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Periodical volume Nr. 202, 28.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

mann, in Berlin gehörig. Fläche 7,30 Ar. Nutzungswert 
8000 M. Mit dem Gebot von 95 100 M. bar blieben 
der Privatmann Ferdinand Seehauscn in Berlin, Möckern 
straße 70 und die Frau Rechnungsrat Emma Hellmund, 
geb. Seehausen, in Berlin, Kreuzbergstr. 50, zu gleichen 
Rechten und Anteilen Meistbietende. — Kaiserallee 133, 
Ecke Kundrystr. 1 in Gemarkung Berlin-Friedenau, dem 
Architekten Robert Grätz in Berlin-Pankow, Berlinerstr. 104, 
gehörig. Fläche 12,25 Ar. Nutznngswert 21 380 M. Mit 
dem Gebot von 23 200 M. bar und Uebernahme von 
27^000 Rt. Hypotheken blieben die Erben des Majorats 
herrn Hugo Chalto Grafen Douglas, Meistbietende. 
o „Mit dem Imperator nach Amerika" lautet das 
Thema, welches Dr. Oskar Bongard an einem der nächsten 
Bvrtrags-Abcnde des „Vereins von Freunden der Trcptoiv- 
Stcrnivarte" behandeln wird. Dies ist der derselbe Vortrag, 
der vor dem Kronprinzen in Langfuhr gehalten worden ist. 
Außer dem spricht Dozent Jens Lützen über: „Kunst- und 
Farbenphvtvgraphie". — Dir. Dr. F. S. Archenhold wird 
das Ncreinsjahr mit einem Vortrag über die „Naturwissen 
schaftliche Abteilung der Versammlung deutscher Natur 
forscher und Aerzte in Wien" beginnen. — Ter „Verein 
von Freunden der Treptow-Sternwarte" zählt jetzt etwa 
400 Mitglieder. Gegen den mäßigen Beitrag von 3 M. 
vierteljährlich bietet der Verein seinen Mitgliedern 1. die 
von Dir. Dr. F. S. Archenhold herausgegebene illustrierte 
Halbmonatsschrift „Das Weltall", welche die hervorragendsten 
Gelehrten zu ihren Mitarbeitern zählt, außerdem 2 mal tut 
Monat einen Vortrag mit Lichtbildern oder Filmen, 
Freie Beobachtungen mit dem großen Fernrohr und ge 
stattet noch den Familienangehörigen der Mitglieder allen 
Veranstaltungen der Sternivarte zu halben Kassenpreisen bei- 
zuwohncn. 
o Die wissenschaftliche.Kinematographie wird jetzt 
gepflegt in den Vorträgen der Treptow-Sternmarte; es 
finden folgende Vorführungen mit erstklassigen Vorträgen 
statt: Am Sonnabend, ...tem 30. August, Abends 7 Uhr: 
„Christoph Columbus", Abends 0 Uhr: „Interessante 
Bilder ans Italien"; am Sonntag, dem 31. August, 
Nachm. 5 Uhr: „Christoph Columbus", Abends 7 Uhr: 
„Scotts Reise zunr Südpol und ein Blick ins Weltall"; 
am Montag, dem 1. September, Abends 7 Uhr: „Christoph 
Columbus"; am Dienstag, dem 2. September, Abends 
0 Uhr: „Aus fernen Landen". Mit dem großen Fernrohr 
wird der Jupiter bcobacbtet, außerdem stehen den Besuchern 
noch kleinere Fernrohre zur freien Verfügung, mit denen 
beliebige Objekte selbst eingestellt werden können. 
o Rach der Verlobung Selbstmord begangen. Tie 
am Tiergarten-Ufer aus der Spree gelandete Leiche, über 
deren Auffindung wir berichteten, ist jetzt als die des 
24 Jahre alten Dienstmädchens Martha Ouandt aus Schöne 
berg festgestellt worden. Dieses hat tatsächlich gleich nach 
der Verlobung Selbstmord begangen, nachdem es erfahren 
halte, daß sein Bräutigain ein verheirateter Familienvater 
war, der die Zeit seiner Strohwitwerschaft zur Anknüpfung 
des Verhältnisses benutzt hatte. 
v Von einem Radfahrer umgestoßen wurde in der 
Schlvßstraße der 7 jährige Helmut Huhn aus der Rheinstr. 44 
als er mit einem Brot im Arm über die Straße ging. Der 
Radfahrer, der ebenfalls gestürzt war, wollte sich schleunigst 
wieder entfernen, wurde aber von einem Herrn festgehalten. 
