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Periodical volume Nr. 279, 27.11.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Zunftwesen wieder um ein gutes Stück genähert, und wie 
man sich in Kreisen des Handwerks für überzeugt hält, 
zum besten des Handwerks. Ganz ohne Zweifel verbürgt 
die obligatorische Gesellen- und Meisterprüfung eine 
gewissenhaftere Durchbildung als ohne diese, denn nicht nur 
die Prüflinge, sondern auch ihre Meister müssen auf jeden 
Fall danach streben, daß di« Prüfung mit Ehren bestanden 
wird. Gewerbefreiheit ist insofern noch, als andere, Nicht- 
geprüfte, wohl denselben Erwerbszweig ausüben können, 
aber keine Lehrlinge halten dürfen. Die handwerksmäßige 
Ausbildung ist also wieder in ein bestimmtes System 
gebracht worden, die jungen Leute werden gezwungen, sich 
die Erfahrungen der älteren Jahrgänge zunutze zu machen, 
um eben die Prüfung bestehen zu können, und so wird das 
Können von Generation zu Generation gesteigert. Der 
Zwang dieser Prüfungen ist wohl manchem nicht angenehm, 
aber er hat sicher auch sein Gutes. 
o Die .Krankeu-Unterstütznngs- und Stcrbekaffe 
e. G. selbständiger Handwerker im Bezirk der Hand- 
werkskainmern zu Berlin und Frankfurt a. O. (Begründet 
von der Handwerkskammer zu Berlin.) Sitz Berlin, Belle- 
Alliancestr. 5, hat soeben die Genehmigung ihres zweiten 
Statutennachtrages vom Polizei-Präsidium zu Berlin er 
halten. Aus demselben ist zu entnehmen, daß auch den 
selbständigen weiblichen Handwerkern der Beitritt zur Kasse 
möglich gemacht worden ist und ferner, daß den Mitgliedern 
nach einjähriger Mitgliedschaft ein Sterbegeld, je nach der 
Klasse, bis zu 100 M. gezahlt wird. Hierdurch ist einem 
dringenden Wunsche der Mitglieder Rechnung getragen und 
die Kasse in einer Weise ausgebaut worden, daß man die 
selbe als eine moderne und mustergiltige bezeichnen kann. 
Besonders hervorgehoben muß noch werden, daß die höhere 
Leistung eine Erhöhung der Kassenbeiträge nicht erforderlich 
geniacht hat, da bei dem günstigen Vermögensstand — der 
Reservefonds in Wertpapieren beträgt 00 000 M. — eine 
Sterbegeldunterstütznng übernommen werden konnte, auch 
ohne die Mitglieder hierfür besonders durch erhöhte Bei 
tragszahlungen zu belasten. Wir weisen darauf hin, daß 
jeder selbständige Handwerker, der das 45. Lebensjahr noch 
nicht überschritten hat, seine Mitgliedschaft in die Kaffe durch 
Meldung im Kassenlokal, Berlin SW. 61, Belle-Alliance- 
straße 5, erwerben kann. Meldcformulare usw. stehen 
kostenlos zur Berfügung. 
o Germania, Lebens-Versichernngs-Aktien-Gesell- 
schaft zn Stettin. Nach Genehmigung des Rechnungs 
abschlusses von der ain 30. April d. Js. abgehaltenen 
Generaloersainmlung erhalten die mit Gewinnanteil Ber- 
sicherten der Germania 95,7 Prozent des lteberschusses mit 
mehr als 10 ü /, 0 Millionen Mark zur künftigen Verteilung 
von Dividenden. Aus den Gewinnreserven und deni 
Dividendenergänzungsfonds der Versicherten im Betrage von 
33 9 / 10 Mill. Mark wird den mit Gewinnanteil Versicherten 
bei Plan A eine Dividende von 33 Prozent der maß 
gebenden Prämie — gegen 20 Prozent im Anfange des 
vorigen Jahrzehnts — und bei Plan I! eine Dividende bis 
zu 030z Prozent der einzelnen Prämie vergütet. Die 
neuen Anträge des Jahres 1912 liefen über 93'/ 2 Mill. 
