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Periodical volume Nr. 198, 24.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Frirdenarrer 
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Wr. 198. 
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Werlin-Ariedenau, Sonntag, den 24. August 1913. 
20. Iayrg. 
vepeMen 
Letzte Dacbrithten 
Berlin. Der 47 Jahre alte Besitzer des Hotels zur 
Stadt Breslau im Hause Koppenstr. 100, Joseph Mühle», 
hat um 1/28 Uhr morgens auf offener Straße den ihm 
gegenüber im Hause Koppenstr. 1 wollenden Schlächter- 
meisler Stanislaw Sledzer erschossen. 
Berlin. In der vergangenen Nacht gegen 2 3 / 4 Uhr 
sprang ein Unbekannter von der Weidendammer Brücke in 
die Spree. Er versank sofort und kam nicht wieder zum 
Vorschein. Auch die Leiche konnte bisher noch nicht ge 
borgen werden. 
Sofia. Nach amtlicher Mitteilung find reguläre 
türkische Truppen in Kirdjali dicht an der Grenze Alt 
bulgariens eingefallen. Die dortige Bevölkerung ist panik 
artig ins Innere des Landes geflüchtet. Die Regierung 
hat einen dringenden Protestschritt bei den Großmächten 
unternommen. 
Sofia. Der Bürgermeister der Ortschaft Haskowo, die 
auf bulgarischem Gebiet liegt, meldet, daß gestern morgen 
7 Uhr ein türkischer Aeroplan langsam die Stadt überflog 
und nach Siiden verschwand. 
Wien. Der Winkelbuchmacher Abdeln ist von hier 
flüchtig geworden. Vor einigen Tagen hat der bekannte 
Sportsinan Baron Berthold Popper bei ihm den Betrag 
von 1500 Kronen für französische Rennen in verschiedenen 
Events gewetlrt und sollte als Gewinn einen Betrag von 
84 000 Kronen erhalten. Selbstverständlich bildete der Aus 
gang der Rennen für den Winkelbuchmacher ein Verhängnis, 
da er nicht imstande war, den Betrag auszuzahlen. Er 
flüchtete daher aus Augst vor den Folgeir seiner Zahlungs 
unfähigkeit. 
Toulon. In unmittelbarer Nähe von Toulon sind 
große Waldbiände ansgebrochen. Das Feuer schreitet mit 
großer Geschivindigkeit vor und bedroht bereits die Küsten 
befestigungen von Toulon und die Kirche Notre Dame du 
Mai. Auch ein Brand im Walde von Neynier hat infolge 
der großen Trockenheit eine bedeutende Ausdehnung ange 
nommen. Kolvnialinfanterie ist von Toulon ausgerückt, um 
die Stadt vor dein immer näher heranrückenden Feuer zu 
schützen. 
London. Nach einer Meldung der „Daily Mail" 
aus Konstavtinopel entfaltet die türkische Flotte am Ein 
gänge der Dardanellen eine lebhafte Tätigkeit. Die Kriegs 
schiffe sollen den Auftrag haben, sich des Hafens vvnDedea- 
gatsch zu bemächtigen. 
London. Bei einem Boxmatch, das vorgestern abend 
in Liverpool zwischen dem Südafrikaner Price und dem 
Engländer Basham ansgetragen wurde, erhielt Price in der 
elften Runde einen derart heftigen Schlag ins Gesicht, daß 
er zu Boden stürzte und ins Hospital gebracht werden mußte, 
wo er gestern Morgen, ohne das Belvußtsein wieder erlangt 
zu haben, starb. 
Madrid. Der ehemalige spanische Minister des Aus 
wärtigen, Garcia Prieto, fuhr mit seiner 15jährigen Tochter 
nach Astorga. Während der Fahrt lehnte sich das junge 
Mädchen zum Fenster hinaus, plötzlich ging die Tür des 
Abteils auf und die Tochter des Ministers stürzte aus dem 
Wagen. Das Mädchen erlitt Verletzungen am Kopfe, die 
jedoch nicht lebensgefährlich sind. 
Mexiko. Bei einem Ueberfall von Rebellen auf das 
Landgut Ehluca, 20 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt, 
ist der Reichsdeutsche Friedrich Locht durch einen Schuß 
leicht verletzt worden. Sein Bruder Hans wurde von den 
Angreifern mitgeschleppt und erschossen. Ihre Schwester 
Henriette befindet sich in Sicherheit, ebenso ein dritter 
Bruder Alfred. 
