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Periodical volume Nr. 225, 24.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Lokales 
(Nachdruck unserer v-Origiualartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Zur Hundertjahrfeier der Schlacht bei Großbeeren 
ist das Dorf Großbeeren reich geschmückt. Die Schlacht bei 
Großbeeren gewinnt dadurch größere Bedeutung, als durch 
ihren für die Verbiindeten glücklichen Ausgang Berlin und 
Preußen vvr vollständiger Vernichtung bewahrt blieben. 
General v. Bülow, der, den Befehl des Oberbefehlshabers 
Bernadotte, sich hinter Berlin zurückzuziehen, mißachtend, 
die Franzosen angriff und Preußen und Russen zum Siege 
führte, erklärte damals: „Unsere Knochen sollen diesseits 
von Berlin bleichen, nicht jenseits der Spree." Damit 
rettete er Berlin und vernichtete zugleich den Plan Napoleons, 
von Berlin aus triumphieren zu können: „Die preußische 
Monarchie hat aufgehört zu existieren!" In Erinnerung der 
großen Tat vor 100 Jahren hat denn auch der Berliner 
Magistrat folgendes Schreiben an den Gemeindevorstand 
von Großbeeren gerichtet: 
Den 23. August 1913 können wir nicht vorübergehen lassen, 
ohne dankesfreudig uns des Tages zu erinnern, da in dem großen 
Befreiungskampf vor einem Jahrhundert bei dem nahen märkischen 
Dorf die Schlacht um die Hauptstadt Berlin geschlagen wurde. Der 
heldenmütige Kampf bei Großbeeren brachte dem neuerstandenen 
preußischen Heere den ersten Siegeslorbeer und erfüllte alle. 
Patrioten mit neuer Hoffnung auf endlichen Erfolg; unsere Stadt 
aber befreite er von banger Sorge um ihr Schicksal. Ein festes 
Band hat damals die Geschichte um Großbeeren und die Haupt 
stadt geschlungen. Sv ivie in jenen Tagen die Bevölkerung Berlins 
dankerfüllt sich nach dem Kampffelde aufmachte, um Not und 
Schmerzen lindern zn helfen, so wenden wir uns heute der ruhm 
reichen Wahlslatl zu, um mit Zeichen treuen Gedenkens die tapfere 
Tat zn ehren. Unsere freudig bewegte Stimmung in der Er 
innerung an den Ehrentag aber möchten wir hinüberklingen lassen 
zu der Gemeinde, die heute als Hüterin des Bermächtniffes aus 
großer Zeit vor uns steht. Die hundertjährige Verbindung der 
Namen Großbeeren und Berlin möge lebendig fortwirken im Geiste 
ihrer Zeit unter uns und den kommenden Geschlechtern. 
Die Einweihung des Gedenkturms inmitten des Dorfes 
hat heute stattgefunden. Morgen ist die eigentliche Hundert 
jahrfeier, an der alle Kriegervereine Berlins und des 
Kreises Teltow, auch unsere hiesigenKriegervereine, teilnehmen. 
o Elektrische Antomobilomnibusse Zoologischer 
Garten—Friedenau—Steglitz—Lichterfelde. Beim Ber 
liner Polizei-Präsidium hat eine Gesellschaft die Geneh 
migung ziveier Omnibuslinien mit Akkumulatorenbetrieb 
nachgesucht. Die eine soll vom Zoologischen Garten nach 
Steglitz—Gr.-Lichtcrfelde gehen, die andere voll Wilmers 
dorf, Einser Platz, über den Wittenberg Platz nach dem 
Lützow-, Schöneberger und Tempelhofer Ufer, durch die 
Möckernstraße nach dein Askanischen Platz. Die zweite 
Linie bietet insofern Schwierigkeiten, als sie mehrere ver 
kehrsüberlastete Punkte, so vor allem die Potsdamer Brücke, 
berührt. Eine iveilere Schwierigkeit würde die Festsetzung 
des Tarifs bieten: unter 30 Pf. (Teilstrecke 20 Pf.) dürfte 
sich das Ilnternehnien nicht rentieren. Die beteiligten Ge 
meinden und ebenso das Berliner Polizeipräsidium sotten 
dem Plane sehr sympathisch gegenüberstehen. Das letztere, 
verlangt allerdings eine Abänderung der Linienführung, um 
die Kreuzung der Potsdamer Brücke -z«-verm»iden. Hervor 
gehoben wird, daß die neuen Autobusse weniger Geräusch ■ 
verursachen, als ihre benzinduftenden Brüder und daß sie vor 
allem völlig geruchlos sind. 