Mark Kapital und ist/ 2 Mill. Mark Jahresrente. Der 
Versichcrungsbestand stellte sich Ende 1012 auf 220 031 
Versicherungen über 925 136 470 M. Kapital und 13 700 856 
Mark Leib- und Invalidenrente. Hierin eingeschlossen sind 
20 865 Jnvaliditätsversicheruugen über 155-/ 10 Mill. Mark 
Kapital und rund 10 9 /^ Mill. Mark jührl. Invalidenrente. 
Die Sicherheitsfonds der Germania betrugen 406 Mill. 
Mark Ende 1912. Die Germania betreibt die Lebens-, 
Jnvaliditäts-, Aussteuer-, Leibrenten-, Unfall- und Haft 
pflichtversicherung und hat vor kurzem auch die Todesfall- 
Versicherung ohne ärztliche - Untersuchung zu den vorteil 
haftesten Bedingungen für die Versicherten aufgenommen. 
o .Konkurs Schlichen. Wie jetzt bekannt wird, ist 
bei der Firma Schlicken eine greifbare Aktivmasse nicht 
vorhanden. Bei Bekanntwerden der Sanierungsversuche sind 
von einigen Gläubigern Arreste und Zwangsvollstreckungen 
ausgebracht worden, svdaß die Aktiomasse augenblicklich nicht 
erreichbar ist. Der Konkursverwalter soll aber die Absicht 
haben, sämtliche Pfändungen und Verpfändungen zurück 
greifend bis auf diejenigen Verpfändungen, die am 29. April 
an den A. Schaaffhausen'schen Bankverein stattgefunden 
haben, anzufechten. Denr letzteren Institut sind bekanntlich 
Weine in Höhe von 300 000 M. als Faustpfand gegeben 
worden, die aber einen beträchtlich höheren Wert haben 
sollen. Auch sind u. a. noch für etwa 20 000 M. Zigarren 
und Zigaretten abgeholt worden. ' Die Miets- und Lohn 
forderungen belaufen sich auf 190 000 M. Die verfügbaren 
Aktiven nach Freigabe der Pfändungen werden auf etwa 
600 000 M. geschätzt, die aber im negativen Sinne den 
Gläubigern auch uoch Ueberraschungen bringen können. 
o wondervorsteslung ans der Treptow-Sternwarte. 
Tie Direktion der Treptow-Sternwarte hat für Donners 
tag, dem 14. August, nachm. 6 Uhr einen kinematvgraphischen 
Sondervortrag angesetzt, zu dem jeder Erwachsene das Recht 
hat, ein Kind unter 14 Jahren frei einzuführen. Das 
Thema lautet „Christoph Columbns". 
o Ein schwerer Ginbruchsdiebstahl mit nachfolgender 
Brandstiftung beschäftigt gegenwärtig die Schöneberger 
Kriininalpolizei. Am 8. August wurde' in den Mittags- 
stunden in der Wohnung eines Fräuleins Deters, Güntzel- 
straße 64, ein Wohnungsbraud entdeckt, der durch Hausbe 
wohner wieder gelöscht wurde. Die Wohnungsinhaberin, 
die zur Zeit des Einbruchs nicht in der Wohnung anwesend 
war, entdeckte bei ihrer Rückkehr, daß die Einbrecher sämt 
liche Schmucksachen im Werte von 70 000 M. gestohlen 
haben. Die herbeigerufene Kriminalpolizei stellte fest, daß 
der Hintereingang zur Wohnung mittels Stichsäge zer 
schnitten war, so daß die Einbrecher von innen den Riegel 
zurückschieben und so in die Wohnung gelangen konnten. 
