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Periodical volume Nr. 191, 15.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Krlrdenauer 
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Jecken llllttvock,: 
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giltungu) 
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Jecken Sonntag, 
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Ilr. 191. Jertin-Iriedenau, Kreitag, den 15. August 1913. 20. Zaßrg. 
vepelcken 
Lel;re Nackrlcklen 
Aussig. Hier ist der Sekretär des Amtsgerichts 
Sonnenberg namens Maximilian Malinowsky verhaftet 
worden. Er war nach Unterschlagung von Amtsgeldern 
nach Böhmen geflüchtet. 
Basel. Eine Handtasche mit Juwelen im Werte von 
15000 Mark ist einer Dame der Pariser Gesellschaft in dem 
Schnellzuge Basel-Belfort von unbekannten Tätern entwendet 
worden. 
Genf. Sämtliche an den europäischen Häfen akkredi 
tierten Botschafter Chinas haben hier unter dem Vorsitz des 
chinesischen Botschafters in Wien, Tschensoenting, sich zu 
einer wichtigen Beratung versammelt. 
Paris. Eine Diebesbande von Angestellten hat drei 
Monate lang systematisch in einem Spitzenhause der Rue 
des Jenneurs in Paris Blusen und Spitzen im Betrage 
von über 100000 Francs gestohlen. Sie ließen fingierte 
Aufträge an Adressen bestellen, wo sie von ihren Helfers 
helfern in Empfang genommen wurden. Die gestohlenen 
Waren wurden dann in Pariser Vororten zu Schleuder 
preisen verkauft. 
Koustantinopel. Die Mitglieder der griechischen 
parlamentarischen Kommission, die mit der Untersuchung 
der bulgarischen Greuel beauftragt ist, berichten, das 
bulgarische Patriarchat hätte bei der Massentaufe von 
Muselmanen die griechisch-orthodoxe Religion gröblich ver 
spottet. Die bulgarischen Priester hätten die Täuflinge 
anstatt mit Weihwasser und dem Weihwedel mit Besen be 
sprengt, die in Brunnenwasser getaucht waren-. Außerdem 
habe man die Mohammedaner statt mit dem Chrisma (Tauf 
salbe) mit Schweinefett gesalbt. 
Neuyork. Expräsident Castro von Venezuela hat es 
nach seinem vergeblichen Putsch verstanden, sich den Ver 
folgungen seiner Gegner zu entziehen und sich auf Buon 
Ayr, eine der an der Nordküste von Venezuela liegenden 
holländischen Antillen geflüchtet. Er weilt dort, wie der 
Neuyork Herold erfährt, als Gast des früheren Gouverneurs 
der Insel Thilau, dessen langjähriger Freund er ist. 
Oie Tätigkeit der Gemeinde auf 
sozialem Gebiete. 
Von Oberbürgermeister Scholz-Cassel. 
Das Wort „sozial" leitet sich ab vom lateinischen 
80c1ng — Genosse, societas = Gesellschaft. Die soziale 
Frage ist daher begrifflich als Gesellschaftsfrage, nicht etwa 
einseitig als Arbeiterfrage aufzufassen, da sie das Verhältnis 
der verschiedenen Gesellschaftsklassen zueinander, nicht allein 
die Zustände in der Arbeiterklasse zum Gegenstand hat. 
Unter die Tätigkeit der Stadt auf sozialem Gebiete wird 
man alle ihre Maßnahmen zu fassen haben» die auf den 
Ausgleich der Gegensätze zwischen den verschiedenen Gesell 
schaftsklassen hinzielen, mit deren historisch gewordenem Be 
stände man nun einmal zu rechnen gezwungen ist. 
Q^nfer der Lask der (Irone. 
Sbaum 9t St White. 
65. auawn« i nhM 
Zch renne also hinauf aus den Bahndamm und sehe 
nach, ob jemand verunglückt ist. Der Heizer und der Lokomo 
tivführer waren beide schon tot — schade um sie, denn es 
waren tüchtige Leute, und sie haben Weib und Kind zu 
Haus. Der Zugführer und die Diener, die den Zug 
begleiteten, waren leicht verletzt, aber bewußtlos. Wie ich 
nun an einen umgestürzten Wagen komme, ruft mich jemand 
an. Ich bücke mich über das Dach des Wagens — da hat 
sich ein Herr halb ans dem Fenster herausgearbeitet, mit 
blutüberströmtem Gesicht, und einen andere», der ganz blaß 
war und schon nicht mehr atmete, hält er im Arm. 
