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Volume Nr. 79, 05.04.1918

Full text : Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 25.1918 (Public Domain)

Eriedenarrer.

ÄnparMsche  Zeitung  für  kommunale
Ungelegenhettm»
L»jügspstir

bei  Abholung  aus  der  GeschLftsstelle.
Rhrir.str.  15,  .  M.  vierteliLhrlich;  durch
Boten  inS  HauS  gebracht,  .  JJl.,  durch  die
Post  bezezcrr  '  ,  M.,  ohne  Bestellgeld.

SriSewt  »BS  aoesäi.

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Stti  AtiedcnüUkr  Drwrei!  runr  Zchoneverfl  imö
O^irksvereitt  Zird-Weitshljtiytn

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w.oet  6t*  am  vorn«,  amjeuomracu.
Pr.'.tr  der  6  {•?»<;>•.Zeit?  sdei  c-eren
Auun.  3C  Pi.  Die  Nekiallret/ilk  kostet
7 ä  P<  Briagnummei  IC  Pl

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AerNn-Iriedmau,  Kreitog,  der»  5  Aprit  ««i*.

Die  Räumung  von  Amieus.
Genf.  Aus  Amiens  und  Umgegend  ist  nunmehr  die
gesamte  Bevölkerung  entfernt  worden.  Als  letzte  Bewohner
sind  an,  Sonnabend  die  Insassen  des  Gefängnisses  zu
Amiens  in  Paris  eingetroffen.
G  e  n  f.  Nach  Pariser  Meldungen  vom  Dienstag  sollen
seit  dem  Ostcrmorgcn  die  deutsche  Geschosse  zahlreicher
auch  in  die  innere  Stadt  und  in  die  ivestlichen  Bororte.
In  St.  Germain  sollen  Sprengteile  deutscher  Geschosse  gesunden ­
  worden  sein.
S  cf)  w  e  izer  G  re  n  ze.  Nouel  Gorrespondcnec  zufolge
behauptet  die  New  Park  Times,  die  amerikanischen  Truppen ­
  würden  an  die  Front  von  Montdidier  entsandt.  Die
Negierung  von  Washington  habe  zu  der  Mitteilung  ermächtigt, ­
  das;  lOOOOO  amerikanische  Soldaten  in  den  stampf
eingreifen  würden.
st  a  r  l  s  r  n  h  e.  Der  Kaiser  traf  heute  vormittag  um
10  Uhr,  über  Straßburg  kommend,  in  Karlsruhe  ein  gnd
kehrte  um  3  Uhr  zur  Obersten  Heeresleitung  und  zu  den!
Truppen  im  Fried  zurück.

9Z-LLMLckrickt<m.
(Nachdruck  ui.sret  o-Originale.rtikel  nur  mitQuellenangakc  gestattet)
v  Das  Eiserne  Kreuz  2.  Klasse  erhielt  der  Leutnant ­
  in  einem  Fusjartillerie-Regiinent  Kurt  Blninensaat,-  cheinaliger
  Schiller  des  hiesigen  Resorm-Realghinnasiums.
o  Eier  für  Kranke  gibt  es  am  Sonnabend  und  Montag ­
  beim  Eierhändler  Neuman»,  Hertelstraße  3.
o  Der  M  o  h  r  r  ü  b  e  n  v  e  r  k  a  u  s  in  den  Berkaussstellen
Nheingaustraßc  2!)  und  Niedstraße  8  wird  von  morgen  ab  sortgescpt.
  I»  der  kommenden  Woche  sind  die  Nummern  9001  bis
Schluß  an  der  Reihe.  Siehe  „Amtliches".
o  Der  W  a  h  l  v  r  ii  s  u  n  g  s  a  u  s  s  ch  u  ß  u  n  s  e^r  e  r  Gemeindevertretung ­
  hat  gestern  Abend  eine  Sitzung  abgehalten ­
  und  mit  überwiegender  Mehrheit  beschlossen,  die  Gemeindeverordnetrnwahlen
  in  allen  drei  Abteilungen  für  gültig
zu  erklären.
v  Sein  7  5.  Lebensjahr  vollendet  am  6.  April  Geh.
Regierungsrat  Professor  Dr.  Otto  Richter,  Stierstr.  20.
1843  als  Sohn  des  Professors  Fulius  R.  zu  Berlin  geboren,
besuchte  er  das  Werdersche  Gnmiiasium  und  studierte  in  Bonn
Philologie.  Sein  Probejahr  absolvierte  er  am  Wilhelms-  und
Friedrich-Wilhelms-Gymnasium,  18(>7—00  war  er  Lehrer  an  der
Oberschule  in  Frankfurt  a.  C.,  1800—75  Oberlehrer  in  Guben
und  kam  1875  an  das  damals  neugegründete  Askanische  Gtimnasiun:
  in  Berlin:  1884  erhielt  er  den  Prosessortitel.  1890
wurde  er  als  Direktor  an  das  neu  errichtete  Prinz-Hcinrich-Gymnasiuin
  nach  Schöneberg  berufen,  1008  erfolgte  seine  Ernennung

