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Periodical volume Nr. 128, 03.06.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Wasser enthält, möglichst trocken gepumpt werden, wie das 
ja seinerzeit in Schöneberg, da, wo jetzt die Parkstation der 
Untergrundbahn sicher fundiert ist, ebenfalls geschehen ist.' 
Zn den Zwecken werden lange 1 Meter Licken Durchmesser 
haltende eisenarmierte Betonrohre in den Morast hinein 
getrieben, bis sie auf festen Untergrund zu stehen kommen. 
Dann wird in diesen Rohren ein mit Saugkopf versehenes 
und an eine Zentrifugalpumpe angeschlossenes Pumprohr 
hinabgeführt und solange elektrisch oder mit Dampf ge 
pumpt, bis sich keine nennenswerten Wassermengen mehr 
finden lassen! Um die Brunnen durch den Schlamm durch 
zupressen, werden sie oben mit etwa 100 bis 150 Zentner 
Sandsäckö beschwert. Wer sich überhaupt für die gesamte 
Anlage des Seeparks interessiert, versäume nicht, gerade die 
ersten sehr komplizierten Erdarbeiten zu beobachten. 
o In das Handelsregister wurde eingetragen: Bei 
Nr. 40 714. Ed. Ewert & Müller, Dresden, mit Zweig 
niederlassung in Berlin-Friedenau. Die hiesige Zweig 
niederlassung ist erloschen. 
o Ein mindestens dreihundert Jahre altes Hirsch 
geweih gefunden wurde gestern bei Kanalisations-Aus 
schachtungen im Westgelände Schöncbergs. Der dort bis 
auf 21 Meter hinabreichcnde Moorboden erfordert umfang 
reiche Arbeiten, und bei dieser Gelegenheit stieß man auf 
das Geweih eines Achtenders, das sorgfältig bloßgelegt und 
gehoben wurde. Der Fund erinnert daran, daß der Grunewald 
früher bis an das ehemalige Dorf Schöneberg herangereicht 
hat, und daß die Sumpf- und Wiesenstrecken, auf denen 
der Schöneberger und der im Entstehen begriffene Wilmers- 
dorfcrSadtpark liegen, als verlandeteAusläufcr derGruncivald- 
seen zu betrachten sind. Zur Zeit Friedrichs des Großen 
standen am Rande des Moorbodens drei Windmühlen, die 
das Wahrzeichen des alten Dorfes Schöneberg bildeten. 
Die Mühlcnstraße erinnert noch heute daran. Bon dem 
Knochengerüst des im Moor versunkenen Hirsches ist keine 
Spur mehr vorhanden, nur das bekanntlich sehr starke Geweih 
vermochte dem Zahn der Zeit jahrhundertelang zu widerstehen. 
o Die Rebhühner sind da! Der Feinschmecker schnalzt 
die Zunge. Der leckere Bogel bereitet ihm wieder Tascl- 
frcunden. Ueber 11 000 Rebhühner sind gestern am Tage 
der Freigabe für den freihändigen Verkauf (bezw. der Jagd- 
eröffnung), aus Mecklenburg und Böhmen bei den Wild- 
händlern und den städtischen Berkairfsvermittlern in der 
Berliner Zentralmarklhalle eingetroffen. Bei den städtischen 
Berkaiffsvermittlern wurden bei den Dersteigerungen für 
junge Tiere 80 Pf. bis 2,30 M. und für alte 00 Pf. bis 
1,26 M. im Großhandel erzielt. Im Vorjahre waren die 
Preise für erstere 80 Pf. bis 1,99 M. und für letztere 
70 Pst bis 1,14 M. Bei den Wildhändlern sind die 
Einzelverkaufspreise für junge Ware auf 1,25 M- bis 2,50 
Mark und für alte auf 1,20 bis 1,40 M. festgesetzt. 
o Die „Bremer Stadtmusikanten«' zogen gestern 
Nachmittag auf dein Wege nach Berlin durch Friedenau. 
