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Periodical volume Nr. 149, 27.06.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

schrcitung veranlaßt anbelangt, so bemerken wir folgendes: 
Wie in verschiedenen Gemeinden Groß-Berlins, so will auch 
unser Jugcndpstegeausschnß aus Anlaß der 100 jährigen 
Wiederkehr der Schlachttage von Leipzig am Sonntag, dem 
19. Oktober 1913 nachmittags auf dem Spielplatz am Virken- 
iväldchen Freiübungen, Geräteturnen und Festspiele und 
abends in dem Festsaal des Realgymnasiums einen Niitcr- 
haltungsabcnd veranstalten. Zu der Feier können sich auch 
Schüler und Schülerinnen im Alter von 14—20 Jahren 
und Jugendliche, die keinem nationalen Bereiir angehören, 
beteiligen. Jnbezug auf die Verwendung der Zinsen ans 
der Kaiser-Wilhelm-Jttbiläumsstiftuug in Höhe von 25 000 
Mark für Zwecke der Jugendpflege dürste es sich nicht 
empfehlen, für die Verwaltung der Stistung etwa einen be 
sonderen Ausschuß einzusetzen, sondern sie dein Jugendpflege- 
ausschuß zu übertragen. In Uebereinstimmung , mit dem 
JugeupflcgeanSschuß beantragen wir, folgenden Beschluß zu 
fassen: Zur Verstärkung der Vvranschlagszisfer IV/70 werden 
200 M. bewilligt. Die Bestimmung über die Vervendnng 
der Zinsen aus der Kniser-Wilhclm-Jubiläumsstifiung wird 
dem Jilgendpslegeausschuß übertragen. 
Vorlage betreffend Beschickung von Kongressen, Versammlungen nsiv. 
Wir hoben in Aussicht genommen, in den Monaten 
September und Oktober mehrere kommunalpolilische inter 
essante und für die Gemeinde zum Teil wichtige Verun 
staltungen zu beschicken und zwar: Jahresversammlung des 
Deutschen Vereins für t öffentliche Gesundheitspflege in 
Aachen, • vom 17.—20. September, 0 Tage, (2 Herren). 
Tagung der Deutschen Berufsvormündcr in Stuttgart vom 
22.-24, d. Mts., 5 Tage, (Generaloorinund Toussaint). 
Preußischer Fvrtbildnngsschultag in Altona, vom 1.—3. 
Oktober, 5 Tage, (1 Herr). Internationale Tuberkulose- 
Konferenz in Berlin, vom 22.—25. Oktober, 4 Tage, 
(Bürgermeister Walger, Schöffe Sadöe, Dr. Heinecker). 
Besuch der Internationalen Vaufachausstellnug in Leipzig, 
(3 Tage, die 14 Mitglieder des Rathausbauanschusses, fünf 
Tage Architekt Duntz). Rechtfertigen die gen. Veranstaltungen 
schon an sich und,durch ihre interessanten Tagesordnungen 
den Besuch, so begründen wir die Beschickung der Baufach- 
ausstellung in Leipzig folgendermaßen: Bei der hervor 
ragenden Bedeutung, die diese Ausstellung für das gesamte 
Baufach hat, ist es mit Rücksicht aus die umfangreichen, 
von der Gemeinde zur Zeit geplanten bezw. in Angriff ge- 
nvmmenenen Bauten erwünscht, den Mi:gliedern des Rat- 
hausbauausschusscs in ihrer Gesamtheit die Möglichkeit zu 
verschaffen, die gesamte Ansstellnng eingehend zu studieren. 
Wir^schlagen daher im Einvernehmen mit dem Ralhaus- 
bnunuschuß vvr, daß die Mitglieder dieses Ausschusses eine 
dreitägige Studienfahrt zur Besichtigung der Ausstellung 
unternehmen und daß Herr Architekt Tuntz bereits. 2 Tage 
vorher zur Vorbereitung der Besichtigung nach Leipzig führt. 
Wir beantragen, beschließen zu wollen: Tie Beschickung der 
in der Vorlage zur heutigen Sitzung aufgeführten Kongresse 
nsiv. wird genehmigt. Die erforderlichen Kosten werden 
aus Voranschlag 1 Nr, Ist» unter.stie-erschreitung dieser 
Position bewilligt. 