Da sich aber ergab, daß der Knabe unverletzt davon 
gekommen war, konnte der Radfahrer seinen Weg fortsetzen. 
v Schaufensterdiebstahl. In der vergangenen Nacht 
ivnrde von Dieben eine nach dein Hauseingang zu gelegene 
Scheibe des Schaufensters der Firma Wasservogel, Rhein- 
straße 4, eingedrückt. Durch die erhaltene Oeffnung ent- 
ivcndcten die Spitzbuben einige Blusen und entkamen. 
Plan hat von ihnen keine Spur. 
v Radfahrernnfall. An der Ecke der Hedwig- und 
Rheinstraße stürzte vorgestern Abend ein Radfahrer so schwer, 
daß er besinnungslos liegen blieb. Mau schaffte ihn nach 
der Schvnebcrgcr Rettungswache und später in seine Wohnung. 
o Die Jagd nach einem Dieb. Gestern Vormittag 
zwischen 10 und 11 Uhr drang ein Dieb in die Gesellen 
stube der Bäckerei und Konditorei von Jul. Wanke, Rhein 
straße 50, während die Gesellen schliefen. Er stahl eine 
llhr, als einer der Gesellen erwachte und ihn zur Rede 
stellte. Der Fremde erklärte, daß er sich verlaufen hätte 
und bat um Entschuldigung. Man ließ ihn auch gehen. 
Nachträglich aber wurden die Gesellen doch bedenklich, ins 
besondere, als man sah, daß der Fremde auf eine in voller 
Fahrt befindliche Elektrische sprang. Der Hausdiener der 
betr. Bäckerei nahm daraufhin in einem Automobil die Ver 
folgung auf und erreichte den Dieb am Kaiserplatz. Er 
veranlaßte hier dessen Festnahme. Die gestohlene Uhr 
wurde dann auch bei dem Spitzbuben vorgefunden. 
o Als Krankenschwester verkleidet tritt zurzeit in 
den westlichen Vororten Berlins eine Warenschmindlerin auf. 
In der Tracht einer Krankenschwester „kaufte" sie zwei ver 
silberte Bavaria-Weckeruhren im Werte von 40 M. bei 
einem Uhrmacher in Schöneberg. Der Geschäftsmann ließ 
sie ohne Bezahlung fortgehen, weil die Käuferin angab, daß 
sie in einer Privatklinik in der Nähe angestellt sei, und 
diese den Kaufpreis entrichten werde. Da sie mehrere Aerzte 
nannte, die tatsächlich in der bezeichneten Klinik tätig sind, 
schöpfte der Uhrmacher auch keinen Verdacht. Später ergab 
sich jedoch, daß er einer geriebenen Schwindlerin ins Garn 
gegangen war. Die „Krankenschwester" ist ungefähr 
30 Jahre alt und mittelgroß, hat volles, blondes Haar, ein 
frisches, gesundes Gesicht, etwas hervortretende Augen und 
eine breite, dicke Nase und trug eine schwarze Haube mit 
weißer Einfassung und einen schwarzen Mantel. 
VereinsDackrickten 
Freiwillige Sanitätskolonne -vom Roten Kreuz, Friedenau. 
Die nächste Älonatsvcrsammluug findet stall am Sonnabend, dem 
80. August d. Js., Abends 9 Uhr, im Restaurant „Hohcnzollern". 
Wegen Aufstellung des Wintcrplanes und Besprechung des 
Stiftungsfestes ist das Erscheinen aller Kameraden dringend 
erforderlich. 
