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Periodical volume Nr. 192, 17.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

langer Frist nicht wird gesprochen werden können. Auch 
der bekannte Beschluß des deutschen Städtetages 31t Posen 
1911 — der die Arbeitslosenversicherung als eine nicht von 
den Städten zu lösende Aufgabe bezeichnet — kann keines 
falls als ein Abschluß der Bewegung bezeichnet werden. 
Sehr wesentlich kann die Stadt zur Milderung des 
Konkurrenzkampfes beitragen bei der Vergebung städtischer 
Arbeiten an Unternehmer. Die Festsetzung billiger Sub- 
missionbedingungcn muß gefordert werden; die Einteilung 
der zu vergebenden Arbeiten in möglichst kleine Lose 
empfiehlt sich, um auch dem kleinen Handwerker Gelegen 
heit zur Beteiligung zu geben. In manchen Städten hat 
man zur Vermeidung existenzschädigender Unterbietungen das 
sogenannte Mittelpreisverfahren bei Arbeitsbedingungen ge 
wählt; dasjenige Angebot, das dem Mittelpreise sämtlicher 
Angebote am nächsten kommt, erhält den Zuschlag. Eine 
bedeutungsvolle Unterstützung der auf den Frieden innerhalb 
der einzelnen Gewerbe hinzielenden Bestrebungen ist darin 
zu finden, daß d.ie Stadt bei ihren Vergebungen den Unter 
nehmern die Einhaltung der Tarife und sonstigen Ab 
machungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zur 
Bedingung macht. So hat eine große — wohl die über 
wiegende — Zahl deutscher Städte seit Jahren prinzipiell 
ihre Druckarbeiten nur bei den sogenannten „tariftreuen" 
Druckereien herstellen lassen — ein Vorgehen, das auch die 
Reichs- und preußische Staatsverwaltung anwendet. 
Die in den letzten Jahrzehnten außerordentlich ge 
stiegenen und dauernd weitersteigenden sozialen Aufgaben 
der Städte, sind so vielseitig, daß sich hier nur eine kleine 
Auslese wichtiger Punkte geben läßt. Gerade auf diesem 
Gebiete zeugt auch wieder fast jeder neue Tag neue An 
regungen, die in die Tat umgesetzt zu worden begehren. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Orlginalartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
0 Der.Rathausbauausschuß besichtigt am Montag, 
dem 18. d. M., Nachmittags 4^/, Uhr, das neue Schöne- 
bcrger Rathaus.,,,. Gleichzeitig wird die dort vorhandene 
Paternostenverkanlage (Fahrstuhl) besichtigt. Die Führung 
übernimmt Herr Magistratsbaurat Seemann-Schöneberg. 
Die Mitglieder des Ausschusses treffen sich am Eingang zum 
Rathaus in der Freiherr-oom-Stein-Straße. 
0 Der Impfung wurden in Friedenau im Jahre 
1912 unterzogen 970 Erstimpflinge, 640 Wiederimpflinge 
(im Jahre 1911: 858 Erstimpflinge und 004 Wieder 
impflinge). 
0 Die höheren Stellen in der Neichsversicherungs- 
anstalt für Angestellte sind nunmehr sämtlich besetzt.- Der ; 
Kaiser hat die letzten vom Bundesrat vollzogenen Wahlen 
von drei höheren Beamten für die Reichsversicherungsanstalt 
für Angestellte bestätigt. Das Direktorium besteht aus dem 
Präsidenten Koch, dem Geh. Oberregierungsrat Beckmann 
und den Geh. Regierungsräten Lehmann, Haenel und Roth- 
gangel. Es gehören ferner dazu vier ehrenamtliche Mit 
glieder, nämlich als Vertreter der Arbeitgeber, Generaldirektor 
Dr. Hager (Berlin) und Generaldirektor Dr. Häßler (Duis 
burg) soivie als Vertreter der versicherten Angestellten Vcr- 
bandsspndikus Dr. Werner (Düsseldorf) und Alfred Noth 
(Hamburg). An höheren Beamten hat die Reichsversicherungs 
anstalt noch zwölf Rcgierungsräte, nämlich Dr. Thiessen, 
Dr. Hahn, früher Bürgermeister in Rummelsburg, Dr. Wankel- 
muth, Wepmann, Dr. Franz, Kloock, Dr. Michelly, von 
Heger, Dr. Kamman, Dr. Kastendieck, Dr. Dersch und Bühler. 
