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Periodical volume Nr. 185, 08.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Duft m,s. Fast die ganze Glasfläche ist non kürbisartigen 
Kleltergeivächscn iibersponnen. sFlaschenkürbisse oder Kale 
bassen liefern schon geformte Trinlgefäßc. Wachskürbisse, 
Warzcngurken und Luffaschlinger verbinden den Reichtum 
an schönen Früchten mit deren Nutzen. Ein richtiger idyllischer 
Bananenhain ist im ersten Raum der großen Schaugewächs 
hausgruppe erstanden. Außerordentlich rasch wachsen die 
majestätischen Pflanzen heran, um nur einmal die merk 
würdigen Bliiten- und Fruchtständc zu entwickeln. Ein 
schnelles Absterben läßt nach der Fruchtrcife die Riesen- 
pflanzen zusammenbrechen und schafft dem jungen Nach 
wuchs Raum. Fast alle übrigen tropischen Nutzbäume sind 
in einem der folgenden Gewächshäuser angebaut. Eine 
kleine Kaffee- und Kakaopflanzung sowie die wichtigsten 
Gummibaumarten werden hier plantagenmäßig kultiviert. 
Brotfrucht- und Meloneubaum, Pfeffer, indische Feige, 
Zimtrinde und Kolanuß sowie alle anderen wertvollen 
Tropengewächse fanden hier ein Plätzchen zur Entwickelung. 
Die wichtigsten tropischen Arzenei- und Gislbäume sowie die 
Lieferanten der kostbaren Nutzhölzer entfalten ihr schlichtes, 
dunkelgrünes Blätterkleid ebenfalls in diesem Raum. Da 
gegen ragen im großen Tropenhause die schlanken Palmen 
stämme stolz empor. Kokos- und Oelpalmen, Zucker-, 
Dattel- und Elfcnbeinpalmen verkünden schon durch ihre 
Namen die angenehmen Produkte der reichen Fruchtbarkeit. 
Durch besondere Schönheit zeichnet sich die Königspalme 
aus, die Bismarckpalme außerdem durch große Seltenheit. 
Fast alle Palmen werden aber iiberragt von einem riesen 
haften tropischen Vertreter unserer schlichten Gräser, dem 
Giganten-Bambusrohr. 
o Gefrorenes australisches Hammelfleisch wollen 
die Wilmersdorfer Fleischer verkaufen. Die dortige Fleischer 
innung hat zu diesem Zweck Verhandlungen mit einer 
Hamburger Firma angeknüpft. Diese Firma will das Fleisch 
für 58 Pf. das Pfund abgeben, während die Wilmersdorfer 
Schlächter cs im Dctailverkauf mit 70 Pf. das Pfund be 
rechnen wollen. 
o Der Heilpflegeverein für kränkliche und schwäch 
liche blinder des Mittelstandes, Vorsitzender: General 
major z. D. von Loebell-Berlin, entfaltet seit 4 Jahren eine 
segensreiche Arbeit zu Gunsten der heranwachsenden Jugend 
des deutschen Mittelstandes. In den allgemeinen Ferien 
kolonien finden fast ausnahmslos nur die ärmsten und 
elendesten Kinder Aufnahme, während die übrigen und be 
sonders die Schüler von Mittel- und höheren Schulen eine 
Erholungs- und Heilpflege zumeist entbehren mußten. Um 
diesen! weithin anerkannten Uebelstande zu begegnen und 
namentlich, uni der Skrofulöse und den damit zusammen 
hängenden Krankheitserscheinungen vorzubeugen, ist der Heil 
pflegeverein begründet morden. In seinen beiden Heimen 
zu Henkenhagen bei Kolberg ermöglicht der Verein seinen 
Pfleglingen unter der Leitung eines Arztes und erpropter 
Pflegerinnen eine wirksame Secbadekur. Neben den natür 
lichen Heilfaktoren des Seeklimas gelangen als weitere 
Kurmittel zur Anwendung: Solbäder, Warmseebäder, Sole- 
Trink- und Jnhalationskuren, Atemgymnastik u. a. m. Ist 
es für viel Eltern schon eine Annehmlichkeit, zu dem 
mäßigen Kurpreise von 100 M. für 4 Wochen einschließlich 
der Kosten für die Reise, Arzt, Bäder pp. ihren Sorgen 
kindern durch die Einrichtung des Vereins Heilung und 
Kräftigung zu ermöglichen, so will weitergehend der Verein 
auch denjenigen Eltern im Mittelstände helfen, welche infolge 
ungünstiger wirtschaftlicher Lage nicht im Stande sind, die 
vollen Kurkosten aus eigenen Mitteln zu beschaffen. Der 
Verein und seine Ortsgruppen gewähren auf hinreichend be 
gründeten Antrag in solchen Fällen namhafte Beihülfen. 
