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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Sonntag, den 31. August 1913 
£ohaks 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel uur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die Konzerte am Kaiserplatz finden jetzt wieder 
Sonntags zwischen 12 und 1 Uhr statt. Die Kapelle wird, 
ivi o bisher, von der Freiwilligen Sanitätskolonne voni Roten 
Kreuz in Wilmersdorf unter Leitung des Kapellmeisters 
S chorin gestellt. 
o Sport - Abteilung des Männer - Turnvereins 
Friedenau. Der vergangene Sonntag war für die Sport- 
Abteilung des Männer-Turnvercins zu Friedenau ein Sieges 
tag. Am Vormittag standen sich in einem Hockey-Gesell 
schaftsspiele die beiden I. Mannschaften der Berliner 
Turnerfchast (Korp.) 6. Jugendabteilung und die der Sport- 
Abteilung ans dem hiesigen Turn- und Spielplatz am 
Alaybnchplat; gegenüber. Die Fricdenaner waren den 
Berlinern sehr überlegen und gewannen nach schönen! 
ruhigen und fairen Spiel mit 9 : 0. Halbzeit 6 :0. Ztl 
dem vom Jugendklub Neukölln veranstalteten nationalen 
Herbftsportfest hatte auch die Sport-Abteilung des Friedenaucr 
Turnvereins einige Meldungen abgegeben, die auch mit 
Erfolg gekrönt waren, indenr es ihr gelang, zwei Preise 
nach schwerem Kampfe zu erringen. Im 200 Meter-Laufen 
wurde Herr Walter Manzey von 40 Startenden 2. Sieger. 
Das Mitglied Walter Dnpik errang egensalls einen 2. Preis 
im 1000 Mcter-Ansänger-Lanfen bei 40 Startenden; gewisi 
eine schöne Leistung für ein Jngendmitglied. — Am 
morgigen Sonntag Vormittag spielt die I. Hockeymarmschaft 
der Sport-Abteilung des M. T. V. Friedenau gegen die 
1. Mannschaft des Vereins für Körperkultur auf deren Platz 
im Sportlufibad Eichkamp. Treffpunkt 8 Uhr am Ring 
bahnhof Wilmersdorf-Friedenau mich bei evtl, schlechtem 
Wetter. — Die nächste Mitgliederversammlung der Sport- 
Abteilung findet am Montag, dem 1. September er., 
Abends 0 Uhr, im Restaurant Hohcnzollern, Handjerystr. 64, 
statt ttttd es ist Pflicht eines jedeii Mitgliedes, zu erscheinen. 
Herren, die Interesse für Turnen und Sport haben, sind zur 
Sitzung freundlichst eingeladen. Weitere Auskunft erteilt 
Herr Richard Müller, Lauterstr. 5/0. Ur. 
o Im Evangelischen Arbeiterverein Friedenau und 
Umgegend sprach kürzlich Herr Generalsekretär Gustav 
Ad. Weigelt vom Evangelischen Volksbunde über „Die 
Grundlagen der deutschen Volkswohlfahrt". 
Durch des deutschen Reiches geographische Lage hat cs überall 
Feinde und Konkurrenz, da gilt zunächst die Sicherung des Muttcr- 
bodens als der Nährboden seines Glückes. Mit dem Gelde für 
Heer und Marine, auch für leider Mehrbcivilligung ist es nicht 
getan. Gesunde Männer für den Soldatenstand und da hören wir 
den Notschrei: Geburtenrückgang. Zu der Erkenntnis „An Dir 
allein habe ich gesündigt", zu einer Buße vor Gott ist es wohl 
bisher nicht gckomnien. lind wird an dieser Stelle die Volks 
wohlfahrt brüchig, dann helfen weder Kraut noch Pflaster, allein, 
ganz allein die Wendung in der Denkart: „Zn ©ott zurück!" Die 
Begrenzung der menschlichen Bestimmung für die Zeitlichkeit erzeugt 
Brutalität. Nur einmal leben heißt, rücksichtslos nach den: eigenen, 
vollen Glück trachten.' Wie kann dabei die' Volkswohlfahrt be 
stehen? Woher das gegenseitige Vertrauen, das gesamte Vertrauen, 
und wo solches nicht sein kann, woher die Kraft? Kraft zur Bcr- 
teidigwig des persönlichen und des Vaterlandes, Kraft zum Kultur- 
fortschritt! In allen Fragen, bei allem Erwerb: „Gott mit uns". 