Vorlage betreffend Aenderung der Geschäftsordnung für die Ge- 
Ulcindcvertrctiliig. 
In der Sitzung der Gemeindevertretung vom 5. Juni 
dieses Jahres wurde ein von 11 Mitgliedern unterstützter 
Antrag gestellt, in eine Reuberatung über § 7 der Ge 
schäftsordnung für die Gemeindevertretung einzutreten. Gemäß 
§ 5 Abs. 4 der neuen Fassung der Geschäftsordnung muß dieser 
Antrag in der darauffolgenden Sitzung zur Verhandlung 
kommen; crwiirde jedoch vouder Vertretung bis nach den Ferien 
vertagt. Wir hnbeuuns mit derAugelegenhcit beschäftigt,halten 
cs für zweckmäßig, auf unseren bereits für die Sitzung vom 
22. Mai gemachten Vorschlag der anderweitigen Fassung des 
7 zurückzukommen, die da lautet: „Wird von mindestens 
0 Mitgliedern beantragt, einen Gegenstand zur Vorberatung 
einem Ausschuß zu überweisen, so muß demgemäß verfahren 
werden, wenn die Hälfte der anwesenden Mitglieder diesem 
zustimint." Diese Fassung ist auch von dem eingesetzten 
beseelte Kaufmannstochier nannten. Ihren Pflichten als 
Hausfrau freilich kam sie stets mit jener ruhigen Freund 
lichkeit nach, die sie vom ersten Tage an den Freunden 
ihres Gatten gezeigt halte; wo sie aber außerhalb des 
eigenen Heinis in bcr Oeffentlichkeit erschien, war ihre Art 
in der Tat danach angetan, jenes tadelnde Urteil scheinbar 
zu rechtfertigen. Inmitten der ausgelassenen Künstlerfeste, 
deren eigentliche Seele fast immer der in lustigen Einfällen 
unerschöpfliche Hubert Almröder bildete, blieb sie unnahbar 
wie eine Prinzessin. Die fröhliche Ungebundenheit, die 
dieser inünchnerischen Geselligkeit ihren charakteristischen 
Stempel aufprägte, schien für sie nicht zu existieren. Nur 
zwei- oder dreimal, wenn der Charakter des betreffenden 
Festes eine Ausnahme nicht gestattet hatte, war sie gleich 
den anderen Damen in einem von der herkömmlichen Ball- 
toisiette abweichenden Kostüm erschienen, und so gewiß sie 
in jedem dieser Fälle die schönste der anwesenden jungen 
Frauen gewesen war, so gewiß war sie auch die stillste und 
zurückhaltendste gewesen. Die Vorwitzigen, die diese Zurück 
haltung anfänglich für Schüchternheit genommen und sich 
bemüht hatten, sie durch allerlei harmlose Keckheiten z» be 
siegen, waren sehr schnell über den Irrtum belehrt worden, 
in dem sie sich befunden. So unzweideutig und so selbst 
bewußt hoheitsvoll waren die Zurückweisungen gewesen, 
die sie erfahren, daß ihnen alsbald alle Unternehmungslust 
vergangen war und daß man sich daran gewöhnt halte, 
überall, wo Frau Helga erschien, ihre Schönheit aus respekt 
voller Entfernung zu bewundern. 
Nun, wo der Fasching mit seiner Hochflut rauschender 
Vergnügungen wieder begonnen hatte, war schon seit 
Wochen in der Münchener Eefellfchaft von keiner anderen 
Veranstaltung so viel und voll so lebhaften Interesses 
die. Rede als van dem großen Kostümfest, das in den 
prächtigen Räumen des Künstlerhauses abgehalten werden 
sollte. „Eine Nacht der Kleopatra" lautete die vou Hubert 
Alnrröder erfundene Benennung dieses Festes, und es war 
selbstverständlich strengste Vorschrift, daß alle Teilnehmer 
in einem diesem Losungswort angemessenen Kostüm zu er 
scheinen hätten. Die Einleitung des Abends sollte nach 
Münchener Sitte ein feierlicher Aufzug bilden, der die Be 
grüßung des , Antvnrus-church .dis-.-Min ihrem ganzen 
üppigen Hofstaat umgebene Klcopatm darstellte und dessen 
Geschäftsordnungsailsschuß seinerzeit gebilligt worden. Wir 
beantragen beschließen zu wollen, dem ß 7 die oben vorge 
schlagene Fassung zu geben. 
