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Periodical volume Nr. 182, 05.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

1 Badcrmun, 1 Wohmmg für den ?Innenhmisverivaltcr, 
1 Wohnung für einen Gemeindearbeiter. AslofcltS und 
PJrtrberobctyinuncr in jedem Geschoß. Außerdem dient ein 
massiver Schuppen zur Aufnahme vvu Bekleidungsstückenw. 
der Obdachlosen. Während des Jahres 1012 waren im 
Armenhaufe untergebracht: 7 Familien mit 27 Personen 
(10 mnnnl., 17 wcibl.), 3 männliche, 12 weibliche Einzel 
personen. Vorübergehend fanden Aufnahme 18 Einzelpersonen 
(5 männl., 13 weibl.). 
o .fteine Obstausstellung, keine Obstmärkte. Die in 
den letzten Wochen eingegangenen Berichte über die zu er 
wartende Keruobstemte in Brandenburg sind sehr ungünstig. 
In den meisten Gegenden ist eine nennenswerte Aepfelerute 
nicht zu erwarten, Birnen werden in einzelnen Orten eine 
gute Mittelernte bringen. Immerhin wird die Sortenmahl 
in diesem Jahre doch eine sehr beschränkte sein, daß sich die 
Landwirtschaftskammer veranlaßt gesehen hat von der Ver 
anstaltung der für die Zeit vom 31. Oktober bis 9. No 
vember d. Js. geplanten „Jubiläums- Obst- und Gartenbau 
ausstellung in Berlin" Abstand zu nehmen und Obstmärkte 
in Charlottcnburg, Schöneberg und Wilmersdorf nicht abzu 
halten. Es findet daher nur je ein Obstmarkt im September, 
Oktober, November und Dezember d. I. in der Westhalle 
des Landesansstellungsparkes am Lehrter Bahnhof statt. Die 
Obst- und Gartenbauausstellung wird eine gute Obst- und 
Gemüseerntc vorausgesetzt, im Herbst 1914 stattfinden. 
o Elektrische Straßenbahn nach den Stahnsdorfer 
Friedhöfen. Für den Ausbau der elektrischen Straßenbahn 
Lichterfelde-Ost-Teltow-Machnower Schleuse bis zu dem neuen 
Südwestfriedhof^bei Stahnsdorf sind die Pläne für die 
Linienführung dem Negierungspräsidenteu zur Genehmigung 
unterbreitet worden. Die neue Linie wird durch die alte 
Potsdamer Landstraße und den Heuweg in Stahnsdorf bis 
zur Endstation der Friedhofsbahn Wannsee—Stahnsdorf 
erbaut werden. Für diese Verlängerung der Straßenbahn 
hat der Kreis Teltow ein an der Machnower Schleuse ge 
legenes Gelände erworben, das vom Staatsbahnhof Zentral 
friedhof nur ein Kilometer entfernt ist. 
o Das späte Anzünden unserer Straßenbeleuchtung 
erregt den stärksten Unwillen unserer Einwohnerschaft. Man 
schreibt uns: Kaum sind die Ladengeschäfte um 8 Uhr ge 
schlossen und die Schaufensterbeleuchtung erloschen, dann 
dauert es nicht lange, bis eine totale Finsternis auf unseren 
Straßen herrscht. Wenn trübes Wetter ist, macht sich dieser 
Uebelstand am längsten bemerkbar, denn die „Bestimmungen" 
des Brennkalenders müssen eingehalten resp. befolgt werden. 