0 Die Arbeitslosigkeit in Berlin ist groß und die 
Zahl der Beschäftigungslosen ist noch immer im Steigen be 
griffen. Die Berliner Gewerkschaften unterstiitzen heute 
24 000 arbeitslose Mitglieder. Die Zahl der Arbeitslosen, 
die nicht organisiert sind, ist zweifellos nicht geringer. Da 
nach sind in Berlin rund 50 000 Arbeiter ohne Be 
schäftigung. Ferner sorgt die Stadt Berlin heute für iiber 
85 000 Almosenempfänger, 13 000 Pflegekinder, täglich für 
4 bis 5000 Obdachlose. Dazu kommen noch zahlreiche 
andere Obdachlose, für die der Astzlverein und Herbergen 
sorgen. Die Zahl der Almosenempfänger und Obdachlosen 
in den Vororten hat in der letzten Zeit auch zugenommen 
und soll jetzt annähernd 30 000 schon betragen. Das Be 
denklichste hierbei ist, daß diese Zahlen jetzt im Sommer 
von Monat zu Monat zugenommen haben. Was soll da 
erst im Winter werden?' 
0 Klassenlotterie. Unsere gestrige Mitteilung über 
die Auszahlung der Gewinne usw. zur Preuß.-Süddeutschen 
Klassenlotterie berichtigen wir dahin, daß das dort ange 
gebene Datum nur für die Berliner Lotteriekollektionen gilt. 
In den Vororten liegen die Lose zur Einlösung immer erst 
einige Tage später bereit. Ebenso findet auch die Aus 
zahlung erst von einem späteren Tage ab statt. Voraus 
sichtlich werden in der hiesigen Lotteriekollektion Rhein- 
straße 11 die Lose zur Einlösung vom Dienstag oder 
Mittwoch ab bereit liegen; von diesem Tage ab werden 
dann auch die Gewinne ausgezahlt. 
0 Das 10jährige Bestehen der Teltower Kreis 
schiffahrt. In diesem Sommer sieht die 1903 aus kleinen 
Anfängen hervorgegangene Teltomer-Kreisschiffahrt auf ihr 
lOjähriges Bestehen zurück. Der damals von Per Terrain 
gesellschaft Neubabelsberg übernommene und nur drei Ein 
heiten zählende Schiffspark ist inzwischen auf 22 Fahrzeuge 
angewachsen und umfaßt augenblicklich 5 große Schiffe 
(Doppelschraubendampfer), 2 große Motorschiffe allerneuester 
Type, 5 kleinere Dampfer, 8 Motorboote und 2 Wasser 
autos. Die Entwicklung der Kreisschiffahrt kennzeichnet sich 
am Besten in der Indienststellung der neuen großen Schiffe, 
die zu den begehrtesten Fahrzeugen zählen. In den 10 Be 
triebsjahren ist ;bie Kreisflotte um das Siebenfache ange 
wachsen und auch hinsichtlich der Beschaffenheit ihres Schiffs 
parkes nimmt sie in der Binnenschiffahrt eine erste Stelle ein. 
Unter den Dampfschiffen rangieren zuerst dfe fünf Doppel 
schraubendampfer: Oskar, Wannsee, Steglitz, Lankwitz und 
Mariendorf, deren Tragfähigkeit zwischen 24 und 51 Tonnen 
schwankt. Diese Schiffsklasse befördert, mit Ausnahme des 
Oskar 260 —300 Personen; die Maschinen entwickeln 120—140 
Pferdestärken und die . Länge und . Breite differiert zwischen 
26 und 27 Meter, resp. 5,30 und 5,50 Meter. Die 5 mittleren 
Dampfer, die zwischen 1904 und 1907 in Dienst gestellt 
wurden, sind einfache Schranbendampfer mit einem De 
placement von 22—26 Tonnen und einer Befördcrnngs- 
fähigkeit für 125—136 Personen. Die Schisfsmaschincn 
dieser Klasse beanspruchen 35 P8. Die Länge der Schiffe 
beträgt 20—21 Meter, die Breite ca. 4M. Die 8 Motor 
boote befördern bei einer Wasserverdrängung von 12—24 
Tonnen 56—90 Personen. Am leistungsfähigsten für den 
Passagierverkehr sind die neuen Schwesterschisfe „Tempelhof" 
und „Neukölln", die je 543 Personen aufnehmen können. 