zum  Geh.  Regierungsrat.  1890  machte  er  die  erste  Reise  mit
Schülern  seines  Gymnasiums  nach  Roni  und  hat  in  der  Folge
noch  deren  neun  unternbmmen.  1910  bekam  er  den  erbetene»  Abschied ­
  und  zog  1012  nach  Friedenau.  Auch  schriftstellerisch  hat  er
sich  mehrsach  betätigt.
o  B  r  a  n  d  e  n  b  u  r  g  j  s  ch  e'  M  i  s  s  i  o  n  s  k  o  n  s  e  r  e  »  z.  Am
Montag,  den  8.,  und  Dienstag,  bm  9.  April,  wird  die  Brandenburgische ­
  Missionskvnserenz  unter  Vorsitz  von  Prof.  D.  I.  Richter,
Berlin-Steglitz,  ihre  Jahrestagung  in  Berlin  im  großen  Saale
des  Evangel.  Bercinshauses,  Oranienstraße  106,  halten.
o  Der  Borstanddes  Frieden  au  er  Bürgervereins ­
  1916  hält  eine  Vorstandssitzung  am  Montag,  den  8.
April,  abends  8?.  Uhr,  im  Friedenauer  Ratskeller  ab.  Das
Erscheinen  aller  Vorstandsmitglieder  ist  dringend  erwünscht.
o  I  u  g  e  n  d  k  o  >n  p  a  g  n  i  e  3  6  hält  am  Sonnabend,  den»
6.  Avril,  eine  Abendübung  im  Gelände  ab.  Abmarsch  9  Uhr
vom  Sammelplatz,  Lichierselde-West,  11.  d.  E.
v  Der  Evangelische  I  u  n  g  f  r  a  n  c  n  -  B  e  r  c  i  n
veranstaltet  ans  Anlaß  seines  l,">.  Jahresscstes  am  Sonntag. ­
  den  l  l.  'April,  abends  71  Uhr,  im  Gemcindehan-;,
stniserallee  70,  einen  vaterländische»  Abend.  Ehvrgesänge
und  Eiiizelgesängc,  Gedichtvorträge,  Turnvorführnngen,
Filinoarbietungen  .Kriegsbilder)  und  ein  Festspiel:  „Liese,
das  Blumenmädchen  vvn  Eichfeld"  stellen  eine  abwechselungsreiche ­
  Unterhaltung  dar.  Herr  Pfarrer  Kleine  ipird
eine  Begrüßungsansprache  halten  nird  das  Schlußwort
sprechen.  Einlaßkarten  zu  25  Pfennig  mit  Vortragsfolge
sind  zu  haben  in  der  Küsterei,  in  der  Papierhandlung  von!
stossakowski  und  bei  den  Geineindeschkvestern.
o  Die  Friedenauer  Bank,  e.  G.  in.  b.  H.,  hat
den  Geschäftsbericht  für  das  Jahr  1017  den  Genossen  zugehen ­
  lassen.  Wie  in  dem  Bericht  ausgeführt  wird,  sind
die  Wirkungen,  die  der  Krieg  aus  die  Betätigung  de-Z
freien  Handels  ausgeübt  hat,  auch  nicht  ohne  Einfluß
auf  die  Bank  geblieben.  Nennenswerte  neue  Geschästsve.rbindungen
  einzugehen,  war  nicht  möglich,  so  daß  die
Bank  in  der  Hauptsache  aus  die  Abwickelung  der  Geschäfte
angewiesen  war.  die  noch  vor  dem  Kriege  eingegangen
wurden.  Um  den  Anforderungen,  die  nach  dem  Kriege
zu  erwarte»  sind,  gerecht  tverden  zu  können,  sah  der  Borstand ­
  seine  wichtigste  Aufgabe  darin.  Einleger  von  Depositen ­
  und  Spargeldern  zu  werben.  Dies  ist  auch  in
sreulicher  Weise  gelungen,  was  wohl  auch  ein  Zeichen  für
das  Vertrauen  ist,  das  die  Friedenauer  Bank  in  weitem
Kreise  genießt.  Dadurch  lvurden  dauernd  überflüssige
Mittel  gewonnen,  die  hauptsächlich  in  Reichsschatzwechseln
angelegt  wurden  und  bannt  erreicht,  daß  auch  bei  größeren
Anforderungen  jederzeit  die  nötigen  flüssigen  Gelder  zur
Hand  sind.  Der  erzielte  Reingewinn  ist  als  ein  befriedigender ­
  zu  bezeichnen  und  wird.  >vie  zuversichtlich  erwartet
wird,  bei  dem  nach  Friedensschluß  einsetzenden  Geschäft
wieder  die  Höhe  erreichen,  die  zu  der  gedeihlichen  Entwickelung ­
  der  Genossenschaft  notwendig  ist.  Auch  die
Kriegsanleihen  wurden  von  den  Mitgliedern  und
Sparern  in  beträchtlicher  Höhe  gezeichnet.  Der  Zukunft
wird  mit  Zuversicht  entgegengesehen.  Der  Mitgliederbestand ­
  hat  sich  um  ein  Mitglied  verringert;  2  Mitglieder