Nach modernen Begriffen muß sich eine Ortsvenvaltuug den 
jeweiligen Verhältnissen anpassen, bei unserer Straßeu- 
belcuchtuug merkt man nichts davon. In den Nestern an 
der russischen Grenze werden die Petrolenmsunzeln eine 
Viertelstunde oder mehr vor Eintritt der Dunkelheit ange 
zündet. Bei uns wird erst eine halbe Stunde nach der 
Dämmerung Licht gemacht, sehr zum Nachteil des öffent 
lichen Verkehrs und des Ansehens unserer Ortsverwaltung, 
die sich dem Anscheine nach garnicht um die Maßnahmen 
des verpachteten Elektrizitätswerkes kümmert. Eine Nevisioil 
des unzutreffenden Brennkalenders ist unbedingt notwendig, 
wenn wir nicht in Zukunft mit Schilda konkurrieren wollen, 
wo, wenn Mondschein im Kalender stand, überhaupt keine 
Laternen angezündet wurden. 
o Stiftungen für die Jugendpflege. In allen an 
der Jugendpflege beteiligten Kreisen wird es besonderes 
Interesse erwecken, daß die Wohlfahrtsstiftungen, die an 
läßlich der Jahrhundertfeier der Befreiungskriege und des 
Regieruugsjubiläums errichtet wurden, in zahlreichen Fällen 
auch der Jugendpflege zeugte kommen. Die Zeitschrift für 
Waisenpflege und Jugendfürsorge „Deutsche Reichsfechlschule" 
veröffentlicht hierüber folgende Zusamenstellung: Die Stadt 
Hannover hat 200 000 M. für den Bau eines Jugendheims 
zur Verfügung gestellt; desgleichen die Stadt Erfurt 
76 000 M. Königsberg i. Pr. hat beschlossen, ein „Kaiser- 
Wilhelm-Wohlfahrtshaus", das in erster Linie für die 
nationale Jugendpflege bestimmt sein soll, im Gesamtkosten 
werte von 176 000 M. zu errichten. Die Stadt Schöne 
berg hat für die Beschaffung und Einrichtung eines Spiel 
platzes 160000 M., Osnabrück für denselben Zweck 100 000 
Mark bewilligt. Verliii-Grnnewald gibt 50 000 M. für die 
Jugendpflege in der Gemeinde. In Spandau sind 60tioo 
Mark als Grundstock zur Errichtung eines „Jugendheims 
Kaiser Wilhelms II." bewilligt worden. Der Kreis 
Herrschaft Schmalkalden hat beschlossen, seinen Kiuder- 
siirsorgefonds, der der gesundheitlichen Förderung der 
Jugend vor ihrem Eintritt in das Berufsleben dient, auf 
15 000 M. zu erweitern. Die Stadt Liegn'itz überwies 
schenkungsweise dem Ortsverbande für Jugendpflege in 
Liegnitz 10 000 M. für die Errichtung eines Jugendheims. 
Die Stadtverordnetenversammlung in Cöln hat beschlossen, 
einen Betrag von 1 000 000 M. zur Verfügung zur stellen, 
wovon etwa 300 000 M. für Jugöndspielplätze vorgesehen 
sind. Die Stadtverordneten von Essen bewilligten 200 000 
Mark zur Anlegung eines Volksgartens. Frankfurt a. Al. 
stiftete 400 000 M. für ein Volksbildungshaus und 100 000 
Mark zur Pflege des deutschen Volksliedes. Die Stadtver 
ordnetenversammlung in Aachen bewilligte 300 000 M. zur 
Errichtung eines Volkswohlfahrtshauses. Breslau baut für 
300 000 M. ein Jugendheim. Crefeld hat für einen Kaiser- 
Wilhelm-Spielpark 200 000 M. bewilligt. Die Stadt 
Gelsenkirchen hat 230 000 M. zur Förderung der Jugend 
pflege, zum Bau von drei Turnhallen an Volksschulen und 
zum Ausbau bestehender und zur Anlage neuer Jugend- 
spielplätze in den diesjährigen Etat eingestellt. Für die Er 
richtung eines Jugendpflegeheims hat Allenstein die Summe 
von 120 000 M. zur Verfügung gestellt. Kommerzienrat 
Richard Naether-Zeitz gab 150 000 M. zum Bau eines 
Jugendheims. In Lübeck soll ein Kaiser-Wilhelm-Volks- 
haus erstehen, das als Stätte der Kunst, Wissenschaft und 
Jugendpflege gedacht ist. Senator Possehl hat hierzu 
80 000 M. gestiftet. Das sind zusammen über 3 Millionen- 
Mark; eine würdige Gabe zur Feier der Befreiungskriege 
und des Kaiserjubiläums. — Und hierzu kommt noch die 
Stiftung der Gemeinde Friedenau mit 25 000 M. für 
die Jugendpflege. Gleichfalls als ein Geschenk für unsere 
Jugend im Jubiläumßjahr kann ferner der Beschluß unserer 
Gemeindevertretung angesehen werden, auf dem ehemaligen 
Laubengelände an der Osfenbacher-, Laubacher-, und Fehler- 
straße einen Spiel- und Sportplatz einzurichten, wofür rund 
32 100 M. bewilligt worden sind. 