Wir Christen wollen volles Verständnis haben für Volk, Vaterland, 
Volkswohlfahrt und persönliches Glück! Das ist die Sicherung 
unserer Aller und „an diesem Wesen soll einst die Welt genesen." 
Allseitiger Beifall der gut besuchten Versammlung und 
Aussprache der Mitglieder über das Gehörte war die Folge 
des sehr zeitgemäßeil Vortrages. Für die Versammlung am 
Dienstag, dem 2. September, Abends 8*/ 2 Uhr, tut oberen 
Saal des Kaiser-Wilhelm-Garten hört der Verein einen 
Vortrag des Herrn Fortbildungsschullehrer Bärend, der zu 
„einem Besuche im Steinkohlenbergwerk" führt und begleitet, 
darum pünktlichst, Rheinstr. 05 I, zur Stelle. 
o Der Friedenaucr Männcr-Gesangvcrein veranstaltet 
am Sonntag den 31. August er. einen Familien-Ausflng nach 
dem Grunewald „Restaurant Waldpark" (Inh. Michelmann) 
Hnbertusbader-, Ecke Franzensbaderstrasie. Fahrgelegenheit 
vomBahnhof Wilmersdorf-Friedenau bisHohenzollcrii-Dainm. 
Sammelpunkt 2 Uhr Nachmittags an der Kaisereiche. 
v Der Theaterverein .PerreS 1873, der seiner 
40 jährigen Spielsaisvn entgegen geht, sticht sich durch Auf 
nahme spielfrendiger Damen und Herren (auch Gäste) zu 
vergrößern. Die Sitzungen finden jeden Mittwoch 9'/ 2 Uhr 
im Vereinslokal, Restaurant Paul Spanholz, Steglitz, 
Körnerstr. 48 c, statt. Anmeldungen werden nach dorthin 
erbeten. Wir können den Beitritt in den Verein nur bestens 
empfehlen und verweisen auf die Anzeige in unserer heutigen 
Nummer. 
v Das große Herbstpreiskegeln im Gesellschaftshans 
des Westens, Schöneberg, Hauptstr. 30-31 findet jeden 
Freitag, Sonnabend und Sonntag auf allen 0 Bahnen 
statt. Anfang Wochentags um 0 Uhr Nachm., Sonntags 
uin 3 Uhr Nachm. 11 300 M. bare Geldpreise, 2000 VN. 
Lebensmittelpreisc. Dnncrgeldbahneii 1. Preis 1000 Al., 
2. Preis 800 M., 3. Preis 000 Dl. usw. Auf zwei 
kleinen Geldbahnen und zwei Lebensinittclbahnen jeden 
Sonntag Preisverteilung. Hohe Tages- und Stnndenprcise. 
Alle Kegelfrennde von Nah und Fern sind zu diesem Wett 
bewerb freundlichst eingeladen. Bei der Preisverteilung 
am Sonntag, den 24. d. Mts. erhielten die ersten Preise: 
Bahn I (Kleine Geldbahn) Herr Strich mit 4 Kugeln 32 
Holz, Bahn II ((Kleine Geldbahu) Herr Kapski mit vier 
Kugeln 33 Holz, Bahn V (Wild- und Geflügclbahn) 
Herr Geh mit 4 Kugeln 33 Holz und auf Bahn VI Herr 
G. Richter mit 4 Kugeln 32 Holz. 
o Nach einem 100 000 Markbetrnge nach Amerika 
entflohen ist der Kaufmann S. aus der Heivaldstraße in 
Schöneberg; er hatte einen Hausbesitzer in der Nassauischcn 
Straße um 100 000 M. geprellt. Dieser suchte 50 000 M. 
