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Periodical volume Nr. 211, 08.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

wurde vom Obcrverwaltuugsgercht zurückgewiesen. Nach der 
Polizeivervrdnung fall die Erlaubnis, Droschken in den 
öffentlichen Verkehr zu stellen, nur in dem Fall nicht ge 
stattet werden, wenn dein betreffenden Fahrtunternehmer die 
erforderliche Zuverlässigkeit fehle. Daß B. unzuverlässig sei, 
sei von Polizeiverwaltung nicht geltend gemacht worden. 
Die Polizeibehörde war aber nicht befugt, die Erlaubnis 
zum Einstellen einer Droschke in den öffentlichen Fähr 
betrieb der Gemeinde aus dem Grunde zu versagen, weil 
eine Regelung des Verkehrswesens in Großberlin er 
folgen solle. 
o Uebcrfllllte Schulklassen. 'Kinder, welche in über 
füllten Klassen unterrichtet werden, können infolge ihrer 
übergroßen Zahl nicht jene Förderung in ihrer geistigen 
Entwicklung erhalten, auf die sie ein natürliches und gesetzt 
liches Anrecht haben; denn es ist klar, daß, abgesehen davon, 
daß bei überfüllten Schulklassen unverhältnismäßig viel Zeit 
mit der Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung und Zucht 
verloren geht, jeder einzelne Schüler mit der übermäßigen 
Erhöhung der Schülerzahl einen Teil der auf ihn ent 
fallenden Arbeitszeit des Lehrers einbüßt, wodurch seine 
Förderung stark beeinträchtigt wird. ' Dazu kommt die nicht 
weniger schwerwiegende Tatsache, daß Neuerungen, die doch 
gesunde Verhältnisse als Grundlage nehmen, undurchführbar 
sind. Der Schade, der daraus der geistigen Ausbildung der 
aufwachsenden Volksjugend erwächst, ist unberechenbar. Jahr 
für Jahr haben darunter außerordentlich viele Kinder zu 
leiden. Nach der amtlichen Schulstatistik vom Jahre 1911 
werden in Preußen noch immer über 7? Millionen Kinder 
in Halbtagsschulen unterrichtet, nahezu 50 000 Kinder sitzen 
in überfüllten einklassigeir Schulen, und mehr als '/ 2 Millionen 
Kinder besuchen solche zwei-, drei-und mehrklassigen Schulen, 
in denen 71 —120 Kinder in einer Klasse zusammengepfercht 
sind. Das sind Zustände, die dringend Abhilfe erheischen; 
denn verantworten kann sie niemand. Sparsamkeit ist hier 
nicht angebracht. Sie hemmt den Ausbau des Volksschul- 
weseus, schädigt die Volksbildung und erschüttert damit die 
Grundfeste unseres aufstrebenden Staatswesens. Hoffentlich 
bringt der neue Kultusetat die Mittel, die zur Hebung der 
Volksbildung durch Schaffung normaler Schulzustände 
unentbehrlich sind. 
v Der gemeine Wert. Der Bund der Haus- und 
Grundbesitzer-Vereine Gcvßberliu (Vororte) ist bei den Ver 
handlungen über das Wehrbeitrags-Gesetz mit Erfolg dafür 
eingetreten, daß für die einmalige Vermögensabgabe zu den 
Hceresvorlagen (Wehrbeitrag) den städtischen Hausbesitzern 
die Möglichkeit blieb, sich nach dem gemeinen Wert zu ver 
anlagen. Nunmehr hat auch eine Deligierteu-Versammlung 
der Berliner Haus- und Gruudbesitzec-Veieine sich für diesen 
Steuermaßstab des gemeinen Wertes ausgesprochen und ihn 
für den Mehrbetrag des städtischen Hausbesitzes als allein 
richtigen anerkannt. Auf mehr als 5 Millionen Mark 
wurde der Schaden berechnet, den die Berliner Hausbesitzer 
erleiden, wenn sie zum Wehrbeitrag nach dem Ectragswert 
herangezogen werden würden. 