Zu den Neuerungen in: Betriebe der Kreisflotte gehören die 
beiden flinken Wasserautos I und II die bis zu 12 Personen 
an Bord nehmen und in hurtiger Fahrt das -Seengebiet 
durchkreuzen. Ebenso wie die Flotte wuchs auch der sonstige 
technische Betrieb der Kreisschiffahrt. Heute besetzt sie in 
ihrem Bauhof in Teltow eine erstklassige Werft und in Klein- 
Glienicke, wo auch die Büros der Gesellschaft etabliert sind, 
ihren Betriebshof. Das Personal der Kreisschiffahrt zählt 
85 Angestellte, ohne die Aushilfskräfte. Die Kreisschiffahrt 
kann rückschauend auf die 10 Betriebsjahre, die sie in diesem 
Sommer erreicht hat, stolz sein auf ihre unter den Fittichen 
einer weitschauenden Verwaltung genommene Entwicklung. 
Sie ist heute ein beachteter Faktor innerhalb der mannig 
fachen Betriebe des Kreises Teltow und auch ein wertvolles 
Institut für seinen Verkehrsorganismus. 
0 Sport-Abteilung des Männex-Turnvereins. Anr 
Sonntag, den 17. August cr. nachmittags 3' Uhr findet auf 
dem Spielplatz an der Mommsenstraße in Steglitz ein Hockey- 
GesellschaftSspiel statt. Es stehen sich die 1. Mannschaft der 
6. Jugendabteilung der Berliner Turnerschaft, und eine ver 
einigte 1. und 2. Mannschaft der Sport-Abteilung des 
Männer-Turnvereins Friedenau gegenüber. Das Spiel 
dürfte einen sehr interessanten Verlauf nehmen, zumal beide 
Vereine über gleich gute Spieler verfügen, sodaß der Ausgang 
des Spieles noch ungewiß ist. Nach diesem Spiel trainiert 
die 2. und 3. Mannschaft der Friedenauer. Umkleidelokal: 
Restaurant zum VaterJahn, Inh.Nadke,Steglitz, Mommsenstr. 
Ecke Jahnstraße. Jedes Mitglied der Sport-Abteilung des 
Friedenauer Turnvereins hat zu erscheinen. Bei dem am 
vergangenen Sonntag vom Verein für Volkssport veran 
staltenden Sportfest in Frohnau gelang es dem Mitglieds 
Herrn W. Koschitzki von der Sport-Abteilung des M. T. V. 
Friedenau im 200 in Mallaufen von 39 Startenden den 
4. Preis zu erringen. 
0 Tennis-Turnier. Der Tennis- und Hockey-Club 
99 E. V. Friedenau hat die Leitung eines Tennisturniers 
übernommen, welches der Besitzer des Damuka-Tennisplatz, 
Herr Steinwallner, veranstaltet. Das Turnier beginnt am 
-7. September und verspricht nach den abgegebenen Meldungen 
einen interessanten Verlauf. Spielberechkigt sind nurAbonnenten 
-und Spieler des Damuka-Tennisplatzes. Meldeschluß am 
-'6. September. Gebühr pro Konkurrenz und Spiel 3 Mk. 
Anmeldungen werden noch entgegengenommen auf dem 
Tennisplatz und von Herrn W. Philipp, Berlin-Wilmersdorf, 
Bernhardsir. 7 a. 
0 Die Altersabteilung des Männer-Turnvereins hält 
heute Abend ihren ersten Damenabend nach den Ferien im 
Restaurant zur Kaisereiche ab. — Vom nächsten Dienstag 
ab findet das'Turnen wieder in der'Gymnasial-Turnhalle 
statt. Die Turngenossen werden gebeten, besonders mit 
Rücksicht auf das bevorstehende Gauturnfest in Velten und 
'die am 7. September stattfindende Sedanfeier das Turnen 
mit erneutem Eifer aufzunehmen. 