auf sein in der Nnssauischeil Straße belegenes Wvhnungs- 
grundstück aufzunehmen, die ihm von S., der ein Hypvtheken- 
vermittlungsgeschäft betreibt, unter der Voraussetzung ver 
sprochen worden, daß der Hausbesitzer eine Hypothek über 
100 000 M. auf S. eintragen lasse. Der Gcldsuchcr er 
klärte sich hiermit einverstanden, und die Eintragung der 
Hypothek geschah ordnungsgemäß beim Grundbuchamt in 
Schöneberg. Als der Hausbesitzer nun sein Darlehen von 
50 000 M. von Kaufmann S. erheben ivollte, wurde ihm 
die Mitteilung, daß dieser verreist sei. Jetzt erstattete der 
Hausbesitzer Anzeige, und die Schöneberger Kriminalpolizei 
stellte fest, daß S., der bereits wegen anderer Hypotheken 
schwindeleien verdächtig war, diesen Hypothekenbrief sofort 
um eine hohe Summe nach Hamburg weiter verkauft hatte 
und mit dem Gelde vermutlich über Hamburg nach Amerika 
gereist war. Sämtliche Hafenbchörden wurden in Kenntnis 
gesetzt. 
Vemns-Hadmcbten 
Der 4. Mandolinisten- und Gitarristen-Kongreß aller deutschen 
Sprachgebiete, Ehrenvorsitz Herr Siegfried Wagner, Tonkünstler in 
Bayreuth, tagt vom 6. bis 8. September 1913 in Nürnberg. Außer 
zwei Festchören für sämtliche anwesenden Bereine und Einzelspieler, 
konzertieren hervorragende Mnnd.- und Gitarre - Solisten aus 
Antwerpen, Hannover, Berlin, München usw. Der Kongreß wird 
daselbst einen tatkräftigen Zentralvcrband sämtlicher deutschen 
Sprachgebiete gründen. Äuskiinfte und diesbezügliche Drucksachen 
verlange man durch die „Moderne Musik", Fachblatt für 
Mandoline, Gitarre, Laute, Zürich. 
Ausknnfts- und Fürsorgestclle (Kaiserallee 66), 
für Tuberkulöse: Aerztliche Sprechstunden für Männer jeden Dienstag 
von 12—1, für Frauen und Kinder jeden Mittwoch von 12—1 Uhr, 
für Alkoholkranke: Aerztl. Sprechstunde jeden Freitag von 12—1 Uhr. 
Die bunte Modle 
Plauderei für den „Friedenaucr Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 29. August 1913. 
Gebräunte Berliner. — Die juryfreicn Knnstoffcnbariingcn. — 
Geknetete Oelbilder. — Schwere Zeile». — 420 verpfändete Autos. 
Mit der vierten Geschwindigkeit. — Ter Nndjlug um Berlin. — 
Der kapitalkräftige Unternehmer. 
Berlin, die Stadt der Merkwürdigkeiten, der schießenden Haus 
besitzer und der englisch sprechenden Droschkenkutscher hat Iviederum 
eine Neuheit auszuweisen, die allerdings dieses Mal auf ethno 
graphischem Gebiet liegt. 
Bisher war Berlin im allgemeinen von Germanen bevölkert, 
die blondes Haar, eine helle Gesichtsfarbe, sowie die sonstigen 
Unterscheidungsmerkmale aufweisen, die wir in der Klippschule ge 
lernt haben. 