o Sedanfeier des Männer-Turn-Vereins. Als 
„Vater Jahn" vor mehr als 100 Jahren die Jugend Preußens 
um sich sammelte zur Pflege der Leibesübungen, Kräftigung 
und Stärkung des Körpers, da geschah es nicht zuguterletzt 
mit der Absicht, vaterländischen Geist bei seinen Jüngern 
rege zu machen. Besonders an vaterländischen Gedenktagen 
veranstaltete er mit der für seine Ideen begeisterten Schar 
öffentliche Veranstaltungen. Er suchte so dem Satz, daß in 
einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne, 
Geltung zu verschaffen. Zwar erregten seine Ideen damals 
noch das Mißtrauen der Behörden, sodaß man Jahn verfolgte; 
aber die Bewegung ließ sich nicht mehr aufhalten und ihr 
Wert wurde gar bald erkannt und gewürdigt. Das Werk, 
das „Pater Jahn" geschaffen, hat gute Früchte getragen 
und der vaterländische Geist ist in der turnfrohen Jugend 
weiter gehegt und gepflegt worden. So hat auch die deutsche 
Turuerschaft die Feier vaterländischer Gedenktage beibehalten, 
um damit immer wieder daran zu erinnern, daß das ganze 
Streben am Ende doch dem großen Ganzen, dem deutschen 
Vaterlande gelte. Von diesem Grundgedanken ausgehend, 
veranstaltet auch der Friedenauer Männer-Turn-Verein 
alljährlich seine Sedanfeier. Der Tag von Sedan ist wie 
keiner dazu angetan, das Nationalbewußtsein zu wecken und 
zu heben. In dem Augenblicke, da bei Sedan das fran 
zösische Kaiserreich in Trümmer ging, wurde das deutsche 
Kaiserreich geboren und seine Gründung am 18. Januar 1871 
in Versailles bestätigt. Wir feiern somit Sedan nicht als 
einen Schlachttag, sondern als ein Fest der nationalen Einheit 
Ausgaben, die ihm durch bas Arrangement des Festes 
auferlegt wurden, und auf solche Art geschah es, daß 
Helga ihren Gatten während dieser Tage fast nur noch 
bei der gemeinsamen Mittagsmahlzeit sah. Sie lag immer 
schon in tiefem Schlafe, wenn er zu vorgerückter Nacht 
stunde nach Hanse kain, oder sie schien doch wenigstens 
in tiefem Schlafe zu liegen. Und wenn er spät am 
Morgen erwachte, hatte sie regelmäßig das' Schlafzimmer 
bereits verlassen. 
Er würde das vielleicht für einen Beweis von Gereizt 
heit und Verstimmung genommen haben, wenn nicht ihr 
sonstiges Benehmen einer solchen Annahme widersprochen 
hätte. Denn sie zeigte ihm, wenn sie einander bei Tisch 
gegenübersaßen, weder ein trauriges noch ein verdrossenes 
Gesicht. Und wenn sie etwa doch nur ein Geringes weniger 
mitteilsam war als sonst, so fiel ihm das nicht sonderlich 
auf. Lebhaft und gesprächig war sie während des Allein 
seins mit ihm ja eigentlich nur in den ersten glückseligen 
Wochen ihrer jungen Ehe gewesen, und der übermütig 
lustigen Plauderstunden von damals war er längst ent 
wöhnt worden. Sie brachte allem, was er ihr erzählte, 
ein freundlich aufmerksames Interesse entgegen; aber sie 
war nur selten mit ihrem ganzen Herzen bei diesen für ihn 
bedeutsamen und interessanten Dingen. Das hatte er an 
fangs unangenehm empfunden, im Laufe der Zeit aber 
hatte er sich allgemach daran gewöhnt, und seine Versuche, 
durch ein liebevolleres Eingehen auf ihre Ideenwelt etwas 
daran zu ändern, waren immer seltener geworden. Ge 
rade in diesen arbeits- und aufregungsreichen Tagen aber 
war er weniger denn je dazu gestimmt. Das Porträt der 
Gräfin, auf dessen sensationelle Wirkung er große Hoff 
nungen setzte, nahm seinen Geist ebensosehr in Anspruch 
Deutschlands, die auf diesem Schlachtfelde besiegelt worden 
ist. Und so ist es nur anerkennenswert, daß der Friedenauer 
Männer-Turn-Verein gerade diesen Tag für seine alljährliche 
öffentliche Veranstaltung, die beweisen soll, welcher Geist im 
Verein vorherrscht, gewählt hat. Leider finden die Be 
strebungen des Vereins noch immer nicht die volle Würdigung 
bei der Allgemeinheit der Friedenauer Bürgerschaft, sodaß 
die Beteiligung des Publikums an den Veranstaltungen des 
Vereins nicht in dem Maße erfolgt, wie sie wünschenswert 
wäre. Die gestrige Feier begann Vormittags 9 Uhr mit 
einem Wetturnen der Jünglinge und Knaben. Nachmittags 
