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Periodical volume Nr. 18, 21.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

« doch den zu erwartenden Unzutrigltchkeiten dadurch vor, daß er die 
Diengboten den besonders organisierten Landkrankenkaffen zuweist, in 
welchen Me Wahl der Kaffenorgave und die Gestaltung der Ver 
waltung ln die Hand der SemetndekSrperschasten gelegt ist. Dürfte 
somit die Zweckmäßigkeit einer Landklankenkafle spe,iell für Berlia- 
8>ied^uau erwiesen sein, so wäre «etter da, BrdürsniS zahlenmäßig 
zu begründen, »ie bereits erwähnt, beziffert sich die Anzahl der 
htestgen Dienstboten aus rund 4800. Hinzu treten die landwirlschast. 
lich Beschäftigten mil rund 4V, die im Wandergewerbe Beschäftigten 
mit rd. 50 unv hie Hausgewerbetreibenden und ihre hmiSpewerblich 
BischLfttglen, deren Zahl sich jedoch mangels statistischer Unterlage 
auch nicht annähernd feststellen läßt. Wir nehmen ab-r, um über 
haupt eine Zahl einzustellen 300 an. Charlottenburg schätzt auf rund 
680 und Berlin WilmerSdorf auf 240, zusammen 4630. Der Ver- 
gleich mit der Mltgliederzahl der QrtSkrankenkasie — rund 4600 — 
ergibt zunächst ohne weitere, die Existenzberechtigung der Landkranken, 
kaffe. Selbst wenn eine Anzahl von leistungsfähigen Dienstherr- 
schäften von der Berechtigung des §418 der ReicheverstcherungSordnung 
für die Krankenversicherung ihrer Dienstboten im gesetzlichen Umfange 
selbst zu sorgen, Gebrauch macht, so würde damit keinesfalls die neue 
Kaffe gefährdet sein. Die Arbeitgeber werden in solchen Fällen die 
Ansprüche des Dienstboten in der Regel durch Berirag mit einem 
privaten DerfichcrungSinstitut sicherstellen und als solche käme, wenn 
er überhaupt zugrlasten wird, nur der „Abonnementsverein von Dienst- 
herrschaften für kranke Dienstboten in Berlin" in Frage. Die Dienst, 
botenkrankenkaffc d:S Kreises Teltow soll sicherem Vernehmen nach 
aufgelöst werden. Rechnen wir im ungünstigsten Falle mit einem Ab 
gänge von 1000 Mitgliedern, dann bleiben immer noch rund 3100 
Versicherte, eine Zahl, die die Frage nach der Zweckmäßigkeit und dem 
Bedürfnis einer Landkrankenkaffe ebenfalls auf daS Nachdrücklichste 
bejaht. Dieses Resultat führt zur Prüfung der 
Leistungsfähigkeit. 
Sie ist in Brrlin-Friedenau ohne Schwierigkeit nachzuweisen. 
Wieder kommt und d-r Vergleich mit der Orlikrankenkaffe zu Hilfe. 
Dtc Mitgliederzahl in beiden Kafstn >st annähernd die gleiche. Rechnet 
man zunächst mil denselben Einnahmen und Ausgaben, dann ergibt 
sich beispielsweise sür 1911 ein Ueberschuß von rund 20 000 M. 
Zn den Einnahmen sind dabei enthalten: Kaffenbestand aus 
dem Vorjahre 5590 M., Zinsen aus Kapitalien 1740 M.. 
