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Periodical volume Nr. 174, 27.07.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

nicht. Der Zweck ist, alles das fernzuhalten, was geeignet 
ist, die äußere Heilighaltimg des Feiertags zu stören und 
lediglich unter dieser Voraussetzung sind die im § 1 aufge 
führten Arbeiten verboten. Wenn auch nach 8 2 Absatz 4 die 
Arbeiten in den Zier- und Hausgärten während des Haupt- 
gottesdienstes im allgemeinen verboten sind. so wird doch 
während dieser Zeit das Verbot nicht angeordnet ans 
Arbeiten geringfügiger Art und insbesondere solche, mit 
denen kein störendes Geräusch verbunden ist. Die Inhaber 
von Haus- und Ziergärten dürften deshalb sehr wohl in der 
Lage sein, auch während der Stunden des Hanptgvttes- 
dienstes Beschäftigungen vorzunehmen, bei denen eine 
Störung der äußeren Heilighaltung des Feiertages aus 
geschlossen ist. 
o Olnniünsverbindnng Ringbahnhof—Wannsce- 
bahnhof. Wiederholt ist in den kommunalen Vereinen eine 
Omnibusverbindung quer durch Friedenau vom Ringbahnhof 
zum Wannseebahnhvf angeregt worden, doch die Sache ist 
bisher trotz Verhandlungen der Gemeindeverwaltung in dieser 
Richtung nicht zum Ziel gekommen. Kürzlich hat Herr 
I. Streit, Wiesbadener Straße, au die Omnibus-Compagnie 
Berlin die Anfrage gerichtet, ob es nicht möglich sei, die 
Omnibuslinie Rüdcshcimer Platz—Ringbahnhof bis zum 
Wannseebahnhof zu verlängern, da eine die Rhcinstraße 
kreuzende Verbindung ein wahres Bcdiirfnis (Das stimmt. 
Die Schriftl.) sei. Auf dieses Schreiben ist Herrn Streit 
folgendes Schreiben zugegangen: 
Sehr geehrter Herr! Wir empfingen Ihre werte Zuschrift und 
teile» Ihnen mit, das; wir eine Verlängerung der Lmnibuslinic Ring- 
bahnhof Wilmersdorf-Friedenau—Rüdesheimer Platz bereits vor 
längerer Zeit in Erwägung gezogen habe» und mit dem Gemeinde- 
vorstand Friedenau schon deswegen in Unterhandlung standen. 
Ohne Unterstützniig von Seiten der Gemeinde oder der Bezirks- üezw. 
Vcrkehsrvereine ist eS uns jedoch kaum möglich, das Projekt zur Aus 
führung zu bringen, denn das Risiko ist ein sehr großes. Sollten 
Sie durch irgendwelche Verbindungen dahin ivirken können, so 
niären wir Ihnen dankbar. Unser Vertrag mit der Tcrraingesellschast 
Cüdivcst läuft bis zum l. September d. I. Hochachtungsvoll 
Ou'inibus-Compagnie Berlin, Johs. Kniest & Eo. (gez.:) ppa. 
A. Wolansky. 
Die Verhandlungen scheiterten, wie wir hören, daran, 
daß die Oiunibus-Compagnic zu hohe Ansprüche stellte. 
o Baupolizei und .Kreisärzte. Mehrfach sind neue 
Gebäude auf ihre Bewohnbarkeit und alte Wohnungen auf 
gesuudheitsgefährdcnde Mängel für Privatleute amtlich unter 
sucht und begutachtet worden. Den Behörden der Baupolizei 
werden daun diese Gutachten in Verbindung mit Dispens- 
gesuchen oder sonstigen Antrügen vorgelegt. Die kreisärztlicheil 
Gutachten nehmen nicht immer auf die Vorschriften der 
geltenden Baupvlizeiverorduungen oder auf voraufgegaugeue 
Verhandlungen der Polizeibehörden Rücksicht. Für die Bau 
polizei entstehen so Schwierigkeiten. Der Minister des 
Innern weist deshalb jetzt die Kreisärzte darauf hin, daß 
sie amtliche Zeugnisse für Privatpersonen nur insoweit aus 
stellen dürfen, als dies zu ihren Dienstobliegenheiten oder 
zur vertrauensärztlichen Tätigkeit gehört. Dazu gehören 
aber nicht jene Gutachten. Privatpersonen, die den Kreisarzt 
um die Untersuchung einer Wohnung angehen, hat dieser 
au die zuständige Polizeibehörde zu verweisen. Die Polizei 
kaun ihrerseits auf den Auftrag von Privatpersonen den 
Kreisarzt um eine Begutachtung ersuchen und.die Kosten 
vorher sicherstellen. 