Diese Rasse zeigt jetzt aber eine große Anzahl von Verschieden 
heiten, die dem Fremden ausfallen. Zwar sind Kleidung, Gang 
und Lebensweise noch genau so, wie vorher, nur die Hautfarbe 
hat sich verändert: An Stelle des Weiß ist ein tiefes Braun ge 
treten. Das hat nun keinesivegs seinen Grund in der berühmten 
Hitzwelle, auf die wir seit zwei Monaten ivarten und die noch 
immer nicht da ist. Auch sind all diese gebräunten Menschen kcines- 
tvcgs in der Sommerfrische gewesen! 
Es ist nur ein neuer Berliner Bluff! Eine Erscheinung, die 
eben nur in Berlin das Licht der schlechten Welt erblicken kann. 
Verschiedene Fabrikanten, die die Zeichen der Zeit weise zu 
deuten verstehen, haben ein Mittel auf den Markt gebracht, durch 
das man sich die Haut braun färben kann. In sinniger Andeutung 
an diese Wirkung haben sie daL Mittel auch „Braunvlin", 
„Brauncrol" und „Bräuncral" genannt, wobei man allerdings den 
Wunsch hegen könnte, daß die, die cs anwenden, an Bräune er 
heblich zu leiden haben sollten! 
Um nun guten Bekannten im Ncbenhanse vorzutäuschen, man 
sei in der Sommerfrische gewesen, oder man habe an der Sec den 
alten Adam ausgezogen, bespritzen diese Menschen das Sünder 
antlitz mit den genannten Mitteln und alle Welt sieht mit Staunen 
ans diese Farbe, die zivischen dem Braun verschiedener Indianer- 
stämme und der Gesichtsfarbe der Bantu-Neger liegt. 
Aber die Welt ivill betrogen werden. 
Vor allein werden diese Mittel in der Kriminalität der Zukunft 
eine große Rolle spielen. Hat irgend ein Sünder „ein paar Wochen 
weggemacht", oder hat er im Namen des Königs seinen mehr 
monatigen Urlaub hinter hohen Mauern und engen Gittern ver 
lebt, so ist das erste, daß er sich nach erhaltener Freiheit eine Flasche 
„Bräuncral" kauft. Alsdann ivird er mit müdem Augenausschlag 
seinen Freunden verkünden, daß er von der Riviera kommt und 
daß er sich freut, dem Trubel und dem fürchterlichen Betrieb da 
unten entronnen zu sein. 
Die Welt ivill betrugen werden und nirgends wird ihr dieser 
Wunsch wohl so nndanernd und stark erfüllt, wie bei uns an der 
Spree, die geduldig ihre bescheidenen Wellen durch die Riesenstadt 
wälzt und sich dann träge in die prachtvollen Schönheiten der 
Havellandschaften verläuft. 
Das ist vielleicht aber doch zu viel gesagt. Nicht jeder sieht 
diese stillen, etivas schivermütigen Landschaften der Mark so, ivie 
ich sie sehe. Alan braucht nur in die jnryfreie Kunstschan zu 
gehen, die sich jetzt in den Rätimen der sanft entschlafenen Sezession 
breit macht, um das zu erkennen. 
Weint im Norden und im Osten Berlins die Menschen Schlechtes 
tun und Böses wollen, greifen sie zu Messer und Revolver. Wenn 
im Westen Berlins die Menschen sündigen, greifen sie zum Pinsel 
und malen Gemälde sür die juryfreie Kunstschau. Gewiß sieht man 
auch viel Gutes, Starkes und Reifes unter den dieses Mal sehr 
gut gehängten Bildern. Aber bei vielen Arbeiten muß man sich 
doch wirklich fragen, ob nicht ein gut Teil Borniertheit und Keck 
heit dazu gehören, der guten Mitwelt Derartiges zu bieten. 
Man kann in diescin Jahr eine neue „Schule" entdecken, die 
fern dem KubisniuS und sämtlichen andern Jsmnssen einsame Wege 
geht und eine Verbindung zivischen Malerei und Plastik herstellt. 