Man fand eine etwa 40 Zentimeter lange Srichsäge und 
ein Messer mit einem 10 Zentimeter langen braunen Holz 
heft, wie es Zigarrenmacher zum Verarbeiten von Zigarren 
gebrauchen. Sieben den ganzen SchmuSgegenständen halten 
die Einbrecher Silbersnchen und außerdem auch noch au 
einer Truhe die dort während des Sommers liegenden Pelze 
gestohlen. Bon den Einbrechern, die so arg in der 
Wohnung gehaust hatten, hat im Hause niemand etwas ge- 
ehen. Obwohl seit dem Einbruch schon vier Tage ver 
gangen sind, hat man weder eine Spur von den Dieben 
noch dem Verbleib der gestohlenen Sachen finden können, 
die einen Wert von 50- bis 70 000 M. haben. Die Ge- 
ellschast, bei der die Bestohlene gegen Einbruch versichert 
ist. hat jetzt eine Belohnung bis zum Höchstbetrage von 
5000 M. auf die Wiederherbeischaffung der verschivundenen 
Gegenstände ausgesetzt. Die gestern stattgehabte Vernehmung 
der Bestohlenen hat nichts wesentliches zur Ernrittlung der 
Diebe ergeben. Fräulein Anna Deters, gibt an, daß sie 
am 8. d. M., Vormittags 10 Uhr, ihre Wohnung in Ge 
meinschaft mit ihrem Dienstmädchen verlassen habe, um sich 
zn ihrer in Pankow wohnenden Mutter zu begeben. Sie 
habe verdächtige Personen, die etwa für den Einbruch in 
Frage kourmen können, nicht angetroffen. Unter den ge 
stohlenen Gegenständen befinden sich u. a. eine Perlenkette 
mit 99 Perlen im Werte von 10 000 M., eine Nadel mit 
großen Brillanten, Rubinen und Perlen im Werte von 
5000 M., ein mit Brillanten und Perlen besetztes Armband, 
ein Brillantenanhänger mit einem Kranz von Brillanten, 
eine Anzahl Brillantringe und Armbänder, außerdem ein 
120 Zentimeter langer, echter Sealmantel und eine Zobel 
stola mit Muff. Die Recherchen im Hause selbst haben zn 
keinem Resultat geführt, und es erscheint verwunderlich, daß 
niemand im Hause von den Einbrechern wahrgenoinmen 
hat. Der Kriminalpolizei ist sehr daran gelegen, daß sich 
Händler melden, die in den letzten Tagen ein 40 Zentimeter 
lairgcs Stecheisen und ein Messer mit einem 10 Zentimeter 
langen Holzgriff verkauft haben. 
o Einbruchsdiebstähle. In der vergangenen Nacht 
wurden im Hause Saarstr. 2 die Keller- und Bodenvcrschläge 
erbrochen und ausgeräumt. Den Dieben sielen Wein, 
Hausgeräte usw. zur Beute. — In der vorletzten Nacht 
räumten Spitzbuben die Böden des Hauses Fchlerstr. 16 aus. 
- Im Hause Stubenrauchstr. 57 wurde dieser Tage ein 
Wohnungseinbruch veriibt. Kleidungsstücke und Schmuck 
sachen sielen den Dieben in die Hände. 
o Tod eines Knaben unter Sandmassen. Am 
gestrigen Nachmittag ereignete sich in den Rauen Bergen 
bei Steglitz ein schivcrer Unfall, der ein junges Menschen 
leben vernichtete. Der 11jährige Stzhn Waldemar des 
Zimmerpoliers Müller aus der Hardenbergstr. 3 in Steglitz 
spielte mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder im Sande 
der nicht hohen, aber schroff abfallenden Hügel. Die beiden 
Knaben gruben in der großen Sandgrube nahe dem Sonnen 
bad einen ziemlich tiefen Schacht, in den sie hineinstiegen. 
Durch ihr fortgesetztes Ausschachten des Sandes unter 
minierten sie eine etwa 2'/, Meter hohe Sandwand, die 
plötzlich einstürzte und die Knaben verschüttete. Auf das 
Hiliegeschrei der Kinder eilte ein Arbeiter hinzu, dem es 
bald gelang, den jüngerem Knaben auszugraben. Mit 
Unterstützung eines zweiten Arbeiters versuchte er sodann 
den ältern Bruder gleichfalls zu retten. Sie vermochten 
auch nach wenigen Minuten den Kleinen zu befreien. Doch 
er war bereits tot. Die schweren Sandmassen waren ihm 
auf das Genick gefallen und hatten ihm beim Einsturz die 
Wirbelsäule gebrochen. Ter kleine Tote wurde, nachdem 
die Steglitzer Polizei den Tatbestand festgestellt hatte, seiner 
schmerzerfüllten Mutter übergeben. 
o Verkehrsunfall. In der Schloßstraße wurde der 
Sekretär Otto Pilz vom Kaiserlichen Patentamt von der 
elektrischen Straßenbahn angefahren. Er wurde mit schwerer 
Gehirnerschütterung ins Stubenrauchkrankenhaus Lichterfelde 
übergeführt. 
