich, beide 
miteinarider zu vereinigen, da mit den Ausräumunas- 
arbeiten immer erst begonnen werden könne, wenn die 
Arbeit aufgehört habe. Würde man sich auf die Seite 
zum Dorhofe des Palastes des Terxes hinauf und standen 
nun vor der alten Wasserleitung. Die schmale Mondsichel 
war bereits untergegangen, aber das Sternenlicht war aus 
reichend, sie die Stelle erkennen zu lassen, wo ftühere 
Forscher die Deckplatten emporgehoben und wieder auf 
gelegt hatten. Sie zogen ihre Hirschfänger und machten 
sich an die Arbeit. Mit Anspannung aller Kräfte gelang 
es ihnen, zwei der schweren Marmorplatten zu heben. Dann 
ließen sie sich in den schmalen, mehr als mannshohen Gang 
hinab, tasteten sich in der Richtung senkrecht gegen den zu 
der Zisterne führenden Gang weiter, bogen um die Ecke 
herum und wagten nun das mitgebrachte Windlicht an 
zuzünden. Vorsichtig schritten sie bei dem ungewissen 
Schein auf dem sich immer mehr in die Tiefe senkenden 
Lehmboden weiter, der sich dort im Laufe vieler Jahr 
hunderte angesammelt hat. Höchstens eine kleine Eidechse 
oder eine harmlose Schlange raschelte vor ihnen davon. 
Jetzt wurde der Gang infolge der Verspülung so niedrig, 
daß sie nicht mehr aufrecht darin hätten gehen können. Sie 
machten Halt und prüften die Felswände. Neben ihnen, 
dicht unter der Decke, war eine flache Felsspalte. Hier 
schoben sie das in Kautschukstoff gehüllte Paket tief hinein 
und füllten den Raum völlig mit Geröll und Erdreich. 
Auch bei der sorgfältigsten Prüfung war keine Spur des 
Verstecks zu entdecken. Der Oberst legte zur Vorsicht noch 
einen größeren Stein auf den Fußboden gerade unter der 
Spalte und drückte ihn so in das Erdreich hinein, daß es 
aussah, als wäre er hier schon seit langen Jahren ein 
gebettet. Dann kehrten sie um, löschten, als sie an die 
Ecke kamen, das Windlicht aus, gingen bis zur Oeffnung 
weiter, stiegen hinaus und stellten den Verschluß wieder her. 
Mft erleichterten Herzen wanderten sie nun auf dem 
vorigen Wege dem Zelte zu. Als sie dort anlangten, 
empfing sie Ewald mit gegen die Lippen gedrücktem 
Finger. 
„Es ist gut." sagt« er leise, „daß wir das Testament 
nicht wieder in dem Königsgrabe versteckt haben. Als 
ich in das Zelt des Hauptmanns kam, hatte er sich osten 
des Straftefehls stellen, so könne man nie von ei. 
achtstündigen Arbeitszeit sprechen, denn man müsse i 
Zeit der Aufräumungsarbeiten von derjenigen der Arbei 
zeit abrechnen. Diesen Einwendungen schloß sich ft 
Schöffengericht an und erkannte auf Freisprechung. 
o Friedonauer Erfinder. (Zusammengestellt vom P, 
teutbüro Johannes Koch, Berlin NO. 18, Gr. Frankfurt-. 
Straße 59). Otto Lentz, Gutsmuthsstr. 21. Kühlschra: - 
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wecke. Gebrauchsmuster. — Hans August Eiche, Blanken 
bergstr. 9. Behälter zur Warmwasserbereitung durch Zen 
tralheizungskörper. Gebrauchsmuster. — Paul Schlenzka. 
Rheinstr. 22. Propagandakarte. Gebrauchsmuster. — Mar 
Burckhardt, Gutsmuthstraße. 8. Reklamekassenblock. Ge 
brauchsmuster. — Adolf List, Wilhelmstr. 17. Kunstmarmor 
mit eingelegten Intarsien und einer Drahtgewebe- oder 
sonstigen Einlage. Gebrauchsmuster. — Franz Drechsler. 
Kaiser-Allee 118, Steuerung für Flugzeuge, bei der zwei 
Steuern einzeln oder gemeinsam verstellt werden können. 
Angem. Patent. — Gottfried Schneiders, Kaiser-Allee 130. 
Verfahren zur Gewinnung von Oel aus Erdölsanden. 
— Karl Hoecken, Berlin-Friedenau, Vorrichtung zur Ueber- 
setzung der Bewegung einer gleichförmig umlaufenden Welle 
ungleichförmig auf eine zweite. Ert. Patent. — Rein 
hold Richter, Wiesbadenerstr. 5. Flugzeugrupf mit ring 
förmigen Luerspanten. Ert. Pat. — Otto Haackc, Ortruft 
straße 8. Zusammenklappbarer Rodelschlitten. Gebrauchs 
muster. 
o Ist die FortbildungSschrrlzcit als Arbeitszeit zu 
bezahlen? Der Arbeitgeberverband der Papier verarbeiten 
den Industriellen, Berlin W. 35, Potsdamer Straße 36 I!, 
ließ diese Frage klären. In der Praxis waren bei Be-s 
Handlung der Fragen mancherlei Zweifel und Mißver- 
tändnisse aufgetreten, insbesondere durch einen Bescheid 
ies Reichsarbeitsministers, der sich auf den Standpunkt 
'teilt, daß die Fortbildungsschulstunden auf die Arbeits 
zeit anzurechnen seien. Die weitere grundsätzlich davon 
verschiedene Frage, vb die genannte Schulzeit nun auch 
als Arbeitszeit zu bezahlen sei, ist durch einen Schieds 
spruch des Schlichtungsausschusses Groß-Berlin vom 28. 