Es ist dies ein Verfahren, bei dem die Farbe etwa zwei Zenti 
meter (das ist nicht übertrieben!) aufgetragen wird. Man fragt 
sich bei diesen Oelrcliess, weshalb der Künstler nicht gleich Plastiken 
aus Oclfarbe herstellt. Auf diese Weise kommt er der Klingerschen 
Kunst, tnehrfarbigen Marmor zu verwenden, sehr nahe. Nur daß 
sich Oclfarbe erheblich leichter kneten und bearbciien läßt, als der 
doch immerhin etwas spröde ulid edlere Marmor, 
j- ■ Aber auch diese Bilder finden ihre Käufer, wie aus den kleinen 
erfreulichen Schildern deutlich hervorgeht. Vor allem sind es die 
Kreise des Kurfiirstendamms, die nur zu gern ein Bild in 
den Protzen-Salon hängen, das rätselhaft Sujet und Vorwurf ver 
schleiert. Man wiegt sich dann gleich in dem Mäzcnatentraum, 
verkannte Talente zu fördern. 
Eines dieser-Talente, ein mir bekannter Maler, der außer seiner 
Verrücktheit ein ganz leidlich vernünftiger Mensch ist, hat in seinem 
Atelier eine große, weiße Wand. Milten in dieser Waitd ist ein 
blauer Kreis. Dieser Kreis ist, wie er allen Besuchern erzählt, der 
„Begriff der Unendlichkeit" .... Aber auch seine Bilder werden 
gekauft, obwohl er die Ostsee rot, daS Korn auf dem Felde violett 
und den Himmel über Castellamare giftgrün malt. 
Es wird schwer zu sagen sein, wer die Schuld trägt an diesen 
Knlturwunderlichkeiten. Der Volkswirt wird sie vielleicht dem 
Konsumentin geben. Jenen Kreisen, die ich eben genannt habe 
und denen aber auch mildernde Umstände zuzubilligen sind. Man 
weiß, was alles faul bei ihnen ist. Wenn auch ihre Autos über 
den spiegelnden Asphalt fahren, — ihre Herzen sind gehetzt und sie 
haben keine Ruhe. 
Schwere Zeitendrückcn alles nieder und wenn erst der Oktober 
kommt, wird es noch schlimmer werden. Mehr Häuser und Stuck- 
paläste werden ihr Schicksal durch eine gelinde Zwangsver 
steigerung erfahren, als je vorher. 
Im letzten halben Jahr sind in Berlin durch Pfändung und 
Zwangsversteigerung nicht weniger, als 420 Automobile in 
andere Hände übergegangen. 
Auch ein Zeichen der Zeit! 
Es ist kaum glaublich, durch welche Schiebungen und Machen 
schaften die mittellosesten Leute in Berlin sich ein Automobil ver 
schaffen. Wenn auch der Genuß nur kurz ist, wenn das Benzin 
auch ans Kredit genommen werden muß und wenn der Chauffeur 
auch meistens vor dem Gewerbegericht seinen rückständigen Lohn 
einklagen muß, und wenn der „Käufer" auch die ehrlichste Absicht 
hat, den Betrag für das Auto ratenweise schuldig zu bleiben: der 
Grvßstadttranm ist doch einmal geträumt worden! Der elegante 
Wagen hat doch ein paar Mal vor dem Hause gehalten und, be 
gleitet von den neidischen Blicken der Nachbarn, hat der Glückliche 
sich lässig in den weichen Polstern niedergelassen. 
lind das Töchterchen, das dabei sitzt, denkt mit dem Fatalismus 
des neoberlinischen Backfisches: 
Wie eilen die Tage doch anders hin, 
seit Vater ein Auto besitzt, 
das täglich, mit gepumptem Benzin 
über den Asphalt flitzt! 
Ich denke mit Widerwillen zurück 
an die autolose Zeit. 
Jetzt geht es, wie ein Traum vom Glück, 
mit der vierten Geschwindigkeit! 