Daß der Verein mit seiner Arbeit einem wirklichen Be 
dürfnis entgegenkonlmt, geht u. a. aus der ständig steigenden 
Zahl der Pfleglinge hervor; 1911: 173, 1912: 278,'l913: 
420 Pfleglinge. Infolge dieser Steigerung der Pfleglings 
ziffer sah sich der Verein genötigt, in diesem Jahre noch ein 
zweites Heim einzurichten. Für die 5. und letzte diesjährige 
Kurzeit (1.—28. September) können noch Anmeldungen bei 
dem Vorstande der Ortsgruppen oder bei der Geschäftsstelle 
in Werder a. H. bewirkt werden. Ortsgruppen des Vereins 
bestehen in Friedenau (Vorstand: Direktor Hannemann, 
Architekt Graßmann, Buchdruckereibesitzer Lei Schultz), Neu 
kölln, Prenzlau, Sorau, Werder a. H., Delitzsch, Dessau, 
Egeln, Groß-Ottersleben, Magdeburg, Oschersleben a. Bode, 
Quedlinburg, Wanzleben, Westeregel», Köslin, Clolp, 
Anklain, Greiz, Gera, Weida, Chemnitz, Dresden, Glauchau, 
Herrnhut, Klcinwelka, Königstein a. Elbe und Leipzig. 
o Der .Krieger- und Landwehrvcrein hält morgen 
Sonnabend Abend im Vereinsloknl „Hohenzollern" seine 
ordentliche Monatsversammlung ab. Die Kameraden werden 
gebeten, pünktlich zu erscheinen. (Siehe auch die Anzeige 
in dieser Nummer.) 
v 1. Knaben-Abteilung des Männer-Tnrnvereins. 
Der während der Ferien ruhende Turnbetrieb wird am 
Montag, dem 11. August wieder aufgenommen. Vom 
Donnerstag ab findet das Turnen wieder regelmäßig in der 
Turnhalle der Geineindeschule in der Albestraße statt. Die 
Eltern werden gebeten, die Schüler zum pünktlichen Besuch 
der Turnstunden anzuhalten. — Bis zum 31. August turnt 
die Ib-Abteilnng (Schüler unter 12 Jahren) ebenfalls 
Montags und Donnerstags von G 1 /?— 8 Uhr. 
o Jugendvereinigung Friedenau. Wir bitten unsere 
Mitglieder, davon Kenntnis zu nehmen, daß die Spiele, 
sowie die sonntäglichen Zusammenkünfte am Sonntag, dem 
10. August 1913, wieder in vollem Umfange beginnen. 
Treffpunkt 2 Uhr in der Albestraße (Schule). Anfang des 
Spieles in der Schwalbacherstraße (Rasenplatz) um 2>/, Uhr. 
Eine rege Beteiligung ist dringend erwünscht, da eine Be 
sprechung über Erweiterung der Spiele und Anschaffung 
neuer Gnräte erfolgen soll. Schriftliche Einladungen zur 
nächsten außerordentlichen Mitgliederversammlung, zu der 
wir schon an dieser Stelle um pünktliches und zahlreiches 
Erscheinen bitten, werden unsere Mitglieder in der nächsten 
Woche erhalten. 