3'/ 2 Uhr versammelten sich die Knaben- und Mädchen 
abteilungen auf deut Schulhofe der Geincindeschule in der 
Rheingaustraße, um von hier aus mit Musik nach dem 
Turn- und Spielplatz am Maybachplatz zu marschieren, 
wo sich inzwischen bereits die Mitglieder der anderen 
Abteilungen cingefunden hatten. Als Zuschauer besuchten 
den Platz etwas über 700 Personen aus dein Publikum 
und etwa 300 Angehörige der Turner, insgesamt also gegen 
1000 Personell. Dom Gemeindevorstand war der Dezernent 
der Jugendpflege Herr Schöffe v. Wrochem erschienen, von 
der Gemeindevertretung sahen wir die Herren Gemeinde- 
verordneten Hausteiir, Matthies und Stöcker. Die Sanitäts 
kolonne, die durch ihren Vorsitzenden Herrn Dr. Badt ver 
treten wurde, hatte eine Hilfswache gestellt. Kurz nach 4 Uhr 
begannen die Vorführungen mit den Freiübungen, an denen 
210 Angehörige aller Abteilungen teilnahmen. Nach dem 
Takte der Musik wurden die Freiübungen, zusammengestellt 
und geleitet vom stellvertretenden Turnwart Herrn Karl 
Brücker, in allen Teilen exakt ausgeführt. Nach dem Ab- 
lnarsch wurde zum Geräteturnen angetreten. Es turnten 
zusaininen 20 Riegen, eine Auswahl von 2 bis 3 Riegen 
aus jeder Abteilung. Die 1. Männer-Abtcilung turnte Reck 
und Barren, die 2. Mänuer-Abteilung Barren und Pferd, die 
3. Männer-Abteilung Pferd, die Sportabteilung Hoch- und 
Weitsprung, die Jünglings-Abteilung Barren, die 1. Knaben- 
Abteilung Bock mit Schwungbrett und Freispringen (hier ist 
besonders das Saltomortale über 6 Knaben zu erwähnen), 
die 2. Knabenabtcilung Ringe, die Damenabteilung Barren 
und Sturmspringcn und die Mädchenabteilungen Rundlauf, 
Ringe, Freispringen irnd Barren. Es wurden in allen Riegen 
sehr hübsche oft recht schwierige Uebungen geturnt. Nach 
dem Geräteturnen folgten Sondervorführuugen: Stabhoch 
springen, init der Höchstleistung 2,90 Meter hoch; Schlagball- 
weitschlagen der Männer, Jünglinge und Knaben; dann 
Laufübungcn verschiedener Abteilungen. Hier war es be 
sonders das Hindernislaufen der Knaben, das allseitig Ver 
gnügen bereitete. Die Jungen mußten über Hürden springen, 
durch Tonnen und Säcke kriechen, um nun erst zum Ziel 
zu eilen. Auch das Eilbotenlaufen der Sportabteilung fand 
viel Beachtung und man hatte die Freude, hier manchen 
tüchtigen „Renner" zu bewundern. Die sich nun anschließenden 
allgemeinen Turnspiele wurden von allen Abteilungen frisch 
und flott vorgeführt. Etiva 250 Turner beteiligten sich 
hieran. Im Faustballspiel siegte die Mannschaft der Alten 
Herren über eine kombinierte, Mannschaft mit 30 : 22. Die 
Jünglings-Abteilung über eine Mannschaft der 1. Männer- 
Abteilung mit 45 : 40. Im Schlagballspiel siegte die 
Mannschaft der 1. Knaben-Abteilung über die Jünglings- 
Abteilung. Erstere siegte auch in dem am Sonnabend aus 
Anlaß der Sedanfeier veranstalteten Schlagballmettspiel über 
die 1. Schüler-Abteilung des Wilmersdorfer Männer-Turn- 
vereins mit 57 : 26 Punkten. — Gegen 1 /,6 Uhr wurde 
das Schlußzeichen gegeben. Der Vorsitzende Herr Geh. Hofrat 
Fehler bestieg nun eine provisorisch hergerichtete Tribüne, 
um ihn geschart Turnerinnen, Turner und Publikum. Nach 
dem gemeinsamen Liede „Deutschland, Deutschland über alles" 
hielt der Vorsitzende folgende Ansprache: 
Verehrte Anwesende! DerM.T.V. hat heute in hergebrachter Weise 
seine Sedanfeicr abgehalten. Ain Vormittag hat unsere Jmigmaiin- 
schaft in friedlichem Wettkampfe ihre Kräfte gemessen, nachmittags 
haben unsere verschiedenen'Abteilungen turnerische ilebungen und 
Spiele vorgeführt, denen Sie, werte Gäste, als Zuschauer beige 
wohnt haben. Es ivar eine schlichte Feier, die aber ihren Zweck, 
das Andenken an die Zeit der Begründung des Deutschen Reiches 
bei Jung und Alt wachhalten zu helfen, wohl erfüllen wird. Tie 
Sonne, die uns heute so freundlich gelächelt hat, geht zur Rüste, 
die hereinbrechende Dunkelheit gebietet unserem fröhlichen Spiel 
Einhalt, bevor wir nun aber scheiden, ist es mir noch eine ange 
nehme Pflicht, Ihnen allen, werte Gäste, namens des M. T. V. 