o Einheitspreise für Fleisch, aller Tiergattnngcn. 
Das Badische Großherzogliche Landesgemerbeamt hat au 
sämtliche Fleischerinnungen ein Rundschreiben gerichtet, in 
dem den Fleischern empfohlen wird, die Fleischprcise nicht 
nur nach den einzelnen Tiergattungen, sondern nach der 
Qualität der einzelnen Fleischstücke abzustufen und Einheits 
preise aufzugeben. Weiter empfiehlt das Landesgcwerbeamt, 
daß die Verkaufspreise auch außen und innen in den 
Läden ausgehängt werden. Die amtliche Zeitung des 
deutschen Fleischerverbandes bemerkt hierzu, daß die Fleischer 
der Anregung in dieser Beziehung nicht folgen können, denn 
das Publikum habe reichlich Gelegenheit, beim Selbsteinkauf 
nach den Preisen zu fragen und übe dieses Fragerecht 
auch genügend aus. 
o Eine vollständig sozialdemokratische Gemcinde- 
vertretnng hat die bei Rathenow belegene, nahezu 2000 
Einwohner zählende Gemeinde Neue Schleuse. Bisher ge 
hörten nur der dritten und zweiten Abteilung je drei 
sozialdemokratische Vertreter an. Die drei bürgerlichen 
Vertreter der ersten Abteilung hatten nun kürzlich ihre 
Aemter niedergelegt, und bei den soeben vollzogenen Neu 
wahlen sind auch in der ersten Abteilung 3 Sozialdemo 
kraten gewählt worden. 
o Abkürzung der Maß- und Gewichtsbezeichnnngen. 
Die neue Maß- und Gewichtsordnung bringt eine Reihe 
von anderen Abkürzungen, als bisher üblich und seit 1878 auch 
in den Schulen vorgeschrieben sind. Der Unterrichtsmiuister 
hat jetzt die Einführung der neuen Bezeichnungen angeordnet. 
Die Abkürzungen Dezimeter ---- dm, Millimeter = ml, Doppel- 
zentner---dr, Quadratdezimeter---kidm, Kubikdezimeter^cd,», 
und Hektogramm --- hg sind neben den bisher gebräuchlichen 
Bezeichniingeil in Anwendung zu bringen. Die für den 
Schulgebrauch zugelassenen Rechenbücher und Lehrbücher 
reichende Antworten gegeben hätten, was leider nicht durch- 
iveg der Fall ist. 
