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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

zu einem Kompromiß gelangen und so stelle er den Antrag, daß 
in dem Falle, daß 6 Gemeindcvertrcter den Antrag auf Ver 
weisung aneuicnAuSschuß einbringen, die Frage dcrDriuglichkeit 
einer sofortigen Verhandlung durch die Hälfte der Anwesenden 
entschieden werden könne. Nachdem Bürgermeister Walger 
noch erwähnt hatte, daß der richtigste Antrag wohl der ge 
wesen märe, den Herr Uhlenbrock angedeutet hatte, nämlich 
den Z 7 ganz zu streichen, kommt man zur Abstimmung. 
G.-V. Kalkbrenner beantragt namentliche Abstimmung. 
Der Antrag wird genügend unterstützt. Schöffe Sadöe 
zieht seinen Antrag auf Ausschnßberatung zurück. Darauf 
will Bürgermeister Walger den Antrag auf Streichung des 
8 7 stellen. G.-V. Ott betont jedoch zur Geschäftsordnung, 
daß mährend der Abstimmung neue Anträge nicht mehr 
gestellt werden dürfen. Darauf zieht Bürgermeister Walger 
seinen Antrag wieder zurück. Zunächst wird dann über 
den Gemeindcvvrstandsantrag abgestimmt, der also die Zu 
stimmung der Hälfte der Anwesenden für eine Ausschuß 
beratung fordert, wenn diese 6 Gemeindevertreter beantragen. 
Es stimmen für diesen Antrag Bürgermeister Walgcr, 
Schössen Wossidlo und Sadöe, G.-B. Lehment, Dr. Lohmann 
und Dr. Tänzler. Dagegen stimmen die G.-B. Berger, 
Dreger, Eggert, Franzelins, Haustein, Dr.Heinecker,Huhn,Kalk 
brenner, Matthies, Ott, Richter, Sachs, Stöcker und Wermke. 
G.-V. Uhlenllrock enthält sich der Abstimmung, weil er diesen 
8 für ungesetzlich hält, ebenso enthält sich Schöffe v. Wrochcm 
der Abstimmung. Mit 14 gegen 0 Stimmen und 2 Ent 
haltungen ist der Antrag abgelehnt. 
Für den Antrag Kalkbrenner, die Zahl der Antrag 
steller ailf 0 zu bemessen (statt bisher 4) stimmen Bürgermeister 
Walger, G.-V. Berger, Dreger, Franzelins, Haustein, 
Dr. Hcinccker, Huhn, Kalkbrcnner, Matthies, Ott, Richter, 
Stöcker und,Werinke, dagegen stimmen Schöffen Wossidlo, 
Sadöe und v. Wrvchem, G.-V. Eggert, Lehment, Dr. Lohmann, 
Sachs und Dr. Tänzler. Mit 13 gegen 8 Stimmen ist 
der Antrag angenommen. G.-V. Uhlenbrock enthält sich 
der Abstimmung. 
Dem Antrage v. Wrochem, daß über die Dring 
lichkeit in diesen Fällen nur die Hälfte der Anwesenden 
zu entscheide» habe, anstatt wie sonst die Hälfte der gesamten 
Gemeindevertretung, stimmen zu Bürgermeister Walger, 
Schöffen Wossidlo, Sadöe, v. Wrochem, G.-V. Eggert, 
Lehment, Dr. Lohmann, Sachs und Tr. Tänzler, dagegen 
stimmen G.-V. Dreger, Franzelins, Haustein, Dr. Heinecker, 
Huhn, Kalkbrenner, Matthies, Ott, Richter und Wermke. 
G.-V. Berger enthält sich der Abstimmung unter Protest 
gegen diese Abstimmung. Die G.-V. Uhlenbrock und Stöcker 
hatten den Saal verlassen. Mit 10 gegen 0 Stimmen ist 
der Antrag abgelehnt. 
Nach einer kurzen Pause wird ohne Anssprache die 
Polizeiverordnung betr. das Rollschuhlaufen in den öffent 
lichen Straßen (vgl. Nr. 205 dieser Zeitung) genehmigt. 
Bürgermeister Walger erwähnt noch, daß ans der Bürger 
schaft ein Antrag eingelaufen sei, das Rollschuhlanfen nach 
8 Ilhr Abends und während der Kirchzeit nur den Geschäfts- 
bvien zu gestatten. Diesen Antrag bitte er jedoch abzulehnen. 