„Wer sind Sie?" fragt mich der eine hastig. Ich gebe 
ihm Auskunft, da fordert er mich ans, ihm behilflich zu sein, 
den Toten — denn er war tot, aus dem Wagen zu heben. 
„Nehmen Sie ihn in Ihr Hans und verbergen Sie 
ihn," trägt er mir auf. „Sie tun ein gutes Werk damit, und 
Sie werden reich belohnt werden. Morgen schon werde ich 
jemanden zu Ihnen schicken, der den Toten ans Ihrem Hans 
nimmt; heute aber müsse» Sie ihn verbergen — unter allen 
Umständen!" 
Ich wollte erst nicht daraus eingehen. Aber er nannte 
mir dann eine Summe, die genügt haben , würde, daß ich mir 
irgendwo in Frankreich ein kleines Bauerngut dafür hätte 
kaufen können. Da konnte ich nicht länger widerstehen. 
Mit furchtbarer Mühe schaffte ich den Toten zu mir herem 
und eilte dann wieder zum Zug zurück. Nun war auch der 
Herr ohnmächtig geworden, mit. dem ich gesprochen: und ich 
Von diesem Standpunkte aus betrachtet vollzieht 'sich, 
nahezu die gesamte Tätigkeit der Gemeinde unter wesent 
licher Mitwirkung des sozialen Moments; es tritt dies also 
schon bei der Besprechung der einzelnen Verwaltungszweige 
in die Erscheinung. Immerhin hat man sich daran ge 
wöhnt, die städtische Sozialpolitik als ein Ganzes aufzu 
fassen. So möge auch hier eine kursorische Zusammen 
stellung der wichtigsten Probleme auf diesem Gebiete ver 
sucht werden. 
Das wesentliche Feld sozialer Betätigung findet sich 
naturgemäß in der Armenpflege, die als sehr wichtig anzu 
sehen ist. Nächstdem gehört in diesem Zusammenhang die 
Krankenfürsorge — mit um so größerem Rechte, als es sich 
bei ihr nicht oder doch nur im geringen Teile um eine 
obligatorische Aufgabe der Gemeinde, sondern um eine frei 
willig im wesentlichen Interesse der minderbemittelten Volks 
schichten übernommene handelt. Denn zur Fürsorge für 
Kranke gezwungen ist die Gemeinde nur insofern, als ein 
mal von ihr die Isolierung ansteckend Kranker aus gesund- 
heitspolizeilichen Gründen gefordert werden kann und sie 
andererseits als Ortsarmenverband „zur erforderlichen Pflege 
in Krankheitsfällen" gesetzlich verpflichtet ist. Die Errichtung 
großer, mit allen Errungenschaften der modernen Wissen 
schaft ausgestatteter Krankenhäuser durch die Städte ist da 
her zum größten Teile eine freiwillig übernommene Auf 
gabe, die stets erhebliche, häufig ganz enorme Zuschüsse aus 
allgemeinen Steuermitteln verlangt. Sie ist aber auch eine 
soziale Tat erster Ordnung, da der Verpflegungssatz für die 
Kranken wohl allgemein ganz erheblich niedriger ist, als die 
Selbstkosten. Die Verwaltungsorganisation städt. Kranken 
häuser ist sehr verschieden: meist sind die ärztlichen und 
Verwaltungsfunktionen derart getrennt, daß ein ärztlicher 
Direktor und ein Vermalter (Verwaltungsdirektor) ange 
stellt sind; öfters auch ist der ärztliche Leiter gleich 
zeitig oberster Verwaltungsbcamter. Die Regelung be 
reitet allerorten erhebliche Schwierigkeiten, weil natur 
gemäß die Interessen des ärztlichen und des verwaltenden 
Leiters häufig entgegengesetzt sind. Einen neuartigen Ver 
such hat kürzlich Düsseldorf dadurch gemacht, daß es zum 
Leiter seiner großen Krankenanstalten einen hohen Militär 
arzt berief, dem seine bisherige Laufbahn gleichmäßig nach 
der wissenschaftlichen wie der verwaltungslechnischen Seite 
prädestiniert. 