o Otto Scholz y. Eine im Fricdenauer Ortsteil von 
Schöneberg sehr bekannte und geachtete Persönlichkeit hat 
infolge Herzschlags gestern die Augen zum letzten Schlummer 
geschlossen. Kaufmann Otto Scholz, Beamter bei der 
Echöneberg-Friedenauer Terrain-Gesellschaft, ist in seiner 
Wohnung in der Rubeusstraße im Alter von 58 Jahren 
gestorben. Der Verstorbene war Kircheuverlreter in der 
Rathauaelgcmcinde, war eifriges Mitglied des Bczirksvereiu^ 
Südivcst, ivo er auch verschiedentlich Vorstandsämter be 
kleidete, gehörte derEiukvinmeusteuerovreiuschätzuugskommissiou 
in Schönebcrg au und bekleidete noch andere Ehrenämter. 
Sein biederer, ehrsamer Charakter hat ihm viele Freunde 
verschafft, die nun au seiner Bahre innig trauern. 
v Ein Hhpothekenamt in Wiesbaden. Die Ver 
handlungen über die Einrichtung eines Hypothekeuamtcs 
zwischen der Stadt Wiesbaden und der Nassauischeu Landes- 
bnuk sind beendigt. Rach dein Abkommen werden mit 
ersten Hypotheken beliehcu Wohn- und Geschäftshäuser bis 
zil 00 Proz. des Wertes, jedoch nicht höher als mit 
80j000 Mk.; der Zinsfuß betrügt 4 l / 4 Proz. Die Stadt 
Wiesbaden übernimmt die Garantie für die Hälfte des 
Wertes des bclichenen Grundstücks übersteigenden Betrag. 
Zwei Millionen stellt die Bank für erste Hypotheken zur 
Verfügung. Mit zweiten Hypotheken werden Wohngebäude 
und Gebäude mit teilweise gewerblichem Charakter bis 
87,5 Proz. des Wertes beliehen. Der Dahrlchusbctrag soll 
80 000 Mk. nicht übersteigen, vvu 00 Proz. des Wertes 
angerechnet. Ter Zinsfuß beträgt 5 Proz. Für zweite 
Hypotheken stellt die Landesbank eine Million Mark zur 
Verfügung. 
o Offiziöse Berichte für die Presse. Die Sitzungen 
der Stadtverordneten und Gemeindevertretuugeu sind be- 
kanutlich öffentlich, wenigstens was die nreisten der jciveilig 
zur Verhandlung stehenden Dinge betrifft, dagegen gibt es 
manchmal einige Veratungsgcgenstände, die in iiicht öffent 
licher Sitzung beraten werden. Ta nun gerade diese viel 
fach das Interesse der Oeffentlichkeit beanspruchen, hat die 
Stadtverwaltung in Offenbach a. At. die nachahmenswerte 
Einrichtung getroffen, über die nicht öffentlichcnSitzuugcn des 
Stadtverordnetcukollegiums und die Ausschüsse der Presse 
ständig offiziöse Berichte zuzustellen. 
o Ter Verein der Vororte Berlins, dem auch der hiesige 
Haus- und Grundbesitzer-Verein angehört, hält die nächste 
Wauderversammluug in Friedrichshagelt am 16. August ab. 
v Männer-Tnrnverein. Wie bereits früher mitgeteilt, 
unternimmt die Jünglings-Abteilung ihre diesjährige Nacht- 
turnfahrt am Sonnabend, dem 2. und Sonntag, dem 3. 
August. Sie fährt ab Stettiner Bahnhof Nachmittags 5.54 
nach Löwcnberg; von dort aus mit der Kleinbahn nach 
Liudow. , Daselbst Nachtguartier im Schützenhnus. Sonntag 
Morgen Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Lindoiv 
und längere Anderast am Lindower See. Dann Weiter 
fahrt nach Rheiusbcrg. Nach Besichtigung des prächtigen 
, Parkes, des Natur-Theaters usw. Weitcrmarsch über 
Zühlen, Bicncuwalde durch herrliche Buchenwalde und an 
idyllischen Seen vorüber nach All-Ruppiu, von hier aus 
Rückfahrt 8.30 nach Stettiner Bahnhof. — Treffpunkt 
5 1 / 2 Uhr am Stettiner Bahnhof. Mundvorrat, Lieder 
bücher, Badezeug, sowie der nötige Humor sind mitzubringen. 