0 „Der Better", Lustspiel mit Gesang und Tanz in 
3 Akten, wird heute Abend im „Kaiser-Wilhelm-Garten" 
durch das Deutsche Theater Berlin - Charlottenburg auf- 
- geführt. Die Vorstellung beginnt um 8 Uhr. Einlaßkarten 
sind noch an der Abendkasse zu haben. 
0 Das große Herbstpreiskegeln im Gesellschaftshaus 
des Westen, Schöueberg, Hanptstr. 30-31 ist die ersten 
3 Tage unter zahlreicher Beteiligung gut verlaufen. Kegel 
tage jeden Freitag, Sonnabend und Sonntag. Anfang 
Wochentags um 6 Uhr Nachm., Sonntags um 3 Uhr Nachm. 
11800 M. bare Geldpreise, 1000 M. Wild- und'.Geflügelpreise, 
1000 M. Delikateßprcise. Auf 4 Bahnen jeden Sonntag Preis 
verteilung. Auf den Dauergeldbahnen 1. Preis 1000 M., 
2. Preis 800 M., 3. Preis 600 M. usw. — 20 Geld 
preise. Hohe Tagesprämien auf allen 6 Bahnen für die 
höchsten Würfe, außerdem Sonntags von 3—5 und 5—7 
auf den Dauergeldbahnen je 10 M. Stundenpreise. Be 
teiligung- Jedermann gestattet. Die Führung der Kegel 
listen haben Militärpersonen übernommen. Bei der Preis 
verteilung am Sonntag, den 10. d. M. erhielten die ersten 
Preise: auf Bahn I .(Kleine Geldbahn) Herr Strich mit 
4 Kugeln 33 Holz, auf Bahn II (Kleine Geldbahn) Herr 
.E. Schmidt mit 4 Kugeln 33 Holz, auf Bahn V (Wild- 
und Geflügelbahn) Herr W. Schmidt mit 4 Kugeln 33 Holz, 
auf Bahn VI (Delikateßbahn) Herr Reinhard mit 4 Kugeln 
31 Holz. Wir können nur empfehlen, daß alle Kegel 
freunde von Nah und Fern an diesem Preiskegeln sich be 
iteiligen, da das Komitee alles aufgeboten hat, die Kegler 
voll und ganz zufrieden zu stellen. 
0 Perlen bedeuten Tränen, das fesselnde Drama, 
welches gegenwärtig im Biofontheater in der Rheinstr. 14 
vorgeführt wird, spielt — wie wir ergänzend bemerken 
wollen — in der Gartenstadt und am Südwestkorso in 
Friedenau. Außer an Blumentagen ist unser Friedenau 
bisher noch nicht „verfilmt" worden. Es war also höchste Zeit! 
0 Die Festnahme eines raffinierten Heirats 
schwindlers gelang gestern der Schöneberger Kriminalpolizei 
in der Person des 40 Jahre alten Kaufmanns und Ver 
sicherungsagenten Gustav Meyer. Er lebte von seiner Frau 
getrennt, gab aber Inserate auf, daß er sich verheiraten 
wolle, er habe Vermögen und verfüge über ein Jahres- 
- einkommen von über 5000 M. Auf ein Inserat meldeten 
sich über 300 heiratslustige Mädchen, von diesen suchte er 
sich nun die zahlungsfähigsten ans, denen er Beträge von 
250 bis 2300 M. abnahm. Einer Dame aus Potsdain 
kam die Sache verdächtig vor. Sie wandte sich an die 
Polizei, die den Meyer heute bei seiner Mutter in der 
Ebertstraße verhaftete. Bei einer Durchsuchung fand man 
noch eine ganze Reihe von Briefen, aus denen die Adressen 
der betrogenen Mädchen zu ersehen waren. Da aber außer 
diesen wohl noch mehr dem Schwindler ins Garn gegangen 
sind, so wollen sich diese im Zimmer 103 des Berliner 
Polizeipräsidiums melden. 