o Ein großes Herbst-Preiskegeln im Gesellschafts 
haus des Westens, Schöneberg, Hauptstraße 30/31, be 
ginnt heute Freitag, dem 8. d. Mts., Abends 0 Uhr auf 
allen 0 Bahnen. Es sind 11 300 Di. bares Geld aus 
gesetzt. Dauerbahnen: 1. Preis 1000 M., 2. Preis 800 M., 
3. Preis 600 M., 4. Preis 400 Di. usw. 6 Kugeln 1 Dt. 
Auf den vier Nebenbahnen: Geld-, Wild, Geflügel, Deli- 
kateß, Schinken und Wein -Preise, deren Verteilung jeden 
Sonntag stattfindet. Hohe Tagesprämien für die besten 
Würfe auf allen 6 Bahnen. Sonntags von 3—5 und 
5 — 7 Uhr Nachm. Stundenpreise extra. Kegeltage: jeden 
Freitag, Sonnabend und Sonntag vom 8. August bis 
12.^Oktober er. Anfang Wochentags 6 Uhr Nachm., Sonn 
tags 3 Uhr Nachm. Neue vorschriftsmäßige Verbands 
kugeln und Kegel. Die Führung der Kegellisten haben 
Militärpersonen übernommen. Alle Kegler von Nah und 
Fern sind zu diesem Wettbewerb freundlichst eingeladen. 
o Im Viofoutheater in der Rheinstraße 14 kommt 
von heute ab das Spionendrama „Villa Stillfried" zur 
Vorführung. Interessante Vorgänge aus dem nun be 
endeten Balkankriege ziehen an uns vorüber. Der Verrat 
spielt in diesem Ringen um die Vorherrschaft auf dem 
Balkan eine große Rolle, hat doch Hinterlist und Habsucht 
den zweiten Teil des Krieges lediglich herbeigeführt. Die 
Handlung in diesem dreiaktigen Drama ist der Wirklichkeit 
entnommen. Das Schicksal Macewskis ist vielen Lesern 
noch in Erinnerung. „Im Kampfe mit der Vergangenheit" 
heißt ein anderer Schlager, einer der bliebten nordischen 
Kunstfilms, von Kopenhagener Hofschauspielern meisterhaft 
dargestellt. Diese ergreifende Dorfgeschichte spielt auf einer 
alten Bank, die schon die. Lebensgeschichte von Generationen 
gesehen hat. Wochcnrevue von Pathö fröres ist wieder sehr 
abwechslungsreich, ein schüchterner Don-Juan reizt zuin 
Lachen und Bubi und seine nervösen Eltern ist recht ulkig. 
Das Programnl ist wieder sehr unterhaltend und recht 
fertigt den starken Besuch, dessen sich das Biofontheater stets 
zu erfreuen in der glücklichen Lage ist. Anfang 6 Uhr, 
Sonntags 4 Uhr. 
o Durch das „Deutsche Theater" Berlin-Charlotten- 
burg gelangt hier morgen Sonnabend 9 Uhr, Mar Halbes 
Liebesdrama „Jugend" im großen Theatersaal des „Kaiser- 
Wilhelm-Garten" zur Aufführung. Der gute Ruf der Ge 
sellschaft bürgt für eine künstlerische Darbietung. Wir 
empfehlen unseren Mitbürgern den Besuch dieser Vorstellung; 
sie werden durchaus zufriedengestellt werden. Die Ge 
sellschaft beabsichtigt, im kommenden Winter hier regelmäßig 
Theatervorstellungen zu geben und hat die Aufführung 
neuen kommunalen Vorortbezeichnungen in Einklang zu 
bringen. Die Eisenbahndircktion steht ans dem Standpunkt, 
daß sich ebenso gewichtige Gründe gegen ivie für die zusätz 
liche Bezeichnung „Berlin" geltend machen lassen und daß 
die Frage, ob die Einführung der Zusätze im Eisenbahn 
verkehr die von verschiedenen Antragstellern erwarteten 
Verkehrserleichterungen tatsächlich mit sich bringen werde, 
ebensogut verneint wie bejaht werden könne. Auch die Post 
sei nicht einheitlich vorgegangen. Sie habe zwar sämtlichen 
Vororten, denen durch die erwähnte Kabinettsorder die An 
nahme des Zusatzes „Berlin" gestattet worden ist, auch in 
ihrem Verkehr den Zusatz „Berlin" gegeben, hat ihn aber 
darüber hinaus in einer Reihe von Fällen auch solchen 
Postorten beigelegt, die eine kommunale Selbständigkeit nicht 
besitzen, z. B. Berlin-Halensee, Berlin-Neulichtenberg, 
Berlin-Wilhelmsberg und andere. Umgekehrt fehlt der 
Zusatz „Berlin" bei Westcnd und Plötzensee, obwohl diese 
Postvrte ebenfalls in gleicher Weise wie Halensee, 
Neulichtenberg nnd Wilhelmsberg mit dem Zusatz hätten 
versehen werden können. Auch dürfe nicht übersehen werden, 
daß es abweichend von den Postdienststellen in Groß-Berlin 
Güterabfertigungsstellcn gibt, die mehreren Gemeinden 
dienen, während umgekehrt wieder Fälle vorliegen, in denen 
mehrere Güterabfertigungen für eine Gemeinde in Frage 
kommen können. So dienen beispielsweise der Güter 
bahnhof Wilmersdorf-Friedenau nnd die Gütcrablade- 
stelle Friedenau zugleich den Zwecken von Wilmersdorf, 
Friedenau und eines großen Teiles von Schönebcrg. 