Der Fachvercin der selbständigen Putzmacherinnen von Groß- 
Berlin hat am Montag, dem 1. September, im Cafö Austria, 
Pvtsdamerstr. 28, eine geschlossene Mitgliederversammlung und 
wird in derselben über die Aufnahme männlicher Mitglieder ab 
gestimmt werden. Das reiche Programm enthält u. a. einen 
Bericht über die erste, am Sonntag, dem 17. d. M., stattgefundene 
Meisterinncnprüfnng im Putzgewerbe in Groß-Berlin, außerdem 
einen Bortrag über echte, Pelze und .Pclzimitalionen, sowie ein 
Referat über die bevorstehenden Gchilfinnenprüfungen. Alle 
selbständigen Putzmacherinnen und Direktricen haben Zutritt, falls 
sie am Saaleingang eine Mitgliedskarte lösen. Ter Jahresbeitrag 
ist 4 Mark. 
patentfchau 
mitgeteilt vom Patentbüro Johannes Koch, Berlin NO. 18, Große 
Franksurterstr. 59. Abschriften billigst. Auskünfte kostenlos. 
Emil Arndt, Berlin-Friedenau, Rubensstr. 45: Rädchcnfcuer- 
zcug mit »eben dem eigentlichen Reibradc 'angeordneten im Durch 
messer größeren Kordelrädchen mit darüber montierter Kappe. (GM.) 
Agnes von Wolfersdorfs, geb. Bcthge, Berlin - Friedenau, 
Rctzdorffprvmcnade 1: Dvppelhaarweller. (GM.) 
Margarete Spellersdorf, geb. Bicrmann. Berlin-Friedenau, 
Niedstr. 22: Borrichtung zur Entfernung von Gesichtsfalten. (GM.) 
Georg Cohn, gen. Eoloni, Berlin-Friedenau, Kirchstr. 22: 
Rocktaschenvcrschluß gegen Taschendiebe. (GM.) 
Franz Wilh. Wimmer, Berlin-Friedenau, Bismarckstr. 6: Ver 
fahren zur Herstellung von Projcktionsflächen. (Ert. Pat.) 
Emil Prüß, Berlin-Friedenau, Kaiserallcc 137: Verfahren zur 
Herstellung von gestelzten Steinciscndecken zwischen I-Trägern. 
(Ert. Pat.) 
Derselbe: Dachgcwölbc mit eisernen Gewölberippen und Holz- 
schalung. (GM) ' 
Optische Anstalt E. P. Goerz, A.-G., Berlin-Friedenau: Doppel- 
fernrohr insbesondere Entfernungsmesser mit großem Objektiv 
abstand. (Angcm. Pat.) > 
Schömberg 
— o Zwaiigsversteigernngsergebnisse. Belziger Straße 
Nr. 40/47, Belziger. Straße, Ecke Schloßstraße, dem Milch 
pächter Johannes Lulay im selben Hmise und der verwitm. 
Frau Ernestine Lietz geb. Henning in Berlin, Jägerstr. 4, 
gehörig. Fläche 11.50 Ar. Nutznngswert 23 000 M. Mit 
dem Gebot von 450 000 M. bar blieb der Kaufmann 
Hermann Wendt in Berlin. Belle-Alliancestr. 40u, Meist 
bietender. — Schloßstraße in Berlin-Schöneberg, dem Milch- 
pächter Johannes Lulay im selben Hause und der vcrioitw. 
Frau Ernestine Lietz, geb. Henning in Berlin, Jägerstr. 4, 
gehörig. Fläche 20,75 Ar. Nutzungswert 21 000 M. Mit 
dem Gebot von 308 000 M. bar blieben der Subdirektvr 
Mar Schreck in Berlin-Schvneberg, Apostcl-Paulltsstr. 4, 
und der Gastwirt Augnst Bories in Charlvttenburg, Kaiser 
damm 49, zu gleichen Rechten und Anteilen Meistbietende. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Die in Friedenau so notwendig gewordene Kabelvcrstärknng 
findet nun endlich statt. Seit Jahr und Tag funktionierte das 
elektrische Licht sin unserem Orte sehr unregelmäßig, eine Folge der 
llcberaustrengung der zu schwachen Leitungen. Die Verlegung der 
neuen Kabel kann natürlich nicht ohne kleine Störungen für die 
Geschäfte in der Rhcinstratze geschehen; doch dauert daö glückllchcr- 
wcise mit kurze Zeit. Unser Licht ist immer noch das billigste >n 
ganz Groß-Berlin, war aber auch durch die vielen neuen An 
schlüsse an die zu schwachen Kabel zi»n schlechtesten geworden 
Hoffeiitlich kann man annehmen, daß es jetzt besser wird. 0. N. 
Die nationale und politische Bedeutung des Rückganges der 
Bevölkerung. 
