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Periodical volume Nr. 193, 18.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

schon nicht mehr mit solchem Hochgefühl der Freude nnd ! 
vollem innerlichen Hcrzcnsjubcl die Felder. Der Wanderer 
spürt, die ganze Natur ist matter geworden; verschwunden 
ist der jubitiercnde Gesang der Bügel in den Lüften, in 
Wald, Feld und Garten. Wohl hört man noch einzelne 
Stimmen; sie drücken aber nicht mehr die übergroße Freude 
acrs. Viele Vögel sammeln sich bereits in Scharen und voll 
führen dabei, wie die Stare, einen nicht geringen Lärm; 
allein es sind keine lockenden, gefühlvollen Liebes- und Kunst- 
töne mehr. Es ist loses Geschrei. Kein Kuckuck ruft mehr 
aus dem Wald. Mit der Fülle der Felder verschwindet immer 
ein Stückchen nach dem andern von der sommerlichen Poesie,^ 
und die frischgepflügten Aecker lassen schon die Sorge für 
das nächste Jahr erkennen. Sogar das Blätterwerk der 
Bäume ziigt nicht inehr die saftige Frische. Die Sommer 
wärme vollzieht regelrecht ihre vertrocknende Arbeit und hie 
ersten fallenden Blätter vervollständigen das Gesamtbild des 
entweichenden Lebens. Die Abende werden wieder merkbar 
länger und das Leben, Tummeln und Treiben im Freien, 
das „Sitzen unter dein Lindenbanm" nimmt ab. Da in 
diesein Jahre die Ebereschen schon in der letzten Julihälfte 
ihre roten Beeren reifen ließen, wird auf einen zeitigen 
Herbst gedeutet. Ob dieses Zeichen nicht trügerisch ist, bleibt 
abzuiy arten. 
o Eine neue Auszeichnung für Straßenbahner ist 
jetzt für 25 jährige Dienstzeit geschaffen worden. Bekanntlich 
haben die Straßenbahner, die auf eine zweijährige Dienst 
zeit zurückblicken können, eine goldene Litze auf den beiden 
Aermelaufschlägcn. Nach fünfjähriger Dienstzeit erhalten sie 
eine ebensolche Litze am Kragenrand und nach weiteren 
fünf Jahren tritt dann noch ein Stern hinzu. Zu diesen 
Auszeichnungen ist die für 2öjährige Dienstzeit getreten. 
Dieselbe besteht aus einer schmalen Goldlitze unterhalb der 
für fünfjährige Dienstzeit ain Kragenrand angehefteten 
breiten Goldlitze. Auch die Straßenbahner, denen das ncu- 
anznstellende Personal zur Ausbildung als Schaffner oder 
Fahrer überwiesen wird, tragen ein besonderes Abzeichen. 
Dasselbe besteht aus Eichenblättern, das unterhalb der 
Kokarde an der Mütze (getragen wird. 
v Warnung vor „sprachheilkundigen" Personen. Es 
muß dringend gewarnt werden vor den „sprachheilkundigen" 
Personen, die ihre Methode in den Tageszeitungen 
empfehlen. Sie bereisen die größeren Städte, kündigen in 
den Tageszeitungen ihre Sprechstunden an. in welchen sie 
ihre Auskünfte für nur 1 M. erteilen. Die ganze Aus 
kunft besteht aber lediglich nur darin, daß sie den Inter 
essenten geschäftsmäßig ohne sachkundige Aufklärung über 
das Leiben die von ihnen erfundenen Apparate anpreisen 
und zu verkaufen suchen. Ein persönliches Erscheinen des 
Stotternden in den Sprechstunden ist daher auch nicht er 
forderlich. Die Apparate werden weder gezeigt, noch vor 
geführt. Sie kosten viel, gewöhnlich das Stück 40 Bk. Die 
Heilwirkungen, die den Apparaten in den übertriebenen An 
preisungen zugeschrieben werden, treten nicht oder doch nur 
selten vorübergehend ein. Die Apparate, die nur eine 
mechanische Wirkung ausüben sollen, können auch gar nicht 
die nachgerühmte Wirkung haben. Ohne sachkundige Berück 
sichtigung der wirklichen Ursachen des Leidens, die entweder 
von Krankhaften Zuständen der Lippen, des Gaumes und 
der Zunge als den Organen der Läutbildnng oder des Kehl 
kopfes als Organ der Stimmbildung oder der Lungen als 
Organ der Atmung ausgehen können, sind sie viel zu 
mechanisch laienhaft erdacht. Die Apparate haben keines 
wegs den Wert eines radikalen Heilverfahrens, das geeignet 
ist, sicher und gründlich das Stottern zu beseitigen. Die 
ersten deutschen Sprachheilärzte haben sich denn auch im 
obigen Sinne geäußert. Alle die sich bereits durch die 
übertriebenen Anpreiscmgen zur Bestellung eines solchen 
„Heilapparates" bewegen ließen und die erhoffte Heilung 
nicht gestruden haben, wollen ihr Anliegen der Zentralstelle 
zrrr Bekämpfung der Schivindelfirmen in Lübeck, Parade 1, 
vortragen. Auch die öffentliche Rechtsauskunftsstelle Adlcrs- 
hvf, Posadowsktzstr. l, ist jederzeit bereit, Minderbemittelten 
in solchen Fällen Rat und Hilfe zu gewähren. 