Es wird so beschlossen. 
Gleichfalls ohne Erörterung wird den Aenderungen des 
Ortsstatuts betr. die Einquartierung zugestimmt. 
Darnach spricht Bürgermeister Walgcr zur Vorlage 
betr. das Auswärtswohueu der Gemeindebeamten und 
Lehrer (vgl. Nr. 200 dieser Ztg.) Es seien sich ivohl alle 
darüber einig, daß dies keine angenehme Beschlußfassung 
sei. Nachdcnl die einzelnen Vororte und auch Schöueberg 
ihren Beamten und Lehrern das Auswärtswohuen nicht 
mehr gestaltet hatten, da sagte man sich hier, man wolle 
nicht gleiches mit gleichem vergalten, «sehr richtig.) Alle 
Verhandlungen mit Schöneberg, Minen Beamten ferner die 
Ausnahmen des Wohnens in Fricvenau zu gestatten, blieben 
ohne Erfolg. Nachdem nun von Hausbesitzern angeregt 
wurde, daß die Beamten auch dort ihr Geld verzehren 
müßten, wo sie es verdienten, habe er die Sache hier mal 
anschneiden wollen und den Vorschlag gemacht, auch unseren 
Beamten das Auswärtswohuen nicht mehr zn gestatten. 
G.-V. Kalkbrenner meint, der Herr Bürgermeister sagte, 
er hatte die Frage mal anschneiden wollen und hat gleich 
zeitig herzhaft gegen den Antrag gesprochen. So wollen 
wir nicht, daß es heißt, Friedenau wolle mal wieder von 
sich reden machen. Der Vorstand legte Wert darauf, gegen 
über den Grundbesitzern einen Standpunkt zu vertreten, daß 
man hier ein Wort rede und den Vorstand in seinem Willen, 
cs beim Alten zn lassen, stärke. Die paar Beamte, die 
hier in Frage kommen, spielen für unseren Haushalt nicht 
solche Rolle wie vielleicht in anderen Orten, die solche falsche 
Anschauung vertreten. Die Beamten, die nach auswärts ziehen, 
tuen es doch nur aus gewichtigen Gründen. Wenn es gang und 
gäbe wäre, daß für Staatsbeamte die Residenzpflicht bestünde, 
rvo bliebe da Friedenau. Er bittet, einfach die Sache ab 
zulehnen und verliest noch die Verfügung des Gemeinde 
vorstehers vvm 14. Oktober 1012 ans dem Geschäftsbericht 
der Gemeinde, wonach den Gemcindebcamten das Wohnen 
im Ort allgemein zur Pflicht gemacht wird. G.-B. Haustein 
bittet um die Mitteilung, wieviel Beamten in Betracht 
kämen. Bürgermeister Walger teilt mit, daß von den 
Gcmeindebeamten ivvhnen: 4 in Schöueberg, 1 in Berlin, 
l in Steglitz, 2 in Wilmersdorf und 2 in Charlottenburg,' 
von den Hilfsbeamteu wohnen 2 in Schöueberg, 6 in Berlin, 
5 in Steglitz, 1 in Wilmersdorf und 8 in anderen Vororten. 
Von den Oberlehrern wohnen 3 in Schöueberg, 2 in Wilmers 
dorf und 2 in anderen Vororten; von den Lehrern wohnen 
7 in Schöneberg, 1 in Berlin, 2 in Steglitz, 1 in Wilmers 
dorf und einer in einem anderen Vorort. Insgesamt wohnen 
^atxcataD.’tavecafs’imimimi'.aiimi^iiixsarsataBmisMmamamtaMBaixrtsmsaBm 
also 16 Beanrte und Lehrpersonen in Schöneberg. 8 in 
Berlin. 8 in Steglitz, 6 in Wilmersdorf, 5 in Charlottcnbnrg 
rmd 11 ill anderen Vororten, zusammen 54. Davon gehen 
aber 7 Oberlehrer ab, über die die Gemeinde keine Be 
stimmung hat. Abzurechnen sind auch die Hilfsarbeiter, sodaß 
nur 22Personen verbleiben. G.-V. Haustein bemerkt, daß in der 
Vorlage nur von den in Schöneberg wohnenden Beamten die 
Rede sei. Nach den Ausführungen des Herrn Bürgermeisters aber 
sollen die Beamten auch in anderen Orten nicht mehr wohnen 
dürfen. Er sei nicht für das Verbot des Auswärtswohnens. 