Abgesehen davon, daß Doppelnanien im Eisenbahnverkehr 
sehr hinderlich und deshalb sehr unerwünscht sind, ließe sich 
erkennen, daß eine durchgängige Jneinklangstellung der 
Stationsnamen mit den kommunalen Bezeichnungen nicht zu 
erreichen sei und daß es daher fraglich bleiben müsse, ob 
die Abänderung der eingebürgerten Bezeichnungen nicht viel 
mehr verwirrend, anstatt klärend wirken wiirdc. Die 
Handelskammer hat der königlichen Eisenbahndirektion Berlin 
auf ihre Anfrage darauf initgeteilt, daß auch sie der Ansicht 
ist, daß sich nach Lage der Verhältnisse in Geoß-Berlin eine 
vollkommene Uebereinstimmung der Stationsnamen mit den 
kommunalen Bezeichnuntzen nicht erreichen läßt. Abgesehen 
hiervon würde die vorgeschlagene Ergänzung der jetzigen 
Stationsbezeichnungen durch den voranzustellenden Zusatz 
„Berliy" weder die Ermittelung der zuständigen Eisenbahn 
station, noch das Aussuchen der Stationen in den Tarifen 
erleichtern; die Anhäufung einer großen Zahl von Stationen 
mit derselben Vorbezeichnung würde im Gegenteil das Auf 
finden einzelner Stationen erschweren. 
o" Wünsche auf Abschaffung des Strafportos für 
unfrankierte Briefe sind in jüngster Zeit wiederholt an die 
Behörden gerichtet worden. Eine Ermäßigung des Straf 
portos für unfrankierte Briefe im deutschen Jnlandverkehr 
dürfte aber, wie es heißt, zunächst nicht in Aussicht stehen. 
Dagegen beabsichtigt die Reichspost- und Telegraphen 
verwaltung, auf dem nächsten Kongreß des Weltpostvereins 
in Madrid, der im Jahre 1914 stattfindet, den Antrag zu 
stellen, daß das Strafporto für unfrankierte Briefe im Äus- 
landsverkehr eine Ermäßigung erfährt. Der Betrag, der 
als „Strafporto für unfrankierte Ausländsbriefe in An 
rechnung kommt, stellt sich meist bedeutend erheblicher als 
der iin Jnlandverkehr, da das Gewicht bei den Briefen im 
Vetkehr mit freniden Ländern eine wesentliche Rolle spielt. 
o Die tropischen Pflanzen ans den Deutschen 
Kolonien sind im Kgl. Botanischen Garten in Dahlem 
zahlreich vertreten. In verschiedenartigen Kulturen über 
sichtlich zusammengestellt und mit Namen und Nutzwert be 
zeichnet, gewinnt man hier ein treffendes Bild von der 
Reichhaltigkeit tropischer Pflanzerarbeit. Nahe den Beamten 
häusern des Gartens zeigt ein kleines Kulturbild viele der 
anspruchlosestcn Nahrungs- nnd Futtergewächse heißer Länder. 