sind  neu  hinzugekommen,  3  sind  anZgeschieden,  so  daß
für  das  neue  Jahr  00  Mitglieder  vorhanden  sind,  die  insgesamt ­
  200  Anteile  mit  einer  Gesamthastsnmnie  von  87  000
Mark  vertreten,  i  Der  Gesamtumsatz  betrug  im  vergangenen ­
  Geschäftsjähre  12  05172  M.,  davon  entfallen  auf
Kassa-Konto  im  Soll  6  033016  M.,  im  Haben  6  018076
Mark.  Rund  2  Millionen  Mark  verzeichnet  das  Banken-Konbo
  und  die  gleiche  runde  Summe  das  Kontokorrent-Konto
  (1028359  M.  —  2088  329  M.).  Das  Spareinlagenkonto
  verzeichnete  230  742  bezw.  338  758  M.  Die  Bilanz
schließt  mit  824142  M.,  das  Gewinn-  und  Verlustkonto
mit  44  564  M.  ab.  Der  Reingewinn  beträgt  4740
Mark.  Er  soll  verteilt  werden  mit  10  Prozent  auf  denj
Reservefonds:  474,05  M.,  und  in  gleichem  Betrage  auf
den  außerordentlichen  Reservefonds,  dem  auch  der  Ueberschnß
  von  213,48  M.  zugnte  kommt,  so  daß  -Reservefonds ­
  und  außerordentlicher  Reservefonds  jetzt  die  Höhe
von  37  842  M.  erreichen.  Auf  89  296  M.  div.-berechtigte
Mitgiiederauthaben  wird  eine.  Dividende  von  3  Prozent
verteilt,  die  2670  M.  ausmacht.  Ferner  entfallen  vom
Reingewinn  600  M.  an  sechs  Aussichtsratsmitglieder  und
300  M.  an  zwei  Vorstandsmitglieder.  Seit  Bestehen  der
Friedenauer  Bank  wurde  im  Vorjahre  der  größte  Umsatz
erreicht.  Wie  schon  oben  berichtet,  betrug  er  12051722
Mark,  im  Jahre  1916  dagegen  nur  5  721309  M.  Im
Frieden  hatte  die  Bank  den  größten  Umsatz  im  Jahre:
1910  mit  10  457  049  M.  zu  verzeichnen,  also  noch  rund
2  Millionen  Mark  weniger  als  im  letzten  Kriegsjahre.
v  Beamten-Wohlfahrtspslege.  Unter  dem
Ehrenvorsitze  des  Oberpräsidenten  Staatsministers
von  Loebell  fand  die  Jahressitzung  des  Wohlfahrtsrakö
der  Berliner  B  e  a  m  t  e  n  -  V  e  r  e  i  n  i  g  u  n  g  statt.  Der
Vorsitzende,  Geheimer  Ober-Regierungsrat  Mente,  sprach
über  „Aufgaben  und  Ziele  der  Beamten-Wohlsahrtspflege".
Er  betonte,  daß  Beamtenmohlfahrt  nur  im  Sinne  der
Wohlfahrt  des  Ganzen  betrieben  werden  könne,  unter  denr
Gesichtspunkt,  lieber  erwartbaren  Nöten  vorzubeugen  als
bei  vorhandener  Not  auszuhelfen.  Dabei  würden  die  besvnderen
  Verhältnisse  der  Beamtenschaft  eingehend  gewürdigt.
—  Auf  Vorschlag  des  Wirklichen  Geheimen  Ober-BauratS
Hückels  soll  die  Heimgartenbewegung  in  den.  Beamtenkreisen
  Groß-Berlins,  namentlich  durch  Nachweis  geeigneter ­
  Gelände,  durch  sachkundige  Aufklärung  und  Belehrung, ­
  tatkräftig  unterstützt  werden.  Ferner'  soll  darauf
hingewirkt  werden,  daß  bei  der  Einrichtung  von  Kleinsiedlungen ­
  dem  Wohnungsbedürfnis  der  Beamten,  namentlich ­
  der  geringbesoldeten,  weitgehend  Rechnung  getragen:
ivird.  —  Ueber  den  Landaufenthalt  für  Beamtenkinder  berichtete ­
  Rechnungsrat  Pietsch.  Die  Unterbringung  soll  in
Forst-  und  Pfarrhäusern,  sowie  auf  Gütern  erfolgen.  —
Da  die  Heranbildung  eines  tüchtigen  Beaintenstandes  ebenso ­
  dem  Staate  selbst  zugute  kommt,  soll  der  Einrichtung
von  Beamtenfortbildungskursen  zur  Förderung  der  Berusstätigkeit ­
  besondere  Aufmerksamkeit  zugewandt  werden.
Dabei  würde  u.  a.  auch  dem  finanzwissenschaftlichen  Unterricht ­
  ein  größerer  Raum  einznräinnen  sein,  wie  dies  neuer«