G.-V. Richter meint, der Herr Bürgermeister sagte, man 
wolle nicht gleiches mit gleichem vergelten. Es liegt kein 
Grund vor, von dein bisherigen Standpunkt abzuweichen 
und das einzuführen, was als falsch erkannt wurde. Es 
gibt dies nur zu Drangsalierungen Anlaß. Es wird 
dann so gemacht, wie es jetzt schon anderwärts geschieht, 
daß die Beamten ein möbliertes Zimmer im Ort mieten und im 
übrigen doch auswärts ihre Wohnung haben. Schöffe Wossidlo 
ist auch gegen den Beschluß. Wenn er aber angenommen 
werden sollte, dann bitte; er den Herrn Bürgermeister, doch 
recht viele Ausnahmen zu gestatten. Es geht jetzt ein Schluß- 
antrag ein, der aber abgelehnt wird. G.-B- Berger spricht 
ebenfalls gegen den Antrag, da dieser einen kleinlichen Stand 
punkt vertrete. Er empfehle vielmehr zum Ausdruck zu 
bringen, daß die Gemeinde den Beamten und Lehrern ge 
statte, dahin zu ziehen, wohin sie wollen. G.-V. Lehment 
ist ebenfalls für Ablehnung, möchte aber noch hervorheben, 
daß der Antrag nicht vom Grundbesitzer-Verein ausgegangen 
sei. G.-V. Kalkbrcnner spricht nochmals für die Wohn- 
freiheit der Beamten und Lehrer und drückt seine Freude 
darüber aus, daß der Antrag nicht aus dem Gruudbesitzer- 
Dereiu komme. Der Herr Bürgermeister hatte von hiesigen 
Hausbesitzern gesprochen. Schöffe v. Wrochem bestätigt die 
Ausführungen des Herrn Lehment, daß weder vom Grund 
besitzer-Verein noch sonst von hiesigen Grundbesitzern ein 
derartiger Antrag an den Gemeindevorstand gelangt sei. 
Bürgermeister Walger erklärt darauf, daß der Vorstand die 
Vorlage zurückziehe (Bravo). 
Mit der Löschung der auf dem Grundstück Lauter 
straße 1.9-20 lastenden Hypothek von 27 000 M. zugunsten 
des Fräulein Margarethe Rockel erklärt sich die Vertretung 
einverstanden. 
Auf Erinnerung des G.-V. Ott, wird das Ortsstatut 
betr. die Einquartierung auch in 2. Lesung genehmigt. 
G.-V. Ott bittet daun den Gemeindevorsteher, den 
Amtsvorstcher zu ersuchen, darauf zu achten, daß während 
der Ilmbauarbeiten in der Rheiustraße die Automobile nicht 
so schnell fahren, entweder Schilder anbringen zu lassen oder 
für polizeiliche Aufsicht zu sorgen. Dadurch, daß das Hilfs 
gleis auf dem Straßendamm liegt, sei die Passage sehr be 
engt und das Publikum werde durch die schnellfahrenden 
Autos gefährdet. Schöffe Sadöc bestätigt die Ausführungen 
des Herrn Ott. Bürgermeister Walger erklärt, daß er die 
Beschwerde an den Amtsvorstcher weiter geben werde, doch 
möchte er bemerken, daß in der Rheinstraße ständig Polizei 
posten stehen, die zu schnell fahrende Automobile notieren. 
Nach Verlesung und Unterzeichnung des Protokolls wird 
die öffentliche Sitzung gegen 1 / 2 11 geschlossen. Es folgt 
eine geheime Sitzung. 
Oie bunte Mocke 
Plauderei für den „Fricdcnaiier Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 6. September 1913. 
Die Rettung ans der Kino-Not. — Die Lokomotive auf der 
Bühne. — Eine neue Zeit. — Der Zeppelin über dein Natur 
theater. — Neun-Schieber. — Der Ticgeszug der Bügelfalte. — 
Der Maharadscha in Berlin. — Das brillantenbesetzte Auto. 