Das Slempelsteuerreckl und die 
Gas- und Eleklrizilätsverträge. 
Eine interessante und viel häufiger, als es gewöhnlich 
geschieht, zu prüfende Frage, nämlich die, nach welchen ge 
setzlichen Bestimmungen die.Verstempelung von solchen Ver 
trägen zu erfolgen hat, durch die Stadt- und Landgemeinden 
Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerken u. s. w. das Recht 
einräumen, in ihren Straßen elektrische, Gas pp. Leitungen 
zu verlegen oder durchzulegen, behandelt eine Entscheidung 
des Reichsgericht vom 4. März 1013 VII. 525. 12. Die 
Entscheidung des Reichsgericht klärt die Frage zwar nicht 
endgültig, denn es hat auf die Revision des Steuerfiskus 
gegen das diesen zur Zurückzahlung des erhaltenen Stempels 
vornrteilende Kammergerichtserkenntnis die Sache zum Zivecke 
weiterer Feststellungen zurückgewiesen, aber das Erkenntnis 
gibt doch schon bestimmte Grundlinien zur Beurteilung der 
angedeuteten Frage. 
Dem Rechtsfall lag ein Vertrag der Stadt B. mit dem 
B. E. W. zu Grunde, durch welchen diesen seitens der 
Stad. B. gestattet wurde, die öffentlichen Straßen zur unter 
irdischen Durchlegung ihrer Leitungen zu benutzen. Dafiir 
hatten die betreffenden Werke 10 °/ 0 der Bruttoeinnahme, 
sowie einen gewissen Prozentsatz der Nettoeinnahme, abzüglich 
einer gewissen Verzinsung des angelegten Kapitals an die 
Stadt B. zu zahlen. Die hiernach zu leistende Abgabe 
betrug im Jahre 1910 6 Millionen Mark, und von dieser 
Abgabe, welche die Steuerbehörde als einen Mietszins be 
trachtete, verlangte sie den entsprechenden Stempelbetrag. 
Der Kernpunkt der Frage in allen solchen Fällen liegt 
in der Entscheidung darüber, unter welchem Begriff derartige 
Verträge zu subsummieren sind und, ob sie sich insbesondere 
als Mietsverträge darstellen. Nach 8 535 des Bürgerl. 
Gesetzbuches liegt ein Mietsvertrag dann vor, wenn sich der 
eine Teil verpflichtet, dem anderen den Gebrauch seiner 
Sache zu iiberlassen, mährend der andere Teil verpflichtet 
ist, jedem dafür ein Endgelt zu zahlen. Das Kammergericht 
hatte den Standpunkt eingenommen, daß in Fällen der 
fraglichen Art und in dem Streitfall im besonderen keine 
Ueberlassung des Gebrauchs der Straße an die betreffenden 
Werke vorlag, da nur die unterirdische Benutzung der Straße, 
nicht aber die Mitbenutzung der Straßenoberflächc in Frage 
käme. In der Gestattung der unterirdischen Benutzung einer 
Straße liegt keine Einräumung des Gebrauchs an der Straße. 
Allerdings könne der Oberflächeneigentümer stets auch über 
den unterirdischen Teil seines Grundstücks verfügen, aber in 
der Erlaubnis zur Benutzung des unterirdischen Teils der 
Straße liegt kein Mietsvertrag, da es für das Vorliegen 
eines solchen von Bedeutung sei, daß das Mietsverhältnis 
auch äußerlich in Erscheinung tritt; dies sei höchstens dann 
der Fall, wenn sich das Gebrauchsrecht auf die Mitbenutzung 
an der Oberfläche der Straße erstreckt. 
Das Reichsgericht hat hierzu gegensätzlich ausgefiihrt, 
nach den Ausführungen des Kammcrgerichts sei festgestellt, 
daß den betreffenden Werken das Recht zur Rohreinlegung 
in die Straßen, wie auch das Recht, durch die Straßen 
Rohre zu legen iiberlassen sei, und hierin sei wohl eine 
Ueberlassung des Gebrauchs au der Straße zu erblicken, denn 
es sei nicht ersichtlich, warum die Oberfläche der Straße 
anders behandelt werden sollte als deren unterirdischer Teil. 