Die Figuren des bekannten Märchens: Esel, Hund, Katze 
und Hahn/ die durch ihre „Musik" eine Räuberbande in die 
FUlcht jagten, wurden in einem Wägelchen von 2 Männern 
gefahren, -.-Es. .handelt sich., um eine Wette. Zwei Kölner 
haben gewettet, in 15 Wochen von Köln über Berlin nach 
Bremen mit den „Bremern" zu fahren. Der Unterhalt 
darf nur durch Verkauf von Ansichts-Postkarten bestritten iverden. 
o In den „Hohenzollern - Lichtspielen", Handjery- 
straße 64, kommt von heute ab die reizende Komödie „Ein 
Liebcsidyll in Mexiko" zur Aufführung. „Komtesse 
Troubadour" ist ein herrlich koloriertes Drama und „Die 
Braut des Leutnants" ein fesselndes Schauspiel in 2 Akten. 
Durchsichtige Meeresbewohner lernen wir in einer hübschen 
Naturaufnahme kennen. „Gerdas List" ist eine entzückende 
Humoreske, gespielt von Lissy de Stareiz. Zum Totlachen 
ist auch der Film „Aliria ist ungeschickt." Ein spannendes 
Drama in 2 Akten fiihrt den Titel „Gespenst des Scheins". 
Den französischen Jura zeigt uns ein herrlicher Naturfilm. 
Wenn wir noch erwähnen, daß als Einlage ein Film von 
der- „Asta Nielsen" gegeben wird, glauben mir damit die 
beste Empfehlung für unsere vornehmste Lichtspielbühne 
getan zu haben. Wer einige genußreiche Stunden genießen 
will, gehe in die „Hohenzollern-Lichtspiele". 
o Das Biofontheater in der Rheinstraste 14 bringt 
von , heute ab zwei der so beliebten Jndiynerdranien zur 
Vorführung: „In der Wildnis" zeigt die Schicksale eines 
von allen Mächten anerlanni werden. Wie unseren Lesern 
erinnerlich sein ivird, brachte er vor Jahren einige Zeit in 
London zu. Damals machte er sich durch sein liebenswürdiges, 
aügenehmcs Wesen, feine Klugheit und seine gewinnenden 
Manieren außerordentlich beliebt. Im Interesse Astoriens freuen 
wir uns aufrichtig über diesen Wechsel in der Regierung 
des Balkanstaatcs. 
Ex-König Erno hat sich, ivie unter Spezial-Berichterstatter 
auf telegraphischem Wege meldet, schon vor der Krönung von 
seinen Ministern und seinem Volke verabschiedet. Man be 
reitete ihm noch eine ivarme Ovation: er hat sich durch seine 
Abdankung mehr Freunde gewonnen, als durch seine jahrelange 
Regierung. Wie >vir Horen, hat er sich nach Paris begeben 
und gedenkt dort einige Zeit zuzubringen." 
Diesen Artikel im „Herald" las Lechmere. als er, vom 
Charing Groß Bahnhof lonimcnd, in einem Gab znm Palais 
der Königin fuhr. Befriedigt lächelnd faltete er das Blatt 
zusammen. 
„Der Streich ist geglückt," murmelte er vor sich hin. 
„Hoffen wir nun, daß auch der letzte Teil des Planes pro 
grammäßig verläuft." 
Er ließ sich der Königin melden und tvurde sogleich 
empfangen. Die hohe Fran'kam ihm ander Tür entgegen. 
„Nun?" fragte sie gespannt. „Ist der Prinz in Paris 
eingetroffen? — Und haben Sie meinen — haben Sie den 
König nach Paris bringen Linnen?" 
Lechmere verneigte sich bejahend. 
„Jawohl! —Es winde uns ein Automobil ztlr Verfügung 
gestellt, und wir kamen glücklich nach der französischen Hauptstadt. 
Der König ist bei Persigny untergebracht, Peretori wird in jedem 
Augenblick in Paris erwartet. Eure Majestät erhalten natür 
lich sofort telegraphischen Bescheid von dem Ansgang." 
Die Königin atmete tief auf. „Wenn es doch erst'vorüber 
wäre!" sagte fie. „Und unsere Gegner? — Was ist aus 
Mozaroff geworden?" 
(Schluß folgt.) 
.Cowboy während das „Brandmal" das Leben und Treiben 
Un den westlichen Wildnissen der Union anschaulich schildert. 