Manche von ihnen haben auch in unsern Gärten und 
Feldern Heimatsrechte erworben. Viel größere Wärine und 
Feuchtigkeit benötigen jedoch die in dem kleinen Kolonial 
pflanzenhaus angebauten krautartigen Gewächse; sehr 
schnelles Wachstum und Fruchtreife sind ihre Haupteigen 
schaften, Baumwolle, Reis, Ananas und Paprika ent 
wickeln hier wertvolle Fruchtstände; wohlschmeckende Knollen 
gewächse bilden mehrere Meter hohe Schildblätter aus; 
Patschuli und Ingwer strömen ihren charakteristischen starken 
Harcourt schwebte. Tag die Gräfin eine Anzeige wegen Des 
Einbruchs in ihrem Hanse bei der Polizei gemacht halte, 
dünkte ihm so gut wie gewiß; und es konnte der Polizei 
nicht schwer geworden sein, nach der genauen Beschreibung der 
Diebin, die die Zote gegeben hatte, Jessie zu finden. 
Es mußte irgend etwas geschehen, um das junge Mädchen 
zu schützen. Und nach einigem Nachdenken glaubte er auch 
ein Minel gefunden zu haben. 
Er verließ seine Wohnung und nahnr das erste beste Cab, 
das ihn zum Palais der Königin bringen sollte. Er ver 
mutete Jessie ja noch dort; nnd er war unangenehm ent 
täuscht, daß er sic nicht mehr antraf. Sie ivar, wie ihm die 
Königin sagte, in ihr Heim zurückgekehrt. 
Eben rvollte er ihr dahin folgen, als ein Diener meldete, 
Fräulein Harcourt bitte die Königin um eine Unterredung. 
Gleich darauf trat das junge Mädchen über die Schwelle. 
„Eure Majestät verzeihen, daß ich schon wieder störe," 
sagte sie hastig nach der Begrüßung, ohne Lechmcres sogleich 
ansichtig zu werden. „Aber ich tvnßte mir nicht anders zu 
helfen. Polizeibeamte haben sich nach mir erkundigt nnd wollten 
mich offenbar verhaften — sicherlich wegen des Dieb 
wegen der Dokumente, die Fräulein Gallowaty der Gräfin 
Sacns nahm." 
Die Königin konnte kaum ihr Erschrecken verbergen. 
„Ich verstehe das nicht.- Kind," meinte sie. „Und ich 
weiß nicht, was Sie da tun nnisscn.- Vielleicht aber finden 
Sie bei Herrn Lechmere Rat." 
Erst jetzt bemerkte das junge Mädchen seine Anwesen 
heit und begrüßte ihn herzlich. Lechmere knüpfte sogleich an 
die letzten Worte der Königin an. 
„Ich glaube in der Tat zu wissen, wie wir der Gefahr 
vorbeugen, Fräulein Harcourt," sagte er. „Wollen Sie sich mir 
ohne viel Fragen anvertrauen?" 
Jessie nickte. 
„Ich bin ja völlig ans Ihre Hilfe angewiesen, meinte sie. 
„Mein Ver ich meine, Kapitän Hope ist bereits unter 
wegs zu Ihnen; denn auch er baute darauf, daß Sie uns 
helfen könnten."- 
* „Er soll sich nicht getäuscht haben," erwiderte Lechmere. 
„Wir wollen aber nicht viel Zeit verlieren. Sie müssen mich 
in das Hans der Gräfin Sacns begleiten — nur einen kurzen 
Brief muß ich noch vorher schreiben." 
Jessie trat überrascht einen Schritt zurück. 
„In das Haus der Gräfin Saens? — Nein, das werden 
Sie nicht von mir verlangen! — Bedenken Sie, was für 
ein Unglück es geben müßte, wenn ich der Gräfin von Angesicht 
zu Angesicht gegenüberstünde." 
„Das haben Sie nicht zu befürchten," gab Lechmere ruhig 
zur Antwort. „Dank dem Prinzen Peretori ist die Sacns 
jetzt unterwegs nach Paris. Ich teilte das Hope bereits mit — 
jagte er Ihnen nichts davon?" 
Jessie strich sich über die Stirn. 
„Ja, ja — er sprach wohl davon," meinte sie. „Ich hatte 
es vergessen. — Aber ich begreife nicht, was ich im Hause jener 
Frau soll " 
Lechmere unterbrach sie. 
