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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Mage z« Nr. 198 
9f 
Sonntag, den 24. Augnst 1013. 
Die bunte Mocbe 
Plauderei für den „Friedcnauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 22. August 1913. 
Goethe als Lprachverbrecher. — Berliner Sorgen. — Schießende 
Hausbesitzer. — Berliner Mietschwindel. — Mißtrauen Aller 
gegen Alle. — 12.'» 066 Fernsprechanschlüsse. — Das Telephon. — 
7.» 000 Mark Jahresmiete. — Der kommende Botschafter 
der Vereinigten Staaten. 
Weit wichtiger, als alle Ereignisse des Tages ist eine literar 
historische Entdeckung, die ich im Goethe gemacht habe. Die 
vielgeschmähte „Inversion nach und", die man so oft noch im 
Kaufmann- und Kurial-Stil findet, erhält durch meine Entdeckung 
Weihe und Ruhm. 
Wir ärgern uns täglich über diese Inversion. Wie eine Krank 
heit verfolgt uns diese Sprachsünde auf unserem Lebensweg. 
„und haben wir noch sehr viel davon auf Lager." 
„und gestatten wir uns mitzuteilen," 
„und haben Sie sich um 5 Uhr dortselbst einzufinden."' 
Das alles darf jetzt nicht mehr gescholten werden. In Goethes 
„West-östlichem Troan", (itt der 40bändigen Cottaschcn Ausgabe 
von 1840, Band 4, Seite 808), ist in der Abhandlung „Tavcrnier 
und Ehardin" zu lesen: 
„An diesen beiden Männern ist Verstand, Gleichmut, Gewandt 
heit, Beharrlichkeit, einnehmendes Betragen und Standhaftigkeit 
nicht genug zu bewundern, und könnte jeder Weltmann sie 
auf seiner Lebensreise als Muster verehren." 
Man sieht daraus, daß der Hätschelhaus der Frau Aja auch 
Wortfügungen prägte, die ihm heute unter Umständen eine Stunde 
Nachsitzen einbringen ivürden. 
Bon diesem Satzgefüge ist es aber noch ein bedeutender Schritt 
ztl d jenem, das sich im lokalen Teil einer kleinen vogtländischen 
Zeitung fand, und das so ziemlich alle Fehler enthält, die über 
haupt gemachtZverdcn können. Es hieß darin sehr treffend: 
„Der arme Invalide, rvelcher bereits ein sehr alter war, gelangte 
in feierlicher Weise zur Bestattung, und war der Sarg desselben 
mit vielen Blumen geschmückt." 
Der Stil ist wie der Mensch und der Mensch ist wie seine 
Umgebung. 
Ich muß mich aber von diesem Idyll, von dieser Ruhe, die 
der Satz atmet, loßreißen und muß von schießenden Haus 
besitzern, von Grvßberlincr Wohnungsnot, von Sturm und 
Unwetter im Hochsomincr und von all den trostlosen Ereignissen 
berichten, denen man so gar keine Freude abgewinnen kann. 
Daß in dem steinreichen Eharlottenburg Wohnungen ver 
mietet werden, in denen 14 Menschen in einem Zimmer schlafen, — 
Männlein, Weiblein und blasse Kinder sehr bunt durcheinander, 
stimmt eben so traurig wie die rohe Tat eines 00 jährigen Haus 
besitzers, der blindlings auf seinen Mieter Anschießt, als dieser mit 
seiner kärglichen Habe „rücken" will, und an dessen frischem Grabe 
eine Witwe nüt 6 Kindern steht. 
Und doch, und doch! Wer Berlin kennt und wer weiß, wie 
sehr man hier verraten und verkauft ist, wenn man sich nicht nach 
jeder Richtung hin sichert, der versteht auch den rigorosen Stand 
punkt, aus dem die meisten Geschäftsleute und Hausbesitzer hier stehen. 