«tntrtttSgrlder, die zukünftig fortfallen müffen 2710 Mark, 
Eifatzleistungen aus anderen Kaffen 1120 4- 1000 --- 2120 M. sonstige 
Einnahmen 890 M.. zusammen 13 050 M. Nach Abzug dieser 
Beträge verbleiben reine Versicherungsbeiträge, die 1911 noch 4 s / l0 
Prozent betrugen, 215 340 M. AuS den Ausgaben haben wir aus- 
zuscheiden: Die Krankengelder sür die Angehörigen der Mitglieder 
5720 M, mindestens ! /j der Wöchnrrinneuuntertlützungeu und Sterbe 
gelder 2840 M., Ersatzleistungen 2k00 M., Zuführung zum Reserve- 
sondS 15 000 M., zusammen 26 160 M. Bon der Gesamtausgabe 
verbleiben dann 195 760 M., ergibt der Einnahme gegenüber einen 
Bestand von 19 580 M., wovon noch die Rücklage sür den Reserve, 
fonds, nach der RetchSverficherungSordnung 5 Prozent der Einnahme, 
also rund 10 500 M. abgehen. ES bleibt ein Ueberschuß von 9000 
Mark. DaS ist dar Ergebnis der Unterlagen, die fast durchweg mit 
mittleren und schlechten Risiken rechnen, mit Lerficherteu, die in weit 
höherem Maße den Berufsgefahren und den Erkrankungen ausgesetzt 
» als bei den Dienstboten anzunehmen ist. Im allgemeinen 
en die letzteren als gute und mittlere Risiken betrachtet, denen 
gegenüber die anderen in der Landkrankenkaffe mitverficherten Berufs- 
klaffen als gefahrrrhöhend ihrer geringen Anzahl »egen nicht tu 
Betracht kommen. Nimmt man die Mitgliederzahl der Landkeanken- 
kaffe auf 4000 au und teilt dieselben, wie eS allgemein geschieht, im 
Durchschnitt der dritten Sohnklaffe »u, dann ergibt sich eine Einnahme 
au Mitgliederbeitrigen von 162 000 M. (4000 & Pfg. bei 4'/,g 
Prozent pro Woche X 52 Wochen). In demselben Verhältnisse bte 
Ausgabe von 195 760 Dt. und 10 500 M. als SteservefoudSrücklage 
um nur '/« herabgemindert, ergibt rund 155 000 M. Bleibt ein 
Bestand von 7000 M. ES kann bei diesen Dergleichen mit den 
Ergebniffen der Orttkrankeukaffe gar keinen Zweifeln unterliegen, daß 
die Landkrankenkaffe lebensfähig ist. Eie wird nicht einmal gezwungen 
sein, auf den von der OrtSkrankeukaffe erhobenen Prozentsatz von 
4b/,0 Proz. hinaufzugehen. Im Gegenteil ist damit zu rechnen, daß 
sich der Beitrag noch unter 4'/,, Prozent bemeffen laffen wird. 
Berlin-MlmetSdotf, daS die Errichtung einer Landkrankenkaffe bereits 
beschlossen hat, rechnet sogar nur mit 3 Prozent. Als felbstver- 
ständltch, wie in den Berechnungen ja auch berücksichtigt, gilt, daß die 
neue Kaffe dasselbe leistet, waS die hiesige OrtSkrankeukaffe ihren 
Mitgliedern gewährt, also weit mehr, als bte ReichSverfichemngS. 
ordnung als Regclleifluug vorschreibt. Irgend welche piaktische 
Schwierigkeiten sind nicht zu befürchten, nachdem der § 439 der 
RetchSversicherungiordnung die Zuständigkeit für die Fälle geregelt hat, 
daß der Dienstbote auch zugleich tm Gewerbebetriebe beschäftigt wird. 
Auch die Verpflichtung der Gemeinde, Zuschüffe und Vorschüsse gemäß 
§ 390 der ReichSversicherungSordnung und Art. 16 deS Einführung-. 
gesetzeS für die Fälle zu leisten, daß der Beitrag-Prozentsatz über 6 
hinausgeht bezw. die Bestände der Kaffe in den ersten 3 Jahren zur 
Deckung der Ausgaben nicht ausreichen, scheidet nach den finanziellen 
Betrachtungen gänzlich aus dem Kreise etwaiger Bedenken aus. Wir 
verlreten den Standpunkt, daß die Landkrankenkaffe für Berlin- 
Friedenau die einzig geeignete Organisation für die Versicherung der 
zahlreichen Dienstboten bildet. 
IV. ES wird beantragt, beschließen zu wollen: a) Von 
der Errichtung einer allgemeinen OrtSkrankenkaffe wird 
Abstand genommen. Die Gemeindevertretung ist mit der 
Ausgestaltung der hiesigen OctSkrankenkaffe zur allgemeinen 
OtSkrankenkaffe nach den Vorschriften der ReichSverstcherungS- 
ordnung einverstanden, d) Bon der Errichtung einer 
Landkrankenkaffe ist für Berlin-Friedenau nicht abzusehen. 
(Schluß folgt.) 