o Strasienbnhttnnfall. Gestern Vormittag versuchte an 
der Ecke der Kaiserallce und des Südmestkorso der Kaufmann 
Ernst Reimann auf den Atortorwaggon eines vorüber 
fahrenden Straßenbahnzuges der Linie 69 zu springen. R. 
glitt jedoch ab, kam zu Fall und geriet unter der Vorder- 
plattsorm des Beiwagens. Der Kaufmann erlitt eine Ge 
hirnerschütterung und Verletzungen am linken Bein. De? 
Verunglückte fand im Schöneberger städtischen Krankenhause 
Aufnahme. . 
Vereins-Hachrichten 
Morgen Donnerstag tagen: 
„Fricdcnaucr Männer-Gesangverein 1875", Uebungsstunden 
0—11 Uhr im „Hohcnzollcrn". Dirigent: Musikdirektor Paul Antoni. 
Schömberg 
- o In dem Konkursverfahren über das Vermögen des 
Hans Lühmann, Motzstr. 7, Pension Poltrock, ist zur 
Abnahme der Schlußrechnung des Verwalters, und zur 
Anhörung der Gläubiger über die Erstattung der Auslagen 
und die Gewährung einer Vergütung an die Mitglieder des 
Elänbigcrausschusses der Schlußtermin auf den 23. August 
1913, Vormittags 10 Uhr, bestimmt. 
—o Ein Irrsinniger machte gestern der Polizei viel zu 
schaffen. Der 50jährige Oberregisseur Arthur Stiruatis, der 
im Hause Königsweg 42 seine Wohnung besitzt, bestieg an 
der Ecke Bahn- und Kolounenstraße in Schönebcrg ein 
Droschkenautomobil und ließ den Führer eine zeitlang 
geradeaus fahren. Dann rief'er ihm zu: „Fahren Sie mich 
jetzt zum Schloß, ich muß zum Kaiser. Sie haben auf 
dem Bürgersteig zu fahren." Der Chauffeur, der merkte, 
daß er cs mit einem Geisteskranken zu tun habe, bracht St. 
auf das Schöneberger Polizei-Präsidium. Hier stellte sich 
heraus, daß der Fahrgast zwar überreichlich mit Geldmitteln 
versehen war, sich aber weigerte, den Chauffeur zu ent 
lohnen. da er ihn nicht Unter die Linden gebracht habe. 
Slirnatis wurde wieder entlassen und' nahm ein anderes 
Autoinvbil, an dessen Fahrer er dieselben unsinnigen Zu 
mutungen stellte. Er wurde nun nach dem Polizeirevier 
in der Vorbergstraße 15 gebracht, wo sich das Spiel 
wiederholte. Mit einem dritten Auto kam er auf das 
Schöneberger Polizeirevier Nr. 4 und von dort immer mit 
anderen Automobilen nach den Berliner Revieren am 
Monbijouplatz, Nr. 13 usw. Etiva 10 bis 12 Polizei 
reviere suchte der Irrsinnige auf, wo er überall skandalierte 
uud den Polizeipräsidenten zu sprechen verlangte. Ueberalt 
erzählte er, daß er Millionär sei und in den besten Kreisen 
verkehre. Sein Einfluß reiche sehr weit und er werde dafür 
sorgen, daß die Beamten, die ihm nicht sein Recht ver- 
schaffen wollten, von Hren Posten entfernt würden. 
Schließlich brachte ein Chauffeur den Irrsinnigen nach der 
Maison de sante, wo er Aufnahme fand. 
