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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

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Die bunte Mocke 
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die SwÄna i T e fWl roebe J"^ Ben ^ Hunde Groß-Berlins 
II f" SP5R3? b.f'Ä.S 
»ääS-JFw^f&wiöe 
Präsident auf den Festschmück schäum, den^die Hundebchtzm chren 
vierbeinigen Freunden an das Halsband und ?n den leider nock 
BeEÜ hängen. Gerade bie %Zl 
-öetitn sollte m der Hundefrage großzügig und milde sein 
Lindm^leuckte? K°n.g. dessen Marmorbild zwischen dem Grün der 
« » or U ^tet, batte seine Hunde lieb. Wenn sein stablararies 
Glam glichen Wcggesellen ruhte, kam ein milder 
Glanz in den starren Blick. Wenir das Wetter schlecht ivar faßen 
TnLmu h dem alten Fritz in der Galakutschc, und nach 
c i nc eigene Gruft versenkt. Das waren noch 
Da wurden die Hunde noch geehrt, wie z. V. durch ein 
des großen Königs, das er einem fremden Gesandten sagte, 
der in das königliche Zimmer trat: 
„Nehmen Sie sich vor diesem Hunde macht: der ist eben so 
malitios. wie ein Mensch!" 1 1 
unb Kanarienvögel während der Ferienzeit treu aufbewahrt und 
verborgt werden. ' 
Jetzt, wenn der Strom wieder die Stadt überschwemmt, ivcnn 
alle wieder zurückkehen vom Meer und aus den Bergen, dann 
macht eine ruhrende Familienszene, ein kleines Fest der Wiedcr- 
sehensfreude den Schmerz der Trennung wieder gut. 
Das sind die Tage, in denen die Gerechtigkeit wieder 31t 
yren f 0111011. Tausende von Männern, die tag saus, tagsein in 
treuem Eifer ihren Geschäften nachgingen, während die Frau mit 
den neben Kindern sich erholte, kommen jetzt wieder zur ivohlver- 
dimten Ruhe. Hatten nicht einige versucht, selbst zu Hause zu 
kochen? Hatten sie nicht die Teller ausgewaschen und sie, statt in 
dm Schrank, auf den Stutzflügel gestellt? Hatten sie nicht ge- 
schworen, ore Blumen .zu begießen und den Kanarienvogel reael- 
mäßig zu füttern? Seht Euch die Blumen an! Wie braune Tabak 
stengel stehen sie da. Wo ist das Bögelchen denn? „Piep, piep. 
Hänschen, wo bist Du denn?" — Piep piep sitzt zum Skelett ab 
gemagert oben auf der Gardincnstange. Er hat sich, nach der Aus 
sage des Mannes, geweigert, Butterbrot mit Rollschinken zu essen. 
Jedenfalls dauert es eine geraume Zeit, bis die Ordnung des 
Tages wieder im Leben des Hauses den wohltuenden Rhistmus. 
angibt; bis der Kanarienvogel wieder in seine gewohnte Lebens 
haltung zurückgeführt wird, und bis die Fericnfaulheit der 
eisernen Fron des Alltags gewichen ist. 
Es mag dahingestellt bleiben, ob dem Berliner eine Ausspannung 
und Kräftigung seiner Nerven notwendiger ist, als andern Zeit- 
genosien des Vaterlandes. Er bildet es sich wenigstens ein. Da 
aber das Reisen eine feine, schwer zu erlernende Kunst ist, und da 
es nur wenige Menschen gibt, die diese Kunst beherrschen, so kann 
man 1 im allgemeinen die Beobachtung machen, daß die Menschen 
enttäuscht, verhetzt, müde und verärgert in die heißen Straßen der 
Stadt zurückkehren. In wenigen Augen nur ruht Noch ein.Abglanz 
stiller Bergseen,, oder ein. fröhlicher Schimmer glücklicher, stimmungs 
voller Feiertage. Den meisten Menschen geht es, wie dem.töchter 
gesegneten Familienvater, der zurückschauend auf die letzten 30 Tage 
zu dem nachfolgenden Bekenntnis kommt: 
Stolz und kühn vor wenig Wochen war man fröhlich aufge 
brochen. Hatte Geld in schwerer Menge, und in schrecklichem 
Gedränge kam man, wie im Netz die Fische, schnappend 
in die Sommerfrische. — Ach, die Aussicht auf 
die Wälder kostet dort erheblich Gelder. Selbst die 
Luft, die wir dort schnappen, müssen brummend 
wir berappen. Mit der Steigerung der Preise 
sinkt die Freude an der Reise. Täglick mußt 
ich wechseln lassen. Durch die regenfeuchten 
Gaffen schlich ich schließlich kummerschwcr: 
„Wo nehm ich die Gelder her?" Und 
was blieb von dem Betrieb? — Un- 
verlobt ist noch die erste, trotz der 
vielen neuen Haare. Grade sie 
ist doch die schwerste, denn sie 
kommt schon in dieJahre.— 
Unverlobt ist noch die 
zweite trotz des neuen 
Kleids aus Mull. — 
Das Ergebnis die 
ser Pleite ist doch 
wiederum 
gleich 
0. 