Lokales» 
o Kein BürgerkomrnerS! Wie wir erfahren, wird 
dieses Mal am Geburtstage deS Kaisers der seit mehreren 
Jahren hier populär gewordene vürgerkommerS nicht 
stallfinden. Da in Friedenau zur Zeit ein Festsaal sür 
diesen Zweck nicht verfügbar ist, so hat sich der von den 
hiesigen Vereinen eingesetzte Festausschuß bemüht, die 
Ueberlaffung einer Aula unserer Schulen sür den Bürger- 
kommerS zu erwirken. Diesbezügliche Eingaben an dar 
Kuratorium der höheren Schulen sind jedoch abschlägig 
beschteden worden. — ES wird wohl in der gesamten 
Bürgerschaft aufs schmerzlichste empfunden werden, daß 
gerade diese schöne Kaiser« Geburtstagsfeier bis auf 
weiteres wird unterbleiben müffen, eine Feier, an der sich, 
bisher jeder Patriot, ob reich oder arm, mit großer Vor-' 
liebe zu beteiligen pflegte. 
o Die Landtagsersatzwahl vertagt. Der Termin 
für die LandtagSersotzwahl im Wahlkreise Teltow-BeeLkow- 
Storkow-Berlin-WilmerSdorf für den verstorbenen Abg. 
Fetisch ist, wie der Regierungspräsident durch Sonder- 
ausgäbe deS Amtsblattes bekannt machen läßt, mit 
Rücksicht auf die Tagung deS Provinzial-LandtagS am 
23 Februar und den folgenden Tagen aufgehoben worden. 
Die Wahltage werden demnächst neu festgesetzt werden. 
o Für die Errichtung eine« Jürg«uscn-Grab. 
dcnkmalS gingen unS weiter zu: Ungenannt 20 M., 
W. 50 Pfg., F. 50 Pfg. 
o Die Berechnung der Sachverständigen» 
Gebühren hat in manchem Prozeffe schon Kopsschütteln 
erregt, selten jedoch wird gegen die Gerichtskosten. 
Rechnungen Beschwerde erhoben. Nach § 3 der Gebühren 
ordnung für Zeugen usw. hat der Sachverständige eine 
„Vergütung nach Maßgabe der erforderlichen Zeitver- 
säumni« im Betrage bi» zu 2 M. auf jede angefangene 
Stunde" zu fordern. Dieser Höchstbetrag von 2 M. pro 
Stunde scheint sich allgemein und für jeden Beruf als der 
„übliche" Satz eingebürgert zu haben und so erreichen die 
G-bühren selbst für ganz einfache Gutachten oft eine ganz 
unverhältlniSmäßige Höhe. Daß solche Liquidationen 
nicht unantastbar sind, zeigt der folgende vom .Grdetgent." 
mitgeteilte Fall. In einem einfachen Grenzstrette betrugen 
die GertchtSkosten 20 M., die Gebühren der beiden Sach- 
verständigen dagegen — 100 M. Der Verurteilte erhob 
Beschwerde, welcher erst daS Landgericht stattgab, indem 
eS die Rechnung der Sachverständigen um 28,30 M. kürzte. 
Abgesetzt wurden u. a. 2 Stunden sür Akteninformation, 
eine Stunde für Besichtigung, 7 Stunden für Ausarbeitung 
des Gutachtens (für das der Herr Sachverständige zehn 
Stunden (I) L 2 M. angesetzt hatte). . DaS Gericht führt« 
u. a. auS: „der Sachverständige will auch selbst nicht be 
haupten, daß er die berechnete Anzahl Stunden gebraucht 
hat; er meint nur, als Geschäftsmann könne er nicht 
Dauersitzungen abhalten, er habe also die jedesmal be- 
gonnenen Stunden berechnet. Auch meint er, daß ihm je 
eine Stunde Zugang und Abgang zustünde. Diese Art 
der Berechung steht dem Sinne de» Gesetze- entgegen, da 
nur die wirklich aufgewendete Zeit zu entschädigen ist." — 
Erfreulicherweise hat daS Gericht kein Bedenken getragen, 
dem Sachverständigen auch die außergerichtlichen Kosten 
aufzuerlegen. 
o-Dia Schnelder'ZwavgSiunurrg nahm in ihrer 
QuartalSoersammlung eine ganze Reihe neuer Mitglieder 
auf. Obermeister Meißner erstattete den Jahresbericht. 
Im Anschluß hieran betonte Koll. Zöllner die Wichtigkeit 
der Fachschulen. Der Vorsitzende und Koll. O. Schönert 
sprachen sich günstig über die Steglitzer Fortbildungsschule 
aus. Die Einnahmen im letzten Jahre betrugen 982,12 M., 
die Ausgaben 951,79 M., so daß als Kaffenbestand 10,33 M. 
verbleibt. Hierzu kommen noch Außenstände in Höhe von 
257.50 M. Der Haushaltsplan, abschließend mit 1000 M., 
wurde angenommen. Der UnterstützungSfondS beträgt z. Z. 