Die Ausgabe der Rucksäcke erfolgt am Mittwoch auf dem 
Turnplatz. 
o Die Schicfiaffaire vor dem Reichsgericht kommt 
jetzt wieder in Erinnerung durch den Tod der Frau 
Grosser, die in Steglitz ihre Wohnung hatte. In einem 
Berliner Krankenhause ist Frau Martha Grosser, geb. Freiin 
von der Lippe, in großer Armut und unter großen Qualen 
verstorben, nachdem sie zwei Jahre hindurch in den kümmer 
lichsten Verhältnissen gelebt hatte. Frau Grossers Mann 
hat trotz ihrer flehentlichsten Bitten keinen Strafurlaub be 
kommen und hat sie nicht mehr sehen dürfen. Grosser hatte 
seinerzeit, wie berichtet, im Reichsgericht zu Leipzig den 
Protokollführer Straßburg erschossen und den Reichsgerichtsrat 
Männer schwer verletzt. Es handelte sich damals um eine 
Millioncuerbschaft bezüglich deren die Revision abgewiesen 
worden war. Infolgedessen geriet Frau Grosser in furcht 
barer Armut und Not, aus der sie jetzt durch den Tod er 
löst wurde. 
o Ein Schwindler spricht Damen auf der Straße an 
und erzählt ihnen mit weinerlicher Stimme und Tränen in 
den Augen, daß er Kaufmann sei, leider aber eine Stellung 
außerhalb Berlins nicht antreten könne, weil er kein Geld 
für die Reise habe. Er bringt auch alles so glaubwürdig 
vor, daß viele darauf hineinfallen. Eine Dame, die den 
Schwindler beobachtete, sah, wie er auf der Straße noch 
mehrere andere Frauen anbettelte, versäumte aber, ihn fest 
nehmen zu lassen. Jetzt fahndet die Kriminalpolizei ans 
ihn. Ter Gesuchte ist ungefähr 40—45 Jahre alt, etwa 
1,00—1,05 Meter groß und korpulent, hat ein frisches, 
rundes Gesicht und einen mittelstarken Schnurrbart und trug 
einen dunklen Nockanzug, einen kleinen, schwarzen, steifen 
Hut und schwarze Schnürschuhe. 
v Die Schwindlerin in Schwesterntracht. Vor einer 
Sammlerin in Schwesterntracht, die seit einiger Zeit in den 
Häusern einsammelt und vorgibt, im Aufträge der Inneren 
Mission zu kommen, sei gewarnt. Sie hat weder mit dem 
Hauptvercin für Innere Mission noch mit der Stadtmission 
etwas zu tun. 
o Trotz aller Warnungen! Von einer in voller Fahrt 
befindlichen Elektrischen der Linie 00 sprang gestern Nach 
mittag vor dem Hause Hauptstr. 80 eine Dame, die über 
das Ziel hinausgefahren war, ab. Die Unvorsichtige schlug 
laug hin, kam aber zum Glück noch mit geringfügigen Ver 
letzungen (Hautabschürfungen) davon. 
o Mit dein Liebhaber ans Reisen. Unter dieser 
Spitzmarke brachten wir in Nr. 101 vom 11. Juli d. Js. 
die Nachricht, daß ein Dienstmädchen Käthe Trcnkmann aus 
Lichtcrfelde mit einem gewissen Baudoy aus Friedenall das 
Weite gesucht hätte. Es muß hier eine Namensverwechslung 
in der Person des Liebhabers vorliegen. Herr Baudoy, ein 
älterer ehrenwerter Herr, der hier in Friedenau wohnt, hat 
dem Mädchen s. Zt. nur die Stellung in Lichterfcldc ver 
mittelt. Ihr Liebhaber ist ein junger Mann aus Hamburg. 
Scköneberg 
— o Gegen Mitternacht fuhr der Kraftwagen I A 0405, 
in dem der Oberleutnant a. D. W. Kraatzer aus Schöueberg 
und der Ingenieur F. Hanel aus Schlachtensee saßen, über 
mäßig schnell über den Königsplatz und rannte beim Ein 
biegen in die Friedensallee gegen einen Baum. Hanel 
wurde aus dem Wagen geschleudert und erlitt einen doppelten 
Bruch des linken Unterschenkels. Er fand Aufnahme in 
der Charitee. 