Wohl ist bei uns das Geld recht knapp, 
Doch täglich geht es hinaus. 
Die Gläubiger laufen die Sohlen sich ab; 
Doch wir — sind nie zu Haus. 
Ja, selbst der Schlachter kriegt kein Geld 
schon seit geraumer Zeit. 
Was schadet's! Wir hetzen durch die Welt 
mit der vierten Geschwindigkeit! 
Zu Haus, wo alles prunkt und prahlt, 
ist uns der Boden zu heiß. 
Auch sind die Steuern noch nicht gezahlt, 
wie ich von Mutter weiß. 
Ach was! Nur immer drauf los karriolt! 
Wir nützen so lange die Zeit, 
bis uns zuletzt der Teufel holt 
mit der vierten Geschwindigkeit! 
Ilebcrhanpt hat dieseGcschivindigkeitsbezcichnnngetwas Typisches 
und einen tieferen Sinn für Berlin. Hier wird gebaut, verhandelt, 
geschwindelt, gefahren, abgerissen, erneuert, gegründet und gelogen 
und alles mit der vierten Geschwindigkeit. Selbst unsere ratternden 
Autoamnibiisse erhalten jetzt eine schnellere Konkurrenz durch riesen 
hafte elektrische Wagen. Die neuen Autobusse haben neben der 
größeren Geschwindigkeit den Vorzug, daß sie nicht so erheblich 
riechen. Wer einmal in einem öl- und benzindnftenden Berliner 
Antooinnibus gesessen hat, wird diese Fahrt so leicht nicht vergesse». 
Ebensowenig, wie man eine Seefahrt vergißt, ans der man tagelang 
seekrank war. Ob aber die neuen Wagen Glück haben werden? 
Es ist eigentümlich, daß die elektrischen Autodroschken in Berlin 
nicht beliebt sind. Es mag zum Teil an der etwas plumpen 
äußeren Form liegen. Jedenfalls spielen diese elfenbeinfarbenen 
Wagen im Berliner Straßenverkehr oft die Rolle des Mauerblümchens. 
Dabei ist ihr Lauf geräuschlos und ohne jede Erschütterung. Der 
Motor ist weder zu hören, noch zu fühlen, noch zu riechen »nd 
man hat bei einer Fahrt das Gefühl, das man in Träumen hat: 
das sachte Dahinwiegen, wunschlos und schnell. Nur manchmal 
rennt einem ein anderer Wagen dann in die Seite, was sich i»i 
Traum dadurch äußert, daß man die Treppe hinuntcrzukugcln ver 
meint, wobei man dann meistens aufwacht und die schreckhafte 
Gelegenheit wahrnimmt, nach der Uhr zu sehen. 
Jedenfalls machen die Flieger in den Lüften mehr Lärm, als 
ein elektrischer Wagen auf der Erde. Ein einziger Motor in der 
Höhe von hunderten von Metern ist deutlich wahrnehmbar, lind 
so werden wir jetzt, bei dem Rundflug von dreißig Fliegern 
um Berlin, nicht nur ein sehr erhebendes, sondern auch ein sehr 
lautes Schauspiel haben. 
Aber die Berliner sind nun einmal für das Laute. 
Daher wird jetzt auch so laut verkündet, daß der schon zwei 
Mat saust entschlafene riesige Sportpalast an der Potsdamer- 
straße endlich zu endgiltigein Leben wiedercrwachcn soll. Ein 
kapitalkräftiger (das wud sehr betont!) Unternehmer will zum 
Oktober einen „Lunapark des Winters" ans ihni machen. 
Eine große Blesse geschminkter Mädchen also, an denen doch gerade 
in jener Gegend kein besonderer Mangel ist. Aber auch" diese 
Briesterinnen werden den Tempel nicht schützen vor dem Verfall. 