Hanne  vom  Veicb.
Roman  aus  dem  Eeelrben  von  Heinz  S.  Mont».

22)

(Nachdruck  verboten.)

„Das.iv.ck'c»  Eie  von  mir?"  fragte  sie  ängstlich.
Der  Alle  beruhigt.'  sie.
„Mceiie  Angst,  im»  cer».  Dci  olle  Brinkmann  is  anck
einmal  jung  wejen  nn  weil,  wat  dal  tan  Veduten  hat,
wenn  jo  een  snnicket  Ding  wie  du  bei  halwe  Nacht  op  bat
Bollwerk  steil."  ..
Er  deuiete  mit  dem  gurkenähnlichen  Daumen  gen  Südosten,
  wo  eine  schwache  Rauchfahne  sich  mit  dem  Duft  des
Horizonts  mengte.
„Dort  koniint  bei  „Möwe".  Sie  is  dat  eenzige  Schip,
wat  hüt  nacht  von  Hambog  weggohn  is,  nn  lei  ward
dat  wohl  sie»,  op  dei  du  liierst."
Wirklich  erkannte  Hanne  die  Umrisse  und  den  Qualm

eines  Seeschleppers,  die  unklar  nnd  verschwommen  aus
dem  Dampf  der  Wasser  heraustraten.  Und  dahinter,  m
etwa  hundert  Meter  Abstand,  die  gigantische  weiße  Maste,
da;  mußte  die  „Möwe"  sein.
Sie  war  es.  *  .
Auf  *ctiua  ta  send  Meter  von  dem  Bollwerk  entfernt, ­
  glitt  sie  langsam  vorüber,  leicht  stampfend  in  oen
langen,  graugelben  Wellen,  die  lachend  sich  den  scharfen
Bügen  des  Schi  es  entgegenwar'en.  .  .
Hanne  suchte  die  Gestalt  des  Geliebten,  Doch  unte
dein  halben  Dutzend  auf  dem  Quarterdeck  uinhersteyenoer
Männer  vermochte  sie  ihn  nicht  zu  erkennen.  Die  ^nisernunz
  mar  zu  groß  und  die  Lust  zu  diesig.
.  Jetzt  wars  der  Schlepper  los.  .
Auf  der  Back  der  „Möwe"  bildete  stch  eine  Kette  von
Menschen,  welche  die  Schleffptrosse  einholten.  Hanne
sah,  wie  die  Stagsegel  emporstiegen  uns  sich  blähten,

und  wie  man  die  Rahsegel  losmachte.  Mitunter  hörte  man
aus  dem  Bollwerk  den  Gesang,  unter  dem  die  Mairosen
die  Rah  n  h.ßten  und  die  Segel  vorsihote  en,  dann