Nerlm unck Vororte 
8o In der Uniform eines Postillons verübte in der 
Nacht zu gestern ein noch unbekannter Manu in Neukölln 
Zwei Raubanfälle. Als die Bcamtcnwitwe W. aus der 
Anzeugruberstr. 12 mit ihrer 18 Jahre alten Tochter Else 
gegen 131/2 Uhr von einem Konzertbesuch heimkehrte, wurde 
sie an der Haustür von einem Radfahrer in Pvstunifvrm 
angehalten. Der Bursche schlug dem jungen Mädchen mit 
den Fäusten auf den Kopf, so daß cs zu Boden fiel, und 
versuchte ihm daun die Handtasche zu entreißen. Die Ueber- 
fallcne warf diese jedoch der Mutter zu, die vor Schreck in 
Ohnmacht gefallen war. Die Hilferufe der Tochter waren 
von einem Mitbewohner des Hauses gehört worden, der 
sofort hinzueilte. Jetzt ließ der Räuber von seinem Opfer 
ab, schwang sich ivieder auf sein Rad und entkam in der 
Dunkelheit. Eine halbe Stunde später wollte die Witwe 
K., die ebenfalls in dem Konzert war, ihre Wohnung auf 
suchen. Als sie bereits den Hausflur betreten und die Tür 
von innen schließen wollte, wurde diese aufgerissen. Es war 
derselbe Räuber, der jetzt der alten Dame an die Kehle 
sprang, sie am Halse würgte und versuchte, ihr die Hand 
tasche zu entreißen. Die kleberfallenc wehrte sich aber aus 
Leibeskräften, schlug auf den Räuber ein und muß ihn ivohl 
auch verletzt haben. Auf ihre Hilferufe eilten ebenfalls Haus 
bewohner herbei, doch entkam der Bursche auch diesmal auf 
seinem Rade. Der Neuköllner Kriminalpolizei gelang cs 
bisher noch nicht, eine Spur von dein Räuber zu finden. 
8» Joseph Kainz-Theater am kleinen Wannsee, Station 
Wannsee. Der wolkeubruchartige Regen hat die Proben 
für „Sapho" vereitelt, und die Premiere ist deshalb erst 
am Sonnabend, den 3. August. Statt dessen wird am 
Sonnabend, den 20. und Montag, den 28. Juli „Iphigenie" 
wiederholt. Sonntag, der 27. Juli, ist für Vorstellungen 
bestimmt: Nachmittags 3 Uhr sind die „Hans Sachs-Spiele", 
abends 0 Uhr „Schneewittchen". — Vorbestellungen nimmt 
entgegen in Berlin: A. Wertheim, in Wannsee die Auskunftei 
am Bahnhof (Tel. 727) und die Theaterkasse (Tel. 723); 
für Vvlksvorstellungeu nur die Stellen in Wannsee. 
Gerichtliches 
0)o Tie Mängelrüge bei Lieferanten i>n Ausland. Jeder 
deutsche Kaufmann rechnet damit, daß die Abnehmer seiner Waren 
dieselben nach Empfang prüfen und daß bk Sendung als ge 
nehmigt gilt, wenn nicht bald nach ihrer Ankunft eine Beanstandung 
erfolgt. Daß dies aber nicht zutrifft, wenn die Ware cmem aus 
ländischen Käufer übersandt wird, lehrt ein Fall, den das Rclchs- 
aericht am 4. Februar 1018 entschieden hat. (Bcrgl. die Sammt. 
Bd. 81. S. 278 ff.) Im März 1910 halte die Beklagte eine in 
ländische Firma, an den Kläger in Stockholm gegen Dokumente, 
die bei einer Bank in Stockholm einzulösen ivaren, einen Popen 
gesalzene Häute zu 67 Pf. das Pfund fob Hamburg, amtliches 
Hamburger Gewicht, Kasse gegen Dokumente, verkauft. Die Ware 
wurde geliefert und bezahlt. Am 17. Mai stellte der ausländische 
Käufer, nachdem ihm gegenüber sein Abnehmer bereits am 80. 
Apri? die Ware bemänglet hatte, die Sendung zur Verfügung. 
Ferner erhob er Klage auf Rückerstatlung des Kaufpreises sowie 
auf Schadenersatz, ivcil die Verkäuferin schlecht geliefert habe. 