Vorlage betreffend Erlaß einer Polizeiverordnung betreffend das 
Rollschuhlaufen in den öffentlichen Straßen. 
Der neue Sport des Rollschuhlaufens hat zu einer 
immer stärker werdenden Inanspruchnahme der ösfcnllicheu 
Straßen und Plätze geführt. Durch Uebungen im Kunst 
laufen, Laufen in Ketten, Wettlaufversuchen usw. gefährden 
die Rvllschuhläufer namentlich in belebten Straßen erheblich 
den Verkehr und die öffentliche Ordnung und Sicherheit. 
Unter anderem hat sich daher der Herr Polizei-Präsident Char- 
lvttenburg veranlaßt gesehen, regelnde Bestimmungen diescr- 
halb zu treffen, und starke Verkehrsstraßen sogar gänzlich 
für das Rollschuhlaufen zu sperren. Es erscheint angezeigt, 
diesem Vorgehen zum Teil zu folgen und auch für den 
hiesigen Amtsbezirk entsprechende Vorschriften zu erlassen. 
Als für Kinder gänzlich zu sperrende Straßen kämen die 
Kaiserallee, Rheinstraße und der Platz vor dem Riugbahnhof 
Wilmcrsdorf-Friedeuau in Betracht. Ich füge den bereits 
anderenorts bestehenden Bestimmungen nachgebildeten -Ent. 
wurf einer solchen Polizeiverordnung bei und beantrage, be 
schließen zu wollen: 
„Die Gemeindevertretung als Anitsausschuß stimmt dem diesem 
Protokoll als Anlage beigefügten Entwurf einer Polizeiverordnung 
betreffend daS Rollschuhlaufen in den öffentlichen Straßen, in 
erster Lesung zu". Ter Aintsvorstchcr. 
1. Nachtrag 
zur Polizeiverordnung, betreffend die Aufrechterhaltung der Sicher 
heit usw. vom 28. November 1901. 
■ Auf Grund des § 5 des Gesetzes über die Polizcioerwaltung 
vom 11. März 1850 und des § 02 der Kreisordnnng vom 13. 
Dezember 1872 wird mit Zustimmung des Amtsansschusses 
folgende Polizeiverordnung als Nachtrag zu der Polizeiverordnung, 
betreffend die Aufrechterhaltung der Sicherheit, Bequemlichkeit für 
den Verkehr, Ordnung, Ruhe und Reinlichkeit auf den öffentlichen 
Straße», Wegen und Plätze» für den Umfang des Amtsbezirks 
Acrlin-Friedcnan vom 23. November 190k, erlassen, die mit dem 
Tage der Veröffentlichung in Kraft tritt. 
Einziger Paragraph. 
Das Rollschuhlaufen auf öffentlichen Straßen und Plätzen ist 
nur in der Fahrrichlnng, in Straßen mit 2 Fahrdämmcn nur auf 
dein in der Fahrrichlnng rechts belegene», i;n übrigen stets nur 
auf der rechten Seite des Fahrdannnes mögtichst hart an der Bord- 
fcf)welle und nur mit einer einem trabenden Gespanne gleich 
kommenden Höchstgeschwindigkeit gestattet. Das Nollschulanfen auf 
den Bürgersteigen und zwischen beziv. auf den Schienen der 
elektrischen Straßenbahnen, abgesehen von einer Kreuzung derselben 
in senkrechter Richtung, svivie jede Art des Kunstlaufens 
(Holländern, Paarlaufen und dergleichen), das Kettcnlauscn, das 
Wettlaufen mit anderen Rvllschnhlänfern und mit Fuhrwerken oder 
Radfahrern, das Anhängen an Fuhrwerke und die Benutzung der 
Straßen und Plätze znm Erlernen des Rollschuhlaufcns ist ver 
böten. Gänzlich untersagt. ist Kindern bis zum vollendeten 14. 