In weit glücklicherer Ferienstimmung scheint mein kleiner 
Sjähriqcr Neffe zu sein, der mir 'lachstehende Zeilen schrieb, nach 
dem ich ihm auf einer sehr bunten Postkarte gebeten hatte, mir 
ein Fcrienerlebnis mitzuteilen. . 
Lieber Onkel! Weil Du eine Inschrift ivillst von nur, teile 
ich'Dir mit, waS wir hier erlebt haben. Bor wenigen Tagen ivar 
uns ein Unglück geschehen, wir zogen als Soltaten aus ich und 
meine Kameraden. Als wir auf der Wiese kamen, wurde Feuer 
«nqeschiert und eine Bank darüber gebaut. Da es ^ uns All Hertz 
war, oanaen wir wieder herunter und setzen einen kleinen jungen 
darauf. Da er einige Minuten darauf sas. sing sein- Hose anzu 
brennen. Da nahmen wir fix einen Krug Wasser und löschten die 
Flammen. Da wir nach Haus- gingen haben wir uns halb Tot 
gelacht und am andern ' 
sä« einer daß es keine Freude und kein Glück in der Welt 
mehr^gibtzb.Jode Zeile dieses hoffnungsvollen Knaben atmet doch 
seelisches Gleichgewicht und herzlichsten Frohsinn. 
Nicht Jeder genießt so viel Feriengluck und kann sich so seiner 
*^Jn BulinUhen Biele am Pranger, denen der Sommer Leid, 
Kummer und Vergeltung brachte; denen die Ferien zu heißen 
j» Ff 
Waschungen uns noch berorstehen, wenn das Kr^^mch^c le Karten 
erst nack Moabit weitergegeben hat. Man kann den -ocrurreuieu 
menschliches Mitgefühl nicht versagen, da ihre Taten emem blinden 
Vertrauen und einer grenzenlosen Gutmutigkmt entsprangen. 
In einer ähnlich katzeniammerlichen Stimmung sind oic 
Berliner Anwälte. . Q .. r!s • ne ,. er 
tob« * ““ImT"SfÄ 
Sonntag, den 10. August 1913. 
ausgearbeitet haben. Dieser Betrug, den die Angeschuldigten 
aus Mangel an Praxis verübten, wird sicher hart bestraft. Tie 
Sünder werden die Robe ausziehen müssen. 
Aber es bleibt ein peinlicher Rest. 
Man kennt die vielen hundert jungen Anwälte und Aerzte in 
Berlin, deren kümmerliche Praxis zu Nebenerwerb und andern 
Hilfsquellen zwingt. Man weiß, daß viele unter ihnen sind, die 
noch nicht einmal 1000 M. Einkommen im Jahre haben. Man 
sieht mit offenen Augen ein akademisches Proletariat heranwachsen; 
sieht die unglaubliche Uebcrsüllung gerade dieser beiden Berufe in 
Berlin, und dennoch kommt täglich neuer Zuzug; Dennoch glauben 
und hoffen so viele Träumer, gerade in dem großen, bunten Berlin 
ihr Glück machen zu können! 
In der letzten Sonntagsnummer des „B. T." bot ein Or. pliil. 
seine Dienste als — —Chauffeur an. Aus das. Stellen 
angebot einer kleineil Vorort-Zeitung in der Umgegend Berlins, 
die einen Lokalredakteur suchte, sind 140 Angebote eingegangen. 
Darunter waren 60 Akademiker, von denen ein Volkswirtschaftlcr 
50 M. monatlich für die Redaktion des Blattes verlangte: Und 
ivieviele Akademiker sitzen des Nachmittags in ihrem Zimmer und 
schreiben sich die Finger wund an — ' — Adressen! Das sind 
Tatsachen, die den Eltern zu denken geben sollten. 