Die Frage nach dem Geburtenrückgang ist bisher fast aus 
schließlich unter medizinischen, sozialen und politischen Gesichts 
punkten erörtert worden. Es darf unter solchen Umständen begrüßt 
werden, daß auch ein hervorragender Ethiker, wie Geheimrat 
Dr. R. Eceberg, Professor an der Universität Berlin, sein in der 
Kirchlich-sozialen Konferenz.erstattetes Referat in sehr erweiterter 
Gestalt einen, größeren Leserkreis zugänglich gemacht hat und ein 
Buch darüber zur Veröffentlichung bringt (A. Deichert'sche Verlags 
buchhandlung, 1,80 M.) Das ganze statistische Material ist hierbei 
übersichtlich zusammengestellt. Der Ernst der Situation wird mit 
zwiügenden Gründen aufgedeckt, vor allem aber werden in den 
ethischen Strömungen der Gegenwart zumal im Leben der Groß 
städte die Ursachen der ganzen Kalamität großzügig dargestellt. 
Dies ist also die Lage, in der wir uns zur Zeit befinden. Noch 
haben wir einen erheblichen Ucbcrschnß der Geburtenziffer über die 
SterblichkeitSziffcr, d. hi ivir haben eine andauernde und recht 
erhebliche Vermehrung unseres Volkes. Aber dem steht entgegen, 
daß seit länger als einem Menschcnalter die Zahl der Geburten bei 
uns regelmäßig fällt. Es ist nicht lange her, daß man Deutschland 
die „Kleinkinderstube für die ganze Welt" genannt hat. Das 
scheint sich jetzt ändern zu sollen. Es liegt in unserem Volk eine 
Tendenz der Eirtwicklung vor, die uns in absehbarer Zeit mit den 
traurigen Zuständen bedroht, die in Frankreich das bittere Herze 
leid aller Patrioten ausmachen und mit allerhand Mitteln, freilich 
bisher erfolglos, bekämpft werden. Es droht uns eine Lage, da 
wir als Volk nicht mehr fortschreiten, sondern zurückgehe». Aber 
jedes Bolk, über das dieses Geschick hereinbricht, ist schließlich hin 
sichtlich seiner politischen Stellung in der Welt zum Verfall ver 
urteilt oder es ist genötigt, in immer größerem Umfang fremdes 
Blut in sich aufzunehmen. Ter große französische National 
ökonom Leroy-Bcaulieu glaubt voraussagen zw können, daß binnen 
6—8 Generationen die rein französische ^Bevölkerung aukgchört 
haben wird zu existieren und daß an ihre Stelle ein Gemisch von 
vlämischcn Belgiern, Deutschen, Spaniern, Italienern und Polen 
getreten sein wird. Auch wir in Deutschland werden uns dann 
allmählich auf ein ähnliches Konglomerat aus fremden Völker 
schaften, wie vor allem Slawen und wohl auch östlichen Juden, 
gefaßt machen müssen. Wird aber hierdurch der Fortbestand 
unserer gesunden Eigenart bedroht, so drängt der Rückgang ohne 
entsprechenden Ersatz das Volk mit zwingender Notwendigkeit aus 
seiner Stellung als Weltmacht ersten Ranges hinaus. Das Be 
denkliche dieser Lage steigert sich noch, wenn man erwägt, daß 
unsere östlichen Nachbarn sich, trotz großer Kriege, innere Unruhen 
und materialistischer Propaganda, im ganzen hinsichtlich der Volks 
vermehrung auf der Höhe halten, die sie seit einem Menschcnalter 
einnehmen. Ich brauche nicht auszuführen, was für Folgen sich 
aus diesen Tatsachen für die Geschichte unseres Volkes ergeben 
können. Es liegt auf der Hand, wenn anders nicht eine starke 
Bewegung zurück auch bei uns einsetzt. Aber wer, der die Stetigkeit 
des Niederganges beobachtet, wird dies mit Zuversicht zu behaupten 
wagen? U..0. 
Gerichtliches 
(;) Die Verunreinigung der Bürgersteige durch Hunde kann 
für die betreffenden Hundeüesitzer teuer zu stehen kommen. Das 
Kammergericht hat hierüber eine beachtenswerte Entscheidung 
getroffen. Eine Straßenpolizeiverordnung für Berlin enthält eine 
Vorschrift, ivelche in vielen Städten gilt und allgemein vorschreibt, 
daß die öffentlichen Straßen nicht verunreinigt iverden dürfen. 