Berlin und Vororte 
§o Mit dem Umbau des Bahnhofs Friedrichstraße 
dürfte noch in diesem Herbst begonnen werden. Nachdem 
Minister v.'Breitenbach den Gesamteutwurf genehmigt hat, 
werden jetzt die Einzelpläne ausgearbeitet. Der von Grund 
aus umgebaute Bahnhof ist dreigleisig angeordnet; zu den 
jetzigen Stadt- und Fern-(Vorort)gleisen kommt noch ein 
drittes Gleispaar, auf welchem die Fernzüge, deren Ab 
fertigung naturgemäß längere Zeit in Anspruch nimmt, halten 
werden, sodaß die Vorortzüge neben diesem Ueberholungs- 
gleis jederzeit freie Bahn finden. Der neue Bahnhof wird 
danach drei Bahnsteige erhalten rrnd nach Norden zu ver 
breitert werden. 
so In der Nähe des Bahnhofs Groß-Lichterfeldc-Ost, 
nämlich am Dahlemer Weg zu Zehlendorf, hat der Eisen 
bahnfiskus ein etwas über zwei Hektar großes Gelände er 
worben. Dies hat zu dem Gerücht Anlaß gegeben, die 
Staatsbahnverwaltung beabsichtige, an der Potsdamer Strecke 
einen neuen Fernbahnhof, „Grvß-Lichterfelde-Ost", anlegen 
zu lassen. Wie die „Voss.-Ztg." an unterrichteter Stelle hört, be 
ruht diese Annahme auf einem Irrtum; cs handelt sich vielmehr 
lediglich um einen sogenannten „vorsorglichen Grunderwerb", 
der gelegentlich an solchen Stellen vorgenommen wird, wo 
die zunehmende Bebauung die Bahnanlagen einzuengen droht. 
so Pfarrer Luther wieder im Amt. _ Einen uner 
warteten Ausgang hat die Affäre des Pastors Neinhold 
Luther aus Stahnsdorf genommen, dem bekanntlich in einem 
Privatklageverfahren gegen den praktischen Arzt Dr. Eckert 
allerlei religions- und kirchenfeindlichc Bekenntnisse zum Vor 
wurf gemacht worden waren. Die gerichtliche Erörterung 
führte im Vorjahre zu einem Disziplinarverfahren gegen 
Pastor Luther. Wider Erwarten endete dies damit, daß er 
seit einiger Zeit in Stahnsdorf wieder die Seelsorge, und 
zwar in positivstem Sinne, ausübt. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Noch cinnial die Bedürfnisanstalten auf dem Fricdrich-Wilhelm- 
Platzc. Wollten wir die gestrige Erwiderung des Herrn Dr. Schultz 
unbeantwortet lassen, so könnte das den Anschein erwecken, daß wir 
nun vom Gegenteil unserer Ansicht — nämlich, daß_ das Pissoir 
dort erhalten bleiben muß — überzeugt wären, was nicht der Fall 
ist. Herr Tr. Sch. schreibt von der „modernen" Rotunde auf der 
westlichen Seite des gen. Platzes, hat sich dieselbe aber gar nicht 
angesehen. Er hätte sonst sofort bemerkt, daß sie so modern ist, 
daß sie gar kein Pissoir enthält, sondern nur Klosetts, die nur 
gegen Errichtung eines Obolus zu benutzen möglich sind. Die An 
wohner des Friedrich-Wilhelm-Platzes brauchen das altmodische 
— wie sich Herr Sch. ausdrückt — Pissoir gar nichts die haben alle 
Vcguemlichkcitcn in ihren Wohnungen, die Anstalt ist vielmehr für 
Passanten und für die alten Herren bestimmt, die dort auf den 
Bänken sitzend Erholung suchen. Die Hausbesitzer am Fricdrich- 
Wilhelm-Platz würden die Entfernung des Pissoirs am meisten zu 
bedauern haben, weil sic dann noch mehr als bisher über Ver 
unreinigung ihrer Kellerdurchgänge und Hausflure zu klagen hätten. 
Das kleine Häuschcg ist aber auch für die Kirchenbesucher nötig, 
weil die paar Klosetts in der „modernen" Rotunde nach stark be 
suchten Gottesdiensten gewöhnlich besetzt sind. Herr Tr. Sch. braucht 
weder die bctr. Geistlichen uoch den Gemcindekirchenrat anzurufen, die 
wissen ohne Ausnahme, ivas natürliche Bedürfnisse sind. Unsere 
Gemeindeverwaltung wird ivohl wissen, was sie zu tun und 
zu lassen hat, darauf kann er sich getrost verlaßen. Namens der 
Unterzeichner des Eingesandts vom 11, August. F. H. 
Schulmisere in Friedenau. 