o Erhöhung der Kirchensteuern? Aller Voraussicht 
nach wird es in diesem Jahre nicht möglich sein, mit dem 
bisherigen Satz von 12 Prvz. der Steuern für unsere evan 
gelische Kirchengemeinde auszukommen. Jedenfalls wird eine 
Erhöhung von 2 Prvz. ans 14 Proz. eintreten. 
o Ein Unterrichtsknrses für Sparkassenbeamte findet 
vom 8.—18. September d. Js. im Landeshause der Pro 
vinz Brandenburg in Berlin statt. Als Dozenten werden 
tätig sein: Borgmann, Erster Kreissyndikus des Kreises 
Teltow, Berlin-Friedenau, Darmer, Postsekretär, Berlin- 
Friedenau, Hannemann, Lyzealdirektor, Berlin-Frie 
denau, Dr. Jaeckel, Leiter des Statistischen Büros des 
Kreises Teltow, Berlin, Krühne, Direktor der städt. Pflicht- 
fortbildungsschnle, Berlin, Dr. Kurth, Seehandlungsbuch- 
halter, Berlin, Nehlsen, Bürovorsteher, Berlin, Dr. . jur. 
Nordhosf, Kaiser!. Bankbuchhalter, Berlin, Dr. jur. Schoen- 
berner, Magistrats-Assessor, Leiter des Vormundschaftsamts 
der Stadt Berlin, Dr. Wirtz, Berlin, Wiebah, Landesober 
sekretär, Berlin-Friedenau, und Ziegler, Rendant der 
Stadtsparkasse. Berlin-Schöneberg. Dem Lehrplan ent 
nehmen wir, daß nach der Eröffnung am Montag, dem 
8. September, behandelt werden: Die rechtlichen Grund 
lagen des Sparkassenwesens (Dr. Schoenberner), Sparkassen 
buchführung, Geschäftsführung, Abschluß, Bilanz, Rechnungs 
legung (Wiebach), Wechselrecht und Wechselverkehr, Giro- 
und Scheckverkehr (Nehlsen). Dienstag, 0. September: 
Sparkassenbuchführung, Geschäftsführung, Abschluß, Bilanz, 
Rechnungslegung (Wiebach), Zwangsvollstreckung in das 
bewegliche und unbewegliche Vermögen (Tr. Schoenberner), 
Wechselrecht und Wechselverkehr, Giro- und Scheckverkehr 
(Nehlsen). Mittwoch, den 10. September: Kaufmännisches 
Rechnen (Kriihne). Sparkassenbuchführung. Geschäftsführung, 
Abschluß, Bilanz, Rechnungslegung (Wiebach). Die Ein 
richtungen der Zentralgenossenschaftskasse (Dr. Wirtz). Am 
Donnerstag, dem 11. September: Postscheckverkehr (Darmer), 
Sparkassenbuchführung, Geschäftsführung, Abschluß, Bilanz, 
Rechnungslegung (Wiebach), Einrichtungen zur Förderung 
der Spartätigkeit (Dr. Jaeckel). Freitag, den 12. Sep 
tember: Kaufmännisches Rechnen (Krühne), Hypotheken. 