für Ihr Erscheinen zu danken und Sie zu bitten, auch fernerhin 
die deutsche Turnsache, die ja nur dem Vaterlande dienen will, 
nach Kräften zu fördern und zu unterstützen. Ganz dieser Dank 
und diese Bitte den Mitgliedern des Gemeinde-Vorstandes und der 
Gemeinde-Vertretung, von denen wir die Ehre hatten, heute hier 
begrüßen zu können die Herren Schöffe v. Wrochem und Gemeinde- 
vcrordnete Hanstein, Matthies und Stöcker. Auch danke ich noch 
als die Vorbereitungk» zu dem Feste, auf das er sich mit 
beinahe kindlicher Lebhaftigkeit freute. 
Helga aber schien weder für jene Hoffnungen noch für 
diese Freude ein rechtes Verständnis zu haben. Sie ließ 
Hubert davon in seiner inipulsive» Weise reden, ohne sich 
von den häufigen Wiederholungen ermüdet oder gelang 
weilt zu zeigen, aber sie bewies auch keine wärmere Anteil 
nahme an dem, was er sagte. Das angefangene Porträt 
war ihr noch nicht einmal zu Gesicht gekommen, da sie 
seit jenem ersten Besuche der Gräfin Wassilewska das Atelier 
weder während der Sitzungen noch zu einer anderen Stunde 
wieder betreten hatte, und Huberts Künstlereiielkeit war 
viel zu empfindlich, als daß er sie ausdrücklich hätte darum 
bitten, mögen. Au das bevorstehende Fest aber schien sie 
ohne alle Spannung und freudige Erregung zu denken. 
Nicht einmal seiner Bitte, sich ein neues Kostüm anfertigen 
zu lassen, halte sie entsprochen. Sie hielt eilies von denen, 
die sie im vorigen Jahre getragen, für volltommen aus 
reichend, und auf seinen ärgerlichen Einwand, daß alle 
Weit sich dieses Kleides erinnern würde, und daß cs zu 
dem gar nicht recht-in den Rahmen des Festes passe, hatte 
sie ruhig erwidert, daß sie die Ausgabe für ein neues 
Kostüm als sträfliche Verschwendung ansehen würde. Da 
halte er denn in der Erinnerung an ihr Ateliergespräch die 
Lippen zusammengepreßt und auf jeden weiteren Wider 
spruch verzichtet. 
Am Vorabend des Festes aber kam es dann doch noch 
zu einer peinliche» Auseinandersetzung zwischen den beiden 
Gatten. Man hatte für diesen Abend eine Kostümprobe 
der Ausführung angeätzt, die bei voller Beleuchtung in 
den Räumen des Künsllerhauses stattfinden sollte lind zu 
der nur einige Auserwählte als Zuschauer zugelassen waren. 
von hier aus der Friedenauer Sanitätskolonuc für die bereitwillige 
Unterstützung, die sic uns durch, Stellung der Sanitätswache freun- 
licherwcise gewährt.hat. Nun möchte ich noch nüt einigen Worten 
auf die anfangs erwähnte Veranlassung der Feier zurückkommen, 
auf den Sedantag. Ich kann mich aber in dieser Beziehung ganz 
kurz fassen, mit Rücksicht darauf, daß wir mit 1913 ein Jubiläums, 
jähr patriotischer Feste haben und daß zwischen diesen Hundertjahr- 
fciern und dem Sedänfcst ein inniger Zusammenhang besteht. 