Ein Kaufmann P. ging eines Tages mit seinen» Pudel, den er an 
der Leine führte, durch die Neanderstraße in Berlin. Plötzlich kam 
der Pudel auf den Gedanken, seine Visitenkarte auf den Bürgersteig 
zu legen. Als ein Schutzinaim P. »vegen dieser Verunreinigung 
des Bürgersteiges zur Rede stellte, vertrat P. den Standpunkt, 
der Pudel brauche sich keinen Zwang anzutun, da für ihn Steuern 
gezahlt ivürden. Auf die erstattete Anzeige verurteilte die 
Strafkammer P. auf Grund der erwähnten. Vorschrift wegeit 
der Verunreinigung des Bürgersteiges durch den Hund zu 
einer Geldstrafe von 10 Mark, erachtete die in Frage koinrnende 
Vorschrift für gültig und nahin au, daß der Kaufinann P. den Hund 
niit Hilfe der Leine hätte veranlassen sollen, seine Visitenkarte auf 
den Fahrdamm zu legen. Diese Entscheidung focht B. durch 
Revision beiin Kaminergericht an, und beantragte seine Frei 
sprechung, da die Polizeiverordnung zu allgemein gehalten sei, sich 
auch auf den Fahrdamm beziehe und mithin ungültig sei. Das 
Kaminergericht ivies jedoch die Revision als unbegründet zurück 
und führte u. a. ans, die in Rede stehende Polizeiverordnung finde 
ihre Grundlage in § Gh des Polizeiverwaltungsgesetzes vom 11. 
März 1850, welcher noch über ß 10 II. 17 des Allgemeinen Land 
rechts hinausgehe und es der Polizei zur Pflicht mache, für 
Ordnung, Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs auf öffentlichen 
Straßen, Wegen und Plätzen zu sorgen. Die Polizeiverordnung 
gilt allerdings für die ganze Straße, d. h. sowohl für den Bürger 
steig als auch für den Straßendamm. Doch sei es nicht rechtsirrig, 
wenn die Strafkammer an die Reinlichkeit des Bürgersteiges größere 
Anforderungen stelle als an die Reinlichkeit des Fahrdammes, 
ivelcher für Pferde und andere Tiere bestimmt sei. 
Kindermund. 
Skizze von Nanny Steinmann. 
Kurt Benuigsen hat mit lauter Stimme das dritte 
Gebot aufgesagt. 
ihrer Seele unter einer Last von albernen Schicklichkeits- 
begrisfen zu ersticken versucht. Aber ihr habt ihre natür 
liche Entwicklung dadurch nicht hindern können. Sie ist 
innerlich viel reifer, als eure Kurzsichtigkeit wähnen mag.' 
Ich weiß, daß sie mich liebt, und ich weiß auch, daß sie 
nicht von mir lassen wird, allen Verboten zum Trotz." 
„Darauf wollen wir es getrost ankommen lassen. Und 
wir wollen das Thema damit als abgetan ansehen. So-, 
lange ich noch Herr in meinem Hause bin, wirst du ihr 
unter seinem Dache nicht mehr begegnen. Und jeder Ver-: 
such, den Verkehr mit ihr auf andere Weise fortzusetzen, 
würde uns veranlassen, sofort alle Beziehungen zu dir 
abzubrechen. Du hast wohl dis Güte, dich danach zu 
richlen." 
„Ich werde handeln, wie ich es vor meinem Gewissen 
verantworten kann — in diesem wie in allem anderen. — 
Was du mir über die Bedingungen sagtest, an die deine 
Hilfsbereitschaft geknüpft sei — ich habe es als dein letztes 
Wort anzusehen?" 
„Ich bin nicht in der Lage, dir andere Vorschläge zu 
machen oder mich auf eine Erörterung anderer Vorschläge 
einzulajjen. — Aber ich zwinge dich nicht, dich auf der 
Stelle zu entscheiden. Ja, ich mächte dir sogar empfehlen, 
dich mit Helga zu besprechen und auf ihren Rat zu hören, 
statt dich etwa von der Gereiztheit des Augenblicks zu einem 
vielleicht übereilten Entschluß drängen zu lassen. Ich habe 
jetzt eine wichtige Konferenz, aber ich werde nach Verlauf 
von längstens anderthalb Stunden draußen in der 
Villa sein. Dann erst wünsche ich deine Antwort zu 
hören." 
