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Periodical volume Nr. 196, 21.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Frik-tmm FoKlll'Anjeigtt 
(Krtodena«er 
Unparteiische Zeitun- für kommunale und bürgerliche 
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CClxtjblatt „Seifenblasen". 
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Zeitung.) 
Organ für den Iriedmauer Ortsteil m Zchöneberg und 
Lerirksverein Züdniest. 
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Nr. 196. 
ZSerlin-Iriedenau, Donnerstag, den 21. August 1913. 
20. Zaßrg. 
Oepelchen 
Letzte Nacbricbten 
Berlin. In der Förster Straße 46 vergiftete die 
Witwe Emma Seiler sich und ihre beiden Kinder mit 
Leuchtgas. Während eines der Kinder den Tod fand, 
wurden das andere sowie die Mutter in bedenklichem Zu 
stande nach dem Krankenhaus am Urban gebracht. 
Güttingen. Geheimer Justizrat Professor v. Bar, 
Mitglied des internationalen Schiedsgerichtshofes in Haag, 
ist auf der Reise nach Norwegen im 78. Lebensjahre gestorben. 
Rom. Der gestern Abend von hier abgegangene 
Lybische Eilzug ist heute Mittemacht, kaum 8 Kilometer 
vou Neapel entfernt, entgleist. Bier Personen wurden ge 
tötet und 13 verletzt. 
Kopenhagen. Hier sind zwei Berliner Schlächter und 
ein Seemann verhaftet worden, die in einem Juwelierladen 
Waren im Werte von 4000 Kronen gestohlen haben. 
Wien. In der gestrigen Sitzung des Gemeinderates 
des Kurortes Baden bei Wien wurde ein Antrag auf Er 
richtung eines Spielkasinos mit 21 gegen 13 Stimmen an 
genommen. 
Paris. Der französische Flieger Revillard fuhr mit 
einem Motorrad und etwa 60 Kilometer Geschwindigkeit auf 
der Chaussee von Mourmelont nach Rheims dahin. 
500 Meter vor dem Aerodrom von Betheuy kam ihm ein 
Radfahrer entgegen, der die Mitte der Straße hielt und 
mit ihm kollidierte. Der Radfahrer, dem der Brustkasten 
eingedrückt wurde, starb nach wenigen Minuten. Der Zu 
stand des Fliegers, der von Betheny aus einen Ueberland- 
flug ausführen wollte und bei dem Unfall einen Schädel 
bruch erlitt, ist hoffuungslas. 
London. Ganz England hat unter der herrschenden 
Trockenheit schwer zu leiden. Am einfindlichsten ist die 
Gegend von Nottingham heimgesucht. 
Konstant in opel. Die seit einigen Tagen hier um 
laufenden Gerüchte über eine russische Sonderaktion gegen 
die Türken haben sich bisher nicht bestätigt. In den Kreisen 
der Pforte macht sich daher eine unverkennbare optimistische 
Auffassung hinsichtlich der Pläne Rußlands geltend. Man 
ist heute der festen Ueberzeugung, daß die Mächte weder 
kollektiv noch einzeln gegen die Türkei wegen Adrianopels 
militärisch vorgehen werden. 
Neuyork. Das Neuyork gegenüberliegende Jersey 
City wurde gestern von einem großen Schadenfeuer heim 
gesucht. Der Brand dehnte sich über eine ganze Reihe von 
Geschäftsvierteln ans und nur durch ein großes Aufgebot 
von Feuerwehr konnte schließlich das Üebergreifen des 
Brandes auf die ganze Stadt verhindert werden. 
Neuyork. Ein Feuer, bei dem über 50 Personen ums 
Leben gekommen sein sollen, ist aus bis jetzt noch nicht fest 
gestellter Ursache in einem Wasserleitungsschacht beim Ball 
der neuen KatsiU-Wasserleitung im Stadteil Bronx ans- 
patririerblut. 
Roman von Reinhold Ort mann. 
(Nachdruck verboten.) 
1. Kapitel. 
Langsam, mit leicht geblähtem Segel, glitt das kl ine, 
schlanke Boot auf der kaum bewegten, tiefblauen Fläche der 
Außenalster dahin. Die Sonne des wolkenlosen Sommer- 
tages stand im Mittag und streute ungezählte blendende 
Lichtpünktchen über den Wasserspiegel aus. Die Villenbauten 
an den weit zurückweichenden Ufern hoben sich scharf umrissen 
aus der klaren Luft, weiß und schimmernd, als hätten 
ihre Erbauer eben erst die letzte Hand an sie gelegt. Die 
spitzen Hamburger Kirchtürme hinter dem mächtigen Bogen 
der Loinbardsbrücke aber verfchwammen in dem leichten, 
bläulichen Großstadtbrodem. 