o Für die Entlassung der Reservisten kommen als 
späteste Termine der 30. September inbetracht. An diesem 
Tage werden beispielsiveise die Mannschaften des Trains, 
der Bezirkskommandos und die Oekonorniehandwerker ent 
lassen. In der Hauptsache aber richtet sich der Entlassungs- 
ternrin nach der Beendigung der großen KorpSmanöver. 
Bei den Truppenteilen, die an den Manövern teilnahmen, 
wird je nach Anordnung der bezüglichen Generalkommandos 
die Entlassung der Reservisten in der Regel am zweiten 
Tage nach dem Schluß der Korpsmanöver, ausnahmsweise 
aber auch am ersten oder dritten Tage nach ihrer Bc- 
endigung stattfinden. 
o Theater im „Kaiser-Wilhelm-Garten". „Der 
Vetter", Lustspiel in 3 Akten von Roderich Benedir, ge 
langte am Sonnabend durch das Deutsche Theater Berlin- 
Charlottenburg im „Kaiser-Wilhem-Garten" zur Aufführung. 
Unter der Regie des Herrn Hans Mainau wurden ein flottes 
Spiel und auch recht achtbare Einzelleistungen geboten. 
Hans Wandersleben war ein ausgezeichneter Vetter Siegel, 
der mit gutem Humor und feiner Charakteristik diese Rolle 
spielte. Mara Gcrhofer gab die Luise liebenswürdig und 
mit passendem Ton. Dvrri Geißler war eine reizende 
Pauline und entzückte besonders in dein Tanzduett mit 
Hermann Stutz (Kurt). Der Großkaufmann Gärtner fand 
in Heinrich Beese einen guten Vertreter und Heddp Schlee 
spielte den verliebten Sekundaner überzeugend. Jen6 
Gaßner (Ernst) hat eine zu irnklare Aussprache und Kurt 
Frei) (Buchheim) ließ es an Wärme fehlen. Das Ganze 
war aber jedenfalls eine gut gelungene Vorstellung, die den 
gespendeten lebhaften Beifall verdiente. Die nächste Vor 
stellung am Sonnabend, dem 23. August wird ein Einakter- 
Abend sein. 
o Auf der Treptow-Sternwarte spricht Dir. Dr. F. 
S. Archenhvld am Mittwoch, dem 20. August, Abends 
»V, Uhr im „Verein von Freunden der Treptow-Stern 
warte" über „Astronomie mit dem Opernglas und der 
Handkamera" mit praktischen Uebungen auf der Plattform 
des Institutes. Die Hörer werden gebeten, ihre Opern 
gläser mitzubringen. — Gäste sind willkommen. Mit dem 
großen Fernrohr wird vor dem Vortrag der Jupiter und 
nach dem Vortrag der Mond beobachtet. 
o Bebels Bestattung in Zürich wird heute Abend in 
den „Hvhenzvllcrn-Lichtspielen", Handjcrystr. 04. zur 
Vorführung kommen. Außer diesem Film. der wiederum 
beweist, daß die „Hohenzollernlichtspiele" stets Oas Netteste 
zu bieten bemüht sind, wird ein nnterhaltsomes Programm 
geboten, sodaß wir allen den Besuch empfehlen können. 
o Im Wege der Zwangsvollstreckung soll das 
Hähnelstr. 9, belegene, auf den Namen des Baumeisters 
Ernst Buckenauer in Lichtenberg eingetragene Grundstück am 
30. Oktober 19.13, Vormittags 10 Uhr, ..versteigert werden. 
Das Grundstück ist mit 8294 M. jährlichem Nutznngswert 
zur Gebäudesteuer veranlagt. 
o Ein gefährlicher Hochstapler, der von verschiedenen 
Behörden gesucht wird, wurde gestern von der Schöneberger 
Kriminalpolizei festgenommen. .Der Verdächtige, der sich 
Wilhelm! Blau nennt, mietete dieser Tage in der Pfalz 
burger Straße in Wilmersdorf ein möbliertes Zimmer, er 
klärte aber, die Miete erst in den nächsten Tagen zahlen 
zu können, da sein Koffer mit seinen Wertpapieren noch auf 
dem Bahnhof sei. Als der Mieter auch am nächsten Tage 
nicht zahlte, wandte sich die Vermieterin an die Kriminal 
polizei, die den Mann beobachtete und feststellte, daß sein 
Signalement mit einem Hochstapler übereinstimmt, der pon 
verschiedenen Behörden wegen Hochstapelei gesucht wird. 