Endlich hat man in Berlin das erlösende Mittel gefunden, um 
die leer stehenden Kinos mit sensationslüsternem Schaupöbel zu 
füllen. Nachdem man alles versucht, nachdem man sogar eine 
literarische Note in die Welt der Leinwand gebracht hatte, mußte 
man doch das eigenartige Schauspiel erleben, das; innerhalb der 
legten 3 Monate 80 Berliner Kinos ihre lichtumfluteten Pforten 
durch die rauhe Hand des Gerichtsvollziehers schließen lassen innßte». 
Diesem Beamten, der so wenig Herz haben darf, ivar es im Grunde 
seiner Seele höchst gleichgültig, ob gerade ein rührseliges Schauer- 
stück oder „Ter Liebespfad einer Weltdame" (1200 Meter lang und 
sehr bunt koloriert), auf der Walze war: Er bemächtigte sich der 
Kasse, ivas im Norden und im Osten Berlins dann meistens zu 
derben Schlägereien Anlaß gab. 
Jedenfalls war der so rasch aufgestiegene Steril der Lichtspiele 
im Erblassen, und mit geschäftigem Eifer suchte man der Flimmcr- 
welt neues Blut und neues Leben zuzuführen. Man mietete asthma- 
thische Schauspieler, die mit verrosteter Stimme rührende Erklärungen 
zu den Bildern gaben und zwischen den einzelnen Szenen neckische 
Verse aussagten. In andern Filmpalästen kürzten Akrobaten und 
Sängerinnen die Pansen, ivobei mm: nicht wußte, ob cs doch am 
Ende nicht besser sei, die Sängerinnen mit den schweren Kugeln 
exerzieren lind den ewig lächelnden Akrobat die Arien der Cänge- 
riiiiien sinken zu. lasse». 
Aber jetzt endlich hat inan einen Ausweg gefunden. Mau hat 
sich das Gocthewort des Theaterdircktors zunutze gemacht, hat weder 
Prospekte noch Maschiiien geschont, hat die Sterne verschiueudet und 
auch an Wasser, Feuer nud Felsenroänden schlt es nicht. Nur führt 
uns die neue Kinokunst nicht mit bedächtiger Schnelle den be 
kannten Weg, sondern cs rast und faucht, schreit, lärmt, pfeift, rasselt, 
rattert, — und die Berliner jauchzen. Endlich haben sie ctivns, 
das die erschlafften Nerven aufpeitscht. Der Film wird in Ber 
bindung gebracht mit den neuesten Errungenschaften der Technik: 
Es ivird der rnscudc Wcttlauf zivischcn einer Schiiellzugslotomotive 
und einem Automvbil geschildert. Jminer näher und näher schnauben 
die beiden Ungetüme, mau hört sie fauchen und stöhnen, die Lichter 
blinken immer dichter und greller, der Lärm nimmt zu, Dampf und 
Fcucrgarben sprühen und schließlich stehen ein ratterndes Automvbil 
und eine Schnellzuglokomotive auf der Bühne! Beide machen einen 
ivahnsinnigen Spektakel und die Personen, (cs handelt sich natürlich 
um eine Bersolguiigs- und Detcktivgeschichte), entsteigen leibhaftig den 
lärmenden Maschinen. Die Handlung, die vorher durch den Film vor 
bereitet und angedeutet ivurdc, setzt sich in Wirklichkeit aus der Bühne 
fort, und selbstverständlich ivird auch das erlösende Ende gefunden. 
So weit mußte es also kommen! 
Wie gut hätte Schiller lvirken können, wenn er sich die Ver- 
ivendung dieser technischen Hilfsmittel zu Nutzen gemacht hatte. 
TcllS Flucht in einem vicrznlindrigen Automobil ließe such doch 
ohne Frage auf der Bühiie besser darstellen, als die Fahrt in dem un 
zuverlässigen Boot, das von den schivitzeilden Theatcrarbcitcrn doch 
meistens viel zu langsam lind daun auch mir ruckweise über me 
Bretter gezogen wird, ivobei mau meistens dann auch noch den 
Strick sieht! Tausend Szenen ließen sich nennen, m denen unsere 
Alten eine bedeutend größere Wirkung hätten erzielen können. 