Gegenüber dieser Forderung wendete die Verkäuferin ein, daß die 
Mängelrüge gemäß 8 377 HGB. verspätet erfolgt sei. Das Lber- 
landcsgerickp erachtete diesen Einwand für durchgreifend. Es giiig 
dabei von der Ansicht aus, daß bei gegenseitigen Verträgen, zu 
denen auch der Kauf gehört, ein einheitliches Rechtsverhältnis be 
gründet werde. Deshalb könne nicht etwa für den Verkäufer 
deutsches uiid den Käufer schwedisches Recht gelten.^ Vielmehr 
unterwerfe sich der ausländische Käufer, der im Teutschen Reiche 
Waren kaufe, sofern der Verkäufer in Deutschland zu erfüllen 
habe, dem deutschen Recht. In Verfolgung dieses Gedankens war 
die Mängelrüge der schwedischen Firma als verspätet anzusehen 
und die Klage abzuiveisen. Das Reichsgerichts hat die Ent 
scheidung jedoch zu Gunsten des schwedischen Käufers abgeändert, 
weil das deutsche Recht, welches die sofortige Untersuchung der 
Ware vorschreibe, nicht anzuwenden sei. Es geht dabei von dein 
Satze aus, daß bei einem gegenseitigen Vertrage wie dem Kauf 
zwischen der Verpflichtung des Käufers und der deS Verkäufers 
unterschieden werden müsse, und daß mangels gegenteiliger Abrede 
für jede Verpflichtung ein besonderer Ersiillungsort, und wenn die 
Erfüllungsorte in verschiedenen Rcchtsgebicten lägen, auch ein be 
sonderes' Recht gelte. Hat also der Käufer den Vertrag im Aus 
land zu erfüllen, so gilt für seine Verpflichtung ausländisches Recht. 
Ein einheitliches Recht, wie es das Oberlandesgcricht annimmt, 
hält das Reichsgericht nur dann für anwendbar, wenn entweder 
im Vertrage das bei Streitfällen anzuwendende Recht ausdrücklich 
vereinbart' oder wenigstens ein gemeinsamer Erfüllungsort vcrab- 
redetworden ist. Wäre dies nicht der Fall, so müßten, sofern ein ein 
heitliches Recht angewendet werden soll, die räumlichen Beziehungen 
des derzeitigen Rechtsverhältnisses so verschiedenes Gewicht haben, 
daß die eine davon allen anderen gegenüber erkennbar den Aus 
schlag gebe. Wann diese Voraussetzung erfüllt sei, müßte »ach 
Lage des einzelnen Falles beurteilt werden. Das Reichsgericht 
beschränkt sich auf die negative Feststellung, daß sich z. B. die An 
nahme eines Einhcitsrechts nicht schon aus dem Grunde recht 
fertigen ließe, weil die Lieferungspslicht des Verkäufers gegenüber 
der Zahlungspslicht des Käufers die vcrwickeltcre fei und leichter 
zu Streitigkeiten Anlaß biete. Gänzlich ohne Bedeutung sei die 
Fob-KIansel, nach welcher die Frachtkosten bis Hamburg von der 
Verkäuferin zu tragen waren, und ebenso die Vereinbarung, daß 
für die Menge der Ware das in Hamburg ermittelte Gewicht maß 
gebend sein sollte. Tie einzige Bestimmung, die überhaupt in dem 
gegebenen Fall siir die rechtliche Beurteilung in Betracht kommen 
könnte, sei die Verabredung des Preises in Markwährnng. Doch 
ließe auch diese schon aus dem Grunde keine Rückschlüsse auf eine 
beabsichtigte abweichende Vereinbarung über das anzuwendende 
Recht zu, iveil die Preisbezeichnung auf den Erfüllungsort ohne 
Einfluß sei. Da die Pflicht zur rechtzeitigen Mängelrüge dem 
Käufen oblag, so kommt dafür nur der Erfüllungsort des Käufers 
und damit das daselbst für Mängelrügen geltende Recht zur An 
wendung. Findet sich in diesem z. B. der Satz, daß die Mängel 
rüge nicht unverzüglich z» erfolgen braucht, sondern jederzeit oder 
innerhalb einer bestimmten Frist geltend gemacht werden kann, so 
muß ihn der deutsche Verkäufer gegen sich gelten lassen und kann 
sich nicht etwa auf 8 377 HGÄ. berufen. Es empfiehlt sich daher 
bei Abschlüssen mit denr Ausland Bestimmungen über den Er 
füllungsort oder das anzuwendende Recht in Streitfällen zu ver 