Es ist eigentlich zum Lachen! Man gehe einnial durch den 
Westen Berlins. Ich wette zehn gegen eins: In jedem Miets- 
Hause von Wilmersdorf: Schöneberg lind einem Teil Charlottcn- 
burgs sind mindestens drei oder vier „Parteien," die keine Miete 
zahlen. Meistens aus Böswilligkeit. Die Möbelsind „verschoben" 
an die Frau, oder sie gehören Abzahlungsgeschäften. Der Mann 
ist erfreulicher Weise so gestellt, daß „nichts zu wollen" ist. Immer 
die alte Geschichte. Und dabei bewohnen diese Leute keineswegs 
die kleineren Wohnungen der Hinterhäuser. Sie mieten Etagen 
für 2-—3000, manchmal auch für 6000 Mark, kommen mit drei 
Möbelwagen vorgefahrcu, und wenn der Hauswirt die schönen 
Klubsessel und schweren Eichenmöbel sieht, lacht ihm das Herz im Leibe! 
.Co sind gerade ein paar Häuser von meiner Wohnung entfernt 
Leute „gerückt", die eine LZimmerwohnung für 8200 Mark in der 
1. Etage bewohnten. Tie Leute halten sich ein Auto und sind 
über 1 Jahr Miete schuldig geblieben. Als der Hauswirt dieser 
Tage so leichsinnig mar, ins Bad zu reisen, wurden nachts zwei 
Möbelwagen vollgepackt und fort ging es. Fort, in das 
große Berlin. Derartige „Privatleute" sind au der Spree schwer 
aufzufinden. Und wenn man sie greift, ist man doch machtlos. 
Wer kann es da de» Leuten verdenken, wenn sie mit aller 
Energie vorgehen! Bei 4 oder 5 Millionen Menschen sind Hundert- 
tausende, die es nur auf die Dummheit und Gutmütigkeit der Mit- 
menschen abgesehen haben. Im Kleinen gibt es daher in Berlin 
keinen Kredit. Alan muß schon ins Bolle gehen und einen halben 
Millionenschwindel riskieren. Für Mephisto, der im „Großen nichts 
verrichten" konnte, wäre der Berliner Boden ein herzlich schlechtes 
Pflaster gewesen .... 
Natürlich gehen auch die Behörden, die Geschäfte und klugen 
Lieferanten mit der gleichen Rücksichtslosigkeit vor. Ein kleiner 
Ladcnbesitzer oder Wirt bekonimt von den Elektrizitätsgcsellschasten 
Licht nur gegen Vorauszahlung. Kaution muß bei allem hinter 
legt werden. Selbst das Bier, das in den anderen Städten meistens 
mit einem Monat Ziel geliefert wird, wird in tausenden von Ber 
liner Wirtschaften nur gegen Kasse geliefert. Wird die fällige Gas 
rechnung nicht pünktlich bezahlt, so erscheint sehr schnell ein Be 
amter, der die Leitung energisch und sicher verschließt. Das Miß- 
trauen herrscht vor und, — jeder Einsichtige wird mir recht geben, — 
es ist mehr als angebracht! 
Nach hunderten zählen in Berlin die Leute, die sich ein Tele 
phon legen lassen und denen nach ganz_ kurzer Frist der Draht 
wieder „abgeschnitten" wird. Sie zahlen einfach nicht. Sprechen 
wollen sie den ganzen Tag. Wollen auch mit einer dicken Nummer 
im Adreßbuch stehen. Aber zahlen wollen sie nicht. Sobald der 
Hauswirt oder die Behörden „so gemein und niederträchtig" ,verden, 
ihr Geld zu verlangen, dann ziehen solche Leute einfach aus und 
tauchen in einem andern Stadtteil wieder unter. Es wird aber 
sofort wieder der in Berlin so sehr notwendige Telephonanschluß 
hergestellt. 
Wir sind jetzt übrigens insgesamt auf die ganz annehmbare 
Zahl von 125 000 Ferusprcchanschlüsscn gekommen. Es ist 
dabei zu bedenken, daß die vielen Nebenanschlüsse hierbei nicht mit 
gezählt sind. Man kann jedem dieser Hauptanschlüsse durchschnitt 
lich wohl einen Nebenanschluß zurechnen, so daß in Berlin rund eine 
viertel Million Menschen telephonischen Anschluß haben. 
Diese Bequemlichkeit ist aber auch in der großen, weitgcbautcn 
Stadt unerläßlich. Sollte jedoch erst eine Verbilligung des An- 
schlnsses eintreten, so würde die Zahl rasch in die Höhe schnelle». 
Das Telephon gehört heute zum Leben und man sieht in Berlin 
das 7jährige Kind selbständig an „Vaddern" ins Geschäft tele 
phonieren, genau so, wie die 92jährige Urgroßmutter dem Enkel 
mittags den Standpunkt klar macht, daß er nicht so spat zu Tisch 
kommen soll. 