Für Berliic zählt die Slalislit neben den Kirchen 
gemeinden 20 besondere Einrichtungen der hier erwähnten 
Art auf und gibt dann bei! jeder ^einzelnen nähere Mit 
teilungen. Die wirkliche finanzielle Bedeutung der Frage 
für die Stadtgemeinde Berlin wird aber erst klar, wenn 
man einmal den in Betracht kommenden Etatstitel daranf- 
hin prüft, welche Summe an den genannten 20 Stellen zur 
Verfügung steht. Die Einsicht des Kapitels XIII Abt. 1 
des Berliner Etats'(„Aufweudungen für gemeinnützige Zwecke 
durch Vermittelungen von Vereinen") zeigt, daß 13 von 20 
Instituten,, Vereinen usw. nach dem neuesten . Etat einen 
Jahresbeitrag von etwa 200 000 M. seitens der Stadt 
gemeinde Berlin erhalten, einschließlich des Betrages an den 
einen Verein für Mittagsspeistmgeu. Diese Zahl zeigt, 
welch außerordentlich erhebliches Interesse die Stadtgemeiude 
der Fürsorge für schulpflichtige Kinde zuwendet. Das all 
gemeine soziale Interesse der Stadtgemeiude Berlin für die 
Frage der Beaufsichtigung und der infolge der eingangs ge 
schilderten Verhältnisse hervorgetretenen Notwendigkeit, die 
Leistungen der Eltern in den verschiedensten Beziehungen 
zu ergänzen und zu stützen, hat sich in den sehr eingehenden, 
bereits oben ermähnten Verhandlungen der Berliner Stadt 
verordnetenversammlung im Januar und Februar 1908 aus 
gesprochen. Die Frage ist damals von den verschiedensten 
Gesichtspunkten an eingehend geprüft und erörtert worden; 
und jeder, der ein spezielles Interesse für sie besitzt, sei ans 
die damaligen Erörterungen verwiesen. (Blätter für die 
Berliner Armen- und Waisenpflege 1913 Nr. 4.) 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur nüt Quellenangabe gestattet.) 
v Ordensverleihung, Dem hier Südmestkorso 18 
wohnhaften Fabrikdirektor Or. phil. Georg Sydoiv ist der 
Königl. Krouenorden 4. Klasse verliehen worden. 
2 so Armenpflege. Die Ausgaben unserer Gemeinde für 
die Armenverwaltung sind in ständigem Steigen begriffen. 
Im Jahre 1911 bejiefen sich die Gesamtausgaben der 
Gemeinde abzüglich ' der erstatteten Kosten in Höhe von 
25 512,20 M. auf 78 553,49 M. Die Leistung für den 
Kopf der Bevölkerung stellt sich mithin auf 1,96 M. Nach 
dem Voranschlag für 1913 erfordert die Armenverwaltung 
für das laufende Rechnungsjahr einen Zuschuß von 90 853 
Mark, der aber sicher noch höher werden wird. Im Orte 
ivohnteu im Vorjahre 316 von auswärtigen Armenverbänden 
unterstützte Personen. An nicht beitreibbaren Armenpflege- 
kosten müßten 13 244,47 M. niedergeschlagen iverden. Es 
erhalten laufende Unterstützungen 247 (1911: 221) Personen 
38 367 M. (33 224 M.), einmalige Unterstützungen 213 
(185) Personen 6032 M. (5104 M.), Krankenhaus- 
behandlung 226 (200) Personen 17 354 M. (18 142 M.), 
andere Armenpflegekvsten 63 (52) Personen 10 261 M. 
(8962 M.). Pflegegelder 119 (100) Personen 10 740 M. 
(10 088 M.), mithin zusammen 868 (758) Personen 
82 754 M. (75 520 M.). Armutszeugnisse wurden 676 
(322) ausgestellt. Für die Armenpflege ist unser Ort in 
.-.■28. Bezirke und ,2 Armenarztbezirke eingeteilt. Der Aruien- 
verwaltuug stehen zwei Gemeindeschwestern zur Verfügung, 
die als Helferinnen tätig sind und in Bedarfsfällen in un 
bemittelten Familien Krankenpflege ausüben. Zur Er 
haltung der Schwestern wendet die Gemeinde für jede 
Schwester 1160 M. jährlich auf. Die Armenbezirke werden 
von den Armenpflegern verwaltet; sie zahlen den in ihren 
Bezirken wohnenden Armen die monatlichen Unterstützungen 
und sind berechtigt, in Fällen dringender Not Unterstützungen 
in Höhe bis zu 10 M. sofort zu zahlen. Das Armen 
haus an der Laubacher Straße dient zugleich als Siechen 
haus und Obdachlosenasyl. Es enthält folgende Räume: 
1 Saal für Familien, 1 Saal für Obdachlose (Männer), 
10 Zimmer für Einzelpersonen, 4 Zimmer für Familien, 
1 große Anstaltsküche, 1 Ausnohmezimmer, das jedoch von 
der Gartenverwaltung benutzt wird, 1 Waschküche, 2 kleine 
Arrestzellen, 1 große Arrestzelle, 1 Desinfektionsraum, 
müssen da? ganze Hans durchsuche»! Irgendwo muß sich 
doch der Kerl verborgen halten." 