0 Ucbersahren und getötet wurde heute früh in der 
Rheinstraße die Witwe Minna Eichelbaum, Ringstr. 25 
wohnhaft. Die Verunglückte war als Frühstücksausträgeriu 
bei Herrn Konditor und Bäckermeister Wanke, Rheinstr. 50, 
beschäftigt und unter dem Namen „Mutter Appelboom" 
ortsbekannt. Als die etwas kurzsichtige Frau heute früh bei 
der Optischen Anstalt von Goerz den Damm überschreiten 
wollte, wurde sie von einem Postwagen erfaßt und über 
fahren. Sie erlitt einen Schädelbrnch und verschied nach 
wenigen Minuten. Ein schnell herbeigerufener Arzt konnte 
nur noch den Tod der Frau feststellen. Die Leiche wurde 
von der Polizei beschlagnahmt und nach der hiesigen Leichen 
halle geschafft.- Die Schuld dürfte die Verunglückte selbst 
treffen, die, wohl infolge ihrer Kurzsichtigkeit, in das Fuhr 
werk hineingelaufen sein soll. 
0 Von einem Hunde gebissen. Der Tierwart Schröder 
wurde gestern von einem Hunde, den er einfangen wollte, 
gebissen. Er mußte sich die Wunde auf der hiesigen Sanitäts 
wache verbinden lassen. - 
Berlin uncl Vororte 
§0 Werckmeisters Kunstsalon, Berlin W, 8. Kronen 
straße 58, direkt an der Friedrichstraße bringt in der neuen 
Ausstellung: Tempera-Gemälde von E. Deutsch, Radierungen 
von Plückebaum, Holzschnitte von A. König, Hans Neumann 
und Fritz Lang, Lithographien von Willy Oertel, Gemälde 
und Radierungen von E. Eimer. Ferner Originale von 
H. v. Arnim, Bruno Bielefeld, Hans Bruch, Erich Büttner, 
Feierabend, Martin Frost, Mar Gildemeister, Rudolf Hell- 
grewe, Karl Heßmert, F. Markuse, Erich Müller, Müller- 
Brieghel, Reich-Münsterberg, C. C. Schirm, Schulze-Schulzen 
dorf, Tilke, FranzTürcke, Prof. P. Vorgang und vielen anderen. 
! ZuTdmften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Zur Marktfrage. 
Unser Friedenau ist nicht durch seine Lage und sonstigen Vor- 
züge allein so bevölkert worden, wie cs jetzt ist, sondern cs hat 
Werbekosten verursacht, lind noch heute werden illustrierte. Karten 
in die Welt ausgesandt, um Wanderungslustige auf Friedenau 
aufmerksam zu machen und es zu empfehlen. Stets wird bei dieser 
Gelegenheit der Markte gedacht, nicht der Gemüsehändler. Ter 
Markt ist die Hauptsache, der Gemüsehändler rangiert an zweiter 
Stelle als Behelf. So soll es auch bleiben, und die Hausbesitzer 
wünschen es nicht anders. Denn der Gemüsckrkun ziert eilt Haus 
nicht, er hält sogar Mieter vom Einzug ab. - Ist aber gar Kolonial 
warenhandel damit verbunden, dann wird' das Ha^, rccil der 
Händler die Kunst des Geschäftes nicht versteht, so Mit Gerüchen 
durchzogen, daß es für die übrigen Mieter sticht mehr bewohnbar 
ist. Der gelernte Kvlonialwarenhändler; welcher 3—4 Jahre in 
der Lehre war und sich dann noch 'weiter ausgebildet hat, weiß, 
daß sein Geschäft, um es aus der Höhe zu erhalten, seine ganze 
Tätigkeit in Anspruch nimmt. Er nimmt daher keinen Gemüsckram 
hinzu. Umgekehrt aber sehen wir Gemüsckrämer den Kolouial- 
warenhandel aufnehmen. Da ist denn Obst, Kohlrabi, Petroleum, 
Hering mang und mang und der vorerivähnte mörderische Geruch 
unvermeidlich, zugleich aber auch der gelernte Kalifmann schiver 
geschädigt. Er kann die verlangte Ladenmiete nicht mehr 
erschwingen. Wird jedoch der Markt zum Gemüsekaus hochgehalten, 
dann vermehrt sich die Schar Per' Gemüsthändker Vicht weiter,'lind 
allen ist geholfen. — ei — 
Die bunte Woche 
Plauderei für den „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 18. August 1013. 
Lügen und Versprechungen. — Tpielplüne. — Von Lonaö und 
Heddys. — Berliner Musikkultur. — Das Wunschkonzert. — 
Lebenskunst G. m. b. H. — Englisch sprechende Chauffeure. 