Ob all die Menschen, die heute so kühl und geschäftig in das 
Telephon sprechen, wohl der wunderbaren Ersindung überhaupt 
noch nachdenken, oder sich an ihre Größe und Bedeutung erinnern? 
Für mich hat trotz aller physikalischen Erklärungsmöglichkciten und 
Kenntnisse so ein kleiner Wunderkastcn doch immer etwas märchen 
haftes, etiuas Eigenes 
Geheimnisvolle Göttin neuer Zeiten, 
all unsre Sorgen trägst Dir eilend fort, 
wie wirkst Dn ivunderbar in fernste Weiten, 
wie kennt und schätzt man Dich an jedem Ort! 
Durch Dich bekommen die Gedanken Flügel, 
und Deine langen Haare flattern hell 
weit über Städte, Wälder, Tal und Hügel, 
und glitzern in der Sonne blank und grell. 
Durch diese langen, ivohlgcpslcgtcn Haare 
sprüht cs wie Funken in verhaltner Pracht, 
und Deiner Dienerinnen treue Scharen 
sind emsig um Dich tätig Tag und Nacht. 
Wer all die Kräfte in Dein Wesen legte, 
ergründete noch keines Menschen Sinn. 
Dein Vater war der Blitz; als Mutter hegte 
Dich hoch und frei die Wolkcukönigin. 
lind dennoch bist Du wie der Erde Damen: 
Bist launisch und gar schnippisch oft im Ton. 
Wer ist die Göttin? Kennt Ihr ihren Namen? 
Es ist die teure Dame Telephon. 
In Amerika hat ja ivohl der „kleinste" Mann seine Draht- 
Göttin, wie die Leute versichern, die eine Verbilligung anstreben. 
Jedenfalls scheint man drüben das Telephon in Massen zu ver 
brauchen, denn der neue Botschafter der Vereinigten Staaten 
in Berlin, Mr. Gerard, hat sich für seine Villa gleich 14 An 
schlüsse bestellt. „Wat will de Kirl dormit", hätte Onkel Bräsiej' 
gefragt 
Ileberhaupt diese Villa! Cie hat dem künftigen Besitzer viel 
Kopfzerbrechen gemacht. Er hat im Ticrgartcnviertel, als er dieser 
Tage hier weilte, zivei nebcncinaudcrliegende Villen gemietet, die 
den immerhin netten Preis von 75 000 Mark Miete im Jahr 
kosten. Es ist bekannt, daß die amerikanischen Botschafter 
seit den Tagen des Mr. Tower in Berlin einen Luxus treiben, 
gegen den die andern Botschafter schwerlich Stand halten können. 
Tie Villa, die der gewiß sehr verwöhnte Mr. Leißmann jetzt mit 
seiner schönen Gattin und drei sehr luxuriösen Töchtern in der 
Rauchstraße für 39 000 Mark Miete bewohnt, genügt Mr. Gerard 
nicht, der im Herbst sein Amt antritt. 
75 000 M. Miete! Eine ungeheuerliche Summe für deutsche 
Begriffe, — ein Taschengeld für Leute von dem Schlager Leißmanns 
und Gerards. Nun lese ich aber soeben in einem staatsrechtlichen 
Handbuch, daß der Botschafter der Vereinigten Staaten „nur" 
701X10 Mark Gehalt von seiner Nation im Jahr bezieht! Was 
ist das denn? Nach volkswirtschaftlichen Begriffen soll ein Mann 
ein Fünftel seines Einkommens „verwohnen". Müssen die United 
States nun zulegen, oder rojfb Mr. Gerard den Fehlbetrag von 
5000 Mark aus seiner Tasche zahlen? Und dann ist das doch 
erst nur die Miete! Wo bleiben die Gelder für „Essen" und für 
die immerhin notwendigen Empfänge! 
Der Hauswirt der beiden Villen kaun aber doch wohl beruhigt 
sein und frei von Sorgen schlafen. Mr. Gerard ist einer der 
glücklichen Männer, denen ein Vermögen von mythischen 80 Millionen 
Dollars nachgesagt wird. 