Die Handlung selbst, spannend und erschütternd zugleich, 
liegt, wohl längere Zeit zurück, die landschaftlichen Mlder 
aus den Felsengebirgen und der Wildnis sind zum teil heute 
noch aktuell. Die Wochenrevue von Pathö sräres zeigt 
wieder viel neue Vorgänge aus aller Welt, während der 
Film Chicago, die Riesenstadt am Michigansee mit ihren 
Wolkenkratzern und den weltbekannten Schlachthäusern in 
prächtigen Naturaufnahmen zeigt. Die Hälfte des Programms 
weist humorvolle Bilder auf. Der Koffer des Dedektivs ist 
spaßig, ebenso Kickebusch kaust ein Rennpferd. Max Linder, 
der: Schwerennöter, in der Posse „der Liebesbrief" ist wie 
immer, sehr ulkig. Auch Leo und sein Puppchen reizt zum 
Lachen. Es braucht nicht besonders erwähnt zu werden, 
daß ein Abend im Biofontheater verbracht, sicher nicht zu 
den verlorenen zu zählen ist. Eine Erkläung der einzelnen 
.Bilder findet man in dem am Eingang und im Saal er- 
' hältlichcu Programm. 
o Ein Verkehrshindernis durch ein umgestürztes 
Privatsuhrlverk wurde gestern abend nach V^/z Uhr an 
der Ecke der Rheinstraße und Kaiserallee dadurch herbei 
geführt, daß ein Automobil gegen ein besetztes' Breack' fuhr. 
Der Führer des letzteren wurde beim Fall leicht verletzt, 
die übrigen Insassen des Wagens kamen mit dem Schreck 
und dem unerwarteten Ruck davon. Das Geschirr des 
Pferdes wurde teilweise zerrissen, ein Scheerbaum zerbrochen, 
doch wurde das Tier nicht verletzt und blieb auf den Beinen. 
Der auf den Gleisen liegende Wagen sperrte den Straßen 
bahnverkehr nur kurze Zeit, kräftige Hände griffen zu und 
brachten das Gefährt wieder auf die Räder. Bei dem all 
gemeinen Wirrwar machte sich das Geschäftsauto eiligst auf 
die Flucht und sein Führer, der an dem Unfall allein schuld 
war, entkam. 
v Ein „nobler" Wohnungsmieter, auf den man schon 
seit langem fahndete, wurde gestern von der Schöneberger 
Kriminalpolizei in der Person des 23 jährigen Handlungs 
gehilfen Klaffte festgenommen. Kl., der sehr elegant in 
Gchrvck und Lackstiefcln einherging, suchte das Tiergarten 
viertel, Charlottenburg und die anderen westlichen Vororte 
auf, um angeblich als Sekretär seines Onkels, eines Berliner 
Professors, eine hochhcrrschaftliche Wohnung zu mieten. Bei 
der Besichtigung der Räume stahl dann Kl. alles, was ihm 
ivcrtvoll schien. Als er gestern am Bayerischen Platz den 
selben Trick versuchte, wurde er von einem Geschädigten, 
der seine Wohnung gewechselt hatte, erkannt und der Polizei 
übergeben. Bisher konnten Kl. ein Dutzend ähnlicher Dieb 
stähle nachgewiesen werden. Damit bürste aber sein Schuld 
konto noch nicht erschöpft sein, und weitere Geschädigte 
werden gebeten, sich beim IV. Schöneberger Kriminalbezirk 
zu melden.' 
o Das falsche Gerücht Dou : einem Morde war 
gestern Nachmittag in Schöneberg und Tempelhof verbreitet. 
; Auf der Grenze der beiden Orte fanden Tempelhofer Bau 
arbeiter die Leiche eines etwa 45 jährigen Mannes,, die eine 
Schußwunde in der rechten Schläfe aufwies. Die Schvne- 
bergßr., Mordkommission konnte aber bald feststellen, daß 
man es mit einem Selbstmörder zu tun hatte. Aus aufge 
fundenen Briefen wurde festgestellt, daß cs sich um den 
Arbeiter Ernst Grüneberg, Schömberg, Gothenstraße 19, 
handle, der wegen Familienzwistigkeiten in den Tod ge 
gangen war. 
o Bestohlene mögen sich melden. Gestern Nach 
mittag sind im Westen Friedenaus (Bezirk: Rheiugaustraße- 
Südwcstkorso) Glühbirnen aus den Hausfluren und Treppen 
häusern gestohlen worden. Der Täter ist von unserer 
Kriminalpolizei ermittelt und verhaftet worden. Die Ge 
schädigten werden gebeten, sich im hiesigen Kriminalbüro 
. Feurigstr. 8, Zimmer 20-21, zu melden. 
o Ein Automobil gestohlen. In der Evastr. 5, 
wurde in der letzten Nacht aus der Garage ein dunkel 
blaues Benzinauto, Nr. IA 1024, gestohlen. Es gehört 
dem Verlagsdirektor Walter Tiek, Wagnerplatz 2. 
o In den Teltowkanal gestürzt und ertrunken. An 
der Luisenbrücke in Steglitz stürzte sich heute morgen ein 
junges Mädchen in den Teltowkanal und ertrank. 