Lebensjahr das Rollschnhlansen auf folgenden Straßen: Kaiserallce, 
Rheinstraße sowie auf dem Platze vor dein Ringbnhnhvf Witiners- 
dorf-Fricdcnaii. 
Berlin-Friedenau, den .... 191 . 
Der Anitsvorftehcr. 
(Schluß folgt.) 
£okale.s 
(Nachdruck unserer o-Originakartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Wannseebahuhof Jne-encm. Es wird uns go 
schriehen: Die Beilegung des Wnimseebahnhofs Friedenau 
geht anscheinend ihrer Berwirklichmig entgegen nachdem sich 
die Gemeindevertretung unseres Ortes in geheimer (?) Sitzung 
mit der Kvstenfrage beschäftigt hat. Zwei Fragen sind es, 
welche der objektive Betrachter dieser Angelegenheiten zu 
nächst stellen wird und beantwortet sehen möchte: 1. Wer 
hat diese Sache angeregt und betrieben? und 2. Wer hat 
Nutzen davon? Als ver Geineindeverordnete Gerten bei einer 
Terrainspekulation stark beteiligt war, der ein Nähcrrücken 
der Wannscebahnstation an das bctr. Terrain sehr nutz 
bringend sein kannte, tauchte der Wunsch der Verlegung des 
Bahnhofs an die Saarstraßenbrücke zuerst aus; das ist schon 
eine Reihe von Jahren her, Grundbesitzer in Nähe der Brücke 
unterstützten selbstverständlich in eigenem Interesse das 
Projekt, dem sich der Eiscnbahnsiskus gegenüber zunächst 
ablehnend verhalten hat, erst das Projekt der Anlage eines 
Ausgestaltung oer Phantasie der iint dein Arrangement 
betrauten Künstler den weitesten Spielraum gewährte. 
Daß die Dame, der man bei diesem rein pantomimisch be- 
absichligten Festspiel die Rolle der Kleopatra anvertraute, 
im eigentlichsten Sinne die Königin des Festes fein würde, 
unterlag natürlich keinem Zweitel, und man war in den 
beteiligten Kreisen um so inehr barauf gespannt, wem 
diese von gar vielen schönen Frauen ini stillen heißcrsehnte 
und begehrte Cg re zufallen würde, als offenbar bis zu 
dem heutigen Tage, den kaum noch eine volle Woche von 
dem Festabend trennte, innerhalb des veranstaltenden 
Künälcrloinnees noch keine Einigung über die Wahl der 
Hauptakteure hatte erzielt werden können. 
Das matte und kalte Licht der von feuchten Dünsten 
halb verhüll-cii Ianuaisoiine erfüllte Frau Helgas Zimmer, 
als die junge Frau von ihre:n gewohnten NErgenjpazier- 
gang in den verschneiten Isarunlageii heimkehrte. 
Helga war in diejem ersten Jahr ihrer Ehe noch 
schöner geworden, als sie cs in der Blüte ihrer Jung 
fräulichkeit gewesen war, reifer und königlicher in Gestalt 
und Haltung; aber in ihrem feinen, regelmäßigen Antlitz 
war ein Zug von Müdigkeit, der ihm früher nicht eigen 
gewesen. Sie setzte sich an den.Schreibtisch, der gleich 
allen anderen Möbeln des mit raffiniertem Geschmack ein 
gerichteten Boudoirs ein Mciiicrwerk ziertichcr Rokokokunst 
war und legte sich einen Briefbogen zurecht. Aber sie kam 
vorerst nicht über die Anrede: „Mein lieber Henry!" hin 
aus. Es fiel ihr offenbar schwer, die rechten Worte zu 
finden für das, was sie dem Bruder zu schreiben gedachte, 
denn sie stützte den Kopf in die Hand und schaute in 
ernstem Sinnen vor sich hin. 
Da wurde draußen auf dem Gange der Klang eines 
raschen Schrittes vernehmlich, und die Tür des Ge-naches 
öffnete sich vor Hubert Almröders reckenhafter Gestalt. 
Auch feine äußere Erscheinung hatte sich seit den Tagen 
des Hamburger Aufenthalts noch zu ihrem Vorteil verändert. 