1231,45 M. — Unter „Verschiedenes" wurde empfehlend 
hingewiesen auf daS am DienStag, den 11. Februar, im 
Kaiser Wilhelm-Garten zu Friedenau, Rhrinstr. 64, statt 
findende 10jähr. Stiftungsfest der Vereinigung selbständiger 
Schneidermeister von Friedenau und Umgebung. 
o Friedenauer Parochialverein. Der gestrige 
Unterhaltungkabend der Parochialoereins hatte wieder 
einen starken Besuch auszuweisen und nahm einen guten 
Verlauf. Einen ausführlichen Bericht bringen wir in 
einer der nächsten Nummern. 
o Astronomischer Vortrag. Unter dem Titel: 
„Ueber Werden und Vergehen im Weltall" führte Sonntag 
Abend der Observator der Königlichen Sternwarte in 
Berlin, Herr Dr. Riem den Mitgliedern und zahlreichen 
Gästen deS Evangelischen Vereins Junger Männer in Frie 
denau mit vielen Lichtbildern die Entstehung und da« Ab 
sterben der Wellkörper in einem äußerst klaren und allge 
meinverständlichen Vortrage vor. — Durch neuartige An 
wendung und Benutzung riesiger Spiegelteleskope ist die 
Himmelkphotographie erst im letzten Jahrzehnt auf eine 
so hohe Stufe der Vollkommenheit gebracht worden, daß 
durch ihre Erfolge auch die Astronomen überrascht worden 
sind. Der Blick in die Tiefen der Weltall« wurde dadurch 
bedeutend erweitert. Die Zahl der entdeckten und 
katalogisierten Lichtnebel beläuft sich auf viele Tausende, 
und über die wirkliche Form längst bekannter Gebilde am 
Sternenhimmel sind erst jetzt wieder merkwürdige Auf 
schlüffe erreicht worden. Von den harmlosen Lichtnebeln 
im Wellenraum, dieser mutmaßlich die ungeordnete 
Materie darstellenden kosmischen Erscheinungen, ging Dr. 
Riem zu den wunderbaren Spiralnebeln über, die be 
kanntlich den Anlaß zu der, jetzt wieder bekämpften Kant- 
Laplaceschen WeltentstehungStheorie gegeben haben. Die 
Nebelsterne und die Sternhaufen bieten bereits höhere 
Stufen de« SonnendasetnS, bis wir in den Fixsternen. zu 
denen unsere Sonne gehört, den Höhepunkt de» Welt- 
körperleben« erblicken. An der Farbe erkennen die Astro 
nomen den Hitzegrad der Sterne. Unsere Sonne hat den 
Höhepunkt ihrer Entwickelung überschritten. Nicht mehr 
in tötlichem blauweißem, sondern in milderem grlbwetßen 
Lichte sendet sie ihre lebenerweckendrn Strahlen auS. In 
weiter fortgeschrittener Erkaltung erscheinen unS die Planeten, 
deren größter. Jupiter, noch ein« rote Glut bewahrt. Nur 
auf der einzigen Erde erscheinen die Temperaturverhält- 
niffe organischem Leben hold. Die neueren Entdeckungen 
auf der Marsoberfläche widerlegen deutlich jede Annahme 
der Möglichkeit eines Pflanzen- oder TierlebenS auf diesem 
unserm Nachbarplaneten. Auch die berühmten Kanäle 
lösen sich in den genaueren Bildern der neuesten photo 
graphischen Platten zu formlosen Gebilden auf, die mit 
irgend einer „Kultur" keine Sehnlichkeit haben. AlS 
Repräsentant der völlig auSgestorbenen, weil gänzlich er 
kalteter Weltkörper, erscheint der Mond, dessen luft- und 
wafferlose Oberfläche in vielen schönen Aufnahmen vorge 
führt wurde. Zuletzt wies der Vortragende darauf hin. 