Vereins-Hachrichten 
Morgen Mittwoch tagen: 
Kegelklub „Friedenau 1909" (Mitglied des Verbandes Berliner 
Kegelklubs E. B.) kegelt jeden Mittwoch von 8'/, Uhr Abends im 
Laiiterplatz-Casino, Hauptstraße 80. Gäste und neue Mitglieder 
willkommen. 
Theaterverein „Xerxes" 1873. Sitzungen jeden Mittwoch 
9'/, Uhr im Vereinslokal Paul Spanholz, Steglitz, Körnerstr. 48c. 
Gäste als Mitglieder willkommen. 
Berlin und Vororte 
§o Der Berliner Stadtverordnetenversammlung ist eine 
neue Vorlage über die Festsetzung von Baufluchtlinien für 
die Neue Promenade, die Straße an der Spandauer Brücke 
zwischen Hackescher Markt und Stadtbahn und für die Straße 
i am Zwirngraben zugegangen. Danach soll nunmehr die 
Straße an der Spandauer Brücke eine Breite von 22 bezw. 
20 Metern erhalten, während für die Straße am Zwirn- 
, graben die ursprünglich vorgeschlagene Breite von 12 Metern 
vorgesehen ist. Der übrigbleibende Baublock wird dadurch 
um 174 Quadratmeter verkleinert. Diese neue Gestaltung 
des Baublocks entspricht übrigens vollständig den von der 
Stadtverordnetenversammlung bei der ersten Magistratsvorlage 
geäußertenWünschen und demVorschlage desStadtoerordneten- 
Ausschusses, der diesen Gegenstand vorberattzn hat. Die jetzt 
dort befindlichen Häuser müssen natürlich sämtlich abgebrochen 
werden. Der Hackesche Markt wird dadurch ein anderes 
Ansehen erhalten. 
§o Eine Neuausgabe des Berliner Gemeinderechts hat 
der Berliner Magistrat in die Wege geleitet. Sie soll außer 
dem schon in der ersten Auflage von 11 Bänden veröffent 
lichten auch die noch fehlenden Zweige der städtischen Ver 
waltung unifassen und wird daher umfangreicher als die 
erste Auflage werden. Zunächst ist das Recht der Ver 
waltung derGas-und der Elektrizitätsangelegenheiten vollendet 
und das Recht der Volksschulen fertig gedruckt worden. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Der Unfug der Reklame-Marken. 
Eine wahre Plage für die Geschäftsleute aller Branchen ist die seit 
mehreren Wochen ihren Höhepunkt erreichte Sammelwut von Groß 
undKlein in Reklame-Marken. Das jahrzehnte alte Interesse für Brief 
marken, und in neuerer Zeit für Ansichtskarten, hat eine reale Basis, 
hat einen volkswirtschaftlichen Sinn, trägt zur Bildung und zur 
Verständigung des Volkes untereinander bei, — kurzum trägt 
einem Bedürfnis weitester Kreise Erwachsener und Kinder Rechnung! 
Ich frage aber mit gewiß nicht wenig anderen: Was soll diese 
neueste Sammelwut, dieses Aufstöbern nach wertlosen, bunt 
bedruckten kleinen gummierten Zetteln? Welcher Zusammenhang 
besteht zwischen einer Landschaft aus Norwegen und der Abbildung 
eines hölzernen Küchengerätes, nebeneinander geklebt in dem „er 
forderlichen" Album? Oder etwa die Figur eines strammen 
pommerschen Grenadiers und daneben die Anpreisung eines 
Meffings-Putzpulvers? Diese mir beinahe futuristisch erscheinende 
Richtung einer Sammelet erachte ich als solch ungeheuerliche» Un 
sinn, daß ich es nicht genug bedauern kann, daß solcherlei ge- 
schmackvcrirrende, fast gedankenlose Sammeltätigkeit immer weitere 
Kreise zieht. Würden sich nur die Papierhandlungen, in deren 
Fach allein dieser kostbare Artikel schlägt, — mit demselben be 
schäftigen, könnte man es hingehen lasten. „Jedem Tierchen sein 
Plaisierchen!" — Und es soll ja auch sehr gut an diesem „Schlager" 
verdient werden, obgleich ich von Einzelnen dieser Branche höre, 
daß sie manchmal wegen 5 Pf. */« Stunde ausgehalten werden. 