Grnndschulden, Schuldscheine (Borgmann). Die Einrichtungen 
der Reichsbank (Dr. Nordhoff). Sonnabend, den 13. Sep 
tember: Sparkassenbuchführung, Geschäftsführung. Abschluß, 
Bilanz, Rechnungslegung (Wiebach), Die Einrichtungen der 
Kgl. Seehandlung (Dr. Kurth). Die Einrichtungen der 
Reichsbank (Dr. Nordhoff). Montag, den 16. September: 
Kaufmännisches Rechnen (Krühne), Wechselrecht u. Wechsel 
verkehr, Giro- und Scheckverkehr (Nehlsen), Sparkassenbuch- 
führung, Geschäftsführung, Abschluß, Bilanz, Rechnungs 
legung (Wiebach). Dienstag, den 16. September: Einfache 
iund doppelte Buchführung (Wende), Zwangsvollstreckung in 
das bewegliche und unbewegliche Vermögen (Dr. Schoen 
berner), Sparkassenbuchführung, Geschäftsführung, Abschluß, 
Bilanz, Rechnungslegung (Wiebach), Mittwoch, den 17. Sep 
tember: Wechselrecht und Wechselverkehr. Giro- und Scheck 
verkehr (Nehlsen), Einfache und doppelte Buchführung 
(Wende); 6—7 Uhr: Scheck-, Giro- und Kontokorrentoerkehr 
bei der Sparkasse in Berlin-Schöneberg (Ziegler, dieser Vor 
trag findet statt in der Sparkasse der Stadt Berlin-Schöne 
berg, Am Kaiser-Wilhelni-Platz 2/3). Donnerstag, den 
■18. September: Einfache und doppelte Buchführung (Wende), 
Hypotheken, Grundschulden und Schuldscheine (Borgmann), 
:4—6 Uhr: Schulsparkassen (Hannemann). Mit Ausnahnie 
des letzten Vortrages am Mittwoch und am Donnerstag, 
den 17. und 18. September werden sämtliche Vorträge im 
Laufe des Vormittags gehalten und täglich um 12*/ 4 Uhr 
spätestens l‘/ 4 Uhr beendet. 
0 Besseres Wetter ist nun eingekehrt. Was man kaum 
noch für möglich gehalten hätte: die Sonne lächelt wieder 
und sendet aus einem klarblauen Himmel ihre warmen 
Strahlen. Allerdings geben uns die Wetterkundigen wenig 
Hoffnung auf eine Beständigkeit dieses guten Wetters. Der 
Wind weht noch aus Südwesten bis Westen und vom nörd 
lichen Teil des Ozeans ist ein uinfaiigreiches Tiefdruckgebiet 
im der Annäherung begriffen, das vermutlich schon morgen 
wieder eine leichte Beunruhigung unserer Witterung nach 
sich ziehen dürste. Die unerhört langanhaltende trostlose 
Regenepoche der letzten 8 Tage freilich ist jetzt in jedem 
Fall überwunden, und wenn es in der Tat zu neuen Regen 
fällen kommt, was nicht ganz unwahrscheinlich ist, so dürften 
sie wesentlich rascher vorübergehen. 
0 Ueberhängende Zweige aus Vorgärten stören 
nicht nur den Verkehr, sondern beeinträchtigen auch die 
Schönheit des Straßenbildes. Darauf sollten unsere Gemeinde- 
gärtner mehr als bisher achten. Auch bezüglich der über 
hängende Zweige bei Nachbargrundstücken gibt es oft un 
liebsame Differenzen. Wir möchten hierbei auf die gesetzlichen 
Bestimmungen aufmerksaiy machen, die geeignet sind, 
Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen: 
Der Eigentümer eines Grundstücks kann herüberragendc Zweige 
abschneiden und behalten, wenn er dem Besitzer des Nachbargrund- 
stücks eine angemessene Frist zur Beseitigung bestimmt hat und 
die Beseitigung der Zweige innerhalb dieser Frist nicht erfolgt ist. 
Voraussetzung ist freilich hierbei, daß die herübcrrageudeu Zweige 
die Benutzung des Grundstücks beeinträchtigen (vgl. § 910 BGB.). 