November 1919 in einem ihm unterbreiteten EinzelfaUe 
dahin entschieden worden, daß für die durch den Besuch 
der Fortbildungsschule versäumte Arbeitszeit Lehrlingen 
der volle Lohn zu entrichten, jugendlichen Arbeitern da 
gegen den Lohn entsprechend zu kürzen sei. Zur Herbei 
führung einer verbindlichen Entscheidung hat sich nun der 
Arbeitgeberverband der Papier verarbeitenden Industriellen 
erneut an den Reichsarbeitsminister gewandt. Am 6. Ja 
nuar 1920 ist von diesem eine Antwort ergangen, welche 
die beiden Fragen grundsätzlich scheidet, ob die Fortlfil- 
dungsschulzeit auf die Arbeitszeit anzurechnen und ob 
sie als Arbeitszeit zu bezahlen sei. Der Minister stellt 
sich also hierin auf den gleichen Standpunkt wie der ge 
nannte Arbeitgeberverband. Eine Entscheidung der beiden 
fällt der Minister nicht, sondern er überweist diese den Ge 
richten. Seine bekanntgegebene Auffassung, daß die zum 
Besuche der Fortbildungsschule verwendete Zeit auf die 
Arbeitszeit anzurechnen fei, sei lediglich als Auslegung 
des Begriffs „Arbeitszeit", nicht aber als eine Entschei 
dung zu bewerten. Somit steht jetzt fest, daß bis znin 
Inkrafttreten des Gesetzes über die endgültige Regelung 
der Arbeitszeit gewerblicher Arbeitgeber für den Arbeit 
geber eine bindende Pflicht weder zur Anrechnung der 
Fortbildungsschulzeit auf die Arbeitszeit, noch zu ihrer 
Bezahlung als Arbeitszeit an Lehrlinge, geschweige den» 
an jugendliche Arbeiter besteht. 
o Gegen den feldgrauen Straßcnüettel. Die in der 
letzten Zeit mit dem Straßenbettel angeblicher Kriegs 
beschädigten in den Großstädten gemachten Erfahrungen 
haben das Reichsarbeitsministerium veranlaßt, eine Be 
sprechung mit dem Kyffhäuser-Bunde und den anderen 
KriegsbeschädigterEereinigungen zu erwirken. Die Be 
sprechung zeigte, daß grundsätzlich das Uebel des Bettels 
der Feldgrauen durch eingehende Aufklärung des Publi 
kums angefaßt werden muß, weil es das Publikum ist, 
das durch gedankenlose Almosenhingabe den Bettlern die 
bar soeben auf einen nächtlichen Spaziergang vorbereitet 
und konnte seine Verlegenheit nur schwer verbergen." 
Ich tat, als ob ich nichts davon bemerkte, und machte 
ihm meinen Vorschlag für morgen früh. Obwohl er ihm 
gar nicht genehm zu sein schien, stimmte er sofort zu. 
Offenbar wollte er mich bald möglichst los werden. Ich 
empfahl mich ihm daher und verbarg mich hier Vor 
etwa einer Viertelstunde kam er aus seinem Zelt, sah sich 
nach allen Richtungen um und begann dann vorsichtig den 
Weg zum ersten Königegrabe hinaufzusteigen. Auf dem 
Vorhofe I drückte er sich fest gegen die dunkle Felswand. 
Ich hatte Himmelangst, daß er euch bei der Arbeit ent 
decken könne, aber er schien nur unser Lager hie>' unten 
zu mustern und gar nichts dort drüben an der abg egenu, 
Eüdecke zu vermuten. Dann ging er in die Gradkannner 
und ist jetzt feit mehr als einer halben Stuitde dar»-. 
Er hat offenbar ein Windlicht mitgenommen und fumc 
alle Ecken und Enden sorgsam ab. Seht nur hinauf!" 
Wirklich! Dort oben sah man, wie die Oeffnung 
des Raumes bald heller, bald dunkler im rötlichen Lichie 
erglänzte. Plötzlich erlosch es und eine dunkle Gestatt 
bewegte sich den felsigen Weg herab, näherte sich den 
Zelten und verschwand in dem des Hauptmanns. 
Die drei sahen sich lächelnd an. Dann bemerkte der 
Oberst: 
„Ich habe es ja immer gesagt, er ist nicht so uneigen 
nützig, wie er sich stellt. Er will sicher gehen und, da 
er zweifellos merkt, daß die Sache mit Alice faul steht, den 
Haupttrumpf in die Hand zu bekommen suchen. Nun, lassen 
wir ihn suchen I" 
Dann warfen sie sich aufs Lager und versanken bald 
in tiefen Schlaf. 
O O 
Als Ewald und der Hauptmann am nächsten Abend 
wieder in Persepolis eintrafen, las man dem letzteren die 
Mißstimmung und Verlegenheit vom Gesicht« ab. Er zog 
sich sofort in sein Zelt zurück und lietz sich nicht werter 
letzen.
        
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