Ta ist doch anzunehmen, daß nicht eines Nachts die Möbel 
wagen vor der stillen Tiergartcnvilla halten, und daß der so viel 
genannte und viel beneidete kommende Mann bei Nacht und Nebel 
„rückt". , Heinrich Binder. 
Bekanntmachung. 
Polizeiverordnuug über Fuhrwerksvcrkehr. 
Auf Grund der 88 137 und 1139 des Gesetzes über die allgemeine 
Landesverwaltung vom 80. Juli 1883 (Ges.-S.S. 195 ff.) und der 
88 6.12 und 15 des'Gesetzes über die Polizeiverwaltung vom 11. März 1850 
(Ges.-S.S. 265) wird mit Zustimmung des Provinzialrats für den 
Umfang der Provinz Brandenburg ausschließlich des Landespolizei 
bezirks Berlin folgende Polizciverordnnng erlassen: 
8 1. Jedes nicht vorzugsweise zur Beförderung von Personen 
dienende Fuhrwerk, also auch Hundefuhrwerk muß bei dem Verkehr 
auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen entweder mit dem Vor- 
und Zunamen und der Wohnung des Besitzers oder mit dessen 
Firma unter Angabe des Geschäftslokales versehen sein. Wohnung 
oder Gcschäftslokale sind nach dem Wohnorte bei Städten auch nach 
der Straße und Hausnummer zu bezeichnen. Von mehreren derartigen 
Fuhrwerken desselben Besitzers muß jedes außerdem mit einem be 
sonderen fortlaufenden Nummer versehen sein. 
Bei Fuhrwerken, welche zu Domänen, Gütern, Fabriken und 
anderen größeren Besitzungen gehören, genügt es, wenn statt des 
Namens oder der Firma und des Wohnortes des Besitzers eine jeden 
Zweifel ausschließende Bezeichnung der Besitzung angebracht ist. 
8 2. Die Bezeichnung des Fuhrwerks muß an der linken Seite 
entweder an dem Fuhrwerk selbst oder an einer mit dem Wagen 
oder dem Geschirr dauerhaft verbundenen Tafel in deutscher Schrift 
und mit Buchstaben von mindestens 5 cm Höhe dergestalt angebracht 
iverdcn, daß sie beständig und leicht sichtbar ist. 
8 3. Bei Fuhrwerken, welche zum Gciverbebetriebc im Umherziehen 
oder "zürn Bewohnen durch Personen benutzt werden, muß auch wenn 
sie im übrigen zur Personenbeförderung dienen, die im 8 1 Abs. 1 
und in 8 2 vorgeschriebene Bezeichnung in unverwischbarer Schrift 
unter Zufügung des Vornamens des Besitzers auf dem Fuhrwerke 
selbst angebracht werden. 
8 4. Bei Fuhrwerken aus dem Landcspvuzeibezirk Berlin, einer 
Nachbarprovinz oder einem benachbarten deutschen Vundesstante, in 
welchem gleichartige Verordnungen wie die vorstehenden erlassen sind, 
genügt eine der Vorschrift des heimatlichen Bezirks entsprechende 
Bezeichnung auch innerhalb de§ Geltungsbereichs dieser Verordnung. 
Die Bezeichnung muß jedoch in allen Fällen des 8 3 auf dem Fuhr 
werke selbst angebracht sei». .... 
8 5. Während der Dunkelheit und bei starkem Nebel müssen alle 
aus öffentlichen Straßen, Wegen rlud Plätzen verkehrenden Fuhrwerke 
einschließkich der Schlitten, sie mögen zum Personen- oder Lastvcrkehr 
dienen, mindestens eine hellbrennende Laterne mit sich führen, deren 
Licht unbehindert nach vorn fällt. Diese Laterne ist auf der linken 
Seite des Fuhrwerks anzubingen. Soweit die Anbringung an dem 
an dem Fuhrwerke selbst wegen der Bauart oder Ladung (Heu, Ge 
treide) nicht angängig ist, muß die Laterne an der linken Seite der 
,Zugticrc am Geschirr angebracht werden. Bei Langholzfuhren muß 
außerdem an dem hinteren Wagen oder an den herausragcndcn 
Stammenden eine Laterne befestigt sein. 
Für Kraftfahrzeuge gelten die Bestimmungen des Bundesrats 
betreffend den Verkehr mit Kraftfahrzeugen vom 3. Februar 1910 
(RGBl. S. 380). 