Sein damals in den frischen Farben robuster Gesundheit 
prangendes hübsches Gesicht war vielleicht um ein Geringes 
schmaler und bleicher geworden, aber es schien charakter 
voller und durchgcistigler. lind in seinen dunklen Augen 
war ein Glänzen, das auf schmachtende Frauen unwider 
stehlicher wirkt als jede andere männliche Schönheit. Das 
großen Güterbahnhofs und die Absicht, den Potsdamer Fern 
bahnhof weiter hinaus zu verlegen, hat den Eisenbahnfiskus 
gefügiger gemacht. Steglitz wünschte den Wannsecbabnhof 
nach der Feldstraße verlegt zu sehen, ein Wunsch der aus 
sichtslos war, weil dann zwei Bahnhöfe fast nebeneinander 
zu liegen kamen. Ein Umsteigeverkehr von der Ring-, zur 
Wannseebahn und mitgekehrt zu schaffen, ist schon lange be 
absichtigt, läßt sich auch durch Verlegung des Bahnhofs 
Ebersstraße nach der Wannseestrecke zu durchführen, hat aber 
mit dem Friedenauer Wannseebahnhvfs nichts zu tim, denn 
der Eisenbahnfiskus — der ein sehr marter Geschäftsmann 
ist — würde sich das Friedenauer Geschäft zerschlagen, 
wenn er unsern Wannseebahnhof kassieren wollte. Ein 
zweiter Zugang zum Wannnseebahnhof Friedenatt kann 
natürlich dem „Geschäft" der Bahn nur Nutzen bringen. 
Der Eisenbahnfiskus hat mithin das größte Interesse an 
der Umlegung des Bahnhofs und hat gegenwärtig Eile 
damit. Er ist aber sehr sparsam und läßt gern andere 
bezahlen, wenn sie sich bereit finden lassen. Weil er jetzt 
Eile hat, ist die geforderte Beitragssnmme schon um die 
Hälfte ermäßigt, so daß Friedenau etwa rund 200 000 Mark 
zu zahlen hätte. Für die interessierte Anwohnerschaft ist 
der Vorteil im allgemeinen nicht sehr groß. Der neue, ein 
zurichtende Bahnhof wird etwa in der Mitte zwischen dem 
alten Platz und der Saantraßenbrücke zu liegen kommen. 
Was also von denen, die in der Nähe der Brücke wohnen, 
am Wege gespart wird, müssen die Benutzer des alten Zu 
ganges weiter laufen, das würde sich also ungefähr kom 
pensieren. Unzweifelhaft hat der in der Nähe der Saarstraßcn- 
brücke belcgcnen Teil von Steglitz einen erheblich höheren 
Vorteil als Friedenau und cs ist bedauerlich, das; wir für 
seinen Vorteil bezahlen sollen. Verhandlungen würden nur 
die Sache verzögern und den Absichten der Bahnverivaltnng 
schaden. Letztere hat ja nur unter der Bedingung im Preise 
nachgelassen, wenn die Sache schnell gemacht werden kaun. 
Wenn auch 200 000 Mark für eine Gemeinde keine horrende 
Summe ist, so sollte man sich doch nicht verblüffen lassen, 
denn das größte Interesse lind den meisten Vorteil hat 
von der Umlegung gegenwärtig der Fiskus, der sich andern 
falls gar nicht auf diese Angelegenheit eingelassen hätte. 
Der Name Wannseebahnhof Friedenau hat nur idealen 
Wert, den sollte man nicht hoch bewerten, da man ihn 
weder Schöneberger- noch Steglitzer Bahnhof nennen könnte. 
Alan fabelt von einem besonderen Wert des Zuganges 
von der Saarstraßenbrücke um deswegen, weil, wie man 
sagt, Herr Haberland als Cvinpcnsattvn für den wiederherzu 
stellenden Reitweg auf dem Südwestkorso die Durchlegnng 
einiger Straßenbahnlinien durch die Kirch- und Sanistraße 
anstrebt und so neue Zubringer zum Wannseebahnhof Ein 
gang Saarstraßenbrücke schaffen würde. Es denkt natürlich 
kein Mensch daran, vom Südwestkorso nach dem Wannsee 
bahnhof in Berlin zu fahren, da ja der Ringbahnhos Wil 
mersdorf Friedenau das viel begnemcr und billiger bietet. 