Aber nein, — Glasereien, Gemüse- und Weißwaren-Geschäfte haben 
den Artikel aufgenommen — und eine ganze Reihe aller möglichen 
Branchen hatten nun ein Uebriges zu müssen vermeint: — Sie ver 
schenkten die Marken! Ein seine Zeit richtig einschätzender Kauf 
mann, — der obendrein auf seine persönliche Würde etwas gibt, 
— sollte sich von diesem Spielerei-Artikel emanzipieren, er wird 
auf die Dauer, wenn der Run auf die Marken sich gelegt hat, — 
keinen Schaden davon gehabt haben, — im Gegenteil — die Ein 
sichtsvollen werden ihm ihre Anerkennung nicht versagen! — Wie 
wäre es mit einem solidarisch wirkendem Plakat am Fenster, das 
da lautet: 
„Ihr Schwachen und Ihr Starken, — 
Fort mit Rcklamc-Matken I —" Carl Beer. 
Gerichtliches 
P. Kindcrmilch, die in Molkereien feilgeboten wird, unter 
zieht neuerdings die Polizeibehörde von Schöneberg einer be 
sonders scharfen Kontrolle durch die chemische Untersuchung der ans 
den Kuhställen eigens entnommenen Proben. Die Folge sind 
Strafmandate wegen Feilhaltcns verdorbener und verfälschter 
Nahrungsmittel gegen diejenigen Molkereibcsitzer deren „Kindcr"- 
Milch nicht den Anforderungen entspricht, die man an Säuglings, 
i Nahrung notgedrungen stellen muß. Strafmandate hatten ivegcn 
Feilhaltens bezw. Verkaufs derartiger Kindermilch die Molkerei- 
besitzerin Frau Freier, Hauptstraße und der ebenda wohnhafte 
'Molkereibesitzer Fischer von der Polizei erhalten. Beide hatten 
beim Schöffengericht Einspruch eingelegt mit dem Antrag ans 
.richterliche Entscheidung. Diese fiel gegen Frau Freier sehr milde 
aus. Das Gerichts erkannte dem Antrage des Amtsanwalts gemäß 
, auf 5; M. Geldstrafe eventl. 1 Tag Haft. Der in der nachher 
verhandelten andern gleichartigen Anklagesache beschuldigte Fischer 
hatte der Verhandlung der ersterwähnten Sache beigewohnt. Er 
erklärte, daß er seinen Einspruch zurücknehme und sich bei dem 
, polizeilichen Strafbefehl beruhigen wolle. 
P. „Die elenden Korridortür-Schlösser kann ja ein jeder dumme 
Junge mit einem krummgcbogenen Nägel aufmachen!" erklärte der 
' schon oft als „Klingclfahrer" vorbestrdftei aus dem Untersuchungs- 
i gefängnis vorgeführte Arbeiter Karl Weber, der sich gestern vor 
der 2. Ferienstrafkammer des Landgerichts III verantworten mußte 
wegen schwere»''Dickbstühls' im ' Rückfälle. Weber der unter der 
Maske eines Bettlers in den Hausen: als „Klingelfahrcr" umherzog, 
wurde bei einem Diebstahl in der'Sigmaringenstraße festgenommen! 
Bor der Fericnstrafkammer war Weber geständig. Dem Antrage 
des Staatsanwalts gemäß lautete das Urteil des Gerichtshofes auf 
6 Monate Gefängnis. 
Carl-Reichel-F)eim. 
In aller Stille ist im Harz ein llnternehmcn ins Leben ge 
treten, das gemeinnützigen Zwecken dienen will. Für Friedenau 
gewinnt es ein besonderes Interesse dadurch, daß der Plan dazu 
' der stillen Gedankenarbeit eines unserer tüchtigsten Mitbürger ent 
sprang. Daß seine Idee so bald greifbare Gestalt gewinnen konnte, 
i ist vorzugsweise der großherzigen Unterstützung eines genialen 
deutschen Mannes in Verbindung mit der durch Erfahrung be 
flügelten Tatkraft einer deutschen Frau zu verdanken, die im Harz 
ansässig und jeder humanitären Bestrebung wohlgeneigt ist. 