8 0. Auf landwirtschaftliches Arbeitsfuhrwerk im Verkehr zwischen 
dem Wirtschaftsgehöst und den dazu gehörigen Grundstücken finden 
die Vorschriften der 88 1 bis 5 nur daun'Anwendung, wenn sie 
dafür durch Orts- oder Kreispolizeiverordnung in Kraft gesetzt worden 
sind. Doch gelten die Bestimmungen des 8 2 stets, wenn Chausseen 
befahren werden. _ 
8 7. Bei Beförderung von Sprengstoffen auf Fuhrwerken ist 
neben dieser Verordnung die Ministcrial-Polizeiverordnung betreffend 
den Verkehr mit Sprengstoffen vom 14. September 1905 (Amtsblatt 
für Potsdam S. 344 für Frankfurt an der Oder S. 224) insbesondere 
in ihrem Abschnitt 11 „Besondere Bestimmungen für den Landver- 
kehr" zu beachten. 
Während der Zeit vom 15. Mai bis zunr 31. August finden die 
Bestimmungen des 8 2 auf BienentranSportfuhrwerke keine An 
wendung. Solchen Fuhrwerken muß aber während der Dunkelheit 
in einer Entfernung von etwa 100 Schritten eine hcllbrennende 
Laterne vvrangetragen werden, auch ist zwischen den Hinteren Rädern 
des Fuhrwerks eine hellbrennende Laterne anzubringen. 
8 8. Soweit die Örtlichkeit cs gestattet, hat jedes Fuhrwerk, das 
einem andern begegnet, nach rechts auszuweichen, jedes Fuhrwerk, 
das ein anderes überholen will, links vorbeizufahren, während das 
zu überholende, soweit erforderlich, nach rechts ausweicht. 
8 9. Auf Straßen, welche in ihrer ganzen Breite gleichartig be 
festigt sind, haben Fuhrwerke regelmäßig die rechte Seite cinzuhalten. 
'Diese Bestimmung kann durch orts- oder krciSpolizeilichc Vor 
schrift auch auf andere Straßen erstreckt werden. 
8 10. Mit ansteckenden Krankheiten oder augenfälligen, äußeren 
Krankheiten behastete, lahme oder abgetriebene Zugtiere dürfen nicht 
benutzt werden. 
T/enn Uchtes 
*o Die deutschen Erinnerungsfeiern an die große Befreiungs- 
zcit vor 100 Jahren führen mitten in das entscheidende Ringen 
hinein. Tie ersten Schlüge gegen Napoleons Generale fallen. 
Blücher beginnt den Reigen. Am 17. August schreibt er an seine 
Frau über das Gefecht bei Goldberg in Schlesien: „in diesem 
Augenblick habe ich die Franzosen derbe anssgehaucn, sie haben 
2000 Mann verloren und 6 Kanonen nebst 300, auch manche ge 
fangen, ich bin gesund und Schreibe dieses unter toten und leben 
digen." Am 23. August leuchtet den Preußen unter General 
Bülow die Siegessonne bei Großbeeren, der 24. August gehört 
der Landwehr, die in der mörderischen Schlacht bei Hagelberg eine 
gegen Berlin ziehende französische Hilfstrnppe vernichtete, den Tag 
vorher, am 26. August, pflügt Blücher sein unvergängliches SicgeS- 
reis in der Schlacht an der Katzach. Hätte Napoleon nicht noch 
einmal in der Schlacht bei Dresden seine alte Meisterschaft gezeigt, 
so wäre schon jetzt die Lage für ihn äußerst gefährlich geworden. 
So schaffte er sich gegenüber der Hauptarmee »och einnial Luft 
aus kurze Zeit. Denn schon am 29. August traf ihn ein ncucr 
Schlag, beim Kulm, wo Vandamme gefangen wurde. 