Die Ausführungen des Kammergerichts erscheinen zu 
nächst in tatsächlicher Beziehung nicht einwandfrei,' denn 
technisch ist es erforderlich, daß in derartige Leitungen von 
Zeit zu Zeit sogenannte Verterlungsbrunüen vder Kabel 
schächte eingebaut werden, und diese Schächte, welche zunr 
Teil umfangreiche Bauwerke sind, führen bis an die Ober 
fläche der Straße und werden durch Platten abgedeckt, 
welche einen Teil der Oberfläche der Straße in Anspruch 
nehmen und ersetzen. In Verbindung mit diesen Schächten 
wird die ganze Röhrenanlage als einheitliches Bauwerk, 
anzusprechen sein, als Bauwerk, das teils oberirdisch, teils 
unterirdisch ausgeführt ist. In rechtlicher Beziehung er 
scheint die praktische Lösung der Frage einfach. Man wird 
bei Abschluß von Vcrsorgungsvcrträgen mit Werken der 
fraglichen Art jedenfalls die Möglichkeit, aus der Inan 
spruchnahme der Wege zum Einbau der betreffenden Leitungen 
pp. das Vorliegen eines Mietsvertrags zu folgern, dadurch 
ausschließen können, daß man diesen Werken nicht primär 
das Recht zur Benutzung der Wege gibt, sondern ihnen 
eine Licenz erteilt zur Abgabe von elektrischem Strom usw., 
daß man für die Gewährung dieser Erwerbsmöglichkeit 
sich die Abgabe ausbedingt und,die etwa erforderliche In 
anspruchnahme des Slraßenlandes unentgeltlich duldet. 
Patnzierblut. 
Roman von Reinhold Ortmann. 
3. (Nachdruck verboten.) 
„Er Hot seit de:» Weihnacht-fest keine Zeit mehr zu 
einem Abstecher »ach Hamburg gefunden. Der arme Henry 
ist bei dem raschen Emporwachsen seines GZchöf s so 
surchtrar mir Arbeit überbürdet. Aber von einer Störung 
durch deine Anwesenheit kann selbstverständlich nicht die 
Rede sein. Mein Bruder wird sich von.Herzen freuen, 
deine Bekanntschaft zu machen. Nach seinem Briefe an 
läßlich unserer Verlobung brauchst du doch wahrlich nicht 
zu besorgen, daß es anders sein könnte." 
„Freilich nicht! — Es wäre sehr erfreulich für mich 
gewesen, wenn der Eindringling überall in deiner Familie 
so freundlichen Willkomm gefunden hätte wie bei ihm. 
Aber wenn er oben bei deiner Großtante ist — du weißt, 
die Frau Senator " 
Schon im nächsten Augenblick jedoch wurden alle seine 
Einwendungen hinfällig, denn Helga unterbrach ihn mit 
dem fröhlichen Ausruf: 
„Da ist er ja schon! — Er sucht mich! — Hier, 
Henry, hier!" 
Helga hatte den Arm ihres Begleiters fahren lassen 
und eilte leichtfüßig dem dunkelgekleideten Herrn entgegen, 
der eben über die Stufen der Gartenterrasse herabtam. 
Er war etwa dreißigjährig, blond und schlank wie die 
Schwester, aber von schmalerem und — wenigstens in diesem 
Augenblick — auffallend bleichem Gesicht. Er beschleunigte 
seinen Schritt nicht, um die auf ihn Zufliegende früher 
zu erreichen, und das Lächeln, das sie begrüßen sollte, 
gab seinem hübschen Gesicht einen eher schmerzlichen als 
heiteren Ausdruck. 
„Meine liebe Helga!" , _ „ 
Das war alles, was er herausbrachte, als ste ihren 
Arm um,seinen Nacken legte und für einen Moment ihre 
Wange an die seine schmiegte. Erst als er des taktvoll 
zurückgebliebenen Fremden ansichtig wurde, reckte er seine 
rtwas zusainmengtsunkene Gestalt straffer auf und fragte 
in verändertem Ton: 
„Zit das Herr Almröder, Schwesterchen — mein Herr 
Schwager in sp.-?" 
„Ja. das ist mein schüchterner Verlobter!" scherzte sie, 
während ihre Augen doch schon wie in forschender Frage 
über sei» blnssts Gesicht hinflogen. „Du mußt freundlich 
mit ihm sei», denn ich glaube beinahe, daß er sich ein 
wenig vor dir fürchtet." 