daß die Harmonie und Zweckmäßigkeit de« Weltalls 
unzweifelhaft auf einen über der Welt stehenden» bewußten» 
weisen Willen «ineS Schöpfer« hinweise, und daß «in 
tiefere« Eindringen in die Geheimnisse der Natur, daß 
namentlich die immer besser erkannte zentrale Stellung 
unseres Sonnensystems im Weltall, dem Glauben an die 
besondere Bestimmung unserer Erde, als einziger Träger 
unsterblicher Wesen zur Ehre Gotte« durchaus nicht wider 
sprechen, sondern Vorschub leiste. Der Vorsitzende Pastor 
Vetter dankte dem hervorragendem Gelehrten, dessen 
populär-astronomische Werke (Natur und Bibel) weitver 
breitet sind, sür seinen lichtvollen Vortrag. 6. L. 
o Der Rnderverein a« Realgynenafiunr nebst 
Realschule feierte am Sonnabend, dem 18. d. MtS. in 
der Aula der Anstalt sein Winterfest 1913, da« in schönster 
Weise verlief. Auf die Begrüßung der Gäste durch den 
Vorsitzenden folgten durchaus gut gelungene musikalische 
Vorträge durch Mitglieder und Gönner deS Vereins: AuS 
dem „Troubadour" (Klavier), Walzer und Andante für 
'zwei Geigen und Klavier von Dartrla und vor mllem' 
ö-ciar, Trio für Violine, Bratsche und Klavier von Lachner. 
Eine anmutige Sängerin erfreute die Anwesenden durch 
drei reizende Lieder, und ein von diesen eingerahmter 
Vortrag mit Lichtbildern, die sämtlich von einem Mitglied« 
hergestellt waren, führte uns in oft humorvoller Weise 
schöne AugeublickSbilder von den Wanderfahrten de« 
Verein« im vergangenen Sommer vor. Den 2. Teil 
leitete ein mit lebhaftem Beifall aufgenommene« Theater 
stück ein: „De Wedd" von Fritz Reuter (dramatisiert). 
Darauf folgte der Vortrag des „Maler Kleckse!" mit 
bunten Lichtbildern, wobei der köstliche Humor Wilhelm 
BuschS seine Wirkung nicht verfehlte. . ES war ein wohl- 
gelungener Abend und die Gäste lohnten alle wackeren 
Vorsührungen mit reichem Beisall. — Möge der junge 
Verein weiterhin blühen, wachsen und gedeihen ! 
o Das Biofontheater in der Rheinstratze 14 
bringt von heute ab wieder zwei große Schlager zur Vor 
führung. Die Sirene ist ein kolorierte Kunstfilm in zwei 
Akten. Gespenster nennt sich ein dreiaktiger sozialrS 
Drama, in welchem der Dämon Alkohol stine verderbliche 
Wirkung nicht verfehlt. Konstantinopel, die Hauptstadt der 
Türkei, ist eine schöne Naturaufnahme, durch dir KriegS- 
ereigniffe sehr aktuell. Wochenschau und Tonbild sind 
wieder recht abwechslungsreich und die komischen Gaben: 
Die feindlichen Nachbarn, Nauke irrt sich in der Etage 
„Komin herein, Kind, ich möchte Dich Sir Williain 
Graßman und Doktor Penfold vorstellen. Fräulein Olivia 
Maitland, eine junge Verwandte meines verstorbenen 
Gatten." 
7. Kapitel. 
„N i ch t s als ihr Wort." 
Fräulein Maitland verbeugte sich vor den beiden Herren 
und ging dann nach dem Fenster, wo sie sich in einen 
niedrigen Sessel setzte und sich vollständig in die sehr be 
schränkte Aussicht vertiefte. Sir William machte sich die 
Unterbrechung sehr geschickt zunutze und lenkte die Unter 
haltung in andere Bahnen. Er verbreitete sich übel die 
malerische Umgebung des Schlosses und das historische 
Interesse, das dem alten Gebäude anhaftete. 
Julius freute sich, daß ein Gesprächthcma angeschlagen 
worden war, an dem er, der noch ganz fremd in der 
Gegend war, nicht teilnehmen konnte, denn er fand da 
durch Gelegenheit, sich von dem erlittenen Schreck einiger 
maßen zu erholen und die reizende Ursache desselben 
zu bewundern. Wenn auch das Mädchen nicht durch das 
geringste Zeichen verraten hatte, daß sie ihn wiedererkannte, 
so war er doch fest überzeugt, daß dies der Fall war. Sie 
hatte ihm ja schon früher Beweise ihrer Selbstbeherrschung 
gegeben, und so hatte sie es auch wahrscheinlich jetzt ver 
standen. ihre Ueberraschung bei seinem Anblick zu ver 
bergen. Es kam ihm auch sehr merkwürdig vor, daß sie 
an der leicht dahinfließenden Unterhaltung so gar keinen 
Anteil nahm, wie es sich doch bei dem ersten Besuch des 
rornehmen und berühmten Nachbarn gehört hätte. Schwieg 
ie vielleicht aus demselben Grunde wie er, um sich von 
,em Schreck zu erholen, den das unerwartete Zujammen- 
reffen ihr verursacht hatte? 