Ein von zwei kräftigen Iünglingsarmen geruderter 
Skuller schoß jetzt in kleinem Abstande an dem Segelboot 
vorüber. Hier wie dort saß eine junge Dame am Steuer, 
und im Borbeifahren tauschten sie einen stummen Gruß. Ein 
paar Sekunden später erwiderte die dunkelhaarige Schöne 
im Ruderboot auf eine Frage ihres sonnenverbrannten 
Begleiters: 
„Konsul Frederiksens „Ellida" war es. Ich wundere 
mich über deine Kurzsichtigkeit. Hast du denn Helga 
Frederiksen nicht wiedererkannt? Sie war doch dein 
Schwarm, bevor du nach England gingst. Und ich finde 
nicht, daß sie sich in diesen anderthalb Jahren sonderlich 
verändert hätte." 
Der Ruderer warf einen zweiten, langen Blick zu dem 
Segler hinüber: dann stimmte er kopfnickend zu: 
„Nein, abgesehen davon, daß sie noch schöner ge« 
worden ist. Ich glaube, ein Haar von solcher Faibe 
gibt's überhaupt nicht zum zweiten Male in der Welt.". 
gebrochen. Die Mehrzahl der in dem Stollen beschäftigten 
150 Arbeiter konnte gerettet werden. Eine Anzahl von 
ihnen ist jedoch nicht unerheblich verletzt. Für die Rettung 
der noch unter Tage befindlichen 05 Mann besteht nur 
geringe Hoffnung, da es unmöglich ist, durch den dichten 
Qualm selbst mit Hilfe von Rauchhelmen und Sauerstoff 
apparaten hindurchzugelangen. Das Feuer wütet 40 Fuß 
unter Tage. 
Bau und Unterhaltung von 
Wegen und Straßen. 
Bon Oberbürgermeister Scholz-Cassel. 
Man unterscheidet öffentliche und private Wege und 
Straßen, je nachdem sie den öffentlichen Verkehr „gewidmet" 
sind oder nicht. Die Verpflichtung zu Bau und Unter 
haltung von Wegen und Straßen liegt in Städten im all 
gemeinen der Gemeindeverwaltung ob, wenn nicht ein 
anderes bestimmt ist. Dabei hat die Polizei — Wege- 
pvlizei — insofern eine Einwirkung auf den Straßenbau, 
insbesondere das Straßenprofil — die Einteilung in Fahr 
damm, Bürgersteige, Reitweg u. a. — als der Verkehr und 
die Sicherheit des Publikums dies verlangen. Daraus 
folgt, daß beispielsweise die Anpflanzung von Bäumen 
polizeilich nicht gefordert werden kann, daß jedoch die Polizei 
die Anbringung von Straßenschildern und Hausnummern 
— sogar in bestimmter Form — vorschreiben kann, wie sie 
.auch für die Benennung der Straßen zuständig ist. Die 
Bürgersteige dienen dem Zugang zu den Häusern und dem 
Fußgängerverkehr; ihre Anlegung und Unterhaltung ist Sache 
der Gemeinde, die dafür Beiträge von den Anliegern er 
heben kann. Die Slraßenreinigung (Gesetz über die 
Reinigung öffentlicher Wege vom 1. Juli 10l2) liegt in 
der Regel den Gemeinden ob, wenn nicht bestehende ge 
wohnheitsrechtliche Normen oder örtliche Gesetzesvorschriften 
ein anderes bestimmen: die Gemeinde kann ihrerseits durch 
Ortsstatut die Reinigungspflicht sowohl selbst übernehmen 
als — unter polizeilicher Zustimmung — den Anliegern 
aufbürden. Die Straßenbeleuchtung, die unter Umständen 
aus sicherheitspolizeilichen Gründen erzwingbar sein kaun, 
ist Sache der Gemeinden. 
Im Interesse eines geordneten Verkehrs und um nicht 
eine wilde Bebauung einreißen zu lassen, ist durch das 
Fluchtliniengesetz von 1875 die Möglichkeit gegeben, die 
Straßen und Plätze für die Zukunft festzulegen. Diese Fest 
legung kann geschehen für das ganze Stadtgebiet, für größere 
Teile desselben und auch für einzelne Straßen und Plätze. 