In denen sie die'Wunder neuzeitlicher Technik in den Dienst 
ihrer weltumspannenden Binse gestellt hätten: 
Weiiii sich aber die zu Stahl gewordenen Gedanken des neuen 
Zeitalters nngerusen in Thaliens Reich einstellen, dann entsteht 
eine jener köstlichen Szene», die man im Naturtheater am 
kleinen Wannsec erleben konnte. . 
Hebels monumentales Gyge s-Dram a wurde einer klcnicn, 
dankbaren Kunstgeincinde in stimmungsvoUcr und klar umrstseucr 
Aufführung geboten. <An dieser Stelle ivill ich in wenigen Worten 
eines Professors gedenken, der uns in die Schönheiten dieses Hebbel- 
wcrkcs einführte, der dein Ganzen aber doch sehr unsympalyisch 
gegenüberstand, iveil der Dichter den alten Kandaules mit konse 
quenter Bosheit nach dem Komperativ statt „als" stets „wie" sagen läßl) 
Jedenfalls saß die Kuustgemeinde still und ergriffen ganz nn 
Banue der vorgeschichtlichen und mythischen Handlung, als sich auf 
einmal, gegen das Ende des strengen SpieleS hin, in den Lüften 
ein Sausen'und Brausen erhob. Ein großer Zeppelinkreuzcr 
fuhr in schlankem Bogen in ungefähr 100 Meter Höhe über dem 
Naturtheater dahin. Tie neue Zeit grüßte die Vergangenheit. 
Ter wundcrreichc Aufstieg des Menschengeschlechtes innerhalb zweier 
Jahrtausende rauschte stolz und silberglänzend über den Häuptern 
der nachdenklichen Zuschauer. 
Schade, daß das Luftschiff etwas zu spät kam. Es hatte ,o 
gut in den zweiten Akt gepaßt, da Gygcs sagt: 
„Cs würde plötzlich in-den Lüften klingen, 
ulid Helios, durch einen Flammenwink 
der zornigen Aphrodite angefeuert, 
den sichersten von all den sichern Pfeilen 
versenden, welchen er im Köcher trägt." 
Es ist gut, daß dieser Zufall nicht gewirkt hat, sonst häticn 
die Berliner' an „bestellte Arbeit" geglaubt und hätten den tust» 
liehen Herrn Gygcs, wie immer bei solchen Gelegenheiten, mit den 
Zurufen „Schieber" von der Szene gejagt. 
Derartige Auftritte sind in des Reiches Hauptstadt au der 
Tagcsordiiuiig. Zeigt in einem Varietö ein Zauberkünstler seine 
neuesten Tricks, und' findet die Galerie nicht gleich die Lösiiug des 
Problems, daun klingt das ständig wiederholte „Schieber" durck, 
den Raum. Versagt beim Rennen ein Pferd auf das viele hoffend 
gesetzt hatten, und kehrt der Jockey zur Wage zurück, dann begleiten 
ihn auf dein ganzen Weg unausgesetzt „Schieberrufe". 
■ Daß übrigens auf Berlined und andern Rennbahnen viel 
„geschoben" ivird, unterliegt für die Kundigen keinem Zweifel. Es 
mehren sich auch die Stimmen, dis energisch auf eine Ref oi in im 
Renn- und Wettivescn dringen, lind mit Recht. Wo alles 
reformiert ivird, von der Säugliugsiiahrung bis zur Hygiene des 
Sterbens, vom Schuluiiterricht bis zur Fürsorge entlassener Geld- 
schrankdicbe, ist eine Resorin aus jedem Gebiete dankbar zu begrüßen. 
Tie größte und wichiigste Reform aber hat in den Krciscii der 
Dresdener Polizei stattgefunden. Es handelt sich keincsivcgs 
um ein neues Pensionsgesetz, für ausrangierte Polizeihunde, auch 
denkt man nicht daran, die vielen englisch sprechenden Schutzleute 
Dresdens zu veranlassen, das Eiiglische ohne sächsischen Dialekt 
zu sprechen. Es stehen weit höhere Werte auf dein Spiel. An den 
Hosen der Dresdener Schutzmannschaft wird die Bügelfalte ein 
geführt ! 