Dieser harte, unerbittliche Kampf umS Dasein läßt nicht nach; 
im Gegenteil: Er verschärft sich noch mit den Jahren. Und gerade 
auf dem glatten Asphalt Berlins werden die heftigsten und grausamsten 
Kämpfe ausgetragen. Auf jedem Gebiete. Und Tragödien dcS 
Jammers und Schreckens klingen hier aus in ein paar Zeilen, die 
man täglich liest und übergeht. So stand heute in den Morgen- 
blättern die kurze Nachricht: 
Doppelter Selbstmord. Jur Grunewald erschossen 
sich die 52 und 4-1 Jahre alten Brüder und Kaufleute Franz 
und Rudolf Birkhahn, die Inhaber der Firina Franz 
Birkhahn, Rittcrstraße 59. Geschäftliche Sorgen haben die 
beiden in den Tod getrieben. 
Wollen sehen, wer morgen in dem Kampf verloren oder ver 
spielt hat. Hcinr. Binder. - 
Sein letzter Mille» 
Skizze von Else Krafft. 
Der Kreuzhofbauer ivar tot. 
Zuerst hatte im Dorf niemand daran glauben wollen. 
Zuerst schüttelten junge und alte Leute schier entrüstet 
die Köpfe. 
„Red' Ihr kein dummes Zeugs, der Kreuzhofbauer sich 
hinlegen und sterben, der Kreuzhofbauer . . ." 
ES war, als ob dieses eine Wort etwas Urgcwaltiges, 
Unverwüstliches verkörperte, als ob der Tag nimmer koininen 
könne, an dem so ein wetterfester Eisenkopf, ivie der Herr 
vom Kceuzhof einer war,, aufgehört hätte zu leben. 
Und doch, cs war so. Mit dem stillen Herzen da drin 
in dein festgefügten, großen Steinhause stand plötzlich der 
ganze, große Betrieb still. 
Der Hofmeister schalt nicht mehr, die Knechte arbeiteten 
nicht mehr, und -die -Mägde standen verstört-beieinander 
und wußten zuerst kein lantcs Wörtlcin zu reden. 
Und doch ivar keine Trauer. Im Gegenteil, seit der 
Herr Nesse mit seiner vornehmen Frau, seih-die beiden auf 
geblasenen, städtischen Bettern des asten Bauern mit freudig 
erlegten Mienen auf dem'Hofe'eingetroffen waren^ seit man 
die nur schlecht verhehlte Freude der lachenden Erben ge 
sehen hatte, machte es jeder den nunmehrigen Herren des 
Hofes nach. Wie befreiendes Erlöstscin ging cs von Blick 
zu Blick, wie ein einziges, riesengroßes Aufatmen „Gott.sei 
Dank, nun ist der wetternde Mund still, nun kann die harte 
Faust nicht mehr dreinschlagen." 
Und noch ein anderer Umstand kani zu dieser Freude 
hinzu. Eine sonderbare Bestimmung, die so recht den 
Grillen und Launen dcS Verstorbenen ähnlich sah. 
Auf dem Tisch, der vor dem Krankenlager des Bauern 
gestanden, hatte ein Schreiben gelegen. Ein ganz kurioses, 
regelrechtes Schreiben. Und die es lasen, konnten im ersten 
Staunen kaum ein Schmunzeln unterdrücken, gaben es kopf 
schüttelnd weiter, und beinahe wie ein Lachen pflanzte es 
sich von Lippe zu Lippe. 
„So ich denn fühl, daß ich nicht weiter kann, gehe ich 
gern. So ich denn fühl, daß mein letztes Ständlein 
kommen ist, sag ich Euch, die um mich her waren wie 
stechende Wespen um den Hvnigtopf, meinen letzten Willen. 
Da wird keiner sein, der um mich klaget. Da wird keiner 
sein, der mich zurückhaben will ins Leben. Denn die, die 
meinem Blute eins waren, hat der Herr vor mir gehen 
heißen. . . . Und also bestimme ich, daß auch keiner mich 
begleite auf meinem letzten - Wege zum Gottesacker, daß 
keiner seine Freude über meinen Tod verstecken soll unter 
Flor und Trauerhut. Die Anverwandten, der Hofmeister, 
die Mägde und Knechte des Kreuzhofbauern sind alle wohl 
bedacht in meinem Testament beim Amtsgericht drin in der 
Stadt. So aber einer von allen diesen meinen letzten Spillen 
nicht erfüllet, so er doch diesen meinen letzten Weg zinn 
Gottesacker mit dem Kreuzhofbauern geht, sei er ausge 
schlossen von aller Erbschaft und allem Gelde. Ist der 
Kreuzhofbauer sein halbes Leben lang einsam gewesen, will 
er auch einsain zu Grabe gehn. . ." 