Noch stehen die rotblassen Sommerblutnen im trocknen Wind; 
noch sind nicht alle Berliner zurückgekehrt aus den heiteren Bädern 
in das engdrückend.e Joch der großen Stadt, und schon fallen die 
Theater über uns mit^ihrem vielversprechenden „Spielplan" für 
die bald kommenden Herbst- und Wintermonate. 
Es wird wohl nirgenos auf Erden so.hiel gelogen, wie in 
diesen „Spielplänen". Es geht mit ihnen' wie mit den Kreuzen 
und Steinen draußen in den stillen Gärten der Toten. Jeder, der 
da liegt, war ein braver Mann. Der ärgste Erzschelm wird durch 
die goldenen Lettern seines letzten Steines ein Prachtkerl. 
Vier schließt eine gut gemeinte Lüge ein Lebensziel ab. 
Aber in den Spielplänen werden die Kinder mit Lügen ins 
Leben geschickt. Selbst die rohen und schmutzigen Kinder der ver 
lotterten Großstadlmusc werden mit falschen Kränzen behängen 
und als wohlerzogene, vielversprechende Prjnzchen aus Genieland 
vorgestellt. 
Aber wenn wir sie später dann zu Gaste laden, sehen wir 
sofort ihre schlechte Herkunft und ihre groben Manieren. 
Mit ganz eigenartigen Reizen locken die Berliner Theater das 
säumige Aolk. Es wird viel versprochen und viel geschrieen, lind 
gerade die schreien am lautesten, von denen man bestimmt weiß, 
daß sie die Oktobcrstürme nicht überleben werden. Trotz des leid 
lich warmen August haben diese „Besitzer" schon sehr kalte Füße 
und es rauscht über ihren Häuptern das schwärzliche Gefieder dxs 
Pleiteaeiers, der an der Spree heimischer istz als irgendwo. 
Aber es muß geschrieen werden. Ein großes Personal wird 
engagiert, wobei vor allem auffällt, daß die „verpflichteten Künst 
lerinnen" sehr neckische Vornamen haben. 
So werden, nach dem niir vorliegenden Zirkular, an einer ein 
zigen Bühne Berlins' im kommenden Winter Damen mit den nach 
stehenden Rufnamen tätig sein: Jla, Lo, Lona, Lu, Heddy, Lupu, Olly, 
Lores, Li, Hede, Madge und Lia, woraus hervorgeht, daß an diesem 
Kunstinstitut die Operette wohl sehr treu gepflegt werden soll. 
Uneingeweihte könnten denken, es handle sich bei der Aufzählung 
solcher Namen um ein Massen-Jnscrat gefühlvoller Masseusen. 
Bewahre! Es sind Künstlerinnen „vom Fach", wie sie sich nennen. 
Früher harmlose Mädchen, die vielleicht auf den Nanien Minchen 
Mickefett hörten. Seit aber die Lichter der Rampe ihres Wesens 
Weg erhellen, heißen sie Lona von Hartenburg .... Die Kunst 
verlangt es. 
Jede Stadt hat schließlich dnS Theater, das sie verdient, lind 
je mehr ich die tiefgründige Weisheit dieses Satzes erfasse, desto 
mehr komme ich zu oer Ueberzeugung, daß Berlin eine sehr, sehr 
schlechte Stadt ist. 
Alan hat auch die Musik, die man verdient. 
Wer die Berliner Konzerte besucht, die in besseren Sommer- 
lokalen für die musikalischen Bedürfniffe sorgen, merkt bald, aus 
welcher Richtung der Wiitd iveht. Er ivird sich mit dem lieben 
Bräsig sagen: „Nachtigall, ra» yör Dir laufen, aus das Bächlein 
willst Du saufen." 
Das Bächlein, aus dem nun die Berliner ihren Durst stillen, 
wird köstlich geschildert durch eine wahre Begebcirheit, die ich hier 
ohne .Beiwerk mitteilen ivill. Sic soll elementar >:ud wuchtig für 
sich sprechen. 
In einem großen Gartenlokal mit guteni, bürgerlichen Stamm 
publikum vernustaitcte eine sehr bekanunte Berliner Militär- 
kjapelle ein „Wunschkonzert". Nicht Jeder der deutschen 
Sprache Mächtige iveiß, was mit diesem Rätsclwort gemeint ist.
        
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