Was sonst im einzelnen die sozialen Ausüben der Städte 
anlangt, so kann auf finanziellem Gebiete die Sicherung 
und Verbilligung des Real- und Personalkredits von ihnen 
angestrebt werden. Die Gründung städtischer Banken 
(Breslau, Chemnitz) und Hypothekenanstalten (Dresden, 
Düsseldorf und manche andere), die Hebung des Sparsinns 
und damit des gleichmäßigen Wohlstandes der Bevölkerung 
durch Errichtung und zweckmäßige Organisation städtischer 
Sparkassen — zahlreiche Annahmestellen, kulante Ver 
zinsungsbedingungen, Offenhaltung zu den für die minder 
bemittelten Klassen passenden Zeiten, Alterssparkassen, Ein 
richtung des Giro- und Kontokorrent-Verkehrs — gehören hierher. 
Die gemeindliche Besteuenmg bietet nicht allzuviel 
Gelegenheit zur Anwendung sozialer Grundsätze. Zwar 
haben einzelne Städte, z. B. Frankfurt a. M., seit langem 
hatte genug zu tun, ihn und die andern ans dem Zug zu 
schaffen. Tann kam wir Hilfe aus der Stadt — das 
Weitere wissen Sie wohl schon durch die Zeitungen." 
Atemlos hatte ihm Lechmere gelauscht. Das also war 
des Rätsels Lösung! Run atmete er tief auf. 
„Und Sie verbergen den Toden noch immer hier?" fragte 
er hastig. 
Bertrix nickte. 
„Am nächsten Tage kam ein Herr zu mir, der mir 
sagte, er wäre ein Prinz, und er würde dafür Sorge 
tragen, daß ich eine noch größere Belohnung erhielte, als mir 
schön versprochen worden sei," sagte er. „Er verlangte, daß 
ich den Toten auch weiterhin in dem Eiskeller verbergen 
sollte. Hier im Garten ist nämlich ein Eisteller, den sich ein 
Gelehrter, ein menschenscheuer Sonderling, der früher des 
Sommers in diesem Hause gewohnt hat, hat anlegen lassen. 
In diesen Eiskeller, hätte ich den Toten getragen, und er ist 
noch gar nicht verwest. 
Außerdem sagte mir der Fremde, daß ein Herr aus Eng 
land kommen würde, dem ich mich vertrauensvoll mitteilen 
sollte. Er nannte mir Ihren Namen; und er gab mir 
gleich zweihundert Francs — mehr Geld, als ich mir in 
Jahren habe sparen können." 
Lechmere fuhr sich über die Stirn. 
„Wollen Sie mich zu dem Toten führen?" fragte er. 
Bertrix winkte ihm fcftioci^enb, ihm zu folgen, und ging 
in den Garten hinaus. An einem Ende desselben war ein 
kleiner Hügel, an dem eine Tür angebracht war. Bertrix 
öffnete und ließ dann Lechmere vorangehen. 
„Es sind einige Stufen," sagte er. „Achten Sie, bitte, 
darauf, damit Sie nicht fallen. — So, nun werde ich Licht 
machen." 
eine besondere, für kleine Einkommen stark degressive 
Gemeindeeinkommensteuer, ihre Neueinführung ist jetzt durch 
das Kommunalabgabengesetz äußerst erschwert. Die von 
vielen Städten eingeführte Grundsteuer nach dem gemeinen 
Wert vermag in gewissem Sinne sozial ausgleichend zu 
wirken, indem diese nicht vom Ertrag abhängige Steuer den 
begüterten Grundstücksspekulanten verhältnismäßig härter 
trifft, als den kleinen Mann, der durch seine Arbeit dem 
Grundstück einen Ertrag abringt. Mehr noch kann das 
soziale Moment Beriicksichtigung finden auf dem Gebiete 
der indirekten Steuern und Gebühren. Die auf den Umsatz 
von Grundstücken gelegte Abgabe sowie die Wertzuwachs- 
steuer gewähren einen gewissen Schutz gegen das Empor 
wachsen ungesunden Speknlantentums. Bei Erhebung von 
Gebühren für die Benutzung städtischer Einrichtungen und 
Veranstaltungen endlich kann eine Berücksichtigung Unbe 
mittelter sowohl durch völlige Freilaffung als durch An 
wendung niedrigerer Sätze erfolgen. Auch eine verschieden 
artige Abstufung der Gebührensätze ist nach dem Deklarations 
gesetz zum Kommunalabgabengesetz vom 25. Juli 1906 
gestattet, sodaß eine Berücksichtigung der Vermögens- und 
Einkommensverhältnisse der Gebührenpflichtigen im weitesten 
Umfange ermöglicht ist. 