Eine enge Wcchselivirknug insofern, als ohne 1813 kein 1870 denkbar 
ist, aber' ohne 1870 und den Sedantag könnte sich Deutschlattd nicht 
in' so ungetrübter Freude der Siege von 1813 erinnern. Was 1813 
uüe eine Offenbarung erschien, daß cs eine deutsche Nation gibt, 
die itach Sprache, Sitte und Art zusammengehört, dieser Traum 
aller guten Deutschen fand erst 1870 seine schöne Erfüllung. Tie 
Gedenktage an Deutschlands Erhebung aus laugen Jahrenschwerer 
Not. die in diesem Jahre gefeiert wurden, haben den Sinn für 
vaterländische Geschichte geschärft. Die Volkserhebung im März 
jenes Jahres, die Tage von Großbeeren, von der Katzbach, von 
Denneivitz und Leipzig's große Völkerschlacht, sie sind ivieder lebendig 
geworden in unseren Herzen und haben auf's neue gezeigt, was 
uns Deutschen niemals fehlen sollte, Einigkeit und Vaterlandsliebe, 
diese beiden hohen BUrgertugendeu. Das lehrt uns 1813, das 
lehrt auch 1870! — Wie es nur dem einmütigen Zusammenwirken 
der Verbündeten gelang, die Heere Napoleons so zu vernichten, daß 
sie hiuiveggeschivemmt wurden aus den deutschen Landen auf Nimmer 
wiedersehen, so verdanken ivir die Erfolge von 1870 nur der Einigkeit 
der deutschen Stämme. — llnd v. A., versenken wir uns offenen 
Blickes in die Geschichte der Befreiungskriege und des Krieges von 
1870/71, so sehen wir klar vor Augen, daß es in den Zeiten der 
Not für jedes Volk edleres als materielles Leben, höheres als Rang 
und Stand und Reichtum gibt und geben muß, das ist die heiße 
Liebe zum Vaterlande. Das, deutsche Jugend, laß dir vor allem 
gesagt sein. — Möge Einigkeit und Vaterlandsliebe nie erlöschen 
im Deutschen Reiche, das walte Gott! Wir aber wollen heute im 
Hinblick auf vergangene Zeiten auf's.neue geloben, immerdar Treue 
zu halten unserem Vaterlande tmd seinem Oberhaupte, unserem 
Kaiser, und geloben, jeder an seinem Platze das Höchste einzusetzen 
für des Reiches Wohlfahrt und Ehre. Zur Bekräftigung des Ge 
löbnisses wollen wir unseren Heilruf erklingen lassen: Se. Majestät 
der Kaiser und unser deutsches Vakerlaitd Gut Heil! 
Kräftig wurde in das dreifache „Gut Heil" eingestimmt 
und darauf die erste Strophe von „Heil dir im Siegerkranz" 
gesungen. Daran schloß sich die Verkündigung der Sieger 
im Wetturnen am Vormittag. Es wurden als Sieger mit 
dem Eichenstrauß geschmückt: von der Zöglingsabteiiuug 
Fritzsche nnd L. Bickel, bzw. Gotthof und Reumann: von 
der 1. Knabcnabteilung (Oberstufe) K. Wiese, W. Bickel, 
P. Vogt, W. Strebiow, F? Schultz, (Unterstufe) Schulz, 
Robelt und Söhlke; von der 2. Knaben-Abteilung (Ober 
stufe) Hübner und Rangen, (Unterstufe) Herzog und Gaede. 
Von den Höchstleistungen der jungen Wetturner sind er 
wähnenswert: Von der Jünglingsabteilung: Schleuderball 
39,5 in (Martins und Fritzsche), Kugelstoßen (15 Psd.) 