0 Neue Bestimmungen über die Beteiligung von 
Schülern an Vereinen hat der preußische Unterrichts 
minister erlassen. Bisher durften Schüler höherer Lehr- 
anstallen (um die allein es sich handelt) nur solchen 
Schnlcrvereinen angehören, die sich auf eine Anstalt be 
schränken. In der Tat aber wurde auch der Anschluß an 
Nichtschüleroereine, insbesondere Sportvereine, meist still 
schweigend geduldet. Nunmehr ist es dem Schulleiter an 
heimgegeben, ob er die Beteiligung an Vereinen gestattet, 
die sich im Sinne der vaterländischen Jugendpflege be 
tätigen. Demnach steht dem Anschlüsse von älteren Schülern 
an Fußball-, Leichtathletik, Schwimm-, Turn- und ähnliche 
Vereine grundsätzlich kein Bedenken mehr entgegen. Der 
Erlaß ist darum besonders zu begrüßen, weil in Fort 
bildung des bisherigen Brauches nunmehr die Genehmigung 
des Schulleiters in solchen Fällen wohl einfach vorauszu 
setzen ist, zumal da den Schüler- und Jugendabteilungen 
fast durchweg die Teilnahme an Sitzungen und anderen 
nicht sportlichen Veranstaltungen untersagt ist. 
0 Mit der Ungültigkeitserklärung einer Gemeinde 
wahl in unserm Nachbarort Lankwitz ist eine auch für 
andere Orte interessante Entscheidung erfolgt. Auf Klage 
der Eigmtümer Marschall, Jaedicke und Mehlitz hat der 
Kreisausschuß durch Urteil vom 18. Februar d. I. die 
Wahl des Herrn Bartelt für ungültig erklärt. Der Kreis 
ausschuß hatte zu den von den Klägern vorgebrachten 
Gründen für die von ihnen behauptete Ungültigkeit der 
Wahl keine Stellung genommen, sondern aus der neuen 
Erwägung heraus, daß die Festsetzung der Wahlzeit mit 
Unterbrechung, nämlich auf die Stunden von 11 — 1 und 
3—9 Uhr nicht zulässig gewesen sei, da der Wahlakt eine 
einheitliche Handlung sei und nicht willkürlich unterbrochen 
werden dürfe, die Wahl für ungültig erklärt. Gegen dieses 
Urteil hat der Gemeindevorsteher Berufung eingelegt, über 
die vor dem Bezirksausschuß in Potsdam verhandelt wurde. 
Der Bezirksausschuß hat zunächst die Klage der Eigen 
tümer Jaedicke und Mehlitz kotzenpflichtig abgewiesen, weil 
die von ihnen dem ersten Kläger Marschall erteilte Voll- 
nracht nicht vor der Rechtskraft des Urteils erster Instanz 
beigebracht worden sei. Im übrigen hält aber auch der 
Bezirksausschuß die Wahl für ungültig, wenn er auch der 
Auffassung des Kreisausschusses, daß die Wahlhandlung 
nicht hätte in zwei Abschnitte getrennt werden dürfen, nicht 
beigetreten ist. Der Bezirksausschuß ist aber der Meinung, 
daß eine Stichwahl zwischen dem Landessekretär Barlelt 
und dem Stukkateur Hinze vom Wahlvorstande nicht hätte 
anberaumt werden dürfen, da festgestellt gewesen sei, daß 
Hinze die Wählbarkeit nicht besaß. Deswegen hätte nicht 
eine Stichwahl, sondern eine Neuwahl anberaumt werden 
müssen. Gegen das Urteil steht sowohl der Gemeinde wie 
dem beigeladenen Gemeindeverordnelen Bartelt das Recht 
zu, Revision beim Oberverwaltungsgericht einzulegen. 
0 Eine Gemeindeschule erhält jetzt auch das an 
Friedenau grenzende Lauenburger Octsviertel von Steglitz. 
Mit dem Bau ist gestern in der Sachsenwaldstraße be 
gonnen worden. 
0 Auszeichnung. Dem Bliimenhause Brust. Kirch- 
straße 14, wurden für seine Leistungen während der Binderei 
ausstellung vom 16. bis 20. August d. Js. ani der Garten- 
'bäüättsstellüng Ui Breslau ffölg^nde Preise zuerkannt:'Ü"Preis 
(60 M.) für eine Tafel für 12 Personen; 2. Preis (100 M.) 
für eine Tafel für 20 Personen; Ehrenpreis der Firma 
Pommernell für eine Bauerntafel. — Wir gratulieren dem 
Blumenhause Brust zu diesem guten Erfolge. 