In der Regel wird man einen Gesamt-Straßenplau nur 
als allgemeine Richtschnur betrachten, die definitive Fest 
stellung von Fluchtlinien aber je nach dem mit der Be 
bauung fortschreitenden Bedürfnis vornehmen. Die Straßen 
fluchtlinie — Grenze der öffentlichen Straße — und die 
Baufluchtlinie — Greyze für die Bebanung — fallen meist 
,,'Jia, na! Dumpfen Sie Ihren Eiuhuslasmus bei 
zeiten, mein Herr Bruder! Es wäre verlorene Liebesmüh'." 
„So! Ist Sie noch immer die Eisjungfrau von 
damals?" 
„Im Gegenteil! Haft du denn den Herrn nicht ge 
sehen, mit deni sie fuhr?" 
„Den hingeflegelten Menschen mit den Kofserlräger- 
Schullern? Der ist doch nicht etwa — " 
„Fräulein Helga Frederiksens Verlobter, jawohl! 
Sollte ich dir von dieser merkwürdigen Verlobung gar 
nichts geschrieben haben?" 
„Keine Silbe. Wie, in aller Welt, konnnt sie denn zu 
dem? Ein Hamburger ist das doch nicht." 
„O nein! Ein waschechter Bayer mit dem klang 
vollen Schuhplattler-Namen Hubert Almröder. Ich muß 
immer an einen Schnadahüpfl singenden Holzknecht denke», 
wenn ich ihn sehe." 
„Ich falle aus den Wolken. Eine Neifebekanntschaft 
also? Vermutlich ein Offizier oder so was?" 
Die junge Dame lachte hell auf. 
„Offizier? Ich möchte wetten, feine Bildung hat nicht 
einmal bis zum Einjährigen gereicht. Ein Maler ist er, 
einer von den zmei:ausend Künstlern, die sich in München 
gegenseitig für Genies erklären." 
„Ach nein, Harriet, das ist nicht dein Ernst. So etwas 
würden die Frederiksens nicht einmal in ihr Haus lassen, 
um wieviel weniger in ihre Familie. 
„Ja, mein Lieber, so dachten wir alle. Aber man er 
lebt mitunter sonderbare Ueberraschnngen. Wenn's dich 
interessiert, kann ich dir zu Haus die Verlobungsanzeige 
vorweisen." 
„Unglaublich! — Ist er denn wenigstens reich und 
aus guter Familie?" 
„Nach obeibayrischen Begriffen — ohne Frage! — 
Doktor Homann hat vor zwei Jahren bei seinen Eltern in der 
Sommerfrische gewohnt. . Der Vater ist Bürgerineister von 
Bampfing, einer Gemeinde von beinahe zweihundert 
zusammen; getrennte Festsetzung findet sich in der Rege 
nur bei Vorgärten. Die Fluchtlinienfestsetzung erfolgt durch 
den Magistrat (Bürgermeister) unter Zustimmung der Stadt 
verordnetenversammlung und der Ortspolizeibehörde. Eine 
Pflicht der Gemeinde zur Festsetzung von Fluchtlinien be 
steht im allgemeinen nicht; doch kann die Ortspolizeibehörde 
ans verkehrstechnischen und ähnlichen Gründen die Fest 
setzung verlangen. 
Der Fluchtlinienplan muß eine genaue Bezeichnung 
der betroffenen Grundstücke, die Bestimmung der Höhenlage 
und der Art der Entwässerung enthalten. Die Jnnehaltung 
einer bestimmten Straßenbreite ist nicht vorgeschrieben; im 
allgemeinen pflegt man jedoch eine Mindestbreite von 6 in, 
die das Vorbeifahren von zwei Wagen gestattet, festzusetzen, 
während bei Vorhandensein einer zweigleisigen Straßenbahn 
mindestens 12 in gefordert werden. Im übrigen richtet sich 
die Straßenbreite regelmäßig nach der Höhe der zulässigen 
Bebauung und umgekehrt; finanziell von Bedeutung ist die 
Vorschrift, daß die Anlieger zu Straßen nur bis zur Höchst 
breite von 26 m beitragspflichtig sind. Vor endgültiger 
Feststellung des Planes ist dessen Offenlegung vorgeschrieben; 
Einwendungen sind innerhalb bestimmter Frist, mindestens 
vier Wochen, zulässig. Ueber die Einwendungen beschließt, 
wenn eine Einigung der Beteiligten nicht zustande kommt, 
der Bezirks- bezw. in kreisangehörigen Städten der Kreis 
ausschuß. Sind Einwendungen nicht erhoben oder erhobene 
erledigt, so erfolgt die förmliche Planfestsetzung durch den 
Gemeindevorstand, die in Bekanntmachung und Auslegung 
des Planes besteht. Die Ausführung des Planes ist Sache 
der Gemeinde, doch ist sie dazu nicht gezwungen; allerdings 
kann unter Umständeu die Polizeibehörde die Ausführung 
verlangen. 