einbaren oder sich wenigstens iiber das im Auslande geltende Recht 
zu unterrichten. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Geehrter Herr Redakteur! In der Freitagnummer Ihres Blattes 
veröffentlichen Sie eine Beschwerde bezw. einen Notschrei über die, 
milde ausgedrückt, Belästigungen, welche von der an der Lst- 
scile des Friedrich Wilhclmplatzes gelegenen Bedürfnisanstalt (Piffoir) 
ausgehen. Ich schließe mich dem Protest des Einsenders gegen 
diese „Zierde" durchaus an. Tenn ganz abgesehen davon, daß 
eine solche unmoderne und gänzlich veraltete Anstalt aus sanitären 
und ästhetischen Gründen überhaupt nicht in die Nähe eines Kinder 
spielplatzes und einer Kirche hingehört, halte ich eine zweite Rctirade 
auf obigen: Platz für völlig überflüssig, zumal ja das^nach modernen 
Prinzipien erbaute, an der Westseite gelegene Häuschen allen An 
sprüchen genügt und in jeder Hinsicht ausreicht. Ich bin der An 
sicht, daß man heutzutage derartige absolut notwendige Einrichtungen, 
wenn irgend möglich, nur unterirdisch bauen sollte, wie man cs 
jetzt in Berlin uiid Eharlottcnburg (Rcichskanzlerplatz re.) öfter be 
merken kann- Selbstverständlich werde ich mich sür baldige Be 
seitigung des oben erwähnten Mißstandcs verwenden. Dr. Schultz. 
Oie bunte Moche 
Plauderei für den „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 25. Juli 1613. 
Die Balkankonferenz in Berlin. — Ein neuer Millionenkrach. — 
Die letzten Anstrengungen des Eispalastes. — Ausverkauf beim 
Heiratsvermittler. — Frau von Schönebeck-Weber als Bcr- 
pcherungsbcamtin. — Bcrlin-Pricbus. 
Eine katzenjämmerliche Stimmung liegt über der Vier- 
millionenstadt. Selbst die erfreuliche Aussicht einer bald bevor 
stehenden Balkankonferenz in Berlin kann die Vorstimmung 
nicht bannen, die das scheußliche Wetter auf die Herzen aller 
Menschen legt. 
Hoffentlich findet die Konferenz noch in den Monarcn dieses 
glorreichen Sommers statt, damit die Bürger der deutschen 
Hauptstadt zu einer Zeit mit ihr beglückt werden, in der die 
sogenannte Saison noch schiäst. Jedenfalls werden wir uns mit 
genügend Insektenpulver zu bewaffnen haben, um die Abgesandtcir 
des Balkans gebührend begrüßen zu können. Es wird ein herz 
erquickender Anblick sein, wenn die Komitatschis in: Palais de 
Danse pürschen; wenn die Walis, oder wie die Kerle sonst heiße», 
in den Berliner Theatern nach Kunst schnüffeln, um dafür dann 
Varietegenüsse dritten Ranges vorgesetzt zu bekommen. 
Irgend ein Ende wird die Geschichte des europäische:: Kon 
zertes, das von den Kulturträgern und Hammcldieben des Balkans 
wieder gestört worden ist, ja wohl nehmen. Daß daS Finale in 
Berlin geblasen werden soll, ist bedauerlich, Aber das spielt bereits 
in das Gebiet der hohen Politik hinüber, deren Leiter bald mit 
Schillers Ferdinand in Reue rufen wird: „Unglückseliges Flölen- 
spicl, das nur nie hätte cinsallcn sollen!" 
Eine katzenjämmcrliche Stimmung liegt über der Aier- 
inilliouenstndt. 
In: Westen kracht cs an allen Enden. Nachdem der 
„Voarding-Palast" durch ein Begräbnis dritter Klasse nach unrühm 
licher Pleite zur Ruhe gekonnnen ist, folgt jetzt endlich auch der 
stolze Berliner Eispalast in der Lntherstraße auf diesem Weg 
ins Dunkle nach. 
Der Berliner Eispalast war eine glanzvolle 8-Millionen- 
Gründung, die mit dem in Berlin üblichen Spektakel ins Leben 
gerufen worden ist. Aber man konnte auch hier sicher voraussagen, 
daß auch diese hohen Säulen über Nacht bersten würden. 
Ein interessantes Satqrspiel, würdig den Gepflogenheiten 
Berlins, war es, wie man die hereinbrechende Dämmerung durch
        
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