Sein Auftreten war so entschieden, und er sah über 
dies so vornehm aus, daß niemand e neu Widerspruch wagte. 
Mau drehte überall in den unteren Zimmern das elektrische 
Licht ans, da es doch noch ui 1 t hell genug war, um auch in 
die Ecken und Winkel scheu zu könne». Alle Zimmer wurden 
auf das genaueste durchsucht, und schließlich beteiligte sich 
die gesengte Dienerschaft daran; denn die Nachricht, daß sich 
jemand eiugeschlichcu habe, hatte sich inzwischen im ganzen 
Hause verbreitet und die Leute sehr rasch aus den Federn 
getrieben. - 
Eine Viertelstunde etwa mochte man vergeblich gesucht 
haben, als Pcretori plötzlich fugte: 
„Hier unten ist er offenbar nicht. Er muß sich in ein 
oberes Stockwerk geflüchtet haben. Was liegen da für 
Räume?* 
„In der ersten Etage liegen nur die Gesellschafts 
zimmer; sie haben einen besonderen Zugang, der stets ver 
schlossen gehalten wird," erwidcrie die Person, die zuerst ge- 
kommen war und offenbar derr Posten einer Haushälterin 
innehatte. „Wenn er nach oben gegangen ist, kann er nur 
im zweiten Stock sei», wo unsere Zimmer, die Küche. Wäsche 
kammer, Plättstube und solche Räume sind, oder er i|t auf tun 
Boden hinaufgegangen." 
„Das ist das wahrscheinlichste!" meinte Peretori. „Wir 
hätten da zuerst suchen sollen." 
Da kam von der Tür des Zimmers her ein leiser Auf 
schrei ; als der Prinz sich umioandtc, gewahrte er Annette, 
die Zofe der Gräfin. 
„Wenn der Kerl auf den Boden gegairgen ist, kann 
er auch in mein Zimmer geschlichen sein," erklärte sic ängstlich. 
„Es liegt oben auf dein Boden. Es muß gleich nachgesehen 
iverden — gleich! Ich wage mich nicht eher wieder hinaus. 
Ter Kerl kaun sich ja unter das Belt gelegt haben, und ich 
werde vielleicht ermordet/ während ich schlafe." 
„Geiviß — wir wollen sogleich hinaufgehen," stimmte 
ihr Peretori bcrcitwill gst zu. Er konnte ein triumphierendes 
Lächeln kaum uuteidrücken. „Rusen Sie nur die Leute zu 
sammen, das; sie mich begleiten." 
Er machte Lechmere, der allem ziemlich verständnislos 
zugtschcu hatte, ein kurzes Zeichen und kehrte zur Treppe 
zurück. Dort flüsterte er ihm hastig zu: 
„Verstehen Sie nun, weshalb ich diese Koniödic ins 
Werk setzte? — Wir müssen den anderen vorausgehen und 
die Kammer des Mädchens in aller Eile durchsuchen. Ter 
„Einbrecher" wird ja natürlich nicht gesunden werden, viel 
leicht aber etwas anderes." . 
Er zwinkerte mit den Augen und stieg daun hastig,' 
immer mehrere Stufen auf einmal nehmend, die Treppe 
hinauf. Lechmere konnte ihm laui» folgen und war ganz 
außer Atem, als sie oben anlangten. 
. „Eine angenehme Klctterparlie!" meinte er, sich ver 
pustend. „Nun aber ans Werk. Hoffentlich haben wir uns 
nicht vergeblich angesirci gt." 
Es waren oben zivci Türen; die eine führte, wie 
Perctoric sich rasch überzeugte, zu den Bodenräumen, die 
andere in die Kammer des Mädchens. Sic traten schnell ein 
und sahen sich nach einem Versteck um, das Annette mög 
licherweise zur Unterbringung der Dokumente gedient haben 
konnte. 