Der Mann wurde festgenommen, verweigerte jedoch zu 
nächst jede Angabe nnd drohte dem Polizeibeamtcn mit 
einer Klage wegen Freiheitsberaubung. Seinen Koffer mit 
seinen Legitimationspapieren wollte er auf dem Bahnhof 
Zoologischer Garten einem Gepäckträger verpfändet haben. 
Der Gepäckträger wurde ebenfalls ermittelt, verneinte aber 
alle Angaben des Schwindlers, worauf dieser dem Char 
lottenburger Amtsgericht zugeführt wurde. Bisher weiß 
man noch nicht, wie der richtige Name des Verhafteten lautet. 
o Uebersahren. An der Ecke der Luitpold- und 
Martin-Luther-Straße wurde gestern der Briefträger Richard 
Fechner durch ein Droschkenautomobil überfahren. Im 
schwerverletztem Zustande wurde der Verunglückte in das 
Schöncberger Krankenhaus gebracht. 
o Aus dem Fenster gestürzt hat sich gestern die Ehe 
frau des Eigentümers W. aus der Körnerstraße. Die Frau 
die geistig nicht normal war, erlitt so schwere Verletzungen, 
daß sie bald nach dem Sturz verstarb. 
o Polizcibericht. Als gefunden sind hier angeineldet 
morden: 1 Netz mit 3 Tennisbällen, 1 Trauring, 1 Paket 
mit 9 Herrenhemden, 1 Sack mit Bleirohr. 1 Armspange, 
1 Brille. — Zugelaufen feine Spitzhündin. Die rechtmäßigen 
Eigentümer vorbenannten Gegenstandes werden aufgefordert, 
, ihre Ansprüche binnen drei Monaten im hiesigen Fundbüro, 
Feurigstraße 7, Zimmer 6, geltend zu machen, da sonst 
anderweitig über die Fnndgegenstände, sowie die Hündin 
verfügt werden wird 
Schöneberg 
—ii Das Berlin - Schöncberger Arbeitsamt im Jnli 
1913. Der Arbeitsmarkt wird z. Zt. von einer schweren 
Depression beherrscht, die bei weitem ungünstiger als in den 
Vorjahren ist. Die Bauarbeiten sind vollkommen zurück 
gegangen: daher sind die Vermittlungscrgebnisse in der Ab 
teilung für Bauarbeiter usw. gering. Erfreulich ist und 
bleibt, daß die Vermittlungsergebnisse in der Abteilung für 
gelernte Arbeiter und in der für Dienstboten gut bleiben 
und stetig besser werden. In der Landwirtschaft und Forst 
wirtschaft waren die Nermittlungsergebnisse gut: 14 (in dem 
, gleichen Monate des Vorjahres 0), in der Metallverarbeitung 
ebenfalls 93 (60), in der Lederindustrie 8 (5), in der 
Industrie der Holz- nnd Schnitzstoffe 11 (8) und im Bau 
gewerbe 40 (18). Insgesamt sind 183 gelernte Arbeiter 
und Handwerker einschließlich Lehrlinge gegen 97 in dem 
gleichen Monate des Vorjahres in Stellung gebracht worden. 
Auch in der Abteilung für weibliches Personal sind gute 
Ergebnisse zu verzeichnen: 222 Dienstmädchen gegen 166 
in dem gleichen Monate des Vorjahres und 534 Wasch- 
und Reinmachcfranen und Aufivärterinnen gegen 530 in dem 
gleichen Monate des Vorjahres. Jnsgesanit wurden 3755 
(3993) eingegangene Gesuche, davon 2156 (2210) von 
Arbeitnehmern und 1599 (1783) von Arbeitgebern erledigt. 