*v Die siegreichen Augusttage werden in besonderer großartiger 
Feier von Deutschlands Fürsten, der Kaiser an der Schiffe, auf Ein 
ladung des bayrischen Prinzrcgcntcn an der Walhalla begangen 
werden. Hier erhebt sich der von Ludwig I. gestiftete Pantheon 
deutscher Größe. Ein einfaches Grab im Norden des Reichs grüßt 
zum Süden. Hunderttausend!: haben vor ihm gestanden, jung und 
alt, und haben deS Freiheitssängers gedacht, der dort begraben 
liegt. Es war am 26. August 1813, als Theodor Körner, den 
Dichter von „Leier und Schwert", bei Gadcbusch in Mecklenburg 
die tätliche Kugel traf. Wer kennt nicht seine Lieder; wie er uner 
müdlich die Begeisterung zu wecken und die Feigen mit scharfen 
Spottreden zu strafen wußte. Voll Gottvertraucn mitten im Gc- 
tiimmel der Schlachten — „Vater, wir rufen dich!" — voll er 
greifender Innigkeit in den Versen zur Einsegung des Lützowschen 
Freikorps — „Wir treten hier im Gotteshaus mit frommen Akut 
zusammen" — voll Mark und Saft in seinem Schwanengesang: 
„Du Schwert an meiner Linken", so lebt er im Gedächtnis des 
deutschen Volkes. Wilhelm von Humboldt hat über ihn und seinen 
Tod in einem Brief an seine Frau geurteilt: „Je öfter ich an ihn 
denke, desto mehr finde ich ihn glücklich, so geendet zu haben. 
Ileberhaupt heiligt nichts so ein Leben, als der Tod, und cs ist 
wunderbar, wie ihm viele Menschen so gram sind. Körner ist nun 
wirklich zu einer vvllcndeicn Gestalt geworden: Jugend, Dichtung, 
Vaterlandsliebe, Tapferkeit haben sich zu diesem einen frühen Leben 
verschlungen." 
8 11. Für die Befolgung der Vorschriften in 88 1 bis 10 dieser 
Verordnung ist der Führer des Fuhrwerks verantwortlich. Hat jedoch 
der Eigentümer des Fuhrwerks oder sein Stellvertreter die Beschaffung 
und Bereitstellung der nötigen Tafeln (8 1 bis 8) oder Laterne nebst 
Belcuchtungsmnterial (8 5 und 7) unterlassen, oder er hat im Falle 
des 8 10 den Führer mit der Benutzung ungeeigneter Zugtiere be 
auftragt, so trägt er die Verantwortung seinerseits. 
8 12. Wer sich von seinen auf öffentlichen Wegen, Straßen und 
Plätzen angespannt oder angeschirrt stehenden Pferden entfernen muß, 
hat während dieser Zeit die Aufsicht über diese einem zuverlässigen 
Vertreter zu übergeben oder wo das nicht angängig ist, sonstige zur 
Verfügung von Ilnglücksfälleu nötige Vorsorge, z. B. durch Absträngen 
der Zugpferde, zu treffen. Anderwcite orts- oder krcispolizeiliche 
Beschränkungen bleiben aufrecht erhalten und sind ferner zulässig. 
Wer bei der Führung eines auf öffentlichen Wegen, Straßen 
oder Plätzen befindlichen Fuhrwerks schlafend oder im trunkenen 
Zustande betroffen wird, ist strafbar. 
8 13. llebertretungen der Bestimmungen dieser Polizeverordinmg 
werden nach 8 366 Ziffer 10, des Rcichsstrafgcsctzbuchcs mit Geld 
strafe bis zu 60 M. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft. 
8 14. Diese Polizeiverordnuug tritt mit dem 1. April 1012 in 
Kraft. Alle in ihrem Geltungsbereiche bestehenden und ihr zuwider 
laufenden polizeilichen Bestimmungen werden mit diesem Tage außer 
Kraft gesetzt. Die Polizciverordnungen über den Fuhrwerksvcrkehr 
vom 19. Februar 1004 (Amtsblatt Potsdam S. 64 Frankfurt S. 56) 
vom 25. Mai 1906 (Amtsblatt Potsdam S. 223/Frankfurt S. IM) 
und vom 27. Februar 1911 (Amtsblatt Potsdam S. 163/Frankfurt 
S. 98) werden aufgehoben, 
Potsdam, den 22. März 1912. 
Ter Obcrpräsident. 
Vorstehende Polizciverordnnng des Herrn Oberpräsidenten der 
Provinz Brandenburg bringe ich hiermit nochmals zur öffentlichen 
Kenntnis. 
Berlin, den 2. August 1913. 
Der Landrat des Kreises Tcltoiv. I. A.: v. Schierflädt. 
Veröffentlicht: 
VerUn-Friedenan, den 21. August 1913. 
Ter Amtsvorstchcr.
        
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