Der Sportpalast ist und bleibt eine verfehlte Spekulation wegen 
seiner unaünstigcn Lage. Und aus diesem Grunde wird der kapital 
kräftige Unternehmer Kapital und Kraft verlieren. Vorausgesetzt, 
daß er beides hat und daß sich nicht beides, wie meistens in Berlin, 
in großen Geschäftsbüchern befindet, die nach der Pleite, trotz heißen 
Bemühens der Staatsanwaltschaft, manchmal nicht mehr aufzu 
finden sind. Heinrich Binder. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Vcrantivortung.) 
Ter Artikel vom 22. 8. 13 mit der Uebcrschrift: „Wehe, wenn 
sic losgelassen", hat meine und vieler anderer Menschen große 
Freude und Genugtuung erregt. Ist doch schon so viel über die 
entsetzliche Hnndeplage geschrieben worden, so viel, daß man glaubt, 
cs müsse endlich einmal anders werden. Aber es wird nicht besser, 
nein immer schlimmer. Da ist es denn ein wahres Glück, wenn 
Jemand, wie der betreffende Herr, endlich einmal die Zustände, die 
hier in Friedenau herrschen, richtig schildert. Alles, was in dem 
Artikel angeführt wird, stimmt nicht nur, es wird leider noch zu 
milde beschrieben. Die Schmutzerei auf den Straßen spottet jeder 
Beschreibung. Nicht nur, daß kein einziger Ladeneingang sauber 
bleibt, kein einziges Borgartengittcr vor dieser Schmutzerei sicher 
ist, man tritt bei jedeni Schritt in diese unglaubliche Verun 
reinigung, man trägt an den Kleidern an den Stiefeln den 
Schinutz ins Haus, Nun aber die Hauptsache, die der Herr Ein 
sender des Artikels vom 22. 8. vergessen hat, zu bemerken. Hat 
denn kein Mensch ein Auge dafür, daß, trotz der größten Mühe, 
die unsere Gemeindeverivaltniig sich gibt, die Straßen sauber zu 
halten, tausende von Fliegen stundenlang ans diesen Schmutzhanfen 
sich aufhalten und dann in die geöffneten Fenster fliegen, sich auf's 
Essen setzen nsio.? Ich habe leider noch nicht gehört, daß von 
Seiten der Herren Aerzte ans diese, direkt gesundheitsschädliche, 
ernste Seite der Hundeplage aufmerksam gemacht und dringend 
strengste Maßregeln gegen sic gefordert worden wären. Strengste 
Maßregeln! Verweisung der Hunde von den Bürgersteigen. Tiere 
gehören ans den Straßendaimn und nicht aus den Bürgersteig. 
Mit demselben Recht könnten ja, wenn die Mode wechseln sollte, 
und eine Mode ist cs, nichts weiter, xbeliebige Haustiere den 
Bürgersteig okkupieren. Warum gerade die Hunde, die alles be 
schnüffeln,' alles beschmutzen, einzig und allein das Recht haben 
sollen, den Menschen von dem für ihn bestimmten Platz auf der 
Straße zu verdrängen, ist eigentlich schwer einzusehen. Tatsächlich 
beherrschen sie die Straße. Ja, die Anlagen, deren Betreten den 
Aienschen mit Recht bei strenger Strafe verboten ist, dienen ihnen 
zur Belustigung! Man sehe nur, wenn, wie so oft sich die großen 
Tiere auf dem Rasen umherwülzen, und rücksichtslos denselben auf 
scharren, die menschlichen Begleiter dieser Vandalen, anstatt dem 
Unfug zu steuern, schmunzelnd beiseite stehen und den Reklamationen 
der empörten Dritten, die ja auch Steuer - bezahlen, ganz frech 
antworten; wozu bezahlen wir denn unsere Hundesteuer! Möge sich 
Jeder Haustiere halten, auch Hunde, aber in seiner Wohnung, auf 
seinem Hofe und möge er dann dafür sorgen, daß deren Unrat 
auf seine Kosten fortgeschafft werde. Es ist nicht die Aufgabe des
        
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