0 Der Stenographen-Verband „Gabelsberger" der 
Provinz Brandenburg hält seinen 20. Verbandstag am 
30. und 31. August d. I. in Frankfurt a. O. ab. Aus 
allen Orten des großen Verbandsgebiets werden die Ver 
treter und Wettschreiber entsandt werden. Die Vertreter- 
Versammlung ist Sonnabend, 30. August im Städtischen 
Gesellschaftshause. Die Tagesordnung ist umfangreich und 
äußerst wichtig. Daß die Werbetätigkeit im Verbandsgebiet 
eingehend beraten wird, ist selbstverständlich. Sonntag, den 
31. August, früh 9'/, Uhr ist im neuen Realgymnasium 
öffentliches Wettschreiben. Für das Wcttschreibcn sind eine 
große Anzahl zum Teil recht wertvoller Ehrenpreise von 
Körperschaften, Firmen und Privatpersonen gestiftet worden. 
Mittag 12 Uhr findet in der Aula derselben Schule der 
öffentliche Festakt statt. Den Fest-Vortrag über das Thema: 
Die Zukunft der deutschen Stenographie hat Herr Dr. pliil. 
H. Bode vom Kgl. Stenographisch.- Laudesamt, in Dresden 
er den Bankier, der in den „Vier Jahreszeiten" abgestiegen 
war, um fünf Uhr in seinem Zimmer aufsuchen werde. 
Bis zur Gartenpforte gaben die Geschwister dem Maler 
das Geleit, und wieder waren es herzliche, warmklingende 
Worte, mit denen die beiden Herren dort vorläufigen Ab 
schied voneinander nahmen. 
Helga blieb am Gitter stehen, solange sie ihren Ver 
lobten sehen konnte. Und erst, als er sich an der nächsten 
Straßenkreuzung unter fröhlichem Hutschwenken zum letzten 
Male rückwärts gewandt hatte, kehrte sie sich ihrem 
Bruder zu. 
„Es ist ein nncrsrculicher Anlaß, der dich heute nach 
Hamburg geführt hat, Henry?" 
„Wie kommst du darauf? — Man hat dir schon An 
deutungen gemacht, nicht wahr?" 
„Nein, mit keinem Wort. — Aber ich habe es auf 
deinem Gesicht gelesen, als du 'mich vorhin begrüßtest." 
„Na ja —," Helga strich sich über die Stirn. „Am 
Ende würde es dir ja doch nicht lange mehr ein Ge 
heimnis bleiben. Mein Sozius Thiele hat sich gestern 
abend erschossen. 
„Oh!" 
Es war ein Ausruf aufrichtigsten Entsetzens, mit dem 
sie seine Mitteilung ausgenommen hatte. Und für einen 
Moment war alle Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. 
„Das ist ja schrecklich, Henry! — Und weshalb — 
weshalb hat er das Fürchterliche getan?" 
„Errätst öi,’s nicht? — Weil er ein Schurke gewesen 
ist — und ein Feigling obendrein, wie es alle Schurken 
find." 
Die so lange mühsam zurückgehaltene Erregung brach 
ungestüm hervor, und was Helga jetzt in den Zügen 
des Bruders las, erschien ihr wie tiefste Verzweiflung. 
Mit beiden Händen faßte sie nach seiner abermals mechanisch 
zu der feuchten Stirn erhobenen Rechten. 
„Henry — um Hmmels willen — du mußt mir alles — 
alles sagen! — Was hat er getan?" 
„Betrogen und gestohlen bat er! — Mich — unsere 
Kundschaft — alle Welt hat er betrogen und bestohlen. 
Während eines kurzen halben Jahres hat er in unsinnigen 
Spekulationen hinter meinem Rücken nahezu anderthalb 
Millionen vergeudet." 
„O Himmel! —Und du — du sollst jetzt dafür einstehen?" 