So war'S, so stand's geschrieben, und so kannten sie 
bald alle das kuriose Schreiben auswendig auf dem Hofe, 
im Dorfe und drei Meilen rings herum. Und es war 
ein Aufsehen und Flüstem und Lachen dadurch entstanden, 
wie niemals vorher beim Tode irgend eines Ansässigen. 
Und dieses Lachen, das in dem Sterbezimmcr des 
Kreuzhofbauern aufgewacht war, pflanzte sich fort wie ein 
Samenkorn,' das vom losen Wind getragen Wurzel schlägt, 
wohin es fällt,.. . . „der Alte soll seinen letzten Willen 
haben, der Alte soll seinen letzten Willen haben. . ." 
Und hätte der Tote nicht noch mit hartem, wächsernem 
Gesicht im besten Zinnner gelegen, hätten die lachenden 
Erben auf dem Kreuzhof tanzen und feiern mögen, hätten 
den beginnenden Frühling da-draußen mit einem Freuden- 
fcuer begrüßt, weil er jedem nur ein Stückchen Gold von 
bisher so ängstlich gehüteten Schätzen des Kreuzhofbaucrn 
in den Schoß werfen wollte. . . . 
Nur dort, wo man am Meisten das Werden des Lenzes 
spüren konnte, im äußersten Winkel des wohlbestellten Garten 
landes jenseits der Hofmauer, standen zwei zwischen Baum 
und Busch, und lachten nickt. 
Ein Bursch und ein Mädchen. 
Sie war ein junges, blasses, scheues Ding mit Kinder 
augen unter den hochgesteckten Zöpfen, sie trug das ärm 
liche Gewand, einer Kuhmagd, und war vor achtzehn Jahren 
als uneheliches Kind einer Mäherin auf dem Kreuzhof ge 
boren, die in jungen Jahren starb. Damals lebte die 
Kreuzhofbüuerin noch, die sich liebevoll der kleinen Waise 
annahm, sie spielen ließ mit den eignen Kindern, bis das 
große Sterben im Dorfe begann. Bis der, Kreuzhofbauer, 
sein Weib, seine beiden blühenden Kinder hinaustragen 
lassen mußte zum Friedhof, bis sein Herz hart wurde wie 
Stein. ... 
Seitdem war alles Lachen stumm. geworden in Haus 
und Hof bis heute. 
Der Knecht, der neben dem Mädchen stand, hatte auch 
lachen wollen wie die andern, als er den letzten Willen des 
Kreuzhofbauer» gelesen hatte. Die Margaret aber hatte ihn 
so seltsam angeschaut, schier erdrückt von Traurigkeit und 
Aengstcn, da konnte er's nicht. Denn er liebte die Margret, 
er schützte die Verwaiste, Derfehmte vor dem Spott der 
andern Mägde, vor der Willkür der Knechte, er war dem 
scheuen, lieben Dinge gut, solange er denken konnte hier im 
Heimatsdorf. 
Und ehe die Sonne über dem Hostor heut hernieder 
sank, hatte er die schmale kleine Hand des Mädchens ge 
nommen, und es heimlich das Gartenland bis zur Weiß 
dornhecke gezogen. 
Die war voller Knospen und lichtgrüncr Blättchen, und 
der Wind ging in weichen, warmen Wellen über die jungen 
Köpfe hin. 
. „Hörst's?" fragte Margret flüsternd, indem sie sich in 
die Arme des Burschen drückte. „Sie sprechen so laut im 
Hause, daß mau schier meint, sie könnten den Toten auf 
wecken." 
'„Sollen sie das?" fragte der Knecht. 
Der helle Mädchenkvpf schüttelte sich. 
„Nee, Heiner, seine Ruh soll er haben! Seine Freud' 
am Wiedersehn mit der toten Frau und den toten Kindern!" 
Sie schluchzte plötzlich auf, als sie das spöttische Gesicht 
des Liebsten sah. 