Unschlüssig, mit zusammengepreßten Lippen, stand 
Henry noch ein paar Sekunden lang. Dann raffte er 
sich aus. 
„Darf ich dich um die Rückgabe meiner Ausstellungen 
ersuchen, Cäsar?" 
Der Konsul reichte ihm die auf der Schreibtischplatte 
liegenden Blätter. . 
„Bitte! .—- Es wäre mir erwünscht gewesen, wenn ich 
sie zu nochmaliger Durchsicht hätte dabehalten können. Aber 
du hast selbstverständlich darüber zu verfügen." 
„Es konnte fein, daß ich ihrer an anderer Stelle be 
darf," erwiderte Henry kühl, indem er die Skripturen wieder 
in seiner Brusttasche barg. „Adieu, Cäsärl — Und, für 
den Fall, daß ich dich vor meiner Abreise doch nicht mehr 
sehen sollte. Dank für den guten Willen!" 
„Ich erhebe keinen Anfpruch auf Dank. — Du wirst 
dich mit Helga besprechen?" 
Ich habe zugesagt, sie von dem Ergebnis unserer 
Unterredung in Kenntnis zu setzen. Und mein Versprechen 
niuß ich wohl halten." 
„Gewiß! — Auf Wiedersehen also am Nachmittag!" 
Henry Frederiksen antwortete nur mit einem Achsel 
zucken, und ohne Händedruck gingen sie auseinander. 
5. Kapitel. 
Als der Konsul anderthalb Stunden später die Treppe 
zum ersten Stockwerk der Villa Frederiksen emporstieg, härte 
er oben das Oeffnen einer Tür und das Geräusch eines 
über die Stieg-e tzerabkommenden leichten Schrittes. Der 
Klang dieses Schrittes mußte ihm bekannt sein; denn er 
blieb wartend stehen. Und es war nichts Hartes und 
Strenges mehr in feinen Zügen, als er nun in das schone, 
ruhige Gesicht seiner Cousine Helga blickte. 
„Vergib, daß ich dich gleichsam hier auf der Treppe 
abfange," sagte sie, nachdem sie ihm freundlich die Hand 
zum Gruße gereicht. „Aber ich wollte dich bitten, mir ein 
paar Minuten zu schenken, noch ehe du mit der Groß 
tante gesprochen hast." 
„Ich bin selbstverständlich zu deiner Verfügung. — Ist 
dir's genehm, mich in inein Arbeitszimmer zu begleiten?" 
Sie neigte zustimmend den Kopf. Und er öffnete vor 
ihr die Tür des hohen, lustigen Gemaches, um sie zuerst 
über die Schwelle lrelen zu lassen. 
„Eine Frage zuvor, liebe Helga: dein Bruder — er 
ist doch noch hier?" 
„Nicht mehr hier im Hause. Aber er hat Hainbura 
noch nicht verlassen." 
„Und warum hot er meine Ankunft nicht abgewartet?" 
„Weil er der Meinung war, daß eine nochmalige per 
sönliche Begegnung für dich wie für ihn gleichermaßen 
peinlich sein würde. Und weil ich ihn zugeredet habe, ihr 
aus dem Wege zu gehen." 
„Er hat dir also gesagt ?" 
.»Ich denke wohl, daß er mir alles gesagt hat, was 
zwischen dir und ihm gesprochen worden ist." 
„Und du billigst die Vorschläge nicht, die ich ihin nach 
sehr reiflicher Ueberlegung in der besten Absicht gemacht 
habe?' 
ohne Bedeutung, wie ich darüber denke." 
„Es überrascht mich. dich so sprechen zu hören, Helga! 
— Aber willst du dich nicht setzen?" 
„Wir müssen es kurz machen, Cäsar! — 5)e„ry er 
wartet mich. Und da er noch heute »ach Berlin zurück will 
hat er nicht viel Zeit zu verlieren. Es bereitet dir hoffentlich 
keine Unbeguemlichieitcn. mein in deiner Verwaltung be 
findliches Vermögen bis morgen flüssig zu machen." 
(Fortsetzung ,olgt.)
        
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