„Natürlich! — Als Mitinhaber der Firma bin ich 
verantwortlich für alles, was er getan. —- Und wo meine 
gesetzliche Verantwortlichkeit aufhört, könnte ich mich doch 
der moralischen nicht entziehen. Als er erst einmal an 
gefangen hatte, sich an den Depots unserer Kundschaft 
zu vergreifen, ist dem Halunken ja nichts mehr heilig ge 
wesen — nicht der Spargroschen des Greises und nicht das 
einzige Besitztum der Witwe. — Wenn heute abend sein 
Selbstmord durch die Berliner Zeitungen bekannt wird, 
werden sie alle in heller Bestürzung kommen, um ihr 
Eigentum zu fordern. — Begreifst du, daß ich ihnen nicht 
mit leeren Händen gegenübertrcten und ihnen achselzuckend 
sagen kann: Haltet euch a» den Toten!" 
Sie waren tiefer in den Garten hineingegangen und 
hatten eine Ruhebank erreicht. Trotz seines Wideistrebens 
zog Helga den vor Erregung Bebenden neben sich nieder. 
„Das wirst du nicht, Henry! — Und du bist auch im 
stande, das Notwendige zu beschaffen, nicht wahr?" 
„Das wird einzig von der Großmut meines Vetters 
Cäsar abhängen. — Um an diese Großmut zu appellieren, 
bin ich hier." 
„Er wird dir das Geld geben — gewiß, er wird es 
tun. — Da dich keine Schuld trifft an all dem Schreck 
lichen, kann er es dir ja nicht verweigern." 
Ihre Worte sollten zuversichtlich klingen. denn sie 
waren ja dazu bestimmt, den Bruder auszurichten. Aber 
er sah recht wohl das Flimmern einer furchtbare» Angst in 
ihren Augen. Und das gab ihm seine verlorene Haltung 
zurück. 
„Er wird es tun. das ist auch meine Ueberzeugung." 
sagte er in verändertem Ton. „Und darum sollst du dir 
meinetwegen keine unnütze Sorge machen, liebste Helga I 
— Im Giunde war es ja unverantwortlich, daß ich dir 
überhaupt davon gesprochen habe, bevor allis ins reine 
gebracht war." 
„Nein — nein, es ist viel besser so, Henry! — Ich bin 
doch kein Kind mehr. — Aber lie Großtante? — Du hast 
auch ihr gesagt, weshalb du gekommen vist?" 
„Sie war bereits durch Cäsar unterrichtet: — Du 
ropifjt ja, daß ihr Enkel in Fomilien-Angelegeiiheiten keine 
Geheimnisse vor ihr haben darf." 
„Und wie hat sie dich aufgenoinmen?" 
-.... den Umständen angemessen — mit eisiger 
®' e ^klärte mir, daß sie für den Vorfall an sich 
nicht das geringste Verständnis habe, da in ihrer Familie 
und in ihrer Freundschaft dergleichen bisher nicht vorge 
kommen sei. Im übrigen aber sei das ja eine Sache, die 
ich einzig mit Cäsar zu besprechen und abzumachen hätte. 
Was er zu tun oder zu lassen für gut fände, würde ohne 
Zweifel das Rechte fein. Es war eine Audienz von kaum 
zehn Minuten. Und wenn ich auf die Hilfe der Frau 
Senator angewiesen sein sollie Aber ich darf mich 
nun wohl nicht länger aufhalten. Man soll Leute, aus 
deren gute Laune man Gewicht legt, nicht erst ungeduldig 
werden lassen." 
„Ja — ja, du sollst jetzt fahren. Aber Margarete — 
hast du auch ihr schon ein Wort des Grußes gesagt?" 
„Nein — sie ist docb gar nicht hier." 
„Nicht hier?" fragte Helga verwundert. „Sie lehnte 
es vorhin ab, Hubert und mich aus der Segelpartie zu be 
gleiten, weil sie »och ein paar Briefe schreiben wolle. 
Aber sie kann unmöglich inzwischen fortgegangen sein. 
Denn sie erwartet ja den Gesanglehrer. Und bei ihrem 
Eifer für die geliebte Musik versäumt sie nie eine Unter 
richtsstunde." 
Henry Frederiksens Gesicht war noch düsterer ge 
worden. 
( Kom etzung ,olgi.»
        
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