Aber war es für sie wirklich ebenso unerwartet, wie 
ür ihn ? Als sie ihn in dem Drogengeschäft besucht hatte, 
ind unter der Maske einer armen Patientin ihn die 
änderbare Warnung vor der Anstellung bei. Sir Williain 
intte zukommen lassen, da mußte sie ja aus seinem ganzen 
tzerbalien gesckckosscn haben, daß gerade diese Warnung 
hn in seiner Absicht, das Amt anzunehmen, bestärken würde, 
md jo mußte sie auch gewußt haben, als ihr Vetter das 
Zchloß mietete, daß ein Zusammentreffen über kurz oder 
ang unvermeidlich war. Denn da sie so viel gewußt 
»atte, war ihr sicher auch nicht unbekannt gewesen, daß 
5ir William der anonyme Inserent war. 
Und dieser Gedankcngang brachte ihn auf die merk- 
oürdige Tatsache, daß ihr Bild sich im Besitz des Dctettiv- 
iispektors befand, woraus unzweifelhaft hervorzugehen 
chien daß sie an dem merkwürdigen Verschwinden des 
ilten Brown, das sich jetzt als Mord erwiesen hatte, nicht 
mbeteiliqt war. Und mar dies der Fall, so war sie auch 
licht unschuldig an dem größeren Verbrechen oder mel- 
liehr an der Reihe von Verbreche», in welker der Ucber- 
ill auf den alten Diener nur eine Episode bildete. Er er- 
linerte sich auch mit schwerem Herzen an die.spöttische Be- 
eicknung, die der joviale Geheimpolizist wiederholt ge 
raucht hatte, „die schöne Verführerin" und an dessen Ber 
ingen, ihn sofort telegraphisch zu benachrichtigen, wenn 
l sich fügen sollte, daß er das Original des reizenden 
Uldes irgendwo träfe. • 
Und nun hatte er sie getroffen, und zwar Lin dem 
letzten Ort der Welt, wo er es erwartet hätte, und war 
das Bild reizend gewesen, so war sie es noch viel mehr. 
Ja, noch bedeutend mehr als an jenem Abend, als sic 
ihn so listig dazu gebracht hatte,'von seinen geheimsten 
Angelegenheiten zu sprechen, und ihr von dem drohenden 
Ruin zu erzählen, vor dem er stand. Damals war sie 
außerordentlich angeregt gewesen, und hatte es durch 
liebenswürdiges und lebhaftes Plaudern verstanden, ihn 
vollständig zu umstricken. Heute, wie sic da am Fenster 
saß, lag eine tiefe unerklärliche Traurigkeit über ihr süßes 
Gesicht ausgegossen, und sie schien ihm fast noch be 
zaubernder als damals. In ihrem Schweigen und der 
niedergeschlagenen Haltung lag etwas, das an seine Ritter 
lichkeit appellierte, und er hatte das unbestimmte Gefühl, 
als ob sie seines Schutzes bedürfe und ihn erwarte. Wenn 
man nach, dem Aeußeren und nach dem Gesichtsausdruck 
schließen durfte, so war es ganz unmöglich, daß Olivia 
Maitland einen verwerflichen Grund gehabt hatte, als sie 
ihn aufsuchte, und ihm die Botschaft brachte, lind auch 
ihr jetziges Schweigen und Verleugnen der Bekanntschaft 
entsprang sicher keinen unlauteren Motiven. Es war 
nicht ihre Schönheit, die Julius veranlaßte, zu diesem Ent 
schluß zu kommen, sondern der rührende Ausdruck in ihren 
Augen, der traurige Zug um den schönen Mund, die ganze 
Melancholie, die über ihr ausgegossen lag. 
Und es stand bei ihm fest, daß Inspektor Black von 
ihm niemals die Mitteilung erhalten würde, wo das Ori 
ginal des Bildes sich befand, denn er wünschte nicht, daß 
die ihm so sympathische junge Dame mit der Polizei zu tun 
haben sollte. ' (Fortsetzung folgt.)
        
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