Die Gesamtzahl der vermittelten Stellen beträgt 1535 
(1548). Zur Zeit sind im Arbeitsamte Handwerker, 
Arbeitsburschen, Dienstmädchen usw. in großer Zahl ge 
meldet, sodaß allen Arbeitgebern immer wieder dringend ge 
raten werden kann, bei Bedarf von Arbeitskräften irgend 
welcher Art sich des Bcrlin-Schöneberger Arbeitsamtes, 
Grunewaldstr. 19, zu bedienen. Das Arbeitsamt geivähr- 
leistet jedem Auftraggeber zuverlässige nnd schnelle Er 
ledigung seiner Aufträge. Der Fernruf ist Amt Nollendorf 
Nr. 230 nnd 231. 
Berlin uncl Vororte 
8» Das neue Gleisdreieck. Seit April v. I. kann 
das Publikum, das 'mit der Hochbahn über das Gleisdreieck 
führt, die Lösung'interessanter technischer Probleme bei deu 
dortigen Umbauarbeiten verfolgen. Allmählich geht diese 
Arbeit ihrem Ende entgegen; damit kommt ein Vau zum 
Abschluß, der zu den schwierigsten gehört, die die Hochbahn- 
gesellschaft bisher ausgeführt hat. Wie aus der früheren 
Gestalt^ des Gleisdreiecks die jetzig völlig umgewandelte 
mitten im Betrieb hat herauswachsen können, das wird in 
dessen wohl nur der verstehen können, der in Einzekpläne 
dieser komplizierten Arbeit genau eingeweiht ist. Der 
Kreuzungsbahnhof Gleisdreieck selbst und sein Zugang von 
der Luckenmalder Straße aus sind so gut wie fertiggestellt. 
Zurzeit liegt der Schwerpunkt der Vauarbeiten darin, daß 
die an den Kreuzungsbahnhof von der Seite des Leipziger 
Platzes und von der Seite der Vülowstraße sich anschließenden 
eisernen Brücken, die durch provisorische Viadukte umgangen 
sind, in ihre neue Lage hinabgesenkt werden. Eine kaum 
nennenswerte Störung des Betriebes wird nur in den Nächten 
einsreten, in, der die Gleise von den provisorischen Viadukten 
auf die definitiven Brücken übergeleitet werden. Diese 
Arbeit wird sich in einigen Nächten von Sonnabend jaus 
Sonntag abspielen und den Verkehr in den frühen Morgen 
stunden des Sonntags etwas beschränken. Die neu« Ncber- 
brückung des Potsdamer Außeubahnhoss ist bereits völlig 
ausgerüstet und wartet darauf, im nächsten Frühjahr über 
die Denncwitzstrnße durch den Banblock zivischcn Steglitzer 
und Kurfürstenstraße in der Richtung nach dem Nollcndorf- 
platz und Wittenbergplatz weitergeführt zu werden. 
Zu?ckriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Nochmals die Schulnusere. 
Da sehen wir nun. wohin die Schulpolitik unserer Gemeinde 
führt. Für 5—6 Schülerinnen wollte man die ungeheuren Kosten 
eines Oberlyzeums auf sich nehme», aber dafür, daß alle 
Kinder in Friedenauer Schulen untergebracht werden können, sorgt 
man nicht. Welche Mühe hat es z. V. gekostet, ehe der Gemeinde- 
vorstand sich dazu verstand, eine dritte Sexta des Rcformreal- 
gymnasiums einzurichten, lind jetzt erlebt man es wieder, daß in 
den unteren Klassen der „Königin-Luisc-Schule" kein Platz für neue 
Schülerinnen ist. Dieser Zustand muß doch dem Gcmeindevor- 
stand schon lange bekannt sein. Warum wurde er bisher ver 
schwiegen? Etwa um das Oberlyzeum nicht vergessen zu lassen? 
Von Grund auf soll man verbessern. Was nützt einer schönen 
Dame der kostbarste Fcderhut, wenn ihr gleichzeitig die Füße ver 
wundet werden, sodaß sie krank darnicderliegen muß? Alan sorge 
zunächst für gesunde Füße und wenn dann später noch Geld vor 
handen ist, kann auch noch der Fcderhut gekauft werden! 6—r. 