„Fürchtet — vor mir?!" Es zuckte bitter um die 
Lippen des jungen Bankiers. Schon in der nächsten 
Sekunde aber war er nut weltmännifchcr Artigkeit auf den 
höflich grüßenden Maler zugetreten. 
„Ich freue mich, endlich auch von Angesicht den Mann 
kennen zu lernen, der mein geliebtes Schwesterchen glücklich 
machen will. — Helga und ich sind von Kindesbeinen an 
so treue Geschwister gewesen, daß Sie sie mir gewiß nicht 
ganz abspenstig machen werden — nicht wahr?" 
Das Ohr des Süddeutschen war hier oben im kühlen 
Norden sehr scharfhörig geworden für jeden Klang echter 
Herzlichkeit, und jetzt, da er diesen Klang aus der Rede des 
künftigen Schwagers in nicht zu mißdeutender Aufrichtigkeit 
zu vernehmen glaubte, ließ er sich ohne Widerstreben von 
dem ersten raschen Impuls feines warmblütigen Tempera 
ments fortreißen. 
„Es soll nur auf Sie ankommen, mein lieber Herr 
Frederiksen, ob Sie zu der treuen Schwesterliebe nun auch 
noch die eines Bruders haben wollen. Daß Sie mir. als 
der erste und einzige aus Helgas Verwandtschaft mit rück 
halllosem Vertrauen entgegengekommen sind, hätte ich 
Ihnen ohnehin nicht vergessen." 
Sie schüttelten sich die Hände, während Helga still da» 
nebenskand und ihren Bruder unverwandt ansah. Lang 
sam war die sonnige Fröhlichkeit aus ihren Zügen ver 
schwunden, und wie ein Schatten sorgenvollen Ernstes lag 
es auf ihrer reinen Stirn. 
„Du warft schon bei der Großtante, Henry?" fragte 
sie. „Hat sie dich so bald wieder entlassen?" 
„Ich durfte inich nicht aufhalten, da ch nach Hamburg 
gekommen bin, um in" — er sah sie prüsend an, um dann 
zaudernd zu vollenden — „in einer dringenden Angelegen 
heit mit Cäsar zu sprechen. Ich hoffte, ihn zur Frühstücks- 
zeit hier in der Villa anzutreffen, aber er hat mich durch 
den Fernsprecher wissen lassen, daß er mich drinnen in 
seineui Kontor erwartet. Da darf ich wohl keine Zeit 
mehr verlie:en." 
„Ein paar Minuten wirst du doch wohl vorher für 
mich übrig haben," sagte sie im Ton einer ernsthaft ge 
meinten Bitte. „Wir haben einander ja so lange nicht 
mehr gehabt." 
Henry Frederiksen sah auf seine Uhr. 
„Aber es werden — ganz buchstäblich genommen — 
nicht mehr als ein paar Minuten sein dürfen, Schwester 
chen ! — Und dann — kann ich es überhaupt verantworten, 
deinen Verlobten darum zu bestehlen?" 
Ein flehender Blick, den er nicht mißverstehen konnte 
flog aus Helgas Augen zu Hubert hinüber. Und in seiner 
treuherzig liebenswürdigen Art beeilte er sich, statt ihrer 
Antwort zu geben. 
„Ich wäre ohnehin durch eine grausame Verpflichtung 
gezwungen gewesen, mich innerhalb der nächsten fünf 
Minuten zu verabschieden. Ich werde ja wohl die Freude 
haben. Sie während Ihres hiesigen Aufenthalts noch zu 
sehen?" 
„Mein Aufenthalt in Hamburg dürfte diesmal nur 
nach Stunden bemessen sein. Aber es läge mir allerdings 
recht viel daran, Sie vor meiner Abreise noch zu sprechen. 
Möchten Sie mir das Opfer bringen, um fünf Uhr in den 
„Vier Jahreszeiten" mit mir zu speisen?" 
Helga schien erstaunt. 
„Aber willst du denn nicht hier bei uns * 
„Es wird sich kaum einrichten lassen, Schwesterchen," 
unterbrach er sie hastig. „Ich habe in Hamburg allerlei zu 
tun und muß haushalten mit meiner Zeit. Darf ich also 
auf das Vergnügen Ihrer Gesellschaft hoffen, Herr Alm 
rüder ?" 
Hubert sagte bereitwillig 5». und sie verabredeten, daß
        
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