Tie Einrichtung des Raumes war natürlich nur sehr 
einfach und bestand in einem Schrank, einem Waschtisch, 
Bett und dem Korbe des Mädchens. Außerdem waren ein 
paar schlecht gedruckte Bilder au die Wand genagelt, neben 
Photographien in billigen Holzrahme», die kein glänzendes 
Zeugnis für den Lebenswandel des Mädchens ablegten — 
zumeist waren es Soldaten in Uniform, deren Konterfei hier 
hing- 
Peretori deutete stumm auf dcu Schrank, während er 
selbst daran ging, den unverschlossenen Korb zu durchsuchen. 
Lcchinere verstand die Aufforderung und machte sich seiner 
seits daran, in dem Schrank nach den Dokumenten zu 
forschen. 
Es mußte natürlich sehr schnell gehen, denn in jedem 
Augenblick konnte ja jemand kommen. Lechmere war denn 
auch mit seiner Musterung rasch zu Ende; in dem Schrank 
waren die Schriftstücke sicherlich nicht verborgen. 
Aber auch das Forschen in dein Korbe blieb ergebnislos,, 
ebenso eine Turchstöbernug der Waschtisch-Schublade». Annettes 
schien die Papiere au einem anderen Orte als in ihrer Kammer* 
verborgen zu haben. 
Lechmere und der Prinz hatten die Sachen kaum wieder 
notdürftig in Ordnung gebracht, als sie die Schritte der 
Männer, die ihnen gefolgt waren, auf der Treppe hörten. 
Sie verließen eiligst die Kammer des Mädchens und gingen 
in die Bodenräume hinüber. 
Peretori schien plötzlich irgend einen Entschluß gefaßt zu 
haben. Er durchschritt rasch sämtliche Räume des Bodens 
und stand schließlich, ga -z wie er erwartet hatte, au einem 
zweiten Ausgang, der ans eine Hintertreppe hinausführte. 
Vorsichtig öitucte er diese Tür und lauschte hinunter, 
ob sich hier vielleicht jemand aushielte. Als alles still blieb, 
winkle er Lechmere zu sich heran und flüsterte ihm lächelnd zu: 
„Wir wolle» dcu Spaß noch ein wenig weiter treiben. 
Jetzt machen wir ein furchtbares Gcschreh rufen „Haltet den 
Dieb!" und so weiter und poltern, daun möglichst lärmend 
hier die Treppe hinunter. Wenn dann die andern stimmen, 
erklären wir ihnen, wir hätten den Einbrecher hier gesunden, 
er habe sich aber über die Hintertreppe ans dem Staube 
gemacht." 
Lechmere ging bereitwillig auf seinen Plan ein. Sic 
erhoben gle chzeitig ein süichterlichcs Geschrei und liefen die 
Treppe hinunter, möglichst laut austretciid und dabei fort 
während rufend, daß man „den Dieb" halten solle. 
Unten an der Tür, die in einen kleinen Garten hinaus- 
siihrte, blieben sic dann rnhi»f stehen und envarteten bie. 
Ankunft der Diener. Natürlich waren ihre Rufe überall 
gehört worden und hatten die Alifreguiig noch vermehrt. 
Jetzt kamen die männlichen Dienstboten eiligst die Treppen 
hinunter, während sich die Mädchen vorsichtig int Hiiucc- 
grund hielten. 
„Wo ist er? — „Haben Sie ihn?" — „Na, den Keil 
woll n wi>!" schwirrte >s durcheinander. Peretori gebot mit 
einer majestätischen Handbewegnng Ruhe. 
„Sie sehen, daß wir ihn nicht haben," sagte er. „Wenn 
Sie nicht schneller kommen konnten, mußte uns ja der Kerl 
entwischen. Und wir konnten? bei der raschen Flucht nicht 
einmal deutlich erkennen, wie er aussah. Er rannte hier in 
den Garten; konnte er voll da aus auf die Straße ge- 
langen?" 
(Konie^ung ,o,gc.)
        
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