„Du sollst nicht lachen, Heiner, ich will's nicht,, daß 
Du lachst. Er war der einzige, der mich nicht gehänselt 
und gehöhnt hat auf dem Hofe. Er ist nur so hast von 
seinem Leide geworden, denn die andern hätten kein Leid 
wie er, und waren noch härter zu mir. Jetzt werd ich'wohl 
wandern gehen müssen, und wo anders Arbeit suchen, die 
Städtischen haben kein Wort sür mich, und Du bist arm 
und mußt selber für Dich sorgen. Nun ist's vorbei . . . 
mit dem Z'haussein hier . . ." 
Er streichelte täppisch die zuckenden Müdchenschultern. 
„Nee, nee, .Margret,, iS nich. Weißte doch das Testa 
ment! drin bei's Jcstcht! Alle — hat er geschrieben, alle 
fällen waS bekommen von seinem Gelde . v 
Der junge Kopf hob sich schwer. 
„Ich nich, und Du auch nich,wenn Du mich liebhast, 
Heiner. Denn ich — ich laß ihn nich alleine gehn — den 
letzten Weg. Ich hol mir die ersten Blumen hier drüben 
auf den Winterbeeten, und streu sie ihm nach . . ." 
Der junge Mensch fuhr ganz erschrocken herum. 
„Nee, Margret, tuste nich! Denk, vielleicht wär's soviel, 
daß Du und ich heiraten könnt zu Ostern, denk, vielleicht 
wär's, daß jeder Knecht und jede Magd fufzig Taler bekam, 
sagt der Hofmeister. Laß dem närrischen Alten seinen letzten 
Willen!" 
Die Hände des Mädchens sanken langsam von denen 
des Burschen hernieder. 
„Ich will das Geld nich, denn ich weiß über seinen 
Tod keine Freude verstecken unter Trauerhut und Flor, wie 
der Kreuzhofbauer aufgeschrieben hat. Ich bet doch für 
ihn, Heiner. Ich geh mit hinter seinem Sarge, weil er 
auf meiner armen Mutter letzten Wege auch mitgegangen 
is, wo doch selbst der Herr Pastor nich wollte, weil sie 
ehrlos mar. .... UeüerS Haar ist damals seine Hand 
bei mir gegangen, und gesagt hat er' dazu: „Sei wh 
Stein, Mädchen, dann fühlst' es nich, wie weh cs tut. 
Nu sind zwei auf dem Hofe, denen man das beste fortge 
tragen hat." 
Einen. Augenblick kaute der Bursch verlegen an seinen 
Lippen herum vor dem junge», entschlossenen Gesicht. Dann 
riß er plötzlich das Mädchen in seine Arme, als wollte er 
es schützen vor einer großen Gefahr. 
„Hab ich zehn Jahr mein Arbeitsgeld gespart, kann 
ich's auch noch ein paar Jahr länger tun, Margret. Dann 
reicht's zum Hochzeitmachen für Dich und mich. Ich will 
das Geld des Kreuzhosbauern auch »ich, ich laß Dich nich 
allein diesen letzten Weg tun hinter dem Sarge her, die 
Leute könnten Dich und Deinen Kindersinn verivottcn. — 
ich geh mit — Margret." 
Da fiel sie ihm lachend und weinend zugleich um 
den Hals. 
„Ich hab Dich lieb, Heiner, ich hab Dich nu erst: 
recht lieb!" 
Das war ein Aufsehn im Dorf, dieses Begräbnis- 
Der Herr Pfarrer schritt hinter dein Sarge des Kreuz 
hofbauern daher, -ei» paar neugierige Weiblein, deren Wohl 
und Wehe nicht von diesem Grnbgefolgc abhing, und zuletzt 
der Heiner und die Margret. 
Die Leute, die am Wege standen, steckten die Köpfe zu 
sammen über dieses einzige, seltsame Paar vom Kreuzhof, das 
also den letzten Willen des Verstorbenen mißachtete. Sie.sahen 
die Sonntagskleider der beiden, die gesenkten Häupter und 
die verschlungenen Hände, und sie begstffen die Andacht 
nicht in den jungen Gesichtern, die uüe versonnen unh ver 
zaubert vor sich .hinblickten, geradeso,, als sähen sie das 
Lachen des/Spottes,, das um sie her wap, nicht. 
Im Kreuzhof xvar der Hohn mm größten. Da stand 
kein Mund still über , das unbegreifliche Gebühren der 
Margret und des Heiner, 
„Die Geringsten sein halt auch die Dümmsten", hieß
        
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