Die Wirkung der Fluchtlinienfestsetzung ist eine doppelte: 
1. Einmal kann die Gemeinde die für Straßen und 
Plätze bestimmten Flächen dem Eigentümer entziehen —> 
enteignen; 
2. zum andern hat die Polizei die Befugnis, die Ge 
nehmigung zu Neu- und Umbauten über die Fluchtlinie 
hinaus zu versagen. 
Im ersteren Falle ist der Grundeigentümer für das 
abzutretende Land zu entschädigen; eine besondere Ent 
schädigung tritt ein, wenn durch die Fluchtlinie vorhandene 
Gebäude getroffen werden. Liegt überhaupt eine Ent 
schädigungspflicht der Gemeinde vor, so kann der Eigen 
tümer die Uebernahme des ganzen Grundstücks fordern, 
wenn der verbleibende Nest nach den baupolizeilichen Vor 
schriften des Orts nicht mehr zur Bebauung geeignet ist. 
Die Baupolizei ist ein Ausfluß der allgemeinen polizei 
lichen Befugnisse, aber besonders wichtig und einschneidend 
für die gesamten Wohnverhältnisse, für die Ausgestaltung 
des Städtebildes und damit für die Verwaltung jedes Ge 
meinwesens überhaupt. Baupolizeiverordnungen können für 
den Regierungsbezirk, den Kreis oder die Gemeinde erlassen 
werden. Sie regeln insbesondere die zulässige Bebauung 
Seelen, und sein Vermögt n wird auf niindestens zwölf 
Stuck Rindvieh geschätzt, die Schweine und das Geflügel 
gar nicht zu rechnen." 
FUi ulein Harriet kicherte in heller Freude an dem 
eigenen Humor, der Bruder aber, der in feinem grenzen 
losen Erstaunen die Riemen hatte ruhen lassen, schüttelte 
wieder und wieder den kurzgeschorenen Kopf mit dem 
korrekten, nichtssagenden Kaufniannsgesicht. 
„Und dazu sollten der Konsul und die Frau Senator 
ihre Zustimmung gegeben habe» ? — Nein, Harriet, das 
glaube, wer kann — ich nicht." 
„Sie werden wohl eben nicht um ihre Zustimmung 
befragt worden fein, du holde Unschuld! Fräulein Helga 
ist volljährig und besitzt ein eigenes Vermögen, wenn auch 
nur ein ganz kleines, wie der Papa sagt. Da das junge 
Ebepaar seine Zelte natürlich in München aufschlagen wird, 
inmitten der Schwabinger Boheme, wo man auf reine 
Wäsche ebensowenig Gewicht legt als auf philiströse Moral, 
hielten die Frederiksens es wohl für das beste und vor« 
nehniste, auf ein paar Wochen gute Miene zuin bösen 
Spiel zu machen. Daß sie auch nach der Hochzeit noch 
irgendwelchen Verkehr init den Herrschaften unterhalten 
werden, inöchte id, allerdings bezweifeln." 
„Daß sowas passieren kann I — In der Famile eines 
Senators! — Ich bin einfach starr. — Helga Frederiksen 
inmitten einer Künstler-Boheme! Gerade sie, der niemand 
gut genug war, und die sich schon mit siebzehn Jahren 
als die Unnahbare aufspielte, wie eine Prinzessin! Wie 
mag's dieser Bauernbursche denn nur angefangen haben, 
sie zu betören?" 
„Oh, als Gesellschafter ist er gar nicht so übel — alles, 
was recht ist. Hg(ald Sieveking hat ihn in München 
entdeckt und ihn nach Hamburg kommen lassen, weil 
er für den Speisesaal in seinen, neuen Hause ganz was 
Apartes an Wandbildern haben wollte. Sie sollen ja 
geradezu ein Skandal sein, diese Bilder. Und Sieveking 
bat sich mit dem Maler auch schon vollständig überworsen,
        
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