fällte  sich  die  klappernde  und  schlagende  Leinwand  und
die  „Möwe"  nahm  ihren  Weg  hinein  iit  die  offene  See.
Grüßend  senkte  sich  die  Flagge  an  der  (Kassel  des
Kreuzmastes  und  stieg  wieder  langsam  in  die  Höhe.
Wie  gebannt  sah  Hanne  diese;  Abschiedswinlen,  mit
dem  d  e  auf  der  „Möwe"  der  Heimat  den  letzten  Ernst
zusandten,  wie  gebannt  sah  sie  hinter  dem  Schisse  her,  als
dieses  schon  längst  aus  dem  Gesichtskreis  verschwunden ­
  mrr.
Nun  war  er  gegangen.
Die  Felder  landeinwärts  begannen  zu  dampfen.
Irgendwo  klang  eine  Glocke  und  weckte  alle  die  andern
rund  um  die  Elbmündung,  so  daß  ein  melodisches  Tönen
anhob,  das  sich  gar  seltsam  anhörte  in  der  feuchten
Morgenluft.
Hanne  vernahm  von  alledeni  nichts.  Für  sie  bestand
nur  das  eine:  er  war  gegangen.
17.  Kapitel.
Ueber  dem  Atlantik,  von  Europa  bis  hinüber  zu
-lmerikas  Küste,  wölbte  sich  noch  immer  dasselbe  Blau.  das
mit  sattem  Ton  seit  Wochen  schon  die  „Möwe"  aus
ihrer  Fahrt  überstrahlte.
Drei  und  ein  halbes  Jahr  waren  seit  der  Ausreise
von  Hamburg  verflossen:  zweiundvierzig  endlos  lange
Monate.  ’
Die  meisten  der  ursprünglich  mit  Hinausgezogenen
hatten  die  gastlichen  Planken  des  stattlichen  Schiffes  längst
ve.lassen.  Die  Sehnsucht  nach  den  Lieben  trieb  sie  zurück
zu  der  Stätte,  w;  ihre  Herdseuer  schwelend  brannten:
einen  nach  dem  andern.  Nur  die  Offiziere  nnd  die  ungen
Leute  unter  der  Bemannung  hielten  ans.  Sie  scherzten
und  lachte»  sich  hinweg  über  diese  schier  endlose  Kette
von  Tagen.  Tie  Sorgloggleit  Verfugend  ließ  sie  es  kaum
einpfii  den,  wie  lange  sie  der  Heimat  schm  fern  waren.
Steuermann  Versen  saß  in  keiner  Kabine.