Daß die Schulvcrhältnisse in Friedenau nicht die besten sind, 
ist bekannt. Daß es aber, um ein 6 jähriges Kind in das einzige 
vorhandene Lyzeum (Königin-Luise-Schulc) unterzubringen, einer ca. 
1 jährigen Bornoticrung bedarf, dürfte kaum bekannt sein. Und 
doch ist es leider so. Mädchen, die jetzt 6 Jahre alt werden, 
können in der Osterkkaße wegen Ueberfülluug nicht mehr aufge 
nommen werden. Die ablehnende Antwort des Herrn Schul 
direktors erfolgt mit dem Hinweis auf die beiden in Friedenau be 
stehenden Privat-Töchtcrschulcn. Ja, wenn diese wenigstens den 
staatlichen Schulen gleichgestellt wären und demzufolge auch die 
Bezeichnung „Lyzeum" führen dürsten, so würden ^ewiß viele 
Eltern ihre Kinder dorthin geben. Erst vor einigen Tagen ging 
eine Notiz durch den Zeitungswald, daß die von Privattöchter 
schulen entlassenen Mädchen von den, Reichs-, Staats- und Kom- 
munalbchörden als Beamtinnen nicht angenommen werden. Sollen 
sich da die Eltern ins eigene Fleisch schneiden? Friedenau — Du 
mit Deinen 43 ö00 Einwohnern, durchweg vom Mittelstand be 
völkert, bist in der vorgenannten Beziehung gegenwärtig die rück 
ständigste Gemeinde Groß-Berlins. Nimm Dir die Nachbarstädte 
Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg zum Vorbild! Ge 
ehrte Gcmeindevätcr, die Ihr im Gcmeindeparlament sitzt, stellt 
doch unnötige, Gcldausgaben für andere Zivecke (z. B. Äathaus- 
Pr achtbau!) zurück und trachtet dafür, das geistige Wissen Eurer 
Gemeindetöchtcr zu fördern! Kauft eine Privatschule an oder gebt 
eine Volksmädchenschule auf (es werden doch immer ivenigcr Voiks- 
schülcrinncn) oder bildet vorerst eine zweite Osteranf- 
uahmeklasse (Parallelklasse)! llebergenug Schülerinnen sind 
da. Leicht könnte sonst der Fall eintreten, daß in Zukunft die 
Eltern ihre Kinder 2 und 2*/, Jahre vorher anmelden müssen. 
Du hochgelehrte Schulaufsichsbehörde kontrolliere die. Friedenouer 
Verhältnisse! Es geht tatsächlich nicht mehr so weiter wie bisher. 
. , Einer für Viele. 
Mit verbindlichen Dank für die baldige Aufnahme meiner Zu 
schrift, bitte ich nur um Richtigstellung des einen Satzes. Es muß 
heißen: „säugende Hündinnen, die nicht angespannt werden 
dürfen, sogar nach Polizeivorschrift." Eingesperrt, wie es im Druck 
heißt, dürfen sie werden; dagegen kann niemand etwas tun. Am 
vergangenen Mittwoch sah man einen schwer, allzu schwer be 
ladenen Kohlenwagen von einer säugenden Hündin ziehen; das 
Tier brach fast zusammen. Leider war kein Schild in der Dunkel 
heit zu erkennen, sonst hätte ich die Anzeige erstattet. St. 
Vermischtes 
*o Von den schon bestehenden Hilfsklasscn für schwachsinnige 
Schüler sollen in Fürth jetzt Förderklaßcn für im Unterricht zurück 
bleibende Kinder eingerichtet iverdcm Im letzten Jahre erreichten 
etwa 20 Proz. der Aolksschüler nicht das Lehrziel der Klaffe. Ter 
hohe Prozentsatz kommt daher, daß dcrp Kindern der in Fürth stark 
vertretenen Fabrikarbrilerbevölkekung-die häusliche Aufsicht über 
die Schularbeiten fehlt. Solchen Schülern, die wegen Krankheit 
längere Zeit vom Unterricht fern bleiben mußten, wird außerdem 
seit längerer Zeit besonderer Nachhilfsunterricht gcwähet. 
Wettcranßsichten. 
Donnerstag: Ziemlich licht,' vielfach wolkig, ohne 
erhebliche Niederschläge, frische westliche Winde. 
Verantwortlicher Schriftleiter; Hermann MartiniuS Friedenau.
        
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