9,70 in (Martins), Hochsprung 1,55 in ohne Brett (Martins), 
Hürdenlaufen, 100 in mit 4 Hürden, 16 Sek. (Martins 
und Eisen). Von der 1. Knabenabteiiung: Kugelstoßen 
(10 Pfd.) 6,60 in (W. Bickel), Stabweitspringen 5,30 in 
(K. Wiese), 80 in Lauf 11,1 Sek. (Bickel). Hochspringen 
1,40 in mit Brett (P. Vogt), Ballweitschlagen 56 in (K. Wieset 
Von der 2. Knaben-Abteilung: Ballweitwerfen 49 in 
(Hübner), Weitspringen 4,10 in (Hübner und Schöppner), 
Kugelstoßen (8 Pfd.) 6,80 m (Brauer und Rangen 1), 
Schnelläufen 100 ui, 13,6 Sech, (Rangen). Nach dem all 
gemeinen Liede „Spiele sind aus" schloß der Vorsitzende 
die von bestem Wetter begünstigte Feier. Die Männer- 
Abteilungen und die Damen-Abteilung versammelten sich 
Abends noch zu einem gemütlichen Beisammensein im 
„Hohenzoliern". 
o Mittclstandösorgen. In einer Deligiertenversamm- 
lung des Bundes Berliner Grundbesitzervcreine, die in 
voriger Woche tagte, wurde von dem Syndikus Rechtsan 
walt Walter die interessante Feststellung gemacht, daß die 
Reichs-Wertzuwachssteuer zwar für den Terrainhandel große 
Bedeutung hatte, aber gar keine Bedeutung für den seß 
haften Hausbesitz. Rechtsanwalt Walther forderte die gut 
besuchte Versammlung auf, derjenige sollte sich melden, der 
jemals Wertzuwachssteuer bezahlt hätte; es meldete sich 
niemand. Dagegen teilte der Redner mit, daß er bisher 
nur einen einzigen Hausbesitzer kennen gelernt hätte, der 
Zuwachssteuer bezahlt hätte, nämlich 1000 M. bei 06 000 
Mark Reinverdienst. Die Hausbesitzer hätten sich also bei 
ihrer Agitation gegen die Wertzuwachssteuer irreführen 
lassen und wieder einmal die Geschäfte der Terraiuspeku- 
lanten besorgt. Ohne Widerspruch blieb auch die Fest 
stellung, daß die Reichswertzuwachssteuer zwar einzelne 
Mängel und Härten hatte, daß sie aber geeignet war, 
den Bau- und Terrainschwindel zu unterbinden, weil diese 
Steuer bar bezahlt werden mußte und darum den Verkauf 
an die sogen. Bauschieber und mittellosen Strohmänner ver 
hinderte. Im Zusammenhang damit wurde die Not 
wendigkeit einstimmig betont, den zweiten Teil des Gesetzes 
Hubert hatte ais selbstverständlich angenommen, daß Helga 
ihn mit Vergnügen begleiten- würbe, und er hatte ihr eine 
Freude machen wollen, indem er sie mit der Aufforderung 
dazu erst im letzte» Augenblick Überraschte. 
Nachdem er wieder den gaiizeu Nachmittag außerhalb 
des Hauses zugebracht, trat er,um die achte Abendstunde, 
in einen langen Mantel gehüllt, plötzlich in das Zimmer 
seiner Frau, strahlend vor erwartungsuoller Fröhlichkeit 
und warmer Lebensfreude. AIS sie ruhig von dein.Bnche 
aufblickte, darin sic gelesen, warf er mit einer raschen Be 
wegung den Mantel ab und stand in seinem Antonius- 
kostüiu vor ihr, ein Idealbild jugendlich männlicher Schön 
heit und Kraft. . 
„Nun? Wie gefalle ich dir?" fragte er lächelnd. 
„Glaubst du, daß ich nicht gar zu weit hinter der Vor 
stellung zurückbleiben werde, die inan sich von dem Ge 
liebten der Kleopatra macht ?" 
Helgas blasses Gesicht hatte sich für einen Moment mit 
heißem Rot überzogen, und ihre Mundwinkel zuckte». 
Aber welcher Art auch immer die Wallung gewesen sei» 
mochte, die bei seinem Auhstck ihre Seele bewegt hatte, 
cs fehlte ihr jedenfalls nicht last Kraft, sie rasch zu meistern, 
und ihre Stimme hatte ganz den gewohnten, ruhig freund 
lichen Klang, als sie erwiderte. 
»Ich glaube, daß du den Leuten sehr gut gefallen 
wirst, Hubert! Das Kostüm steht dir vortrefflich." 
Er freute sich über das Wort, denn er wußte, daß sie 
ihm solches Lob nicht gegen ihre Ueberzeugung gespendet 
haben wurde, und ime zum Beweise seiner Daiilbarkcit 
tiißle er ihr die Hand. 
(Hottlcylliig ,oigt.)
        
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