Die Slraßenbahnfrage für die Mrch- und Saarstraße läßt 
sich zur Zeit überhaupt noch gar nicht ventilieren wegen 
der Borgartenfrage; in welcher'das OberverwaUungs- resp. 
das Reichsgericht erst maßgebende Entscheidung zu treffen 
hat. Die Verquickung' der Reitivcganlage mit der Wanii- 
seebahnstativn-Umlegnng gehört zu den modernen Ueber- 
raschnngcn, an denen die Neuzeit keinen Mangel hat. 
’ ■ -' ; ' O. E. II 
v Eine verkehrte Maßnahme — so wird uns anS 
fachmännischen Kreisen geschrieben — ist der jetzige Beginn 
der Arbeiten in der Rheinstraße zwecks Anlage vun Rasen- 
streifen neben den Gleisen der Straßenbahn. Die Straßen 
bahngesellschaft hat zwar auf den .jetzigen Anfang der 
Arbeiten hingedrängt, doch hätte man diesem Drängen nicht 
nötig gehabt Folge zu leisten. Wenn cs auch möglich ist, 
im Okvber noch Gras anzusäen, der Hcrbstrcgcn macht die 
jungen Wurzeln faulig und wir haben während des ganzen 
Winters anstatt Gras Morast in der Rheinstraße. Ferner 
muß die Schiencnbcfestigung auf Stcinschvtter als ganz un 
geeignet bezeichnet werden, weil eine solche ein häufigeres 
Nachstopfen mit Kleinstem- oder groben Kiesniatcrial und 
etwas phantastische Samtjackei, das er immer bei feiner 
Arbeit zu tragen pflegte, hob auf das Wirksamste dos 
kraftvolle Ebenmaß feines Wuchses hervor, und man 
mußte bei seinem Anblick ohne weiteres die suggeüioe 
Macht begreifen, Re seine Persönlichkeit noch immer über 
alle ausgeübt, die in feine Nähe gekommen 'waren. 
Er war ersichtlich in der allerbesten Laune, und mit 
sieges'rohem Lächeln legte er das Blatt, da- er in der 
Hand getragen, vor Helga auf die Platre des Schreibtisches. 
„Sieh her, Schatz!" sagte er, nachdem er sich zärtlich 
über seine Frau herabgeneigt hatte, um sie zu küßen. 
„Weißt du, was das ist?" 
JhrBlick ruhte sekundenlang auf der flott hingeworfenen, 
kolorierten Zeichnung einer verführerisch kostümierten Fcauen- 
gestalt. Dann schüttelte sie verneinend den Kopf. 
Hubert aber legre den Arm um ihren Nacken und sah 
ihr mit leuchtendecki Blick in das schöne, ernste Gesicht. 
„Es ist die Kleopatra unseres Festes — so wie sie sich 
den staunenden und entzückten Blicken der Menge dar 
stelle» wird. Glaubst du nicht, daß alle Welt ihren Antonius 
um sein Glück beneiden wird?" 
,»Vielleicht — sofern es euch gelingt, eine Dame zu 
finden, die Mut genug hat, in solchem Aufzuge vor der 
Oeffentlichkeit zu erscheinen." 
Hubert Almröder lachte sein helles, klingendes, unwider 
stehliches Lachen. 
„Sie ist schon gefunden, Liebling! — Wir hatten in 
dieser Nacht eine etwas stürmische Koiniteesitzung; aber 
ich habe natürlich meinen Willen durchgesetzt und habe 
meiner blonden Königin den Platz ans dein Throne ge 
sichert, der keiner anderen zukommt als ihr." 
Fast erschrocken sah Helga aus, während ein feines Rot 
sich über ihre Wangen breitete. 
„Du denkst doch nicht daran, Hubert, daß ich —" 
„Daß du unsere Kleopatra sein wirst. Selbstver 
ständlich habe ich von vornherein an nichts anderes gedacht 
als daran. Und ich hoffe, du würdest deinen Antonius 
auch keiner anderen gegönnt haben." 
Scheu streifte der Blick der jungen Frau noch einmal 
über die Zeichnung hin; dann schob sie sie mit einer Be 
wegung der Abwehr weit von sich lnnwea. 
(Sorij^unz ,ocg>.)
        
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