Die  war  ein  freundlicher',  aber  enger  Raum,  in  welchem
das  Mobiliar  kaum  gestattete,  sich  ordentlich  auszudehnen.
Das  Bkobiliar?
Ss  waren  nur  wenige  Stücke.  Die  ganze  rechte  Seit«
Ni'-hm  der  schmale  Beltjchrank  ein.  Darunter  befand  fiel
in  äustersier  Ausnutzung  des  Raumes  eine  Kaminoee.  An
der  Bordwand,  unter  dem  mesfiiiggesaßten  Lullet),  ein
Miniatnrjvfa,  davor  an  der  Wand  ei»  kleiner  Klapptisch
van  etwa  dreißig^Zemimeienl  im  Quadrat,  eine  winzia«
Waschtoilette  mit  Spiegel,  ein  Kleiderschrank  vom  Kubikinhalt ­
  einer  Eierkiste,  da-;  war  altes.
Er  war  ein  stattlicher  Mann  geworden,  Hinneri
Versen.  Die  Notar  hatte  ihren  Sohn  reich  bedacht.  Es
ging  ein  eigenartiger  Reiz  aus  von  seinem  Wesen,  und
in  nüeii  Häsen,  welche  die  „Möwe"  besuch.e,  erregte
fe  ue  Person  schon  nach  wenigen  Tagen  das  lebhaste,i«
Interesse  der  kausinännischen  Welt.
Vielleicht  trug  auch  der  Name  seines  Qnkels,  de,
ihm  empfehlend  zur  Seite  stand,  viel  hierzu  bei.
Der  Neffe  eines  mit  Sehnen  nicht  ge  egneten,  mit.
lionenreichen  Hamburger  Reeders!  Das  war  doch  ganz
was  anderes  als  die,  häufig  sehr  einfachen  Verhältnissen
entstammenden  Steuerleute,  die  man  hin  und  wiedei
einzuladen  gezwungen  war.
Hinnerk  Versen  sah  sich  bald  in  den  Strudel  des  Lebengerissen
  und  trank  aus  dem  ihm  gebotenen  Becher  mit
langen,  durstigen  Zügen.
Aber  wenn  nach  den  geräuschvollen  Wochen  der  Liegezeit ­
  im  Hasen  die  „Möwe"  ihre  Riesenfittiche  wieder  reckt«
im  unbegrenzten  Blau  und  Weiß,  überkam  es  den  jungen
Seemann  oft  niit  entsetzlicher  Angst.
Er  kannte  nun  die  Geschichte  seines  Vaters,  seines
schönen  und  leichtsinnigen  Vaters.  W.e  Schuppen  fiel  es
ihm  von  den  Slugen,  daß  das,  was  er  in  seinen  Jugendfuhren
  für  Weltschmerz  hielt,  einzig  das  unbewußte  Verlangen ­
  war  einer  leidenswastl  chen  Seele  nach  eben  jener
Welt,  die  er  damals  glaubte  zu  hassen,  weil  er  ahnungslos
  sie  so  sehr  liebte;  er  lernte  die  Motive  verstehen,  aus
denen  heraus  der  Qnkel  so  lange  wie  nur  irgend  möglich
            
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