Wir entnehmen der Wernigeröder Zeitung die folgenden Mit 
teilungen über das Unternehmen: 
„Unter der Bezeichnung Carl-Rcichel-Heim ist im Schloßgartcn 
zu Elbingerode i. H. ein Erholungsheim eingerichtet und in Be 
trieb gesetzt worden. In seiner weiteren Entwickelung soll das mit 
der ganzen Behaglichkeit unserer Altvorderen gebaute, aber als 
frühere Dienstwohnung eines höheren Verwaltungsbeamtei, doch 
»nt manchen Vorzügen der neueren Wohnungstcchnik (Wasser 
leitung, Badeeinrichtung, elektrischer Beleuchtung) ausgestattete Hans 
zu einem Erholungsheim für „Edelhandwcrkcr" werden" 
Der Ausdruck Edelhandwerker ist neu geprägt und bedarf 
: der Erläuterung. Wenn schon im weiteren Verlause des Artikels 
die Präzisionsmcchanik als eines der vornehmeren Edclhandwcrkc 
genannt wird, so will der Inhalt dieses Wortes viel weiter gefaßt 
werden. Wie man unter einem Freimaurer nicht sich einen Maurcr- 
- gesellen vorstellt ohne doch ausschalten zu wollen diejenigen, die 
sich durch dieses Handwerk hindurch vermöge besonderer Tüchtigkeit 
und besonderen Strebens zu einer höheren Stufe emporgearbeitet 
haben, hat man unter einem Edelhandwerkcr nicht irgend einen 
Mechaniker — mag er es nun wirklich sein oder sich so nennen — 
oder einen Schlostergescllcu zu verstehen. 
Wir lassen es bei dieser kurzen Andeutung bewenden, über 
gehen auch zunächst den in jenem Artikel enthaltenen Aufruf zur 
Spendung von freiwilligen Beiträgen, die auf das bei der 
Wernigeröder Bank zu Wernigerode errichtete „Conto Carl-Rcichel- 
Heim" eingezahlt werden können und die zum weiteren Ausbau 
dieses Heims und zur Tilgung der Belastung verwendet werden 
sollen, damit recht bald die feste Organisation einer Stiftung ge 
schaffen werden könne, deren kontinuierliche Weiter- und Höher- 
Entwickelung durch das Protektorat, einer im Harz hochnivgcnden 
Stelle gesichert werden würde... Dagegen machen wir> uns gerne 
zum Sprachrohr für die Bitte des Artikels: es mögen recht viele 
Personen der gebildeten Kreise alsbald das Heim aufsuchen, dessen 
jetzige Anlage für Familien sehr angenehme gut ausgestattete Wohn- 
räume bietet und dessen mauerumwehrter Schloßpark niit Schloß- 
ruine auf Wunsch ganz abgesonderte Plätze für die einzelnen 
Familiengruppen gewährt. 
Auf dem Wege fleißiger Benutzung kann am schnellsten die 
Grundidee und die Art ihrer Durchführung einem größeren Kreise 
. sinnfällig gemacht werden und cs können etwaige Mängel in der 
ersten Anlage auf diesem Wege am sichersten erkannt und am 
schnellsten beseitigt werden. Wir dürfen nach den bisherigen Er 
fahrungen annehmen, daß kein feinsinniger Besucher sich dem 
eigenartigen Reiz der Oertlichlcit ivird entziehen können, die sehr 
weite Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft in sich schließt. 
Was für die ineisten unserer Leser aber von einschneidcnstcr 
Bedeutung ist, das ist der Umstand, daß die Leitung des Reichel- 
Heims dem gemeinnützigen Charakter schon jetzt durch die geringe 
Preisstellung Rechnung zu tragen sucht und daß der Preis für 
volle Pension inkl. Zimmer sich zwischen drei und fünf Alnrk be 
wegt, mit den im Harz üblichen vier Mahlzeiten (Frühstück, 
: Mittagessen: Nachmittagskaffee, Abendessen). Bei Aufenthalt über 
vier Wochen sind besondere Abmachungen zulässig, über die mit der 
Leiterin Fräulein, Hoffmeister zu .verhandeln ist, an welche auch die
        
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