Auf dem wichtigen Gebiete der geistigen Bildung ist 
durch die Unentgeltlichkeit des Besuches der Volksschulen 
bereits ein bedeutender Schritt vorwärts auf der sozialen 
Bahn getan. Eine weitere Forderung, die hie und da er 
hoben, erwogen und gewährt wird, ist die völlige Freiheit 
auch der Lernmittel. Außerordentlich segensreich auf dem 
Gebiete der sozialen Hygiene wirkt die Einrichtung von 
Schulbädern, die Bestellung von Schulärzten und Schul 
zahnärzten. Die Fürsorge für die schulentlassene Jugend 
betätigt sich in der Veranstaltung von Fortbildungskursen, 
der Erteilung von Handfertigkeitsunterricht, der Unterweisung 
in der Hauswirtschaft an Mädchen. Die städtischcrseits oder 
mit städtischen Zuschüssen zu errichtenden Volksbibliotheken 
und Volkslesehallen, die neuerdings an manchen Orten 
(z. B. Düsseldorf, Essen) mit großem Erfolg veranstalteten 
„Akademischen Kurse" vermitteln weitesten Kreisen des 
Volkes die Möglichkeit des Erwerbs eines gewissen Maßes 
geistiger Bildung: denselben Zweck sucht man mit Erfolg zu 
erreichen durch die Herausgabe billiger, sorgfältig gewählter 
Volksbücher und durch die Veranstaltung von Volksunter 
haltungsabenden. Besonders wichtig erscheint die Pflege 
der Kunst im Volke. Volksvorstellungen der Theater zu 
ganz geringen Preisen, Gründung und Förderung von 
Volksgesangvereinen können hier zu den schönsten Erfolgen 
führen. 
Besonders die eigene Betätigung des Volkes auf dem 
populärsten Gebiete der Kunst, in der Musik, vermag außer 
ordentlich viel zur Milderung der Klassengegensätze beizutragen, 
wirkt also eminent sozial. „Nichts ist so wichtig, als der 
mit eigener Tätigkeit verbundene Anteil der arbeitenden 
Klassen an allem, was ihre geistige Hebung fördert", 
(Adickes, Soziale Aufgaben deutscher Städte.) 
Die völlig unentgeltliche Beerdigung für alle wird 
heute von vielen als Akt sozialer Gerechtigkeit gefordert und 
ist auch bereits in manchen Stadtparlamenten diskutiert 
Er stand neben Lechmere in der Mitte des Raumes. 
Undeutlich nahm Lechmere die Umrisse einiger zusammenge 
stellten Kisten wahr und ein Etivas, das darauf gelegt war. 
Da flammte ein Streichholz auf — und im Scheine des 
selben blickte er in das Gesicht des toten Königs Erna von 
Astorien! 
47. Kapitel. 
„Dünnn, daß ich den Wagen zurückschickte. Hier in der 
Nähe können Sie natürlich kein Gefährt- austreiben, das 
mich schnell nach St. Inst zurückbringt?" 
Lechmere fragte es Bertrix. Der Franzose hatte ihn 
wieder in das Haus zurückgeführt: nun standen sie einander 
in der Wohnstube gegenüber. Der Tagelöhner sann ein wenig 
nach, ehe er antwortete: 
„Wenn der Herr sich l5 Minuten gedulden wollten, könnte 
ich schon einen Wagen austreiben. Die Viertelstunde bringe 
ich nachher dllrch schnelleres Fahren wohl wieder ein; denn 
ich ivcrde den Herrn selbst nach der Stadt zuückbringen." 
Lechmere streckte ihm die Hand entgegen. 
„Lassen Sie sich danken für das, was Sie getan haben, 
Bertr'^." sagte er. „Sie haben gegen das Gesetz gehandelt — 
dem Gesetz nach sind Sie strafbar. Und doch gereicht Ihr 
Tun einem Volke zu großem Heil, beivahrt ein Bolk vor 
Kuechtschast und Abhängigkeit, — Sie wiffc», wer der Tote 
ist, den Sie bei sich ausnahmen?" 
Bertrix nickte. 
„Ein König," sagte er scheu. „Sehen Sie, ich weiß nicht, 
was für eine Bcivandtnis es mit ihm hat. Manchmal glaube 
ich, daß ich ein großes Verbrechen begehe; aber wenn so 
große Herren, wie Sie und der Prinz es'sind, mir das Gegen 
teil versichern — und Sie waren io gut zu niir *
        
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