„Sagte ich Ihnen nicht, daß Sic keine Frage stellen 
dürften?" sagte ec vorwurfsvoll. „Ich kann Sie natürlich 
nicht zwinge», mir zu vertrauen. Aber ich bin sicher, daß Sie 
es nicht zu bereuen hätten, wenn Sie mir folgten." 
Jetzt mischte sich die Königin in das Gespräch. Sie 
redete Jessie ebenfalls zu, nach Lechinercs Rate zu bandeln — 
sicherlich würde ihr kein Schaden daraus erwachsen. Da willigte 
bas junge Mädchen schweren Herzens ein. 
„So kommen Sie," sagte Lechmere. „Wir werden uns 
ein Cab nehmen, und ich werde ans dem nächsten Postamt 
den erwähnten Brief schreiben. So lange müssen Sic freilich im 
Wagen warten." 
Sie verabschiedeten sich von der Königin, die ihnen einen 
von ihren Wagen anbot. Lechmere lehnte das jedoch ab; 
es würde zu viel Aussehen erregen. Da schickte die hohe 
Frau einen Diener hinunter, der ihnen ein Cab besorgen sollte. 
„Wann werden nur die Abenteuer ein Ende nehmen?" 
fragte Jessie scherzend, als sie im Wagen PläPgeiiommen hatten. 
„Ich bin ihrer riun nachgerade herzlich müde.. Nicht .in 
Jahren, nicht in Jahrzehnten erlebt ja ein anderer Mensch 
so viel, wie ich in diesen vierundzwanzig Stunden." 
„Sie werden bald Ruhe haben," gab ihr Lechmere zur 
Antwort. „Und ich hoffe, auf Ihrer Hochzeit mit Hope Ihr 
Gast zu sein. Der Kapitän ist beneidenswelt — und ich hoffe, 
er vermag das Geschenk Ihrer Liebe gebührend zu würdigen. 
Ich habe ihn aufrichtig schätzen gelernt, und ich gönne ihm 
sein Glück von ganzem Herzen. — Wann aber wird die 
Königin endlich Ruhe und Frieden finden? — Wahrhaftig, für 
sie wäre es ein Glück, wenn der König stürbe! Freilich müßte 
sie der Krone entsagen — aber wie schwer halte sie auch unter 
ihrem hohen Amt nnd ihren großen Pflichten zu lewen! N.cht 
nur, daß sie ihrer Liebe hat entsagen müssen; nein, sie ist der- 
folgt worden, gehetzt wie ein edles Wild, nicht einen einzigen 
Augenblick hat sic vor ihren Gegnern Ruhe gehabt. Und 
welchen Tank hat sie für ihre Selbstaufopferung in Astorien 
geerntet? Auch dort an allen Ecken und Enden 'Verrätern — 
»nr wenige Minister nnd hohe Beamte, die treu zu ihr 
stehen! — Haken Sie scbun einmal vom Prinzen Tanilo 
gehört? Das wcire der Mann, der von Rechts wegen auf 
dcn Thron von Astorien gehörte. Erfüllt von glühender 
Vaterlandsliebe, energisch und streng, aber gerecht, ist er znm 
Herrscher gebore». Ich weiß, die Königin ist schon oft mit 
dem Gedanken umgegangen, Erna zu seinen Gunsten zur 
Abdankung zu bewegen. Sic fürchtete nur. der König tvürde 
nicht darauf eingehen — fürchtete, daß er dann aus Angst, 
sie könne gegen ihn intrignieren, seinen Thron an Rußland 
verkaufen würde. Rußland be-weckt ja nichts anderes, als 
in Astorien eine Revolution hervorzurufen, die ihm einen 
Schein von Berechtigung gilt, mit Waffengewalt die Ruhe 
in dem Nachbarsraate ivieder herzustellen, dcn Prinzen Alexander 
znm König nnd damit den astorischen Staat völlig von sich 
abhängig zu machen. Und das will die Königin unter allen 
Umständen verhindern. — Doch hier ist ein Postamt. Wollen 
Sie, bitte, ans mich ivartc»; ich tverde mich nach Möglichkeit 
beeilen." ° ' 
(Zvrnetzung ,0lgl.)
        
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