In der Zuschrift der Souutagsnummer betitelt: „Zur Markt- 
frage" soll das zweitletzte Wort in der 11. Zeile- von oben, wie 
der denkende Leser auch schon herausgefunden haben wird, nicht 
„weil" sondern „wenn" heißen, sodaß dieser Satzteil lautet: 
„Dann wird das Haus, wenn der Händler die Kunst des «Ge 
schäftes nicht versteht, so mit Gerüchen durchzogen, daß es für 
die übrigen Mieter nicht mehr bewohnbar ist." — ei— 
Die neuen, alten F>abelTtuben* 
Wenn der müde Wanderer in früherer oder späterer Abend 
stunde aus der Stadt kommend, vonr Wannscebahnhofe zu seinen 
Friedenauer Penaten heimkehrt, dann winkt ihm in der Wilhelm- 
Hauffstraße helleuchtendes Blinkfeuer. Wie die Schiffe Nachts auf 
hoher See das Aufblitzen des heimischen Leuchtturmes begrüßen, 
das ihnen fröhliche Heimkehr in den - sicheren Port verheißt, so 
begrüßt der heimkehrende Bürger das trauliche Leuchten, das von 
der schmucken, kleinen Billa ausgeht, und das so etwas verführerisch 
Lockendes an sich hat. „Geh' noch einmal kurz vor Anker, ehe Tu 
endgültig die Trossen am ehelichen Bettpfostcn festmachst", das ist 
die Sprache des Blinkfeuers in der Wilhelm-Hauffstraße, nnd so 
mancher kann seinem Winken und Blinken nicht widerstehen. Weiß 
er doch, daß seiner in dem schmucken Häuschen ein gemütlicher 
Winkel harrtz wo er bei einem guten Tropfen noch ein friedlich 
beschauliches Stündchen sitzen kann. Habelscher Wein — das Wort 
verbürgt Solidität und Güte und hat bei jedem echten Berliner 
einen guten Klang. Wer somit nicht die alten Habelschen Stuben 
Unter den Linden, in die sich ein Stück des alten Berlin heinein- 
gerettet hat, jenes alten Berlins, das noch nichts vonr aufregenden 
Trubel der Weltstadt wußte und das nur den Ehrgeiz hatte, die 
Haupt- nnd Residenzstadt der Prcußenkönige zu sein! Das solide, 
gute, bürgerliche Berlin, das findet man Hoch heute in den Habelschen 
Stuben. Und dieser Geist der Solidität herrscht auch in den 
Habelstubcn von Friedenau, dafür bürgt der Name Habel, und 
dafür bürgt vor allem auch Herr Schindler, der Hausherr der 
kleinen Billa in der Wilhelin-Hanffstraßc in Gemeinschaft mit seiner 
ivürdigen Ehegattin. Ter Gast, der zu einem gemütlichen Schoppen 
einkehrt, kann gewiß sein, daß er nicht als bloße Nummer traktiert 
wird, wie es ihm ivohl in der großen .Massenabfülterungsstätte 
Grvßberlins ergeht, — pfleglich, wie die alten Weine, die im Keller 
aufbewahrt werden oder zum.täglichen-Gebrauch in den Regalen 
um den eichenen Schanktisch aufgelegt sind, wird er vv» seinen 
Wirten behandelt und nach seiner Individualität bedi«nt. -Ter 
Herr Sint bekommt, ohne daß er nur ein Wort zu sagen braucht, 
sein wohltemperiertes Moselchen vorgesetzt, das er nun schon seit 
Jahren trinkt, der Herr Doktor bevorzugt den Roten mit der gelben 
Kapsel und der Herr Oberst nimmt, che er seinen gewohnten 
Schoppen genehmigt, stets sein kleines Schnäpschcn, das ist etwas 
Selbstverständliches in den Schindler'schen Habelstubcn und gerade 
das macht sie so traulich, daß man sich in ihnen wie zu Hause 
fühlt, und daß die alten Stammgäste ihnen in den 16 Jahren ihres 
Bestehens treu geblieben sind. Bor 1898 an, ivo sie im Hanse der 
jetzigen Schöncberger Polizeiwache zum ersten Male ihre Pforten 
öffneten, und von ivo sic 1903 in die Löffler'sche Billa übersiedelten 
haben sie bis heute ihren guten Ruf bewahrt. 
Als zu Beginn dieses Sommers Herr Schindler seinen Gästen 
ankündigte, daß er eine Renovierung seiner Habelstubcn beab 
sichtige, da blickte wohl mancher bedenklich drein. 'Es ist eine alte 
Erfahrung, daß die Alaurcrkelle und der Nlalerpinsel dem trau 
lichen Geiste, der in den Ecken nnd Winkeln alter Lokale haust, 
mag er sich auch in ein noch so verstaubtes Gewand gehüllt Haben, 
gar feindlich gesonnen sind, und daß sie ihn oft wohl gänzlich aus 
dem Hause vertreiben. Aber wer heute in die Schindler'schen Hadel- 
stuben tritt, der wird sich überzeugen müffen, daß nicht nur der 
alte Geist in ihnen geblieben ist, sondern daß er sich noch fester 
und traulicher eingerichtet hat. Blitzblank und sauber ist alles ge-
        
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