Es ist bekannh daß Dresden das Dorado der englischen 
Reisenden ist. Dresden war die erste deutsche Stadt, in der eine 
englische Tageszeitung hcransgegebcir ivurdc, und in der an allen 
Ecken und Enden Old England sich brcitmachte. Wer weiß, ob 
die Einführung der Bügelfalte nicht auch wieder eine sinnige 
Huldigung für das mächtige Jnselreich ist? 
Steht doch in den Annalen der Geschichte mit goldenen Leiter» 
eingetragen, daß Mju- Gerfpgerer als König Edliard der 
Siebente die scharf gekniffte Bügelfalte erfunden hat. Diese 
kulturgeschichtlich bedeutsame Hosenumwandlung trat über den 
englischen Hochadel und die deutschen Corpsstudenten ihren Siegcs- 
zug durch die ganze Welt aii, sodaß selbst König Nikita von Monlc- 
ncgro, sofern er nicht seine Nationaltracht aus Bettkattun trägt, 
mit scharf gebügelter Hose sein Land regiert. 
Nur als Eduard der Siebente in heißein Schöpfcrdraiig uns 
die seitliche Bügelfalte bescherte, streikten die Gents und Schieber 
des Kontinents, und nur der englische Hochadel stolzierte ein Jahr 
mit mclancholischeii Gesichtern und seitwärts geknifften Hosen 
einher 
Das ist es, ivas im Schicksalswalten 
mich tief ergreift und innig rührt: 
Jii Dresden iverden Bügelfalten 
bei den Polypen eingeführt! 
Was nutzt der Sabul in der Scheide? 
Was nutzt der grausam kalte Blick? 
Ter höchste Wert anr Schutzmannskleide 
liegt nur im scharfen Hosenknick. 
Ist seine Seele auch gezügelt 
durch stramme Arbeit im Revier: 
Mit Hosen, rund und ungebügelt, 
ist er eilt Minus-Kavalier. 
Ich fürchte, daß in künft'gen Tagen 
ivohl mehr Berbrecher noch, als jetzt, 
sich scitivärts in die Büsche schlagen, 
weil sic kein Mensch mehr fängt und hetzt. 
Ter Schutzmann, den man nicht erbosen, 
nicht stören und nicht suchen darf, 
steht mild verschämt in Unterhosen 
und bügelt sich die Falten scharf. 
Es wird natürlich nicht»lange dauern, bis wir in Berlin cvcn- 
falls diese Verordnung eingeführt haben werden. Unsere Vcamleii 
können doch unmöglich hinter denen der stillen lind etwas ver 
schlafenen Stadt Dresden zurückstehen. Zivar haben wir in der 
Elsasserstraße schon seit Jahren ein „Restaurant zur scharfen 
Bügelfalt«", aber damit haben wir noch nicht alles! 
Jedenfalls iverdeir die echten Berliner sehr erbost sein, daß 
Dresden, — ausgerechnet Dresden, — ihnen mit einem Kultm- 
fortfchritt vorangegangen ist. Sonst haben ivir docy alles zuerst. 
Oder besser gesagt: WIR, ivic sich der echte Berliner gerne nennt. 
Wir haben die prachtvollen H erbstparaden mit Luftkrruzeril, 
Fliegern und Freiballviun in der Lnft und indischen Maharadschas 
auf der Erde. Der Rajah, der augenblicklich in Berlin weilt, soll nicht 
ganz so reich sein, wie seine Kollegen. Seilt Vermögen wird auf 
imr 2 Milliarden geschätzt. Dafür ist aber sein Auto mit kostbarcil 
Edelsteinen besetzt. Im ersten Hotel hat er eine Zimmerflucht ge 
mietet, für die er so viel Geld zahlt, daß die Familieu dreier 
Rcgierungsräte ein Jahr, sehr gut davon leben konnten. 
Er ist eben ein indischer Maharadscha. Schade, daß er nicht 
ctivas früher nach Berlin gekommen ist. Er hätte die Ausstel! nng 
„Indien in Berlin" vor der heftigen Pleite retten könne». 
Aber mail sieht, daß selbst Maharadschas zu spät kommen könne»; 
und selbst bann, weiln ihre Autos statt mit Schmutz mit Brillantcii 
bedeckt sind! Heinr. Binder.
        
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